Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Sie werden nicht schlafen können, bis sie AGENT NULL ausgelesen haben. Ein großartiges Werk mit einer Reihe von Charakteren, die ausgereift und unterhaltsam sind. Die Beschreibung der Actionszenen entführt uns in eine Realität, die sich fast wie im Kino mit Surround-Sound und 3D-Effekt anfühlt (es würde sich großartig als Hollywood-Film machen). Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten." --Roberto Mattos, Books and Movie Reviews Als CIA-Agent Null in JAGD AUF NULL (Buch #3) erfährt, dass seine beiden Teenager-Mädchen entführt wurden und sich auf dem Weg zu einem Menschenhandelsring nach Osteuropa befinden, beginnt er eine rasante Verfolgungsjagd quer durch ganz Europa und hinterlässt dabei eine Spur der Verwüstung, während er alle Regeln bricht, sein eigenes Leben riskiert und alles tut, um seine Töchter zurückzubekommen. Kent, der von der CIA zum Rückzug aufgefordert wird, weigert sich. Ohne die Unterstützung der Agentur, mit Maulwürfen und Auftragskillern zu allen Seiten, mit einer Geliebten, der er kaum vertrauen kann und während er selbst ins Visier genommen wird, muss sich Agent Null zahlreichen Gegnern stellen, um seine Mädchen zurückzubekommen. Gegen den tödlichsten Menschenhandelsring Europas, dessen politische Verbindungen bis an die Spitze reichen, ist dies ein unmöglicher Kampf – ein Mann gegen eine Armee – ein Gefecht, das nur Agent Null führen kann. Ihm wird bewusst, dass seine eigene Identität jedoch das möglicherweise verhängnisvollste Geheimnis von allen ist. JAGD AUF NULL (Buch #3) ist ein Spionage-Thriller, den Sie nicht wieder aus den Händen legen werden können und der Sie bis tief in die Nacht hinein an sich fesseln wird. "Thriller-Schreiben vom Feinsten." --Midwest Book Review (über Koste es, was es wolle) "Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe." --Books and Movie Reviews (über Koste es, was es wolle) Ebenfalls erhältlich ist Jack Mars' #1 meistverkaufte LUKE STONE THRILLER SERIE (7 Bücher), die mit Koste es, was es wolle (Buch #1), einem kostenlosen Download mit über 800 Fünf-Sterne Bewertungen, beginnt!
Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
J a g d a u fn u l l
(ein agent null spionage-thriller—Buch 3)
J A C K M A R S
Jack Mars
Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie.
Jack würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie seine Webseite www.Jackmarsauthor.com und registrieren Sie sich auf seiner Email-Liste, erhalten Sie ein kostenloses Buch und gratis Kundengeschenke. Sie können ihn ebenfalls auf Facebook und Twitter finden und in Verbindung bleiben!
Copyright © 2019 durch Jack Mars. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie gemäß unter dem US Urheberrecht von 1976 ausdrücklich gestattet, darf kein Teil dieser Veröffentlichung auf irgendeine Weise oder in irgendeiner Form, reproduziert, verteilt oder übertragen, oder in einem Datenbank- oder Datenabfragesystem gespeichert werden, ohne zuvor
BÜCHER VON JACK MARS
LUKE STONE THRILLER SERIE
KOSTE ES, WAS ES WOLLE (Buch #1)
AMTSEID (Buch #2)
LAGEZENTRUM (Buch #3)
AGENT NULL SPIONAGE SERIE
AGENT NULL (Buch #1)
Agent Null - Buch 2 Zusammenfassung (Rekapitulation für Buch 3)
Proben eines antiken, tödlichen Virus werden aus Sibirien gestohlen und in Spanien freigesetzt, wo sie Hunderte von Menschen binnen Stunden töten. Obwohl seine Erinnerungen als Agent der CIA immer noch bruchstückhaft sind, wird Agent Null dennoch wieder eingesetzt, um zu helfen, den Virus zu finden und zu sichern, bevor eine terroristische Organisation ihn in den Vereinigten Staaten freisetzen kann.
Agent Null: Weitere Erinnerungen an sein früheres Leben als Agent der CIA kehren zu ihm zurück, insbesondere jene über einen geheimen Komplott der amerikanischen Regierung, einen vorgeplanten Krieg aus heimtückischen Gründen zu entfesseln. Die Details über das, was er vor zwei Jahren wusste, sind trübe und wage. Bevor er jedoch die Möglichkeit hat, weiteres zu erforschen, kehrt er nach Hause zurück, wo er entdeckt, dass seine zwei Töchter entführt wurden.
Maya und Sara Lawson: Während der Abwesenheit ihres Vaters waren die Mädchen unter der aufmerksamen Obhut von Mr. Thompson, ihrem Nachbarn, einem pensionierten CIA Agenten. Als der Attentäter Rais einbrach, gab Thompson sein Bestes, um ihn abzuwehren, doch fand letzten Endes seinen Tod, während Maya und Sara entführt wurden.
Agent Maria Johansson: Erneut war Maria eine unentbehrliche Verbündete, als sie dabei half, den Pockenvirus zu sichern. Obwohl ihre neue Beziehung zu Kent fast romantisch wirkt, hat sie ihre eigenen Geheimnisse. Sie traf einen mysteriösen ukrainischen Agenten am Flughafen von Kiew, um zu besprechen, bei wem Agent Nulls Loyalitäten liegen.
Rais: Nach dem er geschlagen und seinem Tod in der Schweiz überlassen wurde, erholte sich Rais für mehrere Wochen in Handschellen und unter Aufsicht in einem Krankenhaus. Da ihm nichts weiteres als Zeit zur Verfügung stand, leitete er nicht nur eine blutige und tollkühne Flucht in die Wege, sondern schaffte es auch noch, in die USA einzureisen, bevor die internationalen Grenzen aufgrund des Virus geschlossen wurden. Von dort aus fiel es ihm leicht, das Zuhause der Lawsons aufzuspüren, den alten Mann umzubringen und Agent Nulls jugendliche Töchter zu entführen.
Agent John Watson: Als ein Mitglied des Teams, das den Pockenvirus sichern sollte, nahm Watson kein Blatt vor den Mund, dass ihm Agent Nulls waghalsige Taktiken missfallen. Nach ihrem Erfolg dabei, Imam Khalil aufzuhalten, haben die beiden jedoch Verständnis und gegenseitigen Respekt für einander entwickelt.
Inhaltsverzeichnis
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
KAPITEL DREIUNDREISSIG
KAPITEL VIERUNDDREISSIG
KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
KAPTIEL SIEBENUNDDREISIG
KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
KAPITEL VIERZIG
KAPITEL EINUNDVIERZIG
KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
Mit sechzehn Jahren war sich Maya Lawson fast sicher, dass sie bald sterben würde.
Sie saß auf dem Rücksitz eines Kleintransporters mit großer Kabine, während er die I-95 nach Süden, in Richtung Virginia, entlangraste. Ihre Knie waren noch weich vom Trauma und dem Gräuel dessen, was sie kaum eine Stunde zuvor erlebt hatte. Sie starrte teilnahmslos nach vorne und ihr Mund stand in dem erschütterten, leeren Blick ein wenig offen.
Der Wagen hatte ihrem Nachbarn, Mr. Thompson, gehört. Er war jetzt tot und lag wahrscheinlich noch in dem gefliesten Foyer der Lawsons in Alexandria. Der jetzige Fahrer des Transporters war sein Mörder.
Neben Maya saß ihre jüngere Schwester, Sara, die erst vierzehn war. Sie hatte ihre Beine unter sich eingezogen und ihren Körper an Mayas geschmiegt. Sara hatte, zumindest für den Moment, aufgehört zu schluchzen, doch mit jedem Atemzug entglitt ihrem offenen Mund ein leises Stöhnen.
Sara hatte keine Ahnung, was los war. Sie wusste nur, was sie gesehen hatte - den Mann in ihrem Zuhause. Den toten Mr. Thompson. Den Angreifer, der drohte, die Gliedmaßen ihrer Schwester zu brechen, damit Sara die Tür zum Panikraum im Keller öffnete. Sie hatte keine Ahnung davon, was Maya wusste, und auch Maya kannte nur einen kleinen Teil der ganzen Wahrheit.
Doch die ältere der beiden Lawson Geschwister wusste eines, oder sie war sich zumindest fast sicher: sie würde bald sterben. Sie wusste nicht, was der Fahrer des Wagens mit ihnen vorhatte - er hatte versprochen, ihnen nichts anzutun, solange sie tun würden, was er von ihnen verlangte - doch das hatte nichts zu bedeuten.
Trotz des gefühllosen Ausdrucks auf ihrem Gesicht arbeitete Mayas Gehirn wie verrückt. Nur eines war jetzt wirklich wichtig: es ging darum, Sara in Sicherheit zu bringen. Der Mann am Steuer war aufmerksam und kompetent, doch irgendwann würde er einen Fehler begehen. Wenn sie alles täten, was er verlangte, würde er zu selbstsicher werden, möglicherweise für nur eine Sekunde, und dann würde Maya handeln. Sie wusste noch nicht, was sie tun würde, doch es musste direkt, erbarmungslos und entkräftend sein. Es würde Sara die Chance zur Flucht ermöglichen, um in Sicherheit zu gelangen, zu anderen Menschen, zu einem Telefon.
Es würde Maya wahrscheinlich das Leben kosten. Dessen war sie sich jetzt schon schmerzhaft bewusst.
