Paar-Fotografie im 20. Jahrhundert - Kurt Dröge - E-Book
Beschreibung

Am Beispiel von Bildern eines Ehepaares aus Fotoalben, die 60 Jahre gemeinsames Leben über zwei Weltkriege hinweg dokumentieren, wird der Frage nachgegangen, was Paar-Fotografie als konstruierte Kategorie ausmachen kann. Der einleitende Textbeitrag lotet aus, wie eigenwertig und wo zwischen Einzel- und Doppelporträt, Hochzeitsbild und Familienfoto die Paar-Fotografie verortet werden könnte. Als ein Ergebnis von Blick-Fokussierung beruht sie auf tradierten Standards, die zumindest teilweise aus älterer Malerei und Grafik stammen. Bürgerliche Regelwerke von Heirat, Hochzeit, Ehe und Familie enthalten das lebenslang verbundene Paar als konstituierendes Element. Es präsentiert sich bildlich auf verschiedene Weise, auch indem es, vornehmlich von der Amateurfotografie des 20. Jahrhunderts, immer wieder in stereotype Wahrnehmungs- und Abbildungs-Kontexte eingebunden worden ist.

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EPUB

Seitenzahl:41


Das niedere Bild

Inhalt

Aspekte von Paar-Fotografie: ein einleitender Essay

Heirat, Hochzeit und Ehe als Stimulans und kulturelles Bildregelwerk

Hochzeitsbild, Ehefoto und Paar-Fotografie

Fotografie als retrospektive Lebensbegleitung

Familien- und Amateurfotografie als Akt der Selbstvergewisserung und Sozialisation

Das Porträt als Norm und Bedürfnis

Inhärente Aspekte des Doppel-Porträts

Das Familienbild als Teil des Gruppenbildes und als Institution

Paar-Fotografie als Ergebnis von Blick-Fokussierung

Literatur

Eines Paares Foto-Leben: Bilder aus 60 Jahren

Nachwort: zu diesem Buch in einer kleinen Reihe

Aspekte von Paar-Fotografie: ein einleitender Essay

Auguste und Fritz bilden kein fiktives oder auch nur anonymes Paar, sondern hießen wirklich so, haben lange gelebt und nachvollziehbare Spuren hinterlassen. Geboren wurden beide am Ende des 19. Jahrhunderts und gehören zu den Menschen, deren Lebensdaten mit dem bewussten Erleben von Kaiserreich, Krieg, Weimarer Zeit, Nationalsozialismus, nochmals Krieg und Bundesrepublik sie als Angehörige, Begleiter oder Zeitzeugen, ganz wie man will, des 20. Jahrhunderts ausweisen.

Durchlebt haben beide nahezu das ganze Jahrhundert, mehr als 60 Jahre lang als Paar. Der Tod von Fritz verhinderte indes das gemeinsame 60-jährige Ehe-Jubiläum, das im Folgejahr hätte stattfinden können. Auguste starb knapp zehn Jahre später. Ihr Leben als Paar hat Fritz und Auguste irgendwie direkt in die Geschichte der privaten Fotografie hinein gestellt, deren Digitalisierung sie aber nicht mehr erlebten.

Fritz hat sich, nicht zuletzt als lokalbekannter Mann des öffentlichen Lebens, gern fotografieren lassen und Auguste machte manchmal mit, war aber eher zurückhaltend. Beide verzichteten darauf, eigenhändig Erinnerungsbilder anzufertigen, denn auch die frühen Familienfotos wurden zumeist von Dritten erstellt und zu Alben zusammen komponiert. Ob es weitere Fotoalben gegeben hat, die von dem Paar oder von einem von beiden selbst angelegt worden sind, ist und bleibt allerdings unklar.

Die gemeinsame Abbildung von Auguste und Fritz hat sich, wenngleich nicht ohne Ausnahmen, im privaten Rahmen vollzogen und bildet einen Einzelfall, der offen lässt, wie weit sich aus ihm verallgemeinernde Schlüsse ziehen lassen.

