Beschreibung

Um den Mann auszuspionieren, der das Leben ihrer besten Freundin zerstört hat, schleust sich Lorina Liddel als Journalistin bei der Reality-Show Dig Britain! ein. Bei den Ausgrabungen vor Burg Ainslie gerät sie in den Fokus von Gunnar Ainslie, dem Bruder des Lords, der nichts unversucht lässt, um herauszufinden, welchem Schatz die hübsche Journalistin am Set wirklich nachjagt ...

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Seitenzahl: 470


Inhalt

TitelZu diesem BuchDanksagung1234567891011121314151617181920Die AutorinDie Romane von Katie MacAlister bei LYXImpressum

KATIE MACALISTER

SCHATZ GESUCHT, TRAUMMANN GEFUNDEN

Roman

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Theda Krohm-Linke

Zu diesem Buch

Lorina Liddell ist eine Frau mit einer Mission: Sie will Paul das Handwerk legen, der das Leben von Lorinas Mitbewohnerin eiskalt zerstört hat. Doch Paul ist nicht nur ein mieser Kerl, sondern auch der Leiter eines Ausgrabungsteams, das zusammen mit Dig Britain! – eine Archäologie-Reality-Show – vor Ainslie Castle, England, nach verschollenen Schätzen sucht. Lorina schleicht sich – getarnt als Fotojournalistin – auf die Ausgrabungsstätte, um Beweise für Pauls Niedertracht zu sammeln. Am Set trifft die junge Frau auf den charismatischen Gunner Ainslie, Bruder des Barons Elliot, dem das Schloss gehört. Gunner ist dazu abbestellt, Ainslie Castle während der Abwesenheit des Barons zu hüten, und nutzt die Zeit, ebenfalls nach alten Schätzen zu suchen. Aber weder Lorina noch Gunner haben mit der gegenseitigen Anziehungskraft gerechnet – und Lorina muss sich angesichts dieser attraktiven Ablenkung in Acht nehmen, ihre Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Auch wenn sie feststellt, dass Gunner der wohl schönste aller Schätze ist, den man finden kann …

Ich danke meiner anbetungswürdigen und äußerst geduldigen Agentin Michelle Grajkowski, die mich, obwohl ich noch nie eine Figur Honey Grajkowski genannt habe, bei geistiger Gesundheit hält, wenn die Welt um mich herum verrücktspielt. Sie ist nicht nur eine fabelhafte, hinreißend charmante und süße Agentin, sie gibt auch einen verdammt guten Piraten ab. Ahoi, meine Zuckerschnecke!

1

»Ich weiß ja, dass Gunner Amateur-Archäologe ist. Aber warum kommt ein Fernsehteam wegen einer Reality-Show über Archäologie ins Schloss?«

Gunner Ainslie warf seiner Schwägerin einen missbilligenden Blick zu. »›Amateur‹ ist ein bisschen hart, Alice. Ich habe immerhin ein Archäologiestudium absolviert.«

Sie verzog verwirrt das Gesicht. »Und warum arbeitest du dann als Fotograf und nicht als Archäologe?«

»Weil er mir nicht wie all meine anderen Geschwister auf der Tasche liegen wollte«, antwortete sein Bruder Elliott, der derzeitige Baron Ainslie, und zog seine Frau an sich. »Das hat er zumindest behauptet. Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass das nur Tarnung war, damit er unbekleidete Frauen fotografieren konnte.«

»Wie du sehr wohl weißt, ist mein Job meilenweit davon entfernt, Fotos von nackten Frauen zu machen«, sagte Gunner würdevoll. Er ignorierte, wie Alice, die auf der Armlehne von Elliotts Sessel saß, sich zu ihm beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Stattdessen fuhr er fort: »Alte, verfallene Gebäude sind nicht besonders sexy, aber in den Händen der richtigen Bauunternehmer können sie sehr lukrativ sein. Und ja, liebe Schwägerin, Elliott hat absolut recht: Ich wollte einen Job haben, der mir ein Auskommen sichert. Archäologie ist zwar faszinierend, aber nicht gerade für große Gehälter bekannt. Es ist eigentlich sogar verdammt schwer, davon zu leben.«

»Ich verstehe«, sagte Alice und wandte zögernd ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Schwager zu. Da Elliott und sie erst vor ein paar Monaten geheiratet hatten, gestand Gunner ihnen noch gewisse Freiheiten bei der Zurschaustellung ihrer Zuneigung zu. »Aber warum hast du denn deine Archäologie-Freunde überhaupt eingeladen? Ja, klar, der Turm dieses Schlosses, das ihr als euer Zuhause bezeichnet, ist eingestürzt, aber hier gibt es doch nichts, was für die Archäologie von Bedeutung wäre, oder?«

»Das wissen wir nicht«, sagte Elliott. »Erst, wenn der Schutt weggeräumt ist.«

»Die Antwort auf deine Frage lautet Bewuchsmerkmale, Alice.« Gunner schenkte ihr ein Lächeln, woraufhin Elliott seine Frau sofort auf seinen Schoß zog. Gunner grinste innerlich. Es amüsierte ihn immer wieder, wie eifersüchtig sein Bruder war. »Im Sommer kann man hier in England archäologische Fundstätten aufspüren, weil das Getreide anders wächst, wenn sich unter der obersten Erdschicht Steinmauern oder Gräben befinden. Und in diesem trockenen Sommer ist klargeworden, dass große Gebäudestrukturen unter unserem Weideland liegen. Deshalb habe ich einen Freund angerufen, der für das archäologische Landesamt arbeitet, und er hat diese Nachricht an die Leute von Claud-Marie-Ausgrabungen weitergegeben.«

»Apropos, was sind das eigentlich für Leute? Du hast gesagt, es sei ein archäologisches Unternehmen, aber hast auch erwähnt, dass in dieser Branche niemand Geld verdient? Wie überlebt denn dann diese Firma? Sie arbeiten nicht mit einer Universität zusammen, oder?«

»Nein, sie werden von einigen Unternehmen privat finanziert. Adam – mein Freund, der mittlerweile beim Land angestellt ist – arbeitet ab und zu unentgeltlich bei CMA mit und hat ihnen von unseren Bewuchs-Linien erzählt. Wir standen bereits auf ihrer Liste von potenziellen Grabungsflächen, die sie in Zukunft besichtigen wollten, als das Fernsehstudio Kontakt zu ihnen aufgenommen hat.«

»Und was genau interessiert den Fernsehsender daran?«, fragte Alice und runzelte verwirrt die Stirn.

Gunner zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie eine Fernsehsendung über eine archäologische Ausgrabung machen wollen.«

»Und sie haben uns Geld dafür angeboten«, warf Elliott ein. »Ziemlich viel Geld sogar. Und das, meine liebe Gattin, brauchen wir dringend, wie du weißt, trotz meines hochehrwürdigen Titels und meiner erfolgreichen Karriere als Romanautor – damit uns das Schloss nicht noch weiter über dem Kopf zusammenbricht.«

»Viel Geld finde ich gut«, sagte Alice anerkennend. »Auch wenn dafür die Wiesen ein bisschen umgegraben werden müssen. Den Touristen, die das Schloss besichtigen wollen, gefällt es vielleicht auch. Meint ihr, ich sollte ein paar neue Broschüren drucken lassen, um zu beschreiben, was hier vor sich geht?«

»Das wäre ein bisschen voreilig. Wir wissen doch noch nicht einmal, was bei den Grabungen gefunden wird«, entgegnete Gunner.

»Ja, aber ein Fernsehteam filmt doch die Ausgrabungen. So etwas gucken die Leute nur zu gerne. Vielleicht sollten wir auch neue Merchandise-Artikel im Souvenirladen verkaufen, die einen Archäologiebezug haben. Hm.«

Alice, die sich wundervoll um die geschäftliche Seite der Touristenprogramme von Ainslie Castle kümmerte, blickte gedankenverloren vor sich hin. Offensichtlich fielen ihr auf Anhieb eine ganze Reihe von Produkten ein. Sie erhob sich von Elliotts Schoß, setzte sich hinter den Laptop und begann zu tippen.

Gunner lächelte. Er war dankbar dafür, dass seine neue Schwägerin sich so um die verarmte Familie ihres Mannes kümmerte. Immerhin war es keine kleine Aufgabe, die drohende Insolvenz abzuwenden, wenn man bedachte, wie viele sie waren – der verstorbene Baron und seine Frau hatten zu ihren zwei eigenen Kindern neun weitere adoptiert. Allerdings gab Alices eigentliche Absicht – sie alle glücklich zu verheiraten – Gunner zu denken.

»Kommst du denn mit dem Fernsehteam klar, wenn wir weg sind?«, fragte Elliott Gunner. »Alle von der Familie sind in Urlaub, deshalb wird niemand hier sein, der sich um irgendwelche Probleme kümmern kann.«

»Das geht schon. Ich bin aus Portugal zurück, bevor sie anfangen, und bis dahin ist Cressy auch hier.«

»Oh, stimmt ja – deine Tochter kommt ja für den Sommer hierher.« Alice blickte von ihrem Laptop auf. »Ich freue mich schon, sie kennenzulernen. Sie ist siebzehn, oder?«

»Ja.«

»Dann ist sie wahrscheinlich ganz verrückt nach Jungs, und es gibt ständig irgendwelcheDramen.« Alice nickte.

