KALT WIE EIN BRILLANT - Carter Brown - E-Book

KALT WIE EIN BRILLANT E-Book

Carter Brown

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Das Mädchen war fremd in der Stadt. Sie hatte kein Geld. Und sie hatte keine Freundin. Wer also könnte an ihrem Tod interessiert sein? Sie war tot, sie hatte ein Messer in der Brust und eine scheußliche Maske über dem Gesicht. Sie hatte auch einen Namen, und damit fing die Geschichte schon an, kompliziert zu werden... Ich traf sie zum ersten Mal in Reno – oder um ganz genau zu sein: Sie traf mich. Sie hatte Angst vor ihrem Mann, und ich sollte sie wohlbehalten nach Pine City bringen. Daraus wurde nichts, weil sie am nächsten Morgen spurlos verschwunden war... 100.000 Dollar war das Diadem wert, das spurlos aus dem Juweliergeschäft von Mr. Elmo verschwunden ist. Danny Boyd soll das Diadem wieder herbeischaffen, und mit gewohnten Diadem stürzt er sich auf diese Aufgabe, die ihm von einigen reizenden Damen teils erleichtert, teils erschwert wird... Der Band KALT WIE EIN BRILLANT von Carter Brown (eigentlich Allan Geoffrey Yates; * 1. August 1923 in London; † 5. Mai 1985 in Sydney) enthält drei Romane um den Polizei-Lieutenant Al Wheeler (Ein Fall für Al Wheeler, Al Wheeler und die Besessene und Al Wheeler und die tote Lady) sowie einen Roman um den Privatdetektiv Danny Boyd (KALT WIE EIN BRILLANT). Der Apex-Verlag veröffentlicht die Romane von Carter Brown als durchgesehene Neuausgaben in seiner Reihe APEX CRIME.

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Carter Brown

 

 

Kalt wie ein Brillant

 

Vier Romane in einem Band

 

 

 

 

Apex Crime, Band 54

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

1. EIN FALL FÜR AL WHEELER (The Stripper) 

2. AL WHEELER UND DIE BESESSENE (The Girl Who Was Possessed) 

3. AL WHEELER UND DIE TOTE LADY (The Deep Cold Green) 

4. KALT WIE EIN BRILLANT (The Ice-Cold Nude) 

 

 

Das Buch

 

Das Mädchen war fremd in der Stadt. Sie hatte kein Geld. Und sie hatte keine Freundin. Wer also könnte an ihrem Tod interessiert sein?

 

Sie war tot, sie hatte ein Messer in der Brust und eine scheußliche Maske über dem Gesicht. Sie hatte auch einen Namen, und damit fing die Geschichte schon an, kompliziert zu werden...

 

Ich traf sie zum ersten Mal in Reno – oder um ganz genau zu sein: Sie traf mich. Sie hatte Angst vor ihrem Mann, und ich sollte sie wohlbehalten nach Pine City bringen. Daraus wurde nichts, weil sie am nächsten Morgen spurlos verschwunden war...

 

100.000 Dollar war das Diadem wert, das spurlos aus dem Juweliergeschäft von Mr. Elmo verschwunden ist. Danny Boyd soll das Diadem wieder herbeischaffen, und mit gewohnten Diadem stürzt er sich auf diese Aufgabe, die ihm von einigen reizenden Damen teils erleichtert, teils erschwert wird...

 

Der Band Kalt wie ein Brillant von Carter Brown (eigentlich Allan Geoffrey Yates; * 1. August 1923 in London; † 5. Mai 1985 in Sydney) enthält drei Romane um den Polizei-Lieutenant Al Wheeler (Ein Fall für Al Wheeler, Al Wheeler und die Besessene und Al Wheeler und die tote Lady) sowie einen Roman um den Privatdetektiv Danny Boyd (Kalt wie ein Brillant).  

Der Apex-Verlag veröffentlicht die Romane von Carter Brown als durchgesehene Neuausgaben in seiner Reihe APEX CRIME. 

  1. EIN FALL FÜR AL WHEELER (The Stripper)

 

 

 

Erstes Kapitel

 

 

Das Menschengedränge auf der anderen Seite der Straße nahm schnell zu, während ich den Austin Healey vor dem Starlight Hotel parkte. Es war ein angenehmer, zu Trägheit verleitender Nachmittag - eine heiße Sonne an einem wolkenlosen azurblauen Himmel mit einer vom Pazifischen Ozean herüberwehenden sanften Brise.

Es wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, um mit einer nur mit einem Minimum an Bikini bekleideten Blonden am Strand zu faulenzen oder in einer dämmrigen Bar zu sitzen und auf das leise Klicken der Eiswürfel in einem großen Glas zu lauschen. Der Zeitpunkt zum Träumen, während sich alles in seiner Haut wohl fühlte - wobei es vielleicht in der ganzen Stadt Pine City eine einzige Ausnahme gab, nämlich das Mädchen, das sprungbereit vierzehn Stockwerke hoch auf einem Vorsprung stand.

Innen in der Halle des Hotels hielten ein paar uniformierte Polizeibeamte vom Büro des Sheriffs die neugierige Menge von den Aufzügen fern. Ich fuhr zum vierzehnten Stock empor und fand ohne Schwierigkeiten das richtige Zimmer. Sergeant Polnik begrüßte mich von innen mit einem bekümmerten Runzeln auf seiner fliehenden Stirn.

»Lieutenant Wheeler«, sagte er erwartungsvoll. »Himmel, bin ich froh, dass Sie da sind! Der Sheriff schnappt vor lauter aus dem Fenster hängen schon bald über - er versucht, diesem verrückten Frauenzimmer dort draußen Vernunft beizubringen.«

Ein aufgeregtes Individuum mit vorquellenden Augen und einem bleistiftdünnen Schnurrbart drängte sich vor den Sergeant.

»Sie müssen sie am Springen verhindern, Lieutenant«, brabbelte er mit beinahe unverständlicher Stimme. »Wir können keine jungen Frauen brauchen, die das Hotel dazu benutzen, um Selbstmord zu begehen - das ruiniert unseren Ruf!«

»Warum fassen Sie keinen Entschluss?«, schlug ich höflich vor, legte ihm meine Handfläche auf die Brust und schob ihn beiseite.

Sheriff Lavers saß mit qualvoll verdrehtem Rücken auf dem Sims des geöffneten Fensters und redete auf das Mädchen ein, das draußen auf einem Vorsprung stand. Der Anblick seiner straffgespannten Hosen hatte etwas Verführerisches, aber ich widerstand der Versuchung - aus widerwilligem Respekt vor der Autorität und aus einem noch größeren Widerwillen dagegen, das Gehalt einzubüßen, an dessen Empfang an jedem Monatsletzten ich mich gewöhnt hatte.

»Nachdem sie nicht gesprungen ist, als sie sein Gesicht gesehen hat«, sagte ich laut, ohne mich an jemanden besonderen zu wenden, »glaube ich nicht, dass wir noch etwas zu befürchten haben.«

Die Absätze des Sheriffs scharrten auf dem Boden, und dann wandte er sich mir zu. Sein Gesicht war fleckig.

»Sind Sie endlich da, Wheeler«, knurrte er. »Sehen Sie zu, dass Sie diesem Mädchen dort draußen Vernunft beibringen - ich schaffe es nicht.«

»Ist sie nicht normal?«, fragte ich.

»Nicht in dem Sinn, wie Sie es meinen«, sagte er mit bekümmerter Stimme. »Keine Hysterie, nichts. So wie sie sich benimmt, könnte man meinen, es handle sich um das alljährliche Treffen der Pfadfinderinnen oder so was Ähnlichem.«

»Hat sie Ihnen einen Grund dafür angegeben, warum sie hinunterspringen will?«

Er schüttelte den Kopf. »Wie ich schon sagte, sie will nur einfach keine Vernunft annehmen. Sie heißt Patty Keller, und das einzige, was sie im Augenblick interessiert, ist die Uhrzeit.«

»Will sie wissen, wann sie springen muss?«, fragte ich.

»Keine Ahnung«, sagte Lavers schwerfällig. »Sehen Sie, was Sie bei ihr ausrichten können, Wheeler.«

Ich setzte mich auf das soeben freigewordene Fenstersims und blickte hinaus und dann hinab. Das war ein großer Fehler. Die dicht beieinanderstehende Menschenmenge auf dem Gehsteig war nichts als eine Ansammlung von Stecknadelköpfen. Einen Augenblick lang beobachtete ich die Spielzeugautos, die von einer unsichtbaren Hand die Straße entlanggeschoben wurden, dann erfasste mich ein schneller Schwindel. Ich wandte schnell den Kopf und sah das Mädchen, das knapp zwei Meter entfernt mit gegen die Außenwand des Hauses gepresstem Rücken dastand. Der Mauervorsprung war kaum vierzig Zentimeter breit, und die sanfte Brise vom Ozean her bekam plötzlich etwas Unheilvolles, als sie den Saum ihres Rockes aufblähte.

Das Mädchen konnte höchstens zwanzig sein. Sie hatte ein dünnes Gesicht und mausfarbenes Haar und wirkte noch nicht einmal nervös. Ihre Bluse hing lose um sie herum, und der Saum ihres Rocks war um mehrere Zentimeter zu lang. Vielleicht lag bei ihr alles ebenso schief wie bei ihrer Kleidung, und sie gedachte, dieses Problem mit einem Schritt nach vorn für alle Zeiten zu lösen.