Ein weiteres, leises Seufzen entsprang den Lippen ihrer Schwester. Sie steht unter Schock, dachte Maya. Doch das Seufzen bekam ein Murmeln und sie bemerkte, dass Sara versuchte, zu sprechen. Sie beugte ihren Kopf in die Nähe von Saras Mund, um ihre leise Frage zu hören:
„Warum geschieht uns das?”
„Pssst.” Maya hielt Saras Kopf gegen ihre Brust und strich ihr sanft über das Haar. „Es kommt schon wieder alles in Ordnung.”
Sie bereute es, alsbald sie es gesagt hatte, denn es war eine leere Floskel, etwas, das die Menschen sagten, wenn sie sonst nichts anzubieten hatten. Nichts war in Ordnung und sie konnte auch nicht versprechen, dass wieder alles in Ordnung käme.
„Die Sünden des Vaters.” Der Mann am Steuer sprach zum ersten Mal, seit er sie gezwungen hatte, einzusteigen. Er sagte es ganz lässig, mit einer schaurig ruhigen Stimme. Dann erläuterte er etwas lauter: „Das geschieht euch, wegen der Entscheidungen und des Handelns eines bestimmten Reid Lawson, den andere als Kent Steele kennen und noch viele mehr als Agent Null.”
Kent Steele? Agent Null? Maya hatte keine Ahnung, wovon dieser Mann, der Mörder, der sich selbst Rais nannte, sprach. Doch sie wusste einige Dinge. Genug, um zu wissen, dass ihr Vater ein Agent einer Regierungsgruppe war - FBI, möglicherweise CIA.
„Er hat mir alles weggenommen.” Rais starrte geradeaus auf den Highway vor ihnen, doch er sprach in einem Tonfall von unverfälschtem Hass. „Jetzt habe ich ihm alles weggenommen.”
„Er wird uns finden”, erwiderte Maya. Ihr Ton war gedämpft, nicht herausfordernd, so als würde sie nur eine Tatsache erläutern. „Er wird uns suchen und Sie töten.”
Rais nickte, als ob er mit ihr übereinstimmen würde. „Er wird euch suchen, das stimmt. Und er wird versuchen, mich umzubringen. Das hat er schon zwei Mal versucht und mich dabei meinem Tod überlassen... einmal in Dänemark und dann nochmal in der Schweiz. Wusstest du das?”
Maya antwortete nicht. Sie hatte vermutet, dass ihr Vater etwas mit dem Terrorkomplott zu tun hatte, der einen Monat zuvor, im Februar, statt gefunden hatte. Dabei versuchte eine radikale Splittergruppe ein Bombenattentat auf das Weltwirtschaftsforum in Davos durchzuführen.
„Doch ich lebe weiter”, fuhr Rais fort. „Siehst du, ich dachte, es wäre meine Bestimmung, deinen Vater zu töten, doch ich lag falsch. Es ist mein Schicksal. Kennst du den Unterschied?” Er sprach in einem etwas zynischen Ton. „Natürlich weißt du das nicht. Du bist ein Kind. Die Bestimmung besteht aus Ereignissen, die man erfüllen sollte. Es ist etwas, dass man kontrollieren, lenken kann. Das Schicksal hingegen ist mächtiger als wir selbst. Es wird von einer anderen Macht bestimmt, einer, die wir nicht vollkommen verstehen können. Ich glaube nicht, dass ich aus dem Leben scheiden kann, bevor dein Vater durch meine Hand gestorben ist.”
„Du gehörst zu Amun”, sagte Maya. Es war keine Frage.
„Ich tat es einst. Doch Amun gibt es nicht mehr. Ich alleine bestehe weiter.”
Der Attentäter hatte bestätigt, was sie schon befürchtet hatte. Er war ein Fanatiker, jemand, der von der sektenähnlichen Terrorgruppe Amun indoktriniert wurde, bis er glaubte, dass seine Handlungen nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar notwendig wären. Maya hatte von Natur aus eine Gabe, die aus der gefährlichen Kombination von Intelligenz und Neugier bestand. Nach dem Bombenattentat in Davos hatte sie viel über Terrorismus und Fanatismus gelesen. Die Abwesenheit ihres Vaters während dieses Ereignisses führte sie zu der Spekulation, dass er etwas damit zu tun hatte, dass diese Organisation aufgehalten und zerlegt wurde.
Sie wusste ganz genau, dass dieser Mann sich nicht durch Bitten, Betteln oder Flehen beeinflussen lassen würde. Sie wusste, dass man ihn nicht umstimmen konnte, und es war ihr auch klar, dass er nicht davor Halt machen würde, Kinder zu verletzen. Das alles stärkte sie nur in ihrem Beschluss, zu handeln, sobald sich eine Möglichkeit ergeben würde.
„Ich muss zur Toilette.”
„Das ist mir egal”, antwortete Rais.
Maya runzelte die Stirn. Sie war schon einmal einem Mitglied von Amun auf der New Jersey Uferpromenade entkommen, indem sie vorgab, auf die Toilette zu müssen. So konnte sie auch ihre Schwester Sara in Sicherheit bringen. Keine Sekunde hatte sie die Geschichte ihres Vaters, dass es sich um ein Mitglied einer örtlichen Bande hielt, geglaubt. Es war das Einzige, was ihr jetzt einfiel, damit die beiden auch nur eine kostbare Minute allein zusammen hätten, doch ihre Bitte wurde abgelehnt.
Still fuhren sie einige Minuten auf der Bundesstraße in Richtung Süden weiter, während Maya über Saras Haar strich. Ihre jüngere Schwester schien sich soweit beruhigt zu haben, dass sie nicht mehr weinte. Vielleicht waren ihr aber auch einfach die Tränen ausgegangen.
Rais blinkte und lenkte den Wagen die nächste Abfahrt hinunter. Maya schielte aus dem Fenster und verspürte ein wenig Hoffnung, denn sie fuhren auf eine Raststätte zu. Sie war winzig, kaum mehr als ein Flecken für ein Picknick, der von Bäumen umsäumt war, und neben dem ein kleines, niedriges Backsteinhaus mit Toiletten stand, doch das war schon etwas.
Er würde sie die Toilette benutzen lassen.
Die Bäume, dachte sie. Wenn Sara es zum Wald schafft, dann kann sie ihn vielleicht abhängen.
Rais parkte den Kleintransporter und ließ den Motor einen Moment laufen, während er das Gebäude beobachtete. Maya tat dasselbe. Dort standen zwei Laster, lange Sattelzugmaschinen, die parallel zum Backsteinhaus geparkt waren, doch sonst war da niemand. Außerhalb der Toiletten standen ein paar Verkaufsautomaten unter einem Vordach. Mit Bestürzung bemerkte sie, dass es auf dem Gelände keine Kameras gab, zumindest keine sichtbaren.
„Die Damentoilette ist auf der rechten Seite,” stellte Rais fest. “Ich bringe euch dort hin. Solltest du versuchen, zu schreien oder nach jemandem zu rufen, dann bringe ich die Person um. Wenn du auch nur eine Geste oder ein Signal von dir gibst, dass irgendetwas nicht stimmt, dann bringe ich sie um. Ihr Blut klebt dann an deinen Händen.”
Sara zitterte erneut in ihren Armen. Maya umarmte sie fest. „Ihr zwei haltet euch an den Händen. Wenn ihr euch trennt, dann wird Sara verletzt.” Er drehte sich ein wenig um, damit er sie ansehen konnte - insbesondere Maya. Er hatte schon vermutet, dass sie diejenige sei, die ihm eher Schwierigkeiten bereiten würde. „Habt ihr mich verstanden?”
Maya nickte und lenkte dabei ihren Blick von seinen wilden, grünen Augen weg. Er hatte dunkle Ringe unter ihnen, so als ob er schon einige Zeit nicht mehr geschlafen hätte, und sein dunkles Haar war kurz abrasiert. Er schien nicht sehr alt, ganz bestimmt jünger als ihr Vater, doch sie konnte sein Alter nicht erraten.
Er hielt eine schwarze Pistole hoch - die Glock, die gerade noch ihrem Vater gehört hatte. Maya hatte versucht, sie gegen ihn zu verwenden, als er in das Haus eingebrochen war, und er hatte sie ihr entrissen. „Die hier ist in meiner Hand, und meine Hand wird in meiner Tasche sein. Wenn du mir Schwierigkeiten bereitest, so bedeutet das Schwierigkeiten für sie.” Mit dem Kopf wies er auf Sara. Sie wimmerte ein wenig.
Rais stieg zuerst aus und steckte seine Hand mit der Pistole in seine schwarze Jackentasche. Dann öffnete er die hintere Tür des Wagens. Maya kam zuerst heraus, ihre Beine zitterten als ihre Füße den Asphalt berührten. Sie streckte sich zurück in das Auto, um nach Saras Hand zu greifen und ihrer jüngeren Schwester herauszuhelfen.
„Los.” Die Mädchen liefen vor ihm, als sie sich auf die Toilette zubewegten. Sarah fröstelte, denn Ende März in Virginia bedeutete, dass das Wetter gerade erst umschlug und es zwischen 12 und 15 Grad waren. Beide Mädchen hatten noch ihre Schlafanzüge an. Maya trug nur Flip-Flops an den Füßen, gestreifte Flanellhosen und ein schwarzes, ärmelloses Hemd. Ihre Schwester hatte Turnschuhe ohne Socken, Popeline-Schlafanzughosen mit einem Ananasaufdruck und ein altes T-Shirt ihres Vaters, ein gebatiktes, altes Ding mit dem Logo einer Band, von der die beiden noch nie etwas gehört hatten, an.