»Nein, eigentlich nicht. Cressy ist ein bisschen …« Er suchte nach den richtigen Worten, um die Lebensfreude seiner Tochter zu beschreiben. »Sie ist einfach ein enthusiastischer Mensch. Sie knallt keine Türen und schmollt nicht, aber sie rennt ständig herum und alles ist supertoll oder grottenschlecht. Bei Cressy gibt es nur Extreme, dazwischen kennt sie nichts. Ihre Mutter behauptet, sie sei unreif, aber ich sehe sie lieber als sehr authentisch, nur vielleicht etwas leicht erregbar.«

»Na, das klingt auf jeden Fall nett. Ich war ja völlig verblüfft, dass du schon eine siebzehnjährige Tochter hast. Du bist so …« Alice brach ab und warf Gunner einen schuldbewussten Blick zu.

»Attraktiv?«, ergänzte Gunner hilfreich. »Charmant?«

»Eigentlich eher so ein Casanova.«

Elliott lachte. »Wahre Worte, meine Liebe.«

»Im Gegenteil«, protestierte Gunner. »Das stimmt überhaupt nicht! Ich bin kein Mann, der bei Frauen immer nur auf Beute aus ist.«

»Ach nein?« Elliott zog die Augenbrauen hoch. »Dann lass uns doch mal einen Blick auf die letzten Frauen werfen, mit denen du zusammen warst. Wie lange haben die Beziehungen jeweils gedauert?«

Alice runzelte die Stirn. »Über die anderen weiß ich ja nichts, weil ich erst ein knappes halbes Jahr hier bin, aber die letzte – Hat sie nicht Charity geheißen? – hat ganze drei Tage gehalten. Und Anna Louise, diese amerikanische Dame – du erinnerst dich sicher noch an sie, Elliott; sie war auf dem Schloss-Ainslie-Erlebniswochenende –, sie ist ganze zehn Tage geblieben, bis Gunner sich von ihr verabschiedet hat.«

»Sie musste fahren«, sagte Gunner. »Ich habe es keineswegs von ihr verlangt; sie musste woanders hin.«

»Oh-oh. Und wenn das nicht so gewesen wäre, hättest du sie dann gebeten, länger zu bleiben?«

Gunner machte eine abwehrende Handbewegung. »Das steht hier nicht zur Debatte.«

»Hätte er nicht getan«, sagte Elliott zu seiner Frau.

»Unbedingt ein Casanova«, stellte Alice fest. »Aber auf nette Art.«

Gunner seufzte. »Nur weil ich kein Fan von Langzeitbeziehungen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich Frauen schlecht behandle. Ich mag Frauen. Frauen mögen mich. Wir mögen einander auf sehr erquickliche Art und Weise, und wenn das Wohlgefallen nicht mehr gegenseitig ist, dann trennen sich unsere Wege. In aller Freundschaft.«

»Das glaube ich dir sogar«, sagte Elliott und musterte seinen Bruder. »Keine von deinen Exen ist rachsüchtig oder verbittert. Du scheinst ein Händchen für Frauen zu haben, die ebenso auf der Suche nach Übergangsbeziehungen sind wie du.«

»Es ist nichts Falsches daran, den eigenen Mangel an Verantwortungsbewusstsein zu akzeptieren und zu genießen«, sagte Gunner. Er stand auf und ergriff seine Kamera. »Nicht jeder kann so ein Bedenkenträger sein wie du, El. Ist mit den Ausgrabungen jetzt alles klar, Alice? Wenn ja, dann muss ich mich langsam mal für meine Reise nach Spanien und Portugal fertigmachen.«

»Glasklar.« Alice hatte sich wieder ihrem Laptop zugewandt. »Ich schreibe nur gerade ein paar Sätze über den Fernsehsender, der hier dreht, auf die Website des Schlosses.«

»Und ihr seid nach Elliotts Lesetour ja sicher auf euren verspäteten Flitterwochen in den Staaten unterwegs, wenn ich zurückkomme, also wünsche ich euch jetzt schon mal bon voyage.« Gunner umarmte Alice und klopfte Elliott auf den Rücken. »Viel Spaß und bleibt gesund!«

»Ebenso«, sagte Elliott und wandte sich lächelnd an seine Frau. »Ruf nur an, wenn etwas Schreckliches passiert. Ich habe absolut vor, Alice die Flitterwochen zu bereiten, die sie verdient hat.«

»Es wird bestimmt nichts Aufregenderes passieren, als dass ein paar römische Ruinen unter den Wiesen gefunden werden«, erklärte Gunner – eine Prognose, die ihn für alle Zeiten als Wahrsager disqualifizieren würde.

2

»Ich glaube, meine beste Erinnerung an dich ist, als wir auf dem College waren und du mir eine lustige Anekdote erzählt hast, die mit der Pointe endete ›Ich hab doch gesagt, ich habe Blähungen!‹, und genau in dem Moment ging die Bürotür auf und heraus kamen Professor Levi – kannst du dich an den noch erinnern? –, der Studiendekan und der Fachbereichsleiter für Romanische Sprachen.«

»Oh Gott! Ja, ich erinnere mich sowohl an Dr. Levi als auch an jenen Tag«, sagte ich am anderen Ende der Leitung.

»Und du bist knallrot vor Verlegenheit geworden …« Vor lauter Lachen konnte Sandy kaum sprechen.

»Du brauchst gar nicht weiterzureden. Wir wissen beide, was passiert ist.«

»Lorina, du warst so verlegen, dass du bei jedem Schritt gepupst hast, als du weggelaufen bist.«

Ich klemmte das Telefon unters Kinn und ließ meinen Kopf in beide Hände sinken – nicht wegen der Erinnerung an die Peinlichkeit vor zwölf Jahren, sondern weil Sandy so heftig lachte, dass sie zwischendurch schnorchelnde Geräusche von sich gab. So hatte sie seit Monaten nicht mehr gelacht, und wenn es nach mir ginge, hätte sie nie damit aufgehört. Aber warum passierte das gerade jetzt, als sie mich anrief, kurz bevor sie ins Flugzeug stieg? »Wir haben in diesem Sommer viel gelacht!«

»Ja, das haben wir. Du warst die beste Zimmergenossin, die ich je gehabt habe.«

»Albernes Huhn! Du hattest außer mir ja gar keine Mitbewohnerinnen. Wenn man die vier Jahre, die wir zusammen auf dem College waren, zu den acht Jahren, in denen wir uns danach eine Wohnung geteilt haben, dazurechnet, dann haben wir im Oktober zwölfjähriges Jubiläum.«

»Ach, du lieber Himmel, ja, tatsächlich.« Sie schwieg nachdenklich. »Das ist länger als viele Ehen!«

»Ich habe dir doch gesagt, wir wären besser lesbisch geworden. Wir hätten ein tolles Paar abgegeben, und mittlerweile könnten wir sogar Kinder haben«, sagte ich mit bittersüßer Nostalgie. »Obwohl du ja wahrscheinlich die Frau in der Beziehung gewesen wärst, so wie ich gebaut bin – wie eine Walküre.«

»Ach, Quatsch, das bist du nicht. Du bist groß und eine klassische Schönheit, und ich bin eben klein und zierlich. Ich beneide dich darum, dass dich alle Leute wahrnehmen, wenn du ein Zimmer betrittst.«

»Sie starren mich eher an und fragen sich, wer wohl diese Amazone ist. Nein, nein, du brauchst gar nicht zu versuchen, mich zu trösten – ich habe mich schon mit der Tatsache abgefunden, dass ich fast eins achtzig und nicht gerade eine Elfe bin. Deshalb hätten wir ja auch so ein hübsches lesbisches Paar abgegeben.«

»Ja, wirklich, warum verlieben wir uns auch immer in diese blöden Männer?« Sie lachte schon wieder, und meine Laune hob sich. »Es scheint doch keiner von uns so besonders gut bekommen zu sein. Ich bin an einen Mann geraten, der mein Leben ruiniert hat, und du …« Sie brach abrupt ab.

»Ich hatte genau eine Beziehung in dieser Zeit, und das mit einem Mann, der mich genauso misshandelt hat wie mein Vater«, beendete ich den Satz für sie. Die dunklen Erinnerungen stiegen auf, aber ich ließ es nicht zu, dass sie mich überwältigten. Nach Jahren der Therapie hatte ich endlich meinen Frieden mit der Tatsache gemacht, dass manche Männer glaubten, es sei ihr gutes Recht, auf dem Ego der Frau herumzutrampeln, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich ein Opfer sein musste.

Ich war definitiv kein Opfer mehr.