»Hallo!«, sagte sie schnell mit einer hellen zuvorkommenden Stimme. »Ich bin Patty Keller. Wer sind Sie?«

»Al Wheeler«, sagte ich. »Sie vergeuden Ihre Zeit dort draußen, Patty. So hoch kommen die Straßenbahnen nicht herauf.«

»Sehr komisch«, sagte sie ernsthaft. »Sie sind wahrscheinlich Polizeibeamter?«

»Lieutenant«, gab ich zu. »Haben Sie irgendwas auf dem Herzen oder ist sonst etwas?«

»Sonst etwas«, bestätigte sie. »Wieviel Uhr ist es, Lieutenant?«

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. »Fünf Minuten vor drei. Sind Sie hier verabredet?«

»Jetzt verstehe ich.« Sie lächelte schlau. »Der Sheriff hat es mit Mitgefühl probiert - Sie wissen schon: Erzähl Daddy mal schön alles. Als das nichts half, hat man Sie geholt, damit Sie’s auf die heitere Tour versuchen. Stimmt’s?«

»Sie merken aber auch alles, Patty«, sagte ich aufrichtig. »Trotzdem haben Sie sich getäuscht. Ich komme im Auftrag der Straßenkehrer. Sie haben keine Lust, das, was von Ihnen übrigbleibt, nachdem Sie auf den Gehsteig geklatscht sind, wegzuräumen.«

Ihr Gesicht wurde ein wenig bleich. »Das - das - das ist schrecklich.«

»Allerdings«, stimmte ich zu. »Tun Sie ihnen also den Gefallen und kommen Sie herein. Ja?«

Sie schüttelte entschlossen den Kopf. »Tut mir leid, Al, das hier ist etwas, womit ich allein fertig werden muss.«

»Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht helfen kann?«

»Sie können mir nicht helfen«, sagte sie mit so gleichmütiger Stimme, dass die Endgültigkeit ihrer Ablehnung etwas fast Brutales hatte.

»Dann kann ich Ihnen vielleicht etwas bringen: eine Zigarette - oder eine Tasse Kaffee?« Ich kam mir selber blöde vor, aber die erprobte Theorie hieß: Lass das Gespräch nicht abreißen.

»Nein, danke.« Sie blickte flüchtig in die Tiefe. »Ich glaube, dort unten ist eine schreckliche Menge von Leuten, Al. Ich wette, es sind Zeitungsreporter und Kameraleute und alles Mögliche mit dabei. Vielleicht sogar das Fernsehen?«

»Klar«, sagte ich. »Und sie alle haben nur den einen Wunsch, Patty - dass Sie durch dieses Fenster hier wieder hereinklettern! Nur diese Kleinigkeit brauchen Sie zu tun, und Sie machen Tausende von Leuten in dieser Stadt glücklich - geben ihnen das Gefühl, dass das Leben trotz allem lebenswert ist!«

»Wieviel Uhr ist es?«, fragte sie abrupt, und damit war ich mit meinem Latein gründlich am Ende.

»Ich habe es Ihnen doch gerade gesagt - beinahe drei Uhr.« Ich warf einen erneuten Blick auf meine Uhr. »Punkt drei - Und was zum Kuckuck spielt das denn für eine Rolle?«

Es war keine Frage, auf die man eine Antwort erwartet, aber für einen Augenblick sah das Mädchen drein, als stünden zehntausend Dollar und ein Ferienaufenthalt in Rio auf dem Spiel. Plötzlich glättete sich ihre angestrengt gerunzelte Stirn. Sie holte tief Luft, und zum ersten Mal lächelte sie mich mit Wärme an.

»Ich glaube, Sie haben recht, Al«, sagte sie leichthin. »Es wäre dumm, all die Leute dort unten zu enttäuschen. Nicht? Ich werde jetzt hineinkommen.«

»Sie haben völlig recht«, sagte ich inbrünstig. »Aber vergessen Sie nicht - Sie haben viel Zeit! Nur sachte. Drücken Sie den Rücken fest an die Wand, und rutschen Sie langsam auf mich zu. Ja? Immer einen Schritt nach dem anderen.«

Patty Keller nickte und schob ihr rechtes Bein auf mich zu, den Rücken gegen die Hauswand gepresst. Ihr erster Schritt brachte sie etwa dreißig Zentimeter näher ans Fenster heran. Ich drehte mich zur Seite und streckte ihr meinen Arm entgegen, so dass die Entfernung zwischen uns beiden nur noch einen guten Meter ausmachte. Ich spürte, wie die großen Hände des Sheriffs meine Beine umklammerten, und das erleichterte mich innerlich etwas.

»Großartig, Patty!«, sagte ich. »Noch zwei Schritte und...«

Während ich noch redete, hatte sie bereits einen weiteren Schritt auf mich zu gemacht und wollte den zweiten folgen lassen. Ihr rechtes Bein glitt wieder nach vorne, und ihr Knöchel war fast in Reichweite meiner Hand - fast. Dann stöhnte sie leise, und ihr linkes Bein blieb, wo es war.

»Okay!«, schrie ich verzweifelt. »Ruhen Sie sich aus, Süße, Sie haben eine Unmenge Zeit...«

Ihr Gesicht verzog sich plötzlich in grotesker Weise. Ihre Knie schienen nachzugeben, und sie schwankte nach vorn, knickte in der Mitte ab wie ein Taschenmesser, verlor das Gleichgewicht und stürzte ab. Ich versuchte verzweifelt, ihren Knöchel zu packen und verfehlte ihn um nicht viel mehr als zehn Zentimeter, wobei ich selber gleichzeitig das Übergewicht bekam. Nur Lavers eiserner Griff um meine Knie rettete mich davor, aus dem Fenster zu stürzen.

Es konnte nicht mehr als zwei oder drei Sekunden gedauert haben, bis sie vierzehn Stockwerke tiefer auf dem Gehsteig aufschlug. Aber noch lange hinterher hallte in meinem Ohr der Laut nach, von dem der Aufschlag begleitet war - ein halbes Stöhnen, ein halbes Schreien, wie ein Urlaut aus den Wäldern, als es noch keine Menschen gab.

 

Gegen halb zehn Uhr am nächsten Morgen kam ich ins Büro, und Annabelle Jackson - die Sekretärin des Sheriffs und der wahrscheinlichste Grund, dass ich einmal den Verstand verlieren werde - hob ihr blondes Haupt und lächelte glücklich, so als ob ich mir eben ein Bein gebrochen hätte oder dergleichen.

»Doktor Murphy ist im Augenblick beim Sheriff«, sagte sie mit ihrem weichen südlichen Akzent. »Sie warten beide auf Sie, Lieutenant, und ich glaube, Sie tun gut daran, ein Alibi bereitzuhalten.«

»Reizend von Ihnen, mein Honigtröpfchen, dass Sie mir diesen Tip geben«, sagte ich dankbar. »Irgendwann in nächster Zeit werde ich Ihnen den großen Gefallen tun und frühzeitig meine letzte Ruhestätte aussuchen, so dass Sie darauf spucken können, wann immer Sie das Bedürfnis haben.«

»Ich weiß, dass Sie nur Spaß machen, Lieutenant«, sagte sie liebenswürdig. »Wer wird Sie schon beerdigen? Doch höchstens die städtische Müllabfuhr!«

Das war ein ernüchternder Gedanke, und ich beschäftigte mich mit ihm, bis ich ins Büro des Sheriffs trat und ich, dem Ausdruck in Lavers Gesicht nach zu schließen, gut daran tat, an andere Dinge zu denken.

»Setzen Sie sich, Wheeler«, brummte er. »Wir werden vielleicht eine Weile brauchen, bis wir fertig sind.«

Ich setzte mich in einen der Besucherstühle und blickte Doc Murphy an, und er blickte zu mir zurück, und so blickte ich, um die Monotonie zu durchbrechen, den Sheriff an, worauf sich das Ringelreihen wiederholte.

»Worauf warten wir?«, sagte ich schließlich kühn. »Auf eine Überraschung?«

»Patty Keller«, sagte Lavers. »Das Mädchen, das gestern Nachmittag von diesem Mauervorsprung am Hotel hinuntersprang.«

»Sie sprang nicht - sie fiel«, berichtigte ich ihn. »Sie wollte eben zurückkommen, als ihr schwindlig wurde und...«

»Das haben Sie gestern schon gesagt«, unterbrach er mich grob. »Ich dachte, das sei die übliche Wheeler'sche Reaktion gewesen. Welches weibliche Wesen kann angesichts eines solchen mit allen Vorzügen der Natur ausgestatteten männlichen Exemplars, das sich um es bemüht, schon Selbstmord begehen?«

»Sie sind eifersüchtig, Sheriff«, unterbrach ich ihn mit derselben Unverfrorenheit. »Nur weil Sie fett geworden sind und...«

»Schon gut!« Er biss das Ende seiner Zigarre ab und rammte sich dann das schwarze Ding in den Mund. »Das war gestern - inzwischen hat Doktor Murphy seine Autopsie beendet.«

»Sie fiel vierzehn Stockwerke hinunter auf einen betonierten Gehsteig und Sie benötigen eine Autopsie, um die Todesursache festzustellen?«, sagte ich verwundert.

»Warum denken Sie nicht einmal scharf nach, Lieutenant?«, fragte Murphy liebenswürdig. »Warten Sie mal ab, ob Ihnen nicht selbst eine intelligente Antwort auf diese Frage einfällt. Sie sagten, sie sei schwindlig geworden und deshalb hinuntergefallen. Denken Sie einmal ein bisschen weiter, ja - nur mir zu Gefallen.«

»Wie komme ich dazu, dem Freund des Leichenbestatters einen Gefallen zu tun?«, sagte ich. »Sie schob sich eben in Richtung des Fensters zurück, als sie plötzlich stöhnte - ihr Gesicht war verzerrt, als ob sie einen Krampf hätte. Dann gaben ihre Knie nach, sie klappte zusammen und verlor das Gleichgewicht. Mehr war da nicht.«

Murphy blickte zum Sheriff hinüber und nickte weise. »Es passt alles zusammen.«

»Sie beide sind wirklich reizend«, sagte ich kalt. »Von mir aus können Sie ruhig noch weiter in Rätseln reden.«

»Sie fragte immer wieder, wieviel Uhr es sei - ja?«, bohrte Lavers nach.

»Ja«, brummte ich. »He - da fällt mir gerade ein, als ich ihr sagte, es sei drei Uhr, änderte sie plötzlich ihre Absicht, was den Aufenthalt auf dem Mauervorsprung anbelangte - und zwar schlagartig.« Ich schnippte mit den Fingern.

