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Kann man sich nur in die Stimme eines Mannes verlieben? Ruby kann diese Frage definitiv mit JA beantworten. Seit sie vor einem Jahr die Stimme von Robin, dem Moderator der Good Morning New York Show von Radio Twitch das erste Mal gehört hat, ist sie dieser total verfallen. In ihrem Frisörsalon Undercut läuft ausschließlich Twitch, damit sie Robins sexy Stimme lauschen kann. Als der Sender einen Aufruf für Start-ups macht, drängt Rubys bester Freund Clyde sie dazu, sich dort zu bewerben, um Robin endlich kennenzulernen. Allerdings sieht Ruby ihren Laden überhaupt nicht als Start-up. Wird sie den Schritt wagen? Wird Robin so aussehen, wie in ihrer Vorstellung? Oder wird sie weiterhin aus der Ferne für ihn schwärmen? 219 Taschenbuchseiten
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechszehn
Kapitel Siebzehn
Epilog
Manhattan Radio Love
Liebesroman von Ella Green
Impressum
Daniela Krenn
Siedlerstraße 5
83714 Miesbach
http://www.ella-green.com
© Ella Green Juni 2020
Coverdesign: Art for your book
Korrektorat: Sandra Paczulla
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Über die Autorin
Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren. Seit 2014 hat sie sich den Genres Romance und Drama verschrieben. Das Schreiben ist für sie nicht nur eine Berufung, sondern das Abtauchen in eine andere Welt. Wenn sie nicht an einer neuen Geschichte arbeitet, geht sie gerne in die Berge.
»Guten Morgen, New York. Guten Morgen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel und wir versorgen euch mit den besten Hits des Jahres«, hörte ich die Moderatorin aus dem Radio und begann zu grinsen. Nicht nur, weil sie recht hatte, dass das Wetter gigantisch war und sie die besten Hits des Jahres spielten, sondern weil gleich der Mann das Mikro übernehmen würde, dessen Stimme ich seit Monaten verfallen war.
»Und bevor wir mit dem nächsten Hit loslegen, hab ich mal eine Frage an meinen Kollegen Robin … Ich sehe, dass unter deinem Shirt ein neues Tattoo hervorblitzt. Kann es sein, dass du es nicht lassen hast können, und dich wieder unter die Nadel gelegt hast?«
Sein Lachen war zu hören, dann die wohl rauchigste, sexieste Stimme, die man im amerikanischen Radio jemals gehört hatte.
»Meine liebe Kollegin Brittany, da hast du absolut recht. Ich hab mir was Neues stechen lassen.«
Zu gerne hätte ich gesehen, was sich dieser Mann hatte tätowieren lassen, aber ich kannte nur seine Stimme. Ich hatte es tunlichst vermieden, ihn im Internet oder auf der Webseite von Radio Twitch zu suchen. Das perfekte Bild, das ich zu Robin hatte, wollte ich mir mit der Realität nicht verderben.
»Ruby, das Wasser wird kalt«, hörte ich Vivian leise sagen und kam ins Hier und Jetzt zurück.
Erschrocken blickte ich nach unten auf meine Kundin, die mich mit verzogenem Mund anblickte.
»Oh sorry«, sagte ich und drehte das Wasser ab. Mit dem Haare waschen waren wir ja längst fertig. Vivian war eine meiner Stammkundinnen, die alle vier Wochen zum Spitzen schneiden und Ansatzfärben zu mir in meinen kleinen Salon Undercut kam.
Clyde, mein bester Freund und Angestellter, schaute zu mir und verdrehte die Augen. »Vivian, du musst entschuldigen, aber wenn Ruby diesen Robin im Radio hört, ist sie nicht mehr Herrin ihrer Sinne. Ich würde es mir gut überlegen, mir jetzt von ihr die Haare schneiden zu lassen.« Clyde kam auf uns zu und blickte auf Vivian hinab.
»Robin? Wer ist denn bitte Robin?«, fragte sie erstaunt.