»Ach, Süße, das wollte ich nicht.«

»Nein, es stimmt ja. Mein romantisches Leben ist gescheitert. Männer sind einfach so … oberflächlich. Sie wollen jemanden, der gut an ihrer Seite aussieht oder mit dem sie schnell Spaß im Bett haben können und sonst nichts. Wow, ich klinge ganz schön bitter, was?«

»Nein, eher so wie eine, die den Richtigen einfach noch nicht gefunden hat.«

»Und langsam glaubt, dass es einen solchen Mann für mich nicht gibt. Du liebe Güte, ich bin vierunddreißig. Die Zeit wird knapp, um noch einen Mann kennenzulernen, der nicht auf Viagra zurückgreifen muss, um im Bett zu funktionieren.«

»Na, das ist ja wohl eine fette Übertreibung, und das weißt du auch. Draußen laufen viele Männer in den Dreißigern oder Vierzigern herum, die großartige Liebhaber sind. Es muss doch einen darunter geben, der perfekt für dich ist. Du hast ihn nur noch nicht gefunden, aber du wirst ihn finden. Da bin ich mir ganz sicher.«

»Das liegt nur daran, dass du eine Romantikerin bist. Ich bin Realistin«, erwiderte ich.

»Du wärst genauso romantisch wie ich, wenn es dir diese Therapeutin, zu der du gegangen bist, nicht ausgetrieben hätte«, sagte sie scharf.

»Dr. Anderson hat eine starke, selbstbewusste Frau aus mir gemacht«, erwiderte ich rasch.

»Indem sie dir ausgeredet hat, dass Männer ebenso liebevoll und emotional fürsorglich sein können wie Frauen, ja. Aber wirklich, Lorina, willst du für den Rest deines Lebens alleine bleiben, nur weil dein Dad ein Arschloch und dein Ex aus demselben Holz geschnitzt war? Nicht alle Männer sind wie sie. Es gibt genügend Männer, die Frauen lieben.«

»Das weiß ich doch, Dummchen. Ich weiß, dass es ganz nette Männer gibt – ich scheine sie nur nicht anzuziehen. Hey, wie sind wir eigentlich auf mein jämmerliches, nicht vorhandenes Liebesleben gekommen? Wir wollten doch dich feiern.«

Sandy lachte. »Netter Versuch, das Thema zu wechseln.«

»Ja, finde ich eigentlich auch.« Ich hatte einen Kloß im Hals. »Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? Wenn nun die Nonnen doch nicht so gut mit HIV sind, wie du gedacht hast?«

»Sie haben eine höhere Erfolgsquote als westliche Ärzte. Ich habe dir doch diese medizinische Fachzeitschrift mit dem Artikel über sie gezeigt. Ihre Behandlungsmethoden sind viel besser als alles, was ich hier bekommen kann.«

»Ja, aber es kommt mir komisch vor, dass du dich lieber einer religiösen Gruppe anvertraust, statt angesehenen Ärzten mit wirkungsvollen Medikamenten, die die Krankheit im Keim ersticken können.«

»Einer religiösen Gruppe, die so großen Erfolg mit ihren antiviralen Medikamenten gehabt hat, dass Tausende von HIV-positiven Menschen ein vollkommen normales, gesundes Leben führen können. Nein, es gibt kein Heilmittel, aber mit den Behandlungsmethoden der Nonnen bleibeich zumindest am Leben. Und das lohnt doch schon einmal den Aufwand, oder? Ich will mich nicht ständig fragen müssen, was ich mehr hätte tun können.« Sie schwieg, dann sagte sie leise: »Lorina?«

Ich rieb mir das Ohr. Ich hatte das Telefon so fest dagegen gedrückt, dass es bestimmt einen Abdruck hinterlassen hatte. »Ich bin da, Baby.«

»Du darfst nicht weinen. Du weißt doch, dass es so das Beste ist.«

»Nein, das weiß ich nicht, aber ich respektiere es, wenn du glaubst, es sei das Beste für dich, wenn du dich von der Welt zurückziehst. Ich wünschte nur, du tätest es näher an zu Hause, damit ich dich gelegentlich besuchen könnte.«

»So funktioniert der Orden nicht. Wenn sie sagen, im Kloster ohne Kontakt zur Außenwelt, dann meinen sie es auch so.«

»Aber … du brauchst Ärzte und Medikamente.« Ich machte seit zwei Tagen immer denselben Einwand, und ich wusste schon, wie ihre Antwort lautete, noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte.«

»Ich habe Ärzte und Medikamente. Nur nicht die gleichen wie hier.«

»Dein Arzt hat gesagt, es gäbe alle möglichen Medikamente, mit denen es dir ganz gut gehen …«

»Die werde ich auch nehmen, wenn ich muss, aber alle AIDS-Erkrankten, mit denen ich geredet habe, haben gesagt, diese Behandlung sei die Allerbeste, um die Krankheit zu stoppen. Selbst mein Arzt ist der Meinung, dass sie mir nicht im Geringsten schaden wird, und wahrscheinlich wird sie mir genauso viel nützen wie konventionelle Medikamente, wenn nicht sogar mehr. Ach, Lorina, ich weiß, du bist nicht einverstanden damit, dass ich weggehe, aber es ist wirklich das Beste so. Ich werde dort glücklich sein – ganz bestimmt. Und nach zwei Monaten darf ich dir dann auch schreiben.«

In meiner Wut, die sich in den letzten Monaten aufgestaut hatte, seit wir herausgefunden hatten, dass dieser Scheißkerl Sandy mit HIV infiziert hatte, wurde ich unfair. »Was soll das für ein Orden sein, der seine Anwärter zwei Monate lang nicht mit Leuten reden lässt! Das ist doch nicht richtig!«

»Für sie ist es richtig, und ich kann verstehen, dass sie von uns erwarten, dass wir uns ohne Ablenkung von außen auf die Heilung konzentrieren.« Wieder schwieg sie. »Lorina?«

»Was ist?«, fuhr ich sie an. Am liebsten hätte ich den Hörer aufgeknallt und wäre in Tränen ausgebrochen.

»Sei glücklich. Und voller Hoffnung. Ich bin es.«

»Es ist einfach nicht richtig«, sagte ich. Ich sank auf meinen Sessel. Meine Wut war verflogen, und ich fühlte mich so schlapp wie ein drei Tage alter Kabeljau. »Wir sollten ihn anzeigen für das, was er getan hat.«

»Die Rache ist mein? Nein, Süße, das kann ich nicht. Aber ich habe ihm geschrieben, was passiert ist.«

»Und wie hat er es aufgenommen?«

Ein paar Sekunden lang schwieg sie, dann gestand sie: »Er sagte … er hat ein paar ziemlich gemeine Dinge gesagt. Er hat mir gedroht, ich solle den Mund halten. Wenn irgendetwas herauskäme, dann … Na ja, ich muss zugeben, es war hässlich, aber weißt du, Lorina, so sind die Leute eben, wenn sie Probleme haben, vor allem, wenn sie wissen, dass sie dabei jemand anderem Schaden zugefügt haben.«

»Ach was! Jetzt hör aber auf! Paul interessiert sich für niemanden außer für sich selbst, und das weißt du auch.«

»Nein, das weiß ich nicht. Eigentlich ist er ein anständiger Mensch … er hat nur die falschen Entscheidungen getroffen und einen Weg eingeschlagen, der vielleicht nicht gerade der klügste ist.«

»Ich habe keine Probleme damit, wenn er sich selber das Leben zur Hölle macht … ich habe nur etwas dagegen, dass er dich mit hineingezogen hat.«

»Wir sind alle für uns selbst verantwortlich«, sagte sie leise. »Ich auch. Ich bin zufrieden mit meinen Entscheidungen und muss darauf vertrauen, dass Paul umkehrt und Hilfe sucht.«

Ich sagte nichts. Es hatte ja doch keinen Zweck. Diesen Streit hatten wir in der Vergangenheit viel zu oft gehabt. »Das war es dann also? Ich verliere die beste Freundin und Zimmergenossin, die ein Mädchen jemals hatte, ohne dass sie sich auch nur einmal umschaut?«

»Das ist nicht fair«, erwiderte Sandy. »Lorina …«

»Ist schon okay«, log ich und rang mir ein Lächeln ab, auch wenn sie es nicht sehen konnte. »Das sind die Hormone. Ich bin gereizt und tue mir selber leid, weil ich meine Freizeit darauf verwenden muss, potentielle Mitbewohnerinnen zu interviewen, und du weißt ja, ich würde mir lieber den Arm mit einem Grapefruitmesser abhacken.«

»Dann mach doch lieber etwas, was dir Spaß macht. Du hast sowieso eine Pause verdient, nachdem du dich die letzten fünf Monate um mich gekümmert hast. In Ägypten gibt es eine Ausgrabung, für die sie Freiwillige suchen.«

»Sandy Fache«, sagte ich streng. »Zu einer archäologischen Ausgrabung zu fahren ist das Letzte, was mir im Moment einfiele.«

»Warum nicht? Du hast mich doch immer beneidet, wenn ich teilgenommen habe. Zumindest hast du das behauptet.«

»Ich würde sagen, die Antwort liegt auf der Hand«, sagte ich bitter.