Maya drehte den Türknopf und ging zuerst in die Toilette. Angewidert rümpfte sie instinktiv ihre Nase. Der Raum stank nach Urin und Schimmel, und der Boden war aufgrund eines undichten Rohres am Waschbecken nass. Dennoch zerrte sie Sarah hinter sich in die Toilette hinein.
Es gab ein einziges Fenster dort, mit einer Scheibe aus mattiertem Glas, hoch oben an der Wand, die sich nach außen öffnen würde, gäbe man ihr einen kräftigen Stoß. Bekäme sie ihre Schwester dort durch einen Schubs hoch und hinaus, dann könnte sie Rais ablenken, während Sara ihm entkäme...
„Bewegt euch.” Maya zuckte zusammen, als der Attentäter nach ihnen in die Toilette kam. Er würde sie keine Minute allein lassen. „Du, dahin.” Er zeigt auf Maya und dann auf das zweite von drei Toilettenabteilen. Er wies Sara auf das dritte.
Maya ließ die Hand ihrer Schwester los und ging in das Abteil. Es war verdreckt. Sie hätte es nicht einmal benutzen wollen, wenn sie wirklich gemusst hätte, doch sie musste wenigstens so tun, als ob. Sie begann, die Tür zu schließen, doch Rais hielt sie mit seiner Handfläche offen.
„Nein”, befahl er ihr. „Lass sie offen.” Und dann drehte er sich um und blickte in Richtung Ausgang.
Er geht keine Risiken ein. Sie setzte sich langsam auf den geschlossenen Toilettendeckel und atmete in ihre Hände. Es gab nichts, was sie tun könnte. Sie hatte keine Waffen gegen ihn. Er hatte ein Messer und zwei Pistolen, von der sich eine gerade in seiner Hand, versteckt in der Jackentasche, befand. Sie könnte versuchen, auf ihn zu springen, damit Sara entkam, doch er blockierte die Tür. Er hatte schon Mr. Thompson umgebracht, und das war ein ehemaliger Marine und ein Bär von Mann, mit dem die meisten einen Kampf um jeden Preis vermeiden würden. Welche Chance hätte sie schon gegen ihn?
Sara schniefte in der Kabine neben ihr. Das ist nicht der richtige Moment, um zu handeln, wusste Maya. Sie hatte darauf gehofft, doch sie würde weiter warten müssen.
Plötzliche quietschte die Tür zur Toilette laut, als sie aufgestoßen wurde, und eine überraschte weibliche Stimme rief, „Oh! Entschuldigung... bin ich in der falschen Toilette?”
Rais trat einen Schritt zur Seite, neben das Abteil und außerhalb von Mayas Sichtweite. „Es tut mit so leid, meine Dame. Nein, sie sind am richtigen Ort.” Seine Stimme verstellte sich sofort zu einem angenehmen, fast höflichen Tonfall.
„Meine zwei Töchter sind hier drin und... naja, vielleicht bin ich ein wenig zu beschützerisch, aber dieser Tage kann man einfach nie zu vorsichtig sein.”
Diese Finte ließ den Ärger in Maya aufbrodeln. Die Tatsache, dass dieser Mann sie von ihrem Vater entführt hatte und jetzt vorgab, er zu sein, ließ ihr Gesicht vor Wut aufglühen.
„Oh, ich verstehe. Ich möchte nur das Waschbecken benutzen”, antwortete die Frau.
„Natürlich.”
Maya hörte, wie ihre Schuhe gegen die Kacheln klickten, und dann kam eine Frau teilweise in ihr Sichtfeld. Sie hatte ihr Gesicht von ihr abgewandt, als sie am Wasserhahn drehte. Sie schien mittleren Alters, mit Haar, das ihr ein wenig über die Schulter reichte, und war vornehm angezogen.
„Ich kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen”, meinte die Frau zu Rais. „Unter gewöhnlichen Umständen würde ich niemals an einem solchen Ort anhalten, doch ich habe, auf dem Weg, meine Familie zu besuchen, meinen Kaffee verschüttet und ... äh...” Sie wurde abgelenkt, als sie in den Spiegel blickte.
Dort konnte die Frau die offene Tür des Abteils erkennen und wie Maya da auf der geschlossenen Toilette saß. Maya hatte keine Ahnung, wie sie auf einen Fremden wirken würde - verheddertes Haar, die Wangen aufgedunsen vom Weinen, gerötete Augen - doch sie konnte sich vorstellen, dass ihr Anblick Grund zur Sorge auslöste.
Der Blick der Frau huschte zu Rais und dann wieder zurück zum Spiegel. „Äh... Ich konnte einfach keine weiteren anderthalb Stunden mit klebrigen Händen fahren...” Sie blickte über ihre Schulter, während das Wasser noch floss und sagte lautlos drei sehr klare Worte zu Maya.
Alles in Ordnung?
Mayas Unterlippe zitterte. Bitte sprich nicht mit mir. Bitte schau mich nicht mal an. Sie schüttelte langsam den Kopf. Nein.
Rais musste sich wieder in Richtung Tür umgedreht haben, denn die Frau nickte langsam.
Nein! Dachte Maya verzweifelt. Sie versuchte, nicht um Hilfe zu bitten.
Sie wollte die Frau davor schützen, dasselbe Schicksal wie Thompson zu erleiden.
Maya winkte die Frau mit der Hand weg und sagte stumm ein Wort zurück zu ihr. Geh. Geh.
Die Frau runzelte tief die Stirn, ihre Hände waren immer noch tropfnass. Sie blickte zurück in Richtung Rais. „Papiertücher sind wohl zu viel erwartet, was?”
Sie sagte es mit ein wenig zu viel Druck.
Dann machte sie, mit ihrem Daumen und kleinen Finger, eine Geste zu Maya, das Zeichen für ein Telefon.
Sie wollte wohl andeuten, dass sie jemanden anrufen würde.
Bitte geh einfach.
Als die Frau sich wieder in Richtung Tür umdrehte, bewegte sich alles plötzlich ganz schnell und verschwommen. Es geschah so schnell, dass Maya sich zuerst gar nicht sicher war, dass es überhaupt passiert war. Die Frau erstarrte, ihre Augen weiteten sich vom Schock.
Ein dünner Blutstrahl spritzte aus ihrem offenen Rachen und sprühte gegen den Spiegel und das Waschbecken.
Maya hielt sich mit beiden Händen den Mund zu, um den Schrei, der aus ihren Lungen stieß, zu ersticken. Gleichzeitig riss die Frau beide Hände zu ihrem Hals, doch den Schaden, der hier angerichtet wurde, konnte man nicht wieder gutmachen. Blut lief in Rinnsalen über und zwischen ihren Fingern, während sie auf die Knie sank und ein sanftes Gurgeln ihren Lippen entsprang.
Maya kniff ihre Augen zu, beide Hände immer noch über ihrem Mund. Sie wollte es nicht mit ansehen. Sie wollte nicht dabei zusehen, wie diese Frau wegen ihr starb. Ihr Atem entwich ihr in wogenden, erstickten Schluchzern. Aus der nächsten Kabine hörte sie, wie Sara leise wimmerte.
Als sie es wagte, ihre Augen erneut zu öffnen, starrte die Frau sie zurück an. Eine Wange ruhte auf dem dreckigen, nassen Boden.
Die Blutlache, die ihrem Hals entsprungen war, reichte fast bis zu Mayas Füßen.
Rais beugte sich hinunter und säuberte sein Messer an der Bluse der Frau. Als er Maya wieder ansah, blickte keine Wut oder Verzweiflung aus seinen zu grünen Augen. Es war Enttäuschung.
„Ich hatte dir gesagt, was geschehen würde”, erklärte er sanft. „Du hast versucht, ihr ein Zeichen zu geben.”
Tränen ließen Mayas Blick verschwimmen. „Nein”, gelang es ihr, herauszuwürgen. Sie konnte ihre bebenden Lippen und zitternden Hände nicht kontrollieren. „Ich - ich habe nicht...”
„Doch”, unterbrach er sie ruhig. „Hast du wohl. Ihr Blut klebt an deinen Händen.”
Maya begann, zu hyperventilieren, sie schluckte ihre Atemzüge keuchend hinunter. Sie lehnte sich vornüber, steckte ihren Kopf zwischen ihre Knie, die Augen dabei fest zugekniffen und ihre Finger in ihrem Haar.
Zuerst Mr. Thompson und jetzt diese unschuldige Frau. Beide waren nur deshalb gestorben, weil sie ihr zu nah waren, zu nah an dem, was dieser Verrückte wollte - und er hatte nun schon zwei Mal bewiesen, dass er bereit war zu töten, sogar ganz unwillkürlich, um das zu bekommen, was er wollte.
Als sie schließlich wieder ihren Atem unter Kontrolle bekam und den Mut gefasst hatte, erneut aufzublicken, hatte Rais die schwarze Handtasche der Frau ergriffen und war dabei, sie zu durchwühlen. Sie sah dabei zu, wie er ihr Telefon herausnahm und sowohl den Akku als auch die SIM-Karte herausriss.