»Ihr heimlicher Schwarm, den sie noch nie gesehen hat, von dem sie Tag und Nacht träumt, vor allem tagsüber, wenn sie ihn im Radio hört. Dann ist sie nicht mehr fähig, ordentlich zu arbeiten. Du solltest künftig deine Termine wieder am Abend machen.«
»Clyde, so schlimm ist es auch wieder nicht. Noch nie hab ich eine Kundin oder einen Kunden verschandelt, wenn ich Robin im Radio gehört hab«, verteidigte ich mich und schlang ein Handtuch um die Haare von Vivian.
Clyde lachte und winkte ab. »Na ja, wie man es nimmt. Mrs. Smith war mit ihrem neuen Look nicht so zufrieden und du kannst von Glück sprechen, dass sie dich nicht verklagt hat.«
Ermahnend hob ich den Finger. »Die ist doch nie zufrieden, mit dem, was ich mache. Warum sie aber nach wie vor zu mir in den Laden kommt, ist mir ein Rätsel.«
Mein bester Freund zuckte mit den Schultern und wandte sich zu einem Kunden, der just in diesem Moment den Salon betrat.
»Pedro, schön dass du da bist«, flötete er ihm entgegen.
Den war ich für die nächsten 30 Minuten jedenfalls los, denn wenn sein italienischer Kunde einen Termin bei ihm hatte, war er es nämlich, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Clyde ging es mit Pedro so wie mir mit Robin. Nur mit dem Unterschied, dass er seinen Schwarm regelmäßig sah und wusste, wie er aussah. Ich hingegen kannte von meinem nur die Stimme.
»Erzähl mir von diesem Robin«, forderte Vivian mich auf.
Ich legte meinen Finger auf den Mund und deutete zum Lautsprecher. »Hör ihm nur zu und du wirst wissen, warum ich Herzklopfen bekomme.«
Vivian legte ihren Kopf leicht schief und grinste.
»Ich hab jetzt genau zehn Tattoos«, antwortete Robin seiner Kollegin Brittany, die ihn nach der Anzahl seiner Tätowierungen gefragt hatte.
»Die Stimme ist echt heiß … mal sehen, ob er es auch wirklich ist«, meinte Vivian und zückte ihr Handy.
Als sie auf der Internetseite des Radios war, rief ich ganz laut: »Nein! Ich will ihn nicht sehen!«
Clyde und Pedro blickten erschrocken zu uns und Vivian grinste noch mehr, als sie es ohnehin tat.
»Ach komm, wir können uns den Mann mit der heißen Stimme doch mal anschauen.«
Vehement schüttelte ich den Kopf. »Nein, ich will ihn nicht sehen.«
»Ruby hat ihre ganz genaue Vorstellung, wie Robin aussieht, versau ihr das bitte nicht«, meinte Clyde und nahm ihr das Handy ab. »Wenn der Kerl nämlich scheiße aussieht, wird hier nie wieder Radio Twitch laufen und ich schwöre bei Gott, das mach ich nicht mit, denn die spielen echt die geilste Musik.« Clyde liebte den Sender genauso wie ich und hatte recht, würde Robin scheiße ausschauen und nicht so, wie ich ihn mir vorstellte, würde in meinem Laden nie wieder Radio Twitch laufen.
»Dann lass mich wenigstens den Kerl anschauen«, sagte Vivian und riss Clyde das Handy aus der Hand.
Ich drehte mich um, denn ich wollte nicht auf das Display schauen.
»Und?«, hörte ich Clyde fragen.
»Annehmbar.«
»Annehmbar? Der Kerl ist …«, den Rest von dem, was Clyde sagte, hörte ich nicht mehr, denn ich verschwand in der kleinen Küche meines Salons, um für Vivian eine Tasse Kaffee zu holen.
Über die Lautsprecher drang ein Sommerhit in meine Ohren, automatisch ließ ich meine Hüften mitschwingen. Robin hatte nicht nur eine geile Stimme, sondern einen genialen Musikgeschmack. Er spielte genau das, was ich gerne hörte. Manchmal dachte ich mir, er würde die Musik nur für mich auflegen.
»Danke, Ruby«, sagte Vivian, als ich ihr den Kaffee hinstellte.
