Grabesdunkel und Grabesstill - Eberhard Weidner - E-Book

Grabesdunkel und Grabesstill E-Book

Eberhard Weidner

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Beschreibung

GRABESDUNKEL STEHT DER WALD Der Anruf der Ermittlerin von der Vermisstenstelle der Kripo München kommt für Cora Eichholz nicht nur völlig überraschend, sondern versetzt ihr einen regelrechten Schock. Ihr Mann Markus, der vor drei Monaten spurlos verschwand, ist wieder aufgetaucht. Er ist am Leben und wohlauf, hat allerdings das Gedächtnis verloren und die letzten Monate auf der Straße verbracht. Cora kann es zunächst nicht glauben. Schließlich war sie seit seinem Verschwinden der festen Überzeugung, dass Markus mausetot war und in einem Grab im Wald lag. Dennoch ist das Undenkbare nun geschehen. Handelt es sich überhaupt um Markus, oder ist der Mann nur ein Betrüger, der sich als ihr Ehemann ausgibt? Oder ist die ganze Sache in Wahrheit nur ein Täuschungsmanöver, weil die Polizei sie in eine Falle locken will? Cora versucht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Und dazu muss sie sich unter anderem mit ihrem Liebhaber Sascha in Verbindung setzen, der ihren Ehemann eigentlich in ihrem Auftrag ermorden und anschließend die Leiche beseitigen sollte … GRABESSTILL RUHT DER SEE Der Schriftsteller Magnus Nachtmann hat seit einem Jahr kein einziges Wort zu Papier gebracht. Seit dem Tag, an dem seine Ehefrau Antonia spurlos verschwand, leidet er unter einer Schreibblockade. Doch ausgerechnet am ersten Jahrestag ihres Verschwindens erhält er eine mysteriöse Postkarte ohne Text, deren Bild einen kleinen zugefrorenen See zeigt. Magnus kennt den See, denn er besitzt an seinem Ufer ein Ferienhaus. Doch wer hat ihm die Karte geschickt? Und zu welchem Zweck? Dass er sie ausgerechnet an dem Tag erhielt, als sich Antonias Verschwinden zum ersten Mal jährte, kann seiner Meinung nach kein Zufall sein. Also packt er seine Sachen und macht sich auf den Weg zum See, um dort mehr über den Absender und dessen Motive herauszufinden. Als er ankommt, stellt er fest, dass er, obwohl es mitten im Winter ist und ein Schneesturm bevorsteht, nicht allein dort ist. In einem anderen Ferienhaus lebt die Malerin Anna Lindquist. Hat sie etwas mit der geheimnisvollen Postkarte zu tun? Und welche Rolle spielt der angebliche Naturliebhaber Benedikt Tannenberger, der mit seinem Schäferhund und einem Fernglas durch die Gegend streift und Magnus vom ersten Augenblick an verdächtig vorkommt. Die ganze Angelegenheit wird noch mysteriöser, als eine Leiche gefunden wird. Schließlich bricht der Schneesturm los, und Magnus erfährt endlich, wer hinter der Postkarte steckt … Überarbeitete Neuauflage.

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Inhaltsverzeichnis

 

COVER

TITEL

 

GRABESDUNKEL STEHT DER WALD

PROLOG

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

EPILOG

 

GRABESSTILL RUHT DER SEE

PROLOG

Mittwoch, 2. Dezember

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Donnerstag, 3. Dezember

Kapitel 6

Kapitel 7

Freitag, 4. Dezember

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Samstag, 5. Dezember

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Sonntag, 6. Dezember

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

EPILOG

 

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

PROLOG

IMPRESSUM

PROLOG

 

 

Der Ort war für eine Grabstätte hervorragend geeignet. Er lag in einem der am dichtesten mit hohen Fichten bewachsenen Teile des Waldes, abseits aller Straßen, Wege und Pfade, sodass sich vermutlich nicht einmal dann jemand hierher verirrte, wenn er sich verlaufen hatte.

Die große breitschultrige Gestalt, die im Schein des hoch am Nachthimmel stehenden, nahezu kreisrunden Mondes die Schaufel schwang und das Grab aushob, hatte gleichwohl keinerlei Schwierigkeiten gehabt, bis hierher vorzudringen, obwohl sie neben dem Grabwerkzeug auch noch eine andere Last zu schleppen gehabt hatte, die in der Länge ein Meter achtzig maß und fünfundachtzig Kilo auf die Waage brachte. Doch wo ein Wille war, da war bekanntlich auch immer ein Weg. Und so hatte der Grabende weder Aufwand noch Mühe gescheut, um die Leiche an diesen Ort zu schaffen.

Er schnaufte mittlerweile schwer, während er in gleichmäßigem Tempo Schaufel um Schaufel des dunklen Waldbodens abtrug und neben der beständig tiefer werdenden Grube auf den rasch anwachsenden Erdhaufen kippte. Obwohl er wegen der anstrengenden Tätigkeit bereits ins Schwitzen gekommen war, hatte er weder den schwarzen Kapuzenpulli ausgezogen noch die Kapuze vom Kopf gestreift. Dabei war die Gefahr, dass ihn um diese Uhrzeit kurz nach Mitternacht und an diesem abgelegenen, menschenverlassenen Ort jemand sah, geradezu verschwindend gering. Dennoch wollte er nicht das geringste Risiko eingehen, denn der Preis, den er zu zahlen hätte, wenn er und das, was er getan hatte, entdeckt würden, war einfach zu hoch.

Während der überwiegende Teil dieses Waldstücks in mitternächtliche Dunkelheit gehüllt war, schien der Mond an mehreren Stellen durch Lücken im Geäst der Bäume und schuf dadurch eine geradezu märchenhafte, gespenstische Atmosphäre, die der selbsternannte Totengräber allerdings nicht zur Kenntnis nahm, da er sich vollständig auf seine Tätigkeit konzentrierte. Nur ab und zu hielt er kurz inne, hob den kapuzenbewehrten Kopf und lauschte auf verdächtige Geräusche, die in der Stille der Nacht weit zu hören waren. Doch außer seinen eigenen keuchenden Atemzügen und dem raschen Schlag seines Herzens, der ihm so laut vorkam, als müsste er im ganzen Wald zu hören sein, herrschte unwirkliche Stille. Nicht einmal die natürlichen Geräusche des nächtlichen Waldes waren zu hören, da es absolut windstill war und sämtliche Tiere in der näheren Umgebung vor Schreck erstarrt und verstummt zu sein schienen, als wären sie empört über den Frevel, den der zweibeinige Eindringling in ihrem Wald beging, und hielten unwillkürlich die Luft an.

Eine der größeren Lücken im Geäst befand sich genau über der Grabgrube, sodass der Mond den Grabenden und sein Vorankommen in kaltes, fahles Licht tauchte. Die Bäume hatten an dieser Stelle aus unerfindlichen Gründen eine kleine natürliche Lichtung geschaffen, die im Durchmesser zwar gerade einmal acht Meter maß, für die Person mit der Schaufel aber dennoch einen Glücksfall darstellte. Denn so hatte sie ausreichend Platz für ihr Vorhaben und musste nicht mit den Wurzeln der Bäume kämpfen, die sie wie ein Kreis stummer und missbilligender Wächter umstanden.

Der von einer zentimeterdicken Schicht aus Fichtennadeln bedeckte Waldboden war an dieser Stelle locker genug und bot dem kräftig geführten Schaufelblatt nur wenig Widerstand, sodass die Grube rasch tiefer wurde, während der Berg aus ausgehobener Erde daneben immer mehr anwuchs.

Schließlich hielt die Person, die neben dem Kapuzenpulli eine schwarze Jeans und schwarze Lederstiefel trug, schwer atmend inne, begutachtete das ausgehobene Erdloch, in dem sie stand, und nickte zufrieden. Sie stützte sich auf den Schaufelgriff und atmete mehrmals tief durch. Während sie darauf wartete, dass sich ihre Atmung und ihr Herzschlag wieder beruhigten, sah sie sich in alle Richtungen um, konnte jedoch nichts entdecken, was ihr Misstrauen erregt hätte. So wie es aussah, war sie noch immer mutterseelenallein an diesem Ort, der zum exklusiven Privatfriedhof für einen einzigen Menschen werden sollte, sodass seine Leiche nach Möglichkeit nie gefunden wurde.

Nachdem er schließlich wieder zu Atem gekommen war, wischte sich der Totengräber mit dem linken Ärmel die Schweißtropfen von der Stirn, bevor er leise ächzend aus dem Grab stieg, das etwa einen Meter tief war, was er unter den gegebenen Umständen aber durchaus für ausreichend erachtete. Er ließ die Schaufel einfach auf den Boden fallen, da der weiche Belag aus Kiefernnadeln den Aufprall dämpfte, sodass der Laut nur wenige Meter weit zu hören sein würde. Dann trat er zu der reglosen Gestalt, die unweit der Grube auf dem Waldboden lag.

Es handelte sich dabei um einen Mann mit einem schmalen Gesicht und einem komplett kahl geschorenen Kopf. Er war glatt rasiert und besaß ein markantes breites Kinn, das ihm einen energischen, durchsetzungsstarken Eindruck verlieh und von einer auffälligen Kinnspalte geteilt wurde. Er war schlank und machte einen durchtrainierten Eindruck, ohne dabei allerdings übermäßig muskulös zu sein. Auf seinen Handrücken wuchsen rotbraune Haare, die im Mondlicht wie das Fell eines exotischen Tieres aussahen.

