Neues aus Bromberg - Hans Müller-Jüngst - E-Book

Neues aus Bromberg E-Book

Hans Müller-Jüngst

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Beschreibung

Bromberg ist eine fiktive Stadt an Niederrhein, sie liegt auf einer Thermalquelle un lebt von dem damit verbundenen Kurbetrieb. Bürgermeister und gleichzeitig Kurdirektor ist Heinz Drechsler, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bromberger Stadtparlament, sein schärfster Widersacher ist Fritz Heckmeyer, der Vorsitzende der CDU im Stadtparlament. Beide kommen aber am Ende zusammen und beschließen, gemeinsam abzunehmen, sie essen weniger, trinken weniger Alkohol, machen Fitnessläufe und legen einmal im Monat einen Kurtag ein. Ihre Töchter heiraten auf einer Doppelhochzeit, die Trauung übernimmt Heinz als Bürgermeister. Seine Tochter gebiert ein Mädchen, während er an einem Herzinfarkt stirbt.

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Seitenzahl: 544

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Hans Müller-Jüngst

Neues aus Bromberg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Heinz Drechsler

Löhrmanns

Fritz Heckmeyer

Mallorca

Auf der Baustelle bei Kathrin und Björn

Im neuen Haus

Die Hochzeiten

Impressum neobooks

Heinz Drechsler

Neues aus Bromberg

Bromberg war eine mittelgroße Stadt in der niederrheinischen Tiefebene, sie war über die Stadtgrenzen hinaus vor allem bekannt wegen ihrer Thermalquellen. Sie lag inmitten landwirtschaftlich genutzter Flächen und hatte in unmittelbarer Nachbarschaft keine Industrieansiedlung, auch nicht in den nicht weiter entfernt liegenden Niederlanden, die westlich lagen.

Wegen des anhaltenden Westwindes hatte Bromberg deshalb gute Luft und war zusammen mit seinen Thermalquellen Kurort.

Viele Menschen aus den umliegenden größeren Städten, aus Duisburg und Essen aus dem Ruhrgebiet, aber auch aus Düsseldorf kamen nach Bromberg, um zu kuren, sie hatten sich von ihren Ärzten dort eine Kur verschreiben lassen.

An Bromberg grenzten im Osten der Hof und die Felder des Bauern Steffens, im Norden Heidelandschaft, im Westen Heide und Felder und der Hof des Bauern Heinrich und im Süden der Reckwald

Woher der Reckwald seinen Namen hatte, das konnte einem niemand sagen, er rührte aus grauer Vorzeit.

Das Waldgelände hatte beträchtliche Ausmaße, es war 3 km lang und 1 km breit. Der Wald war ein Laubmischwald, er war licht, hell und sehr alt. Man konnte ihn ihm große Exemplare der klassischen Laubbäume bestaunen.

Oft kamen Schulklassen mit ihren Lehrern in den Wald und machten dort Biologieunterricht.

Bromberg hatte 14.641 Einwohner und wurde von einer SPD-Grüne-Koalition regiert.

Der Sozialdemokrat Heinz Drechsler war der Bürgermeister der Stadt und Urbromberger genau wie seine Frau Sibylle, mit der er seit siebenunddreißig Jahren heiratet war.

Sie hatten eine Tochter, Kathrin, die in Düsseldorf Medizin studierte.

Heinz Drechsler war eine nicht zu übersehende Erscheinung, er war zweiundsechzig Jahre alt und korpulent, um nicht zu sagen dick.

Sein größter politischer und auch menschlicher Gegner war Fritz Heckmeyer, der gleich alt und ebenso korpulent war, mit ihm verband ihn eine gemeinsame Schulzeit, und schon damals entwickelten sich die beiden auseinander.

Fritz Heckmeyer war Christdemokrat und Führer der CDU-Fraktion im Gemeinderat.

Bromberg gehörte zum Kreis Feldlingen und war 8 km von der Kreisstadt Feldlingen entfernt.

Wirtschaftlich lebte Bromberg von seinem Kurbetrieb, Kurdirektor war Heinz Drechsler, er kannte die Kurärzte in den großen Städten und stand in Kontakt zu ihnen.

Bromberg hatte 41 Asylbegehrende aufgenommen und in dem leer stehenden Tischlereigebäude untergebracht, nachdem dieses umgebaut worden war. Das geschah gegen den Willen der CDU und der AfD, entsprach aber Heinz Drechslers Auffassung von Hilfeleistung an in Not gekommene Menschen.

In der Stadt lebten alle sozialen Schichten, die Oberschicht freilich am Reckwald im Waldweg oder in der Heinrichstraße, der weitaus größte Teil der Bevölkerung, die Mittelschicht, lebte über die ganze Stadt verteilt, und die Unterschicht konzentrierte sich auf ein Gebiet um den Hellweg.

In Ermangelung einer Stadthalle wurden kulturelle Veranstaltungen in der Schulaula aufgeführt, gute Ensembles aus den umliegenden Großstädten kamen gerne nach Bromberg, um dt zu spielen. Die Bromberger warfen sich dann in Schale und gingen in feinem Zwirn in die Aula.

Vor acht Jahren hat die Stadt im Reckwald eine Waldzelle angelegt, das hieß, dass dieses Gelände ganz der Natur überlassen war, und keine menschlichen Eingriffe dort stattfinden durften. Inzwischen hatten dort seltene Tierarten ihre Heimat gefunden wie der Baummarder und verschiedene Spechtarten, die Waldzelle umfasste immerhin rund 20.000 m².

Fritz Heckmeyer war mit Martina, auch einem Bromberger Urgestein, verheiratet. Die beiden hatten ein Kind, Nora, die im gleichen Semester wie Kathrin Drechsler in Düsseldorf Medizin studierte, die beiden waren dicke Freundinnen.

Der Gemeinderat hatte zwanzig Mitglieder, davon waren neun Sozialdemokraten, drei Grüne, vier Christdemokraten, drei F.D.P.-Angehörige und ein Mitglied der AfD. Immer, wenn Heinz Drechsler eine Gemeinderatssitzung eröffnete, verfuhr er nach dem gleichen Ritual:

„Liebe Gemeinderatsmitglieder, ich eröffnete die Sitzung vom …, Die Tagesordnung lag vor … Ich komme zum ersten Tagesordnungspunkt … Ich bitte um Meldungen!“

Im Zentrum allen Geschehens in Bromberg stand der Kurbetrieb, es gab ein Thermalbad, ein Kurhaus und einen Kurpark, der eine Größe von immerhin 40.000 m²hatte.

Allein der Kurpark beschäftigte zehn Gärtner.

Heinz Drechsler hatte drei Schulabgänger von den Familien der Asylbegehrenden bei sich als Azubis aufgenommen.

Die Asylbegehrenden stammten aus Syrien, aus Afghanistan und aus dem Irak. Sie verstanden sich auch untereinander kaum und lebten in Bromberg von der Bevölkerung getrennt, denn das alte Tischlereihaus lag ganz im Südwesten am Rand des Reckwaldes.

Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhielten alleinstehende Asylbewerber 182 € notwendigen Bedarf plus 228 € persönlichen Bedarf, Verheiratete in der gemeinsamen Wohnung oder Sammelunterkunft erhielten 164 € plus 205 €.

Damit zurechtzukommen war natürlich schwer, aber die Asylbegehrenden hatten keine andere Chance. Bei wem sollten sie sich auch beschweren, es mangelte bei ihnen am Artikulationsvermögen, die Sprache war das Erste, was sie lernen mussten.

In Absprache mit dem Kurdirektor konnten die Erzieherinnen mit ihren Kindergartengruppen täglich für 2 Stunden vormittags den Kurpark mitbenutzen, wenn die Kurgäste ihre Anwendungen hatten.

Frau Schmidt und Frau Demel waren die Erzieherinnen, die unter der zunehmenden Größe der Gruppen litten. Seit der Regelung, dass die Kinder schon mit eineinhalb Jahren in den Kindergarten gehen konnten, und die Erzieherinnen somit auch wickeln können mussten, waren die Gruppen natürlich noch stärker angewachsen.

Frau Sachse half als Leiterin des Kindergartens ihren Erzieherinnen, wo sie konnte.

Nebenan lag, nur durch die Schulstraße getrennt, die Gesamtschule. Die Gesamtschule hatte die alte Realschule abgelöst und führte bis zum Abitur.

Zehn Kinder der asylbegehrenden Familien besuchten die Gesamtschule in den unterschiedlichen Jahrgangsstufen. Für sie gab es Unterricht mit verminderten Spracherfordernissen, sodass sie überhaupt verstehen konnten, worum es ging. Ihre Mitschüler nahmen sich ihrer an, sie besuchten sie auch zu Hause bei sich im alten Tischlereihaus und luden sie auch umgekehrt zu sich ein.

Wenn man von der Schule aus den Hellweg entlanglief, kam man zu Aldi. Aldi war ein Laden, in dem mittlerweile alle einkauften, insofern hatte sich bei Aldi vieles verändert.

Früher wurde die Ware in ihren Kartons auf Paletten gelegt, und es arbeiteten bei Aldi Hausfrauen in ihren Kitteln. Dann wurde es bei Aldi vornehmer, die Ware wurde in die Regale geräumt, das Personal war ausgebildet und trug einheitliche Aldikleidung, die Geschäfte wurden in einheitlicher Architektur errichtet und hatten große Parkplätze.

Das Warenangebot war um ein Vielfaches gegenüber früher gestiegen, auch die Qualität der Waren hatte zugenommen.

Etwas weiter runter lag in der Bersonstraße die Bäckerei Geschonneck. Der Bäckereiinhaber war ein alter Sozialdemokrat und Freund von Heinz Drechsler. Auch in seiner Bäckerei hatte sich gegenüber früher viel verändert, so kaufte kaum noch jemand die üblichen Brötchen, vielmehr verlangten die Leute Körnerbrötchen in vielen verschiedenen Ausführungen, sie kauften Dinkelbrot und Baguette. Auch musste Herbert Geschonneck immer Croissants anbieten, die es früher gar nicht gab.