»Wegen Paul? Phh!« Sie wischte den Einwand vom Tisch. »Er ist nur ein Mann, und diesen Sommer stehen mehrere verschiedene Ausgrabungen zur Wahl. Mom hat mir erzählt, es gäbe sogar eine auf Alices Schloss.«

»Wer ist das denn jetzt schon wieder?«

»Alice, meine Pflegeschwester. Du hast sie ein oder zweimal gesehen, als sie mich im College besucht hat.«

»Ja, ich kann mich vage erinnern. Ist sie nicht direkt danach weggegangen?«

»Ja, kurz darauf. Sie ist etwa ein halbes Jahr jünger als ich, und als sie achtzehn wurde, musste sie nach den Vorgaben des Waisenhauses auf eigenen Beinen stehen. Wir haben zwar über die Jahre Kontakt gehalten, er hat sich allerdings hauptsächlich auf Weihnachtskarten beschränkt. Auf jeden Fall hat sie vor ein paar Monaten einen Baron geheiratet.«

»Wie, einen Baron? Einen Tycoon?«

»Nein, du Dummchen.« Sandy leises Lachen gab mir sofort ein besseres Gefühl. Vielleicht hatte sie tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen und konnte in so einer isolierten Umgebung wieder gesund werden. »Einen echten Baron. Du weißt schon, Adel, Jane Austen und so.«

»Wow, ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt.«

»Doch, und sie ist jetzt tatsächlich eine echte Baroness. Ich habe auf ihrer Facebook-Seite gelesen, dass auf dem Schloss ihres Mannes einen Monat lang eine Dokumentation gedreht wird. Und das bedeutet, dass Alice ins Fernsehen kommt, als Schlossherrin. Wenn ich nicht in dieser blöden Lage wäre, würde ich sofort hinfliegen, so schnell könntest du gar nicht gucken.«

»Wo lebt sie denn?«, fragte ich, obwohl ich eigentlich nicht vorhatte, mich an einer Ausgrabung zu beteiligen, nur weil ich diese Alice irgendwie kannte.

»In einer Kleinstadt in England. Guck mal auf ihre Facebook-Seite – sie hat die Fernsehsendung gerade angekündigt, als ich nachgeguckt habe, aber das ist schon einen Monat her. Jetzt gibt es sicher mehr Informationen über die Ausgrabung und ob du dich als Freiwillige bewerben kannst.«

»Äh.«

»Sei doch nicht so – das ist die perfekte Gelegenheit für dich, Spaß zu haben und aus deiner Wohnung herauszukommen. Du gibst doch diesen Sommer keine Kurse. Wenn ich meiner Mom Bescheid sage, schickt sie Alice bestimmt ein paar Zeilen und bittet sie, dich im Schloss unterzubringen. Du wolltest doch schon immer mit einer echten Baroness zusammenwohnen.«

»Ich denke nicht im Traum daran, mich bei jemandem einzunisten, den ich kaum kenne«, protestierte ich.

»Pah. Alice war immer nett, und du würdest sie bestimmt mögen. Ach du lieber Himmel, gerade wird mein Flug aufgerufen. Süße …«

Panik schnürte mir den Magen zusammen. »Sandy … es gibt noch so viel zu sagen …«

»Ich weiß, aber spar es einfach zwei Monate lang auf. Zwar kommt es einem jetzt wie eine Ewigkeit vor, aber die Zeit wird schnell vergehen.«

»Wenn du irgendwelche Zweifel bekommst, die leisesten Zweifel, dann brauchst du mich nur anzurufen. Ich werde dich aus Nepal herausholen.«

»Das weiß ich doch, du Dumme. Ich konnte mich schon immer darauf verlassen, dass du kühlen Kopf bewahrst und mit beiden Beinen auf der Erde stehst.«

Ich lachte zittrig. »Mit anderen Worten, bedächtig und langweilig.«

»Wohl kaum. Du warst eher der Fels in der Brandung. Hu, ich muss los. Ich liebe dich, Süße.«

»Ich dich auch. Werde glücklich und gesund.«

»Dito. Later, alligator.«

Meine Augen wurden feucht bei dem albernen Abschiedsgruß, den sie von Anfang an benutzt hatte. Nachdem sie aufgelegt hatte, saß ich noch lange da und umklammerte das Telefon.

Schließlich raffte ich mich auf, setzte mich an den Laptop und stellte ein paar Nachforschungen über Sandys Pflegeschwester an.

Aufregende Nachrichten für Fans von Ainslie Castle! Stand auf Alices Facebook-Seite. Auf dem Land um das Schloss wird die archäologische Dokumentation England gräbt sich aus! gedreht.

»Davon habe ich ja noch nie gehört«, murmelte ich.

Die Ausgrabungen werden einen Monat lang täglich übertragen. Sicher wird es aufregende Funde geben. Elliott hofft auf ein römisches Badehaus, während Lady Ainslie sich sicher ist, dass die Ruinen eines Klosters gefunden werden.

»Elliott ist bestimmt der Baron. Aber wer ist dann Lady Ainslie?« Ich wechselte auf die Website des Schlosses und las mir die Beschreibung der Familie Ainslie durch. »Ah. Die Mutter des Barons. Das ist ja komisch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand zu seiner Schwiegermutter ›Lady Ainslie‹ sagt. Ob Alice wohl auch einen Knicks machen muss, wenn sie sie begrüßt?« Ich klickte weiter, um mehr zu lesen.

Was von beiden wird es sein? Guckt euch die Sendung auf Now an. Sie beginnt am ersten September, und dann könnt ihr sehen, was auf Ainslie unter der Erde liegt.«

»Würmer und Kartoffelkäfer«, prophezeite ich. Es stimmte zwar, dass ich auf Sandys alljährliche Sommerreisen zu exotischen Orten, wo sie an archäologischen Ausgrabungen teilnahm, neidisch gewesen war, aber nach ihrer Erfahrung mit Paul legte ich absolut keinen Wert mehr darauf, selbst an einer teilzunehmen.

Die kompletten Termine findet ihr hier. Und wenn ihr euch gerne an den Ausgrabungen beteiligen wollt, ob zum Graben, Aussortieren oder Fundstücke waschen, folgt diesem Link zum Ausgrabungsunternehmen.

Ich blickte auf den Link und zuckte zurück, als ob mich ein Esel in den Bauch getreten hätte. Gute acht Minuten starrte ich darauf. Meine Gedanken überschlugen sich, und mir schnürte sich der Magen zusammen, aber schließlich klickte ich auf den Text.

Mit aufgerissenen Augen betrachtete ich die Website, die erschien.

Claud-Marie-Ausgrabungen stand oben auf der Seite. Paul Thompson, Direktor.

Paul, flüsterte ich. Eine heiße Welle der Wut überflutete mich. Hatte Sandy gewusst, wer die Ausgrabungen leitete? Nein, sicher nicht – sonst hätte sie mir bestimmt nicht vorgeschlagen, mich an den Ausgrabungen zu beteiligen. Und jetzt war Sandys Pflegeschwester genau da, wo auch Paul war. Es kam mir fast wie ein Zeichen vor, als ob das Schicksal mich herausforderte, mich einzumischen.

Ich durchforstete meine Erinnerungen nach Alice. Ich erinnerte mich an sie als überraschend lebhaft und nett, obwohl sie im Waisenhaus aufgewachsen war. Und sie hatte eindeutig Sinn für Humor gehabt.

»Ich muss Paul daran hindern, noch weitere Leben zu zerstören«, sagte ich laut zu meinem Aquarium voller Zebrafische. Sie schossen hin und her, ohne sich für meine Worte zu interessieren, aber mir tat es gut, dass ich mit jemandem reden konnte. »Die Frage ist nur, wie soll ich das anstellen? Abgesehen von Dr. Andersons Meinung, dass ich alles könnte, wenn ich es nur wollte, bin ich nicht gerade eine Superheldin, sondern lediglich eine schlecht bezahlte, friedliebende Französischlehrerin an einem staatlichen College, die eine äußerst schlimme Vorahnung hat, was auf …« Ich schaute auf den Bildschirm. »… Ainslie Castle passieren könnte. Die traurige Wahrheit ist, ich kann Sandy nicht retten, und ich kann einen Schurken nicht davon abhalten, ein Schurke zu sein.«

Oder doch?, fragte eine Stimme in meinem Kopf. Ich runzelte die Stirn, und meine Gedanken gingen neue Wege. Was wäre denn, wenn ich einen Beweis dafür hätte, dass Paul Sandy angesteckt hatte? Einen handfesten Beweis, den er nicht leugnen konnte und der auch vor Gericht standhalten würde?

Eine Idee nahm in meinem Gehirn Gestalt an, und nach ein paar Online-Recherchen erblühte sie zu einem fertigen Plan.