»Interessant«, murmelte Murphy. »Sie hatte Unmengen von Apomorphin im Leib.«

»Apomorphin? Etwas Ähnliches wie Morphium?«

»Nein, das hat mit Morphium nichts zu tun. Es wird von dem Wort Morphium abgeleitet, aber es ist kein Rauschgift, sondern ein starkes Brechmittel. Eine winzige Dosis davon kann als Hustenmittel verwandt werden, und eine nicht viel größere veranlasst Sie, das ganze Arsen, das Ihnen Ihre Frau in den Haferbrei gemischt hat, wieder von sich zu geben - aber restlos! Apomorphin ruft akute Übelkeit, Brechreiz, Schwäche und Schwindelgefühl hervor. Es ist schwer zu sagen, wieviel sie eingenommen hat, aber es reichte jedenfalls für die eben erwähnte Wirkung aus.«

»Aber warum um alles auf der Welt sollte sie so etwas trinken, wenn sie ohnehin vorhatte, von dort oben hinabzuspringen?«, sagte Lavers.

»Sie hat es nicht getrunken - es ist eingespritzt worden. Nicht dass das eine große Rolle spielte, nur der zeitliche Ablauf ist verschieden«, erklärte Doc Murphy. »Apomorphin wird für gewöhnlich so verabreicht - in den Arm, nicht in den Magen.«

»Dann sieht es wirklich so aus, als ob da jemand ein bisschen nachgeholfen hätte«, sagte ich. »Die wenigsten Leute laufen umher und stechen sich selber Injektionsnadeln in die Arme.«

»Eine Menge Leute tun das«, berichtigte mich Murphy. »So viel ist sicher - jeder Rauschgiftsüchtige wird es Ihnen bestätigen plus einer Menge anderer Leute, die sich aus diesem oder jenem Grund selbst Spritzen geben.«

»Vielleicht hatte sie eine schlechte Auster gegessen«, sagte Lavers düster, »wollte sie wieder loswerden und nahm das Zeug, und danach kam sie zu dem Schluss, sie sei ohnehin lebensmüde, Auster hin oder her. So kletterte sie auf den Mauervorsprung hinaus und grübelte dort eine Weile nach, um zu einem Entschluss zu gelangen, und dann - wumm.« Er schnaubte leicht. »Quatsch! Das ist natürlich völliger Unsinn.«

»Wie lange nach der Injektion tritt die Wirkung ein?«, fragte ich den Doktor.

Er kratzte sich am Kopf und verzog das Gesicht. »Schwierig zu sagen, jedenfalls für mich -. Ich habe seit meiner Zeit im Unfallkrankenhaus keine Gelegenheit mehr gehabt, es anzuwenden. Vielleicht in zehn Minuten oder einer Viertelstunde.«

Der Sheriff begegnete meinem fragenden Blick mit einem mürrischen Gesichtsausdruck. »Sie rief unten am Empfang an und teilte dort mit, sie wolle hinunterspringen«, sagte er finster. »Sie schickten sofort den Hausdetektiv hinauf, um nachzusehen, ob es sich um einen dummen Witz handelte oder nicht. Ich war mit Polnik zusammen sofort dort - Sie brauchten ja länger dazu...«

Letzteren Kommentar ließ er mir durch zusammengebissene Zähne zukommen. »Ich nehme an, die ganze Geschichte zwischen ihrem Anruf am Empfang und ihrem Sturz dauerte etwa eine Viertelstunde, ein paar Minuten hin oder her.«

»Wurde die Injektionsnadel in ihrem Zimmer gefunden?«, fragte ich.

»Gestern hat niemand danach gesucht, und heute war nichts mehr da. Alles, was sie bei sich hatte, war ein leerer Übernachtungskoffer - was darauf schließen lässt, dass sie, wenn sie schon ein Hotelzimmer nahm, es auf dem schnellsten Weg wieder zu verlassen gedachte.«

»Wann war sie angekommen?«

»Erst zwei Stunden zuvor. Es war niemand bei ihr, niemand rief an oder ging zu ihr hinauf, soweit die Leute am Empfang darüber Bescheid wissen. Sie wohnte in einem Einzelzimmer im schäbigen Teil von Grenville Heights. Polnik wird jetzt eben dabei sein, dort Ermittlungen anzustellen. Sie hat nur eine Verwandte, soweit wir erfahren konnten: eine Cousine.«

»Wenn sie unter Sechzig ist und weniger als hundertachtzig Pfund wiegt«, sagte Murphy vergnügt, »wird Wheeler mit einem ganzen Dossier zurückkommen, komplett mit Angaben bis zum letzten Muttermal -. Und wissen Sie, wo man das meistens findet?«

»Sie sind nur eifersüchtig, genau wie der Sheriff«, sagte ich verächtlich, heuchlerischer Hippokrates!«

Lavers betrachtete uns beide mit unheilvollem Blick. »Die Cousine heißt Dolores Keller allgemein unter dem Namen Sture Dolores bekannt.« Er schüttelte in dumpfer Verzweiflung den Kopf. »Allen Anzeichen nach wird das ein echter Wheeler-Fall. Vermutlich sollte ich mir allmählich darüber klargeworden sein, dass man gegen das Schicksal eben nicht an kann. - Stimmt’s, Doktor?«

»Sture Dolores?«, brachte ich mühsam hervor. »Wie das?«

»Sie wird als das Mädchen bezeichnet, das alles, was es sagen will, vom Hals an abwärts ausdrückt«, knurrte er. »Sie ist Striptease-Tänzerin in einem Nachtclub.«

»Im Leben jedes Mannes kommt der Augenblick«, sagte ich mit ehrfurchtsvoller Stimme, »wo er seine gerechte Belohnung erhält.«

»Ich hoffe zutiefst, dass ich dabei sein werde, wenn Sie die Ihre erhalten, Wheeler«, brummte Murphy. »Die Autopsie übernehme ich umsonst.«

»Bevor Sie losziehen«, sagte Lavers resigniert, »möchte ich den Jefferson-Bericht haben. Wann kann ich ihn bekommen?«

»Irgendwann am späten Nachmittag, Sir«, sagte ich schnell. »Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich werde diesen neuen Fall in Angriff nehmen, sobald ich mit dem Jefferson-Bericht fertig bin - selbst wenn ich heute Nacht deshalb Überstunden machen müsste. Sie kennen mich ja, Sheriff«, fügte ich bescheiden lächelnd hinzu. »Ich bin gewissenhaft!«

»Ich kenne Sie von Grund auf, Wheeler«, knurrte er. »Und deshalb sage ich, es gibt einfach keine Gerechtigkeit mehr.«

 

 

 

Zweites Kapitel

 

 

Wenn sich die Nacht über die Stadt gesenkt hat und die Neonreklamen auf den Boulevards glitzern und blinken, bekomme ich hin und wieder Sehnsucht nach der Zeit, als die Welt noch jung war und Wheeler ebenfalls. Es war die Zeit, in der ich stehenblieb, um ein lebensgroßes, von glänzenden Lichtem umrahmtes, ein prächtiges, mit so gut wie nichts bekleidetes Mädchen darstellendes Plakat zu betrachten, während vom Inneren des Lokals schwach Jazzmusik herausdrang. Dabei klopfte mein Herz in schnellem Rhythmus, in erregender, wenn auch ungewisser Sehnsucht nach dem Tag, an dem sich mir einige der Geheimnisse des weiblichen Geschlechts enträtseln würden. Ich glaube, man verliert dieses Gefühl mit dem Heranwachsen - und gleichzeitig geht ein wenig Zauber für alle Zeiten verloren.

Über dem Eingang stand mit Neonschrift Club Extravaganza, und das lebensgroße Plakat vor dem Eingang war ein von glänzenden Lichtern umrahmtes Abbild der Sturen Dolores - ein Mädchen, das nur mit dem Körper spricht. Ich hatte bei diesem Anblick meine Sekunde der Sehnsucht und außerdem eine kleine Zugabe. Vom Halbprofil aufgenommen, war Dolores eine große, schöngewachsene Blonde. Ihre Hände waren hinter dem Kopf verschränkt, und sie trug den üblichen Flitterbüstenhalter, in der Fachsprache mit Fleischpastete bezeichnet, und ein mit Strass besetztes Hüfttuch.

Aber es war das Gesicht, das mich aufmerksam hinsehen ließ, und das war für Wheeler eine ausgesprochen neue Erfahrung. Dolores hatte rotblonde Haare, die straff zurückgestrichen und hinten in einem langen Pferdeschwanz zusammengehalten waren, während sie vorne in kurzen jungenhaften Fransen in die Stirn fielen. Ihr Gesicht war großflächig. Um ihren übermäßig großzügigen Mund lag ein leicht zynisches Lächeln, während ihre dunklen Augen vor etwas funkelten, was man bei einer Striptease-Tänzerin zuallerletzt gesucht hätte - nämlich Intelligenz. Und all das war auf einem albernen Plakat zu erkennen, und ich konnte es kaum erwarten hineinzukommen, um die Wirklichkeit zu erleben.

Ich gab meinen Hut an der Garderobe ab, weil ich es entschieden nicht eilig hatte, und ging dann weiter, um mich vom Oberkellner begrüßen zu lassen. Er war ein behaartes, muskulöses Individuum in einem zerknitterten Smoking - und mit einem alphabetisch geordneten Inhaltsverzeichnis der dreckigsten Stories aus aller Welt, die man in seinen Augen lesen konnte.

»Ich möchte zu Dolores Keller«, sagte ich.

»Da sind Sie an den richtigen Ort gekommen, Freund.« Er schielte mich an, als wären wir beide Mitglieder desselben Phantasieclubs. »Die nächste Vorführung fängt erst in einer halben Stunde an. Wenn Sie einen Tisch unmittelbar an der Bühne haben wollen, kann ich das vielleicht arrangieren.«

»Verleihen Sie vielleicht auch gegen eine kleine Gebühr Operngläser?«, knurrte ich.

Seine Augen wurden schmal, und möglicherweise erschien ein hässlicher Ausdruck auf seinem Gesicht.