„Steh auf”, befahl er Maya, als er in die Toilettenkabine trat. Sie stand schnell auf, wich an die Metall-Trennwand zurück und hielt den Atem an.
Rais spülte den Akku und die SIM-Karte das Klo hinunter. Dann drehte er sich zu ihr um, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt in dem begrenzten Raum. Sie konnte seinen Blick nicht erwidern. Stattdessen starrte sie nur auf sein Kinn.
Er baumelte etwas vor ihrem Gesicht - einen Bund mit Autoschlüsseln.
„Los geht’s”, sagte er leise. Er ging aus der Kabine und hatte anscheinend kein Problem damit, durch die große Blutlache auf dem Boden zu schreiten.
Maya blinzelte. Bei der Raststätte ging es gar nicht darum, sie die Toilette benutzen zu lassen. Dieser Attentäter hatte nicht ein Gramm Menschlichkeit bewiesen. Es war einfach nur eine Möglichkeit für ihn gewesen, Thompsons Wagen loszuwerden.
Weil die Polizei ihn suchen könnte.
Zumindest hoffte sie das. Falls ihr Vater noch nicht zurückgekehrt war, wäre es eher unwahrscheinlich, dass jemand das Verschwinden der Lawson Mädchen bemerkt hatte.
Maya trat so behutsam wie möglich auf, um die Blutpfütze zu vermeiden - und um nicht die Leiche auf dem Boden ansehen zu müssen. Jedes ihrer Gliedmaße fühlte sich weich wie Gelatine an. Sie fühlte sich schwach, machtlos gegen diesen Mann. All die Entschiedenheit, die sie vor nur einigen Minuten im Kleintransporter ihr Eigen nannte, hatte sich wie Zucker in kochendem Wasser aufgelöst.
Sie nahm Sara an der Hand. „Schau nicht hin”, flüsterte sie und lenkte ihre jüngere Schwester um den Körper der Frau. Sara starrte zur Decke hinauf und atmete tief durch ihren offenen Mund. Ihre Wangen waren erneut von Tränen überströmt. Ihr Gesicht war weiß wie ein Laken und ihre Hand fühlte sich feuchtkalt an.
Rais öffnete die Toilettentür nur ein paar Zentimeter und spähte nach draußen. Dann hielt er eine Hand hoch. „Wartet.”
Maya lugte um ihn herum und sah, wie ein beleibter Mann mit einer Fernfahrermütze von den Herrentoiletten wegging, während er sich die Hände an seinen Jeans abtrocknete. Sie drückte Saras Hand und glättete mit der anderen instinktiv ihr eigenes, ungekämmtes Haar.
Sie konnte diesen Mörder nicht bekämpfen, zumindest nicht, ohne eine eigene Waffe zu haben. Sie konnte auch nicht versuchen, die Hilfe eines Fremden zu beanspruchen, denn sonst könnte ihm das gleiche wie der toten Frau hinter ihnen widerfahren. Es gab jetzt nur noch eine Chance: sie mussten warten und hoffen, dass ihr Vater sie rettete... was er nur tun könnte, wenn er wüsste, wo sie waren. Doch es gab nichts, was ihm dabei helfen würde, sie zu finden. Maya hatte jedoch keine Möglichkeit, Hinweise oder Spuren zu hinterlassen.
Ihre Finger verworren sich in ihrem Haar und befreiten sich, indem sie ein paar lose Strähnen mit sich nahmen. Sie schüttelte sie aus der Hand und sie fielen langsam zu Boden.
Haar.
Sie hatte Haare. Und Haare konnte man testen - das war einfache Kriminalistik. Blut, Speichel, Haare. All diese Dinge konnten beweisen, dass sie an einem Ort war, und dass sie immer noch am Leben war, als sie sich dort aufhielt. Wenn die Behörden Thompsons Wagen fänden, würden sie auch auf die tote Frau stoßen, und dann würden sie Proben sammeln. Sie würden ihr Haar finden. Ihr Vater würde wissen, dass sie dort waren.
„Geht”, befahl Rais ihnen. „Raus.” Er hielt die Tür auf, während die beiden Mädchen, die sich an der Hand hielten, die Toilette verließen. Er folgte ihnen und blickte sich noch einmal um, um sicherzustellen, dass sie niemand beobachtete. Dann nahm er Mr. Thompsons schweren Smith & Wesson Revolver heraus und spielte damit in seiner Hand herum. Mit einer einzigen, forschen Bewegung schwang er den Griff der Waffe nach unten und schlug dabei den Knauf der geschlossenen Toilettentür ab.
„Das blaue Auto.” Er zeigte mit seinem Kinn darauf und steckte den Revolver weg. Die Mädchen gingen langsam auf den dunkelblauen Limousinenwagen zu, der, einige Plätze von Thompsons Kleintransporter weg, geparkt war. Saras Hand zitterte in Mayas - oder vielleicht war es auch Mayas, die zitterte, sie war sich nicht sicher.
Rais fuhr das Auto aus der Raststätte hinaus und auf die Bundesstraße, doch nicht in Richtung Süden, wohin sie zuvor gefahren waren. Stattdessen drehte er um und fuhr gen Norden. Maya verstand, was er tat. Wenn die Behörden Thompsons Wagen fänden, würden sie annehmen, dass er sich weiter nach Süden bewegte. Sie würden nach ihm und ihnen suchen, doch an den falschen Orten.
Maya riss sich ein paar weitere Haarsträhnen aus und ließ sie auf den Boden des Autos fallen. Sie stimmte dem Psychopathen, der sie entführt hatte, in einem zu. Ihr Schicksal wurde durch eine äußere Macht bestimmt, und in diesem Fall war er diese Macht. Und es war eines, das Maya noch nicht ganz verstehen konnte.
Jetzt hatten sie nur noch eine Möglichkeit, zu vermeiden, was auch immer dieses Schicksal für sie bereithielt.
„Papa wird kommen”, flüsterte sie in das Ohr ihrer Schwester. „Er wird uns finden.”
Sie versuchte, dabei nicht so unsicher zu klingen, wie sie sich fühlte.
Reid Lawson eilte die Treppen seines Zuhause in Alexandria, Virginia hinauf. Seine Bewegungen erschienen hölzern, seine Beine fühlten sich immer noch benommen an von dem Schock, der ihm nur Minuten zuvor widerfahren war, doch sein Blick hatte den Ausdruck verbissener Entschlossenheit. Er nahm zwei Stufen auf einmal auf dem Weg zum zweiten Stockwerk, jedoch hatte er Angst vor dem, was er dort oben finden würde - oder besser gesagt, was er dort nicht finden würde.
Unten und draußen wimmelte es vor lauter Tätigkeit. Auf der Straße, vor seinem Haus, standen nicht weniger als vier Polizeiautos, zwei Kranken- und ein Feuerwehrwagen, die bei einer Situation wie dieser zum Protokoll gehörten. Uniformierte Polizisten versiegelten seine Eingangstür mit Sicherheitsklebeband in Form eines X. Die Spurensicherung nahm Proben von Thompsons Blut im Foyer und Haarfollikel von den Kissen seiner Töchter.
Reid konnte sich kaum noch daran erinnern, überhaupt die Behörden gerufen zu haben. Er hatte kaum noch Erinnerung daran, der Polizei eine Aussage gemacht zu haben, ein stammelndes Flickwerk aus fragmentierten Sätzen, das durch seinen kurzen, keuchenden Atem unterbrochen wurde, während sein Gehirn von entsetzlichen Möglichkeiten überflutet wurde.
Er hatte das Wochenende außerhalb mit einem Freund verbracht. Ein Nachbar hatte auf die Mädchen aufgepasst.
Der Nachbar war jetzt tot. Seine Mädchen waren verschwunden.
Reid tätigte einen Anruf, als er im Obergeschoss ankam, außerhalb der Reichweite von neugierigen Mithörern.
„Du hättest uns zuerst anrufen sollen”, begrüßte ihn Cartwright. Der Deputy Direktor Shawn Cartwright war der Leitende der Sonderabteilung und inoffiziell Reids Chef bei der CIA.
Sie hatten schon davon gehört. „Woher wusstest du es?”
„Du bist gekennzeichnet”, sagte Cartwright. „Wir alle sind es. Jedes Mal, wenn unsere Info in einem System auftaucht - Name, Adresse, Steuernummer, egal was - dann wird sie automatisch mit Vorrang zur nationalen Sicherheitsbehörde geschickt. Verdammt, du brauchst nur einen Strafzettel zu bekommen, und die Agentur weiß schon Bescheid, bevor die Polizei dich weiterfahren lässt.”
„Ich muss sie finden.” Jede Sekunde, die auf der Uhr vorbei tickte, klang wie ein donnernder Chor, der ihn daran erinnerte, dass er seine Töchter vielleicht nie wieder sehen würde, wenn er nicht sofort, in diesem Moment, aufbräche. „Ich habe Thompsons Leiche gesehen. Er ist schon seit mindestens vierundzwanzig Stunden tot. Das ist ein wichtiger Hinweis für uns. Ich brauche eine Ausrüstung, und ich muss gehen. Jetzt.”
Als seine Frau, Kate, zwei Jahre zuvor an einem Hirninfarkt verstorben war, fühlte er sich komplett taub. Ein benommenes, unbeteiligtes Gefühl hatte sich seiner bemächtigt. Nichts fühlte sich echt an, als ob er jeden Moment von einem Alptraum erwachen würde, um herauszufinden, dass sich alles nur in seinem Kopf abgespielt hatte.