Die Augen des Mannes waren geschlossen, sodass er den Eindruck erweckte, als schliefe er nur. Dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass keine äußerlich sichtbare Verletzung zu erkennen war. Seine Kleidung – eine hellblaue Jeans, ein schwarzer Rollkragenpullover und braune Bootsschuhe mit abgelaufenen Hacken – war zwar leicht verdreckt, was vor allem auf den beschwerlichen Transport an diesen Ort, zunächst im Kofferraum eines Wagens und dann auf der Schulter des Totengräbers, zurückzuführen war, ansonsten aber unbeschädigt.

Dennoch wusste die Person, die den Mann zunächst unter großen Mühen hierher transportiert und dann auch noch das Loch gegraben hatte, dass sein Opfer mausetot war und keinen Atemzug mehr tat, denn schließlich hatte sie es mit ihren eigenen Händen erwürgt. Und wenn sie sich auf eine Sache in dieser Welt hundertprozentig verlassen konnte, dann auf ihre großen Hände und die enorme Kraft, die in ihnen steckte. Die Würgemale am Hals ihres Opfers wurden allerdings gnädigerweise vom Kragen des Rollis verdeckt.

Der Totengräber riss sich aufseufzend vom Anblick des Mannes los, den er ermordet hatte. Dann ging er in die Knie, schob seine muskulösen Arme unter den Körper und hob ihn mühelos hoch. Er wandte sich um, ging zurück zur Grabgrube und stieg mitsamt seiner Last hinein. Obwohl er kein Mitleid oder Mitgefühl für sein Opfer empfand – weder, als er es getötet hatte, noch jetzt, da es tot war – widerstrebte es ihm dennoch, allzu grob mit der Leiche umzugehen. Deshalb ließ er sie auch nicht einfach zu Boden fallen wie einen Sack Zement, was der tote Mann ohnehin weder gespürt, noch übelgenommen hätte, sondern bückte sich und legte ihn geradezu behutsam auf den Boden der ausgehobenen Grube. Anschließend wandte er sich rasch ab und stieg wieder hinaus. Er hob die Schaufel vom Boden auf und warf einen letzten Blick auf sein Opfer.

Was er sah, ließ ihn unwillkürlich erschaudern, denn das fahle Licht des Mondes, das nun ungehindert auf den reglosen Körper fiel, ließ diesen aussehen, als würde er in einem unirdischen Licht von innen heraus erstrahlen. Gleichzeitig erweckte der Mann in der Grabgrube den Eindruck, als wäre er noch immer quicklebendig und würde sich jeden Moment bewegen und aufsetzen, um sich beispielsweise über eine fehlende Grabrede zu beschweren.

Die linke Hand der Person im Kapuzenpulli zuckte automatisch zur Brust, als wollte sie sich bekreuzigen – zweifellos ein hartnäckiges Überbleibsel einer katholischen Erziehung –, verharrte jedoch wieder, noch bevor sie mit dem Kreuzzeichen beginnen konnte, als ihr jäh bewusst wurde, was sie da tat. Stattdessen schüttelte sie nur den Kopf und unterdrückte jeden Laut des Entsetzens, das sie bei diesem widernatürlichen Anblick empfand. Schnell stieß sie das Schaufelblatt in den Erdhaufen neben der Grube und begann dann mit energischen, schon beinahe verzweifelt wirkenden Bewegungen damit, Erde auf den Körper zu schaufeln, um nicht nur dieses merkwürdige Schauspiel zu beenden, das der Mond mit dem Leichnam veranstaltete, sondern vor allem auch, um hier fertig zu werden und diesen gottverlassenen Ort endlich hinter sich lassen zu können.

Die Erde fiel auf den reglosen Körper im Grab. Zahlreiche Erdbröckchen kullerten herunter und häuften sich zu beiden Seiten an. Doch der größte Teil blieb auf dem Brustkorb, dem Bauch, dem Unterleib und den Beinen liegen.

Der Totengräber begann schon bald wieder, laut zu keuchen, während er unermüdlich schaufelte und keinen weiteren Blick für den Mann in der Grube vergeudete. Er verzichtete nun sogar darauf, ab und zu innezuhalten, um einen Blick auf seine Umgebung zu werfen und konzentriert zu lauschen, so wie er es noch beim Ausheben des Grabes getan hatte.

Als daher völlig unvermittelt ganz in der Nähe mit einem lauten Knacken, das die Stille des nächtlichen Waldes wie ein Axthieb spaltete, ein Ast zerbrach und als Reaktion darauf ein Kauz schrie, erstarrte er und sah sich mit ruckartigen Bewegungen in alle Richtungen um. Sein Keuchen war abrupt verstummt, als er die Luft anhielt, um besser lauschen und auch noch das leiseste Geräusch wahrnehmen zu können. Doch keiner der vorherigen Laute wiederholte sich. Und auch sonst war nichts zu hören oder zu sehen, das ihn glauben ließ, er wäre nicht länger allein an diesem Ort und es gäbe einen unliebsamen Zeugen seines Tuns.

Er kam deshalb rasch zu der Überzeugung, dass es sich beim Verursacher des Knackens um ein nachtaktives Tier gehandelt haben musste, das in diesem Wald heimisch war. Ein großes Tier zwar, wenn er von der Lautstärke des brechenden Astes auf dessen Größe schloss, nichtsdestotrotz aber nur ein Tier und deshalb kein Grund zur Beunruhigung.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, entspannte er sich, stieß die angehaltene Luft aus und atmete tief ein. Ein rascher Blick auf das flache Grab zeigte ihm, dass es schon fast vollständig gefüllt war. Von dem Mann, den er getötet hatte, war kaum noch etwas zu sehen. Vom Hals abwärts bis zu den Zehen war er bereits komplett von Erde bedeckt. Nicht einmal die Konturen seines Körpers waren darunter noch zu erahnen. Lediglich das Gesicht hatte er bislang noch ausgespart, als hätte er Hemmungen gehabt, Erde darauf zu schippen.

Er nahm daher rasch mehrere Schaufeln voller Erde und kippte sie auf das Gesicht des Opfers, bis es vollständig bedeckt war. Anschließend arbeitete er noch rascher, als es vor dem knackenden Ast der Fall gewesen war, als hätte dieser ihn zur Eile angetrieben, bis das Grab wenige Augenblicke später gefüllt und der Erdhaufen daneben vollständig abgetragen war.

Der Mond beschien die Grabstelle noch immer, doch nachdem sein Opfer nun unter der Erde lag und er es nicht mehr sehen musste, beunruhigte ihn das nicht länger. Im fahlen Licht war nur noch ein flacher Erdhügel zu erkennen, der sich über dem hier vergrabenen Körper erhob. Allerdings war noch immer deutlich zu sehen, dass hier gegraben worden war, da die Fichtennadelschicht fehlte. Deshalb bückte er sich und schob mit den Händen Fichtennadeln von den Seiten auf das frische Grab und verteilte sie dort, bis sie wieder eine durchgehende, makellose Schicht bildeten. Sie war zwar dort, wo sich das Grab befand, noch etwas feucht und daher dunkler als in der Umgebung, doch bis zum Sonnenaufgang war sie bestimmt getrocknet, sodass niemand vermuten würde, dass hier unlängst gegraben worden war, solange er nicht ausdrücklich danach suchte. Allerdings rechnete er ohnehin nicht damit, dass hier jemand zufällig vorbeikam.

Zufrieden mit seinem Werk richtete er sich schließlich auf und klopfte die Hände an seiner Hose ab. Dann nahm er die Schaufel, legte sie sich über die Schulter und machte sich auf den Rückweg zu seinem Wagen, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen.

Wozu auch? Sein Opfer war tot und begraben, und mehr hatte er nicht gewollt.

ERSTES KAPITEL

 

1

 

Als Cora Eichholz nach dem schnurlosen Telefon griff, um den Anruf entgegenzunehmen, hatte sie ein merkwürdiges Gefühl, so als ahnte sie bereits, dass dieser Anruf ihr Leben auf dramatische Weise verändern würde. Und das nicht unbedingt zum Besseren.

»Ja«, meldete sie sich deshalb in aller Knappheit und Vorsicht, ohne ihren Namen preiszugeben, und lauschte dann mit angehaltenem Atem, dass der Anrufer sprach und ihr mitteilte, wer er war und was er von ihr wollte.

»Spreche ich mit Frau Eichholz?« Es handelte sich um die Stimme einer Frau, die Cora zwar bekannt vorkam, der sie aber trotz intensiven Nachdenkens nicht sofort ein Gesicht zuordnen konnte.

»Ja. Und … und wer sind Sie?«

»Hier ist Kriminalhauptkommissarin Anja Spangenberg von der Vermisstenstelle der Kripo München.«

Schon beim dritten Wort, dem Dienstgrad der Anruferin, bekam die Stimme in Coras Bewusstsein endlich ein Gesicht, denn auch wenn sie die Stimme nicht gleich erkannt hatte, so blieb ihr die Frau, der sie gehörte, gleichwohl unvergesslich.

Anja Spangenberg war Ermittlerin im Kommissariat 14, der sogenannten Vermisstenstelle, und – wie der Name ihrer Abteilung sofort deutlich machte – für vermisste Personen zuständig. Cora schätzte sie altersmäßig auf Mitte bis Ende dreißig und größenmäßig auf ein Meter siebzig. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht mit hohen, markanten Wangenknochen und grünen Augen. Dazu eine schmale gerade Nase und einen um eine Winzigkeit zu breiten Mund mit schmalen Lippen. Ihr dunkelblondes Haar war kurz geschnitten und zerzaust. Als sie Cora vor drei Monaten besucht hatte, hatte sie eine enge, graue Jeans, ein langärmliges, weißes Shirt und schwarze Stiefeletten mit neun Zentimeter hohen, schmalen Absätzen getragen. Dazu eine Blousonjacke aus schwarzer Seide, um die Tatsache zu verbergen, dass sie darunter in einem Schulterholster eine Waffe trug.