Beim Friseur Kurt Bramsche in der Colsmannstraße war die Zeit auch nicht stehen geblieben. Dem Trend der Zeit folgend schnitt er den Männern einen „Undercut“, wie man ihn im Fernsehen bei den Fußballspielern der einschlägigen Mannschaften sehen konnte. Wenn man seinen Laden betrat, kam man zuerst an eine winzig kleine Glastheke, in der sich Haarpflegemittel befanden und auf der die Kasse stand. Man befand sich dann im Herrensalon, der vom Damensalon durch einen dicken Vorhang getrennt war. War man dann endlich daran, musste man die Erzählsuada von Kurt Bramsche über sich ergehen lassen, er ließ sich über die Fußballbundesliga aus, bevor er den Tratsch aus der Stadt kommentierte. Vom Damensalon war ab und zu Gekichere durch den dicken Vorhang zu hören.

Ein Stückchen weiter nach Süden lag in der Schongauer Straße der Hof des Bauern Heinrich. Er bewirtschafte seinen landwirtschaftlichen Betrieb zusammen mit seiner Frau und hatte mit ihr einen zwölfjährigen Sohn, Daniel. Seine Felder lagen drumherum und reichten bis in das Heidegebiet hinein. Er war schon seit langem Christdemokrat und für seine Partei Mitglied im Gemeinderat. Er war mit der aktuellen Landwirtschaftspolitik unzufrieden, weil er für seine Milch nur so viel Geld bekam, dass es für seine Familie und ihn so gerade reichte.

An seinen Betrieb grenzte der Sportplatz, der dem Bromberger SV gehörte. Das war eine Fußballmannschaft, die in der Kreisklasse spielte und dort immer vordere Plätze belegte. Der Sportplatz war ein Rasen-Fußballfeld, das von einer Tartanlaufbahn eingefasst war. Es fanden auf dem Sportgelände hochrangige Leichtathletikveranstaltungen statt, bei denen die Wettkämpfer aus allen umliegenden Städten kamen. Die Vertreter ortsansässiger Firmen fragten beim Sportstättenamt nach der Erlaubnis, Bandenwerbung anbringen zu dürfen. Wenn der Bromberger SV spielte, war das Gelände voller Zuschauer, die sich kein Spiel ihres Vereines entgehen lassen wollten.

Noch weiter Richtung Reckwald lag die Rolandstraße in der Heinz Drechsler mit seiner Frau wohnte. Sie hatten ein geräumiges Haus, in dem für die beiden und früher auch für Kathrin mehr als ausreichend Platz vorhanden war. Sibylle liebte es, im Garten zu arbeiten, wozu ihr hinter dem Haus genügend Gelegenheit gegeben wurde.

Auf der anderen Straßenseite lag die Disco, durch die sich, obwohl dort sehr laute Musik gespielt wurde, Heinz Drechsler nie gestört fühlte. Die ganze Jugend Brombergs war regelmäßig in der Disco versammelt, sogar aus Feldlingen kamen sie und hörten den einschlägigen Musikstücken zu, oder sie tanzten. Wer sich unterhalten wollte, musste in einem Nebenraum oder nach draußen gehen. Musikalisch war die Disco immer auf dem neuesten Stand, es gab aber natürlich auch Oldies, oder Beatles, oder Stones.

Noch weiter Richtung Reckwald, am Ende des Upweges lebten die Asylbegehrenden im alten Tischlereigebäude. Die Kinder gingen in die Schule oder in den Kindergarten, und die Erwachsenen hockten vor den Haustüren, rauchten und unterhielten sich, sofern sie sich verstanden. Es war sicher nicht ganz einfach für sie, mit dem geringen Geldbetrag, der ihnen nach dem Gesetz zustand, zurechtzukommen, aber sie waren es ja gewohnt, mit wenig Geld auszukommen.

Heinz Drechsler war es gelungen, in der Gesamtschule zwei Deutschlehrer dazu zu bewegen, den Asylbegehrenden Anfangsunterricht in Deutsch zu geben. Der Unterricht fand zweimal die Woche abends jeweils für anderthalb Stunden statt, es wurde darauf geachtet, dass alle pünktlich erschienen.

Das alte Tischlereigebäude lag direkt am Reckwald, auf die Asylbegehrenden übte er aber keinen Reiz aus. Die Oberstufenkurse Biologie in der Gesamtschule verlegten ihren Unterricht schon mal in den Reckwald, wo sie erfuhren, wie die Bäume Wasser aufnehmen, und woran man unterschiedliche Bäume erkennen kann, auch der Waldzelle statteten sie dann einen Besuch ab.

Mitten durch den Reckwald verlief die Feldlinger Straße in die Kreisstadt. Sie verlief an und für sich als gut ausgebaute und wenig befahrene Straße immer geradeaus, bis sie am Ende des Waldes eine scharfe Linkskurve beschrieb. An dieser Stelle rückten die Waldbäume sehr eng an die Fahrbahn und machten die Kurve zu einem gefährlichen Unfallschwerpunkt, es hat dort schon diverse Male gekracht.

Vor ein paar Jahren hatte es einen schweren Unfall mit drei Feldlinger Jugendlichen gegeben, die auf dem Weg von der Disco nach Hause waren und in eben dieser Kurve mit erhöhter Geschwindigkeit vor einen Baum fuhren, alle drei starben noch an der Unfallstelle.

Am Marktplatz lag das Café Fischer, das schon in fünfter Generation geführt wurde, bei schönem Wetter gab es auch einen Außenbetrieb. Immer saßen alte Brombergerinnen drinnen oder draußen und hatten ihren Hut auf dem Kopf. Das Café Fischer war über die Stadtgrenzen Brombergs hinaus bekannt für seine Schwarzwälder Kirschtorte. Mitten auf dem Marktplatz stand die große Sankt- Dionysius-Kirche, Bromberg war seit eh und je katholisch.

Die Gemeinde verzeichnete aber einen Mitgliederrückgang, weil mehr Menschen aus der Kirche austraten. Der Grund waren verstärkt aufgetretene und erst dann ruchbar gewordene Missbrauchsfälle und die völlig verkalkte Hierarchiestruktur, die die Frauen völlig von den Schalthebeln der Macht fernhielt.

Die alten Bromberger machten sich solche Gedanken kaum und besuchten weiterhin die Gottesdienste. Das Geläut der Kirche war überall zu hören und ertönte zur Frühmesse, besonders aber zur Sonntagsmesse.

Am Beginn der Marktstraße lag Edeka, dieser Supermarkt machte Aldi schon Konkurrenz, er war aber bei vielen Produkten leicht teurer. Dennoch zogen viele Käufer Edeka vor, weil Edeka eine Frischfleischtheke und eine Theke mit frischen Käse hatte. Edeka hatte, genau wie Aldi auch, einen großen Kundenparkplatz.

Im Waldweg lag das Hotel-Restaurant „Königshof“, ein sehr gutes Hotel mit hohem Standard und ein sehr gutes Restaurant mit einem Sternekoch.

Wenn die Gäste des Kurhauses in Begleitung kamen, dann stieg die Begleitung immer im Königshof ab und lobte das Hotel in höchsten Tönen, weil der Service wirklich erstklassig war. Im Restaurant trafen sich einmal die Woche die Stadtpolitiker und spielten Skat oder diskutierten miteinander.

Manchmal, wenn es dabei zu laut wurde, musste Herr Schönebach kommen und um mehr Ruhe bitten. Herr Schönebach war der Hotelinhaber und immer stolz, wenn er von seinen Gästen so gelobt wurde. Er gehörte der CDU an und machte keinen Hehl aus seiner Antihaltung gegen die Asylbegehrenden.

Direkt am Beginn der Hauptstraße lag die Polizeiwache sie war immer mit vier Beamten besetzt, obwohl Bromberg eine sehr unauffällige und ruhige Stadt war. Es gab neben der gefährlichen Kurve im Reckwald einen neuralgischen Punkt im Verkehrsgeschehen der Stadt, und das war das Zusammentreffen von Schulstraße, Onckenstra0e, Berglinde und Colsmannstraße.. Dort geschahen hin und wieder Unfälle, die aber meistens nur Blechschäden verursachten, aber die Beamten mussten raus und das Unfallgeschehen aufnehmen.

Ein Stück weiter lag die Autowerkstatt von Dirk Weimann, praktisch die ganze Stadt fuhr mit ihrem Wagen zu Dirk Weimann und ließ ihn die Inspektionen durchführen oder den Wagen reparieren. Dirk Weimann kümmerte sich um Fahrzeuge aller Marken, früher hatte er die Landmaschinen und Traktoren der sechs Bauern gewartet und repariert, die es einmal in Bromberg gegeben hatte. Dann gaben nach und nach vier Landwirte auf und das Geschäft von Dirk Weinmann schrumpfte, also stellte er um und betrieb dann eine freie Autowerkstatt. Dirk Weinmann war Sozialdemokrat und beschäftigte einen Schulabgänger, der Kind der Asylbegehrenden war, als Azubi.

Den Kalkweg hoch lag der Hof des Bauern Steffens, er war verheiratet und hatte zwei Söhne im Alter von zwölf und vierzehn Jahren.

Zweimal in der Woche fand auf dem Marktplatz der Bromberger Wochenmarkt statt: zu diesem Markt kamen Besucher aus fast allen umliegenden Städten, weil es dort viel Traditionelles zu sehen gab. So gab es einen Fischhändler, der grüne Heringe im Holzfass anbot, außerdem hatte er Kieler Sprotten im Spankorb, es gab einen „billigen Jakob“, der Pflaster meterweise verkaufte, es gab beim Fleisch und beim Obst und Gemüse immer ein Extra, beim Fleisch manchmal ein Stückchen Schinken oder eine kleine Fleischwurst.

