Test offense - Thomas Häring - E-Book

Test offense E-Book

Thomas Häring

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Beschreibung

Die Debatte um Parallelwelten schreckte vor einigen Jahren viele Bundesbürger auf. Doch es gibt da auch noch die Welten der Arbeitenden sowie der Arbeitslosen und die erweisen sich oft als noch extrem unterschiedlicher als alles Andere. Ein weiteres Mal Nonsens in Reinkultur.

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Seitenzahl: 75

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Thomas Häring

Test offense

Agenten, Legenden und Tragödien der Arbeit: Einzelfälle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Tun macht das Mosaik

Nichtsdestotrotz

Impressum neobooks

Das Tun macht das Mosaik

Monolog einer Putzfrau

„Guten Abend! Was soll an dem Abend gut sein? Wie es hier schon wieder aussieht! Überall dieser Wortmüll und diese Buchstabensoße! Widerlich! Aber das ist ja mal wieder typisch! Eine Riesensauerei, das Ganze! Sie wollen wissen, welches Amt sauberer ist? Das in N. oder das in G.? Natürlich das in N., aber das war ja wohl eh klar. Und Ihrer Kollegin nebenan können Sie mal ausrichten, dass sie nicht jeden Scheiß in ihren Abfalleimer schmeißen soll, der haben sie wohl zu lange den Kopf in die Klospülung gehalten! Meine Kollegin hat deren Papierkorb leeren müssen und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Jetzt liegt sie deswegen im Krankenhaus, die Arme. Und ich dachte, Ihr würdet hier arbeiten und nicht nur Müll fabrizieren. Überall diese verstaubten Akten und darin oft die Fotos von Nackten, einfach abscheulich! Ihr Beamten seid mir schon ein komisches Volk: Macht tagsüber einen auf ordentlich und korrekt, aber dafür geht bei Euch wahrscheinlich abends die Post ab, in Eurem Keller. Aber das will ich alles gar nicht wissen. Eigentlich sollte ich ja froh darüber sein, daß ich einen Job habe, da ich sonst auch hier tagsüber antanzen und um eine monatliche Spende betteln müßte. Andererseits ist die Arbeit als Raumpflegerin in so einem Saustall auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Was ich hier schon alles rumliegen sehen habe! Unterwäsche, Spermaspuren, manchmal sogar einen besoffenen Beamten und hin und wieder Blut. Ich will gar nicht wissen, was Ihr hier mit Euren Kunden veranstaltet; daß der Staat seine Bürger aussaugt wie ein Vampir ist ja hinlänglich bekannt. Obwohl, in diesem Fall müßte es ja dann umgekehrt sein, denn die Arbeitslosen kassieren schließlich die Kohle fürs Nichtstun. Ach, da sehne ich mich doch in die gute alte DDR zurück, in der die Arbeitslosigkeit schlicht und einfach verboten war, so wie sich das halt gehört. Man darf so etwas Fürchterliches nicht erlauben, sonst bekommt man es nie mehr unter Kontrolle, wie man ja hier am anschaulichsten sehen kann. Arbeitslos und Gras dabei, da hat wohl mal wieder so ein Kiffer versehentlich seinen Stoff liegenlassen. Oder sollte das Gras vielleicht sogar einem Beamten gehören, damit er diesen nervenaufreibenden Job durchsteht? Ich will es lieber gar nicht wissen, diese Beamten mit ihrer vermeintlichen Pedanterie sind in meinen Augen auch nur faule Säcke. Ich hab noch einen Kiffer in Berlin? Kann schon sein, jedenfalls habe ich Rückenschmerzen und möchte endlich mal in Räumen putzen, in denen es nicht so vermodert riecht. Manchmal komme ich mir hier vor wie in einem Leichenhaus und wenn dann so ein schlaftrunkener Beamter, der seinen Feierabend verschlafen hat, auf mich zusteuert, dann bekomme ich Angst, weil ich ihn zunächst für einen Zombie halte, was leider kein bißchen abwegig ist. Ich bin eine Raumpflegerin aus Leidenschaft, immer noch besser als Altenpflegerin, sage ich mir jeden Tag, doch wenn ich noch lange in dieser Agentur für Sinnlosigkeit putzen muß, dann laufe ich hier Amok und werde das Chaos, das hier ohnehin schon herrscht, noch vervielfachen. Womöglich glauben Sie jetzt, daß ich übertreiben würde, aber ich arbeite schon seit 25 Jahren in diesem Beruf und was ich in der Agentur in G. alles erleben und sehen mußte, das möchte man keiner Kollegin zumuten und erst recht nicht jemandem wünschen. In der DDR machte das Putzen mehr Spaß, denn dort wurden wir alle gleich schlecht behandelt. In Deutschland dagegen müssen die Einen arbeiten, um das Nichtstun der Anderen zu finanzieren und das sehe ich als eine himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit an, jawohl!“

