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Kann man zur Drachenreiterin werden, wenn Drachen einem alles genommen haben? Sira soll zur Drachenreiterin ausgebildet werden, was jedoch fast unmöglich erscheint, denn sie kann kein Vertrauen zu Drachen fassen. Sie findet zwar nach und nach heraus, dass Drachen sehr viel mehr sind, als sie immer dachte – doch nur, wenn sie ihre Angst und Wut überwinden kann, wird es eine Zukunft für sie geben. Auch ihre verwirrenden Gefühle für den Drachenreiter Norik sind nicht hilfreich. Als Anführer der Rebellen gegen den König kann er sich keine Schwäche erlauben. Gemeinsam müssen Sira und Norik in den Wirren des Krieges nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihre Liebe kämpfen. Das große Finale der epischen Romantasy-Dilogie! Band 1: In Fire and Rain − Sturmkuss Band 2: In Fire and Rain − Feuerherz
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© Piper Verlag GmbH, München 2026
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Redaktion: Uta Dahnke
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Coverabbildung: Markus Weber, Guter Punkt, München
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Cover & Impressum
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Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Meine Wangen brennen vor Kälte, als ich über die Treppen des Schattenturms nach oben laufe. Das Metall ächzt im nächtlichen Sturm, aber ich werde nicht langsamer. Denn etwas liegt in der Luft, das mich unwiderstehlich anzieht: der Gesang des Drachen.
Die Gilde ist leerer als sonst, abgesehen von den Wachen, die seit dem Angriff auf das Nomadenlager die Kuppel und die Umgebung verstärkt im Auge behalten. Die meisten übrigen Krieger sind auf der Jagd nach dem Untier, das so viel Leid über die Menschen gebracht hat. Und sie sind nicht allein gegangen.
Sira.
Die Erinnerung an die Stimme meines Onkels lässt mich schwanken. Ich sehe uns noch einmal dastehen, reglos inmitten der Schattenreiter. Wir haben uns angeschaut wie in einem Traum. Dann kamen die Sirenen. Noriks Sturm brauste so heftig über den Platz, dass Zweige der Eiche abbrachen und durch die Luft flogen. Juri und die anderen sind sofort zu ihren Drachen gelaufen. Und Kane ist mit ihnen gegangen. Aber vorher kam er zu mir, ich fühle noch seine Hand an meinem Arm.
Ich bin bald zurück, hat er gesagt. Genau wie damals, kurz bevor er in der Oberwelt verschwand. Dann reden wir.
Zwei Tage und Nächte sind seitdem vergangen, ohne dass er oder ein anderer der Reiter zurückgekehrt ist. Ich ziehe mich an dem eiskalten Geländer weiter nach oben und schiebe die Gedanken an Kane beiseite. Ich werde Antworten auf meine Fragen bekommen. Und bis dahin werde ich meinen Plan verfolgen – den Plan, den ich für niemanden gefährden werde.
Ich öffne die Tür zur Bibliothek. Der Geruch von Staub und Papier berührt mich wie eine zärtliche Hand. Schattenschnell husche ich durch die verlassenen Gänge. Ich bemühe mich, nicht auf das Bücherregal bei dem großen Buntglasfenster zu schauen. Aber ich fühle es noch in meinem Rücken, ebenso wie den Atem des Sturmreiters auf meinen Lippen. Und seine Magie, die mich quer durch den Raum geschleudert hat.
Ein Stich geht durch mein Herz, als ich auch diese Gedanken verdränge, und ich betätige den Aufzug.
Auf der obersten Ebene schlägt mir der Sturm mit voller Wucht entgegen. Ich bleibe neben einem Stahlträger stehen und schaue zum Wald des Drachen hinüber. Hier oben ist er so klar zu hören wie nirgends sonst in der Stadt: der berauschende Gesang des Rhakadhùn. Und erstmals mischt sich in meine Aufregung etwas Angst. Heute Nacht werde ich diesem Gesang noch viel näher kommen. Und kein mächtiger Sturmzauber wird mich vor ihm schützen.
Ausatmend dränge ich die Furcht zurück. Ich habe einen Plan, verflucht noch eins. Es wird alles gut gehen.
Ich gehe zum Sentinel hinüber und ziehe mein Notizbuch aus der Tasche. Mein Herz stolpert, als ich den blinkenden Punkt am äußersten Rand des Radars sehe. Der Rhakadhùn macht sich nicht die Mühe, sich zu verstecken. Ich trage seine Position auf der Karte ein, die ich von seinem Wald gezeichnet habe. In den letzten beiden Tagen ist er verschiedene Routen geflogen, aber im Laufe einer Nacht nähert er sich dem Vulkan immer mehr. Ich weiß also, wohin ich mich wenden muss, um ihm nicht direkt zu begegnen. Und trotzdem werde ich mich in seine Nähe wagen. Denn dort wachsen die meisten Kristalle für meinen Drachentöter. Dort, wo die Gefahr ist. Dort, wo der Drache ist.
Ich beuge mich über das Radar, um seine aktuelle Position zu präzisieren – und begreife, dass ich nicht allein auf dem Dach bin.
Norik sitzt mit geschlossenen Augen an einen der Pfeiler gelehnt da, mit freiem Oberkörper, die Beine ausgestreckt, als würde er den eisigen Wind nicht spüren. Dabei weiß ich, dass er gerade der Kälte wegen hier ist, die ihn für eine Weile etwas anderes fühlen lässt als die Unruhe, die ihm den Schlaf raubt. Aus demselben Grund habe ich auf dem Weg zur Bibliothek die Treppe genommen und nicht den Aufzug: um mit der eisigen Kälte alles wegzudrängen, was mich innerlich auseinanderreißt. Und es hat funktioniert. Bis jetzt.
Der Sturm streicht Norik das Haar zurück, und ein Ziehen geht bei seinem Anblick durch meine Brust. Zuletzt habe ich ihn auf Rhorkas Rücken gesehen, als er kurz nach dem Heulen der Sirenen über den Thingplatz hinweggejagt ist. Der unnahbare Reiter des Sturms. Aber jetzt, da ich ihn ansehe, fühle ich keine Mauer mehr zwischen uns. Fast ist es, als wäre es nur Norik, der dort sitzt … mein Norik, dessen zärtlichen Atem ich immer noch auf meiner Haut spüren kann.
Ein plötzlicher Windstoß berührt mein Haar. Ich ziehe mich etwas zurück, in der albernen Hoffnung, dass Norik mich nicht gespürt hat. Aber ich bin hier auf seinem Turm, und er sitzt nur wenige Schritte von mir entfernt … Jetzt streicht der Lufthauch wie eine tastende Hand über meine Wange.
»Sira«, sagt Norik, ohne die Augen zu öffnen. »Was tust du hier oben?«
Seufzend trete ich hinter dem Sentinel hervor. »Ich wollte dem Drachen zuhören.« Ich bin selbst beeindruckt, dass ich bei dieser Lüge nicht zur Seite schaue wie sonst. »Hier oben hört man ihn am besten.«
Norik öffnet die Augen, und wir wissen beide, dass er meine Lüge durchschaut hat. Da ist dieses Lächeln in seinem Blick, das zu gleichen Teilen arrogant und amüsiert wirkt und mir zielsicher das Blut in die Wangen treibt.
Schnell drehe ich mich zum Fahrstuhl um, aber da braust rauer Sturm um mich auf, und im nächsten Moment steht Norik vor mir. Er hält den Kopf geneigt, sodass seine Haare ihm in die Stirn fallen. Doch seine grünen Augen sind auf mich gerichtet, und ich nehme seinen Duft wahr, diese Mischung aus Asche und Sturm, die mir so vertraut ist. Genauso wie seine plötzliche Nähe.
Das Licht des Sentinels legt sich schimmernd auf seinen trainierten Oberkörper. Aber bevor ich dem Impuls nachgebe, ihn zu berühren, erinnere ich mich wieder an das, was in der Bibliothek passiert ist. Und ich weiche instinktiv vor ihm zurück.
Ich kann sehen, dass ihn das trifft und dass er sich selbst die Schuld dafür gibt. »Geh nicht«, sagt er leise. »Ich will mit dir reden.«
Der raue Unterton in seiner Stimme tanzt über meine Haut, aber ich straffe die Schultern und sehe ihn direkt an. »Ich dachte, das hättest du schon getan. Ehrlich gesagt warst du ziemlich deutlich.«
Ich klinge verletzt, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, es nicht zu sein. Noriks Blick ist so dunkel, dass ich nicht weiß, was er denkt.