„Na, Martina, sieht man dich auch mal wieder auf dem Markt?“, fragte Sibylle Drechsler ihre Freundin Martina Heckmeyer und Martina antwortete:

„Ich kaufe für das Mittagessen ein, beim Obst gibt es heute Äpfel im Angebot!“ Die beiden waren eng befreundet und trafen sich regelmäßig auf dem Markt. Die politische Fehde zwischen ihren Ehemännern ließen sie nicht an sich heran, obwohl sie mehrmals auf ihre Männer eingeredet hatten, bestand die Fehde weiter fort.

Am Ende ihres Einkaufs gingen sie gemeinsam zum Blumenstand und kauften jede einen großen Strauß, den sie zu Hause bei sich im Wohnzimmer auf den Tisch stellen würden. Beide Frauen hatten sich schick angezogen, weil sie im Marktbesuch etwas Besonderes sahen, und weil sie durch andere Bekannte wahrgenommen würden.

Am Abend fand eine Gemeinderatssitzung statt, die wie immer um 18.00 h begann und von Heinz Drechsler eröffnet wurde:

„Liebe Gemeinderatsmitglieder, ich eröffne die Gemeinderatssitzung von heute, die Tagesordnung lag jedem vor, ich rufe den TOP 1: Zuwendung an die Asylbegehrenden auf. Ich bitte um Wortmeldungen!“ Peter Körner, ein Vertreter der Grünen, meldete sich und sagte:

„Die Asylbegehrenden in unserer Stadt haben wirklich nichts zu lachen, sie haben Schwierigkeiten, mit den Mitteln, die ihnen das Asylbewerbergesetz zuschreibt, auszukommen, da halten wir es von der Fraktion der Grünen nur für recht und billig, wenn wir ihnen pro Haushalt 100 € aus der Stadtkasse zukommen lassen!“

Sofort regte sich Widerstand bei der CDU und der Abgeordnete Schönebach sagte:

„Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass bei der angespannten Kassenlage der Stadt den in Asylbegehrenden über die gesetzlichen Zuwendungen hinaus Mittel gewährt werden sollen, da müssen wir, wenn überhaupt, andere Prioritäten setzen!“

Dazu direkt Heinz Drechsler:

„So kann auch nur jemand sprechen, der seine Schäfchen im Trockenen hat und weit davon entfernt ist, sich in die Situation der Asylbegehrenden hineinzuversetzen.“

Fritz Heckmeyer konterte:

„Es geht gar nicht darum, ob man sich in die Situation der Asylbegehrenden hineinversetzen kann, der Heinz will nur auf die Tränendrüse drücken, es geht einzig und allein um die knappen Mittel in der Stadtkasse!“

Heinz Drechsler:

„Wir Kommen zur Abstimmung: wer ist für den Antrag, den Asylbegehrenden Zuwendungen in Höhe von 100 € pro Haushalt zukommen zu lassen?“

Alle SPD-Angehörigen und Grünen hoben die Hände, damit war der Antrag angenommen.

„Ich bitte das Protokoll, das Abstimmungsergebnis festzuhalten und komme zum Top 2: „ Antrag von CDU und AfD auf Einzäunung der Waldzelle im Reckwald, ich bitte um Wortmeldungen!“

Es meldete sich Fritz Heckmeyer:

„In der Vergangenheit sind zunehmend Spaziergänger zur Waldzelle gelaufen und haben die dort lebende Fauna gestört, damit sie in Zukunft davon abgehalten werden, soll die Waldzelle eingezäunt werden!“

Dazu Herbert Geschonneck:

„Warum sollte es nicht ausreichen, die Spaziergänger mit einem mündlichen Appell darauf hinzuweisen, dass sie sich nicht unnötig der Waldzelle nähern sollten, sie sind doch mündige Staatsbürger?“

Es meldete sich Bauer Heinrich:

„Es gibt immer wieder Uneinsichtige, denen man durch appellieren oder sonstiges gutes Zureden nicht beikommt!“

Heinz Drechsler:

„Interessanterweise ist für ein solches Projekt der plötzlich Geld in der Stadtkasse vorhanden!“

Fritz Heckmeyer:

„Es ist doch ganz offensichtlich, dass die SPD und die Grünen die Bühne des Gemeinderates nutzen, um sich zu profilieren!“

Heinz Drechsler:

„Ich vermag keinen Zusammenhang festzustellen und komme zur Abstimmung: wer ist für den Antrag von CDU und FDP, die Waldzelle einzuzäunen?“

Es meldeten sich die CDU-Mitglieder und das AfD- Mitglied, damit war der Antrag abgelehnt.

Heinz Drechsler:

„Ich komme nun zu TOP 3: Verschiedenes, wenn jemand von euch dazu etwas anzumerken hat, bitte ich um Wortmeldung!“, und nachdem niemand zu dem Tagesordnungspunkt etwas beizutragen hatte, Schloss Heinz Drechsler die Gemeinderatssitzung.

Die Üblichen gingen nach der Gemeinderatssitzung in den „Königshof“, wo sie weiter über die Tagesordnungspunkte diskutierten.

Kathrin und Nora wohnten in Düsseldorf im Wohnheim für Studenten, sie hatten eine Doublette, das hieß, dass sie zwei nebeneinanderliegende Zimmer hatten die durch ein gemeinsames Bad voneinander getrennt waren. Sie fühlten sich beide sehr wohl in dem Wohnheim, und, wenn Sie nicht in der Mensa aßen, kochten sie gelegentlich bei sich und luden auch schon einmal Kommilitonen zum Essen ein.

Es war einmal wieder so weit, dass sie bei sich kochten, und sie luden Björn und David ein, zwei nette Kommilitonen, mit denen sie zusammen drei wichtige Seminare hatten.

„Das riecht ja hier sehr lecker bei euch“, sagte Björn, „man bekommt ja regelrecht Appetit!“

„Kocht ihr öfter bei euch?“, fragte David.

„Nein, nicht so oft, das geschieht immer, wenn wir nicht in der Mensa essen“, antwortete Nora.

„Jetzt sucht euch mal einen Platz und setzt euch!“, forderte Kathrin, wir haben Spaghetti Bolognese gemacht, ich hoffe, das schmeckt euch!“

Als Studenten waren sie alle nicht sehr wählerisch beim Essen, obgleich in der Mensa schon auch ausgefallene Dinge angeboten wurden, sogar Veganer kamen auf ihre Kosten.

Sie standen alle kurz vor ihrer Approbation und hatten gemeinsam in Düsseldorf angefangen. Björn und David waren sofort im Wohnheim untergekommen, während Nora und Kathrin zuerst noch in einer Wohnung gelebt hatten.

„Was haltet davon, wenn wir heute Abend gemeinsam etwas trinken gehen?“, fragte Björn.

Nora sah Kathrin an, und Kathrin sagte:

„Wir können hier bei uns in den „Grünen Baum“ gehen, da waren Nora und ich schon mal und haben es dort eigentlich ganz gemütlich gefunden!“

„Eure Spaghetti schmecken ausgezeichnet, ihr müsst uns mal das Rezept für die Bolognese-Sauce geben!“, sagte David.

„Lasst uns doch um 18.00 h am Wohnheimeingang treffen, dann können wir vorher noch einen kleinen Spaziergang durch unser Viertel machen!“, schlug Björn vor.

Sie aßen in Ruhe ihre Spaghetti und David sagte:

„Ich finde es toll, dass ihr uns zum Essen eingeladen habt!“

Kathrin antwortete:

„Wir wohnen schon so lange zusammen im Wohnheim und sehen uns immer an der Uni, da wurde es eigentlich Zeit, dass wir uns einmal treffen!“

Nora begann, nervös an ihren Nägeln zu knibbeln, was aber niemand bemerkte.

Nach den Spaghetti brachte Kathrin noch Eis und die beiden Jungen waren hin und weg:

„Meine Güte, das ist ja ein richtiges Verwöhnprogramm!“, sagte Björn.

Die beiden gingen nach dem Essen wieder auf ihre Bude und Nora fragte Kathrin ganz aufgeregt:

„Wir kennen die beiden doch gar nicht, und wir wollen uns mit ihnen treffen, findest du, dass das richtig ist?“

Dazu Kathrin:

„Wir haben die beiden schließlich jeden Tag in der Uni und manchmal auch hier im Wohnheim gesehen, sie sind also für uns keine Unbekannten!“

Als es auf 18.00 h zuging, machten Nora und Kathrin sich fertig und liefen zum Wohnheimeingang.

Björn und David warteten schon auf sie und sie liefen los, in ihrem Viertel waren Nora und Kathrin noch nie unterwegs gewesen, ebenso wenig wie Björn und David.

„Wo kommt ja eigentlich her“,,fragte Kathrin, wir stammen aus Bomberg!“

„David und ich kommen aus Feldlingen, das ist von Bomberg gar nicht so weit entfernt.!“, antwortete Björn, vielleicht können wir uns zu Hause einmal treffen, zum Beispiel bei uns in Feldlingen!“

„Mal sehen!“, antwortete Kathrin.

Nachdem sie ein paar Schlenker durch das Viertel gemacht hatten, erreichten Sie den „Grünen Baum“ und gingen hinein.

Es war noch hell draußen und sie setzen sich ans Fenster, sodass sie einen Blick auf den Platz vor der Gaststätte hatten. Sie gaben ihre Bestellung auf und nahmen jeder ein Glas Rotwein.

„Seid ihr keine Biertrinker?“, fragte Nora.

„Wir trinken auch Bier, was wir trinken, hängt von unserer Tagesform ab“, sagte Björn.

„Ihr wohnt zu Hause sicher in euren Elternhäusern, was machen eure Eltern?“, fragte David.

„Mein Vater ist der SPD-Bürgermeister von Bromberg!“, antwortete Kathrin.

„Und mein Vater ist dessen schärfster politischer Kontrahent, er führt die CDU-Fraktion an!“, ergänzte Nora.