Aber wer konnte das sagen? »He, hören Sie mal«, krächzte er mit rauer Stimme, »ich weiß nicht, was Sie im Sinn haben, aber wenn Sie Scherereien wollen, sind Sie an den Richtigen gekommen, mein Freund.«

»Vermutlich hat es keinen Zweck, Sie um den großen Gefallen zu bitten, tot umzufallen«, sagte ich in bedauerndem Ton. »Also tun Sie mir einen kleinen Gefallen und hören Sie auf, mich Freund zu nennen - Lieutenant genügt völlig.«

Ich zog meine Dienstmarke heraus und hielt sie ihm unter die Nase. Falls er nicht lesen konnte, war ich bereit, ihm vorzubuchstabieren, was darauf stand, aber der plötzliche kränkliche Ausdruck auf seinem Gesicht ließ erkennen, dass er ausgezeichnet lesen konnte.

»Verdammt!«, sagte er mit erstickter Stimme. »Tut mir leid, Lieutenant, ich wusste nicht, dass Sie...«

»Wir haben alle unsere Probleme«, sagte ich mitfühlend. »Sie haben ein abstoßendes Gesicht, und ich habe mit Dolores Keller zu sprechen.«

»Selbstverständlich, selbstverständlich!« Er drehte sich um und winkte mir, zu folgen. »Hier entlang, Lieutenant.«

Wir bahnten uns unseren Weg zwischen den Tischen hindurch, an der Fünfmannband vorbei, die einen Cha-Cha-Cha spielte, als hegten ihre Mitglieder einen persönlichen Groll gegen Lateinamerika, gingen durch einen mit einem mit einem Vorhang verdeckten Zugang und einen Korridor entlang, bis zu den Garderoben. Der Oberkellner blieb vor der zweiten Tür stehen und klopfte.

»Wer ist draußen?«, fragte eine weibliche Stimme.

»Louis«, sagte er. »Hier ist ein Polizei-Lieutenant, der Sie sprechen möchte, Dolores.«

»Schicken Sie ihn herein«, sagte die Stimme kalt. »Sie werden doch nicht erwarten, dass ein Polyp Eintritt wie andere Leute zahlt?«

Ich trat in die Garderobe und machte Louis die Tür vor der Nase zu. Dolores saß an einem Toilettentisch und zog die ausgeprägte Kurve ihrer Unterlippe mit einem kleinen Lippenstiftpinsel nach. Als sie mit ihrer fachmännisch bewältigten Arbeit fertig war, drehte sie sich um und sah mich an. Der Morgenrock, der sie von hinten hatte sittsam erscheinen lassen, klaffte vorn weit auf - und darunter trug sie dasselbe wie draußen auf dem Plakat. Diesmal war sie nicht nur lebensgroß, sondern auch lebendig, und die Wirkung war umso größer. Nach einem konzentrierten fünfsekündigen Studium kam ich zu dem Schluss, dass das Plakat ihr einfach nicht gerecht würde.

»Ich bin Lieutenant Wheel er«, sagte ich, »vom Büro des Sheriffs.«

Ihre Lippen öffneten sich zu einem schwachen Lächeln. »Was habe ich getan, Lieutenant - einmal zu sehr die Hüften geschwenkt?«

»Ich komme wegen Ihrer Cousine - Patty.«

Aus einer Kiste in der Ecke kam ein klägliches Quieken. Es klang, als ob irgendetwas dringend geölt werden müsse. Dolores sprang auf und stürzte auf die Kiste zu, kniete nieder und nahm ein kleines Pelzbündel heraus und in ihre Arme.

»Bobo!«, gurrte sie beruhigend. »Armer kleiner Bobo! Hast du dich dort unten vernachlässigt gefühlt? Du weißt doch, deine große Mammi hat dich immer gleich lieb!«

Sie kehrte zum Toilettentisch zurück und setzte sich hin, mir zugewandt, noch immer das Pelzbündel schützend in ihren Armen wiegend. Ein kleiner spitzer Kopf hob sich über ihren Unterarm, und die hellen Augen des kleinen Köters starrten mich mit frecher Verachtung an.

Dolores lächelte mich wieder an. »Bobo hasst es, wenn er irgendwo nicht mit einbezogen wird: Er wird - immer, wenn ich Besuch habe - schrecklich eifersüchtig.« Sie presste den Köter noch fester gegen ihre nackte Zwerchfellgegend. »Nicht eifersüchtig werden, mein ungezogener kleiner Bobo, ja?«

Der Hund gab zwei scharfe zustimmende Kläfflaute von sich und war dann so erschöpft, dass er seine blassrosa Zunge heraushängen ließ, während er nach Luft schnappte.

»Wenn Sie das Kläffen stört, dann können Sie ihn ja einfach ausstopfen lassen«, schlug ich hilfreich vor.

Dies weckte das kleine Ungeheuer ausreichend lange zum Leben, um eine Weile in wahnsinniges Gekläffe auszubrechen, so dass meine Nervenenden zu vibrieren begannen.

»Achte nicht auf den grässlichen Mann, Bobo, mein Süßer!« Dolores starrte mich verachtungsvoll an. »Er ist bloß ein scheußlicher, grausamer alter Polyp. Und ich wette, er ist eifersüchtig.«

»Ich wollte Ihnen nur mit Rat und Tat zur Seite stehen«, protestierte ich. »Ich dachte, Sie könnten sich aus dem Pelz vielleicht ein paar neue Lendenschürzen machen, und das würde vielleicht ein großer Schlager werden.«

Sie schloss die Augen und schauderte heftig, und für eine Sekunde dachte ich, das Haar des Köters sträubte sich.

»Nehmen Sie’s nicht tragisch«, sagte ich in entschuldigendem Ton. »Sie wollten mir von Patty erzählen. Erinnern Sie sich?«

»Arme Kleine!« Ihre Augen waren noch immer kalt, als sie mich ansah. »Sie muss scheußliche Erlebnisse hinter sich gehabt haben, um von einem Hotelfenster hinunterzuspringen.«

»Können Sie sich vorstellen, was für einen Grund sie gehabt haben könnte, sich umzubringen?«

Dolores schüttelte den Kopf. »Ich kannte sie nicht sehr gut, Lieutenant. Sie kam erst vor sechs Monaten aus Indiana nach Pine City. Ihre Angehörigen waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und ich glaube, ich war so ungefähr die einzige Verwandte, die sie noch hatte. Wir kamen nicht allzu gut miteinander aus. Sie wollte Schauspielerin werden, und sie hielt meinen Beruf für etwas Degradierendes.«

»Sie hatte etwas dagegen, dass Sie Striptease-Tänzerin sind?«

Ihre Augen wurden noch kälter. »Ich schätze das Wort gar nicht, Lieutenant, ich bin eine Ecdysiastin!«

»Eine was?«

»Ecdysiastin! Es kommt aus dem Griechischen und kann mit hautabstreifen bezeichnet werden«, erklärte sie in eisigem Ton. »Es liegt eine Welt zwischen einer exotischen Tänzerin und jemandem, der sich nur auszieht, Lieutenant.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte ich ergeben. »Glauben Sie, dass Patty vielleicht noch immer wegen des .Todes ihrer Eltern etwas durcheinander war?«

»Nein«, sagte sie überzeugt. »Ich glaube, sie war froh, sie los zu sein. Sie fanden, der Platz eines Mädchens sei auf der Farm, auf der sie geboren wurde.« Ihre Augen blickten ein paar Sekunden lang nachdenklich drein. »Vielleicht hatten ihre Eltern recht?«

»Wie steht’s mit guten Bekannten?«

»Sehr einfach: Sie hatte keine.«

»Gar niemanden?«

»Das mag Ihnen überraschend kommen, Lieutenant«, sagte sie scharf, »aber selbst in Südkalifornien sind die Einsamen Legion.«

»Das war gut gesagt - das muss ich mir merken«, sagte ich. »Wollen Sie damit sagen, dass sie nicht einmal einen Freund hatte? Dass es überhaupt keinen Mann in ihrem Leben gab?«

»Es ist etwa einen Monat her, als ich sie zuletzt sah«, gestand Dolores, »aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie keinen Freund. Sie war so bekümmert darüber, dass sie sogar Verbindung mit einem Club der einsamen Herzen aufnahm. Sie war ganz aufgeregt deswegen - und konnte ihr erstes Rendezvous ins Blaue gar nicht erwarten. Es war wirklich rührend.«

Aus dem sicheren Hort von Dolores’ warmen und zärtlichen Armen heraus warf mir der Köter noch einen letzten Blick zynischen Selbstvertrauens zu, schloss dann die Augen und schlief ein. Sein schweres Atmen hielt an, aber die Abstände zwischen seinem Gekeuche wurden länger.

»Erinnern Sie sich, wie der Club der einsamen Herzen genau hieß?«

»Klar - die Arkright-Glücksarche. Ich fragte Patty, ob der Geschäftsführer vielleicht ein gewisser Noah sei, denn dann müsste er ein wirklicher Fachmann auf dem Gebiet der Ehevermittlung sein. Aber sie fand das gar nicht komisch.«

»Ich auch nicht«, sagte ich aufrichtig. »Aber ich wette, Bobo lacht sich halb tot.«

»Sie sind ein grässlicher Mensch!« Sie presste den Hund fester an sich, bis er vorwurfsvoll quietschte, ohne zu erwachen.

»Leute, die Hunde nicht mögen, haben immer etwas Bösartiges an sich«, sagte Dolores unheilvoll. »Es ist ein sicheres Zeichen.«

»Sie nennen das hier einen Hund?«, fragte ich ehrlich erstaunt. »Süße, der einzige Unterschied zwischen Ihrem Köter und irgendeiner anderen Ego-Projektion besteht nur darin, dass Bobo mit Fell überzogen ist. Ich habe nichts gegen den Hund, sondern etwas gegen das, was Sie aus ihm gemacht haben.«

»Scheren Sie sich zum Teufel, Lieutenant, wenn Sie mit Ihren Fragen fertig sind!«, sagte sie mit gepresster Stimme.

