2,49 €
Terror am Schienenstrang! Immer wieder sabotieren Banditen die Arbeiten an der neuen Eisenbahnstrecke nach Silverton. Ein Materialzug stürzt in die Schlucht unter der Sage-Creek-Brücke. Der einzige Überlebende ist ein kleiner Junge, doch der verschwindet spurlos. Zwei weitere Züge werden überfallen und die Lohngelder für die Arbeiter der Eisenbahn geraubt. Colonel Jason Hagney, der Boss des Unternehmens, ist ratlos und verzweifelt. Er weiß keinen Ausweg mehr - bis plötzlich Lee Carpenter kommt, ein einsamer Kämpfer, ein Tiger im Sattel. Zufällig findet er den verschwundenen Jungen, und an diesem Tag beginnt für Carpenter ein erbitterter Kampf auf Leben und Tod ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
AUF DES MESSERS SCHNEIDE
Vorschau
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Terror am Schienenstrang! Immer wieder sabotieren Banditen die Arbeiten an der neuen Eisenbahnstrecke nach Silverton. Ein Materialzug stürzt in die Schlucht unter der Sage-Creek-Brücke. Der einzige Überlebende ist ein kleiner Junge, doch der verschwindet spurlos. Zwei weitere Züge werden überfallen und die Lohngelder für die Arbeiter der Eisenbahn geraubt.
Colonel Jason Hagney, der Boss des Unternehmens, ist ratlos und verzweifelt. Er weiß keinen Ausweg mehr – bis plötzlich Lee Carpenter kommt, ein einsamer Kämpfer, ein Tiger im Sattel. Zufällig findet er den verschwundenen Jungen, und an diesem Tag beginnt für Carpenter ein erbitterter Kampf auf Leben und Tod ...
Lee Carpenter kam von Westen aus dem Mesa-Verde-Gebiet, und der Staub auf seiner Kleidung verriet, dass er einen langen Ritt durch die Berge hinter sich hatte. Er ritt mit langgeschnallten Bügeln und eingesunkenen Schultern, während sein großer, starkknochiger Grauschimmel in stetigem Wolfstrott eine Meile nach der anderen hinter sich ließ, ohne eine Ermüdungserscheinung zu zeigen.
So kam Lee Carpenter gerade aus den Hügeln, als die Vormittagspost Kingman's Fort verließ und mit einer wehenden Staubfahne in östlicher Richtung davonrollte.
Nur nach den großzügigen Begriffen des amerikanischen Westens konnte man Kingman's Fort als Stadt bezeichnen. Sogar zur Zeit des heftigsten Goldfiebers hatten nur einige Dutzend Narren und abergläubische Optimisten dem Placergold in den Bänken des Narrow Creeks nachgespürt. Damals waren beim Bau von Ward Kingmans Sägemühle ein paar Nuggets und eine Handvoll Goldstaub in einer sogenannten »Tasche« des Bachgrunds entdeckt worden.
Doch die Bänke des Narrow Creeks waren schon bald bis auf den nackten Fels durchgeschürft, ohne dass sich dabei eine größere Ausbeute gezeigt hätte. Die meisten Digger und Prospektoren zogen weiter in die Camps der Bergregionen von Colorado, nach Lost River, das bereits auszusterben drohte, oder nach Silverton, dessen schwindelnder Aufstieg sich um diese Zeit gerade erst abzuzeichnen begann.
Man lebte in Kingman's Fort vom Durchgangsverkehr und von der Versorgung kleinerer Camps in den Bergen. Die größte Sorge Ward Kingmans und seiner Geschäftsfreunde galt der im Bau befindlichen Bahnlinie von Durango nach Silverton. Wenn diese Verbindung erst fertiggestellt war, dann wurde auch im Hinterland bis zum Mesa-Verde-Gebiet manche Postkutsche überflüssig, und viele Frachtwagenzüge würden ausbleiben. Damit mussten dann für Kingman's Fort magere Zeiten anbrechen.