„Und was machen eure Eltern in Feldlingen?“, fragte Kathrin.

„Mein Vater ist praktischer Arzt“, so Björn.

„Und mein Vater ist Geschäftsführer unseres Kaufhauses“, so David.

„Wo gedenkt ihr eigentlich eure Facharztausbildung zu machen?“

„Wir werden beide an das Feldlinger Krankenhaus gehen“, so Björn.

„Das werden wir wohl auch machen!“, so Nora.

„Also dann würden wir uns ja bald aus Kolleginnen und Kollegen am Feldlinger Krankenhaus treffen und unsere Facharztausbildung absolvieren!“, sagte Kathrin.

„Was macht ihr denn so in eurer Freizeit?“, fragte David.

„Also ich gehe sehr gern schwimmen und laufe“, sagte Nora.

„Ich schwimme auch sehr gern und halte mich auch gerne im Fitnessstudio auf,“ ergänzte Kathrin.

„Der Sport kommt in unserem anstrengenden Studium etwas kurz, wenn ich in Feldlingen bin, gehe ich auch ins Fitnessstudio“, sagte Björn.

„Welche Facharztausbildung wollt ihr eigentlich machen?“, fragte Nora.

Darauf David:

“Ich mache Urologie!“

Björn:

„Ich mache Innere“

„Wir wollen beide Gynäkologie machen“, sagte Kathrin.

Und so unterhielten sie sich über ihr Studium und ihre Zukunft, bis sie zwei Stunden in der Gaststätte verbracht hatten.

„Ich finde, dass wir langsam wieder gehen sollten!“, sagte Kathrin, und die anderen willigten ein.

Sie liefen zurück und gaben sich zum Abschied am Eingang des Wohnheimes Wangenküsse, dabei sah Björn Kathrin vielsagend an.

Kathrin bemerkte Björns Blick, wandte sich aber ab und ging mit Nora hoch auf ihre Zimmer.

Es trennte sich noch eine Woche vom Beginn der Semesterferien, die Nora und sie wie immer in Bromberg verbringen wollten.

Sie fühlten sich beide wohl in ihrer Stadt, es war dort alles so übersichtlich und geordnet.

Als Kathrin zu Hause ankam, freuten sich Sibylle und Heinz sehr, dass sie für längere Zeit einmal wieder mit ihrer Tochter zusammen wären.

„Was hat sich in der letzten Zeit in Bromberg getan?“, fragte Kathrin ihre Eltern, aber da gab es nichts Weltbewegendes, und sie konnten Kathrin ihre Frage nicht beantworten.

„Jetzt geh erst mal auf dein Zimmer und ruh dich aus, später kannst du dann wieder runterkommen und mit uns essen!“, sagte Sibylle.

Kurze Zeit später, gerade als Kathrin in ihrem Zimmer war, klopfte es an ihre Zimmertür und Sibylle trat ein:

„Gerade hat ein Björn Pfeifer angerufen, er wäre ein Kommilitone von dir und wohnte in Feldlingen, du sollst ihn zurückrufen, ich habe seine Handynummer hier aufgeschrieben!“ Sibylle gab Kathrin den Zettel mit der Handynummer und Kathrin nahm ihr Handy und setzte sich.

Björn ging sofort ans Telefon:

„Mensch Kathrin, das ging ja schnell, ich habe dich angerufen, weil ich dich wiedersehen will, du hast in Düsseldorf einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht, kann ich dich nicht in Bromberg einmal besuchen?“, fragte Björn.

„Natürlich kannst du das, hast du etwas zu schreiben, dann gebe ich dir meinen Adresse?“, sagte Kathrin, sie war selbst angenehm überrascht, dass sich Björn bei mir gemeldet hatte, sie mochte ihn nämlich auch.

Als Björn seinen Wagen vor dem Haus von Kathrin geparkt hatte, stand Kathrin in der Haustür und freute sich, Björn zu sehen.

Sie umarmten sich kurz und gaben sich einen Wangenkuss, dann bat Kathrin Björn ins Haus und stellte ihm ihre Eltern vor.

„Das ist ja nett, dass sie Kathrin besuchen kommen, setzen Sie sich doch, sie sind zum Essen eingeladen!“, sagte Sibylle,

Heinz musterte den Freund seiner Tochter und war offensichtlich ganz zufrieden:

„Wo kommen sie her?“, fragte Heinz.

„Ich komme aus Feldlingen“, antwortete Björn.

„Na, das ist ja nicht so weit!“, entgegnete Heinz.

„Sind sie im gleichen Semester wie Kathrin?“, fragte Sibylle.

„Ja, und wir wollen gemeinsam die Facharztausbildung am Krankenhaus in Feldlingen absolvieren.“

„So, genug der Fragerei, jetzt wird gegessen!“, sagte Kathrin.

Sibylle hatte auf dem Wochenmarkt eingekauft und Schnitzel gemacht, in der Annahme, dass sie damit jedem eine Freude machen würde.

„Wir sind gerade dabei, unseren Fleischkonsum drastisch einzuschränken, das Schnitzel werden wir aber heute noch vertilgen!“, so Kathrin.

„Wollt ihr Vegetarier werden?“, fragte Heinz.

„Ja, warum denn nicht!“, so Kathrin.

„Dann müsst ihr ja jetzt bald an eure Doktorarbeit und danach an eure Approbation!“, sagte Heinz.

„Genau das werden wir im nächsten Semester angehen“, antwortete Björn.

„Wir sind ja hier in Bromberg auch ein Kurort, wenn sie wollen, führe ich sie nach dem Essen ein wenig herum, ich bin nämlich nicht nur der Bürgermeister der Stadt, sondern auch der Kurdirektor“, sagte Heinz.

„Sehr gern, der Kurbetrieb interessiert mich schon!“, antwortete Björn.

Nach dem Essen standen sie auf und die Vier gingen vor die Tür.

Heinz führte alle direkt die Rolandstraße entlang zum Marktplatz und überquerte ihn Richtung Stromweg, den liefen sie entlang und kamen zum Kurhaus.

Heinz wies auf die drei Bereiche Thermalbad, Kurhaus und Kurpark hin, und Björn sagte:

„Das macht alles einen sehr gepflegten Eindruck!“ Sie konnten durch die großen Fenster im Thermalbad die Kurgäste sehen, wie sie sich in das heiße Wasser begaben.

„Soweit ich weiß, darf man sich im Thermalwasser höchstens um die 20 Minuten aufhalten!“, sagte Björn.

„Das stimmt, danach muss sich der Körper von den Strapazen des heißen und salzigen Wassers erholen“, sagte Heinz.

„Das Thermalbad ist aber gut besucht!“, sagte Björn

und Heinz pflichtete ihm bei, und sagte, dass das ein ganz normaler Betrieb wäre.

„Im Kurhaus wohnen die Kurgäste und haben auch ihre Anwendungen“, fuhr Heinz fort. Sie gingen am Kurhaus vorbei und erreichten den Kurpark, in dem einige Kurgäste im Bademantel herumliefen und sich entspannten. Heinz wies einen der vielen Gärtner an, Blätter vom Weg zu fegen.

Sie drehten eine Runde durch den Park und kamen wieder am Stromweg aus. Als sie auf die Rückseite des Rathauses blickten, sagte Heinz:

„Unser Rathaus ist uralt, es stammt im Kern aus dem vierzehnten Jahrhundert!“ Sie überquerten wieder den Marktplatz und Heinz schlug vor, dass sie alle ins Cafe Fischer sollten, er wollte einen ausgeben.

Sie waren alle einverstanden und betraten das alte Cafe. Sie setzen sich an einen Tisch, an dem sie den Blick auf den Marktplatz hatten, und Heinz bestellte für jeden ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und Kaffee.

„Da sitzen wir hier mit dem Freund unserer Tochter und unterhalten uns, das ist ein gutes Gefühl!“, sagte Sibylle.

Kathrin war es beinahe zu peinlich, dass ihre Eltern so vertraulich wurden, sie ließ es aber über sich ergehen.

„Dann werden wir uns in Zukunft wohl öfter sehen, Feldlingen liegt ja nicht aus der Welt“, sagte Heinz.

„Wenn wir gleich nach Hause gehen, zeige ich Björn noch etwas von unserer Stadt“, sagte Kathrin.

Nach dem Kaffeetrinken trennten sich Kathrin und Björn von Kathrins Eltern, und Kathrin ging mit Björn Richtung Reckwald.

„Lass uns einen kleinen Spaziergang in unserem schönen Wald machen“, schlug Kathrin vor.

Sie betraten den Reckwald hinter dem Migrantenhaus, und sofort umgab sie die würzige Waldluft und tat gut.

„Das ist aber ein schöner Wald, den ihr hier habt!“, sagte Björn.

„Ja, er ist 3 Kilometer lang und 1 Kilometer breit“, antwortete Kathrin.“

„Besonders gefällt mir, dass es ein Laubmischwald ist, der viel Licht durch lässt!“, so Björn.

„Wir haben eine Waldzelle eingerichtet, schon vor Jahren, in der der Wald ganz der Natur überlassen bleibt, lass uns mal dorthin spazieren!“, so Kathrin.

Auf dem Weg dorthin atmeten sie beide tief ein und aus und genossen so die gute Waldluft. Unterwegs, unter einer großen Buche, hielt Björn Kathrin plötzlich fest und sah ihr tief in die Augen:

„Kathrin, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt!“, sagte er und Kathrin entgegnete gar nichts. Björn nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und gab ihr einen Kuss, dann ließ er sie wieder los und wartete darauf, dass Kathrin etwas sagte. Nach einer Zeit hatte Kathrin ihre Stimme wiedergefunden und sagte:

„Björn, ich glaube, ich habe mich auch in dich verliebt!“

Daraufhin küssten sich die beiden erneut und hielten sich eng umschlungen.