Doch nicht deshalb war die Kriminalhauptkommissarin Cora so deutlich in Erinnerung geblieben, obwohl sie sich nur ein einziges Mal begegnet waren, sondern in erster Linie aus dem Grund, weil Anja Spangenberg nach Coras Ehemann Markus suchte, der beinahe auf den Tag genau vor drei Monaten von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden und seitdem nicht wieder aufgetaucht war.

»Frau Eichholz? Sind Sie noch dran?«

Cora stieß die Luft aus, die sie erneut angehalten hatte, ohne es überhaupt zu bemerken. »Natürlich bin ich noch dran!«, versetzte sie dann in einem aggressiveren Tonfall, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte.

Die Polizistin erwiderte nichts darauf und hüllte sich in Schweigen. Nicht einmal das Geräusch ihres Atmens war durch die Telefonverbindung zu hören. Zweifellos hatte sie von den Angehörigen der Vermissten, nach denen sie tagtäglich suchte, schon so manches zu hören bekommen und wusste daher auch damit umzugehen, ohne es den Leuten übelzunehmen, die oft unter enormem emotionalen Stress standen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen konnten.

»Entschuldigen Sie«, sagte Cora nach einem Moment des Schweigens und Nachdenkens. »Ich habe nur …« Sie verstummte, weil sie selbst nicht wusste, was sie eigentlich sagen wollte.

»… nicht mehr mit einem Anruf von der Vermisstenstelle gerechnet?«, vollendete Anja Spangenberg den Satz an ihrer Stelle.

Cora nickte. »Ja. Das wird es wohl sein.« Sie seufzte tief, bevor sie schließlich die alles entscheidenden Fragen stellte. »Weswegen rufen Sie an? Gibt es etwa … Neuigkeiten über meinen Mann?«

»Genau deswegen rufe ich Sie an. Es gibt tatsächlich Neuigkeiten.«

»Und um welche Neuigkeiten handelt es sich?«, fragte Cora zaghaft.

Entweder hatte die Polizistin die Angst in ihrer Stimme gehört, oder sie wusste aus Erfahrung, wie Angehörige in solchen Fällen reagierten, denn sie sagte: »Keine Angst, Frau Eichholz! Es handelt sich um gute Neuigkeiten.«

»G…g…gute Neuigkeiten?« Coras Stimme stotterte und zitterte, während sie die Worte ungläubig wiederholte.

»Ja. Eigentlich sind es sogar sehr gute Neuigkeiten, denn …« Die Ermittlerin machte eine kleine Pause, als wollte sie die Spannung steigern, bevor sie schließlich weitersprach: »… wir haben Ihren Mann gefunden.«

Cora glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, als hätte sich von einer Sekunde zur anderen eine Falltür unter ihr geöffnet. Das Gefühl, ins Leere zu stürzen, wurde geradezu übermächtig, noch dazu, weil ihre Knie gleichzeitig weich wurden, als bestünden sie aus Gummi. Sie musste sich an der Kommode festhalten, auf der das Ladegerät des schnurlosen Telefons stand, um nicht umzukippen und auf den Dielen aus gebürsteter Eiche zu landen, die den Boden des Hausflurs im Erdgeschoss bildeten.

»Gefunden?«, echote sie tonlos, um nach einer kurzen Pause, in der sie so vehement nach Luft schnappte, als wäre sie am Ersticken, hinzuzufügen: »Sie meinen, er ist … tot?«

Anja Spangenberg antwortete nicht sofort, als wäre sie von Coras Reaktion enttäuscht. »Ich sagte doch, dass es sehr gute Neuigkeiten sind«, erwiderte sie dann. »Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt!«

 

2

 

Cora hatte nicht länger das Gefühl, jemand zöge ihr den Boden unter den Füßen weg und sie würde in einen tiefen Abgrund stürzen. Stattdessen drehte sich plötzlich alles um sie herum im Kreis, als säße sie in einem Karussell. Außerdem klopfte das Herz in ihrer Brust so schnell und heftig, als mobilisierte es noch einmal seine letzten Kräfte, bevor es für immer seinen Dienst einstellte. Der Schweiß brach ihr aus und ihre Sicht verschwamm, während sie gegen heftigen Schwindel ankämpfen musste und hinter ihrer Stirn ein stechender Schmerz heranwuchs.

Das ist entweder ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall … oder beides zugleich, durchfuhr es sie panisch, während die letzten Worte der Polizistin noch immer wie das Läuten einer Totenglocke durch ihren Verstand hallten.

Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt! Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt! Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt! Er lebt! Er lebt! Er …

Hör sofort damit auf!, gellte ihre innere Stimme durch ihren Verstand und übertönte mühelos die Litanei. Doch sie meinte damit nicht nur die sinnlose Wiederholung dessen, was die Kriminalhauptkommissarin gesagt hatte, sondern auch ihre körperlichen Reaktionen darauf.

Und tatsächlich, ihr Körper gehorchte dem mentalen Befehl. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, ihre Sicht klärte sich, und das heftige Schwindelgefühl verschwand. Nur der Kopfschmerz widersetzte sich hartnäckig ihrer Anweisung und wurde sogar jeden Augenblick stärker.

Als ihr bewusst wurde, dass sie nicht an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben würde, zumindest nicht an Ort und Stelle, wich auch ihre Angst, und sie bemühte sich, mehrmals tief und gleichmäßig durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen.

Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt!

Sie konnte es noch immer nicht glauben, dass Anja Spangenberg diese Worte tatsächlich ausgesprochen hatte. Doch da sie sich gewissermaßen in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten, musste es tatsächlich so gewesen sein. Dennoch konnte sie es nicht fassen.

Vielleicht ist das alles nur ein Irrtum.

Nachdem sie sich wieder einigermaßen von dem Schock erholt hatte, wurde ihr bewusst, dass sie noch immer im Flur stand. Die Fingernägel ihrer linken Hand hatten sich in die Oberfläche der Kommode gebohrt und kleine Halbmonde im Holz hinterlassen, so fest hatte sie sich dort festgekrallt, um nicht umzufallen. Und ihre andere Hand hielt noch immer das Telefon umklammert – so fest, dass das Plastikgehäuse bereits unter der Belastung knirschte – und presste es gegen ihr Ohr, das sich so heiß anfühlte, als hätte sie eine Serie heftiger Ohrfeigen verpasst bekommen. Sie nahm ihre Hand von der Kommode und lockerte den Griff ums Telefon, bevor sie bemerkte, dass eine Stimme aus dem handlichen Gerät kam und zu ihr sprach.

»Warten Sie«, sagte sie und unterbrach die Stimme mitten in einem Satz, den sie weder bewusst gehört noch verstanden hatte. »Können Sie das bitte noch einmal wiederholen. Ich … Tut mir leid, aber ich habe nicht zugehört.«

Die Polizistin am anderen Ende der Leitung seufzte, allerdings nicht aus Verärgerung, sondern aus Mitgefühl. »Kein Problem, Frau Eichholz. Ich verstehe ja, dass diese Nachricht ein Schock für Sie sein muss. Ein positiver Schock zwar, aber dennoch eine schockierende Nachricht, weil Sie sich vermutlich mittlerweile zwangsläufig auch mit dem Gedanken beschäftigt haben, dass Ihr Mann tot sein könnte. Immerhin war er drei Monate lang spurlos verschwunden, und wir alle mussten mit dem Schlimmsten rechnen.«

»Ja. Genauso ist es.« Cora wusste nicht, was sie sonst darauf erwidern sollte, spürte allerdings aufgrund der erwartungsvollen Stille in der Leitung, dass die Beamtin eine bestimmte Reaktion von ihr erwartete. Sie durchstöberte ihr Gehirn, das plötzlich wie leer gefegt war, nach den passenden Worten, und wurde endlich fündig. »Wo … wo haben Sie … ihn eigentlich gefunden?«

»In Regensburg.«

»In Regensburg?« Wenn die Kommissarin gesagt hätte, Markus wäre auf dem Mond wieder aufgetaucht, hätte Cora vermutlich weniger verblüfft reagiert, denn Regensburg war gerade einmal 125 Kilometer von München und damit nur anderthalb Stunden entfernt.