In groben Zügen war Lee Carpenter über diese Verhältnisse informiert, als er den Creek durchfurtete und »Korporal«, seinen Grauschimmel, durch ein verfallenes Viertel zum Mietstall lenkte. Plötzlich hörte er dann eine helle, vor Angst und Erregung überschnappende Jungenstimme:
»Ich wäre ja wiedergekommen, so schnell ich nur konnte, Sir! Aber Specky war doch weggelaufen und wollte sich nicht einfangen lassen. Sicher dachte er, ich wollte nur mit ihm spielen ...«
Der Rest der Worte erstickte in einem Schmerzensschrei, der von einem durchdringenden Jaulen und scharfen Klatschen begleitet war, das sich noch mehrfach wiederholte. Instinktiv legte Lee Carpenter seinem Wallach die Schenkel an. Mit zwei Sätzen erreichte der mächtige Grauschimmel die Toreinfahrt. Dann sah Carpenter die Szene vor sich:
Ein bulliger, stiernackiger Bursche stand breitbeinig in der Ecke des Hofs, die von einem windschiefen Bretterschuppen und dem Stall gebildet wurde. Er hatte einen Leibriemen in der Hand und drosch auf einen etwa zehn- bis elfjährigen Jungen ein, der im Winkel am Boden kauerte und mit den gekrümmten Unterarmen seinen Kopf zu schützen versuchte.
Wenige Schritte entfernt rappelte sich gerade ein kleiner, weißgrau und schwarz gefleckter Hund auf, schüttelte wild seine Schlappohren und vollführte dann mit geiferndem Gekläff wilde Bocksprünge, ohne sich indes an den prügelnden Mann heranzuwagen.
Lee Carpenter stieg das Blut zu Kopfe, und er presste bei diesem Anblick die Lippen zusammen. Ein Umstand erbitterte ihn ganz besonders: Der Bursche hatte den Gürtel doppelt genommen, hielt ihn aber bei dem gefalteten Ende gepackt, sodass er auch mit der Schnalle und dem klirrenden Dorn zuschlagen konnte.
Gerade schrie der kleine Krauskopf erneut auf und zog seine linke Hand zurück, die von dem Dorn getroffen worden war und nun eine blutige Schramme aufwies. Damit war für Lee Carpenter die Entscheidung gefallen. Seine drängende Gewichtsverlagerung genügte, um Korporal erneut anspringen zu lassen. Der Peiniger hörte den Hufschlag und fuhr herum. Doch ehe er zur Seite springen konnte, traf ihn die breite Brust des Grauschimmels und schleuderte ihn zu Boden.
Er überschlug sich einmal im Staub und krachte mit der Schulter gegen die Bretterwand des Schuppens. Doch seine Benommenheit währte nur wenige Sekunden. Noch während Carpenter in einer engen Volte sein Pferd herumlenkte, riss der Mann seinen Colt aus dem Halfter und schwang ihn in die Höhe.
Wie ein Schatten hechtete Lee Carpenter aus dem Sattel direkt auf den Gegner; noch ehe der Bursche wusste, wie ihm geschah, wurde sein Schädel gegen die morsche Bretterwand gerammt. Ein Tritt traf seinen Unterarm, sodass der Colt in weitem Bogen auf den Hof flog. Dann stand Lee Carpenter drei Schritte von ihm entfernt und sagte mit grimmerstickter Stimme:
»Stehen Sie auf, Mister! Ich habe eine Schwäche für Leute, die hilflose Kinder mit einer Gürtelschnalle verprügeln. Los, stehen Sie auf, damit ich Ihnen meine Meinung beibringen kann!«
Mit einem tückischen Blick und eingezogenem Kopf krümmte sich der Mann zusammen. Aus dieser Haltung schnellte er sich dann jäh nach vorn, um seinen Gegner gleich im ersten Ansturm geduckt von den Füßen zu reißen.
Wenn man Lee Carpenter dastehen sah, konnte man ihn wegen seiner sehnigen Hagerkeit leicht für ungelenk halten. Er hatte den Kopf etwas zur Seite geneigt und die Fäuste nur leicht angewinkelt. Seine Größe von knapp sechs Fuß war nicht gerade ungewöhnlich, und auch sein schmales, jungenhaftes Gesicht hatte nichts Furchterregendes an sich, wenn man von der Narbe absah, die an seiner linken Schläfe verlief und in deren Umgebung sich das ansonsten sandblonde Haar ein wenig grau gefärbt hatte.