Der Spazierweg umrundete einmal die Waldzelle ganz, und er bildete so die Grenze zwischen ihr und dem übrigen Wald. Man musste schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass in der Waldzelle abgebrochenes Holz herumlag und auch der Untergrund voller Gestrüpp stand, dass nicht geschnitten wurde.

„Hier leben inzwischen wieder der Baummarder und verschiedene Spechtarten, am Teich in der Mitte brüten Eisvögel“, sagte Kathrin.

Dann liefen sie wieder zurück und gingen am Ende ein Stück die Feldlinger Straße entlang.

Als sie wieder bei Kathrin zu Hause angelangt waren, hielt sich Björn gar nicht mehr lange bei ihr auf und verabschiedete sich von Kathrins Eltern.

„Lassen sie sich bald mal wieder bei uns blicken!“, forderte Kathrins Vater und Björn entgegnete ihm und auch Kathrins Mutter:

„Bitte duzen Sie mich, mein Name ist Björn!“

„Also dann Björn, es war uns ein Vergnügen, Tschüss!“, sagte Kathrins Mutter.

Kathrin ging noch mit zu Björns Wagen und blieb mit ihm an der Fahrertür stehen, dort küssten sie sich zum Abschied und Björn sagte:

„Das nächste Mal kommst du nach Feldlingen!“

Daraufhin stieg er ein, startete den Wagen und fuhr los, er winkte und Kathrin winkte zurück.

„Ein netter Kerl, dein Björn!“, sagte Kathrins Vater.

„Wir kennen uns erst seit ein paar Tagen!“, antwortete Kathrin.

Es kam eine ganze Gruppe von Kurgästen aus Düsseldorf in Bromberg an und bezog ihr Quartier im Kurhaus.

Heinz Drechsler begrüßte sie alle auf das Herzlichste und wünschte ihnen einen erholsamen Aufenthalt. Die drei Männer waren mit ihren drei Ehefrauen gekommen, die im Königshof untergebracht waren. Jeder Einzelne von ihnen klagte über rheumatische Beschwerden, die er im Thermalwasser zu lindern hoffte. Die drei, Klaus, Peter und Sebastian kamen in jedem Jahr einmal nach Baumberg, sie waren Pensionäre und ließen es sich in Bromberg gut gehen.

In ihrem aktiven Leben waren sie Immobilienmakler und hatten praktisch das gesamte Düsseldorfer Stadtgebiet und das nähere Umland unter sich aufgeteilt. So hatten sie so manches illustre Geschäft getätigt, immer haarscharf an der Illegalität vorbei. Sie entstammten einer Generation von Immobilienmaklern, die ihren Beruf ohne Vorbildung ausüben konnten, sie brauchten im Minimalfall nur einen Schreibtisch und ein Telefon. Und wenn sie einem Mieter zum Beispiel eine Mietwohnung vermittelten, bekamen sie beim erfolgreichen Abschluss 10 % der Monatsmiete. Die Leistung, die sie dazu erbracht haben, bestand oft nur darin, dass sie den neuen Mietern gezeigt hatten, wo die Küche, und wo das Badezimmer lagen. Entsprechend höher war ihre Erfolgsbeteiligung natürlich bei Verkäufen von Grundstücken und Häusern, auf diese Weise hat jeder von ihnen Reichtum angehäuft, dessen Zustandekommen zumindest fragwürdig war.

Die drei bezogenen ihre Zimmer im Kurhaus, während ihre Frauen die reservierten Zimmer im Königshof nahmen.

Ihr Tagesablauf für die folgende Zeit sah so aus, dass die Männer morgens ins Thermalbad gingen und anschließend Massagen nahmen, danach trafen sie sich mit ihren Frauen und liefen durch den Kurpark. Sie nahmen dann ein gemeinsames Mittagessen im Kurhaus, und anschließend machten die Männer eine Ruhepause, die Frauen liefen zum Königshof zurück und machten ebenfalls eine Ruhepause.

Am Nachmittag gingen die Männer noch einmal ins Thermalbad mit anschließender Massage, danach trafen sie sich mit ihren Frauen zum Kaffeetrinken. Das Abendessen nahmen sie entweder im Kurhaus ein, oder sie aßen im Königshof. Sie saßen anschließend noch eine Weile zusammen und unterhielten sich, manchmal gesellten sich Stadtgrößen zu ihnen. Sie beendeten den Abend relativ früh und gingen selten nach 22.00 h ins Bett.

Am Morgen des nächsten Tages fanden sie sich alle zum Frühstück im Kurhaus ein, danach wollten die Männer ins Thermalbad und die Frauen mit dem Bus nach Feldlingen zum Einkaufen.

Das Kurhaus und demzufolge auch das Thermalbad waren gut besucht, die Männer hatten aber ausreichend Platz, sich zu bewegen. Das heiße Salzwasser tat dem Körper gut, das merkte man sofort. Nach 20 Minuten gingen sie wieder aus dem Wasser und trockneten sich ab, danach legten sie sich hin.

Nora hatte sich inzwischen auch zu Hause eingelebt und fühlte sich wohl bei ihrer Mutter und ihrem Vater. Martina freute sich immer, wenn sie ihre Tochter verwöhnen konnte Nora genoss die Zuwendung durch ihre Mutter.

„Ruh dich nur aus, es gibt gleich Mittagessen!“, sagte Martina und Nora streckte sich auf dem Sofa. Als Fritz das Zimmer betrat, sagte Martina auch ihm, dass er sich fertig machen sollte.

„Was gibt es denn heute Leckeres?, fragte Nora ihre Mutter Martina antwortete:

„Lass dich überraschen!“.

Zu Noras großer Freude gab es Lammgulasch.

„Sag mal, Nora, du müsstest doch jetzt bald deine Approbation in Angriff nehmen und deine Doktorarbeit schreiben!“, fragte Fritz.

„Ja Vater, im nächsten Semester werde ich beides angehen!“, antwortete Nora.

Nora hatte mit David keine Beziehung angefangen, es hatte sich einfach nicht ergeben.

„Hast du Lust, nach dem Essen mit deiner Mutter und mir einen Spaziergang zu machen?“, fragte Fritz. „Ja, sehr gern, wohin sollen wir denn laufen?“

„Nur ein paar Schritte durch die Stadt, keine weiten Strecken!“, so Fritz.

Sie räumten alle den Tisch ab und zogen sich ihre Schuhe an, dann gingen sie bei der Metzgerei hinten hinaus und gelangten auf Fritz großes Grundstück. Sie liefen durch seinen schön angelegten Garten, bis sie an das Thermalbad kamen.

„Also dein Garten sieht sehr gepflegt aus, man sieht, dass regelmäßig jemand in ihm arbeitet!“, sagte Nora.

„Du kennst doch den Garten von früher!“, sagte Fritz.

„Ja schon, aber ich bin lange nicht hier gewesen!“, entgegnete Nora.

„Da vorn steht das Thermalbad, bis dahin langt mein Garten!“, sagte Fritz.

„Aber das war doch nicht immer so!“, wandte Nora ein.

„Nein, der Garten war noch viel größer, das Thermalbad und das Kurhaus gehörten früher dazu, mein Großvater hatte das Gelände an die Stadt auf unbestimmte Zeit verpachtet!“, erläuterte Fritz.

„Aber dann bist du ja der Eigentümer des Kurbetriebes!“, so Nora.

„Rein rechtlich ist das wohl so, aber darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht“, so Fritz.

Sie liefen vor dem Thermalbad nach links, bis sie auf den Stromweg kamen, dann gingen sie auf den Marktplatz und kehrten bei Cafe Fischer ein.

„Ich habe mir gedacht, dass wir hier im Café jeder ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte essen!“, schlug Fritz vor.

„Eine so gute Schwarzwälder Kirschtorte wie hier im Café Fischer habe ich noch nirgendwo gegessen!“, sagte Martina.

Fritz ließ sich Noras Worte über das Eigentum am Kurbetrieb durch den Kopf gehen, es war ja tatsächlich so, dass die Familie Heckmeyer ihr Grundstück an die Stadt verpachtet hatte. Wenn sie wieder zu Hause wären, wollte Fritz nach dem Pachtvertrag suchen, der müsste bei den Papieren seines Großvaters liegen.

Nach dem Kaffeetrinken gegen sie durch die Wiesenstraße wieder nach Hause und sofort ging Fritz daran, die Papiere seines Großvaters durchzustöbern.

Nach kurzem Suchen hielt er den Pachtvertrag in Händen und nahm ihn an sich. Mit dieser Urkunde hatte er die Möglichkeit, das Pachtverhältnis mit der Stadt zu kündigen und damit ein schweres Geschütz gegen Heinz Drechsler aufzufahren.

Ob das in seines Großvaters Sinn gewesen wäre, gegen die Stadt Position zu beziehen, musste er aber bezweifeln, er war sich unsicher.

Die drei Azubis, die Heinz Drechsler in seinem Kurbetrieb beschäftigt hatte, machten ihre Sache ganz gut, einer, Siar mit Namen, war bei den Gärtnern, und zwei, Zarif und Adil, waren im Thermalbad beschäftigt. Sie sprachen bruchstückhaftes Deutsch, mit dem ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen aber zurecht kamen. Sie hatten trotz fehlender Deutschkenntnisse einen Schulabschluss an der Willy-Brandt-Gesamtschule gemacht und taten alles dafür, sich zu integrieren.

Ihre Eltern, die im Upweg lebten, waren stolz auf sie, weil ihre Kinder die ersten waren, die ihren Fuß in die deutsche Gesellschaft gesetzt hatten.

Sie selbst hatten zum Teil abenteuerliche Wege nach Deutschland hinter sich gebracht, am weitesten hatten sie es aus Afghanistan. Aber die Entfernung war nicht das Entscheidende, viel gravierender waren die Strapazen, denen sie auf ihrer Flucht ausgesetzt waren. Die Afghanen waren in ihrer Heimat Kaufleute, die Iraker Elektroingenieure und die Syrer Ärzte.