»Es mag ja niederträchtig sein, und es ist unglaublich illegal, aber das spielt keine Rolle«, sagte ich zu meinen Fischen und verbannte alle aufkeimenden Bedenken. »Sandys Glaube an Paul, von dem ich genau weiß, welch ein Arschloch er ist – das geht einfach nicht. Also, ich könnte mich für die Grabungen bewerben, aber ich habe keine Erfahrung, und es bewerben sich sicher viele Leute für diese Jobs, schließlich ist es ja eine Fernsehsendung. Ich brauche etwas Einzigartiges, etwas, das niemand sonst ihnen bieten kann …«

Ich dachte über die Möglichkeiten nach, von Übersetzungen ins Französische bis hin zu Mädchen für alles, aber schließlich entschied ich mich dafür, mich auf das zuverlässige Verlangen der Leute nach öffentlicher Aufmerksamkeit zu verlassen.

Ich öffnete meine E-Mail und trug die Adresse der Produktionsfirma des Senders ein. »Eine Fernsehsendung braucht sicher so viel Presse, wie sie bekommen kann. Ich werde vorschlagen, ein Buch über die Hintergründe der Ausgrabungen und die Sendung zu schreiben, und kann nur beten, dass sie anbeißen. Sonst, Fische, muss ich Gott weiß wie viel Wissen in Archäologie vortäuschen, und das wird kein gutes Ende nehmen. Auch so werde ich ganz schön viel schummeln müssen, aber wenigstens kann ich mit einer Kamera umgehen. Oder? Genau.«

Die Fische sahen nicht gerade überzeugt aus, aber ich hatte viel zu viele Jahre überlebt, in denen mein Vater mir erklärte, ich sei die reine Zeitverschwendung, als dass die Fische meines Vaters mich von meinem Vorhaben hätten abbringen können. »Verdammt, ich bin jetzt eine starke Frau. Ich brauche eure Zustimmung nicht. Außerdem habe ich eine höhere Mission hier – ich muss dafür sorgen, dass ein Mann, dem es völlig egal ist, dass er eine potenziell tödliche Infektion überträgt, nicht noch weitere Leben unschuldiger Frauen zerstört. Gegenüber Sandy hat er die Wahrheit vielleicht verleugnet, aber wenn ich einen unwiderlegbaren Beweis seiner Krankheit bekomme, wird er mich nicht überhören können. Pass auf, Paul Thompson, dein Verderben ist nahe, und sein Name ist Lorina!«

3

»Nun, Lorina, damit haben wir wohl offiziell begonnen.« Daria Hollingberry, eine der Archäologinnen, die ich gerade erst kennengelernt hatte, nickte zu den Leuten herüber, die sich um einen Tontechniker scharten, der ein Mikrofon mit einer Pelzhülle in der Hand hielt. Mit dabei stand die Frau, die mir als Sue Birdwhistle vorgestellt worden war, Regisseurin der Dokumentation England gräbt sich aus!

»Ach ja?« Ich blickte auf meine Armbanduhr. »Du meine Güte, ich habe noch nicht einmal ausgepackt. Na ja, jedenfalls nichts außer der hier.« Ich wies auf die Kamera, die ich dabeihatte, eine von zweien, die mir ein Freund geliehen hatte, nachdem ich ihm versprochen hatte, unter Einsatz meines Lebens auf sie aufzupassen. »Ist denn der Termin nach vorne verschoben worden? Das hat mir niemand gesagt. Ich musste mit dem Zug aus London kommen, und es hat wesentlich länger gedauert, als ich gedacht habe.«

»Nein, nein, sie haben den Termin nicht verschoben – mit der Grabung fangen wir erst heute Nachmittag an. Ich meinte nur, dass es jetzt offiziell angefangen hat, weil Sue gerade ihren ersten Monolog vor der Kamera gehalten hat.« Daria wies mit einem kleinen, dreieckigen Spaten auf die Leute. Dann tippte sie damit leicht gegen meine Kamera. »Auf eine erfolgreiche Ausgrabung!«

»Ah, verstehe.« Ich lächelte nichtssagend. »Arbeiten Sie denn für Claud-Marie, oder sind Sie eine von den unabhängigen Ausgräbern?«

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, wie eine Ausgrabung funktionierte, denn Sandy hatte mir immer viel von ihren Sommeraufenthalten als Freiwillige im Mittleren Osten und Osteuropa erzählt. Ich musste herausfinden, wer mir bei meiner Mission helfen konnte. Freiwillige nützten mir wahrscheinlich nicht viel, aber eine angestellte Archäologin … das war etwas anderes.

»Ja, ich arbeite für CMA. Es ist echt aufregend. Letztes Jahr hatten wir eine Ausgrabung in Tunesien, die wirklich toll war, obwohl sich mein Mann beschwert hat, weil ich ihn mit den zehnjährigen Zwillingen alleine zu Hause gelassen habe, während ich in die Sonne geflogen bin und heiße Affären mit gleich mehreren attraktiven Scheichs hatte.«

Ich wusste nicht recht, was ich dazu sagen sollte, deshalb fragte ich nur: »Ist Ihr Mann denn dieses Mal mitgekommen?«

»Der doch nicht! Er leitet ein Labor – Sie wissen schon, wo man sein Blut und seinen Urin untersuchen lassen kann und so. Er würde sterben, wenn er den ganzen Tag über in unhygienischem Dreck, wie er das nennt, wühlen müsste.« Sie kicherte. »Sie müssen ja denken, er sei ein eifersüchtiger Sauberkeitsfanatiker, aber das stimmt nicht. Er ist eigentlich sehr verständnisvoll, auch wenn er gerne darüber jammert, ich würde mich hier mit unzähligen Männern herumtreiben, die scharf auf mich sind. Aber das kommt leider der Wahrheit nicht mal annähernd nahe. Sehen Sie sich doch um – heute Abend werden wir alle bis an die Knie mit Dreck und Schlamm bedeckt sein, und das Einzige, worauf wir dann noch scharf sind, ist ein heißes Bad. Werden Sie lange hier sein? Ach du liebe Güte, das klang jetzt unhöflich. Ich meinte nur, wie lange es wohl dauert, bis Sie Ihr Buch fertig haben.«

»Ach«, sagte ich und versuchte möglichst kompetent zu wirken, »das ist schwer zu sagen. Es könnte nur ein paar Tage, aber auch ein paar Wochen dauern.«

»Ich bin noch nie einem Fotojournalisten begegnet«, sagte sie mit offenkundigem Interesse. »Es muss aufregend sein! Sie machen ein paar Fotos, und zack, haben Sie ein Buch.«

»Ein bisschen komplizierter ist es schon«, sagte ich so professionell wie möglich, wobei ich versuchte, jedes Fitzelchen an Information, das ich jemals über Journalisten und Fotografie mitbekommen hatte, aus den Tiefen meines Gedächtnisses hervorzukramen. »Wir müssen natürlich zuerst die Fakten und alles checken. Und die Fotos müssen ja auch bearbeitet werden. Das erfordert viel Zeit.«

Sie nickte, und ich atmete auf, weil sie meinen Bluff nicht zu durchschauen schien. »Ja, das ist sicher eine Menge Arbeit. Sie sind wahrscheinlich besonders an römischer Geschichte interessiert? Oder nehmen Sie nur an der Ausgrabung teil, weil Sie … na ja, warum eigentlich?«

»Ja, römische Geschichte interessiert mich schon, aber ich weiß leider nur wenig darüber.« Ich hatte schon im Vorfeld beschlossen, dass es zu gefährlich wäre, mich bei einer Gruppe von Leuten, die so im Thema drin waren, als allzu geschichtsinteressiert auszugeben. »Und die Freundin einer Freundin ist mit dem Schlossbesitzer verheiratet, deshalb lässt sie mich hier herumlaufen und fotografieren.«

»Sie sind eine Freundin der Baroness?« Daria wirkte beeindruckt.

»Ich bin ihr ein paarmal begegnet, aber das ist schon Jahre her. Sie ist eigentlich die Freundin meiner Mitbewohnerin.«

»Warum haben Sie sich denn gerade für so ein Buch entschieden, wenn Sie nicht gerade versessen auf römische Geschichte sind?«

Schuldgefühle breiteten sich in mir aus. »Na ja, ich wollte immer schon mal nach England, und als ich von der Ausgrabung und der Fernsehserie dazu gelesen habe, kam mir plötzlich die Idee zu einem Making-of-Buch. Das hat auch bei anderen Dokumentationen gut funktioniert, und ich dachte, die Leute würden vielleicht gerne erfahren, wie so eine archäologische Ausgrabung vor sich geht.«

Daria blickte mich starr an, sagte aber nichts.