»Ja. Er wurde in einem Discounter beim Diebstahl erwischt. Da er keine Angaben zu seiner Person machen wollte, wurde er der dortigen Polizei übergeben. Die Kollegen bemühten sich, herauszufinden, wer er ist, und stießen im Zuge ihrer Ermittlungen auf die Vermisstenanzeige.«

»Und wie geht es ihm?«

»Er ist gesund und unverletzt. Allerdings etwas verwahrlost, als hätte er die letzten drei Monate auf der Straße gelebt.«

»Aber …« Cora stockte und schluckte, bevor sie weitersprach: »Aber wieso ist er nicht nach Hause gekommen?«

»Er sagt, dass er sich an nichts erinnern könne, was vor dem Zeitpunkt liege, als er drei Monate zuvor mitten im Wald zu sich kam.«

»Er kann sich an nichts erinnern?«

»Anscheinend hat er seine komplette Erinnerung verloren und kann sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern.«

»Und Sie sind sich dennoch hundertprozentig sicher, dass es sich um meinen Mann handelt?«, fragte Cora voller Argwohn. »Vielleicht ist es ja nur ein Betrüger, der sich für meinen Mann ausgibt.«

»Wieso sollte jemand so etwas tun?«, fragte Anja Spangenberg. »Im Übrigen hat er sich gar nicht als Ihr Mann ausgegeben. Als man ihm mitteilte, dass sein Name Markus Eichholz sein könnte, hat er nur mit der Schulter gezuckt und gesagt, das könne durchaus sein, er erinnere sich aber nicht daran.«

»Und wie kamen die Polizisten in Regensburg dann auf den Gedanken, dass es sich um meinen Mann handeln könnte?«

»Weil er, abgesehen von seinem verwahrlosten Äußeren, exakt der Beschreibung aus der Vermisstenmeldung entspricht. Sogar der größte Teil seiner Kleidung besteht aus Sachen, die Sie mir bei unserem ersten Gespräch beschrieben haben. Nachdem die Regensburger Kollegen dies festgestellt hatten, setzten sie sich umgehend mit mir in Verbindung. Natürlich war auch ich anfangs skeptisch, denn ich erlebe es oft genug, dass vermeintlich plötzlich wieder aufgetauchte Personen nur eine vage Ähnlichkeit mit den Vermissten besitzen und es sich bei ihnen in Wahrheit um jemand anderen handelt. Deshalb warte ich immer, bevor ich den Angehörigen die freudige Botschaft übermittle, bis ich mich selbst davon überzeugt habe und mir auch wirklich hundertprozentig sicher bin. Und in diesem Fall bin ich mir hundertprozentig sicher, denn die Kollegen schickten mir per E-Mail ein Foto des Mannes, das wir mit der Aufnahme verglichen, die ich von Ihnen erhalten habe. Und dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass die beiden Fotos ein und denselben Mann zeigen. Ich kann Ihnen die Aufnahme aus Regensburg per Mail schicken, dann können Sie sich selbst davon überzeugen.«

Cora musste nicht lange darüber nachdenken. Schließlich kannte niemand Markus besser als sie. Und falls es sich um einen Betrüger handelte, dann würde sie das sofort erkennen und der Polizistin mitteilen, noch ehe der Mann auch nur einen Fuß in ihr Haus setzen konnte.

Sie erklärte sich einverstanden und diktierte ihrer Gesprächspartnerin ihre E-Mail-Adresse, während sie mit dem Telefon am Ohr in ihr Arbeitszimmer im ersten Stock ging. Sie war noch immer etwas wacklig auf den Beinen, als hätte sie einen anstrengenden Marathonlauf hinter sich, fühlte sich ansonsten aber, abgesehen von den Kopfschmerzen, wieder gut. Den ersten Schock, der sie mit der Wucht eines Faustschlags getroffen hatte, hatte sie mittlerweile überwunden. Sie hatte nun wieder das Gefühl, sicher im Sattel zu sitzen und die Zügel in der Hand zu halten.

In ihrem Arbeitszimmer setzte sie sich hinter den Schreibtisch, klappte den Laptop auf und schaltete ihn an.

»Die E-Mail mit dem Foto als Anhang ist jetzt an Sie unterwegs«, meldete sich die Polizistin. »Es müsste jeden Moment bei Ihnen ankommen. Sehen Sie es sich genau und in aller Ruhe an und sagen Sie mir dann, ob es sich bei der abgebildeten Person Ihrer Ansicht nach um Ihren vermissten Mann handelt. Lassen Sie sich jedoch nicht von seinem verwahrlosten Äußeren irritieren.«

»Okay«, sagte Cora und starrte ungeduldig auf den schwarzen Bildschirm, weil der blöde Computer immer eine Ewigkeit brauchte, bis er hochgefahren war. Wurde allmählich Zeit, dass sie sich ein neueres und schnelleres Gerät zulegte. »Ich sehe es mir an und rufe Sie dann zurück.«

Sie achtete nicht auf das, was Anja Spangenberg noch sagte, sondern unterbrach die Verbindung kurzerhand und legte das Telefon neben dem Laptop auf den Schreibtisch. Sie wollte ungestört sein, wenn sie sich das Foto ansah und herauszufinden versuchte, ob es tatsächlich Markus war. Und auch wenn die Polizistin nicht körperlich, sondern nur als körperlose Stimme anwesend gewesen wäre, hätte sie das irritiert und abgelenkt.

Nachdem der Computer endlich hochgefahren war und die gewohnte Windows-7-Oberfläche zeigte, rief Cora ihr E-Mail-Programm auf, das nach Eingabe des korrekten Passwortes automatisch ihre Mails herunterlud. Sie sah, dass sie seit gestern mehrere Mails bekommen hatte; bei den meisten handelte es sich allerdings nur um unerwünschte Werbung. Dann entdeckte sie am Ende der Liste als Absendereintrag den Namen der Ermittlerin von der Vermisstenstelle.

Sie bewegte ihren Zeigefinger auf dem Touchpad und klicke die Mail an, die allerdings keinen Text, sondern nur eine Bilddatei als Anhang enthielt.

Coras Finger bewegte den Mauszeiger auf den Namen der angehängten Datei, verharrte dann jedoch regungslos.

Sollte sie sich das Bild tatsächlich ansehen? Vermutlich handelte es sich ohnehin nur um jemanden, der ihrem Ehemann halbwegs ähnlich sah und zufällig ähnliche Kleidung trug. Wieso ersparte sie es sich dann nicht gleich, einen Blick auf die Aufnahme zu werfen, rief die Polizistin an und teilte ihr mit, dass es sich nicht um ihren Mann, sondern um einen Betrüger handelte. Gleichzeitig verspürte sie jedoch auch den Zwang, sich vergewissern zu wollen, dass es tatsächlich nicht Markus war.

Also atmete sie noch einmal tief ein, bevor sie sich einen Ruck gab und die Datei anklickte.

Zuerst geschah ein paar Sekunden lang gar nichts, und Cora dachte schon, die Datei wäre fehlerhaft und könnte nicht geöffnet werden. Dann öffnete sich jedoch ein Bildbetrachtungsprogramm und begann damit, die Bilddatei zu laden und auf dem Bildschirm darzustellen.

Cora hielt unwillkürlich den Atem an, während sich die Aufnahme rasch Reihe für Reihe vor ihren Augen aufbaute, als würde sich ein Gespenst nach Beginn der Geisterstunde vor den Augen eines schreckhaften Schlossbesuchers materialisieren.

 

3

 

»Großer Gott, er ist es tatsächlich!«, flüsterte Cora, als hätte sie Angst, es laut und deutlich auszusprechen, noch ehe sie Gelegenheit gehabt hatte, das Foto genauer in Augenschein zu nehmen. Dennoch war sie sich absolut sicher, schließlich war sie mit diesem Mann seit über dreiundzwanzig Jahren – in guten wie in schlechten Zeiten – verheiratet.

Die Aufnahme zeigte einen Mann, der vor einer weißen Wand stand und mit ausdruckslosem Blick in die Kamera starrte. Er sah mindestens um fünf Jahre älter aus als die 51 Jahre, die er tatsächlich war, und um mehrere Zentimeter kleiner als die ein Meter achtzig, die er maß, als wäre er in den letzten drei Monaten nicht nur über alle Maßen gealtert, sondern auch geschrumpft. Außerdem schien er abgenommen zu haben und ein halbes Dutzend Kilo weniger zu wiegen als die 85 Kilo Körpergewicht, die er in den letzten Jahren permanent auf die Waage gebracht hatte. Aber das alles war im Grunde auch kein Wunder, wenn er die letzten neunzig Tage tatsächlich auf der Straße verbracht und von Almosen, Diebstählen und der Hand in den Mund gelebt hatte.

Denn trotz all dieser offensichtlichen Veränderungen war der Rest seiner äußeren Erscheinung unverkennbar, auch wenn der Schädel, den er sich schon seit vielen Jahren täglich rasierte, jetzt von einem Kranz kurzer rotblonder Haare umgeben war. Der kahl geschorene Schädel war immer sein Markenzeichen gewesen, neben dem breiten, jetzt unrasierten Kinn mit der ausgeprägten Kinnspalte und den grünen Augen, die einen in einem Moment so warm und liebevoll, im anderen aber auch so dominant und kalt ansehen konnten.

Er trug sogar noch immer dieselbe Kleidung, die er bei seinem Verschwinden angehabt haben musste: eine hellblaue Jeans, dazu einen schwarzen Rollkragenpullover und an den Füßen braune Boots-Schuhe von Timberland.

Cora fühlte sich unbehaglich unter seinem Blick, obwohl sie sich nur einem Foto gegenübersah und nicht dem wirklichen Menschen, und rutschte unruhig auf der Sitzfläche ihres Drehstuhls hin und her. Sie fragte sich, was diese Augen in den letzten drei Monaten gesehen hatten. Und ob das Gehirn ihres Mannes tatsächlich alles vergessen hatte, was vor seinem Verschwinden passiert war. Aber was hätte er davon, allen einen Gedächtnisverlust vorzuspielen? Und wieso hätte jemand wie er drei Monate lang auf der Straße leben sollen, wenn er nicht dazu gezwungen gewesen war.

Nein, Cora war überzeugt, dass der Verlust seiner Erinnerungen echt sein musste. Und zum ersten Mal, seit die Polizistin ihr mitgeteilt hatte, dass Markus noch lebte, erlaubte sie es sich, zu lächeln.

Vielleicht, so dachte sie, wird doch noch alles gut.