»Gerne.«
Sie blickte zu Clyde und Pedro hinüber, flüsterte mir zu: »Was läuft bei den beiden?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Clyde hofft wohl darauf, dass Pedro irgendwann seine Bonnie wird.« Bei diesem Witz begann Vivian zu lachen und ich stimmte mit ein. Clyde wurde von mir immer wieder mit dem Gangsterpaar Bonnie und Clyde aufgezogen.
»So wie bei dir mit Robin.« Sie grinste und zwinkerte mir zu.
Seufzend begann ich ihr die Haare zu schneiden und musste mich heute mehr konzentrieren als sonst, denn Robins Stimme drang immer wieder in meine Ohren. Er gab Tipps für einen Tätowierer in Manhattan, zum Weggehen und was man am Wochenende noch so machen könnte, denn der Wettergott sagte bis zu 35 Grad hervor. Die hohen Temperaturen waren für Mitte Mai äußerst hoch. Der Sommer kam in diesem Jahr schneller als gedacht, der Winter war sehr mild und kurz gewesen. Zum Ski fahren war ich gar nicht gekommen. Sommerurlaub hatte ich keinen gebucht. Als selbstständige Friseurin mit eigenem Salon und einem Angestellten war es gar nicht einfach, mal zwei Wochen zuzumachen. Das Undercut hatte ich erst vor einem Jahr eröffnet und die Kunden rannten mir nicht wirklich die Bude ein. Aber ich konnte mich über Wasser halten.
»Wen haben wir jetzt in der Leitung?«, hörte ich Robin.
»Hey, ich bin June.«
»Hallo, June. Du hast einen Musikwunsch, richtig?«
»Ja«, antwortete die Frau, die sich sehr jung anhörte.
»Und der wäre?«
»Von BTS den Song On.«
Ich rollte mit den Augen, dieser Song gehörte nicht zu meinen Lieblingen. Boygroups fand ich überhaupt nicht gut. Aber so wie sich diese Jule anhörte, war sie bestimmt ein Teenie, der voll auf diese Band abfuhr.
»Den sollst du haben.« Robin verabschiedete sich von June und erfüllte ihr den Musikwunsch.
»Hast du bei ihm mal angerufen?«, fragte Vivian.
»Bei wem?«
»Na, bei Robin, bei wem denn sonst?«
»Äh … wie denn? Ich hab ja seine Nummer gar nicht. Und was soll ich denn zu ihm sagen? Hey, hier ist Ruby und ich find deine Stimme saugeil?«
»Doch nicht bei ihm privat, sondern im Sender. Du könntest dir einen Song wünschen.«
»Da kommt man doch nie im Leben durch.«
»Versuch es!«, forderte Vivian mich auf und schon stand Clyde, der unser Gespräch mitbekommen hatte, mit dem Telefon neben mir.
»Die Nummer hab ich gewählt«, meinte er und hielt mir den Hörer entgegen.
Ich schluckte, als ich das Anklingeln hörte.
»Hey, hier ist Robin von Radio Twitch. Was kann ich für dich tun?«
Mein Herz rutschte mir in die Hose. Seine Stimme war so nah an meinem Ohr und noch heißer als über das Radio.
»Hallo … ich … äh bin Ruby.«
»Ruby, cooler Name.«
»Danke«, stammelte ich. »Das ist eine Abkürzung für Rubina.«
»Ah, cool. Woher kommst du denn?«
»Brooklyn«, antwortete ich kurz.
»Eine waschechte New Yorkerin?«
»Jein.«
Ich konnte nur kurze Antworten geben, denn ich war total überwältigt, Robin am anderen Ende der Leitung zu haben.
»Was kann ich für dich tun?«
»Ich möchte mir ein Lied wünschen.«
»Dann bist du hier bei mir genau richtig. Welcher soll es denn sein?«
»Layla von Eric Clapton«, kam es wie aus der Pistole geschossen.
»Wow, ein Oldie. Das gefällt mir. Sehr gute Wahl, Ruby.«
Allein wie er Ruby aussprach, ließ meine Knie zum Zittern bringen und mein Herz höherschlagen.