Sie konnten aber, auch wegen fehlender Unterlagen, noch nicht in Deutschland arbeiten. Vorerst lebten sie von ihrer Asylbegehrendenleistung mehr schlecht als recht und fügten sich in die Verhältnisse. Sie gingen alle regelmäßig in den Deutschkurs, den Heinz Drechsler mithilfe zweier Gesamtschullehrer initiiert hatte und lernten fleißig, sodass sie sich nach und nach auch untereinander verständigen konnten.

Ihre Kinder machten dadurch, dass sie täglich mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen sprachen, größere Fortschritte als ihre Eltern, und sie korrigierten ihre Eltern oft.

Sie mussten, wie alle anderen Azubis auch, zweimal in der Woche zur Berufsbildenden Schule nach Feldlingen, das Fahrgeld und die Lernmittel übernahm für sie die Stadt Bromberg.

Auch die Auszubildenden bei Bäcker Geschonneck- Eason- und Liath bei Kfz. - Mechaniker Weimann-- arbeiteten zur vollen Zufriedenheit ihrer Lehrherren. Auch sie entwickelten mehr und mehr ein brauchbares Deutsch, wobei die deutsche Sprache für Ausländer wirklich sehr schwer zu erlernen war.

Wie alle anderen Asylbegehrenden auch, waren diejenigen in Bromberg nach der sogenannten EASY- Erstverteilung Asylbegehrende- nach einer festgelegten Aufnahmequote auf die Bundesländer verteilt worden. Sie hatten keinen Einfluss auf die Verteilung, kannten sich also nicht.

Nachdem Sie so die Erstverteilungsstelle passiert hatten, waren sie nach Bromberg gekommen und wurden in dem alten Tischlereihaus untergebracht. Kaum jemand konnte sich vorstellen, was es bedeutete, seiner Heimat entrissen worden zu sein und dann in einer fremden Umgebung leben zu müssen, mit wenig Geld und ohne die Sprache zu beherrschen.

Eines Morgens trafen sich die fünf Azubis an der Bushaltestelle am Markt und fuhren nach Feldlingen zur Berufsschule. Sie waren guter Dinge und machten im Bus Quatsch miteinander, ohne die anderen zu stören. Sie kannten sich noch von der Gesamtschule her und wohnten zusammen im Tischlereihaus.

Als sie der Reihe nach in Feldlingen ausstiegen, wurde Siar von einem Fremden aufgehalten, der ihm Prügel androhte, weil er sich angeblich von ihm im Bus belästigt gefühlt hatte.

„Was fällt dir eigentlich ein, in dem Bus einen solchen Quatsch zu veranstalten, das kannst du bei dir zu Hause in deiner Heimat machen, aber nicht hier in Deutschland!“, und er holte aus und wollte Siar einen Schlag versetzen.

Die anderen drei hatten das aber mitbekommen und Zarif fiel dem Fremden in den Arm, während sich die anderen um die beiden herum aufbauten.

Der Fremde sah sich um und ließ von seinem Vorhaben, Siar einen Schlag zu versetzen, ab.

Grummelnd ging er seines Weges und drehte sich nicht mehr nach den anderen um. Die hatten ernste Mienen bekommen und gingen nachdenklich in ihre Berufsschule.

Als sie am Nachmittag wieder in Bromberg angekommen waren, erzählten sie ihren Eltern von ihrem Negativerlebnis auf der Busfahrt, die Eltern rieten ihnen, in Zukunft vorsichtig zu sein und auf keinen Fall irgendwelchen Ärger zu provozieren. Die fünf nahmen sich das zu Herzen und wollten sich zukünftig vorsehen.

Am Nachmittag hielten sie sich wie immer im Sommer draußen vor ihrem Haus auf und wussten nicht so recht, was sie tun sollten. Da kam mit einem Male Siar die Idee, auf ihrem Gelände eine große Feier zu veranstalten, wer wollte, sollte kommen. Sie besprachen diese Idee mit anderen Mitbewohnern und die zeigten sich ganz angetan. Sie verabredeten, ein Organisationskomitee zu gründen, dass sich um die Getränke und das Essen kümmerte. Im Wesentlichen bestand das Komitee aus den fünf Azubis, zwei weitere Teilnehmer hatten sich noch eingeklinkt.

Es sollte gegrillt werden, an Getränken müssten Bier und Wein herangeschafft werden, alles Weitere würde sich finden, insbesondere müsste ein großer Grill besorgt werden.

Siars Eltern fragten, ob denn auch Alkohol ausgeschenkt werden würde, und die jungen Leute antworteten:

„Natürlich, die Einwohner von Bromberg sind das Alkoholtrinken gewohnt, also müssen wir für alle auch ordentlich Bier, Wein und Schnaps kaufen!“

„Wie sollen wir denn an einen so großen Grill kommen, wie wir ihn brauchen?“, fragten die Eltern.

„Da wird uns schon noch etwas einfallen!“, antwortete Siar.

Die große Feier war eingestielt und es ging ans vorbereiten.

Zuerst musste ihre Feier in der Stadt bekannt werden, dazu bereiteten die jungen Leute Zettel vor, die sie an den einschlägigen Stellen in der Stadt aufgehängten:

„Liebe Bürger von Bromberg, wir, die Asylbegehrenden, möchten Sie alle herzlich auf unsere Feier am Tischlereihaus einladen, in zwei Wochen geht es los!“ Nach und nach sprach sich in der Stadt herum, dass bei den Asylbegehrenden gefeiert werden sollte.

Viele fanden es eine sehr gute Idee, eine solche Feier stattfinden zu lassen, andere hatten aber ihre Zweifel, ob denn die Gegebenheiten solche wären, überhaupt zu feiern.

Die Befürworter einer Feier waren auf Seiten von SPD, Grünen und Teilen der F.D.P., die Gegner waren bei der CDU und der AfD zu finden.

„Warum müssen denn ausgerechnet die Asylbegehrenden eine Feier ausrichten“, so Fritz Heckmeyer, „sie sollen doch sehen, dass sie mit dem ohnehin knappen Geld, das ihnen zur Verfügung steht, auch auskommen!“

Bei den Asylbegehrenden bildete man Gruppen, denen Teilaufgaben zur Durchführung des Festes übertragen wurden, angefangen von einer Gruppe, die für Sitzgelegenheiten verantwortlich war, über eine Gruppe, die für das Grillfeuer zuständig war, bis zu der Gruppe, die die Einkäufe koordinieren musste.

Schnell sprach sich das Vorhaben der Asylbegehrenden in der Stadt herum, und Heinz Drechsler ging zu ihnen und fragte sie, ob er ihnen mit irgendetwas helfen könnte.

„Wenn ihr irgendetwas braucht, müsst ihr das sagen, wir tun, was wir können!“, sagte er.

Zarif antwortete:

„Wir kommen schon zurecht, wie überlegen nur an einem großen Grill!“

„Ich denke, dass sich ein Grill schon finden lässt, wie wollt ihr euch mit euren Gästen verständigen?“, fragte Heinz.

„Ich denke, dass wir uns in Gruppen hinsetzen, in denen jeweils einer von uns, also Siar, Adil, Zarif, Eason, Liath und ich als Dolmetscher sitzen, die Deutschkenntnisse sind aber inzwischen bei allen so weit fortgeschritten, dass sie sich zumindest in Bruchstücken unterhalten können, und mit ein bisschen gutem Willen bei den Besuchern wird das schon gehen!“, so Zarif.

„Braucht ihr finanzielle Unterstützung?“, fragte Heinz, und Zarif überlegte kurz, bevor er antwortete:

„Ich glaube, dass wir genug Geld haben, um die Feier zu finanzieren, gegen eine kleine Zuwendung hätten wir aber nichts einzuwenden!“

„Ich will sehen, dass sich auf der nächsten Gemeinderatssitzung für euch ein paar Euro lockermachen kann!“, sagte Heinz und ging wieder.

Bei Fritz Heckmeyer hatte sich eine Wut aufgestaut, die sich gegen die Asylbegehrenden und ihr Vorhaben richtete. Auf keinen Fall würde sein Metzgereibetrieb ihnen das Fleisch liefern, dass sie zum Grillen brauchten, auch setzte er alle Hebel in Bewegung, um gegen die Feier Stimmung zu machen.

Die nächste Gemeinderatssitzung eröffnete Heinz Drechsler wie üblich:

„Liebe Gemeinderatsmitglieder, ich eröffne die Gemeinderatssitzung von heute, die Tagesordnung lag vor und ich rufe den TOP 1 auf: Feier der Asylbegehrenden. Wie ihr inzwischen alle mitbekommen haben werdet, planen die Asylbegehrenden, bei sich eine Feier für die Bewohner von Bromberg zu veranstalten. Ich habe bei einem Vorgespräch mit ihnen in Aussicht gestellt, dass die Stadt einen kleinen Betrag dazuzugeben bereit sein wird, ich dachte an 1000 €. Wenn von euch dazu jemand etwas sagen möchte, soll er das jetzt tun!“

Es meldete sich ein Vertreter der Grünen:

„Ich finde, dass wir als Vertreter der Stadt alles tun sollten, um die Asylbegehrenden in ihrem Bestreben, sich den hier gültigen Sitten und Bräuchen anzunähern, zu unterstützen, aus diesem Grunde ist meine Fraktion für eine Zuwendung!“

Fritz Heckmeyer meldete sich:

„Wir von der CDU sind strikt gegen jegliche Zuwendung für ein von den Asylbegehrenden geplantes Fest, wenn die Asylbegehrenden feiern wollen, sollen sie das unter sich tun und uns Bürger von Bromberg damit in Ruhe lassen. Wir sind der Ansicht, dass die Gedanken der Asylbegehrenden auf ihre Zukunft gerichtet sein und nicht so sehr das Feiern zum Inhalt haben sollten!“

Es folgte lautes Klopfen auf die Tische seitens der CDU-Mitglieder und seitens des AfD-Mitgliedes.