»Ich habe dir wehgetan«, sagt er. »Ich hatte befürchtet, dass es so kommen würde, und …«
»… und du hast mich gewarnt?« Ich stoße die Luft aus. »Willst du mir das sagen? Dass ich es hätte wissen müssen?«
Er schüttelt kaum merklich den Kopf. »Ich hätte es wissen müssen.«
»Ich bin kein Kind mehr. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Und abgesehen davon tut mein Rücken immer noch weh. Musstest du mich unbedingt durch den ganzen Raum schleudern?«
Sein Blick gleitet auf der Suche nach Verletzungen über meinen Körper und verharrt bei den Kratzern an meiner Schulter. Er hat sie mir zugefügt. Genauso wie die feinen Bissspuren darüber. »Ja«, sagt er. »Sonst hätte ich dich niemals losgelassen.«
Jetzt weiß ich, woran er denkt, und auch ich spüre noch einmal seinen festen Griff um meinen Körper und seine Lippen auf meinen.
Fast gewaltsam reißt er seinen Blick von der Stelle an meinem Hals los und sieht mir in die Augen. »Ich habe nie gewollt, dass du leidest. Ich will nicht, dass du denkst, dass du mir egal bist. Denn das bist du nicht. Und das, was zwischen uns war, das war … wunderschön.«
Das Wort trägt mich in den Wald des Drachen zurück, zurück in Noriks Arme. Ich fühle wieder seinen Herzschlag, der mit meinem im selben Rhythmus schlägt, als unsere Körper eins werden, weit fort von der Gilde der Schatten.
»Aber wir wissen beide, dass es sich nicht wiederholen darf«, sage ich. »Das hast du mehr als klar gemacht. Und weißt du was? Es ist in Ordnung. Ich liege nicht im Bett und weine vor Liebeskummer, wie du siehst.« Das ist gleichzeitig wahr und die größte Lüge, die ich je über die Lippen gebracht habe.
Sein Kiefer spannt sich an. »Ja, das sehe ich.« Er betrachtet mein Notizbuch. »Du willst in den Wald.« Es ist keine Frage, und er ist nicht überrascht. »Ich habe von deiner Wette mit Harok gehört. Du hast dich hierher geschlichen wie die Diebin von früher. Hast du wirklich geglaubt, die Gilde ohne mein Wissen verlassen zu können?«
Ich zucke mit den Schultern. »Du warst nicht da. Es war einen Versuch wert.«
Er verschränkt die Arme vor der Brust. Ich muss mich zwingen, nicht auf seine Oberarme zu schauen, die im Licht des Sentinels noch beeindruckender aussehen. »Hast du gedacht, ich würde dich daran hindern?«
»Ehrlich gesagt wirkt es gerade so, als wolltest du genau das tun.«
Er presst die Zähne aufeinander. »Dir ist klar, wie gefährlich es momentan ist, die Gilde zu verlassen, oder?«
Sein arroganter Ton treibt das Blut schneller durch meine Adern. »Ich bin jeden Tag im Hospital. Da sehe ich, was der Drache tut, den ihr jagt.«
»Und trotzdem willst du da raus gehen, wo neben unserem Feind auch noch ein Rhakadhùn wartet, und ausgerechnet in seinem Schatten nach goldenen Kristallen suchen?«
»Ja.« Ich schaue geradewegs in den dunklen Sturm seiner Augen. »Willst du es mir jetzt verbieten oder nicht?«
Norik starrt mich an. »Mal abgesehen davon, dass du dich niemals an ein Verbot von mir halten würdest: Die Gilde ist kein Gefängnis. Du kannst gehen, wohin du willst.«
Ich kann meine Erleichterung nicht verbergen. Die Jagd nach den goldenen Kristallen ist nervenaufreibend genug. Ich hätte es gehasst, sie vor Norik zu verheimlichen.
»Allerdings«, fährt er fort, »bedeutet das nicht, dass die Wachen an der Kuppel dich einfach so passieren lassen. Viele von ihnen sehen es als ihre Pflicht an, gerade die Novizen in der aktuellen Situation vor sich selbst zu schützen. Wenn du ihnen begegnest, wirst du Diskussionen nicht verhindern können.«
»Ich wage mich in den Schatten des Rhakadhùn. Da werde ich mit ein paar Besserwissern auch noch fertig.«
Ein Lächeln glimmt in seinen Augen auf, ehe er wieder ernst wird. »Was ist mit deinem Onkel? Wird er dich gehen lassen?«
Ich schlinge die Arme um den Körper. »Früher hätte er das getan. Aber bis vor ein paar Tagen wusste ich nicht mal, dass er noch am Leben ist. Keine Ahnung, was er denkt. Außerdem ist er nicht da. Er könnte mich nicht aufhalten, selbst wenn er wollte.«
Norik sieht mich an, als würde er darüber nachdenken, das Thema fallenzulassen. »Er ist noch draußen mit den anderen«, sagt er dann. »Sie sichern Spuren. Kane ist eine große Hilfe. Er kennt sich hervorragend mit verborgenen Fährten aus.«
Er schweigt wieder, und ich spüre, dass die Stille zwischen uns ein Angebot ist. Norik würde mir all die Fragen beantworten, die ich seit dem Wiedersehen mit Kane habe. Aber ich stelle nur eine einzige, und ich kann Norik dabei nicht ansehen. »Wusstest du …«
Er antwortet nicht und zwingt mich so, doch den Blick zu heben. Ich rechne mit dem üblichen Spott in seinen Augen, aber stattdessen ist sein Ausdruck ganz sanft. »Glaubst du wirklich, ich hätte gewusst, dass Kane dein Onkel ist? Hätte ich auch nur eine Ahnung gehabt, dann hätte ich es dir gesagt.«
Ich nicke unmerklich. »Vertraust du ihm?«
»Ohne jeden Zweifel.«
Die Sicherheit in seiner Stimme lässt mich Atem holen. »Es ist seltsam für mich, dass er wieder da ist. Ich habe so viele Fragen. Und ich danke dir dafür, dass ich sie dir stellen könnte. Aber Kane muss sie mir beantworten. Niemand sonst.«
»Und das wird er. Bist du auch deswegen hier hoch gekommen? Um in der Kälte dem Gedankenkarussell zu entkommen?«
Ich bringe ein Lächeln zustande. »Du kennst mich gut. Und was ist mit dir? Wovor läufst du heute Nacht weg?«
Norik senkt den Blick, dann schaut er mich wieder an, prüfend wie bei einer unserer Lektionen, in denen er als mein Mentor herausfinden will, ob ich tatsächlich bereit bin für das, was ich fordere. »Die Sirenen haben uns nach Darrington gerufen«, sagt er schließlich. »Ein Dorf im Norden. Fünf Menschen waren plötzlich verschwunden.«
»Wie Sofia.« Ich denke an das kleine Mädchen, das dem Drachen als Erste zum Opfer gefallen war.
»Dieses Mal gab es keine Spuren. Die Menschen waren einfach weg. Enno und Bomper haben sie dann im Sauk River gefunden. Zerbrochene Figuren aus Eis.«
Ich schlucke. »Was habt ihr den Menschen im Dorf gesagt?«
»Ich habe meine Jäger angewiesen, die Überreste in die Wälder zu bringen und sie den Tieren zu überlassen, um eine Panik zu vermeiden. Aber das waren weder Wölfe noch Bären.«
Ich betrachte das Muskelspiel seiner Schläfen und muss daran denken, wie Kane nach dem Tod meiner Eltern in einem finsteren Tunnel saß, das Gesicht von Schmutz und getrockneten Tränen bedeckt. Er hatte denselben haltlosen Zorn in seinem Blick, dieselbe Verzweiflung. Und als ich jetzt Noriks Hand nehme, schaut er mich mit demselben Erstaunen an wie mein Onkel, als ich damals den Kopf an seine Schulter gelehnt habe.
»Du wirst den Drachen fangen«, sage ich. »Das weiß ich.«
Noriks Finger sind eiskalt, aber er streicht sacht über meine Hand. »Ich werde ihn nicht fangen, wenn ich hier auf diesem Turm stehe. Wir brauchen eine Pause von dem Grauen, sagte Rhorka vorhin, und vielleicht hat sie recht. Aber ich bekomme die Gesichter der Toten nicht aus dem Kopf. Sofia. Nayati. All die anderen. Und ich höre noch immer die Schreie der Sterbenden im Hospital.« Er hält inne. »Ich kann nicht aufhören, mich zu fragen, ob ich sie hätte retten können, wenn ich hier in der Gilde gewesen wäre in jener Nacht, und nicht draußen im Wald … mit dir.«
Seine Stimme ist so dunkel, dass sie in mir widerklingt, und unwillkürlich verschränken sich unsere Finger wie im Wald unter der Eiche. Die Vertrautheit zwischen uns ist wie eine schützende Decke. Für diesen Moment gibt es nichts als die Wärme, die Noriks Nähe um meine Schultern legt, und das Gefühl, für einen kurzen Augenblick in Sicherheit zu sein.