»Dein Wunsch ist mein Befehl und wird in wenigen Minuten gespielt.«
»Danke.«
»Immer wieder gerne. Danke für deinen Anruf und einen schönen Tag.«
»Dir auch, danke«, sagte ich, dann war die Leitung tot.
»Und, und, und?«, fragte Clyde total aufgeregt.
Mit dem Telefon in der Hand stand ich da und konnte es selbst nicht fassen, dass ich eben mit Robin gesprochen hatte. Das kann nur ein Traum sein.
»Erde an Ruby«, hörte ich Clyde rufen und mit den Fingern vor meinem Gesicht schnipsen.
»Äh … er wird meinen Wunschsong spielen.«
»Wie war er so?«
»Nett.«
Clyde verzog den Mund. »Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.«
Ich verdrehte die Augen. »Du weißt, wie ich das meine. Er war alles andere als scheiße. Er war …« Ich begann zu träumen und ließ das kurze Gespräch Revue passieren. Auch wenn ich mitten im Laden gestanden hatte, war es so, als würde alles um mich herum nicht mehr existieren, während Robin mit mir gesprochen hatte.
»Er findet meinen Namen schön.«
»Uii«, meinte Vivian.
»Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, eben hatte ich eine sehr nette Anruferin in der Leitung, die sich einen meiner absoluten Lieblingssongs gewünscht hatte.« Robins Stimme war über die Lautsprecher zu hören.
»Der meint dich!«, rief Clyde und klatschte in die Hände.
Ich schüttelte nur den Kopf. »Quatsch.«
»Danke an Ruby, die mir mit ihrem Musikwunsch den Tag versüßt hat.«
»Ha! Ich hab doch gesagt, der meint dich.« Clyde verschränkte die Arme und klopfte mit dem Fuß auf den Boden.
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. »Wow.«
»Ruby, dieser Song ist nur für uns, denn wir haben wohl denselben Geschmack.«
Die ersten Klänge von Layla waren zu hören und ich schloss die Augen. »Dieser Song ist nur für uns«, hallte Robins heiße Stimme in meinen Ohren nach.
Nachdem der Song vorbei war und ich mich wieder der Arbeit an Vivians Haaren widmete, erzählte Brittany von Radio Twitch, dass es eine voll coole neue Sache auf dem Sender gäbe.
»Robin, willst du unseren Zuhörern über die neue Rubrik erzählen?«
»Klar! Ich find das neue Projekt voll genial. Also, wir möchten jeden Montag ein cooles Unternehmen vorstellen. Sprich, wenn du ein Start-up oder eigenen Laden hast, kannst du dich ab sofort bei uns online bewerben. Wir werden unter allen Einsendungen die besten aussuchen und diese Gründer zu uns für ein Interview einladen. Ist das nicht mega?«
»Sprich, ihr bekommt die beste Plattform der City und könnt für euch und euer Unternehmen Werbung machen«, fügte Brittany hinzu.
Clyde, der Pedro verabschiedete, rannte förmlich auf mich zu.
»Da bewirbst du dich!«, meinte er und fuchtelte mit den Händen wild umher.
»Das Undercut ist kein Start-up. Das hier ist ein stinknormaler Friseursalon.« Ich deutete mit der Schere in der Hand durch den Raum.
»Wir sind hip und wir, besser gesagt, du musst ins Radio.«
»Besser gesagt zu Robin«, mischte sich Vivian nun ein.
Ich tippte mir mit dem Finger an die Stirn. »Ihr seid doch verrückt. Außerdem will ich Robin niemals in meinem Leben live sehen.«
»Oh doch, das willst du.« Vivian hob den Daumen und blickte zu Clyde.
»Der Typ ist echt hot.«
Mit den Händen drückte ich mir auf die Ohren, ich wollte nicht hören, wie sie Robin beschrieben. Außerdem hieß hot nicht gleich, dass ich das auch als hot empfand.
»Bitte, bitte bewirb den Laden für das Interview«, bekniete Clyde mich und zog an meinen Händen.