Meine Handflächen wurden feucht. »Kennen Sie die anderen Dokumentationen des Produzenten auch? Es gab zu allen Bücher, und sie waren so erfolgreich, dass er – Roger d’Aspry – sofort einverstanden war, als ich ein Buch zu diesem Projekt vorschlug. Es ist vielleicht ein bisschen unorthodox, die Dreharbeiten einer archäologischen Ausgrabung zu dokumentieren, aber Roger glaubt, dass es die Leute interessieren wird.«

Zu meiner Erleichterung lächelte sie. »Nun, ich finde es beeindruckend, dass Sie ein Buch über uns veröffentlichen wollen – über die Ausgrabung. Ich bin sicher, dass jeder in meiner Familie sich ein Exemplar kaufen wird.«

Mein Schuldgefühl wuchs noch ein bisschen mehr. Wie viele Lügen würde ich ihr denn noch auftischen müssen, bevor ich endlich den Beweis erhielt, den ich brauchte? »Das wäre toll!«

»Wie soll das Buch heißen?«

»Äh … bis jetzt habe ich noch keinen Titel.«

»Wie viele Seiten soll es denn haben? Soll es so ein Coffeetable-Book werden oder eher etwas Kleineres?«

Ich steckte allmählich bis über beide Ohren in der Hölle für Lügner. Das kam eben dabei heraus, wenn man die Unwahrheit erzählte, hielt mir mein Gewissen unbarmherzig vor. Ich wand mich ein wenig und suchte krampfhaft nach einem Ausweg, um das Gespräch zu beenden. »Es tut mir leid, aber dazu kann ich leider noch nichts sagen.«

»Ah, top-secret, was?« Daria nickte wissend. »Ich habe schon gehört, dass Autoren so sind.«

Ich versuchte, selbstbewusst zu lächeln, es gelang mir aber nicht. »Nein, es liegt eher daran, dass ich noch nicht so die zündende Idee hatte.«

»Wir wollen einfach mal auf einen produktiven Monat hoffen, damit ein Buch über uns gerechtfertigt ist.« Daria blickte zu Sue, die sich gerade mit Roger d’Aspry, dem bekannten Produzenten mehrerer britischer Fernseh-Dokumentationen, stritt. »Die beiden haben sich schon wieder in der Wolle. Sie haben sie sicher schon kennengelernt, oder?«

»Sue habe ich erst hier kennengelernt, aber mit Roger habe ich mich vor zwei Tagen in London getroffen. Ich muss gestehen, ich bin ein ziemlicher Fan von ihm. Seine Doku über das Reenactment, bei dem eine Amerikanerin eine viktorianische Herzogin gespielt hat, habe ich geliebt.«

Daria blinzelte nachdenklich. »Oh ja, ich glaube, ich erinnere mich. Es gab irgendeine Kontroverse, oder? Sabotage oder so.«

»Davon weiß ich nichts. Ich fand die Sendung nur cool, und es war natürlich toll, dass die Hauptdarsteller auch im wirklichen Leben zusammenkamen. Ich meine, das ist doch wie im Märchen, oder?«

»Absolut.«

Während ich Sue und Roger beobachtete, dachte ich darüber nach, wie wundervoll es wäre, wenn ich einem Mann begegnen würde, dem ich vertrauen konnte, der seine Macht nicht gegen mich einsetzte, der an meiner Seite wäre, mich unterstützen und lieben würde und dabei noch sexy wie die Sünde wäre. »In meiner Zukunft kommt so etwas mit Sicherheit nicht vor«, sagte ich seufzend.

»Was kommt darin nicht vor? Auseinandersetzungen mit einem herrschsüchtigen Produzenten? Machen Sie sich keine Illusionen – ich habe mit Roger vor zwei Jahren für Anglopalooza zusammengearbeitet. Wir haben versucht, eine angelsächsische Burg ausfindig zu machen, aber die Sache ist kläglich gescheitert, und ich kann Ihnen sagen, dass er der anstrengendste Mann in der gesamten Fernsehbranche ist.«

»Inwiefern anstrengend?«, fragte ich und warf einen besorgten Blick auf den Mann mit den schütteren roten Haaren, der sich immer noch mit der hübschen blonden Sue stritt. »Als ich ihn kennenlernte, war er sehr nett. Allerdings kann das natürlich zum Teil daran gelegen haben, dass ich ihm gesagt habe, wie gut mir seine viktorianische Sendung gefallen hat.«

»Zum Einen macht er sich mehr Gedanken über das, was er als ›gutes Fernsehen‹ bezeichnet, als darüber, dass wir richtig archäologisch arbeiten. Und er macht jeden zur Schnecke, der seinen Zeitplan nicht einhält, ganz gleich, wie oft wir ihm sagen, dass wir dorthin müssen, wo die echten Ausgrabungen stattfinden. Aber am schlimmsten ist, dass jeder unbedingt bei irgendeinem Reenactment mitmachen muss.«

»Was für Reenactment denn?« Ich versuchte, mir den Anschein zu geben, als sei ich nur von einem rein journalistischen Standpunkt daran interessiert, aber in Wahrheit liebte ich solche Dinge und konnte es kaum erwarten, dabei zu sein.

»Alles mögliche, ob man jetzt vierundzwanzig Stunden lang als mittelalterliche Nonne oder Mönch herumläuft bis hin zu Töpfern, Waffen, Kleidung, Essen … egal was, Roger kennt da kein Pardon. Sie sollten aufpassen, denn wenn er erst einmal eine seiner Ideen hat, dann muss jeder mitmachen, der ihm über den Weg läuft. Und damit meine ich jeden. In Anglopalooza mussten sich nicht nur alle aus dem Team, sondern auch sämtliche Zuschauer als Sachsen verkleiden und eine Belagerung nachspielen.«

»Das kann doch so schlimm nicht gewesen sein«, sagte ich. »Sie suchen doch nach römischen Überresten, oder? So schlimm wäre es ja nun nicht, wenn wir uns als Römer verkleiden würden. Sie hatten immer schöne Frisuren und hübschen Schmuck, und ihre Kleidung war auch nicht so übel. Auf jeden Fall schmeichelhaft für diejenigen, die einen bisschen kräftiger gebaut sind als andere.«

»Warten Sie es nur ab«, warnte Daria mich und wies mit dem Kinn auf die Gruppe, die sich gerade auflöste. »Und beten Sie, dass Sie nicht am Ende für die Rolle der Dienerin ausgesucht werden.«

»Iiih.« Ich erinnerte mich an eine Fernsehsendung, die ich in Vorbereitung der Reise vor ein paar Wochen gesehen hatte. »Bei meinem Glück wäre ich bestimmt die Dienerin, die das Vomitorium wischen muss.«

»Unsinn«, sagte Daria und machte eine abfällige Geste. »Vomitoria waren die Zugänge zu großen Plätzen, keine Räume, in denen die Menschen ihr Essen erbrachen, damit sie weiter essen konnten. Da sind Sie einer Legende aufgesessen.«

»Das freut mich«, sagte ich erleichtert. »Hoffentlich weiß Roger das auch.«

»Das ist äußerst unwahrscheinlich. Er fände nichts schöner, als die Leute überall hinkotzen zu lassen. Mit der Korrektheit nimmt er es nicht so genau, solange es nur dramatisch ist.«

Ich ließ meinen Blick über die großen Aufnahmewagen des Senders schweifen, die an der alten Scheune geparkt hatten. Die Mitglieder des Ausgrabungsteams hatten auf einer Wiese, die vom Schloss aus nicht zu sehen war, ein Zeltlager errichtet, in Absprache mit Alice und ihrem adeligen Ehemann. Roger hatte mir erzählt, sie seien besorgt gewesen, dass weniger Touristen das Schloss besuchten, wenn überall Archäologen herumliefen. Anscheinend wurde das Schloss von den Touristen, die es an mehreren Tagen in der Woche besichtigten, zum Teil unterhalten, deshalb mussten sie unbedingt bei Laune gehalten werden.

Neben den zwei Dutzend Zelten, in denen die Ausgrabungsleute und das Fernsehteam in den nächsten Monaten campieren würden, standen fünf Wohnmobile am Rand der Wiese, in denen der Produzent, die Regisseurin und die anderen VIPs wohnen sollten. Eines war in ein Mini-Studio verwandelt worden, ausgestattet mit Satellitenverbindung, Computer und einem riesigen Whiteboard, auf dem der Produzent jeden Tag die Aufnahmetermine festlegte. Alice hatte mir zwar angeboten, im Schloss zu wohnen, aber ich wollte unsere Bekanntschaft nicht ausnutzen und hatte stattdessen Rogers Angebot, in einem der Mitarbeiterzelte zu schlafen, angenommen. Mein Interesse galt jedoch im Moment einem der Wohnmobile.

Ich beschloss, ein bisschen nachzubohren. »Es überrascht mich, dass Paul die Dinge nicht wahrheitsgetreu darstellt. Er ist so ins Detail verliebt.«

»Paul Thompson?« Daria warf mir einen seltsamen Blick von der Seite zu. »Kennen Sie ihn?«

»Ein bisschen«, sagte ich und verzog kokett das Gesicht, was hoffentlich zu weiteren Vertraulichkeiten führen würde.