„Gibt es weitere Wortmeldungen zu diesem Tagesordnungspunkt?“, fragte Heinz Drechsler. Als das nicht der Fall war, bat er um Abstimmung, und alle Mitglieder der SPD-Fraktion, der Grünen- Fraktion und der F.D.P.-Fraktion votierten für die Zuwendung, die CDU und die AfD dagegen.

„Wir kommen jetzt zu TOP 2: Verschiedenes, ich bitte um Wortmeldungen!“, forderte Heinz Drechsler.

Frank Schönebach meldete sich:

„Ich möchte anregen, dass sich der Gemeinderat in einer seiner nächsten Sitzungen um das Stadtfest in Bromberg kümmern möge!“

„Gibt es dazu Wortmeldungen?“

Das war nicht der Fall und Heinz Drechsler schloss die Gemeinderatssitzung sehr früh.

Anschließend begaben sich die Fraktionsspitzen in den Königshof, wo sie weiter über das Fest der Asylbegehrenden diskutierten. Fritz Heckmeyer erhob seine Stimme und betonte noch einmal, was er in der Gemeinderatssitzung hatte anklingen lassen.

Es gab ein eifriges Hin und Her, bei dem die Positionen noch einmal aufeinanderprasselten.

Björn hatte zwischenzeitlich bei Kathrin angerufen und sie gebeten, doch einmal bei ihm in Feldlingen vorbeizukommen. Kathrin lief zur Haltestelle am Marktplatz und wartete auf den Bus nach Feldlingen, er fuhr um die Mittagszeit nur stündlich.

Als er endlich angekommen war, stieg sie ein und fuhr in die Kreisstadt. Im Reckwald schaute sie aus dem Fenster und sah die Waldbäume in kräftigem Grün. Vor der gefährlichen Kurve nahm der Busfahrer Geschwindigkeit zurück und lancierte vorsichtig hindurch, um anschließend wieder Gas zu geben.

Björn holte Kathrin von der Bushaltestelle in Feldlingen ab und gab ihr zur Begrüßung einen Kuss. Kathrin kam nicht so oft nach Feldlingen und schaute sich erst einmal um, bevor Björn sie nahm und mit ihr zu sich nach Hause lief.

„Hallo Mutter, das ist Kathrin, eine Kommilitonin von mir aus Düsseldorf, sie lebt in Bromberg“, sagte Björn.

Kathrin begrüßte Björns Mutter, sie war eine gut aussehende große Frau und lachte Kathrin an.

„Das ist ja sehr nett, dass ich sie kennenlerne, sie kommen gerade richtig zum Kaffeetrinken, Björns Vater muss auch gleich eintreffen, nehmen Sie doch Platz!“

Kathrin setzte sich an den gedeckten Kaffeetisch neben Björn, als auch schon sein Vater erschien. Sofort ging er auf Kathrin zu und begrüßte sie:

„Ich bin Björns Vater, sehr angenehm, sie kennenzulernen!“

Daraufhin setzte er sich neben Kathrin und ließ sich von seiner Frau ein Stück Kuchen auf den Teller legen, wie auch Kathrin und Björn von dem Kuchen nahmen.

„Ich hörte, sie stammen aus Bromberg, erzählen Sie uns doch etwas über ihre Heimatstadt!“, bat Björns Vater.

Und Kathrin erzählte:

„Ich lebe sehr gerne in Bromberg, es ist eine gemütliche und überschaubare kleine Stadt, sie hat eine Thermalquelle und ist ein Kurort, daneben liegt sie landschaftlich sehr reizvoll am Reckwald, mein Vater ist dort der Bürgermeister.“

„Wir kommen nur sehr selten einmal nach Bromberg, umso netter ist es, eine Brombergerin bei uns begrüßen zu können!“, entgegnete Björns Vater.

„Die Bromberger sind stolz auf ihre Stadt, und arrangieren sich mit einundvierzig Asylbegehrenden, die in einer ehemaligen Tischlerei untergebracht worden sind“, sagte Kathrin, „sie werden demnächst ein Fest feiern, zu dem alle eingeladen sind, kommen sie doch auch!“

„Also ich finde, dass wir uns das durch den Kopf gehen lassen sollten, schon allein aus Solidarität mit den Asylbegehrenden sollten wir dahingehen“, sagte Björn.

Anschließend forderte er Kathrin auf, mit ihm ein paar Schritte durch die Stadt zu laufen, er wollte ihr die Hauptsehenswürdigkeiten zeigen. Kathrin war neugierig auf die Kreisstadt und lief mit Björn los. Björn legte ein ziemliches Tempo vor, bei dem Kathrin Schwierigkeiten hatte, mitzuhalten.

Nachdem sie die wichtigsten Gebäude gesehen hatten, gingen sie wieder zu Björn nach Hause und auf Björns Zimmer. Björn umarmte Kathrin sofort und belegte sie mit Küssen, er nestelte an ihrer Kleidung herum und versuchte, sie auf sein Bett zu drücken, er wollte mit Kathrin schlafen.

Danach war ihr aber nicht zumute, und sie drängte ihn zurück:

„Sei bitte nicht traurig, aber ich möchte nicht an dem ersten Nachmittag, an dem ich dich besuche, mit dir schlafen!“

Björn hatte ein einsehen und ließ van Kathrin ab. Er setzte sich mit ihr in sein Zimmer und zeigte ihr Fotos von David und sich, wie sie früher durch die Gegend gezogen waren.

Irgendwann am späten Nachmittag sagte Kathrin:

„Ich will gleich wieder nach Hause fahren, der Nachmittag bei euch war schön!“

„Ich fahre dich mit dem Wagen meines Vaters, dann hast du nicht die Umstände mit dem Bus!“, bot Björn ihr an.

„Das ist aber sehr nett von dir, so habe ich noch eine halbe Stunde Zeit!“, antwortete Kathrin.

Schließlich gingen sie aber ins Wohnzimmer zurück, und Kathrin verabschiedete sich von Björns Mutter und Vater.

„Ich fahre eben Kathrin mit deinem Wagen wieder nach Bromberg zurück!“, rief Björn seinem Vater zu und war mit Kathrin auch schon verschwunden.

„Ich fand deine Eltern sehr nett, du kommst bestimmt prima mit ihnen klar!“, sagte Kathrin.

„Ich hatte noch nie irgendwelche Probleme mit ihnen, sie zeigen sich in allem sehr verständig!“, antwortete Björn.

Er nahm die Kurve im Reckwald sehr vorsichtig und fuhr Kathrin in die Rolandstraße:

„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte er und Kathrin antwortete:

„Spätestens auf dem Fest der Asylbegehrenden, dann bringst du deine Eltern mit!“

„Ist gut!“, antwortete Björn und gab Kathrin einen Abschiedskuss, dann fuhr er nach Feldlingen zurück.

Bei den Asylbegehrenden war man voll im Gange, das Fest vorzubereiten, aber immer noch wusste niemand, wo sie einen großen Grill herbekommen sollten. Da kam Heinz Drechsler vorbei und brachte die Nachricht, dass im Keller der Schule ein großer Schwenkgrill stehen würde, man müsste ihn nur abholen. Der Grill war zu groß, als dass man ihn im Auto transportieren könnte, also musste eine Karre her. Eine solche Karre hatte Bäcker Geschonneck, und man lieh sie sich bei ihm. Zarif und Adil fuhren mit der Karre zur Schule, Heinz Drechsler hatte dem Hausmeister Bescheid gesagt, dass jemand käme, um den Grill abzuholen. Das Problem war der große runde Grillrost, den man vorsichtig durch die Kellerräume bugsieren musste, das Dreibein und die Aufhängeketten waren schnell herausgetragen.

Zarif und Adil brachten den Grill in den Upweg und bauten ihn dort auf. Es musste Brennholz herbeigeschafft werden, und dazu holte man sich im Rathaus einen Sammelschein, der dazu berechtigte, im Reckwald herumliegendes Holz aufzuheben und mitzunehmen. Natürlich musste man auch massivere Scheite herbeischaffen, und die ließen sich die Asylbegehrenden aus dem Privatbesitz der Stadtbewohner bringen, darum hatten sie per Aushang vorher gebeten. Für alle Fälle legten sie noch drei Sack Holzkohle neben den Grill.

Beim Fleisch dachten sie an Lamm, und für Leute, die kein Lamm mochten, wurden sie eine kleine Portion Rindfleisch bestellen. Da sich Heckmeyer weigerte, in Sachen Fleisch für die Asylbegehrenden aktiv zu werden, gingen sie zu Edeka in die Fleischabteilung. Dort bestellten sie ausreichend Lammfleisch und einige Rindersteaks, man sagte ihnen, dass sie sich drei Tage gedulden müssten, dann könnten sie ihr Fleisch abholen.

Auch die Getränke nahmen sie von Edeka, sie holten einige Kästen Bier, sehr viel Rot- und Weißwein und drei Flaschen Schnaps. Für sich selbst nahmen sie einige Kästen Wasser und Cola, da unter ihnen niemand war, der Alkohol trank.

Beim Bäcker Geschonneck gaben sie Fladenbrot in Auftrag, dazu nahmen sie einige Stangen Baguette.

Nach und nach stellten sie Stühle und andere Sitzgelegenheiten nach draußen und gruppierten sie zu fünf Gruppen, die sie bilden wollten.

In ihren kleinen Küchen bereiteten sie Beilagen zu, wie sie bei sich zu Hause kannten, es gab viele in Joghurt zubereitete Gemüse, aber auch Dip- Saucen, Ketschup und Senf.

Unter den einundvierzig Asylbegehrenden waren zweiundzwanzig Männer und Frauen, zehn Jugendliche und neun Kinder. Man teilte die Erwachsenen in fünf Gruppen ein, die Gesprächspartner für den Besuch sein sollten, dazu wurden des Deutschen mächtige Jugendliche ausgesucht, die als Dolmetscher fungieren sollten.