Der Gedanke an Anja Spangenberg erinnerte sie daran, dass sie der Ermittlerin versprochen hatte, sie zurückzurufen und ihr mitzuteilen, ob es sich bei dem in Regensburg aufgetauchten Mann tatsächlich um ihren Ehemann handelte. Cora warf einen Blick auf die Wanduhr und sah, dass sie geschlagene zwanzig Minuten vor dem Laptop gehockt und das Bild angestarrt haben musste. Es war ihr gar nicht so lang vorgekommen.

Sie nahm das Telefon und ließ es die Nummer des zuletzt eingegangenen Anrufs wählen.

»Spangenberg.«

»Er ist es!« Es waren nur drei kurze und einfache Worte, dennoch spürte Cora ihre enorme Tragweite und Bedeutung, als wögen sie Tonnen und würden wie Mühlsteine an ihr hängen und sie herunterziehen.

»Sind Sie sich auch wirklich hundertprozentig sicher?«, fragte die Polizistin nach, obwohl sie selbst bereits davon gesprochen hatte, dass sie davon überzeugt war, dass es sich tatsächlich um Coras Mann handelte.

»Ja, das bin ich. Es ist Markus, ohne jeden Zweifel.«

»Wie schön.« Cora konnte die Erleichterung und Freude der Ermittlerin aus diesen beiden Worten heraushören. »Es freut mich für Sie und natürlich auch für Ihren Mann, dass er nach all der Zeit doch noch unversehrt aufgetaucht ist.«

»Nun, nicht völlig unversehrt«, schränkte Cora ein. »Immerhin hat er das Gedächtnis verloren und erinnert sich vermutlich weder an sein früheres Leben noch an mich.«

»Das stimmt. Aber körperlich ist er zumindest unversehrt. Und Erinnerungen können unter Umständen irgendwann – mal früher, mal später – wieder zurückkommen.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Es dürfte vor allem davon abhängen, ob die Amnesie Ihres Mannes körperliche Ursachen hat – zum Beispiel aufgrund einer Schädigung des Gehirns – oder auf psychologische Gründe zurückzuführen ist – beispielsweise ein traumatisches Erlebnis. Sie sollten daher unbedingt einen Facharzt mit ihm aufsuchen. Aber auf jeden Fall dürfen Sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass er irgendwann wieder Zugang zu seinen Erinnerungen bekommt und wieder ganz der Alte wird.«

Cora erschauderte bei diesem Gedanken und schloss die Augen. Nicht auszudenken, wenn Anja Spangenberg recht behalten sollte. Sie war froh, dass die Beamtin sie in diesem Moment nicht sehen konnte. Dann seufzte sie, bevor sie sagte: »Sie haben recht, Frau Spangenberg. Ich darf die Hoffnung nicht aufgeben. Und wie geht es jetzt weiter?«

»Was meinen Sie damit?«

»Damit meine ich vor allem eins: Wann kommt mein Mann wieder nach Hause?«

»Ach so. Nun, im Augenblick ist er noch in Regensburg. Ich wollte erst mit Ihnen Rücksprache halten und auf Nummer sicher gehen, bevor ich seine Überstellung nach München veranlasse. Aber da es nun ja geklärt ist, dass es sich um Ihren Mann handelt, steht dem natürlich nichts mehr im Wege. Ich werde sofort bei den Kollegen anrufen und den Transport organisieren. Freuen Sie sich also, Frau Eichholz, denn spätestens heute Abend können Sie Ihren Mann wieder in die Arme schließen.«

 

4

 

Doch Cora war nicht danach, sich zu freuen.

Im Gegenteil! Sobald sie das Gespräch mit der Polizistin nach ein paar abschließenden belanglosen Worten und den formelhaften Abschiedsgrüßen beendet hatte, wurde ihr furchtbar schlecht.

Sie warf das Telefon achtlos auf die Schreibtischplatte und rannte ins Bad, das zum Glück direkt neben ihrem Arbeitszimmer lag, denn eine weitere Strecke hätte sie vermutlich nicht geschafft, ohne eine Sauerei zu verursachen. Sie konnte gerade noch den Klodeckel nach oben reißen, bevor sie sich laut würgend übergeben musste.

Da in ihrem Kopf ein ebenso heilloses Durcheinander herrschte wie in ihrem aufgewühlten Magen, wusste sie nicht mehr, was sie heute gefrühstückt hatte. Doch egal, was es auch gewesen war, sie gab alles in einem einzigen heißen und übel riechenden Schwall von sich, den sie sich lieber nicht genauer ansah, sondern rasch beseitigte, indem sie auf den Spülknopf drückte.

Anschließend ließ sie sich erschöpft neben der Toilettenschüssel zu Boden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badewanne. Ihre Übelkeit war verschwunden. Und auch das Chaos in ihrem Verstand lichtete sich allmählich, sodass sie wieder in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen.

Cora bewegte behutsam den Kopf hin und her, hinter dessen Stirn noch immer der Schmerz wütete, als die Gewissheit, dass Markus in wenigen Stunden nach Hause zurückkehren würde, allmählich in ihr Bewusstsein einsickerte und dort Wurzeln schlug. Obwohl es eine Tatsache war, konnte sie noch immer nicht glauben, dass er tatsächlich wieder aufgetaucht war, nachdem er vor drei Monaten von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden war, als hätte sich der Erdboden aufgetan und ihn verschluckt.

Und in der Tat sollte das, was gerade geschah, eigentlich absolut unmöglich sein, da ihr Mann tatsächlich vom Erdboden verschlungen worden war. Er sollte nämlich mausetot sein und in einem Grab mitten im Wald verrotten. Wie konnte er also unversehens drei Monate nach seinem Tod wieder auftauchen und bis auf den Komplettausfall seines Gedächtnisses wohlauf sein?

ZWEITES KAPITEL

 

1

 

Die Idee, ihren Mann umbringen und spurlos verschwinden zu lassen, war ihr vollkommen spontan zwei Wochen vor der Tat bei einem Treffen mit ihrem Geliebten gekommen.

Sascha Winkler arbeitete als Trainer in einem Fitnessstudio, war ein Meter neunzig groß und äußerst muskulös. Doch trotz all der Anabolika und anderen illegalen Muskelaufbaupräparate, die er in den letzten Jahren geschluckt hatte, um seinem Idol Arnold Schwarzenegger nachzueifern, war er von der Natur nicht nur mit einem Ehrfurcht gebietenden Geschlechtsorgan, sondern auch mit der Ausdauer eines Langstreckenläufers ausgestattet worden. Seine Defizite lagen eher im intellektuellen Bereich, denn unter der blonden Kurzhaarfrisur und zwischen den beiden großen, etwas abstehenden Ohren befand sich ein Gehirn, dessen IQ an guten Tagen allenfalls im oberen zweistelligen Bereich anzusiedeln war. Allerdings war er extrem zuverlässig, Cora treu ergeben und schweigsam. Eigenschaften, die seine Unzulänglichkeiten in ihren Augen mehr als ausglichen. Daher hatte Cora trotz seiner gedanklichen Trägheit letztendlich auch keinerlei Bedenken gehabt, ihn mit dem Mord an Markus zu beauftragen.

Doch daran hatte sie noch nicht einmal im Traum gedacht, als sie sich, wie so oft, seit sie sich acht Monate zuvor kennengelernt und ihre außereheliche Beziehung begonnen hatten, am späten Nachmittag in Saschas Wohnung zu einer schnellen Nummer trafen. Cora hatte wie immer nur wenig Zeit, weil sie noch das Abendessen zubereiten musste, bevor Markus von einem wichtigen Geschäftstermin nach Hause kam.

Der Sex war wie immer kurz, aber heftig gewesen, und Cora fühlte sich unmittelbar danach etwas erschöpft und wund, gleichzeitig aber auch in höchstem Maße ausgefüllt und befriedigt. Wie immer, wenn sie mit Sascha schlief, hatte sie das überwältigende Gefühl, viel lebendiger und präsenter als sonst zu sein. Denn obwohl Sascha nicht unbedingt die hellste Birne am Kronleuchter war, war er – zumindest was den Sex anging – sehr einfallsreich. Aber vielleicht kam es ihr auch nur so vor, weil der Geschlechtsakt mit ihrem Ehemann schon seit längerer Zeit eine eher langweilige und eintönige Angelegenheit war. Sofern sie überhaupt noch miteinander schliefen, was von Jahr zu Jahr immer seltener vorkam.

Während Cora schon wieder neben dem Bett stand und sich mit raschen Bewegungen anzog, lag Sascha noch immer auf dem Bett, wie der liebe Gott ihn unter großzügiger Zuhilfenahme anaboler Steroide erschaffen hatte, und sah ihr lächelnd zu.

Es war Ende Juni und schon sehr warm, doch nicht nur deshalb waren beide jetzt verschwitzt. Cora würde, sobald sie zu Hause war, erst einmal unter die Dusche springen, um neben dem Schweiß auch Saschas Geruch von ihrer Haut zu waschen. Aus diesem Grund beeilte sie sich auch mit dem Anziehen.

»Wir müssen uns unbedingt öfter und länger sehen«, sagte Sascha unvermittelt und seufzte, als Cora die Bluse schloss und ihm damit den Ausblick auf ihre großen, vollen Brüste verwehrte.

Obwohl Cora bereits siebenundvierzig Jahre alt und damit über zehn Jahre älter als der 35-jährige Bodybuilder war, war sie noch immer eine schöne und begehrenswerte Frau. Sie hatte schulterlanges und leicht gelocktes champagnerblondes Haar und ein ebenmäßiges, ovales Gesicht mit einer kleinen Stupsnase, von Natur aus vollen, glänzenden Lippen und großen, ausdrucksstarken blauen Augen. Mit ihrem schlanken Körper und ihrer Größe von eins vierundsechzig wirkte sie neben dem großen Fitnesstrainer allerdings zuweilen wie ein Kind an der Seite eines Erwachsenen.