»Für den Augenblick bin ich fertig, glaube ich«, sagte ich. »Aber sehr wahrscheinlich werde ich wiederkommen.«

Ich hatte die Tür schon halb geöffnet, als ihre Neugier für einen Augenblick über ihre Abneigung gegen mich siegte. »Spielt das irgendeine Rolle, Lieutenant?«, erkundigte sie sich. »Ich meine, die Frage: Warum hat sich Patty umgebracht? Man kann jetzt doch nichts mehr für sie tun. Oder?«

»Das ist eine reine Routineangelegenheit«, sagte ich vage, drehte mich dann um und blickte sie an. »Haben Sie sich je - bei all Ihren schönen Sentenzen wie Die Einsamen sind Legion - die Zeit zu der Überlegung genommen, dass Ihre Cousine, wenn Sie ein Zehntel der Zuneigung, die Sie an diesen Köter verschwenden, ihr hätten zukommen lassen, vielleicht heute noch am Leben wäre?«

Ihr Gesicht erstarrte, während sie mich regungslos anblickte. Dann erwachte der Hund mit einem plötzlichen verzweifelten Aufjaulen und sprang aus ihren Armen, um zu vermeiden, zu Tode gequetscht zu werden.

»Es war nur so ein Gedanke«, sagte ich höflich und schloss die Tür vor ihren erstarrten Zügen, bevor sie dazukam, mir etwas an den Kopf zu werfen.

Auf dem Weg hinaus ergriff ich meinen Hut und gab dem Mädchen einen Vierteldollar, um zu beweisen, dass ich großzügig war, obwohl der Abend bei weitem noch nicht so fortgeschritten war wie ihr Alter. Draußen blieb ich stehen und warf noch einmal einen Blick auf das lebensgroße Plakat unter dem roten Neonlicht. Ich verwandte geschlagene fünf Sekunden darauf, aber nicht die geringste Sehnsucht durchzuckte mich. Dann fuhr ich im Austin Healey nach Hause und befand mich gegen zehn Uhr in meiner Wohnung.

Ich legte Sinatras In the Wee Small Hours auf und goss mir etwas zu trinken ein. In einem Sessel sitzend, lauschte ich der grandiosesten Interpretation von Mood Indigo, die ich je gehört hatte. Die Wohnzimmerwände schienen ein wenig einzuschrumpfen. Ich verspürte einen plötzlichen Drang, sie mindestens einen Meter weit zurückzuschieben. Meine Zeit gehörte mir - ich konnte mit ihr anfangen, was ich wollte. Ich konnte sitzen bleiben und die ganze Nacht hindurch trinken, ich konnte ins Bett gehen und schlafen: Weshalb, zum Henker, fühlte ich mich also deprimiert? Zwei Gläser später dachte ich: Zum Kuckuck mit Dolores! - selbst wenn ich der letzte Legionär ihrer Einsamkeitstheorie sein sollte - und ging zu Bett.

Am nächsten Morgen, als das helle Sonnenlicht in die Wohnung strömte, fühlte ich mich nicht anders. Zwei Sekunden lang erwog ich ernsthaft, ins Büro zu gehen, aber der Gedanke an Sheriff Lavers’ Gesicht, wenn er diesen Jefferson-Bericht lesen würde, ließ mir das wenig geraten erscheinen. Man musste den Tatsachen ins Gesicht sehen, und Tatsache war, dass ich mich einsam fühlte. Man muss logisch denken, und die Logik verlangte, dass ich etwas gegen das Einsamkeitsgefühl unternahm. Man durfte nicht herumsitzen und Trübsal blasen, man musste fort und sein Bestes versuchen. Auf in den Kampf! sagte ich mir. - Wenn es einen Treffpunkt von einsamen Herzen gibt, so geh hin und suche ihn.

Etwa eine Stunde später fand ich die Arkright-Glücksarche im dreizehnten Stock eines Gebäudes in der Innenstadt - aber vielleicht war das mit dem Stock reiner Zufall. Ich kannte mal einen Burschen, der zufällig eine Woche zusammen mit der Freundin seines besten Freundes in Miami zubrachte - und rein zufällig hatten sie dasselbe Zimmer im selben Hotel zur selben Zeit genommen. Was meinem ehemaligen besten Freund zustieß, konnte auch der Arkright-Glücksarche zustoßen, ja sogar einem Hund - selbst einem Köter -, und damit war ich wieder bei Dolores Keller angelangt.

Im Büro empfand ich eine gelinde Enttäuschung, denn es sah aus wie jedes andere Büro kein rosa Gips-Cupido zielte mit Pfeil und Bogen auf irgendeinen intimen Bestandteil von irgendjemandes Anatomie, nicht einmal eine Vase voller Herzen und Blumen gab es. Dann warf ich einen ersten Blick auf die Empfangsdame hinter dem großen Schreibtisch, und ganz plötzlich begann mein Herz zu jubilieren - vielleicht ein wenig zu melodisch, aber es jubilierte definitiv!

Ihre dunklen Haare waren aufs unbekümmertste frisiert, und eine tahitische Sonnenbräune passte zu der sinnlichen Schönheit ihres Gesichts. Als sie mich anblickte, sah ich, dass ihre Augen voll animalischer Wärme waren. Ich schloss die Augen, und es bedurfte keines Tricks, um sie aufrecht vorn im Bug eines Luggers stehen zu sehen, während sich ihre nackte Silhouette flüchtig gegen die Pracht eines tropischen Morgenhimmels abhob - und dann tauchte sie in das kristallklare sechs Faden tiefe Wasser, um weitere unschätzbar wertvolle Perlen für mich heraufzuholen - noch vor dem Frühstück.

»Guten Morgen«, sagte sie, und ihre vibrierende, leicht heisere Stimme ließ meine Finger bereits nach der Brotfrucht zucken.

»Hm«, brachte ich heraus, und schon das kostete einige Anstrengung.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte sie, und ihre Worte klangen wie eine Liebesmelodie. »Ich bin Sherry Band. Und Sie sind Mr....?«

Ich plumpste schwerfällig in den nächsten Stuhl, und er seufzte unter mir wie der Passatwind, der durch Palmen streicht. »Wheeler«, murmelte ich unzusammenhängend. »Al Wheeler.«

Sie lächelte, und ihre Zähne waren alle unschätzbar wertvolle Perlen, und was, zum Kuckuck, sie in einem Büro zu suchen hatte, anstatt in einem Eingeborenenkanu zu sitzen, war mir schleierhaft.

»Bitte, genieren Sie sich nicht«, flehte sie mich an. »Wir haben Hunderte von Leuten, die aus genau dem gleichen Grund hierherkommen wie Sie. Es sind nette Leute, aber sie sind einsam und sie wollen gern andere nette Leute kennenlernen, aber sie wissen nicht, wie sie es anfangen sollen - und so kommen sie zu uns. Wie, sagten Sie, war noch Ihr Name? - Mr. Trieler?«

»Wheeler«, sagte ich entrüstet.

»Entschuldigung, Mr. Wheeler.« Ihre Unterlippe wölbte sich leicht vor, und ihre faszinierende Seidenbluse tat dasselbe, als das Mädchen tief Luft holte.

»Sie haben ein bisschen gestottert, Mr. Wheeler, aber Sie scheinen ihre Nervosität sehr schnell überwunden zu haben. Nun«, ihre Stimme war noch immer freundlich, aber das Lächeln um ihre Lippen wurde etwas matt in den Mundwinkeln, »was können wir für Sie tun, Mr. Wheeler? Ich denke mir, Sie sind auf der Suche nach einem netten Mädchen, das Sie möglicherweise später auch heiraten wollen - und wir sind dazu da, um Ihnen zu helfen, die Richtige zu finden! Haben Sie irgendwelche speziellen Wünsche?«

»Sie meinen, ich kann die Maße angeben wie bei einer schriftlichen Bestellung für einen guten Sonntagsanzug?«, erkundigte ich mich interessiert.

»Wir können nicht dafür garantieren, dass Sie genau das Mädchen Ihrer Träume finden, Mr. Wheeler«, sagte sie vorsichtig, »aber in den meisten Fällen kommen wir den Erwartungen hübsch nahe.«

Ich überlegte benommen zwei Sekunden lang und legte dann los. »Das Mädchen, das ich suche, muss pfirsichblond sein«, bekannte ich. »Nicht honig-, nicht erdbeer- und nicht tomatenblond, sondern pfirsichblond. Sie verstehen schon, pfirsichblond? Mit einem Gesicht, das eine Mischung aus Marilyn Monroe und Elsie Blatt ist - Elsie war das Mädchen, neben dem ich in der High-School gesessen hatte. Ich meine, sie soll sowohl apart als auch hausbacken aussehen. Ich schätze, ihre Maße sollten sich um hundertfünfundfünfzig - achtundfünfzig herum bewegen, und sie soll reich und eine gute Köchin sein und immer aufregende Unterwäsche tragen.«

Sherry Rand starrte mich eine ganze Weile starr vor Staunen an, dann verzog sich ihr Gesicht hilflos und sie brach in schallendes Gelächter aus.

»Heißen Sie vielleicht doch Trieler?«, kicherte sie.

Spaß ist Spaß, aber schließlich muss auch das Geschäftliche einmal erledigt werden, wie der Bräutigam sagte, als er in der Hochzeitsnacht das Schachspiel beiseite räumte.

»Ich bin Polizeibeamter«, sagte ich in entschuldigendem Ton. »Ich bin ein Lieutenant und kein Mister.«

Sie hörte auf zu lachen und blickte mich eine Weile vorsichtig an, als ob dies vielleicht der größte Witz wäre, sie sich dessen aber nicht ganz sicher sei.

»Sie - ein Polizeibeamter?«

»Ich weiß, es klingt irgendwie albern«, gab ich zu. »Aber die besten Polizeibeamten sind alle nach Hollywood zum Fernsehen gegangen, und so müssen sie hier in Pine City mit dem Ausschuss vorlieb nehmen - wie zum Beispiel mit mir.«

»Sind Sie wirklich Polizei-Lieutenant?«

»Man hat mir sogar eine Dienstmarke gegeben.« Ich warf sie vor das Mädchen hin auf den Schreibtisch und Sie starrte darauf, als wäre es eine Dreidollarnote.