»Es vergeht keine Nacht, in der ich meinem Bruder nicht beim Sterben zusehe«, flüstere ich. »Und ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in meinen Träumen auf den Nachtmarkt zurückgekehrt bin, um ihn vor dem Tod zu retten. Ich kenne solche Gedanken. Und ich weiß, dass sie uns nirgendwo hinführen. Du tust, was in deiner Macht steht, und das ist sehr viel. Aber du kannst nicht allein die ganze Welt retten.«
»Ich bin der Reiter des Sturms«, gibt Norik zurück, müde, als hätte er diese Worte schon zu oft gesagt. »Wer soll es tun, wenn nicht ich?«
»Du bist mehr als deine Rolle. Mehr als der Drache auf deinem Rücken und alles, wofür er steht.«
»Ach ja?« Er hebt spöttisch die Brauen. »Was bin ich denn sonst noch? Jemand, der dich quer durch die Bibliothek schleudert, weil er mit sich selbst nicht klarkommt?«
»Du bist Ennos bester Freund«, sage ich sanft. »Und der Einzige, der Amara die Meinung sagen darf, ohne dass Kar’mal ihn rösten würde. Du bist wie ein großer Bruder für Juri, du bist der einzige Mann, dem Vesta wirklich vertraut, und du bist Rhorkas Herzschlag, wenn sie schläft. Du bist es, der jedes Buch seiner Bibliothek gelesen hat und trotz all der schrecklichen Dinge, die er gesehen hat, die Schönheit in der Welt erkennt. Und dann bist du derjenige, der mich den Sturm fühlen ließ, wie er wirklich ist. Nicht zerstörerisch und tödlich, sondern berauschend und voller Zärtlichkeit.«
Ich halte inne, als ich merke, dass meine Worte ihn lächeln lassen. »Außerdem bringst du mich dazu, so etwas laut auszusprechen. Obwohl ich dir eigentlich nur eins sagen will: Du bist mehr als der Held, den alle in dir sehen. Aber du darfst dich nicht dafür bestrafen, dass du kein Gott bist.«
»Ein Held«, sagt er. »Ich wünschte, ich könnte einer sein. Ich wünschte, ich würde nicht glauben, was ich im Hospital gesagt habe. Dass es keine Hoffnung gibt.«
»Aber du glaubst es«, erwidere ich. »Wie kann es sein, dass ein Mensch, der so viel Hoffnung geben kann, selbst so wenig davon in sich hat?«
»Weil ich weiß, wer ich bin. Ich mag der Sohn eines Helden sein, aber ich selbst bin weit von diesem Ideal entfernt.«
Ich erinnere mich an die Bilder von Magnus, dem berühmten Sturmreiter, die ich in der Bibliothek gesehen habe, und an Amal, seinen bronzefarbenen Drachen. Norik sieht seinem Vater ähnlich – das gleiche dunkle Haar, die gleiche Augenfarbe, der gleiche Trotz in seinem Blick. Nur die Kälte, die Magnus aus jeder Pore drang, hat Norik noch nicht ganz in Besitz genommen.
»Du bist der Reiter des Sturms, den diese Welt braucht«, flüstere ich, »und du bist Norik, den ich brauche.«
Erst als ich es ausspreche, wird mir klar, dass es wahr ist. Ich fühle, wie sehr ich in den letzten Tagen seine Stimme vermisst habe und diesen Blick, mit dem er mich jetzt ansieht, halb sehnsüchtig, halb abwehrend. Ich will vor ihm zurückweichen, zurück in die Abgeklärtheit, in die ich mich seit unserer letzten Begegnung geflüchtet hatte. Aber er zieht mich wortlos näher zu sich, und wie von selbst fährt meine freie Hand durch sein Haar. Wie ist es nur möglich, dass es so unendlich weich ist?
Er schließt die Augen, so hingegeben, als hätte er diese Geste jahrelang vermisst. Und ohne mich noch einmal anzusehen, küsst er mich. Seine Lippen sind sanft, als würde er fürchten, mich zu zerbrechen. Unendlich behutsam öffnet er meinen Mund mit seiner Zunge, und ich schlinge die Arme um seinen Hals. Seine Hände streichen über meinen Rücken. Er öffnet die Schnüre meiner Lederrüstung, und ein Schauer rieselt über meinen Körper, während meine Finger über seine nackte Haut gleiten. Doch als er die Hände unter meine Kleidung schiebt und mich fester an sich zieht, blitzt ein Bild in mir auf: Norik, wie er mich im Hospital angesehen hat, über all die Verwundeten hinweg, so verzweifelt und voller Schuld, dass ich es kaum ertragen konnte. Und auch jetzt ertrage ich es nicht.
Atemlos löse ich mich von seinem Mund. Er sieht mich an, als hätte ich ihn bestohlen. Mein Puls rast, als ich die Hand auf seine Brust lege, dorthin, wo das Herz ist.
»Du hast recht«, sage ich so leise, dass meine Stimme fast im Raunen des Windes untergeht. »Du bist der Reiter des Sturms. Und ich bin die Diebin der Schatten. Wir brauchen unsere Kraft für uns selbst.«
Sein Herz pocht hart und schnell gegen meine Hand, und ich kann den Schmerz sehen, der durch seinen Blick geht – grell wie ein Schnitt. Dann lässt er die Hände sinken und geht einen Schritt zurück, auf den Abgrund zu, als müsste er gewaltsam Abstand zwischen uns bringen. Er bleibt stehen, und ich kann mich nicht erinnern, ihn je so hilflos gesehen zu haben wie jetzt: ihn, den Reiter des Sturms, der mich mit Noriks Augen ansieht.
»Ich sollte gehen«, sage ich in die Stille hinein, die auf einmal trotz des Windes zwischen uns herrscht. »Es ist spät.«
Norik nickt. »Ich werde dich nicht vom Wald des Drachen fernhalten können, oder?«
»Niemals«, sage ich mit einem Lächeln, ehe ich wieder ernst werde. »Du musst deinen Weg gehen, und ich gehe meinen.«
Noch einmal spüre ich den Wind in meinem Haar wie eine Berührung. Dann wende ich mich Richtung Aufzug.
»Bevor ich es vergesse«, sagt Norik und bringt mich dazu, mich noch einmal umzudrehen. Er hat sich dem Wald des Drachen zugewandt, halb nur schaut er zu mir zurück. »Charon hütet seine unterirdischen Gänge, als wären sie seine Venen, und gerade vorhin habe ich die Wachen an der Kuppel verstärkt. Es wird dir nicht gelingen, unbemerkt von ihnen in den Wald zu kommen. Ich selbst habe sie ausgewählt.«
Ich stoße die Luft aus. Da ist er wieder, der Reiter des Sturms mit seiner Stimme aus Eis. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie schnell Norik hinter seiner Maske verschwinden kann.
»Juri hat sich beinahe aufgedrängt, als er von deiner Wette hörte«, fährt er fort. »Du findest ihn in dem Areal, das dem Wald des Drachen am nächsten ist. Vielleicht solltest du ihn dort mal besuchen. Die Nacht ist wunderschön jenseits der Kuppel.«
»Du meinst …«, fange ich an, doch er unterbricht mich sofort.
»Ich meine, was ich sagte«, erwidert er mit der Kälte des Sturmreiters. »Und jetzt solltest du wirklich gehen.«
Noch einmal lasse ich meinen Blick über Noriks Gestalt schweifen, hoch aufgerichtet und mit dem Drachen auf seinem Rücken, vor der Kuppel aus dunklem Feuer. Er steht so regungslos, als hätte er bereits vergessen, dass ich noch da bin.
Schweigend betrete ich den Aufzug. Doch ehe sich die Tür hinter mir schließt, streift ein Windhauch meine Wange, sacht wie das Wispern in der Krone der Eiche, und ich höre Noriks Stimme in meinen Gedanken.
Sei vorsichtig auf deinem Weg, flüstert er, und ich weiß, dass er hinter seiner Maske lächelt. Sei vorsichtig im Wald des Drachen.