Cora hörte auf, ihre Bluse zuzuknöpfen, hob den Kopf und sah Sascha nachdenklich an. Wenn sie ehrlich war, wollte sie bestimmt nicht den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Der Sex war zwar außergewöhnlich und genau das, was sie von Zeit zu Zeit dringend brauchte, um ihrem eintönigen und langweiligen Ehealltag zu entfliehen, doch zu einer echten Partnerschaft gehörte ihrer Meinung nach mehr als nur guter Sex. Und Sascha war nun einmal nicht der Typ, mit dem man mal eben tiefschürfende Gespräche über Politik, Bücher oder das Weltgeschehen führen konnte. Allerdings hätte auch sie nichts dagegen einzuwenden gehabt, sich öfter mit ihm zu treffen und mehr als nur die übliche halbe Stunde mit ihm zu verbringen.

»Und wie stellst du dir das vor?«, fragte sie und hob die Augenbrauen. »Du weißt doch, dass Markus die meiste Zeit zu Hause ist, sodass ich nicht einfach wegkann, wenn ich will. Und wenn er doch mal gelegentlich aus geschäftlichen Gründen wegmuss, was leider viel zu selten vorkommt, dann erfahre ich das immer erst kurz vorher und rufe dich so bald wie möglich an, um ein Treffen zu vereinbaren. Es ist so schon schwer genug, ohne dass Markus misstrauisch wird und uns irgendwann auf die Schliche kommt. Vor drei Wochen war er zum Beispiel schon wieder zu Hause, als ich von unserem Schäferstündchen zurückkam, und ich musste mir auf die Schnelle eine überzeugende Ausrede einfallen lassen, warum ich weg gewesen war.«

Sascha sah sie noch eine Weile mit ausdruckslosem Gesicht an, nachdem sie zu reden aufgehört hatte. Falls er irgendwelche Überlegungen anstellte, um eine Antwort auf ihre Frage zu finden, war ihm zumindest äußerlich nichts davon anzumerken. Dann zuckte er die Achseln und meinte: »Keine Ahnung. War ja auch nur so 'ne Idee.«

Cora seufzte und schüttelte den Kopf. Das war mal wieder typisch Sascha. Erst kam er mit irgendwelchen Ideen oder Vorstellungen, und wenn man ihn fragte, wie er sich das eigentlich vorstellte, dann lautete seine Antwort meist: »Keine Ahnung.«

Dennoch hatte seine Bemerkung etwas in ihr ausgelöst, denn sie konnte nicht wie sonst einfach zur Tagesordnung übergehen. Stattdessen begann sie plötzlich tatsächlich darüber nachzudenken, wie man Saschas Vorschlag in die Tat umsetzen könnte. Während sie sich ihre Gedanken machte, setzte sie sich mit dem Rücken zu Sascha auf den Bettrand.

»Was ist los?«, fragte er, und sie konnte deutlich seine Irritation heraushören. Dass sie von ihren üblichen Gepflogenheiten abwich, sich nach dem Sex rasch anzuziehen und zu verschwinden, schien ihn zu verwirren. Sie spürte seine bratpfannengroße Hand, als er von hinten unter ihre Bluse fasste und überraschend zärtlich ihren Rücken streichelte. »Willst du etwa, dass ich es dir noch einmal besorge?«

»Nein!«, sagte Cora energisch. »Und jetzt halt gefälligst für ein paar Minuten den Rand, damit ich in Ruhe nachdenken kann.«

»Wie du willst.« Er zog seine Hand zurück, weil er vermutlich beleidigt war. Doch das würde nicht lange anhalten, wie sie aus Erfahrung wusste. Aber wenigstens blieb er still, wie sie es verlangt hatte, sodass sie nachdenken konnte.

Obwohl Markus und sie nun schon mehr als dreiundzwanzig Jahre verheiratet waren, wusste Cora noch immer nicht, womit ihr Mann eigentlich sein Geld verdiente. Einerseits hatte es sie nie sonderlich interessiert, andererseits hatte er auch stets ein Geheimnis daraus gemacht. Anfangs hatte sie zwar noch gelegentlich nachgefragt. Doch nachdem er ihr stets geantwortet hatte, dass sie sich darüber nicht ihr hübsches Köpfchen zerbrechen müsste und er schließlich genug Geld nach Hause bringen würde, um ihr ein angenehmes Leben zu ermöglichen und all ihre Wünsche zu erfüllen, hatte sie aufgegeben und sich damit abgefunden. Wichtig war ihr ohnehin immer nur gewesen, dass er tatsächlich, so wie er es versprochen hatte, eine Menge Geld verdiente.

Und das tat er auch. Obwohl Cora über ihre finanzielle Situation nicht Bescheid wusste, weil sich Markus um alles Geldangelegenheiten kümmerte, vermutete sie, dass sie ziemlich vermögend waren. Immerhin besaßen sie ein Haus im noblen Herzogpark, eine der exklusivsten Wohngegenden, die zum im Nordwesten von München gelegenen Stadtteil Bogenhausen gehörte. Die Villa besaß 16 Zimmer und war gewiss mehrere Millionen wert. Außerdem hatten sie einen ganzen Fuhrpark exklusiver Autos. Während sich Cora mit einem weißen Porsche 911 Turbo S Cabriolet zufriedengab, den ihr Markus zum zwanzigsten Hochzeitstag geschenkt hatte, hatte er die Wahl zwischen einem Ferrari 488 GTB, einem Porsche 918 Spyder, einem Mercedes-AMG GT S Coupé und einem BMW i8. Daneben besaßen sie ein Haus mit Seezugang und Bootshaus am Comer See.

Markus hatte also sein Versprechen gehalten und ermöglichte ihr ein angenehmes Leben, denn mithilfe ihrer Kreditkarte konnte sie ohne Limit einkaufen, was sie wollte, ohne auf den Preis achten zu müssen.

Allerdings wusste sie nicht, wie er dieses Geld verdiente. Sie wusste lediglich, dass er freiberuflich tätig war und seine Geschäfte, worin auch immer diese bestanden, von zu Hause aus erledigte. Meistens, wenn sie ihn in seinem großzügigen Arbeitszimmer im Erdgeschoss besuchte, sprach er gerade mit irgendwelchen Leuten am Telefon, verstummte allerdings sofort, sobald sie anklopfte, um seinen Gesprächspartner zu vertrösten und Cora hereinzubitten. Oder er starrte so konzentriert auf den Computermonitor, dass sie Mühe hatte, ihn auf sich und ihr jeweiliges Anliegen aufmerksam zu machen. Nur gelegentlich, ein- bis zweimal in der Woche, verließ er zu höchst unterschiedlichen Zeiten das Haus, um einen wichtigen geschäftlichen Termin wahrzunehmen, und blieb dann zwei bis vier Stunden, ganz selten auch einmal über Nacht weg.

Cora nahm an, dass Markus' Tätigkeit mit dem Handel von Aktien zu tun hatte, denn wo sonst konnte man von zu Hause aus so viel Geld verdienen. Aber wie gesagt, es war ihr nie wichtig gewesen, genauer darüber Bescheid zu wissen, solange der Rubel weiterhin rollte und sie sich nicht einschränken musste.

Allerdings machte es ihr die Tatsache, dass Markus fast ständig zu Hause war und nur gelegentlich für wenige Stunden wegging, schwer, sich mit ihrem Liebhaber zu treffen. Da sie nicht vorhersehen konnte, wann Markus das Haus verließ, und es in der Regel erst kurz vorher erfuhr, konnte sie ihre Treffen mit Sascha nicht im Voraus planen, sondern musste flexibel sein. Und falls Sascha gerade keine Zeit hatte, weil er im Fitnessstudio arbeiten musste, dann ging es eben nicht. Und selbst wenn es klappte und sie sich bei ihm treffen konnten, musste es immer schnell gehen, weil sie nicht wusste, wie lange Markus heute wegbleiben würde.

So war es schon ein paarmal vorgekommen, dass sie noch unter der Dusche gestanden hatte, als er zurückgekommen war. Auf seine Frage, warum sie mitten am Tag duschte, hatte sie ihm vorgelogen, dass sie im Fitnessstudio gewesen wäre und keine Lust gehabt hätte, dort zu duschen. Und einmal war er schon da gewesen, als sie völlig verschwitzt heimgekommen war. Erneut hatte sie behauptet, sie wäre im Fitnessstudio gewesen und hätte im Anschluss sofort nach Hause gewollt, um zu sehen, ob er schon wieder zurück wäre. Cora hielt sich zwar für eine ausgezeichnete Lügnerin, hatte allerdings befürchtet, Markus könnte Saschas Geruch oder den Duft nach Sex an ihr riechen. Doch er hatte nichts davon bemerkt und sich gefreut, dass sie sogar im Fitnessstudio an ihn gedacht hatte. Anschließend hatte er ihr einen Kuss auf die verschwitzte Stirn gegeben, bevor er wieder in seinem Arbeitszimmer verschwunden war, um weiter seinen ertragreichen Geschäften nachzugehen.

Cora war klar, dass ihr außereheliches Verhältnis längst aufgeflogen wäre, wenn Markus nur ein wenig misstrauischer und aufmerksamer gewesen wäre. Doch er schöpfte trotz allem nicht den geringsten Verdacht, weil er sich vermutlich überhaupt nicht vorstellen konnte, dass seine Frau Verlangen nach einem anderen Mann haben könnte. Schließlich bot er ihr alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte. Sie lebte im Überfluss, musste sich keine Sorgen um ihr Wohlergehen und ihre Zukunft machen und nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, sondern konnte ihren eigenen Interessen nachgehen – in ihrem Fall neben dem Fitnesstraining die Malerei, die sie in einem eigenen Atelier im Dachgeschoss betrieb.