Alles nur ein Traum(a)

„Ich kann einfach nicht mehr. Abends komme ich von der Arbeitslosigkeit nach Hause und bin dermaßen erschöpft, daß ich sofort vor dem Fernseher einschlafe. So darf es nicht weitergehen“, stellte der Arbeitslose fest. „Selbsterkenntnis ist der erste Weg zum Selbstverständnis“, dichtete sein Psychologe. „Aber wenn ich ans Arbeiten denke, dann bekomme ich Hautausschlag und Angstzustände.“ „Guter Mann, um Ihnen wirklich helfen zu können, müssen wir in die Tiefe gehen und herausfinden, was Ihnen einst widerfahren ist. Nur so gibt es eine reelle Chance, Sie zu heilen und für den ersten Arbeitsmarkt wieder fit zu machen.“ Sie schauten sich an und wußten, was nun folgen würde. Der Arbeitslose würde versuchen, sich an seine trostlose Vergangenheit zu erinnern, der Psychologe würde sich zu Tode langweilen und am Ende würden sie Beide wieder einmal heilfroh darüber sein, die Sitzung irgendwie überstanden zu haben. „Es war vor zehn Jahren. Ich war jung und dumm, hatte keine Ahnung vom Leben und ging deshalb zum Arbeitsamt. Dort landete ich bei einer Berufsberaterin und die …“, der Arbeitslose begann zu schluchzen, bevor er mit tränenerstickter Stimme fortfuhr, „die wollte erst gar nicht wissen, welche Berufe mich interessieren, die schaute sich nur ganz kurz meinen Lebenslauf an und dann sagte sie mir ins Gesicht, daß ich Imker werden solle, weil das der einzige Beruf sei, in dem man mich halbwegs gebrauchen könne.“ „Was für eine unsensible Frau“, erwähnte der Psychologe und reichte dem Arbeitslosen einige Taschentücher. Grundsätzlich hatte er die Hartzies nicht ungern in seiner Praxis, denn bei denen konnte er mehr abrechnen, aber manchmal gingen sie ihm mit ihrem Geseier schon auf die Nerven. „Eigentlich dürften diese Arbeitslosen gar nicht psychisch angeschlagen, sondern müßten froh und glücklich darüber sein, nicht arbeiten zu müssen“, hatte er sich schon des Öfteren gedacht, doch nun stand er bei seinem Gegenüber vor einem Durchbruch, weshalb er sich ausnahmsweise mal auf das Hier und Jetzt konzentrierte, so daß er Folgendes von sich gab: „Sehen Sie, mein Lieber, wir sind dem Rätsel auf die Spur gekommen. Sie sind gar nicht das faule, übelriechende, asoziale Schwein, für das ich Sie bislang immer gehalten habe, sondern hatten einfach nur eine traumatische Erfahrung im Arbeitsamt durchmachen müssen, was dazu führte, daß sie seitdem nicht in der Lage waren, sich Arbeit zu suchen und dementsprechend auch keine gefunden haben. Am liebsten sind den meisten Agenturen ja immer die Arbeitslosen, die wegziehen, denn dann muß sich eine andere Kommune mit denen herumschlagen, bei Ihnen aber besteht wirklich Hoffnung. Gehen wir deshalb in die damalige Situation hinein und stellen Sie sich vor, ich wäre Ihre seinerzeitige Berufsberaterin. Was würden Sie mir sagen wollen?“ „Ich habe eine Bienenallergie, Sie blöde Kuh!“ „Sehr gut, Sie haben es rausgelassen, Sie dummer Ochse! Ich erkläre Sie hiermit für geheilt und arbeitsfähig. Machen Sie sofort einen Termin mit Ihrer Arbeitsvermittlerin und sehen Sie zu, daß Sie so schnell wie möglich einen Job finden!“ „Oh nein! Was habe ich nur getan!“ entfuhr es dem Arbeitslosen, nachdem er registriert hatte, daß sich sein Trauma in Luft aufgelöst hatte und er nun wie ein Blinder, der wieder sehen konnte, kein Mitleid von der Gesellschaft mehr zu erwarten hatte. Der Psychologe aber lächelte still in sich hinein. Man mußte einfach nur den guten alten Freud hernehmen, denn es gab da ja nicht nur die anale, orale und phallische, sondern eben auch die asoziale Phase, in der viel passierte.

Allgemeiner Deutscher Arbeitslosenclub (ADAC)