Er war nicht für sie dagewesen. Er hatte an einer Konferenz über antike europäische Geschichte teilgenommen - nein, das stimmte nicht. Es war nur seine Deckung, während er in Wirklichkeit bei einem CIA-Einsatz in Bangladesch war und einem Hinweis über eine Terrorzelle nachging.
Doch er war damals nicht für Kate dagewesen. Er war auch nicht für seine Mädchen da, als sie entführt wurden.
Doch todsicher würde er jetzt für sie da sein.
„Wir werden dir helfen, Null”, versicherte Cartwright ihm. „Du bist einer von uns, und wir kümmern uns um die unseren. Wir schicken Techniker zu dir nach Hause, damit sie der Polizei bei den Ermittlungen helfen. Sie werden sich als Personal der inneren Sicherheit ausgeben. Unsere Spurensicherer arbeiten schneller, wir sollten eine Spur binnen der nächsten -”
„Ich weiß, wer es war”, unterbrach ihn Reid. „Er war es.” Es gab für Reid keine Zweifel daran, wer dafür verantwortlich war, wer eingebrochen und seine Mädchen entführt hatte. „Rais.” Er brauchte nur den Namen laut nennen, um seinen Zorn erneut auflodern zu lassen. Er begann in seiner Brust und weitete sich auf jedes einzelne seiner Gliedmaße aus. Er ballte seine Hände zu Fäusten, damit sie nicht zitterten. „Der Amun Attentäter, der aus der Schweiz entkam. Er war es.”
Cartwright seufzte. „Null, solange wir keine Beweise haben, können wir das nicht mit Sicherheit behaupten.”
„Ich schon. Ich weiß es. Er hat mir ein Foto von ihnen geschickt.” Er hatte ein Foto erhalten, das von Saras Handy auf Mayas geschickt wurde. Das Foto war von seinen Töchtern, die immer noch Schlafanzüge trugen und zusammengekauert auf dem Rücksitz von Thompsons Wagen saßen.
„Kent”, warnte der stellvertretende Direktor vorsichtig, „du hast dir eine Menge Leute zum Feind gemacht. Das bestätigt nicht -”
„Er war es. Ich weiß, dass er es war. Dieses Photo bestätigt, dass sie noch leben. Er stichelt. Jeder andere hätte einfach...” Er konnte es nicht über die Lippen bringen, doch jeglicher von der Unzahl von Gegnern, die Kent Steele sich über den Lauf seiner Karriere gemacht hatte, hätte die Mädchen aus Rache einfach umgebracht. Rais tat dies, weil er ein Fanatiker war, der glaubte, dass es sein Schicksal war, Kent Steele zu töten. Das bedeutete, dass der Attentäter letztendlich von Reid gefunden werden wollte - und hoffentlich würden dabei auch die Mädchen wieder auftauchen.
Ob sie aber noch am Leben sind, wenn ich sie finde... Er griff sich mit beiden Händen an die Stirn, als ob er so vielleicht einen Gedanken aus seinem Gehirn zerren könnte. Bleib jetzt klar im Kopf. Du darfst so nicht denken.
„Null? “ erkundigte sich Cartwright. „Bist du noch dran?”
Reid atmete tief ein, um sich zu beruhigen. „Ich bin da. Hör mal, wir müssen Thompsons Wagen orten. Es ist ein neueres Modell und hat ein Navigationsgerät. Außerdem hat er auch Mayas Handy. Ich bin mir sicher, dass die Agentur ihre Nummer hat.” Sowohl den Wagen als auch das Telefon könnte man orten. Stimmten die Standorte überein und Rais hatte sich noch keinem der beiden entledigt, so hätten sie schon eine zuverlässige Richtung, in der sie suchen könnten.
„Kent, hör zu...” versuchte Cartwright einzuwenden, doch Reid unterbrach ihn sofort.
„Wir wissen, dass Amun Mitglieder in den Vereinigten Staaten hat”, quasselte er sofort weiter. Zwei Terroristen hatten seinen Mädchen schon zuvor auf der New Jersey Uferpromenade nachgestellt. „Es ist also möglich, dass es innerhalb der US Grenzen einen geheimen Unterschlupf von Amun gibt. Wir sollten H-6 kontaktieren und versuchen, Informationen von den Gefangenen dort herauszufinden.” H-6 war ein geheimes Gefängnis der CIA in Marokko, in dem verhaftete Mitglieder der Terrorgruppe zur Zeit festgehalten wurden.
„Null-”, versuchte Cartwright erneut in die einseitige Unterhaltung einzugreifen.
„Ich packe ein Tasche und verschwinde hier in zwei Minuten”, erklärte Reid ihm, während er in sein Schlafzimmer eilte. Jeder Moment, der verstrich, war ein Moment, der seine Mädchen weiter von ihm entfernte. „Die Transportsicherheitsbehörde sollte alarmiert werden, falls er versucht, sie außer Landes zu bringen. Gebt auch den Häfen und Bahnhöfen Bescheid. Und die Highway Kameras - zu denen haben wir Zugang. Schick mir jemanden zu einem Treffen, sobald wir einen Hinweis haben. Ich brauche ein Auto, ein schnelles. Und ein Handy von der Agentur, einen GPS-Orter, Waffen -”
„Kent!” schrie Cartwright ins Telefon. „Jetzt warte doch mal eine Sekunde, okay?”
„Warten? Es geht hier um meine kleinen Mädchen, Cartwright. Ich brauche Informationen. Ich brauche Hilfe...”
Der Deputy Direktor seufzte tief, und Reid wusste sofort, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.
„Du gehst nicht auf diesen Einsatz, Agent”, befahl ihm Cartwright. „Du bist da zu nah dran.”
Reids Brust bebte, seine Wut brach erneut aus. „Was redest du da?” fragt er leise. „Was für einen Mist redest du da? Ich gehe auf die Suche nach meinen Mädchen -”
„Das tust du nicht.”
„Das sind meine Kinder...”
„Hör dir doch einfach mal selbst zu”, antwortete Cartwright scharf. „Du zeterst. Du bist emotional. Das ist ein Interessenkonflikt. Wir können das nicht zulassen.”
„Du weißt genau, dass ich die beste Person dafür bin”, gab Reid eindringlich zurück. Niemand sonst würde auf die Suche nach seinen Kindern gehen. Das war seine Aufgabe. Er musste es tun.
„Tut mir leid, aber du hast einfach die Angewohnheit, die falsche Art von Aufmerksamkeit auf dich zu lenken”, sagte Cartwright, als sei dies eine Erklärung. „Die Bosse von oben versuchen, eine ... wollen wir es eine Wiederholungsvorstellung nennen, zu vermeiden.”
Reid sträubte sich. Er wusste ganz genau, wovon Cartwright sprach, doch er konnte sich nicht wirklich daran erinnern. Vor zwei Jahren starb seine Frau, Kate, und Kent Steele vergrub seine Trauer in Arbeit. Er brach für Wochen alleine auf und unterbrach jegliche Kommunikation mit seinem Team, während er Mitglieder von Amun und Hinweise in ganz Europa verfolgte. Er weigerte sich, nach Hause zurückzukehren, als die CIA es ihm befahl. Er hörte auf niemanden - weder auf Maria Johansson, noch auf seinen besten Freund, Alan Reidigger. Soweit Reid verstand, hinterließ er einen Haufen Leichen in seinem Kielwasser, was die meisten nichts anderes als einen Amoklauf nannten. Dies war sogar der Hauptgrund, dass Aufrührer aus der ganzen Welt den Namen „Agent Null” mit genau so viel Angst wie Verachtung flüsterten.
Als es der CIA letztendlich zu viel wurde, schickten sie jemanden, um ihn stillzulegen. Sie schickten Reidigger nach ihm. Doch Alan brachte Kent Steele nicht um, er fand einen anderen Ausweg. Er verwendete einen experimentellen Gedächtnishemmer, der es ihm ermöglichte, alles über sein Leben in der CIA zu vergessen.
„Ich verstehe schon. Ihr habt Angst davor, was ich tun könnte.”
„Genau”, stimmte Cartwright ihm zu. „Damit triffst du den Nagel auf den Kopf.”
„Das solltet ihr auch.”
„Null”, warnte ihn der Deputy Direktor, „tu es nicht. Lass das einfach uns regeln, damit alles schnell, leise und sauber abläuft. Ich sage es dir nicht nochmal.”
Reid legte auf. Er würde seine Mädchen suchen, mit oder ohne die Hilfe der CIA.
Nachdem er das Gespräch mit dem Deputy Direktor abgewürgt hatte, stand Reid vor Saras Schlafzimmertür. Er hatte seine Hand am Türknauf. Er wollte nicht eintreten, doch er musste es tun.
Stattdessen lenkte er sich mit den ihm bekannten Details ab und ließ sie noch einmal vor sich abspielen: Reid hatte das Haus durch eine nicht abgeschlossene Tür betreten. Es gab keine Anzeichen von Einbruch, kein Fenster oder Türschloss war beschädigt. Thompson hatte versucht, ihn abzuwehren, es war zu einen Kampf gekommen. Letztendlich war der alte Mann jedoch an Messerstichen in der Brust erlegen. Keine Schüsse waren gefeuert worden, doch die Glock, die Reid in der Nähe der Eingangstür aufbewahrt hatte, war verschwunden. Das gleiche galt für die Smith & Wesson, die Thompson ständig an der Hüfte trug. Das bedeutete, dass Rais jetzt bewaffnet war.