Das Schweigen des Waldes breitet sich vor mir aus wie die Stille zwischen zwei Atemzügen. Eng ans Stadion gekauert sitze ich da und starre gegen die Kuppel. Hinter mir auf den gläsernen Türmen gehen die Wachen auf und ab. Sie wissen nicht, dass ich hier bin. Aber ich klammere mich an ihre Stimmen wie an Seile über einer unheilvollen Schlucht.
Alles, was ich über den Wald des Drachen gelesen habe, prasselt auf mich ein. Denn der Rhakadhùn ist bei Weitem nicht die einzige Gefahr darin. Auf der Mönchskuppe, diesem fluchschwarzen Berg in der Ferne, leben die Harpyien, mannsgroß und gierig nach Menschenfleisch. Dann gibt es viele Seen, einige gefüllt mit tödlicher Magie und alle gefährlich für jemanden wie mich, die nicht schwimmen kann. Und natürlich eine Menge gnadenlose Tiere und Pflanzen. Allen voran der Rhakadhùn selbst. Ich stelle mir vor, dass er gerade hinter der Kuppel den Atem anhält und mich auf seinen Gesang warten lässt, bis ich drauflos stürme, mitten hinein in sein lauerndes Maul …
Ich stoße einen lautlosen Fluch aus. Und wie früher, wenn ich in dem metallenen Käfig in die Oberwelt gefahren bin, lege ich die Hände auf meine Waffen. Mein Schwert ist kühl unter meinen Fingern, ebenso wie mein Messer, und ich streiche über den Bogen, den ich aus Alvarez’ Waffenkammer mitgenommen habe. Dabei war mein Lehrer zuerst alles andere als begeistert, als ich ihm von meinen Plänen erzählt habe.
Du magst mit Harok wetten, worum du willst, hat er entgegnet. Aber ich käme in Teufels Küche, wenn ich meine Novizen durch meine Waffenkammer spazieren ließe, damit sie sich bedienen können. Also erwarte nicht, dass ich das tue. Und dann hat er hinzugefügt: Jedenfalls nicht offiziell.
Ich habe sein Lächeln erwidert, als seien wir Verschworene mit einem geheimen Plan. Was wir in gewisser Weise ja auch sind. Zu dem Bogen gehören Pfeile aus goldenem Kristall, unzerstörbar selbst von Rhorkas Sturm. Sogar aus kürzester Entfernung sollen sie die Panzer mächtiger Drachen durchdringen können. Langsam atme ich aus. Ich habe nicht vor, dem Rhakadhùn näher zu kommen als unbedingt nötig.
Ich erstarre, als sich auf dem Turm über mir Schritte nähern. Ein kurzes Gemurmel, dann ziehen die Wachen ab, und ein Pfeifen ertönt. Erleichtert stoße ich die Luft aus. Juri.
Ich sehe ihn vor mir, wie er dort oben steht, gekleidet wie der Krieger der Schatten, der er ist, aber mit diesem spitzbübischen Funkeln, das ich bisher nur in einem anderen Augenpaar gesehen habe. Mein Bruder Andor hätte Juri gemocht.
Der Gesang des Drachen ist so leise, dass ich ihn kaum höre. Aber ich fühle ihn. Grell wie ein Nesselhieb zieht er jetzt über meine Haut. Er kommt aus der Richtung des Vulkans, und ich fröstele bei dem Gedanken daran, wie weit ich durch die Finsternis werde laufen müssen, um mich einer Kreatur zu nähern, die nichts als den Tod bringt. Aber dann schließe ich die Hand fester um mein Schwert. Ich habe den Drachen New Yorks die Stirn geboten, ich habe Aryon verwundet und einen schwarzen Berglöwen in die Flucht geschlagen. Ich bin nicht dafür geschaffen, an einer Stadionmauer zu kleben!
Juris Pfeifen ist wie ein ermunterndes Nicken, und ich stoße mich von der Mauer ab. Die Kraft des Sturms legt sich um meinen Körper, als ich die Kuppel durchbreche. Ich höre Juri leise lachen, dann tauche ich in die Wildnis der Straßen ein.
Ich laufe so schnell, dass der Asphalt unter meinen momentan unsichtbaren Füßen verwischt. Geisterhaft zieht der Gesang durch die überwucherten Straßen, und als meine Tarnung nachlässt, greife ich nach dem Armreif an meinem Handgelenk. Ich habe ihn verborgen unter meinem Ärmel getragen, aber jetzt glühen die Drachenknochen auf, und ein Hitzeschauer rieselt über meinen Körper, der den Gesang des Rhakadhùn in seltsame Ferne rückt. Ich sehe Amara vor mir wie an dem Abend, als sie nach unserem Training zu mir kam.
Der Gesang des Rhakadhùn ist gefährlich, sagte sie. Vielleicht werden die Toten dir Glück bringen.
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Seit ich Amara kannte, war dieser Armreif ein Teil von ihr. Sie hat ihn aus den Knochen ihres ersten Drachen gefertigt, der im Kampf gegen den König gefallen war. Und jetzt hat sie ihn mir gegeben. Ihr Glaube an mich verleiht mir mehr Kraft als ein Lob aus ihrem Mund. Ich werde alles tun, um sie nicht zu enttäuschen.
Hinter dem Industrial District tauche ich in den Wald des Drachen ein. Der Gesang nimmt zu. Trotz des Armreifs überkommt mich wieder der Drang, darauf zuzurennen. Aber ich rufe mir die Wege des Central Parks in New York ins Gedächtnis, und die kühle Konzentration der Diebin kehrt zu mir zurück. Lange habe ich mich gedulden müssen. Nun werde ich endlich wieder auf die Jagd gehen.
Ich gleite über umgestürzte Bäume wie über die Trümmer der Stadt. Erst als eisiger Wind durchs Unterholz geht, werde ich langsamer. Der Vulkan schickt seinen Schatten über den Waldboden. Auf dem Gipfel erheben sich Zinnen wie die Trümmer einer Burg, aber ich kann keinen zweiten Blick riskieren. Denn jetzt rauschen die Baumkronen in meiner Nähe, und ich ducke mich unter einer Fichte.
Blätter und Zweige wirbeln durch die Luft. Amaras Zauber flackert, und da erklingt der Gesang mit solcher Kraft, dass er die Nacht dunkler färbt.
Instinktiv halte ich mich am Stamm des Baumes fest. Es kommt mir so vor, als würde der Boden rings um mich in die Tiefe fallen, und ich kann die Verzweiflung im Gesang des Drachen hören. Er ist wie der Anfang einer Geschichte, deren Ende ich unbedingt erfahren will. Und wie in einem Albtraum, in dem ich nicht mehr über meinen Körper bestimmen kann, lassen meine Hände den Baum los, um dem Gesang zu folgen.
Ich presse die Finger gegen die Rinde. Verdammt noch mal, ich lasse mich nicht vom Lockruf einer Bestie verzaubern! Entschlossen bleibe ich, wo ich bin, und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Hier bin ich, Novizin der Gilde, und halte dem Ruf des Feuers stand!
Der Sturm legt sich. Aber erst als der Gesang leiser wird, merke ich, dass ich aufgehört habe, zu atmen. Ich sauge die Luft ein. Meine Finger sind eiskalt, auch das bemerke ich erst jetzt. Der Drache ist mir nah gewesen, seine Flammen lodern auf den Blättern der benachbarten Bäume. Ich darf keine Zeit verlieren. Die Kristalle erlöschen innerhalb kurzer Zeit, mit jeder Sekunde verlieren sie an Kraft. Ich laufe auf die brennenden Blätter zu. Da, vor einem Felsen, glüht goldenes Licht.
Angestrengt lausche ich auf den Gesang, der jetzt weiter von mir entfernt ist, und falle vor dem Kristall auf die Knie. Ich erinnere mich an meine Euphorie, als ich zum ersten Mal in New York ein Stück Drachengold gefunden habe. Blau war es wie meine Träume vom Meer der Nacht, aber noch nie habe ich einen so makellosen Kristall gesehen wie diesen goldenen.
Mir schießt der absurde Gedanke durch den Kopf, einfach wegzugehen und den Kristall in seiner Vollkommenheit nicht zu stören. Doch dann schüttele ich den Kopf. Er ist kein bestaunenswertes Wunder, sondern Teil der Waffe, die Nhor’garoth töten wird. Ich strecke die Hand aus, um den Kristall zu brechen. Kaum berühre ich ihn, schneidet er mir in den Finger.