Sie redete weiter, aber nicht über das, worauf ich gehofft hatte. »Haben Sie ihn jemals bei Ausgrabungen erlebt? Die meisten seiner Fundstücke stammen aus dem Abraum.«

»Äh … was ist das denn?«

»Entschuldigung, Fachausdruck. Abraum bezeichnet die ausgegrabene Halde aus Erde und Steinen. Wir durchsuchen sie auf kleine Keramik- oder Glasscherben, vielleicht sogar Knochen, die wir beim Graben übersehen haben.«

»Ah, verstehe.«

»Na ja, auf jeden Fall kann ich mir für die Firmenleitung niemand Inkompetenteren als Paul vorstellen. Ja, ich bin voreingenommen – ich hätte den Job selbst gerne gehabt, aber der Vorstand hat anders entschieden –, aber im Ernst, wenn Sie richtige Archäologie fotografieren wollen, halten Sie sich von Paul fern.«

Ich schürzte die Lippen. Darias Bemerkung über den Abraum war eine ziemliche Beleidigung – sie unterstellte damit, dass Paul nicht genug darauf achtete, was er ausgrub. »Es ist nie leicht, wenn jemand einem einen Job wegschnappt, aber der Vorstand muss ihn wohl für qualifiziert gehalten haben.«

»Es gibt qualifiziert und qualifiziert«, erwiderte Daria kryptisch. Sie nickte zu der Reihe der Wohnmobile. »Er kann noch so viel angeben und sich für den Gott der archäologischen Welt halten, aber in Wahrheit sind wir Ausgräber diejenigen, die wirklich wissen, was vor sich geht. Nehmen Sie doch zum Beispiel Dennis Smythe-Lowe. Er hatte seit seiner Kindheit seine Hände in der Erde, und er arbeitet schon fast so lange für CMA wie ich, und doch sind wir beide übergangen worden, als es um die Firmenleitung ging. Das ist doch nur Politik, nichts als Politik.«

Na, das war ja mal interessant. Offensichtlich herrschte keine Liebe zwischen Daria und Paul … Ich schaute sie interessiert an. »Ist Dennis der Mann, der wie das Kind von Indiana Jones und einer Hippie-Braut aussieht?«

Daria lachte. »Das ist er. Er ist das Salz der Erde und ein verdammt guter Archäologe. Er darf bloß nicht auf das Thema Steinzeit kommen, sonst redet er den ganzen Tag über die Feinheiten der Feuerstein-Bearbeitung.«

»Wie man sie auf einer Karte aufmalt?«

»Nein, in diesem Fall bedeutet es, an einem Feuerstein so lange herumzuklopfen, bis man eine Spitze hat, die als Werkzeug oder Waffe benutzt werden kann.«

»Ah, verstehe.« Ich kramte eine Information hervor, die ich mir angeeignet hatte, als ich die Reise plante. »Etwas verwirrt mich – Sie haben sich selber als Ausgräberin bezeichnet, aber ich dachte, Ausgräber wären die Studenten und unbezahlten Freiwilligen, die die Basisarbeit machen, nicht die richtigen Archäologen.«

»Na ja, irgendwie trifft beides ein bisschen zu«, sagte sie und nickte. »Im Allgemeinen bezieht sich ›Ausgräber‹ auf die Hilfskräfte, aber manchmal bezeichnen wir Archäologen uns auch selber so.«

»Um zum Fußvolk zu gehören?«, fragte ich.

»Ja, aber auch weil wir nichts anderes machen«, sagte sie und sah sich nach den Fernsehleuten um.

Ich tat es ihr nach, dann sagte ich: »Ich habe einmal eine Fernsehsendung über Leute gesehen, die bei Ausgrabungen vorher etwas in der Erde verstecken. Sie glauben doch nicht, dass Roger …?«

»Nein, so etwas macht Roger nicht.« Daria zuckte mit den Schultern. »Aber eher, weil er nicht auf die Idee kommt. Hey, ist das nicht der Bruder des Barons? Ich habe gehört, er hat sich das Bein gebrochen, als er in der Türkei von einer Klippe gestürzt ist. Wenn er das ist, stelle ich mich freiwillig zur Verfügung, um ihn im Rollstuhl herumzuschieben.«

»Ich dachte, Sie sind verheiratet?«, sagte ich lächelnd und drehte mich ebenfalls in die Richtung um, in die sie schaute.

»Verheiratet, aber nicht tot. Oh verdammt, der ist aber mal zum Anbeißen!«

Der Produzent, Roger d’Aspry, stand bei einem Mann, der auf einem hellblauen Elektroscooter saß. Zuerst konnte ich nicht viel von ihm sehen, aber als ich ein paar Schritte zur Seite trat, verschlug es mir fast die Sprache. »Wow.«

»Na, das freut mich aber, dass ich nicht die Einzige bin, die so reagiert. Ich frage mich, ob er nicht Hilfe beim Baden braucht.«

Nur mit Mühe riss ich mich vom Anblick des Mannes auf dem Scooter los, um Daria einen strengen Blick zuzuwerfen.

Sie kicherte und stieß mich mit dem Ellbogen an. »Sie würden ihm doch bestimmt auch gern beim Baden helfen, wenn er Sie darum bäte, oder?«

Ich blickte wieder zu dem Mann, der in diesem Moment gerade sein Bein in einem rosafarbenem Gips mit Klettverschlüssen herumschwang, um aufstehen zu können. Er überragte Roger, was bedeutete, dass er mindestens eins neunzig war. Seine glatten, dunkelbraunen Haare fielen auf beeindruckend breite Schultern. Seine Haut hatte die Farbe von Milchkaffee, und obwohl er im Profil zu mir stand, sah ich sein leicht eckiges Kinn. Dazu kam eine natürliche Anmut, die noch nicht einmal der Gehgips zerstören konnte – wirklich ein beeindruckender Anblick. Aber ich war nicht hier, um mir einen Mann zu angeln, rief ich mir ins Gedächtnis. Ich hatte einen wichtigen Job zu erledigen, und nichts würde mich davon abbringen.

»Ich weiß nicht, ob ich ihn gerne baden möchte«, sagte ich betont lässig, obwohl mir die unanständigsten Gedanken durch den Kopf gingen, »aber ich würde ihn bestimmt nicht von der Bettkante schubsen. Was macht er denn eigentlich hier?«, fragte ich neugierig. »Will er sich nur vergewissern, dass niemand Schaden anrichtet?«

»Nein, überhaupt nicht – er hat einen Abschluss in Archäologie, hat aber anscheinend nie als Archäologe gearbeitet. Er will uns unterstützen, so gut er kann, jedenfalls hat Sue das gesagt. Ehrlich gesagt ist es mir auch ziemlich egal, warum er so daran interessiert ist zu helfen. Ich bin nur froh, dass er es tut.«

In ihrer Stimme lag mit einem Mal etwas Verschlagenes, aber ich beschloss, es zu ignorieren. Schließlich ging es mich nichts an, was Daria privat machte.

Außerdem war dieser Mann völlig außerhalb meiner Liga, und das war auch gut so, was mich betraf. Männer, die so aussahen wie er, hatten für gewöhnlich ein riesiges Ego und die Frauen liefen ihnen scharenweise hinterher. Große, ungelenke Frauen wie ich bemerkten solche Männer vermutlich nicht einmal; wobei ich auch darauf verzichten konnte, von einem gutaussehenden Egomanen bemerkt zu werden. »Ich sollte jetzt wohl mal meine restlichen Sachen auspacken gehen. Ich bin vorhin sofort hierher gestürmt, weil ich so aufgeregt war. Oh, apropos aufgeregt – man hat mir gesagt, ich solle heute Nachmittag an der Personalsitzung teilnehmen. Wissen Sie genau, wann sie ist?«

»Nach dem Mittagessen.« Daria hatte Roger und den Bruder des Barons nicht aus den Augen gelassen. Die beiden gingen langsam auf die Reihe der Wohnmobile zu. »Ich glaube, ich gehe jetzt mal zu Roger, um ihm hallo zu sagen und ihn daran zu erinnern, dass ich schon einmal mit ihm gearbeitet habe.«

»Raffiniert!«, rief ich hinter ihr her. Ich grinste, als sie statt einer Antwort die Daumen hob.

4

Ich lächelte noch, als ich das Zelt erreichte, das mir zugewiesen worden war. Die zeitweiligen Behausungen der Archäologie-Leute waren Standard-Campingausrüstung – orange-weiße Kuppelzelte mit kleinen Fenstern und einer Reißverschlussöffnung mit Innenklappe zum Schutz der Privatsphäre –, während das Fernsehteam in schicken Wohnmobilen untergebracht war, auf denen der Name des Senders stand.

Ich packte gerade die geliehene Fotoausrüstung aus, wobei ich krampfhaft versuchte, mich daran zu erinnern, welches Objektiv auf welche Kamera gehörte, als aus dem Zelt nebenan unverkennbar Streitgeräusche drangen.

Ich spähte aus der Tür, um einen Blick auf das Zelt neben mir zu werfen. Es wackelte und beulte sich auf beängstigende Weise aus. Im Gegensatz zu meinem Zelt wirkte es wie ein orange-weißes Nilpferd, mit dem Hinterteil in der Luft und dem vorderen Ende im Wasser. Schlimmer jedoch waren die Geräusche, die herausdrangen.