Doch wohin würde er sie bringen? Keiner der Beweise am Tatort, zu dem sein Zuhause geworden war, führte zu einem Ziel.
In Saras Zimmer stand immer noch das Fenster offen und die Feuerleiter war weiterhin von der Fensterbank entrollt. Es schien, als hätten seine Töchter versucht, oder zumindest mit dem Gedanken gespielt, sie herunterzuklettern. Es war ihnen jedoch nicht gelungen.
Reid schloss seine Augen und atmete tief in seine Hände, er unterdrückte die sich androhenden weiteren Tränen, die neuen Angstgefühle. Stattdessen zog er das Aufladegerät ihres Handys, das immer noch neben ihrem Nachttisch angeschlossen war, aus der Steckdose.
Er hatte ihr Telefon auf dem Kellerboden gefunden, doch die Polizei darüber nicht informiert. Genauso wenig hatte er ihnen das Foto gezeigt, das auf das Handy geschickt wurde - das mit der Absicht geschickt wurde, es ihn sehen zu lassen. Er konnte das Handy nicht übergeben, obwohl es ganz klar ein Beweisstück war.
Er würde es vielleicht brauchen.
In seinem eigenen Schlafzimmer schloss Reid Saras Handy an die Steckdose, hinter seinem Bett, an. Er stellte es auf lautlos und aktivierte dann die Weiterleitung von Anrufen und Nachrichten zu seiner Nummer. Zum Schluss versteckte er es zwischen seiner Matratze und dem Lattenrost. Er wollte nicht, dass die Polizei es beschlagnahmte. Es musste aktiv bleiben, falls noch mehr Sticheleien ankämen. Sie würden zu seinen Anhaltspunkten werden.
Rasch stopfte er ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche. Er wusste nicht, wie lange er wegbliebe, wie weit er gehen müsste. Bis zum Ende der Welt, falls notwendig.
Er zog seine Sportschuhe aus und wechselte zu Stiefeln. Er verstaute sein Portemonnaie in oder obersten Schublade seiner Kommode. In diesem Möbelstück, tief im Inneren eines Paar Herrenschuhen versteckt, befand sich ein Bündel von Banknoten, das er für einen Notfall zurückgelegt hatte. Es waren fast fünfhundert Dollar. Er nahm alles mit.
Auf der Kommode stand ein gerahmtes Foto seiner Mädchen. Seine Brust spannte sich beim bloßen Blick darauf an.
Maya hatte ihren Arm um Saras Schultern gelegt. Beide Mädchen hatten ein breites Lächeln auf den Lippen. Sie saßen ihm gegenüber in einem Fischrestaurant, während er dieses Foto gemacht hatte. Es stammte von einem Familienurlaub in Florida im letzten Jahr. Er konnte sich gut daran erinnern. Er hatte den Schnappschuss nur ein paar Momente, bevor ihr Essen serviert wurde, gemacht. Maya hatte einen Daiquiri ohne Rum vor sich. Sara einen Vanille-Milchshake.
Sie waren glücklich. Lächelten. Zufrieden. Sicher. Bevor er diese ganze Horrorgeschichte ausgelöst hatte, waren sie sicher. Als dieses Foto gemacht wurde, schien die reine Idee, dass sie von Radikalen verfolgt würden, die ihnen etwas antun wollten, von Mördern entführt, aus einer kranken Fantasiewelt zu stammen.
Das ist alles deine Schuld.
Er drehte den Rahmen um und riss die Rückseite auf. Während er dies tat, versprach er sich selbst etwas. Wenn er sie gefunden hatte -und er würde sie finden -dann wäre er fertig damit. Fertig mit der CIA. Fertig mit den geheimen Einsätzen. Fertig damit, die Welt zu retten.
Zum Teufel mit der Welt. Ich will einfach nur, dass meine Familie sicher ist und in Sicherheit bleibt.
Er würde weggehen, weit weg ziehen, ihre Namen ändern, falls notwendig. Das Einzige, was ihm für den Rest seines Lebens noch etwas bedeutete, wäre ihre Sicherheit, ihr Glück. Ihr Überleben.
Er nahm das Foto aus dem Rahmen, faltete es auf die Hälfte und steckte es in seine innere Jackentasche.
Er bräuchte eine Waffe. Er könnte wahrscheinlich eine in Thompsons Haus finden, direkt nebenan, würde er es schaffen, dort hineinzukommen, ohne dass die Polizei oder das Notfallpersonal ihn sähen -
Jemand räusperte sich lautstark im Flur, offensichtlich ein Warnsignal, das ihm galt, falls er einen Moment Zeit bräuchte, um sich zusammenzureißen.
„Mr. Lawson.” Der Mann trat in die Tür des Schlafzimmers. Er war klein und hatte einen Bauch, doch harte Falten standen in seinem Gesicht. „Mein Name ist Detective Noles von der Alexandria Polizeibehörde. Ich verstehe, dass dies ein besonders schwieriger Moment für sie ist. Ich weiß, dass sie den Kollegen vom Notdienst schon eine Aussage gemacht haben, doch ich habe noch einige weitere Fragen an Sie, die ich gerne in der Akte hätte. Würden Sie mich bitte auf das Revier begleiten?”
„Nein.” Reid griff nach seiner Tasche. „Ich werde jetzt meine Mädchen finden.” Er marschierte am Kriminalbeamten vorbei aus dem Zimmer.
Noles folgte ihm schnell. „Mr. Lawson, wir raten Bürgern stark davon ab, in Fällen wie diesen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Lassen Sie uns unseren Job machen. Am besten wäre es, Sie kämen an einem sicheren Ort unter, bei Freunden oder Familie, aber bleiben Sie bitte in der Nähe...”
Am Ende der Treppe hielt Reid an. „Detective, stehe ich bei der Entführung meiner eigenen Töchter unter Verdacht?” fragte er mit einer leisen, feindlichen Stimme.
Noles starrte geradeaus. Seine Nasenlöcher bliesen sich kurz auf. Reid wusste, dass der Beamte im Training gelernt hatte, diese Art von Situation feinfühlig anzugehen, um die Familien der Opfer nicht noch weiter zu traumatisieren.
Doch Reid war nicht traumatisiert. Er war wütend.
„Wie schon gesagt, ich habe nur ein paar weitere Fragen”, erklärte Noles vorsichtig. „Ich möchte Sie bitten, mich auf das Revier zu begleiten.”
„Ich lehne ihre Fragen ab”, gab Reid mit einem starren Blick zurück. „Ich steige jetzt in mein Auto ein. Wenn Sie mich irgendwo hinbringen wollen, dann müssen Sie das in Handschellen tun.” Er wollte diesen stämmigen Kriminalbeamten einfach nur loswerden. Für einen kurzen Moment dachte er sogar darüber nach, seine CIA-Referenzen zu erwähnen, doch er hatte nichts bei sich, mit dem er sie belegen könnte.
Noles sagte nichts, als Reid auf dem Absatz kehrt machte und das Haus in Richtung Auffahrt verließ.
Er folgte ihm dennoch durch die Tür und über den Rasen. „Mr. Lawson, ich werde Sie nur noch einmal darum bitten. Denken Sie doch einen Moment darüber nach, wie das aussieht, dass Sie ihre Tasche packen und aus dem Haus stürmen, das wir gerade durchsuchen.”
Ein Ruck von glühend heißem Zorn durchfuhr Reid, vom Ende seiner Wirbelsäule bis hoch in seinen Kopf. Fast hätte er seine Tasche zu Boden fallen lassen, um Detective Noles einen ordentlichen Kieferhaken zu verpassen, dafür, dass er auch nur entfernt darauf andeutete, dass er damit etwas zu tun gehabt hätte.
Noles war kein Anfänger; sicher konnte er die Körpersprache lesen, doch er drängte weiter. „Ihre Töchter werden vermisst und Ihr Nachbar ist tot. Das alles geschah, während Sie sich außer Hauses befanden, doch Sie haben kein handfestes Alibi. Sie können uns nicht erklären, wo oder bei wem Sie waren. Jetzt brechen Sie auf, als ob Sie etwas wüssten, von dem wir keine Ahnung haben. Ich habe Fragen, Mr. Lawson. Und ich werde meine Antworten bekommen.”
Mein Alibi. Reids wirkliches Alibi, die Wahrheit, war, dass er die letzten achtundvierzig Stunden damit verbracht hatte, einen verrückt gewordenen religiösen Anführer zu jagen, in dessen Besitz sich eine ausreichend große Ladung mutierter Pockenviren befand, um die Apokalypse auszulösen. Sein Alibi war, dass er gerade nach Hause zurückgekehrt war, nachdem er Millionen von Leben gerettet hatte, vielleicht sogar Milliarden, nur um herauszufinden, dass er die beiden Menschen, die ihm auf der ganzen Welt am wichtigsten waren, nirgendwo aufspüren konnte.
Doch er konnte nichts davon sagen, ganz egal, wie sehr er es wollte. Stattdessen schluckte Reid seinen Zorn hinunter und hielt sowohl seine Fäuste als auch seine Zunge unter Kontrolle. Er hielt neben seinem Auto an und drehte sich um, um den Kriminalbeamten anzusehen. Während er dies tat, bewegte sich die Hand des kleineren Mannes langsam auf seinen Gürtel - und seine Handschellen - zu.