Ein stechender Schmerz schießt durch meine Hand, aber gleichzeitig fächert sich das Licht des Kristalls in tausend Farben auf. Es ist wie ein gefangener Traum, und es berührt mich auf eine Weise, wie ich es bisher nur in den Liedern der Geschichtenerzähler erlebt habe: Es weckt Sehnsucht in mir nach dem, wofür es keine Worte gibt.
Erst als ein eisiger Windhauch meine Wange streift, höre ich die Stille. Der Gesang ist verstummt, ebenso wie jedes andere Geräusch. Selbst die Schatten ringsum sind erstarrt wie Traumgestalten aus schwarzem Eis. Dafür höre ich meinen eigenen Herzschlag … und dann das Grollen hinter mir.
Ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffe, mich umzudrehen. Mit rasendem Herzen wende ich den Kopf und schaue in die Dunkelheit zwischen den Bäumen. Und da sehe ich den Drachen.
Er ist schwarz wie die Nacht, die ihn umgibt. Seine Umrisse verschmelzen mit den Schatten. Unmöglich kann ich sagen, wo seine Schwingen aufhören und die Baumkronen anfangen. Doch während ich ihn kaum erkennen kann, spüre ich seinen glühenden Blick. Jetzt entfachen sich seine Augen in goldenem Feuer und pressen mir die Luft aus der Lunge.
Der nächste Atemzug des Drachen reißt mich gewaltsam auf ihn zu. Ich stürze, meine Hände schrammen über den Boden. Aber ich stehe auf und gehe weiter, wie willenlos. Da stoße ich mit meinem verletzten Finger gegen einen Felsen, und der Schmerz durchbricht den Bann. Ich sehe noch, wie der Drache die Schwingen ausbreitet. Es ist, als würde sich der gesamte Wald vor mir erheben. Dann werfe ich mich herum und renne los.
Peitschengleich schlagen mir Zweige ins Gesicht. Der Boden bebt, das Ächzen berstender Äste zerfetzt die Luft. Ich greife nach dem Bogen, aber die Pfeile splittern in meiner Hand, ehe ich auch nur einen davon abschießen kann. Amaras Zauber flackert heftig, und als ich mein Schwert ziehen will, erklingt das Brüllen des Drachen.
Augenblicklich zerreißt jeder Zauber. Mein Brustkorb wird von unsichtbaren Klauen zusammengepresst, ich verliere die Kontrolle über meine Füße und stolpere.
Ich höre noch das Feuer, das in der Kehle des Drachen aufbricht. Dann pralle ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes, und gnädige Dunkelheit schlägt über mir zusammen.
Es ist mein eigenes Blut, das mich wieder zu Bewusstsein bringt. Es läuft über meine Schläfe, offenbar bin ich gegen den Stein vor mir geprallt. Mein Kopf ist ein einziger Schmerz, in meinen Ohren fiept es fürchterlich. Aber ich bin noch am Leben.
Benommen richte ich mich auf. Ich liege auf der Lichtung vor dem Vulkan. Die Erde unter mir ist verkohlt, als wäre dieser Ort früher einmal niedergefackelt worden. Das verdammte Fiepen übertönt jedes andere Geräusch. Umso deutlicher spüre ich die schweren Schritte, die jetzt auf mich zukommen.
Ich will mein Schwert packen, aber es ist nicht mehr da. Gleich darauf höre ich das Knirschen von Metall und sehe die riesige Klaue dort drüben, die mein Schwert zerbricht wie Glas. Dann tritt der Drache auf die Lichtung.
Er ist so groß, dass seine Schwingen den Himmel verdecken. Säbelgleiche Hörner ragen aus seinem gewaltigen Schädel, gezackte Hornplatten zu beiden Seiten seines Kopfes lassen ihn noch mächtiger wirken, und seine Schuppen ziehen sich über die Schnauze bis hinauf zum Rückenkamm. Aber er ist nicht schwarz, wie es zuerst den Anschein hatte, sondern dunkelrot wie mein Blut. Nun holt er Atem, als wolle er meinen Geruch aufnehmen. Glühende Adern laufen über seine Schwingen, und mit einem Rauschen, das mir das Haar zurückschlägt, setzt er seinen Körper in goldene Flammen.
Die Luft schießt glühend heiß in meine Kehle, aber ich kann mich nicht abwenden. Alles, was ich je über diesen Drachen gehört habe, verbrennt unter seinem Blick zu Asche. Nichts lässt er in meinem Schädel zurück als dies: Vor mir steht ein Rhakadhùn.
Ich war sicher, mein Messer gehoben zu haben, aber jetzt, da sein Schatten mich trifft, erkenne ich, dass das nicht stimmt. Ich liege nur da und sehe zu ihm auf, zu diesem schrecklichen, grausamen, wunderschönen Drachen, und sein Schatten ist nicht glühend heiß, wie ich glaubte, sondern kühl wie der Himmel in der Nacht.
Sein Feuer jedoch prasselt in seiner Kehle, und als er das Maul öffnet und messerscharfe Zähne in der flirrenden Luft aufblitzen, zittere ich heftig. Gleichzeitig packt mich die Wut. Schlimm genug, dass ich dem Drachen in die Falle gegangen bin, schlimm genug, dass ich wie ein armseliges Tier in seinem Feuer sterben werde. Aber ich werde dabei nicht mit den Zähnen klappern!
Mit rasendem Herzen erwidere ich seinen Blick. Ich erwarte dieselbe Kälte darin, die ich in den Augen aller Drachen gesehen habe, die mit wehrlosen Menschen gespielt und sie am Ende getötet haben. Aber stattdessen erinnere ich mich an seinen Gesang, und da bemerke ich, dass haltlose Traurigkeit in seinen Augen steht.
Er stößt ein unwilliges Grollen aus, und mein Blick fällt auf seine Brust. Ein Schnitt läuft darüber hin, tief wie von einer Kralle gezogen. Kein anderer Drache hätte einen Rhakadhùn auf diese Weise verwunden können, das weiß ich, und ich brauche nicht seine blutige Klaue zu sehen, um zu begreifen, dass er sich selbst verletzt hat.
Ich weiß nicht, warum dieser Anblick mich so erschreckt. Aber plötzlich huschen Worte durch meinen schmerzenden Schädel, die ich in einem der Märchenbücher der Gilde gelesen habe.
Warum weinst du, Kind des Feuers?, frage ich den Drachen in Gedanken, so selbstverständlich, als hätte ich nie etwas anderes getan. Weißt du nicht, dass du den Himmel der Welt in deinen Augen trägst?
Ich halte den Atem an. Etwas wie Erstaunen geht über seine Züge, und für einen winzigen Moment fühle ich, dass er die Sehnsucht kennt, die das Gold der Drachen in mir geweckt hat – die Sehnsucht nach den Wundern dieser Welt.
Gleich darauf knurrt er so durchdringend, dass mir Funken entgegenfliegen. Drachen weinen nicht, rast seine Stimme durch meine Gedanken. Sie brennen!
Damit breitet er die Schwingen aus, heftiger Sturm hüllt mich ein. Und ehe ich etwas erwidern kann, jagt der Rhakadhùn über die Wipfel der Bäume davon.
Wie in einem Traum starre ich auf die Funken, die aus der Dunkelheit des Himmels fallen. Der Drache des Goldenen Feuers hat mich nicht getötet. Stattdessen hat er mit mir gesprochen.
Etwas rinnt meine Stirn hinab. Aber es ist nicht mein eigenes Blut. Es ist das schwarze Blut des Drachen, das mich getroffen hat.
Atemlos lasse ich die Hand sinken. Erst jetzt sehe ich die Pfützen, die er bei seinem Abflug über der Lichtung verteilt hat … Pfützen aus Blut. Es sind zu viele, als dass sie aus einer einzigen Wunde stammen können, und mein Herz setzt für einen Schlag aus.
Der Drache des Goldenen Feuers hat mir keine Falle gestellt, wie ich glaubte, und er ist auch nicht in den Wald zurückgekehrt, um über den Wipfeln zu singen.
Er ist an diesen Ort gekommen, um zu sterben.
Die Morgendämmerung färbt den Horizont dunkelrot und lässt Rhorkas Flügel glühen. Kar’mal und Bomper wirken vor uns wie Schattenrisse, und Ysios fliegt übermütig zwischen ihnen hin und her. Es sieht fast friedlich aus. Aber eben nur fast.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal bewusst einen Sonnenaufgang gesehen habe, und auch jetzt habe ich nur einen Blick dafür, weil wir direkt auf ihn zuhalten. Und weil mich der Himmel an ein Meer aus Blut erinnert. Er ist ein Vorzeichen dessen, was uns erwartet. Das ist mir klar, seit uns die Sirenen gerufen haben.