Dass eine Frau ein bisschen mehr als nur ein schönes Heim und Wohlstand haben wollte, schien ihm hingegen nie in den Sinn gekommen zu sein.

Kinder beispielsweise, doch davon hatte Markus von Anfang an nichts wissen wollen, und Cora hatte sich damit – wie mit vielen Dingen, über die sie hinweggesehen hatte – irgendwann abgefunden.

Oder tollen, die Sinne vernebelnden, manchmal auch harten Sex. Und an diesem Punkt war Sascha ins Spiel gekommen, der letztendlich auch den Anstoß für ihre jetzigen Überlegungen gegeben hatte, denn sie dachte noch immer darüber nach, wie sie mehr Zeit mit ihm verbringen konnte.

Doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte, ihr fiel keine Lösung ein. Denn wie sollte sie Markus dazu bringen, mehr Zeit außer Haus zu verbringen, oder ihm erklären, warum sie so oft und lange weg war? Es war im Grunde die Quadratur des Kreises und daher unmöglich.

Die einzige Möglichkeit, die ihr einfiel, bestand darin, ihn einfach umzubringen. Aber das war natürlich vollkommen absurd!

Aber ist es das tatsächlich?

Coras Überlegungen kamen an diesem Punkt abrupt zum Stillstand, als wäre ihr Verstand gegen ein Hindernis geprallt, denn es irritierte sie, dass sie den Gedanken, ihren Ehemann zu töten, nicht augenblicklich verworfen hatte, sondern sogar einen zweiten und dann auch noch einen dritten Gedanken daran verschwendete.

Schließlich hatte sie Markus noch nie zuvor den Tod gewünscht, noch nicht einmal dann, wenn sie richtig wütend auf ihn gewesen war. Schließlich war er ihr stets ein guter und – soweit sie wusste – treuer Ehemann gewesen. Er sorgte wie versprochen für sie, las ihr nahezu jeden Wunsch von den Augen ab und hatte sie noch nie geschlagen, ja, noch nicht einmal die Hand gegen sie oder die Stimme erhoben. Er war lediglich etwas zu dominant und bestimmte den Großteil ihres Lebens, aber damit konnte man leben.

Dennoch …

Die fixe Idee, ihn umzubringen, hatte sich bereits hartnäckig in ihr festgesetzt. Und sosehr sie sich auch einzureden versuchte, dass es absurd und falsch und gesetzeswidrig wäre, diesen Gedanken weiterzuspinnen, geschweige denn ihn auch noch in die Tat umzusetzen, schaffte sie es nun nicht mehr, ihn wieder loszuwerden. So wie der berühmte Zauberlehrling die Kräfte nicht mehr beherrschen konnte, die er in seiner Überheblichkeit entfesselt hatte, so konnte sie nun den Gedanken an einen Ehegattenmord nicht mehr in die Schublade zurücklegen, aus der sie ihn leichtfertig hervorgeholt hatte.

Und vielleicht soll es ja auch so sein.

Möglicherweise hatte sie schon länger unterbewusst mit diesem Gedanken gespielt, und Saschas Bemerkung war nur der Auslöser gewesen, der ihn in ihr bewusstes Denken katapultiert hatte. Denn obwohl sie alles hatte, wovon eine Frau nur träumen konnte, fühlte sie sich gleichwohl wie in einem goldenen Käfig eingesperrt und nicht richtig lebendig. Nur wenn sie mit Sascha zusammen war, fühlte sie sich voller Leben und wieder wie die alte Cora, die sie gewesen war, bevor sie Markus kennengelernt und geheiratet hatte.

Aber gab es denn gar keine Alternativen? Musste es wirklich unbedingt Mord sein?

Sie erwog natürlich auch eine Scheidung, doch diese legale Möglichkeit, eine Ehe zu beenden, war letztendlich auch nicht sehr überzeugend. Schließlich hatte sie dummerweise einen Ehevertrag unterschrieben und darin auf so ziemlich alle Ansprüche gegenüber ihrem Ehemann verzichtet. Nach einer Scheidung wäre es also definitiv vorbei mit dem Reichtum, dem Porsche und dem schönen Leben. Und dabei hatte sie sich sosehr daran gewöhnt, dass sie in Zukunft nur äußerst ungern darauf verzichten wollte. Also war Scheidung keine wirkliche Option.

Doch was blieb ihr dann?

Scheidung auf sizilianische Art?

Cora schüttelte den Kopf, als ihr klar wurde, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihren Ehemann zu ermorden, wenn sie endlich frei und nicht länger wie ein Vogel im goldenen Käfig sein wollte. Und der Gedanke an ihre Freiheit hatte sich bereits so hartnäckig in ihrem Denken festgesetzt, dass sie ihn nun nicht mehr so einfach abschütteln konnte.

»Ich weiß, wie wir uns öfter sehen können.«

»Was?«, fragte Sascha, der möglicherweise eingeschlafen war oder zumindest vor sich hin gedöst hatte, sodass er nicht mehr wusste, wovon sie vor wenigen Augenblicken noch geredet hatten. »Wovon sprichst du?«

Sie wandte den Kopf und sah ihn von Kopf bis Fuß an. Was sie sah, gefiel ihr ausgesprochen gut, und sie spürte, wie ihre sexuelle Erregung erneut erwachte. Doch als sie ihm ins Gesicht sah, das ihren Blick mit einem leicht belämmerten, begriffsstutzigen Ausdruck erwiderte, war sie sich nicht mehr sicher, ob Sascha überhaupt ein Teil ihres neuen Lebens sein würde, das beginnen sollte, sobald sie Markus aus dem Weg geschafft hatten.

Ihr wurde jäh bewusst, dass aus dem vagen Gedanken von vorhin mit einer Schnelligkeit, die sie selbst verblüffte, im Nullkommanichts ein festes Vorhaben geworden war. Und sie empfand dabei nicht einmal die geringsten Skrupel oder Gewissensbisse. Vermutlich hatte sie irgendwann während ihrer Ehe aufgehört, Markus gern zu haben, ohne dass es ihr selbst bewusst geworden war, sonst könnte sie jetzt nicht so kaltherzig darüber nachdenken, ihn um die Ecke zu bringen.

»Cora? Alles in Ordnung?«

Ihr wurde bewusst, dass sie Sascha angestarrt hatte, während ihr diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Sie nickte. »Keine Angst, mit mir ist alles in Ordnung.« Sie lächelte und fügte hinzu: »Mit mir ist sogar alles in bester Ordnung.«

»Was meintest du vorhin damit, dass du weißt, wie wir uns öfter sehen können?« Der Gedanke schien ihm zu gefallen, denn er sah sie erwartungsvoll an.

Sie lächelte noch immer, während sie Saschas fragenden Blick erwiderte. Doch es war ein unechtes Lächeln, das nur ihre Lippen krümmte, während ihre Augen dabei unbeteiligt und kalt blieben.

Cora sah, dass Sascha unter diesem Blick erschauderte und unwillkürlich nach der Decke griff, um seine Blöße zu bedecken. Der Mann würde zwar in ihrer Zukunft keine so große Rolle wie bisher spielen, doch momentan benötigte sie ihn noch, um ihren Plan, der allmählich Gestalt anzunehmen begann, in die Hand umsetzen zu können.

»Wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen wollen, dann erreichen wir das nur, indem wir Markus aus dem Weg räumen.«

 

2

 

»Aus dem Weg räumen?«, fragte er und machte ein Gesicht, das voller Fragezeichen war, während er sich unbewusst im Schritt kratzte. »Was meinst du damit, Cora?«

Was wohl, du Idiot?, hätte sie ihn am liebsten gefragt, doch sie widerstand dem Impuls und schluckte ihre gehässige Gegenfrage hinunter. Schließlich wäre es kontraproduktiv, ihn zu beleidigen, wenn sie ihn anschließend dazu bringen wollte, für sie einen Mord zu begehen.

»Denk doch mal nach!«, sagte sie also stattdessen. »Schließlich bist du nicht auf den Kopf gefallen, oder?«

Er freute sich über das ungewohnte Lob und grinste. »Das stimmt« Er verzog das Gesicht zu einer Miene höchster Konzentration, als er ihren Vorschlag befolgte und tatsächlich nachdachte. Plötzlich – es war der Moment, als bei ihm der Groschen fiel, und Cora glaubte sogar, den Aufprall der Münze hören zu können – riss er die Augen weit auf und sah sie an. »Du meinst doch nicht etwa, dass wir …« Er verstummte, bewegte aber weiterhin die Lippen, um den Rest des Satzes lautlos zu beenden, als fürchtete er, sie könnten belauscht werden.

Cora nickte. »Genau das meine ich.«

»Aber …«

Sie streckte die Hand aus und legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen, sodass er erneut – dieses Mal jedoch unfreiwillig – verstummte.

»Pst! Ich will jetzt kein Aber von dir hören! Ich will nur wissen, ob du dabei bist oder nicht.«

Er sah sie aus großen Augen an und schien erneut angestrengt nachzudenken. Als er allerdings wieder den Mund öffnen wollte, um etwas zu sagen, presste sie ihm mit Daumen und Zeigefinger die Lippen aufeinander.