»Das verstehe ich nicht, Lieutenant«, sagte sie schließlich mit verwirrtem Gesicht. »Dies hier ist ein legitimes Unternehmen, und wir hatten nie irgendwelche...«

»Nun, es gibt immer ein erstes Mal«, sagte ich mit tröstender Stimme. »Ich möchte nur ein paar Erkundigungen über eine Ihrer früheren Kundinnen einziehen - Patty Keller.«

»Ich glaube, Sie sprechen besser mit Mr. oder Mrs. Arkright«, sagte sie zweifelnd. »Entschuldigen Sie mich.«

Ich wartete, während sie meine Anwesenheit und meine Absichten mit unterdrückter Stimme irgendjemandem am anderen Ende der Leitung mitteilte. Sie hatte denselben Ton, dessen sich Leichenbestatter bedienen, wenn sie die Vergangenheitsform anwenden! Dann legte sie auf und erklärte, Mr. und Mrs. Arkright würden mich sofort empfangen und ich möge durch die Tür dort links gehen.

Also öffnete ich die Tür zu meiner Linken und trat in ein kleines, aber ordentliches Büro. Diesmal war eine Vase da - sie stand auf dem Schreibtisch und enthielt einen Strauß verblasster Nelken. Die Blumen passten zum Rest der Einrichtung: Die Vorhänge, der Teppich, die Wandbemalung - alles wirkte verblasst. Hinter dem Schreibtisch standen Mr. und Mrs. Arkright wie auf einem verblassten Foto im Familienalbum. Ich hatte das unheimliche Gefühl, dass, wenn man einem von ihnen scharf auf die Schulter tippte, sich alles in einer Wolke von Staub auflösen würde.

Mr. Arkright war ein kleiner pausbäckiger Bursche mit einer randlosen Brille und dünnen über die rosa Kopfhaut zurückgekämmten Restbeständen von Haaren, die durch schimmernde Pomade festgeklebt zu sein schienen. Er trug einen leicht zerknitterten grauen Anzug, der vermutlich zu der Zeit, als Herbert Hoover zum Präsidenten ernannt wurde, einmal letzter Schrei gewesen war. Seine Krawatte hatte mit ihren goldschwarz-roten Streifen etwas Aufregendes und war auf absonderlich feste Weise um den hohen gestärkten Kragen gebunden, der kaum Platz für seinen Hals ließ.

»Guten Morgen, Lieutenant«, sagte er mit einer rostigen Stimme, die zugleich ein wenig quietschte, als sei sie seit langem nicht mehr geölt worden. »Mein Name ist Arkright - Jacob Arkright -, und das hier ist meine Frau Sarah.«

Sarah war klein und mager. Ihr Gesicht, nichts als Ecken und Löcher, wurde von spärlichem, gekräuseltem Haar überdacht, das in schimmerndes Tizianrot eingefärbt war. Sie trug ein formloses schwarzes Kleid, das um ihre hagere Gestalt hing wie ein achtlos über einen hochlehnigen Stuhl geworfener Schonbezug. Ihre Augen waren blassblau und wurden gegen den Rand zu trübe. Ihre Stimme hatte einen scharfen, spröden Unterton, so als ob sie gewohnt sei, Ausreden und Halbwahrheiten zu hören und als ob sie nicht bereit sei, weiterhin irgendwelchen Unsinn über sich ergehen zu lassen, selbst wenn ihn ein Polizeibeamter zum besten gab.

»Setzen Sie sich, Lieutenant.« Sie deutete auf einen staubigen Sessel. »Nun - Sherry sagte, Sie seien an einer unserer Kundinnen interessiert?«

Ich setzte mich auf die verblasste Kretonne, die an den Ecken bereits etwas durchgeschabt war, und fragte mich, wie verzweifelt man sich wohl nach etwas menschlicher Gesellschaft sehnen musste, um ein Loch wie dieses hier aufzusuchen. Sarah Arkright beobachtete mich einen Augenblick und nahm dann ihren eigenen Platz hinter dem Schreibtisch wieder ein. Ihr Mann blieb neben ihr stehen, und seine rechte Hand fiel auf ihre Schulter, eine Pose, die noch mehr an das bewusste Familienalbum erinnerte.

»Patty Keller«, sagte ich. »Sie war bei Ihnen Kundin, Mrs. Arkright.«

»Patty Keller?«, wiederholte sie scharf. »Ich erinnere mich nicht - du, Jacob?«

»Ich - ich glaube, ja.« Er räusperte sich entschuldigend. »Ein junges Mädchen, das sehr schüchtern war und Schauspielerin werden wollte. - Sie ist doch hoffentlich nicht in irgendwelche Schwierigkeiten geraten, Lieutenant?«

»Haben Sie nichts darüber in den Zeitungen gelesen?«, fragte ich.

»Wir lesen keine Zeitungen«, sagte Sarah scharf.

»Seit langem nicht mehr.« Jacob lächelte mir zu, und das war bei diesen superweißen Zähnen ein Fehler. »Das Niveau des modernen Journalismus, Lieutenant...«

»Sie ist tot«, sagte ich kalt. »Gestern Nachmittag kletterte sie im vierzehnten Stock eines Hotels auf einen Mauervorsprung hinaus und...«

»Selbstmord?« Die randlose Brille vergrößerte eine Art wässrigen Mitgefühls in seinen farblosen Augen. »Wie tragisch!«

Sarah Arkright faltete die Hände vor sich und schürzte missbilligend die dünnen Lippen.

»Sie schlagen nirgendwo mehr Wurzel«, bemerkte sie gelassen. »Keine von ihnen, das ist heutzutage die Schwierigkeit. Kein Lebensziel - alle Maßstäbe sind dahin.«

»Und Patty Keller mit ihnen«, brummte ich. »Führen Sie eine Kartei über Ihre Kunden?«

»Natürlich.« Jacob blickte bei dem Gedanken, jemand könnte ihre geschäftliche Tüchtigkeit anzweifeln, schockiert drein. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Lieutenant, ich werde alles Erforderliche holen.«

Er verließ das Zimmer mit hüpfenden Schritten, die mich an den kleinen weißen Ball erinnerten, der in einem der sechs Kurzfilme, die in meiner Kindheit den Hauptfilm einer Samstagsmatinee zu begleiten pflegten, über Notenlinien sprang. Nachdem er gegangen war, zog ich eine Zigarette heraus und blickte mich nach einem Streichholz um, als Sarah schärfsten Einwand erhob.

»Nicht in diesem Büro hier, bitte, Lieutenant. Etwas, das niemand von uns in diesem Büro je duldet, ist der widerwärtige Geruch nach Tabak!«

Jakob kehrte in dem Augenblick wieder, als ich die unangezündete Zigarette wieder in das Päckchen schob. Er reichte mir einen weißen Schnellhefter und nahm dann wieder seine Stellung hinter dem Stuhl seiner Frau ein. Der Schnellhefter enthielt zwei säuberlich getippte Blätter. Unter der Überschrift Patty Keller wurden Adressen, Alter, Beschäftigung, Interessen, Sympathien und Abneigungen aufgeführt - und es sah aus, als ob sich jemand damit redlich Mühe gegeben hätte. Seite zwei war noch interessanter. Die Überschrift lautete: Gewünschter Partner, und darunter wurden verschiedene Sparten aufgeführt: Alter, Beruf und finanzielle Lage - was alles als unwichtig bezeichnet worden war. Charakter und Interessen waren die Dinge, die Patty bewegten: Soll ein gütiger, sensibler Mann sein, mit Interesse an Kunst, vor allem am Theater.

Die barsche Stimme Sarah Arkrights unterbrach mein Studium.

»Wie Sie sehen Lieutenant«, sagte sie beinahe selbstgefällig, »verwenden wir viel Zeit und Mühe darauf, die Wünsche unserer Gäste zu analysieren, bevor wir versuchen, den passenden Partner zu finden. Deshalb ist auch unser Prozentsatz an erfolgreichen Vermittlungen sehr hoch - mehr als sechzig Prozent unserer Kunden heiraten schließlich jemanden, den sie in unserem Club kennengelernt haben.«

»Wie viele enden wohl tot auf dem Gehsteig, so wie Patty Keller?«, fragte ich mich laut.

Die letzte Eintragung wies auf ein zwischen Patty und einem Harvey Stern arrangiertes Treffen hin. Das Datum lag drei Monate zurück. Ich ignorierte das aufgebrachte Schnauben Sarahs auf meine letzte Bemerkung hin und sah ihren Mann an.

»Diese Zusammenkunft mit Harvey...« Ich deutete auf den Namen. »Wie steht es damit?«

»Ist das die letzte Eintragung auf diesem Blatt?«, fragte er, und seine Stimme quietschte beim letzten Wort ein wenig.

»Ja.«

»Unser System arbeitet folgendermaßen«, mischte sich seine Frau energisch ein. »Wir studieren die Blätter mit den Angaben, und wenn wir glauben, dass zwei Kunden im Wesentlichen zusammenpassen, arrangieren wir ein Zusammentreffen. Wir unternehmen dann nichts mehr, bis der eine Partner - oder alle beide - uns mitteilen, dass das Zusammentreffen nicht befriedigend verlaufen ist. Wenn dies hier die letzte Eintragung auf dem Blatt des Mädchens ist, dann hat sie uns überhaupt nichts mehr berichtet.«

»Wie steht es mit diesem Stern?«, fragte ich. »Hat er berichtet?«

»Ich werde seine Akte holen, Lieutenant«, sagte Jacob schnell und hüpfte erneut aus dem Zimmer.

Sarah starrte mich mit offener Feindseligkeit an. »Ich begreife nicht, was das Ableben dieses Mädchens mit uns zu tun hat - oder mit unserem Club!«, krächzte sie. »Ich betrachte das als ein unerwünschtes Eindringen in die Intimsphäre, Lieutenant!«

»Das ist Ihr gutes Recht«, sagte ich höflich. »Vielleicht war dieser Stern ein Sexprotz, und die Erfahrungen, die das Mädchen bei ihrem ersten Rendezvous machte, waren derart, dass sie durch sie zum Selbstmord getrieben wurde.«

Sie gab noch immer glucksende Geräusche tief in ihrer Kehle von sich, als Jacob mit einem neuen Schnellhefter auftauchte, diesmal einem blauen.

»Blau für Knaben, Weiß für Mädchen?«, sagte ich.