Meine Gefährten unterhalten sich in Gedanken, aber ihre Worte fließen an mir vorbei wie der Wind. Alles, was ich deutlich wahrnehme, sind die Bewegungen Rhorkas und die Kälte, die mir entgegenweht, als wir jetzt tiefer sinken. Sie ist so stark, dass sie mir bis in die Knochen dringt.
Die Blockhütten am Nason Creek sind längst verfallen. Dafür hat sich vor langer Zeit ein Trailerpark am Fluss angesiedelt. Im Krieg wurde er zu einem guten Versteck, denn kaum jemand verirrte sich hierher. So waren die Menschen am Nason Creek einigermaßen in Sicherheit. Bis jetzt.
Die meisten Trailer liegen kreuz und quer verteilt, als hätte eine gewaltige Macht sie durch die Gegend geworfen. Ein paar Camper wurden auseinandergerissen, andere sehen aus wie mit einem scharfen Schwert zerschnitten. Eis glitzert auf den zerbrochenen Scheiben. Und zwischen ihnen, ins verbeulte Metall gedrückt oder von den Ästen der Bäume aufgespießt, liegen die Menschen.
Rhorkas Schwingenschlag fegt Eiskristalle durch die Luft, als wir auf gefrorener Erde landen. Mein Blick bleibt an dem alten Mann hängen, der vor dem Rauchfeuer zusammengebrochen ist. Seine Hand hat sich in die Asche gegraben, als hätte er versucht, vor der Kälte zu fliehen. Seine Augen sind gefroren. Auch die anderen Körper sind noch mit Eis überzogen. Aber die Morgensonne schmilzt den Schnee von den Wunden, und ich kann das Blut riechen. Bald werden die Tiere kommen. Der Drache hat genug für sie übrig gelassen.
Wortlos weise ich meine Gefährten an, den Trailerpark zu durchsuchen. Ich rechne nicht damit, noch Überlebende zu finden. Aber vielleicht gibt es einen Hinweis auf den Urheber dieser Zerstörung. Bisher hat der Drache keinerlei verwertbare Spuren hinterlassen, was es schwierig macht, ihn zu jagen. Zwar hat Kane sich sofort auf Fährtensuche begeben, doch selbst er scheint hier an seine Grenzen zu stoßen. Es ist, als würde sich der Drache in Luft auflösen, nachdem er die schlimmstmögliche Grausamkeit über die Menschen gebracht hat.
Ein Geräusch zieht alle meine Sinne auf sich. Gleichzeitig spüre ich, dass ich beobachtet werde. Langsam und wie zufällig nähere ich mich einem umgestürzten Baum.
Die Krone hat einen Trailer unter sich begraben. Der Geruch von frischem Blut steigt mir in die Nase. Unmerklich beuge ich mich vor und schaue in das Gesicht einer jungen Frau. Ihre Augen sind blau wie ein Stück vom Himmel, ihr langes, dunkles Haar umrahmt ihr Gesicht. Sie ist eine Jägerin, und das erkenne ich nicht nur an den Lederklamotten und den Messern an ihrer Hüfte. Sondern vor allem an dem Pfeil, den sie mit ihrem gespannten Bogen auf mein Gesicht gerichtet hat.
Langsam hebe ich die Hände, um ihr zu zeigen, dass ich nicht die Absicht habe, sie anzugreifen. Sie rührt sich nicht, aber ihr Puls rast. »Schon gut«, sage ich. »Du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden dir nichts tun.«
Sie zeigt keine Reaktion, und ich bin nicht sicher, ob sie meine Worte verstanden hat. Ihr Blick gleitet an mir vorbei. Amara taucht auf Kar’mals Rücken hinter mir auf, und die Fremde wird kreidebleich.
»Nicht …«, bringe ich noch hervor, da schnellt ihr Blick zu mir zurück, und sie lässt den Pfeil los. In letzter Sekunde wehre ich ihn ab. Er zersplittert in meiner Hand, und das gibt der jungen Frau den Rest. Sie springt aus der Baumkrone und rennt zwischen den Trailern davon, geradewegs auf den Wald zu. Dorthin, wo die Wölfe bereits warten.
Gut gemacht, grollt Rhorkas Stimme durch meine Gedanken. Fängst du sie wieder ein oder soll ich?
Ich werfe ihr einen finsteren Blick zu und laufe der Fremden nach. Mein Sturm holt sie ein und drängt sie gegen einen umgestürzten Camper. Ich kann ihr Herz fühlen, als ich vor ihr stehen bleibe. Ihre Angst ist wie ein Schlag in den Magen. Wieder hebe ich die Hände und schwäche meinen Sturm so weit ab, dass sie Atem holen kann.
»Die Wölfe kommen«, sage ich ruhig. »Und die Bären. Sie haben die Toten gerochen. Wenn du in die Wälder läufst, wirst du nicht überleben. Wir sind hier, weil ihr uns gerufen habt. Wir wollen dir helfen.«
Erst jetzt mustert sie mich, und als sie kein Zeichen des Königs an mir findet, lässt ihre Panik nach. »Der Drache …«, flüstert sie, und ihre Stimme versagt.
Ich ziehe meinen Sturm zurück. Sie stolpert nach vorn, als wäre er ihr letzter Halt gewesen. Ich fange sie auf, und mir wird bewusst, dass sie jünger ist, als ich dachte. Sie ist ungeheuer dünn, und hinter dem Schmutz verbirgt sich das Gesicht eines halben Kindes. Ich gehe in die Knie und halte sie fest, als sie zu Boden sinkt. Sie zittert, während das ganze Grauen der Ereignisse über sie hereinbricht.
»Was ist passiert?«, frage ich und streiche behutsam über ihr Haar. Es ist weich wie das Gefieder eines kleinen Vogels.
»Der Drache«, wiederholt sie. »Ich war auf der Jagd. Aber ich habe ihn gesehen. Riesengroß. Und diese Augen …« Sie erschaudert. »Ich bin gerannt, aber ich kam zu spät. Alle waren schon tot. Einfach alle. Ich habe meinen Vater gefunden, vorn am Bach. Er ist zerbrochen, als ich ihn berührt habe. Zu Schnee. Ich habe noch nie zuvor Schnee gesehen. Ich hätte ihn mir nicht so kalt vorgestellt.« Sie krümmt sich zusammen und weint. Ihre Finger krallen sich in meinen Arm.
Ich will sie gerade hochheben und zu Rhorka bringen, als sie anfängt, zu lachen. Erst leise, dann immer lauter. Zuerst denke ich, dass das der Schock ist. Aber dann sieht sie mich an. Die Tränen gefrieren auf ihren Wangen, und mit seltsam dunkler Stimme flüstert sie: »Du bist zu spät gekommen. Zu spät … Thar’ Eryos!«
Der Name fährt mir mit Eiseskälte ins Gesicht. Kein Mensch der Dörfer kennt ihn. Und es ist auch kein Mensch mehr, der mich aus der Hülle der jungen Frau ansieht, jetzt, da ihre Augen sich in Eis verwandeln. Es ist ein Drache.
Ich höre noch Rhorkas warnenden Ruf, aber es ist zu spät. Schon gräbt das Wesen in meinen Armen die Nägel in mein Fleisch, und die Kälte des Drachen schießt in mich hinein, so gewaltig, dass mein Körper augenblicklich gelähmt ist. Ich kann mich nicht von den Eisaugen vor mir abwenden und spüre, wie der Drache in meinen Kopf eindringt.
Er will wissen, wo die Gilde der Schatten ist. Er will sie zerstören. Und es ist nicht nur eiskalte Magie, die er in meinen Schädel schickt. Er bringt auch die Schreie derer mit, die er zerrissen hat. In einem schrecklichen Bilderstrom stürzen die Gesichter der Sterbenden auf mich ein – Männer, Frauen, Kinder, panisch und mit verzerrten Mündern. Es fühlt sich an, als würden sie mit den Fäusten gegen die Mauer um meinen Geist hämmern.
Du bist zu spät gekommen. Zu spät …
Für einen Atemzug ist es, als würden sie mich zerfetzen, genauso, wie der Drache sie getötet hat. Und es liegt kein Schrecken in der Vorstellung, sondern eine seltsame Gelassenheit. Aber dann breitet der Drache auf meinem Rücken die Flügel aus. Die Kraft des Sturms reißt die Lähmung aus meinem Körper und zerstört den Bilderstrom.