Es lässt sich aber vielleicht die These aufstellen, dass Paar-Fotografie, wie sie sich hier in mehreren Varietäten zeigt, für das Bildgedächtnis des 20. Jahrhunderts nicht unwesentlich gewesen ist, für identitätsbildende Funktionen von Fotografie, für verschiedene Schnittstellen wie etwa zwischen privat und öffentlich sowie Amateurhaftigkeit und Professionalität, zwischen ehelich und familial oder auch zwischen Generationen.

Eingeschlossen sind hier „Stufen des Fortschritts“ als weitere Schnittstellen – damit insgesamt auf die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts verweisend. Dieser kleine Essay will, als einführender allgemeiner Kommentar zu der nachfolgend ausgewählten Bilderfolge, in Richtung der These als Anregung fungieren.

Eine zweite These mag die gesellschaftsstabilisierende Wirkung von Paar-Fotografie im Sinne eines Musters betonen, das die neuzeitlichen bürgerlichen Familienstrukturen voraus setzt und in sozial übergreifender Weise so verinnerlicht worden ist, dass es gleichsam unerkannt bis heute in Tausenden von Fotoalben schlummert. Der Akt des materiellen Umgangs mit diesen Alben könnte dann sogar ein weiter gehendes Thema bilden: Was geschieht mit den Inhalten, visuellen Aussagen und Wirkungen von Paar-Fotografie, wenn die Alben dauerhaft in Familienbesitz verbleiben, wenn sie – irgendwann – materiell vernichtet werden oder andernfalls ins Museum kommen und einen Funktionswandel erleben, wenn ihr Zusammenhang aufgelöst wird oder wenn, wie hier, einzelne Bilderfolgen selektiv heraus gegriffen und der Öffentlichkeit in bestimmter Absicht zugänglich gemacht werden?

Die Zahl der Bilder, auf denen Fritz und Auguste gemeinsam auftauchen, stellt sich heute als insgesamt sehr begrenzt dar – was zur Geschichte der Fotografie vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die noch zur Frühgeschichte gerechnet werden darf, passt. In mehreren Alben, die von ihren Söhnen als Fotografen und Albengestaltern zusammen gestellt worden sind, findet sich das Paar, zuweilen sogar sehr häufig und zielgerichtet: Familienalben. Dass insgesamt, einschließlich weiterer Bildüberlieferungen, unterschiedliche situative Kontexte und Foto-Anlässe auftauchen, versteht sich von selbst.

Dennoch stehen alle überkommenen Bilder in einem Zusammenhang, der sich nicht nur formal auf die abgelichteten Personen beziehen lässt, sondern auch so etwas wie tiefenstrukturelle Merkmale enthält. Atelierfotos von Fritz und Auguste, das sei hier bereits angemerkt, fehlen nahezu vollständig, und die Gründe hierfür bleiben zumindest teilweise unklar.

Fotografien, auf denen ein Paar zu sehen ist, bilden hier den Ausgangspunkt des Betrachtens und zugleich den Zielpunkt dokumentarisch-analytischer Betrachtung: dabei Auguste und Fritz nur als (individuell uninterpretiertes) Beispiel nutzend. Gibt es Paar-Fotografie, so wie es die historische Gattung des porträtartigen Doppel-Bildnis gegeben hat in Malerei und Grafik? Wenn ja, wie ist sie entstanden und wie hat sie sich bis heute entwickelt?

Die Ehe als gesellschaftliche Institution mitsamt ihrem Beginn, der Heirat und Hochzeitsfeier, und ihren Folgen, der Entstehung von Familie, auf der einen Seite sowie das Porträt als künstlerische und kunstwissenschaftliche Gattung auf der anderen stellen hier so etwas wie Eckpunkte in einem thematisch-erkenntnisbezogenen Rahmen der Betrachtung dar, ergänzt durch die Abbildung von Gruppen mitsamt ihrer Verbindung zur Familien-Aufstellung.