Zwei uniformierte Polizisten, die draußen herumstanden, bemerkten die haarige Situation und traten ein paar vorsichtige Schritte näher, während auch ihre Hände sich in Richtung Gürtel bewegten.
Seitdem der Gedächtnishemmer aus seinem Kopf geschnitten wurde, fühlte sich Reid, als hätte er zwei Gehirne. Die eine Seite, die logische Professor Lawson Seite, riet ihm: Gib nach. Tu, was er von dir verlangt. Sonst stecken sie dich in den Knast, und dann kommst du nie zu deinen Mädchen.
Doch die andere Seite, seine Kent Steele Seite - der Geheimagent, der Abtrünnige, der Adrenalinsüchtige - war viel lauter. Sie schrie und wusste aus Erfahrung, dass jede Sekunde verzweifelt zählte.
Diese Seite gewann. Reid spannte sich an, bereit zu kämpfen.
Für einen scheinbar langen Augenblick bewegte sich niemand - weder Reid, noch Noles, noch die beiden Polizisten hinter dem Detective. Reid hielt seine Tasche fest in den Händen. Falls er versuchte, einzusteigen und wegzufahren, kämen die beiden Polizisten zweifellos auf ihn zu. Und er wusste, dass er dementsprechend reagieren würde.
Plötzlich hörte man Reifen quietschen. Alle wendeten ihren Blick auf einen schwarzen Geländewagen, der brüsk am Ende der Auffahrt, in einem neunzig Grad Winkel zu Reids eigenem Fahrzeug, anhielt und ihn somit blockierte. Jemand stieg aus und griff schnell ein, um die Situation zu entschärfen.
Watson? platzte Reid fast heraus.
John Watson war ebenfalls Agent im Außendienst, ein hochgewachsener Afroamerikaner, dessen Gesichtszüge immer passiv wirkten. Seinen rechten Arm trug er in einer dunkelblauen Schlinge, denn ein Irrläufer hatte ihn, nur einen Tag zuvor, in die Schulter getroffen, als er bei dem Einsatz mithalf, in dem es darum ging, die islamischen Radikalisten davon abzuhalten, den Virus freizusetzen.
„Detective.” Watson nickte zu Noles. „Mein Name ist Agent Hopkins, von der Behörde für innere Sicherheit.” Mit seiner gesunden Hand ließ er ein überzeugendes Abzeichen aufblinken. „Dieser Mann muss mit mir kommen.”
Noles runzelte die Stirn. Die Anspannung des vorherigen Moments hatte sich aufgelöst und wurde durch Verwirrung ersetzt. „Was ist jetzt los? Innere Sicherheit?”
Watson nickte ernst. „Wir glauben, dass die Entführung etwas mit einer noch nicht abgeschlossenen Ermittlung zu tun hat. Mr. Lawson muss mich begleiten. Jetzt sofort.”
„Jetzt warten Sie mal einen Moment.” Noles schüttelte den Kopf, immer noch verwirrt von dem plötzlichen Einmarsch und der schnellen Erklärung. „Sie können hier doch nicht einfach hereinplatzen und alles übernehmen -”
„Dieser Mann ist Gegenstand der Behörde”, unterbrach ihn Watson. Er sprach in einem leisen Tonfall, als würde er ein Geheimnis einer Verschwörung mitteilen, doch Reid wusste, dass es sich um einen Vorwand der CIA handelte. „Er ist ein WITSEC.”
Noles’ Augen weiteten sich so sehr, dass man meinen könnte, sie fielen ihm gleich aus dem Kopf. WITSEC, wusste Reid, war eine Abkürzung für das Zeugenschutzprogramm der Justizbehörde der USA. Doch Reid sagte gar nichts, er kreuzte nur seine Arme vor der Brust und schoss dem Polizeibeamten einen scharfen Blick zu.
„Trotzdem...” erwiderte Noles zögernd, „ich brauche hier mehr als nur ein beeindruckendes Abzeichen...” Plötzlich schrillte das Handy des Detectives mit einem lärmenden Klingelton.
„Ich nehme an, das wird die Bestätigung von meiner Behörde sein”, erklärte Watson, während Noles nach seinem Telefon griff. „Beantworten Sie diesen Anruf. Mr. Lawson, hier lang, bitte.”
Watson schritt weg und hinterließ einen verwirrten Detective Noles, der in sein Handy stammelte. Reid schulterte seine Tasche und folgte ihm, doch hielt inne, als sie den Geländewagen erreichten.
„Warte”, sagte er, bevor Watson auf der Fahrerseite einsteigen konnte. „Was soll das? Wohin geht es?”
„Darüber können wir sprechen, während wir fahren. Oder wir sprechen jetzt und vergeuden Zeit.”
Der einzige Grund, aus dem Reid sich Watsons Anwesenheit erklären konnte, war, dass die Agentur ihn gesandt hatte, um Agent Null abzuholen, damit sie ihn bewachen konnten.
Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich gehe nicht nach Langley.”
„Ich auch nicht”, erwiderte Watson. „Ich bin hier, um dir zu helfen. Steig ein.” Er schlüpfte auf den Fahrersitz.
Reid zögerte für einen kurzen Moment. Er musste losfahren, doch er hatte kein Ziel. Er brauchte einen Hinweis. Und es gab keinen Grund, zu glauben, dass man ihn belog. Watson war einer der ehrlichsten und vorschriftsmäßigsten Agenten, die er jemals kennengelernt hatte.
Reid stieg auf der Beifahrerseite neben ihm ein. Seinen rechten Arm in der Schlinge musste Watson über seinen Körper hinweg greifen, um den Gang zu wechseln und mit einer Hand zu lenken. Sie fuhren binnen Sekunden ab und waren etwa zwanzig Stundenkilometer über der Höchstgeschwindigkeit. So kamen sie zwar schnell von der Stelle, doch vermieden eine Kontrolle.
Er warf einen Blick auf die schwarze Tasche, die auf Reids Schoß lag. „Wo wolltest du denn hin?”
„Ich muss sie finden, John.” Sein Blick verschwamm beim Gedanken an sie da draußen, alleine, in den Händen dieses mörderischen Verrückten.
„Allein? Unbewaffnet, mit einem zivilen Handy?” Agent Watson schüttelte den Kopf. „Du solltest es wirklich besser wissen.”
„Ich habe schon mit Cartwright gesprochen”, antwortete Reid bitter.
Watson schnaufte. „Glaubst du etwa, Cartwright stand alleine im Zimmer, als er mit dir sprach? Glaubst du, dass er eine sichere Leitung in einem Büro in Langley hat?”
Reid runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher, dass ich dich verstehe. Es klingt, als ob du sagen wolltest, dass Cartwright möchte, dass ich genau das tue, was er mir verboten hat.”
Watson schüttelte den Kopf und nahm dabei nicht den Blick von der Straße. „Er weiß doch ganz genau, dass du das tun wirst, was er dir verboten hat, egal, ob er es will oder nicht. Er kennt dich besser als die meisten. Aus seiner Perspektive ist es am besten, weitere Probleme zu vermeiden, indem er dir dieses Mal Unterstützung bereitstellt.”
„Er hat dich geschickt”, murmelte Reid. Watson bestätigte es genauso wenig wie er es bestritt, doch das brauchte er gar nicht zu tun. Cartwright wusste, dass Null seine Mädchen suchen würde. Die Unterhaltung zwischen den beiden fand zu Gunsten anderer Ohren in Langley statt. Da Reid jedoch wusste, wie wichtig Protokoll für Watson war, verstand er nicht, warum er ihm half. „Und du? Warum tust du das hier?”
Watson zuckte nur mit den Achseln. „Da draußen sind zwei Kinder. Die haben Angst, sind allein und in schlechten Händen. Das gefällt mir nicht besonders.”
Das war keine wirkliche Antwort und vielleicht war es nicht mal die Wahrheit, aber Reid wusste, dass er von diesem stoischen Agenten keine weiteren Auskünfte bekäme.
Er war davon überzeugt, dass ein Teil von Cartwrights Einwilligung, ihm zu helfen, etwas mit Schuldbewusstsein zu tun hatte. Während seiner Abwesenheit hatte Reid den Deputy Direktor schon zwei Mal darum gebeten, seine Töchter in einen geheimen Unterschlupf zu bringen. Doch er hatte immer wieder Vorwände, sprach von Personalmangel, fehlenden Ressourcen... Und jetzt waren sie verschwunden.
Cartwright hätte das vermeiden können. Er hätte helfen können. Reid spürte erneut, wie sein Gesicht heiß vor Wut wurde, und erneut schluckte er die Wut hinunter. Das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Jetzt musste er sie suchen. Alles andere war egal.
Ich werde sie finden. Ich werde sie zurückbekommen. Und ich werde Rais töten.
Reid nahm einen tiefen Atemzug. Er atmete durch die Nase ein und stieß die Luft durch den Mund aus. „Also, was wissen wir bis jetzt?”
Watson schüttelte seinen Kopf. „Nicht besonders viel. Wir haben es kurz nach dir herausgefunden, als du die Polizei anriefst. Doch die Agentur arbeitet dran. Wir sollten bald einen Hinweis haben.”
„Wer arbeitet dran? Irgendjemand, den ich kenne?”
„Direktor Mullen hat es der Sondereinsatzabteilung übergeben, also steht Riker an der Spitze...”