Seine mitunter träumerischen Augen allerdings zeigten eine Wandlungsfähigkeit, die jedem Gegner hätte zu denken geben sollen. Im Moment hatten sich diese Augen vor Zorn verdunkelt, und zwischen ihnen standen zwei steile Furchen über Lee Carpenters Nasenwurzel.
Fast hätte man meinen können, der hagere Mann sähe die Gefahr gar nicht oder wartete gleichgültig auf den Zusammenprall. Doch einen Sekundenbruchteil zuvor, als ihn der Schädel seines bulligen Gegners schon beinahe berührte, glitt er mit einer Geschmeidigkeit zur Seite, die jedem Torero in einer mexikanischen Arena zur Ehre gereicht hätte.
Der Ansturm des Schlägers stieß ins Leere. Ehe er sich herumwerfen konnte, vollführte Carpenter eine blitzschnelle Wendung. Mit traumhafter Sicherheit und der Wucht eines gutgeölten Fallbeils krachte seine Handkante dem Bullen ins Genick. Nur ein heiserer Grunzlaut kam noch aus dessen Kehle, dann kippte er schlaff nach vorn und rührte sich nicht mehr.
Der Junge kauerte neben einer alten Kiste im Winkel, starrte aus geweiteten Augen herüber und presste dabei den gefleckten Hund fest an seine Brust. Ein paarmal musste er schlucken, als er auf seinen im Staub liegenden Peiniger schaute, dann richtete er ungläubig die Blicke auf den schlanken Mann in der verschossenen Buschjacke, der während des kurzen Kampfes nicht einmal seinen Hut verloren hatte und ihn mit einem schmalen Lächeln anblinzelte.
»Hallo, Cowboy«, murmelte Lee Carpenter, »hat Specky es sich also doch anders überlegt? Dann würde ich mir aber an deiner Stelle ein Stück Schnur besorgen, damit er nicht bei nächster Gelegenheit wieder wegläuft.«
Verschüchtert richtete sich der kleine Krauskopf auf.
»Wenn Ringo dabei gewesen wäre, hätte er Craig glatt umgebracht«, stieß er kehlig hervor. »Ringo hätte Specky auch gemocht, ganz bestimmt.«
»Sicher«, nickte Carpenter, »Specky ist ein feiner Hund.« Er machte zwei Schritte, las den Gürtel, der Craig entfallen war, vom Boden auf und reichte ihn dem Jungen hin. »Vielleicht nehmen wir das hier, wenn wir keine Schnur haben. – Und wer ist Ringo?«, setzte er dann mit scheinbar nur mattem Interesse hinzu.
In den Augen des Jungen zeigte sich eine jähe Verstocktheit, die erst allmählich wich, als Lee Carpenter sich vor ihm auf die Absätze hockte, den Gürtel weit durch die Schnalle zog und auf diese Weise ein einfaches Halsband samt Leine fertigte, das er dem Hund über den Kopf streifte.
Noch während er den Dorn durch das Leder bohrte, damit sich das Halsband nicht würgend zusammenziehen konnte, reckte Specky bereits den Kopf und wollte die Hand des Mannes lecken.
»Ringo?«, wiederholte der Junge zögernd. »Ringo ist mein bester Freund, Mister, und er ist so schnell mit seinem Schießeisen, dass sich die ganze Ban ... ich meine, dass sich alle vor ihm fürchten.«
Mit einem Schlag verengten sich Carpenters Augen, doch er beging nicht den Fehler, das Thema sofort aufzugreifen, sondern erkundigte sich freundlichst: »Und wer bist du, Cowboy?«
»Ich heiße Curly, Mister.«
»Und Craig? Ist er dein Onkel oder so etwas Ähnliches?«
Wild schüttelte Curly den Kopf. »Nein, wo denken Sie hin, Mister! Er – er sollte mich nur mitnehmen nach Durango.«
»Dort bist du zu Hause?«
»Ach wo! Meine Schwester Sharon und ich sind immer beim Bahnbau, im Moment in Camp Rico. Aber von Durango aus wäre ich leicht hingekommen. Es fährt ja alle paar Stunden ein Materialzug.«
»Für dein Alter scheinst du schon ganz schön selbstständig zu sein, Curly«, murmelte Lee Carpenter, während hinter ihm ein schnaufender Grunzlaut ertönte.