Er bleckte seine Ersatzzähne. »Blau und Rosa wäre noch netter gewesen«, sagte er. »Aber wir hatten bereits mit Weiß angefangen.«

Ich schauderte leicht, als ich den Schnellhefter aus seiner Hand entgegennahm. »Nehmen Sie Schwarz für Witwen und Grau für Geschiedene?«

Jacob gab einen schwachen, unzusammenhängenden Quieklaut von sich und schoss dann auf den schützenden Stuhl seiner Frau zu. Ich warf einen raschen Blick auf die letzte Eintragung von Harvey Sterns Personalbogen und sah, dass das letzte Rendezvous, das er gehabt hatte, das mit Patty Keller gewesen war, und die Daten stimmten überein. Harvey musste eines der Gründungsmitglieder des Clubs gewesen sein, oder vielleicht hatte er auch nur Pech gehabt - dieses Rendezvous war sein fünfzehntes gewesen.

»Ich hätte diese Unterlagen gern für ein paar Tage - wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte ich.

»Lieutenant!« Sarah blickte schockiert drein. »Diese Unterlagen enthalten vertrauliche Informationen. Wir garantieren all unseren Gästen äußerste Diskretion! Wir können unmöglich...«

»Sie werden mit Streng geheim bezeichnet und kommen in den Safe im Büro des Sheriffs.« Ich lächelte sie strahlend an und stand dann auf. »Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mrs. Arkright - und auch für die Ihre, Mr. Arkright. Wenn ich mich mal einsam fühle, weiß ich jetzt, wohin ich gehen kann.«

Sarahs Gesicht passte in der Farbe zu ihrem Haar, während sie nach den passenden Worten rang. Die randlose Brille vergrößerte die Verblüffung in Jacobs Augen zu restloser Verwirrung. Ich verließ die beiden, während sie dreinblickten wie ein Paar von seelisch Gestörten aus den Krankenblättern eines Psychiaters. Beim Hinausgehen überlegte ich mir, wie sie aussehen würden, wenn ihre Köpfe bis zur Größe des Knotens von Jacobs Krawatte eingeschrumpft wären. Wie aparte kleine Knöpfe, dachte ich.

Draußen im Vorzimmer blieb ich einen Augenblick vor dem Tisch der Empfangsdame stehen und sog den Duft von Frangipani ein. Ich schloss die Augen und konnte das sausende Geraschel der Baströcke hören, die einen wilden Wirbel um Hula-Hula-Hüf- ten beschrieben.

»Ist irgendwas nicht in Ordnung, Lieutenant?«, fragte Sherry Rand besorgt. »Fühlen Sie sich schlecht?«

Ich öffnete zögernd die Augen, aber die Wirklichkeit war fast ebenso gut wie die Phantasie. »Süße«, gestand ich, »ich bin wirklich einsam, aber ich habe nicht das Geld, um der Arkright-Glücksarche beizutreten, und ich habe auch nicht das Gefühl, als wäre ich dort glücklich jedenfalls nicht, nachdem ich die Besitzer kennengelernt habe. Glauben Sie, dass Sie mir sonst irgendwie helfen können?«

Die animalische Wärme lag noch immer in ihren Augen, als sie mich für ein paar Sekunden eindringlich anblickte.

»Ich bin nicht sicher«, sagte sie vorsichtig. »Woran haben Sie denn im Einzelnen gedacht?«

»An eine Art Kombination von blauen und weißen Schnellheftern«, sagte ich. »Abendessen - mein Hi-Fi- Apparat...«

»In Ihrer Wohnung natürlich«, sagte sie liebenswürdig. »Zusammen mit intimer Beleuchtung, scharfen Drinks und einer modernen Couch – Stimmt's?«

Ich blickte sie misstrauisch an. »Wer hat da geschwatzt?«

»Das gehört alles zum üblichen Schema«, sagte sie und zuckte anmutig die Schultern. »Wenn doch bloß jemand - ein einziges Mal - mit einem originellen Vorschlag für eine Verabredung herausrückte!«

»Wie wär’s mit einer Striptease-Show?«, fragte ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus.

Sie blinzelte. »Wissen Sie was, Lieutenant? Ich habe noch nie eine Striptease-Show gesehen - außer am Strand.«

»Das ist die Gelegenheit, wie sie einem nur einmal im Leben geboten wird«, drängte ich. »Sehen Sie sich das Ganze mit einem fachmännischen, sich auskennenden Kommentator an - einem, der Sie auf den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde aufmerksam machen kann, in dem beim Brustkreisen zum Richtungswechsel angesetzt wird.«

»Ich war noch nie in einer Striptease-Show«, wiederholte sie langsam. »Sie können mich gegen acht Uhr abholen.«

»Geben Sie mir Ihre Adresse«, keuchte ich. »An welcher Insel soll ich mit meinem Kanu anlegen?«

 

 

 

Drittes Kapitel

 

 

Schon an den überall herumstehenden Pflanzen hätte man merken können, dass es sich um einen Blumenladen handelte, selbst wenn man die modische Schrift an der Ladenfront draußen nicht gesehen hätte. Ein Mädchen mit einer dicken Hornbrille und strähnigem Haar kam auf mich zu. Sie trug einen lila Kittel und flache Schuhe, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck der Ergebenheit, als habe sie persönlich den ganzen Sommer über die Bienen bei der Bestäubung der Blüten beaufsichtigt.

»Guten Morgen.« Ihre Aussprache war sehr deutlich. »Eine Ansteckblume für eine Dame? - Ein Dutzend rote Rosen?«

»Danke - ich möchte nur den Besitzer sprechen«, erklärte ich. »Glauben Sie, er hätte vielleicht gern eine Ansteckblume?«

»Mr. Stern ist im Augenblick sehr beschäftigt«, sagte sie frigide. »Und am Mittwoch ist er für Vertreter ohnehin nicht zu sprechen.«

»Vielleicht wegen eines unglücklichen traumatischen Erlebnisses mit einem zudringlichen Grobian, der ihm Kunstdünger verkaufen wollte?«, sagte ich mitfühlend. »Ich bin Lieutenant Wheeler vom Büro des Sheriffs, und ich bin nur an Herzen interessiert - nicht an Blumen.«

Sie schlängelte sich zwischen den gigantischen Vasen hindurch, die auf dem Boden herumstanden und verschwand schließlich in einem Hinterzimmer. Ich zündete aus Gründen der Selbstverteidigung gegen die schweren, sich vermengenden Düfte im Laden eine Zigarette an und sah dann einen Burschen mit blühendem Gesicht und einer Nelke im Knopfloch auf mich zueilen, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen. Sein Gesicht war ein wenig plump und ohne Falten, als ob es häufig massiert und zumindest dreimal am Tag geschrubbt würde.

»Ich bin Harvey Stern«, verkündete er atemlos, als er vor mir stehen blieb. »Meine Gehilfin sagte, Sie seien vom Büro des Sheriffs.« Seine Stimme passte in ihrer Sanftheit zu seinem rosa und weißen Teint. Wenn man ihn säuberlich an den Knien abgeschnitten und in eine pastellfarbene Vase gestellt hätte, so wäre er aufs Glücklichste in seiner Umgebung aufgegangen, überlegte ich - sozusagen als Beweis für den guten, wenn auch nicht erregenden Geschmack der Gastgeberin, was Blumendekorationen anbelangt.

»Lieutenant Wheeler«, sagte ich. »Ich möchte gern ein paar Fragen wegen eines Mädchens namens Patty Keller an Sie richten.«

»Ich habe davon gelesen.« Er schüttelte sorgenvoll den Kopf, zog dann ein makellos weißes Taschentuch heraus und betupfte sich sachte die Stirn.

»Eine erschreckende Tragödie, Lieutenant! Ein so junges Mädchen, das noch das ganze Leben vor sich hatte -. Wie konnte sie nur den Wunsch hegen, sich umzubringen?«

Ich seufzte geduldig. »Das ist eine gute Frage, und ich versuche eben, eine Antwort darauf zu finden, Mr. Stern. Vielleicht können Sie mir dabei helfen.«

»Ich?« Der überraschte Blick erfolgte um eine Spur zu spät, um völlig spontan zu wirken. »Wieso ich, Lieutenant?«

»Die Arkright-Glücksarche«, sagte ich. »Sie haben sie doch dort kennengelernt, nicht wahr?«

»Oh - das meinen Sie?« Stern blickte leicht verlegen drein. »Könnten wir das wohl unter vier Augen besprechen, bitte? Mein Büro ist gleich dort drüben.«

Ich folgte ihm zwischen von Glaswänden abgeschirmten Orchideen-, Nelken-, Rosen- und Gladiolendschungeln, an Eimern mit grünen Pflanzen und Töpfen mit Efeu vorbei, durch ein kleines Gewächshaus, auf dessen Tischen sich Blumentöpfe drängten und sogar eine Gruppe von Zwergbäumen, die sich meiner Ansicht nach hervorragend in die Träume eines Köters namens Bobo eingefügt hätten. Schließlich gelangten wir in Sterns Büro, und er schloss die Tür, wobei meine Stirnhöhle dankbar registrierte, dass es in diesem Raum nicht eine einzige Schnittblume gab. Stern begab sich hinter einen nierenförmigen Tisch und forderte mich auf, mich auf einem der muldenartigen Fiberglasstühle niederzulassen, die intelligenterweise so geformt waren, dass sie sich nur für Leute, die mit spitzen Hinterteilen gesegnet waren, zum Sitzen eigneten.

»Ich meine, die Mitgliedschaft in einem Club einsamer Herzen ist wohl kaum etwas, worüber Sie sich in der Öffentlichkeit laut zu unterhalten wünschen, Lieutenant.« Stern gab ein verlegenes Kichern von sich. »Ihre Erwähnung ist immerhin ein Zugeständnis, dass Sie in der Schule menschlicher Beziehungen versagt haben.«

»Die Einsamen sind Legion«, zitierte ich beglückt. »Zumindest scheint man in der Striptease-Branche dieser Ansicht zu sein. Wie dem auch sei, ich bin Polizeibeamter und kein Psychoanalytiker, und es ist Patty Keller, an der ich interessiert bin.«

»Natürlich«, sagte er und nickte eifrig. »Ich kann Ihnen leider nicht viel über sie erzählen, Lieutenant. Sehen Sie, ich habe sie nur einmal getroffen. Der Club legte wie gewöhnlich die Verabredung für uns fest - vor etwa drei Monaten, soweit ich mich erinnere und das war das einzige Mal, dass ich sie gesehen habe.«

»Das Rendezvous war kein Erfolg?«

»Leider nein.« Er schüttelte betrübt den Kopf und ich wollte, er hätte aufgehört, dieses Kopfschütteln als Interpunktion zu benutzen. Noch weitere fünf Minuten auf diese Weise, und ich brauchte ein Beruhigungsmittel.