»Gran, nein, das ist nicht hilfreich! Du ziehst mir an den Haaren!« Das klang nach der Stimme einer sehr jungen Amerikanerin.

»Na ja, wie wäre es denn damit?«, antwortete die wesentlich würdevollere, offensichtlich britische Stimme einer älteren Frau.

Eine Seite des Zelts beulte sich nach draußen aus.

»Aua! Nein! Mist, jetzt ist das andere Ende wieder lose!«

Man hörte ein metallisches Knacken, und ganz sanft, wie ein riesiger, orange-weißer Schmetterling, der auf einer Blume landet, schwebte das hintere Ende des Zeltes zu Boden. Darunter wurden zwei sich windende Gestalten sichtbar.

Ich stellte mich vor das zusammengebrochene Zelt und fragte zögernd: »Hallo? Hi! Ich bin Lorina, Ihre Nachbarin. Ihr Zelt scheint zusammengebrochen zu sein. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«

Die Gestalten erstarrten einen Moment lang.

»Oh hi, Lorina. Ich bin Cressy. Cressida eigentlich, aber alle nennen mich Cressy. Und Gran und mir geht es gut. Es geht uns gut, aber das Zelt ist völlig daneben.«

»Vielleicht könnte die Dame den Reißverschluss an der Tür aufziehen, damit wir herauskönnen?«, erklang eine sanfte Stimme.

»Das würde ich gerne tun, Mrs … äh … Cressys Gran, aber ich kann leider nirgendwo einen Reißverschluss sehen.« Ich hob eine Bahn des schlaffen Zelts an. »Sind Sie sicher, dass Sie ihn zugemacht haben?«

»Grans Name ist Salma Raintree, und ja, wir sind sicher. Wir haben ihn extra ausprobiert, um zu sehen, wie viel Licht bei geschlossener Tür hereinfällt. Aber dann bin ich gestolpert und gegen die Zeltseite gefallen und habe eines dieser Dinger kaputtgemacht, die den gebogenen Teil festhalten. Ich wollte es reparieren, und Gran hat versucht, mir dabei zu helfen, aber als wir den Stab wieder zusammengesteckt haben, sind meine Haare drin steckengeblieben, und dann habe ich einen Krampf im Bein gekriegt und konnte es nicht mehr gerade machen, und Gran sagte, ich solle auf und ab gehen, damit der Krampf aufhörte, aber meine Haare haben ja immer noch im Stab gesteckt, deshalb konnte ich das nicht. Und dann musste ich Pipi, und Gran meinte, wir sollten den Stab einfach aus der kleinen Tasche ziehen, in der er sitzt, und dann ist alles schiefgegangen.«

»Mehr brauchst du nicht mehr zu erklären«, unterbrach ich Cressida. Ich musste lachen, obwohl ihre Stimme so verzweifelt klang. Ich suchte weiter nach der Eingangsklappe. »Sie ist bestimmt nach innen gezogen worden. Steckst du immer noch an der Stange fest?«

»Nicht mehr«, kam Cressys traurige Antwort.

Es dauerte zwar fünf Minuten, aber schließlich befreite ich Cressy und Salma aus den Überresten ihres Gefängnisses. Cressy hatte ein hochrotes Gesicht vor Anstrengung, ihr T-Shirt war zerknittert und ihre Shorts faltig und schmutzig. Sie war mindestens fünf Zentimeter größer als ich, musste also über eins achtzig sein. Ihre glatten braunen Haare, die ihr offen bis zum Po reichen mussten, hatte sie sich zu einem lockeren Pferdeschwanz zurückgebunden. Trotz des Schlamassels mit dem Zelt grinste sie mich fröhlich an und streckte ihre Hand aus. »Hi, noch mal.«

»Hallo«, sagte ich. Ich schüttelte ihr die Hand und warf dann einen entsetzten Blick auf meine Hand.

»Oh, Entschuldigung, ich hätte Sie warnen müssen. Ich habe ganz klebrige Hände.« Sie hob ihre schwarz verschmierten Hände hoch. »Ich hatte einen Schokoriegel in der Hosentasche, den ich vergessen hatte, und er ist geschmolzen. Die Schokolade ist mir übers nackte Bein gelaufen, aber ich habe sie abgeleckt. Sie wissen nicht zufällig, wo hier das Badezimmer ist, oder?«

Ich enthielt mich eines Kommentars über das fragwürdige Vorgehen, sich die Schokolade vom eigenen Bein zu lecken, und beschränkte mich darauf, auf die Scheune zu weisen, wo die Produktionsgesellschaft nicht nur eine ganze Reihe von Dixi-Klos aufgestellt hatte, sondern auch Behelfsduschen für die Ausgräber.

»Es war wirklich nicht ihre Schuld«, sagte Salma und klopfte sich den Staub aus den Kleidern. Gemeinsam blickten wir Cressy nach, die auf die Scheune zu galoppierte, wie es nur langbeinige, eins achtzig große Teenager können. »Cressida hat es gut gemeint, aber zurzeit ist sie in dieser ungelenken Phase, wo ihr Kopf noch nicht ganz mit ihren Gliedmaßen zurechtkommt.«

»Ja, die Phase habe ich auch durchgemacht«, sagte ich und verzog ein bisschen das Gesicht. »Ich bin ständig die Treppe heruntergefallen oder über meine eigenen großen Füße gestolpert. Zum Glück habe ich mit dem Wachsen aufgehört, als ich aufs College kam.«

»Cressida ist erst siebzehn, es wird also noch ein paar Jahre dauern, bevor Geist und Körper übereinstimmen.« Salma blickte stirnrunzelnd auf das Zelt. »Ich traue dieser Konstruktion nicht.«

Wir betrachteten beide die Überreste. Salma war die Miss-Marple-Version einer Engländerin – Anfang sechzig, perfekt frisierte weiße Haare und sanfte blaue Augen, umgeben von einem Strahlenkranz aus feinen Fältchen, die für Charakter sprachen. Trotz der Sache mit dem Zelt wirkte sie sehr adrett.

»Das Zelt sieht wirklich so aus, als sei es hinüber«, sagte ich. »Aber vielleicht kann man es ja reparieren.«

Sie seufzte. »Ich fürchte fast, das wird man können.«

Ich warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Vielleicht können Sie ja woanders übernachten, wenn es Ihnen im Zelt zu hart vorkommt …«

»Oh nein, nein«, unterbrach sie mich sanft. »Mir würde nicht im Traum einfallen, jemanden zu belästigen. Wirklich, ich freue mich nur darauf, Zeit mit Cressida zu verbringen. Meine Tochter erlaubt ihr viel zu selten, dieses Land zu besuchen.«

»Ist Cressida denn ein Fan von Archäologie?«, fragte ich, erstaunt darüber, dass eine Großmutter einen Monat lang das harte Campingleben auf sich nahm, nur um ihrem Enkelkind nahe zu sein.

»Nein, eigentlich nicht. Ihr Vater allerdings. Sie ist hier bei ihm zu Besuch, und ich bin dabei, um ein Auge auf Cressy zu haben und bei ihr zu sein. Außerdem war mein Mann Historiker, deshalb habe ich eine Schwäche für alles, was mit Geschichte zusammenhängt.«

»Aber das ist wirklich Hingabe, wenn Sie bereit sind, einen Monat lang in einem Zelt zu wohnen«, sagte ich und wies mit dem Kinn auf den zusammengesunkenen Zelthaufen.

Sie seufzte. »Ja. Ich muss zugeben, dass ich diesen Unfall nicht vorausgesehen habe. Ich frage mich wirklich, wie stabil diese Konstruktion ist, jetzt, wo sie …«

»Hinüber ist?«, fragte ich.

»Beschädigt«, korrigierte sie mich mit ihrem Miss-Marple-Lächeln. Ich hatte auf einmal das Gefühl, mit ihr zusammen Tee zu trinken und Shortbread-Kekse zu essen.

Ich rief mir ins Gedächtnis, dass es nicht mein Problem war, ihr Zelt zu reparieren. Ich hatte genug am Hals, auch ohne dass ich mir Sorgen darüber machte, ob das Zelt über einer netten älteren Dame einstürzte.

Deshalb überraschte es mich auch, als ich mich plötzlich sagen hörte: »Wenn Sie wollen, können wir die Zelte tauschen. Ich habe als Kind viel gezeltet, und ich bin daran gewöhnt, dass Zelte manchmal ihren eigenen Kopf haben. Es gibt keinen Grund, warum Sie nicht in einem stabilen Zelt wohnen sollten.«

»Das ist sehr lieb von Ihnen, aber ich kann Sie unmöglich in solche Schwierigkeiten bringen.«

»Was für Schwierigkeiten?« Cressy kam breit grinsend auf uns zu galoppiert. »Ihr redet über mich, oder? Ich bin wirklich schwierig.«