In meinen Armen liegt die junge Frau. Noch immer starrt sie mich mit den Augen des Drachen an. Ich schicke meinen Sturm in ihre Brust und zerbreche ihr Herz, das der Drache in einen Klumpen aus Eis verwandelt hat. Ich fühle noch, wie seine Klauen ein letztes Mal über meine Gedanken schrammen. Dann ist er fort.
Die junge Frau aber ist noch da. Sie sieht mich an, mit Augen wie ein Stück vom Himmel. Ihr Blick fällt auf das Blut, das aus meinem Ohr rinnt. Entsetzen zieht über ihr Gesicht. Dann fällt ihr Kopf nach hinten, und auch sie ist nicht mehr da.
Norik.
Es ist Rhorkas Stimme, die mich in der plötzlichen Stille erreicht. Ich komme auf die Beine, die junge Frau noch in den Armen. Ihr Kopf lehnt an meiner Brust, sie ist so leicht, dass ich ihr Gewicht kaum fühle. Unter den Blicken meiner Gefährten trage ich sie zum Rauchfeuer und bette sie in die Asche. Sie sieht fast friedlich aus, wie sie daliegt. Ein kleiner Vogel, vom Sturm zerrissen.
Es kostet mich nicht mehr als ein Atemholen, und der Rauch entfacht sich zu magischem Feuer. Dann schwinge ich mich auf Rhorkas Rücken und erhebe mich mit meinen Gefährten in die Luft. Ich schaue nicht zurück, denn ich weiß, dass mein Sturm das Feuer über den gesamten Trailerpark ausweiten wird. Es wird erst ausgehen, wenn die Toten vollständig verbrannt sind. Sollen sich die Wölfe und Bären eine andere Beute suchen.
»Das war eine Falle«, sage ich, den Blick auf den noch dunklen Horizont im Westen gerichtet.
Rhorka wendet sich halb zu mir um. Die Morgensonne lässt ihre Augen glühen. Was meinst du damit?
»Der Drache hat das Mädchen befallen wie ein Dämon. Er hat abgewartet, bis wir sie finden. Und dann hat er versucht, in meinen Kopf zu kommen.«
»Das bedeutet, dass er klug ist«, meint Juri. »Aber nicht klug genug für dich. Du hast ihn rausgeworfen, als wäre es gar nichts.«
Amara wirft einen Blick auf mein Ohr. Es hat aufgehört zu bluten, aber ich weiß, was sie denkt. Ich war unvorsichtig. Ich hätte mit einem Angriff rechnen müssen.
»Er wollte deine Gedanken lesen«, murmelt Enno. »Er hat ein Ziel.«
»Und welches?« Juri hebt die Brauen. »So viele Menschen wie möglich auf grausamste Weise zu töten?«
»Die Menschen sind nur eine Ablenkung.« Ich lege mich in den Wind. »Das wahre Ziel des Drachen ist die Gilde.«
Die Sehne meines Bogens sirrt, als ich sie spanne. Ich stehe auf dem früheren Parkplatz der O’Dea High School gegenüber der St. James Cathedral. Alvarez hat hier einen neuen Parcours aufgebaut, an dem seine Novizen sich abarbeiten können. Metallene Statuen von Drachen und Königsreitern stehen bereit, um getroffen zu werden, und nicht selten werden die Angriffe mit heimtückischen Tricks abgewehrt.
Am anderen Ende trainiert Emilio mit Lucy und Nesrin auf dem Turm der Schwerter, einem ebenfalls von Alvarez neu gebauten Übungsturm mit mehreren Ebenen. Es ist nicht leicht, auf den schwankenden Treppen und rostigen Metallplatten das Gleichgewicht zu halten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Turm mindestens so bösartig sein kann wie ein Gegner im Kampf. Aber Emilio und die anderen schlagen sich gut. Nach unserem erfolgreichen Ausflug in den Dschungel außerhalb der Kuppel fehlt nur noch Alvarez’ Zustimmung, damit wir die Prüfung ablegen dürfen, die unsere Tauglichkeit als Krieger beweisen wird. Und wir tun alles dafür, sie so schnell wie möglich hinter uns bringen zu können. Alvarez findet uns allerdings allesamt noch nicht gut genug.
Ihr selbst seid euer größter Feind. Ihr müsst kämpfen können, allein und mit einem Drachen. Das ist alles. Aber seht euch an. Würde ich euch so in die Prüfung lassen, würdet ihr gegrillt werden!
Ich mache gute Fortschritte, was Kampfkunst und Magie betrifft. Aber bald werde ich mich den Trainingsdrachen stellen müssen, und davor habe ich immer noch großen Respekt.
Als hätte er meine Anspannung gespürt, nickt Emilio mir zu, doch er kommt nicht zu mir. Er kennt mich inzwischen gut genug, um zu wissen, wann ich meine Ruhe haben will. Und die will ich an diesem Morgen mehr als alles andere.
Ich lasse den Pfeil los, und prompt blitzt das Gesicht von Harok vor meinem inneren Auge auf. Ich verreiße den Bogen, der Pfeil schrammt über den Rückenkamm meines Zieldrachen und bleibt dahinter in einem ausgebrannten Truck stecken. Mit finsterer Miene stapfe ich auf meinen Pfeil zu, aber ich sehe immer noch Harok vor mir. Und sein arrogantes Grinsen, als ich ihm im Morgengrauen den ersten goldenen Kristall auf seinen Amboss geworfen habe.
Nur weiter so, hat er gesagt. Bring mir noch drei so winzige Kristalle, und ich mache dir einen hübschen Anhänger daraus. Wenn du willst in Form meines lachenden Gesichts.
Wütend reiße ich den Pfeil aus dem Truck. Am liebsten hätte ich Harok erzählt, dass ich dem Rhakadhùn in die Augen geschaut habe. Aber erstens hätte er mir das niemals geglaubt. Zweitens hätte ich ihm dann auch sagen müssen, dass ich anschließend derart weiche Knie hatte, dass ich meine Suche nach den Kristallen abbrechen musste. Und drittens hätte ich ihm womöglich auch davon berichtet, was der Feuerdrache getan hat … von den Pfützen aus Blut und den Wunden in seiner Brust. Und so seltsam es für mich selbst ist: Ich will Harok das nicht verraten.
Also bin ich wortlos abgezogen und hierhergekommen, um meine Wut abzubauen. Normalerweise funktioniert das mit einem harten Training zuverlässig. Ausgerechnet heute jedoch ist Harok höchstselbst hier vorbeigeschlendert und hat mich spöttisch beobachtet, als würde er sich wundern, dass ich mir vor Unfähigkeit nicht selbst in den Fuß schieße.
Inzwischen ist er wieder verschwunden, aber meine Wut ist immer noch da.
Ich kehre an meinen Ausgangspunkt zurück und stelle mir vor, dass nicht der Metalldrache mein Ziel ist, sondern Haroks Nase. Wieder spanne ich den Bogen.
»Ellbogen hoch.«
Der Satz trifft mich so unerwartet, dass ich den Pfeil loslasse. Wieder bohrt er sich in den Truck, aber es interessiert mich nicht mehr. Dort am Rand des Platzes steht Kane. Ein leises Lächeln umspielt seinen Mund. Genau wie früher, als er das zu mir gesagt hat. Hinter ihm zupft sein Pferd Gras aus dem aufgebrochenen Asphalt. Die Mähne schimmert grünlich, offenbar ist das Pferd mutiert.