»Was für ein Typ Mädchen war sie denn?«, bohrte ich nach.

»Sie war nicht sehr attraktiv - physisch, meine ich«, sagte er vorsichtig. »Nicht dass ich dem Aussehen allzu viel Wichtigkeit beimesse. Verstehen Sie? Sie wusste einfach nicht, wie man das Beste aus sich macht, und sie war komplett falsch angezogen. Aber wie sie sich anzog, war nicht entscheidend - es war nur das äußere Zeichen eines inneren Konflikts.«

Ich biss die Zähne aufeinander. »Dann wollen wir doch einmal auf den Kern der Sache kommen, Mr. Stern. Meine Phantasievorstellung vom vollkommenen weiblichen Wesen ist nicht weniger unrealistisch als Ihre eigene, darauf gehe ich jede Wette ein. Warum halten wir uns also nicht an die Tatsachen?«

»Ja, Sir«, sagte er und schluckte mühsam. »Natürlich, der Kern der Sache. Nun, ich würde sagen, sie war eine Persönlichkeit ohne Anpassungsvermögen, Lieutenant. Ich glaube, das wäre das Wesentlichste.«

»Sie meinen, sie fühlte sich nicht wohl - war vielleicht sogar verdammt unglücklich?«, knurrte ich.

»Genau!« Er lächelte zweifelnd, sah dann den Ausdruck auf meinem Gesicht und strapazierte daraufhin seine Gesichtsmuskeln nicht mehr weiter. »Sie erzählte, sie sei zu Hause todunglücklich gewesen, und dann seien ihre Eltern gestorben, und sie hatte gemeint, nun das werden zu können, was sie schon immer werden wollte: Schauspielerin. Aber sie bekam keine Chancen, und ihr Geld ging schnell zu Ende.« Wieder zuckte sein Gesicht. »Es war ein deprimierender Abend, Lieutenant, das kann ich Ihnen sagen.«

»Hat sie davon gesprochen, dass sie Selbstmord begehen wollte - zumindest, hat sie es durchblicken lassen?«

Seine Brauen zogen sich bekümmert zusammen. »Nun, da Sie es erwähnen, glaube ich mich zu erinnern, dass sie sagte, sie könne es so nicht länger aushalten - wenn nicht bald etwas geschähe, müsse sie ein Ende machen.« Er zuckte die Schultern. »Ich habe damals schon nicht mehr genau hingehört -. Ich wollte nur weg - und ich dachte, sie meinte damit, sie wollte nach Pumpkin Creek zurück, oder woher sie sonst gekommen war.«

»Sie war jedenfalls nicht Ihr Typ?«

»So viel ist sicher«, sagte er inbrünstig. »Nervös bin ich selber - und irgendwie schüchtern. - Ich suche nach einem ansehnlichen Mädchen, Lieutenant, nach jemandem, der meinem Selbstgefühl auf die Beine hilft. Einen weiteren Abend mit dieser Keller, und dann wäre möglicherweise ich es gewesen, der sich von diesem Mauervorsprung hinabgestürzt hätte.«

Ich spürte einen plötzlichen Luftzug in meinem Nacken und drehte den Kopf in dem Augenblick, als ein muskulöses Individuum ins Büro trat, ohne sich der Mühe des Anklopfens zu unterziehen. Er war ein sehr großer Bursche mit zu langem, blondem, lockigem Haar und der Sorte guten Aussehens, die den Hollywood-Vorstellungen eines römischen Gladiators entspricht. Er trug einen hautengen Jersey, Baumwollhosen und schmutzige leichte Schuhe. Ich schätzte ihn auf Ende Zwanzig, und er mochte ein beschäftigungsloser Beatnik sein, vielleicht hatte sich aber in dieser Woche auch nur die Müllabfuhr verspätet.

»He, Romeo!«, sagte das Muskelpaket mit dröhnender Stimme. »Wie geht’s denn unserem Jungen, der niemals widerstehen kann?« Er ignorierte Sterns mordlüsternen Blick und grinste mich freundschaftlich an.

»Der alte Harvey hier«, vertraute er mir mit lauter Stimme an, »ist nämlich einer der größten Casanovas, die Sie je kennengelernt haben! Alle Weiber fallen ihm zu Füßen - die großen, die blonden, die kleinen und die dunkelhaarigen, ja sogar die Rotköpfe und die dicken. Vielleicht ist es der stete Umgang mit Blumen, der ihn so süß duften lässt, wie? Oder vielleicht liegt es an seinem Überangebot an Charme? Manchmal habe ich mir schon gedacht, ich müsste ein Loch in meinen Jersey bohren und eine Nelke hineinstecken -. Glauben Sie, es liegt ausschließlich am Knopfloch?«

»Halten Sie den Mund, Steve!«, sagte Stern giftig. »Sie sind noch nicht einmal komisch! Merken Sie denn nicht, dass der Lieutenant es nicht im geringsten komisch findet?«

»Lieutenant?«, wiederholte der Riese langsam und für einen Augenblick sank sein Unterkiefer herab. »Sie meinen - ein Polyp?«

»Lieutenant Wheeler - vom Büro des Sheriffs«, fuhr ihn Stern an. »Dies hier ist Steve Loomas, Lieutenant, einer meiner Kunden mit einem abwegigen Sinn für Humor.«

»Ja«, sagte Loomas mit schwacher Stimme. »So bin ich - bei mir muss es immer was zu lachen geben. Ich glaube, ich bin im falschen Augenblick gekommen. Was?«

»Wir waren so gut wie fertig«, sagte ich. »Hören Sie mal - was fängt ein Bursche wie Sie mit Blumen an?«

»Hm?« Er blickte mich an, als käme ich geradewegs vom Mars und hätte drei Köpfe, die alle gleichzeitig etwas anderes sprächen.

»Mr. Stern hat gesagt, Sie seien einer seiner Kunden«, erklärte ich geduldig. »Also kaufen Sie - sofern er nicht im Hinterzimmer ein Bordell unterhält - Blumen von ihm, nicht?«

»Oh - klar - Blumen!« Loomas nickte heftig. »Ja - immerzu.«

»Was tun Sie also damit?« beharrte ich.

»Nun...«, er ließ mir ein mühsames Grinsen zukommen, »Sie wissen doch, wie es so geht, jeder hat es gern, wenn seine Bude hübsch aussieht.«

»Weil man ja auch nie weiß, wer gerade auf eine Tasse Tee vorbeikommen könnte?«, sagte ich liebenswürdig.

Sein Mund klappte auf, während er mich für einen Augenblick verdutzt anstarrte, dann gab er sich einen Ruck und klappte ihn wieder fest zu.

»Klar, Lieutenant, klar, so ungefähr ist es.« Er schob sich auf die Tür zu. »Ich bin überzeugt, ich störe hier. Bis später, Harv - auf Wiedersehen, Lieutenant.«

»Das würde mich nicht überraschen«, sagte ich aufrichtig.

Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken, und ohne Loomas’ massige Gestalt schien das Büro wieder zu seiner eigentlichen Größe zusammenzuschrumpfen.

»Er ist ein netter Kerl, aber...«, Stern tippte sich bedeutungsvoll auf die Stirn, »...ein Schauspieler und dazu meistens beschäftigungslos. Hier oben ist nicht viel mit ihm los.«

»Vielleicht, weil er sonst überall so viel abgekriegt hat?«, sagte ich freundlich. »Nur noch eine Frage, Mr. Stern: Wie kommen Sie mit den Arkrights aus?«

»Mit den Arkrights?« Er blickte mich eine Sekunde lang in echter Verwirrung an. »Oh - mit den Arkrights von der Glücksarche -, ausgezeichnet, Lieutenant. Warum fragen Sie?«

»Sie kommen mir wie ein paar verschrobene Individuen vor«, sagte ich. »Es hätte mich interessiert, wie ihre Wirkung auf die Clubkunden ist. Sie scheinen mir nicht unbedingt dem Typ zu entsprechen, den man bei der Leitung eines Clubs für einsame Herzen erwartet. Ich habe den Eindruck, als ob es den beiden dazu an mitfühlendem Entgegenkommen fehlt.«

»Vielleicht haben Sie recht«, sagte er höflich. »Ich habe die beiden bei meinem Eintritt in den Club kennengelernt, aber ich glaube nicht, dass ich sie seither noch einmal gesehen habe. Den größten Teil der wirklichen Arbeit scheint ihre Empfangsdame zu erledigen.«

Dem Ausdruck seiner Augen nach zu schließen, erinnerte er sich an Sherry Rand, und ich konnte es ihm nicht im Geringsten verdenken, im Gegenteil, ich ging da mit seinen Erinnerungen konform, abgesehen davon, dass er auf meinem tropischen Eiland nichts zu suchen hatte.

»Vielen Dank für Ihre Mühe, Mr. Stern«, sagte ich und hob mein in keiner Weise spitzes Hinterteil aus dem unbequemen Stuhl.

»Keine Ursache, Lieutenant.« Er begleitete mich zur Tür. »Ich wollte, ich hätte mehr für Sie tun können -. Ein so junges Mädchen, das sich umbringt!« Sein Kopf begann wieder zu wackeln. »Eine schreckliche Tragödie - schrecklich!«

Nachdem ich den Blumenhändler verlassen hatte, nahm ich in einem Restaurant ein Sandwich zu mir und erschien kurz nach zwei Uhr nachmittags im Büro. Annabelle Jackson hob ihr honigblondes Haupt, als sei ich die letzte Schlagzeile in Person.