»Nein. Ende der Diskussion. Ich muss jetzt weiterarbeiten und du solltest dich mal um Ms. Keelan kümmern, die kam nämlich eben zur Tür rein.«
Ich im Radio? Die wohl blödeste Idee, seit es Radio gab.
Selbst nach über einer Woche ließ Clyde nicht locker und drängte mich täglich dazu, dass ich meinen Laden bei Radio Twitch anmelden sollte. Aber ich tat es nicht. Viel lieber lauschte ich weiterhin Robins Stimme und schwärmte heimlich von dem Mann, dessen Äußeres mich nicht interessierte. Oder vielleicht doch? Ich musste mich sehr zurückhalten, nicht auf die Internetseite von Radio Twitch zu klicken, um zu schauen, ob er wirklich so hot war, wie Vivian und Clyde behaupteten.
Aber nein, ich unterließ es nach wie vor. In meiner Vorstellung war Robin groß, dunkelhaarig, hatte braune Augen, sein Körper war verziert mit Tattoos.
Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wann ich ihn das erste Mal hörte. Es war im letzten Sommer, also fast vor einem Jahr, als er als neuer Moderator zu Radio Twitch gekommen war und zusammen mit Brittany die Good Morning New York Show übernahm. Von Montag bis Freitag unterhielt er von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr die Menschen an den Radiogeräten mit Witz, Charme und vor allem guter Musik. Leider musste ich an den Wochenenden auf seine Stimme verzichten, aber dafür wurde ich zum Frühaufsteher und wurde von ihm werktags immer pünktlich zum Start seiner Show geweckt. Man glaubte es kaum, aber ich hatte mir ernsthaft wegen ihm einen Radiowecker gekauft. Wir Frauen sind manchmal komisch, oder? Clyde würde an dieser Stelle sagen: »Du bist die komischste Frau, die ich kenne.« Er als Schwuler kannte viele Frauen, denn er hatte viele Freundinnen. Er bräuchte nur mit den Fingern schnipsen und hätte sofort eine ganze Horde nackt in seinem Bett. Denn Clyde sieht echt gut aus, aber steht halt auf Männer. Und bei denen ist er extrem schüchtern, siehe Pedro. Ihm gegenüber wird er immer wie ein kleines Kind. Aber es ist zuckersüß, wenn der sonst so taffe Clyde zum schüchternen Reh mutiert.
Lachend stieg ich aus der Wanne, die ich mir jeden Abend nach der Arbeit gönnte, rubbelte mir die Haare trocken, die mir Clyde heute nachgeschnitten hatte.
Wir hatten im selben Salon gearbeitet und wurden beste Freunde. Als ich letztes Jahr beschloss, einen eigenen Laden zu eröffnen, war für mich klar, dass ich das nur mit Clyde als meinen Angestellten machen wollte. Wobei er viel mehr ist als nur ein Mitarbeiter. Er hat eigentlich dieselben Rechte wie ein Partner. Nur dass ich im Undercut als Inhaberin im Impressum stand.
Wie jeden Abend lief das Radio in der Küche und hallte durch mein kleines Apartment in Brooklyn. Mein Salon befand sich im hippen New Yorker Stadtteil Williamsburg und war nicht sehr weit entfernt.
Ich lief nur mit einem Bademantel bekleidet und einem Handtuch um die Haare gewickelt in die Küche, stellte eine Tasse unter die kleine Kaffeemaschine und gönnte mir für den Abend die letzte Dosis Koffein. Ja, ich war ein Kaffeejunkie. Ohne ging bei mir gar nichts.
»Und, schon beworben bei unserem What´s new Contest?«, hörte ich eine Radiomoderatorin des Abendprogramms. »Ihr habt einen eigenen Laden oder ein hippes Start-up? Dann nichts wie ab auf unsere Webseite und das Anmeldeformular ausgefüllt. Unter allen Einsendungen suchen Robin und Brittany von der Good Morning New York Show die interessantesten Firmengründer raus, die für ein Interview zu uns ins Studio eingeladen werden.«
Hip war mein Laden, aber ein Friseursalon war gewiss nicht das, was Radio Twitch suchte. Selbst wenn ich mich dazu überreden lassen würde, hätte ich keinerlei Chancen. Es gab in New York genug andere, die ein viel besseres Konzept anzubieten hatten. Leise seufzte ich und fand es sehr schade, dass es Freitagabend war und ich die Stimme von Robin erst wieder am Montag um 5 Uhr morgens hören konnte.