Kane kommt zu mir herüber. »Ich habe dich im Smith Tower gesucht«, sagt er. »Aber du warst nicht da.«
Mein Herzschlag pocht in meiner Kehle. »Lustig, dass du das sagst. Du warst viele Jahre lang nicht da.« Ich klinge härter, als ich erwartet habe, und ich sehe an Kanes Blick, dass jedes meiner Worte ihn getroffen hat. Trotzdem kann ich nicht aufhören. »Und du hast dir ein Haustier zugelegt.«
Er lässt mich nicht aus den Augen. »Ich bin eher ihr Haustier. Sie hat ihren eigenen Kopf. Aber sie trägt mich, seit ich sie vor einem Wolf gerettet habe, und sie hat sich abgewöhnt, mich zu beißen. Sie heißt Rosinante.«
Dieser verfluchte Name schnürt mir die Kehle zu. Ich weiß noch genau, wie Andor und ich über ihn gelacht haben, jedes Mal, wenn Kane uns die Geschichte von Don Quichotte erzählt hat. Jetzt kommt es mir vor, als wäre das in einem anderen Leben passiert. Ich kann nicht verhindern, dass mir die Tränen kommen. Und ich kann sehen, dass Kane mit dem Bedürfnis kämpft, die Hand nach mir auszustrecken, als wäre ich ein verwundetes Tier. Meine Stimme ist nur ein Flüstern, als ich sage: »Ich dachte, du wärest tot.«
»Dasselbe dachte ich von dir. Von dir und …« Er spricht nicht weiter. Der Name meines Bruders hängt zwischen uns in der Luft. »Ich dachte, ihr wäret im großen Feuer unserer damaligen Enklave umgekommen.«
»Sind wir nicht. Wir konnten fliehen. Nur Andor ist später im Feuer gestorben. In Aryons Feuer. Wo bist du gewesen?«
»Ich war tot. Aber anders als du dachtest.« Er wendet den Kopf und zieht das Hemd am Kragen ein Stück herunter. Seine Hände sind vernarbt, und ich kann das Brandmal an seinem Hals sehen. Ein eisiger Schauer rast über meine Haut. Die Narbe lässt kaum noch etwas von dem einstigen Zeichen erahnen, und doch erkenne ich es sofort.
»Das Mal des Königs«, sage ich heiser.
Kane zieht das Hemd wieder hoch, als würde er mir den Anblick ersparen wollen. »Ich bin in Gefangenschaft geraten. Der König hat meinen Willen gebrochen und mich zu einem seiner Reiter gemacht.«
Meine Knie werden so plötzlich weich, dass ich mich hinsetzen muss. Wortlos lässt Kane sich neben mir nieder, und so sitzen wir nebeneinander wie früher, wenn er von einem Raubzug zurückgekehrt war. Ich betrachte die Narben auf seinen Händen, die von Kämpfen und Folterungen zeugen. Aber so sehr ich es auch versuche, ich kann ihn mir nicht als Königskrieger vorstellen. Bis er meinen Blick erwidert. Und da erkenne ich den gebrochenen Mann, der er geworden ist, weit hinter der Maske des Kriegers. Den Mann, der für den König kämpfen musste.
»Was hat er getan?«, frage ich. »Wie hat er …«
Mein Onkel bringt ein trauriges Lächeln zustande. »Wie er es schaffen konnte, meinen Willen zu brechen? Wo ich doch immer der größte Sturkopf der ganzen Stadt war?« Er senkt den Blick auf seine Hände, das Lächeln verschwindet. »Der König bricht jeden, Sira. Früher oder später. Wenn du einmal in seine Hände gerätst, hast du keine Chance. Sein Feuer frisst dich auf. Und am Ende kann er mit dir machen, was er will.« Er fährt sich über die Augen. »Zuerst hat er es mit Gewalt versucht. Dann hat er mir gedroht, das Liebste zu vernichten, was ich habe: Andor und dich. Euch zu jagen und zu finden, euch vor meinen Augen zu Sklaven seines Willens zu machen. Anfangs habe ich ihm nicht geglaubt. Aber dann habe ich gesehen, was er anderen angetan hat. Und schließlich habe ich nachgegeben. So wurde ich sein Krieger. Ich habe Dinge getan, die …« Er schüttelt den Kopf. »Ich war nicht mehr da. Bis auf ein kleines Feuer. Meine Liebe zu euch. Er hat geglaubt, dass sie ausgelöscht wird, mit jeder meiner entsetzlichen Taten ein wenig mehr. Aber so war es nicht. Im Gegenteil hat sie mich davor bewahrt, ganz von ihm vernichtet zu werden. Ich habe gelernt, sie vor ihm zu verbergen. Und so hat sie mir schließlich dabei geholfen, mich von ihm zu befreien.«
Mein Mund ist staubtrocken. »Wie hast du das angestellt?«
»Indem ich sein Vertrauen errungen habe. Ich bekam den Auftrag zur Auslöschung einer Station in Philadelphia. Als ich nach New York zurückkam, war unsere Enklave niedergebrannt. Ich glaubte, ihr wäret tot. Und ich dachte, ich müsste auch sterben, so schlimm war der Schmerz. Aber ich bin nicht gestorben. Und ich begriff, dass meine Liebe immer noch da war – und dass der König mich belogen hat, von Anfang an. Er hat euch getötet.
In jener Nacht beschloss ich, ihn umzubringen. Es gelang mir nicht. Aber ich schaffte es, vor ihm zu fliehen. Und ich löschte aus, was er mir angetan hat. Jedenfalls so gut ich konnte.« Er hebt sein Schwert, das er unter seinem Umhang verborgen hatte.
Ich weiche zurück, denn es ist ein Königsreiterschwert. Aber dann sehe ich, dass Kane es verändert hat. Blumen umgeben den Knauf anstelle des Königswappens. Es sind die Blumen, die Andor so gern gezeichnet hat. Und auf der Klinge sind keine Heldentaten zu sehen, sondern Andor und ich. Wieder und wieder.
»Wie bist du den König losgeworden?«, frage ich. »Ich meine … in dir.«
»Ich habe ihn aus mir herausgerissen. Wie ich schon sagte: Ich bin gestorben, in mehrfacher Hinsicht. Und am Ende war er fort.«
»Dann ist er nicht mehr in dir?«
Er schüttelt den Kopf. »Norik hat mich geprüft. Er hätte es gespürt, wenn der König oder dessen Macht noch ein Teil von mir wäre.«
Noriks Name schickt Wärme durch meinen Leib. »Kennt ihr euch schon lange?«
»Nachdem ich dem König entkommen war, habe ich all meine Kraft dafür genutzt, ihm zu schaden. Anfangs überfiel ich seine Krieger, irgendwann kam ich mit den Schattenreitern in Kontakt. Ich fing an, die Königstruppen auszukundschaften und Menschen in geheime Enklaven zu führen. All mein Wissen verriet ich an die Gilde, und seit etwa zwei Jahren vertrauen die Reiter mir genug, um mich als einen der ihren zu behandeln.«
»Zwei Jahre.« Ich schlucke. »Warum bist du nicht nach New York zurückgekommen? Warum hast du nicht nach Andor und mir gesucht?«
»Glaubst du wirklich, das hätte ich nicht getan? Ich habe tagelang in der Asche unserer damaligen Station tote Menschen ausgegraben. Ich hätte alles dafür gegeben, euch zu finden. Aber alles, was ich gefunden habe, war das hier.« Er holt etwas aus seiner Tasche, und ich stoße einen leisen Schrei aus, als ich es erkenne. Es ist Andors Zauberbuch, in dem er seine Bilder verewigt hat.
Meine Finger zittern, als ich es berühre. Es ist, als würde ich ein Geschenk meines Bruders in den Händen halten. »Andors Buch«, flüstere ich. »Du hast es gefunden.«
»Es hat mich gerettet«, murmelt Kane. »Hat mich aus der Asche geführt, die alles in mir zugedeckt hatte. Das letzte bisschen Leben. Und doch bin ich vor dem Schmerz geflohen.« Er sieht mich an. »Es tut mir so leid, Sira. Ich habe euch aufgegeben. Am Ende hat der König mich doch noch gekriegt.«
Er birgt das Gesicht in seiner Hand, und mein Herz zieht sich zusammen, als ich sehe, dass er weint. Lautlos wie damals in den Tunneln, als meine Eltern gestorben waren.
»Nein.« Ich greife nach seiner Hand und zwinge ihn, mir in die Augen zu schauen. »Das hat er nicht. Du hast uns mitgenommen, in dir. Du hast uns nicht in der Asche gelassen.«
»Aber Andor …«, wendet er ein.
Ich kann nicht verhindern, dass auch mir die Tränen kommen. »Andor wäre stolz auf dich, wenn er dich jetzt sehen könnte. Onkel Kane ist ein Held, würde er sagen. Er hat uns gerettet.«
Meine Stimme versagt, und da zieht Kane mich an sich. Ich versinke in seiner Umarmung, genau wie früher. Alles Fremde verschwindet in der Wärme, die mich jetzt einhüllt. Ich grabe die Finger in seinen Umhang. Er riecht noch wie damals, nach Feuer und Zimt und altem Papier. Selbst sein Atem in meinem Haar ist mir vertraut. Und endlich, seit so vielen Jahren, kann ich wieder weinen, ohne Angst. Er war immer der Einzige, bei dem ich das konnte.
»Du bist unglaublich«, raunt er in mein Haar, wie früher, und ich weine noch ein bisschen mehr.
»So wie du, Kane«, schluchze ich. »So wie du.«