Craig stemmte sich auf die Ellenbogen, zog die Knie an und richtete sich schließlich zu einer kauernden Haltung auf, wobei er sich stöhnend sein Genick rieb. Offenbar brauchte er einige Zeit, um sich in der rauen Wirklichkeit zurechtzufinden. Dann endlich, als er Lee Carpenter sah, dämmerte in seiner Miene die Erinnerung.
Unsicher kam er auf die Beine, entdeckte ein Stück entfernt seinen Colt und setzte sich schwankend in Bewegung. Er hatte die Waffe noch nicht erreicht, als ihm sein Hut vor die Füße segelte. Craig blieb stehen. Seine Augen wirkten blutunterlaufen, als er zu dem hageren Mann hinüberstarrte, der nun lässig an der morschen Schuppenwand lehnte.
»Dafür wirst du noch büßen, Mister!«, krächzte er drohend. »Bisher ist noch niemand ungerupft davongekommen, der so leichtsinnig war, sich mit Irving Craig anzulegen.«
Mit einem harten Lächeln hielt Lee Carpenter dem Blick stand.
»Dann nur zu, Craig«, sagte er lakonisch. »Da liegt Ihr Colt. Worauf warten Sie noch, wenn Sie's gleich an Ort und Stelle erledigen wollen. Vielleicht würden Sie sogar in meiner Achtung steigen, wenn Sie beweisen, dass Sie mehr können, als nur wehrlose Kinder zu verprügeln.«
»Nicht jetzt, Hombre«, stieß Craig mit verkniffenen Lippen hervor. »Im Augenblick bin ich noch zu benommen, um mich auf so etwas einzulassen. Aber ich komme darauf zurück, und dann ...«
Er schluckte den Rest des Satzes hinunter, hob seinen Hut auf und langte nach dem Colt. Während er die Waffe mit spitzen Fingern ergriff und sich aufrichtete, verfolgte er aus den Augenwinkeln jede Regung seines Gegners. Man spürte förmlich seinen brennenden Wunsch, den 45er Revolver richtig zu packen und herumzureißen, aber da war dieses dünne, doppelbödige Lächeln Carpenters, das ihn förmlich zu hypnotisieren schien und von einem verhängnisvollen Schritt abhielt.
Er ließ das schwere Schießeisen ins Halfter rutschen, fuhr noch einmal mit der Zunge von einem Mundwinkel zum anderen und wandte sich dann grollend an den Jungen: »Komm jetzt, Bengel! Dass wir wegen deines verdammten Köters die Postkutsche verpasst haben, dafür werde ich dir schon die Ohren langziehen.«
Curly duckte sich unwillkürlich zusammen, drückte den kleinen Hund fester an seine Brust und schickte einen hilfesuchenden Blick zu seinem Retter hinüber.
»Der Junge bleibt hier, Craig«, sagte Lee Carpenter mit einer klirrenden Sanftheit, die jeden Widerspruch im Keim erstickte. »Ich werde dafür sorgen, dass er zur Bahnlinie kommt und irgendwie nach Camp Rico gelangt. Sie brauchen sich nicht mehr um ihn zu kümmern, ist das klar?«
Irving Craig schluckte noch einmal, erwiderte aber nichts mehr, sondern wandte sich mit finsterer Miene ab und verließ den Hof.
Im Winkel hinter der Kiste war ein erleichterter Seufzer zu hören. Curly setzte seinen vierbeinigen Freund zu Boden, hielt den Riemen fest und ließ sich zu dem Mann hinziehen, als der Hund sich anschickte, schnuppernd Lee Carpenters Stiefel zu inspizieren.
»Danke, Sir«, murmelte er verlegen. »Craig hätte mich bestimmt noch verdroschen, wenn wir außer Sichtweite gewesen wären, und Cal Ryan hätte sicher auch nichts dagegen gehabt. Er kann Ringo nicht leiden, weil der ihn einmal vor der ganzen B ... ich meine, weil er ihn einmal vor den anderen blamiert hat.«
»Vor der ganzen Bande also«, sagte Carpenter trocken. Er nickte beschwichtigend, als er das Erschrecken des Jungen sah, und fuhr bedächtig fort: »Es hat wenig Zweck, mit einer Sache hinter dem Berg zu halten, wenn man sich schon verraten hat, Curly. Ich nehme an, es handelt sich um die Bande von Keenan Jagger. Stimmt's?«
»Yeah, Sir«, murmelte Curly beklommen; er wagte nicht, den Blick zu heben und kauerte sich vor Verlegenheit wieder neben dem Hund nieder, als er leise hinzufügte: »Aber mehr sage ich nicht darüber. Ich habe Ringo versprochen, mit niemanden zu reden und nichts zu verraten.«
»Natürlich«, versetzte Lee Carpenter in einem verschlossenen Ton, »was man verspricht, das muss man halten. Mich geht die Jagger-Bande schließlich auch nichts an. Es würde mich nur interessieren, auf welche Weise du zu dem Rudel gestoßen bist.«
»Ich war in dem Zug, der von Camp Rico zur Baustelle fuhr und dann auf der Sage-Creek-Brücke verunglückte«, erklärte Curly und streichelte den Hund. »Ich saß im Bremserhäuschen auf dem letzten Wagen und hatte Glück, dass er nur umkippte und nicht in die Schlucht stürzte.
Von den anderen hat keiner das Unglück überlebt. Vier Männer sind umgekommen. Aber ich wurde nur in dem Bremserhäuschen herumgeworfen und habe das Bewusstsein verloren. Ringo hat mich aus den Trümmern herausgeholt. Er und ein paar andere ritten zufällig den Sage Creek hinab und hörten das Krachen, als der Zug entgleiste und in den Canyon stürzte.
Ich bin erst ein paar Tage später wieder zu mir gekommen und bei Ringo geblieben, aber er hat Sharon eine Nachricht geschickt, dass sie sich meinetwegen keine Sorgen zu machen braucht.«
»Und was hat Keenan Jagger dazu gesagt, dass Ringo einen Jungen bei sich behielt?«
Ein spitzbübisches Grinsen erhellte Curlys sommersprossiges Gesicht. »Er hat ihn einen verrückten Teufel genannt«, erklärte er und fuhr sich mit seiner Hand durch das krause Haar. »Aber Ringo hat das nicht gekümmert. Ich glaube, sogar Keenan Jagger hat jetzt schon Angst vor ihm. Sie lächeln zwar immer, wenn sie miteinander reden, aber das ist kein freundliches Lächeln, und dann sagen sie auch manchmal so komische Sachen.«
»Zum Beispiel?«
»Jagger hat einmal gesagt, dass er auch hinten Augen hätte und genau wüsste, was hinter seinem Rücken gespielt würde. Und auch eine Leutnantsstelle wäre keine Garantie für ein friedliches Alter.«
»Und was hat Ringo darauf erwidert?«
»Er hat gelacht und gesagt, Jagger selbst würde allmählich alt und so nervös wie eine Katze. Und Jagger meinte, das könnte schon stimmen, besonders in seinem Zeigefinger hätte er manchmal ein merkwürdiges Zucken. In dieser Art haben sie sich dann eine ganze Weile unterhalten. Keenan Jagger denkt natürlich, dass alle anderen zu ihm halten, aber Ringo grinste die einfach an, sodass sie nicht wissen, ob er sich vor ihnen fürchtet.«
»Yeah«, murmelte Carpenter gepresst, »ein verwegener Satan, der um nichts in der Welt auch nur einen Fußbreit zurückweichen würde. So war er schon immer.«
Von unten herauf starrte der Junge ihn an und vergaß sogar für einen Augenblick seinen Hund, sodass er hastig nachgreifen musste, als Specky sich schon wieder selbstständig machen wollte.
»Sie – Sie kennen Ringo, Mister?«
»Wir sind uns ein paarmal begegnet«, erwiderte der Mann mit ausdrucksloser Miene und blickte auf seinen Grauschimmel, der mit hängendem Kopf vor dem Stall stand. »Im Übrigen sage nicht immer Mister zu mir. Ich heiße Lee Carpenter, und du kannst mich einfach Lee nennen. – Einverstanden?«
Mit verlegenem Nicken tat Curly seine Zustimmung kund.