Das Wetter würde bombastisch werden, aber ich hatte noch überhaupt keine Ahnung, was ich an diesem Wochenende machen sollte. Morgen hatte mein Salon nur vormittags geöffnet, danach könnte ich irgendwas machen. Aber was? Ich war wie jedes Wochenende planlos. Womöglich würde es wie immer ablaufen. Netflix´n´chill. Ein bisschen im Central Park spazieren gehen. Mit Clyde zum Kaffeetrinken treffen und sonst nichts. Eigentlich ziemlich langweilig. Irgendwie brauchte ich mal wieder Action in meinem Leben. Seit ich den Laden hatte, arbeitete ich fast rund um die Uhr. Sogar nach Ladenschluss überlegte ich mir was Neues für den Laden, bastelte Flyer und kümmerte mich um den Social Media Auftritt auf Facebook und Instagram. Was könnte aufregend sein? Was könnte mir Spaß machen?
Ich scrollte mich durch Facebook, um mich inspirieren zu lassen. Aber nichts haute mich vom Hocker. Also beschloss ich, Clyde anzurufen, um ihn zu fragen, ob er eine Idee hätte.
Es klingelte und klingelte, bis er endlich ranging.
»Schnuckelhase, was ist los?«, wollte er wissen, als er endlich meinen Anruf entgegengenommen hatte.
»Mir ist stinklangweilig«, jammerte ich in den Hörer.
»Alle Serien auf Netflix schon durchgesuchtet, oder wie?«, kam es lachend von ihm.
»Nein, aber ich kann nicht immer nur Serien gucken. Ich muss mal wieder was erleben.«
»Deshalb hast du gedacht, dass mir was einfallen würde?«
»Ja.«
»Mh … wie wäre es, wenn ich versuche, uns in einen Club von Barcley Davis einzuschleusen?«
Laut begann ich zu lachen. Die Clubs der Davis Inc. waren nicht irgendwelche Clubs, sondern für die High Society. Dort gaben sich die Prominenten die Klinke in die Hand. Ohne auf der Gästeliste zu stehen oder einen Namen zu haben kam man dort nicht rein.
»Wie willst du das denn schaffen?«
»Das lass mal meine Sorge sein. Also, wie sieht es aus, hast du Lust das Tanzbein zu schwingen?«
»Klar«, sagte ich euphorisch und sprang auf.
»Gut, ich hol dich in einer Stunde ab.«
»Und wenn wir in keinen Davis Club reinkommen?«
»Dann hat Manhattan noch unzählig andere, in denen wir abrocken können.« Clyde legte auf und ich richtete mich für eine Tanznacht her. Lange war ich nicht mehr aus gewesen. Es war wirklich mal wieder an der Zeit, die Tanzfläche unsicher zu machen.
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»So, mein Schnuckelhase, es ist alles geritzt«, strahlte mich Clyde an, nachdem ich mich zu ihm ins Taxi gesetzt hatte. »Wir stehen auf der Gästeliste vom Truth.«
Mir klappte der Mund auf und ich riss die Augen weit auf. »What the fuck! Wie hast du das denn gemacht?«
Clyde lehnte sich lässig gegen die Lehne der Rückbank und grinste bis über beide Ohren. »Ich hab halt so meine Beziehungen.«
»Ah und von denen machst du erst jetzt Gebrauch? Weißt du eigentlich, wie lange ich schon in einen Club von Barcley Davis wollte?«
Er legte den Arm um meine Schultern. »Sorry, aber ich hab die Beziehungen auch erst seit Kurzem.« Clyde zwinkerte mir zu.
»Und wer ist deine geheime Waffe, um in diesen Nobelclub zu kommen?