»Es ist deine Entscheidung, Sascha. Wenn dir die Sache zu heikel, zu gefährlich oder auch nur zu schwer erscheint, dann ist das jetzt der richtige Zeitpunkt für dich, um es zu sagen und auszusteigen, noch bevor ich dir Einzelheiten meines Plans erzähle. Das wäre für mich kein Problem. Allerdings müsste ich mir dann jemand anderen suchen.« Seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen. Zweifellos hatte ihm ihre Drohung, sich an jemand anderen zu wenden und ihn in Zukunft außen vor zu lassen, einen gehörigen Schrecken eingejagt. Doch Cora ließ nicht los, denn sie war noch nicht fertig. »Wenn du allerdings dabei sein und gemeinsam mit mir diese Sache durchziehen willst, dann machst du von nun an genau das, was ich dir sage. Und außerdem gibt es von diesem Punkt an auch kein Zurück mehr. Hast du mich verstanden?« Sie ließ seine Lippen los und zog die Hand zurück.

Sascha schluckte, doch dann nickte er. »Ja«, sagte er, und sein Nicken wurde immer heftiger. »Ja. Ich hab verstanden.«

»Und? Wie entscheidest du dich nun?«

Er nickte noch immer wie ein überdrehtes, außer Kontrolle geratenes Aufziehspielzeug. »Ich bin natürlich dabei! Ich sagte doch, dass wir mehr Zeit verbringen sollten. Und wenn das nur auf diesem Weg möglich ist, dann ziehen wir das eben durch, verdammt noch mal.«

Cora lächelte, griff unter die Decke und streichelte sein Glied, das augenblicklich auf die Berührung reagierte und sich versteifte. »So gefällst du mir, mein Tiger.«

Er imitierte das Fauchen einer Raubkatze, auch wenn es eher wie ein asthmatischer Hamster klang, und wollte nach ihr greifen. Doch sie entzog sich dem Zugriff seiner riesigen Hände geschickt, stand auf und schloss die restlichen Knöpfe ihrer Bluse.

»Hey!«

»Dafür haben wir jetzt leider keine Zeit«, sagte sie mit einem bedauernden und gleichzeitig verheißungsvollen Blick. »Ich muss los, denn ich bin eh schon spät dran.«

»Und was ist mit deinem Plan, deinen Mann … Na, du weißt schon.«

Sie schlüpfte in ihre Schuhe und nahm ihre Prada-Handtasche vom Nachtschränkchen. »Ich erzähle dir von meinem Plan, sobald wir uns das nächste Mal sehen. Ich muss mir ohnehin erst noch ein paar Gedanken darüber machen.« Sie wackelte zum Abschied mit den Fingern, bevor sie sich abwandte und das Schlafzimmer verließ.

Sobald sie in ihrem Wagen saß und auf dem Weg nach Hause war, dachte sie darüber nach, wie sie ihr Vorhaben verwirklichen konnten, ohne all die dummen Fehler zu begehen, die so vielen anderen vor ihnen schon zum Verhängnis geworden waren. Schließlich wollte sie durch die Tat mehr Freiheit haben und nicht das Gegenteil erreichen und die nächsten Jahre im Gefängnis verbringen.

Doch sie musste sich gar nicht so viele Gedanken machen. Die Entscheidung, Markus umzubringen, die zunächst nur ein plötzlicher vager Einfall gewesen war, der sie im Grunde selbst überrascht hatte, war wie ein Same, der in ihrem lebhaften Verstand auf fruchtbaren Boden gefallen war und nun prächtig gedieh und heranreifte. Er wuchs mit geradezu phänomenaler Geschwindigkeit und entwickelte sich fast von allein zum vollständigen und ausgereiften Plan des perfekten Mordes. Denn der perfekteste Mord war in ihren Augen derjenige, den niemand als solchen erkannte.

Als sie fünfzehn Minuten später ihren Wagen in die große Garage neben dem Haus fuhr, wusste sie bereits ganz genau, wie sie Markus im wahrsten Sinne des Wortes vom Angesicht der Erde verschwinden lassen würden, sodass hinterher nicht der geringste Verdacht auf sie fiel.

Denn ohne Leiche auch kein Mord! Und ohne Mord keine Gefängnisstrafe!

 

3

 

Ihr Plan war einerseits höchst effektiv, andererseits aber auch bewusst einfach gehalten, da Cora der Ansicht war, dass einfache Pläne von Haus aus weniger Fehlerquellen beinhalteten. Je komplizierter und verzwickter ein Vorhaben war, desto eher übersah man etwas und machte einen unverzeihlichen Fehler. Außerdem mussten der Plan und insbesondere Saschas Beteiligung daran so einfach und schlicht gestaltet sein wie möglich, damit auch er problemlos damit zurechtkam. Schließlich war er der Hauptakteur, der die Drecksarbeit zu erledigen hatte, während sie sich dezent im Hintergrund hielt, um nicht in Verdacht zu geraten.

Das Wichtigste war für sie daher zunächst, dass sie sich ein wasserdichtes Alibi verschaffte, denn selbstverständlich würde nach Markus' Verschwinden der Verdacht sofort auf sie fallen. Deshalb beschloss sie, am übernächsten Wochenende für ein paar Tage zu ihren Eltern nach Norddeutschland zu fahren. Zufälligerweise feierte ihr Vater an diesem Sonntag seinen dreiundsiebzigsten Geburtstag. Normalerweise hätte sie nur ein sündteures Geschenk geschickt und kurz angerufen, da das Verhältnis zu ihren Eltern nicht das Allerbeste war. Doch nun kam ihr diese Gelegenheit wie gerufen, da es ihr einen triftigen und unverdächtigen Grund verschaffte, von hier wegzukommen, während Sascha seinen Löwenanteil an ihrem Plan verwirklichte.

»Warum kommst du nicht mit?«, fragte Cora ihren Mann, nachdem sie ihm vier Tage nach dem Treffen mit ihrem Geliebten beim gemeinsamen Abendessen mitgeteilt hatte, dass sie zum Geburtstag ihres Vaters fahren wollte. »Eine Pause würde dir auch mal guttun. Nicht immer nur in deinem Arbeitszimmer hocken und Geld verdienen.«

Seitdem sie sich dazu entschlossen hatte, ihn umzubringen, konnte sie es kaum erwarten, dass es endlich geschah. Dennoch verhielt sie sich ihm gegenüber wie immer und war überzeugt, dass sie ihre Sache gut machte und er keinen Verdacht schöpfte. Vermutlich war an ihr eine begnadete Schauspielerin verloren gegangen.

»Ich dachte, du magst das Geld, das ich verdiene.«

Seine Antwort versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Autsch! Hielt er sie etwa für geldgierig? Doch sie ließ sich nichts anmerken und lachte, als fände sie seine Bemerkung amüsant. »Sicher mag ich Geld, wer tut das nicht. Aber wir haben doch schon so viel.«

»Geld kann man nie genug haben«, sagte er und offenbarte damit, dass er mindestens ebenso geldgierig war, bevor er einen Schluck von dem sündhaft teuren Rotwein nahm, den er am liebsten trank.

»Das heißt dann wohl, dass du nicht mitfährst?«

Markus nickte. »Tut mir leid, Schatz, aber momentan kann ich hier beim besten Willen nicht weg. Es gibt ein paar wichtige geschäftliche Angelegenheiten, um die ich mich persönlich kümmern muss. Aber richte deinen Eltern schöne Grüße von mir aus.«

»Das mache ich natürlich, Schatz.«

Innerlich triumphierte Cora, denn das war genau die Antwort, die sie hatte hören wollen. Sie erwiderte sein Lächeln und sah einen todgeweihten Mann vor sich, der allerdings noch nicht ahnte, was auf ihn zukam. Sie forschte in ihrem Inneren, ob sie irgendwo ein Gefühl des Bedauerns oder der Trauer entdecken konnte, fand jedoch nichts. Deshalb fragte sie sich, ob sie ihn jemals wirklich gemocht oder sich nur eingeredet oder eingebildet hatte, sie würde es tun.

Doch dann zuckte sie nur mit den Schultern und griff nach ihrem gerührten Martini, denn letzten Endes war es ohnehin egal, weil sich diese Frage allerspätestens in zehn Tagen überhaupt nicht mehr stellte.

 

4

 

Eine Woche später verabschiedete sich Cora von Markus, nachdem er ihren Koffer im Porsche verstaut hatte.

»Fahr vorsichtig«, sagte er, umarmte sie und gab ihr einen Kuss.

Sie erwiderte den Kuss mit erheblich mehr Leidenschaft, als sie empfand, tröstete sich aber gleichzeitig mit dem Gedanken, dass es ohnehin das letzte Mal wäre, denn seit sie beschlossen hatte, ihn zu ermorden, erfüllte sie jede seiner Berührungen mit Ekel und Widerwillen. Doch erneut ließ sie sich nichts von ihren wahren Gefühlen anmerken und machte stattdessen gute Miene zum bösen Spiel.

»Mach ich«, sagte sie und befreite sich sanft aus seiner Umarmung. »Aber jetzt muss ich wirklich los, schließlich ist es eine lange Fahrt.«

»Mit dem Wagen schaffst du die Strecke im Nullkommanichts.« Er öffnete für sie die Fahrertür und ließ sie einsteigen. »Und die Strafzettel, die du bekommst, zahlen wir aus der Portokasse.«

Sie lachte und startete den Wagen, der mit einem satten Brummen ansprang. Das mit den Strafzetteln war eigentlich eine gute Idee, denn auf diese Weise konnte sie neben den Aussagen ihrer Eltern ihr Alibi erhärten. Wieso war sie nicht darauf gekommen? »Ich ruf dich an, wenn ich angekommen bin. Und was ist mit morgen Abend? Bist du da zu Hause?«