»Dann werden wir jetzt versuchen, ob wir zu dritt auf einem einzigen Gaul Platz haben«, fuhr Carpenter fort. »Dich setzen wir hinten auf die Deckenrolle, Cowboy, und Specky nehme ich vor mir auf den Sattel.«
»Du – du willst jetzt sofort weiterreiten, Lee?«
»Da sich auch Irving Craig und Cal Ryan in Kingman's Fort aufhalten, würde ich nur Verdruss heraufbeschwören, wenn ich hierbliebe.«
Der Schatten der Enttäuschung breitete sich über das Gesicht des Jungen. »Ringo wäre vor diesen beiden Revolverschwingern nicht davongelaufen ...«
Carpenter nahm den Hund vom Boden auf, schwang sich mit ihm in den Sattel und streckte dann auch dem Jungen die Hand entgegen.
»Ich bin eben nicht Ringo«, sagte er ernst. »Und es macht mir auch keinen Spaß, einen Mann niederzuschießen oder mich selbst abknallen zu lassen, wenn es sich vermeiden lässt.«
Kurz darauf ritten sie aus der Stadt. Erst als die letzten Hütten und Erdlöcher zurückgeblieben waren, hörte Carpenter hinter sich die betretene Stimme:
»So – so hatte ich es nicht gemeint, Lee ...«
»Ich weiß, Curly«, gab er freundlich zurück und streichelte dabei den kleinen Hund, der ihn eingehend beschnupperte.
Wieder trat eine lange Pause ein, ehe Curly fortfuhr:
»Ringo ist nicht einfach nur ein Bandit, Lee. Die anderen vielleicht, aber nicht Ringo. Er bekämpft diese großen Burschen von der Bahngesellschaft, Leute wie Colonel Hagney, die sich von der Regierung fette Prämien zahlen lassen und später obendrein noch die Menschen mit ihren hohen Fahrpreisen und Frachtraten ausplündern.«
»Das hat dir Ringo erklärt?«
»Yeah, ein paarmal sogar!«
»Dann müsste es eigentlich stimmen«, erwiderte Lee Carpenter bitter. »Kennst du diesen Colonel Hagney?«
Aus der Bewegung dicht hinter seinem Rücken konnte Carpenter schließen, dass der Junge den Kopf schüttelte.
»Ich habe ihn nur einmal in seinem Salonwagen vorbeifahren sehen«, folgte auch sofort die Entgegnung. »Das war bei der Einweihung der Sage-Creek-Brücke, wo dann drei Wochen später das schwere Unglück geschah. – Kennst du den Colonel denn?«
Lee Carpenter nickte schweigend und blickte über die Ohren seines Grauschimmels hinweg auf die staubigen Windungen der Poststraße.
✰✰✰
Der Schimmer des Sonnenuntergangs lag über der Stadt, als sie Durango erreichten. Carpenter lenkte den Wallach direkt zu dem ausgedehnten Materialcamp, das sich außerhalb der Stadt entlang des Schienenstrangs erstreckte.
Neben den verschiedenen Lagern von Schienen, Schwellen, Schotter, Bauholz und Telegrafenmasten gab es hier auch Unterkünfte, Werkstätten, Ställe und Schuppen der verschiedensten Art. Sogar ein Korral mit Schlachtvieh war vorhanden.
Das Bahncamp bildete gleichsam eine Stadt für sich. Eine lange Reihe von Flachwagen, die mit Schienen und Schwellen beladen waren, standen zum Abtransport bereit, und eine qualmende Baldwin-Lokomotive schob einige Loren zu einem Fresno-Bagger hin, der sie mit prasselnden Schotterladungen füllte.
Korporal, der große Grauschimmel, ließ sich nicht einmal durch das scharfe Zischen ausströmenden Dampfes irritieren. Er warf erst nervös den Kopf in die Höhe, als die Lokomotive plötzlich schrill und abgehackt zu pfeifen begann. Specky stimmte daraufhin ein zorniges Kläffen an, und durch diesen Lärm brüllte eine grollende Bassstimme:
»Ist das die Möglichkeit? Ich will verdammt sein, wenn dieses Rebellengesicht nicht einem Burschen namens Lee Carpenter gehört!«