Reid zischte erneut laut. Weniger als achtundvierzig Stunden zuvor überkam eine Erinnerung Reid, über sein ehemaliges Leben als Agent Kent Steele. Sie war noch neblig und bruchstückhaft, doch es ging um eine Verschwörung, eine Art von Regierungsvertuschung. Ein ausstehender Krieg. Vor zwei Jahren wusste er davon - oder zumindest einen Teil davon - und arbeitete darauf hin, einen Fall aufzubauen. Egal, wie wenig er wusste, er war sich sicher, dass wenigstens einige Mitglieder der CIA darin verwickelt waren.
Ganz oben auf seiner Liste stand die neu ernannte Deputy Direktorin Ashleigh Riker, Leiterin der Sondereinsatzabteilung. Ungeachtet seines fehlenden Vertrauens in sie, war er sich sicher, dass sie nicht gerade ihr Bestes gäbe, seine Kinder aufzuspüren.
„Sie setzte einen neuen Typen darauf an, jung aber fähig”, fuhr Watson fort. „Sein Name ist Strickland. Er ist ein ehemaliger Ranger der Armee, ein hervorragender Fährtenfinder. Wenn überhaupt jemand herausfinden kann, wer das getan hat, dann er. Abgesehen von dir, natürlich.”
„Ich weiß, wer das getan hat, John.” Reid schüttelte verbittert seinen Kopf. Er dachte sofort an Maria. Sie war ebenfalls Agentin, eine Freundin, vielleicht auch mehr - und definitiv eine der Personen, denen Reid vertrauen konnte. Als er das letzte Mal von ihr gehört hatte, war Maria Johansson auf einem Einsatz, bei dem Rais in Russland aufgespürt wurde. „Ich muss Johansson kontaktieren. Sie muss wissen, was geschehen ist.” Er wusste, dass die CIA sie nicht zurückziehen würde, bis er beweisen konnte, dass es Rais war.
„Das wird dir nicht möglich sein - nicht, solange sie im Einsatz ist”, antwortete Watson. „Aber ich kann versuchen, sie auf andere Weise zu informieren. Sie ruft dich an, sobald sie eine sichere Leitung findet.”
Reid nickte. Er mochte es nicht, dass er Maria nicht kontaktieren konnte, doch er hatte keine Wahl. Persönliche Telefone wurden niemals auf Einsätze mitgenommen, und die CIA würde höchstwahrscheinlich ihre Aktivität überwachen.
„Erklärst du mir jetzt, wo wir hinfahren?” Fragte Reid. Er wurde nervös.
„Zu jemandem, der helfen kann. Hier.” Er warf Reid ein kleines, silbernes Flip-Telefon zu - eines jener Apparate, die von der CIA nicht aufgespürt werden konnten, solange sie nichts davon wussten und die Nummer nicht hatten. „Da sind ein paar Nummern einprogrammiert. Eine davon ist eine sichere Leitung zu mir. Eine andere zu Mitch.”
Reid blinzelte. Er kannte keinen Mitch. „Wer zum Teufel ist Mitch?”
Anstatt zu antworten, lenkte Watson den Geländewagen von der Straße hinunter und in die Einfahrt eine Karosseriewerkstatt namens Third Street Garage. Er fuhr in eine geöffnete Garagenbucht und parkte dort. Sobald er den Motor abgestellt hatte, schloss sie die Garagentür rumpelnd hinter ihnen.
Sie stiegen beide aus dem Auto aus, Reids Augen gewöhnten sich an die relative Dunkelheit. Dann flackerten die Lichter an, grelle, fluoreszierende Birnen, die Punkte in seiner Sicht schwimmen ließen.
Neben dem Geländewagen stand ein schwarzes Auto, ein Trans Am aus den späten achtziger Jahren, in der zweiten Garagenbucht. Er war nicht viel jünger als er, doch die Lackierung schien glänzend und neu.
Außerdem war da auch ein Mann. Er trug einen dunkelblauen Overall, der nur mit Mühe und Not verspritzte Ölflecken verdeckte. Seine Gesichtszüge wurden durch eine verhedderte Menge braunen Barts und eine tief in seine Stirn gezogene, rote Baseballmütze, deren Rand durch angetrockneten Schweiß entfärbt war, verdeckt. Der Mechaniker wischte langsam seine Hände an einem dreckigen, ölbeschmierten Lappen ab, während er Reid anstarrte.
„Das ist Mitch”, sagte Watson. „Mitch ist ein Freund.” Er warf Reid einen Schlüsselring zu und zeigte auf den Trans Am. „Er ist ein älteres Modell, weshalb er kein GPS hat. Er ist zuverlässig. Mitch hat ihn die letzten paar Jahre über in Ordnung gebracht. Versuche also, ihn nicht zu zerstören.”
„Danke.” Er hatte auf etwas Unverdächtigeres gehofft, doch er würde nehmen, was er bekommen konnte. „Was ist das für ein Ort hier?”
„”Das? Das ist eine Werkstatt, Kent. Die reparieren hier Autos.”
Reid rollte mit den Augen. „Du weißt, wovon ich spreche.”
„Die Agentur versucht jetzt schon, ihre Ohren und Augen auf dich zu lenken”, erklärte Watson. „Die werden deiner Fährte folgen, wie sie es nur können. Bei unserer Arbeit braucht man manchmal... Freunde von draußen, um es mal so zu nennen.” Er zeigte erneut auf den strammen Mechaniker. „Mitch ist eine Ressource für die CIA, jemand, den ich während meiner Zeit bei der Abteilung für nationale Ressourcen angeheuert habe. Er ist ein Experte, was, ähm, ‘Fahrzeugbeschaffung’ angeht. Wenn du irgendwo hin musst, dann rufst du ihn an.”
Reid nickte. Er wusste nicht, dass Watson bei der Ressourcenbeschaffung tätig war, bevor er ein Agent im Außendienst wurde - doch ehrlich gesagt war er sich nicht mal sicher, dass John Watson sein wirklicher Name war.
„Jetzt komm schon, ich habe ein paar Dinge für dich.” Watson öffnete den Kofferraum und zog den Reißverschluss eines schwarzen Seesacks aus Leinwand auf.
Reid tat einen Schritt zurück, er war beeindruckt. In dem Beutel befand sich eine Reihe von Zubehör, unter anderem Aufnahmegeräte, eine GPS-Verfolgungs-Einheit, ein Frequenzscanner und zwei Pistolen - eine Glock 22 und seine Lieblingsunterstützung, die Ruger LC9.
Er schüttelte seinen Kopf in Unglauben. „Wo hast du das alles her?”
Watson zuckte mit einer Achsel. „Ich hatte ein wenig Hilfe von einem gemeinsamen Freund.”
Reid musste gar nicht nachfragen. Bixby. Der exzentrische CIA-Ingenieur, der die meisten seiner wachen Stunden in einem unterirdischen Recherchen- und Entwicklungslabor unter Langley verbrachte.
„Du und er, ihr kennt euch schon eine ganze Weile, auch wenn du dich gar nicht dran erinnern kannst”, meinte Watson. „Doch dafür musste ich ihm auch versprechen, zu erwähnen, dass du ihm noch einige Tests schuldest.”
Reid nickte. Bixby war einer der Miterfinder des experimentellen Gedächtnishemmers, der in seinem Kopf installiert wurde, und der Ingenieur hatte darum gebeten, einige Tests an Reids Kopf vorzunehmen.
Der kann meinen Schädel öffnen, wenn das bedeutet, dass ich meine Mädchen zurückbekomme. Er spürte, wie eine weitere, überwältigende Welle der Gefühle über ihm zusammenbrach. Er verstand, dass es Leute gab, die bereit waren, die Regeln zu brechen, sich selbst in Gefahr zu bringen, um ihm zu helfen - Leute, von denen er sich kaum noch daran erinnern konnte, eine Beziehung zu ihnen zu haben. Er blinzelte, um die androhenden Tränen, die in seine Augen traten, zurückzuhalten.
„Danke John. Echt.”
„Bedank dich noch nicht bei mir. Wir haben ja gerade erst angefangen.” Watsons Telefon klingelte in seiner Jackentasche. „Das wird wohl Cartwright sein. Gib mir eine Minute.” Er wich in eine Ecke zurück, um den Anruf anzunehmen und sprach mit leiser Stimme.
Reid verschloss den Seesack und warf den Kofferraumdeckel zu. Während dies geschah, grummelte der Mechaniker und machte dabei ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Räuspern und einem Murmeln lag.
„Hast du... hast du was gesagt?” fragte Reid.
„Ich hab’ gesagt, dass es mir leid tut. Wegen deiner Kinder.” Mitchs Gesichtsausdruck war hinter dem gekräuselten Bart und der Baseballmütze gut versteckt, doch seine Stimme klang aufrichtig.
„Du weißt Bescheid... über sie?”
Der Mann nickte. „Es ist schon in den Nachrichten. Ihre Fotos und eine Telefonnummer, die man bei Hinweisen oder Sichtung anrufen kann.”
Reid biss sich auf die Lippe. Daran hatte er nicht gedacht, an die Publicity - und die unvermeidliche Verbindung zu ihm. Er dachte sofort an ihre Tante Linda, die in New York wohnte. Diese Art von Nachrichten verbreitete sich immer schnell. Wenn sie davon gehört hatte, dann wäre sie jetzt voller Sorge und würde immer wieder versuchen, Reids Nummer anzurufen, um Information zu bekommen, aber keiner ginge dran.