In der Zwischenzeit wurden in vielen Haushalten Vorbereitungen für den Festbesuch bei den Asylbegehrenden getroffen.

Bei Heckmeyers herrschte ein Streit darüber, ob man zu der Feier gehen sollte oder nicht. Martina undra waren absolute Befürworter der Feier bei den Asylbegehrenden, sie begrüßten die Initiative zur Annäherung, die von ihnen ausgegangen war.

Fritz war dagegen, weil er ohnehin nicht so gut auf die Präsenz der Asylbegehrenden zu sprechen war und auch in der Gemeinderatssitzung seine Stimme gegen eine Förderung der Feier erhoben hatte. Alle seine Parteifreunde waren auf seiner Seite, niemand von ihnen würde zur Feier gehen.

Martina und Nora wollten sich feinmachen und überlegten, was sie anziehen sollten.

Björn wäre mit seinen Eltern vor Kathrins Haus und würde sich dort mit Nora und mit Kathrin treffen und dann gemeinsam mit Martina und den Drechslers zur Feier gehen. Die Drechslers waren aber drei Tage vor Beginn der Feierlichkeiten schon aufgeregt, nur Heinz nicht, er wusste die Gemüter zu beruhigen. Björn stellte den Drechslers seine Eltern vor, und auf beiden Seiten fand man sich sehr angenehm.

Heinz hatte sich während der letzten Wochen in der Stadt stark gemacht für die Feier der Asylbegehrenden und er hatte bei den Vorbereitungen geholfen, wo er konnte.

Mittlerweile kannte man ihn bei den Asylbegehrenden, er war bei ihnen ein gern gesehener Gast.

Bei Bäcker Geschonneck war man auch gewillt, an der Feier teilzunehmen, schon allein weil Geschonneck Sozialdemokrat war und in der Beziehung seiner Fraktion Folge leistete. Seine Frau zeigte sich aufgeschlossen gegenüber den Asylbegehrenden und freute sich auf die Feier.

Kurt Bramsche war schon lange Christdemokrat und hatte nie einen Hehl daraus gemacht, und weil er die Richtung seiner Fraktion für gut befand, lehnte er die Feier der Asylbegehrenden ab, und er und seine Familie würden nicht daran teilnehmen. Er war, genau wie Fritz Heckmeyer, strikter Gegner der Asylpolitik, so wie sie die Stadtoberen in Bromberg betrieben. Immer, wenn in seinem Friseursalon die Sprache auf die Asylbegehrenden kam, wusste er lang und breit seine Meinung kundzutun, auch auf die Gefahr hin, dass er bei seinen Kunden auf Widerstand stieß.

Bei Bauer Heinrich war die Familie gespaltener Ansicht, seine Frau und sein Sohn wollten sehr gerne zu der Feier der Asylbegehrenden, er selbst lehnte eine Teilnahme ab, weil er als Christdemokrat eine Linie verfolgte, die gegen die Asylbegehrenden lief, er lag ganz in der Richtung, in der auch Fritz Heckmeyer zu finden war.

Im Café Fischer am Marktplatz waren die Besitzer F.D.P.-Anhänger und deshalb nicht unbedingt abgeneigt, wenn es um die Teilnahme an der Feier ging. Man engagierte sich aber auch nicht großartig dafür, sondern ließ sie Dinge auf sich zukommen.

Frank Schönebach war als christdemokratisches Gemeinderatsmitglied der Linie seiner Fraktion verpflichtet und sprach sich vehement gegen die Feier der Asylbegehrenden aus, so wie er schon seit langer Zeit die offizielle Linie der Politik in der Asylfrage attackierte.

Ganz anders Dirk Weinmann, der natürlich als Sozialdemokrat die Asylbegehrenden unterstützte, wo er nur konnte. Er würde mit seiner Frau an der Feier teilnehmen und freute sich schon sehr darauf. Liath, sein Azubi, hatte ihn während der letzten Woche immer auf die Feier aufmerksam gemacht und quasi von ihm verlangt, zu kommen.

Auch Bauer Steffens war Sozialdemokrat, und er hörte auf seine Söhne und seine Frau, die ihn dazu trieben, an der Feier teilzunehmen. Er war kein großer Partygänger, aber auf das Fest der Asylbegehrenden wollte er gerne gehen.

Die Gesamtschule würde an den Nachmittag, an dem die Feier stattfände, unterrichtsfrei geben, sodass auch den Schülern Gelegenheit geboten würde, an der Feier teilzunehmen.

Am Vormittag vor der Feier lieferte Geschonneck das Fladenbrot und das Baguette, die Frauen der Asylbegehrenden hatten die Vorspeisen soweit fertig, die Getränke standen bereit und man wartete nur noch auf das Fleisch, das aus Frischhaltegründen erst ganz am Schluss geliefert werden sollte.

Adil hatte den Auftrag, das Feuer im Grill anzustecken und während der ganzen Zeit zu überwachen. Er hatte Anmachholz ganz klein zerschnitten und in der Mitte des Grills zu einem kleinen Haufen zusammengelegt, unter den er vorher Grillanzünder postiert hatte.

Dann kam ein Kleintransporter von Edeka und brachte das Fleisch. Inzwischen waren schon viele Leute gekommen und hatten sich auch die vorbereiteten Sitzmöbel gesetzt, es strömten aber immer noch weitere Besucher dazu.

Als der Besucherstrom nachließ, nahmen Adil Streichhölzer und zündete den kleinen Haufen Anmachholz an.

Im Nu griffen die Flammen um sich und Adil legte sofort dickeres Holz aus dem Reckwald nach, bevor er massive Scheite auf das Feuer gab.

Es entwickelte sich ein großes Feuer, dass eine immense Hitze abstrahlte, und als die langsam nach und nur noch weiße Glut zu sehen war, begannen Siar und Zarif Fleisch aufzulegen.

Die Menschen standen Schlange am Grill und warteten nur einen ganz kleinen Moment, bis ihr Fleisch durchgegart war. Dann nahmen sie ihre Teller und gingen zu den Vorspeisen, dort bedienten sie sich bei herrlich zubereitetem frischem Gemüse und gaben sich Senf oder Ketschup auf den Teller, sie nahmen von dem Fladenbrot bzw. Baguette und gingen zu ihrem Platz. Diesen Vorgang wiederholten viele mindestens noch einmal, und als Essprozedur sich ihrem Ende zuneigte, stellten alle um den Tisch Sitzenden ihre Teller zusammen und ließen sie wegräumen. Jeder hatte ein Getränk vor sich stehen und prostete den Tischnachbarn zu.

Als nur noch einzelne an den Grill gingen und sich Fleisch geben ließen, begannen ganz allmählich die Gesprächsrunden. Es waren schätzungsweise fünfzig Besucher gekommen, die sich auf die fünf vorher gebildeten Gruppen verteilt hatten. In jeder Gruppe saß einer der jungen Männer, die als Dolmetscher herhalten sollten und jeweils das Gespräch eröffneten:

„Wir sind ja heute hier zusammengekommen, um einmal miteinander zu feiern, und wir möchten uns als neu Hinzugekommene vorstellen und aus unserer Heimat berichten“, sagte Siar in seiner Gruppe.

„Ich komme aus Afghanistan, genauer gesagt aus der Hauptstadt Kabul und bin mit meinen Eltern und meiner kleineren Schwester vor drei Jahren nach Deutschland geflohen. Es war eine sehr abenteuerliche Flucht und wir mussten viele Strapazen auf uns nehmen. Am Ende sind wir über die Türkei und die Balkanroute nach Österreich gekommen, von dort sind wir nach Deutschland eingereist. Sofort sind wir einem Kontingent nach Bromberg zugeteilt worden.“

Nora fragte:

„Warum seid ihr damals aus Afghanistan geflohen?“

„Die Verhältnisse in Kabul waren damals für uns so schlecht, mein Vater musste seinen Laden aufgeben, weil die Taliban ihn einfach geschlossen hatten, meine kleinere Schwester durfte nicht zur Schule, meine Mutter musste sich zu Hause aufhalten und ihr boten sich auch keine großen Chancen!“

Kathrin fragte:

„Und deiner Schwester wurde der Schulbesuch einfach verboten?“

„Ja, der Bildung von Mädchen wurde einfach kein besonderer Wert beigemessen, das muss man sich einmal vorstellen!“, antwortete Siar.

„Wie würdest du das Leben in Kabul beschreiben?“, fragte Björn.

„Die Bevölkerung war arm und konnte sich deshalb kaum etwas kaufen, weshalb das Geschäftsleben praktisch zum Erliegen gekommen war, auf den Straßen in Kabul war kaum etwas los,“ antwortete Siar.

„Hattet ihr keine Bekannten, mit denen ihr euch getroffen hattet?“, fragte Nora.

„Doch, schon, aber die waren genauso arm wie wir, sicher, wir haben etwas einfaches zusammen gekocht und es dann gegessen!“, so Siar.

„Zarif, komm doch mal rüber!“, rief Siar zum Nachbartisch, und Zarif und setzte sich zu Siar. Der stand aber auf und ging zu der Gruppe, von der Zarif gekommen war.

Alle Gruppenmitglieder waren angenehm überrascht, wie gut er ja schon Deutsch sprach und riefen ihm lobende Worte hinterher.

Aber auch Zarif war ses Deutschen mächtig und begrüßte die Gruppe:

„Hallo, mein Name ist Zarif und ich bin vor drei Jahren mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem kleineren Bruder von Bagdad nach Deutschland gekommen. Wie sie sich vorstellen können, verlief unsere Flucht nicht ohne Hindernisse und Strapazen, wir sind am Ende über Österreich nach Deutschland eingereist und hier in Bromberg gelandet.“

Und wieder fragte Nora:

„Warum seid ihr aus dem Irak geflohen?“

Zarif antwortete: