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Die heldenhaftesten Helden der Scheibenwelt sind zurück. Gevatter Tod, die Hexen und die Nachtwache zählen zu den bekanntesten Bewohnern der Scheibenwelt. In diesem Dreifachband versammelt, werden sie nicht nur Fans begeistern, sondern auch solche, die zum ersten Mal einen Fuß auf die flachste aller Welten setzen: In »Gevatter Tod« will der Tod endlich wohlverdienten Urlaub nehmen. Doch sein Vertreter richtet allerlei Chaos an. In »MacBest« müssen Oma Wetterwachs und ihre hexenden Kolleginnen dem wahren Erben auf den Thron helfen. Und in »Wachen! Wachen!« verteidigt die tapfere Nachtwache ihre Stadt gegen einen goldgierigen Drachen. Wenn das mal gut geht ... »Der Stoff, aus dem Kultromane gewoben sind.« Publishers Weekly
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst
© Terry und Lyn Pratchett 1987, 1988 und 1989
Titel der englischen Originalausgaben: »Mort«, 1987, »Wyrd Sisters«, 1988 und »Guards! Guards!«, 1989 bei Victor Gollancz Ltd. London
in Zusammenarbeit mit Collin Smythe Ltd.
© Piper Verlag GmbH, München 2004 und 2005
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München
Umschlagabbildung: Katarzyna Oleska
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Cover & Impressum
Gevatter Tod
Widmung
Dies ist das von …
Mort starrte verwirrt …
Binky gewann an Höhe …
»Bist du sicher?«, …
MacBest
Motto
Wind heulte. …
Schloss Lancre erzitterte …
Wie eine große zornige Fledermaus …
Oma Wetterwachs starrte verärgert …
Wachen! Wachen!
Widmung
Hierher verschwanden die Drachen …
Der Patrizier befand sich …
Hierher verschwanden die Drachen …
Der Drache glitt träge …
Für Rhianna
Dies ist das von flackerndem Kerzenschein erhellte Zimmer mit den Lebensuhren – zahllose Regale, gefüllt mit kleinen Sanduhren, eine für jeden Lebenden. Der Sand darin rinnt von der Zukunft in die Vergangenheit, und das leise Zischen der einzelnen Körner vereint sich zu lautem Tosen.
Dort ist der Herr des Zimmers; er schreitet durch den Raum und wirkt recht nachdenklich. Sein Name lautet Tod.
Natürlich ist er nicht irgendein Tod, sondern ein ganz besonderer. Sein spezieller Wirkungskreis ist, nun, kein Kreis, sondern die flache, runde Scheibenwelt. Sie ruht auf den Rücken von vier riesigen Elefanten, die wiederum auf der gewaltigen Sternenschildkröte Groß-A’Tuin stehen, und von ihrem Rand ergießt sich ein ewiger Wasserfall in die Unendlichkeit des Alls.
Wissenschaftler haben errechnet, dass die tatsächliche Existenzchance für etwas derart Absurdes ungefähr eins zu einer Million beträgt.
Zauberer hingegen wissen aus Erfahrung, wie oft Unmögliches und Verrücktes zur täglichen Norm werden können.
Tod klickt auf knöchernen Zehen über die schwarzweißen Fliesen und murmelt unter seiner Kapuze, während Skelettfinger über die Regale mit den Lebensuhren tasten.
Schließlich nickt er zufrieden, greift vorsichtig nach einem der gläsernen Behälter und trägt ihn zur nächsten Kerze. Er hält ihn ins Licht und beobachtet aufmerksam das winzige Objekt in seinem Innern.
Der Blick leerer, glühender Augenhöhlen gilt der Weltschildkröte, die durch die Tiefen des Alls wandert, ihr Panzer von Kometen und Meteoriten zerkratzt. Tod weiß: Eines Tages wird selbst Groß-A’Tuin sterben. Welche Herausforderung!
Schließlich betrachtet er das blaugrüne Schimmern der Scheibenwelt, die sich langsam unter ihrer winzigen Satellitensonne dreht.
Das Licht des Tages gleitet zu der langen Gebirgskette, die man Spitzhornberge nennt. In jenem Massiv gibt es viele tiefe Täler, steile Grate und, allgemein gesprochen, zu viel Geografie. Es hat sein eigenes, ganz spezielles Wetter, das zum größten Teil aus Schrapnellregen, Peitschenwind und einer gehörigen Portion Blitz und Donner besteht. Manche Leute behaupten, es liege daran, dass die Spitzhornberge Heimat alter, ungebändigter Magie sind. Na ja, die Leute reden eben viel …
Tod zwinkert, hält nach Einzelheiten Ausschau und sieht ein weites Grasland an den drehwärtigen Hängen der Berge.
Jetzt sieht er einen besonderen Hügel.
Jetzt sieht er ein Feld.
Jetzt sieht er einen laufenden Jungen.
Jetzt beobachtet er.
Seine Stimme klingt wie bleierne Tafeln, die auf rauen Granit herabfallen, als er sagt: JA.
Zweifellos verbarg sich etwas Magisches in dem hügeligen Gelände, und dadurch bekam es eine besondere Farbe, weshalb man die Region oktarines Grasland nannte. Es war einer der wenigen Orte auf der ganzen Scheibenwelt, die das Wachstum reannueller Pflanzen ermöglichten.
Solche Pflanzen wachsen rückwärts in der Zeit. Man bringt die Saat in diesem Jahr aus und erntet in der Vergangenheit.
Morts Familie war darauf spezialisiert, Wein aus reannuellen Trauben herzustellen. Die erlesenen Produkte ihrer Arbeit genossen gerade bei Wahrsagern einen ausgezeichneten Ruf, denn sie versetzten Hellseher und ähnliche Zeitgenossen in die Lage, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Es gab dabei nur ein Problem: Man bekam zuerst den Katzenjammer und musste anschließend eine Menge trinken, um ihn loszuwerden.
Die meisten reannuellen Bauern waren groß und kräftig gebaut, und außerdem neigten sie dazu, sich selbst aufmerksam zu beobachten und ständig den Kalender im Auge zu behalten. Wer vergisst, gewöhnliche Saat auszubringen, verliert nur die Ernte. Doch wer es versäumt, Getreide zu säen, das bereits vor zwölf Monaten geerntet wurde, bringt das ganze Gefüge der Kausalität durcheinander und muss damit rechnen, in die eine oder andere peinliche Situation zu geraten.
Die Peinlichkeiten beschränkten sich nicht nur darauf: Mort, jüngster Sohn der Familie, besaß die erstaunliche Gabe, immer wieder für Verlegenheit zu sorgen. Er begegnete den Erfordernissen des Gartenbaus nicht annähernd mit dem nötigen Ernst und zeigte dabei ein Geschick, das sich kaum von dem eines toten Seesterns unterschied. Oh, er ging seinen Verwandten durchaus zur Hand, aber mit jener Art von vager, fröhlicher Hilfsbereitschaft, die ernsthafte Männer schon sehr bald fürchteten, weil sie etwas Ansteckendes und Fatales darin sahen. Mort war groß, hatte rotes Haar und Sommersprossen. Sein Körper schien nur teilweise der Kontrolle des Gehirns zu unterliegen und erweckte den Eindruck, einzig und allein aus Knien zu bestehen.
An diesem besonderen Tag lief Mort über den Hang, winkte und rief unaufhörlich.
Sein Vater und Onkel standen an der Mauer und beobachteten den Jungen verzagt.
»Es ist mir ein Rätsel, dass die Vögel nicht einmal fortfliegen«, sagte Vater Lezek. »Ich würde mich aus dem Staub machen, wenn eine solche Gestalt auf mich zuliefe.«
»Oh, ein wahres Wunder. Der menschliche Körper, meine ich. Sieh dir nur seine Beine an. Man erwartet ständig, dass sie einknicken; stattdessen ist er ziemlich flink damit.«
Mort erreichte das Ende der Ackerfurche. Eine dicke Ringeltaube watschelte gleichgültig beiseite.
»Wenigstens hat er das Herz am richtigen Platz«, sagte Lezek vorsichtig.
»Oh, was man vom Rest allerdings nicht behaupten kann.«
»Er hält das Haus sauber«, fügte Lezek hinzu. »Und er isst nicht viel.«
»O ja, das sehe ich.«
Lezek musterte seinen Bruder, der zum Himmel emporstarrte.
»Wie ich hörte, ist auf deiner Farm eine Stelle frei, Hamesh«, sagte er.
»Oh. Ich habe inzwischen einen Lehrling eingestellt. Glaube ich.«
»Oh«, machte Lezek düster. »Wann denn?«
»Gestern«, log sein Bruder sofort und errötete nicht einmal. »Ein Vertrag mit Unterschrift und Siegel. Tut mir leid. Weißt du, ich habe nichts gegen deinen Sohn. Ein netter Junge – wenn man ihn besser kennt. Es ist nur …«
»Ich weiß, ich weiß«, brummte Lezek. »Er hat zwei linke Hände.«
»Zwei linke Knie«, sagte Hamesh.
Sie beobachteten die Gestalt in der Ferne. Mort war gerade gefallen, und einige Tauben wankten neugierig näher.
»Er ist keineswegs dumm, nein, das bestimmt nicht«, fuhr Hamesh fort. »Ich meine, wirkliche Dummheit sieht anders aus. Glaube ich.«
»Er hat ein Gehirn im Kopf«, räumte Lezek ein. »Manchmal denkt er so angestrengt nach, dass man ihm eine Ohrfeige geben muss, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Oma hat ihm das Lesen beigebracht. Ich fürchte, die Belastung war zu groß für ihn.«
Mort stand auf, stolperte über den Saum seines Umhangs und fiel erneut.
»Du solltest ihn ein Gewerbe erlernen lassen«, schlug Hamesh vor. »Das Priestertum. Oder vielleicht die Zauberei. Zauberer lesen viel.«
Die beiden Brüder wechselten einen besorgten Blick und stellten sich vor, was Mort anrichten mochte, wenn er magische Bücher in die ungeschickten Hände bekam.
»Es gibt noch andere Berufe«, fügte Hamesh hastig hinzu. »Bestimmt kann sich Mort irgendwo und irgendwie nützlich machen. Glaube ich.«
»Sein Problem besteht darin, dass er zu viel denkt«, sagte Lezek. »Sieh ihn dir nur an. Normale Jungen überlegen nicht, wie man Vögel erschreckt. Man verscheucht sie einfach, und damit hat es sich. Aber Mort braucht für alles Erklärungen. Das bringt ihn in Schwierigkeiten. Ihn und seine Umwelt.«
Hamesh rieb sich das Kinn und überlegte.
»Vielleicht kann sich jemand anderer um dieses Problem kümmern«, sagte er.
Lezeks Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber in seinen Augen blitzte es kurz.
»Worauf willst du hinaus?«, fragte er.
»Nächste Woche findet in Schafrücken der Gewerbemarkt statt. Schick ihn als Lehrling dorthin. Sein neuer Herr nimmt ihn unter die Fittiche und sorgt dafür, dass er pariert, dass er sich anständig benimmt.«
Lezek starrte über den Acker. Mort betrachtete gerade einen Stein.
»Oh, ich möchte nicht, dass ihm etwas zustößt«, erwiderte er skeptisch. »Seine Mutter und ich … Wir mögen ihn recht gern. Ich meine, man gewöhnt sich an ihn.«
»Es wäre nur zu seinem eigenen Besten. Jemand soll einen Mann aus ihm machen.«
»O ja«, sagte Lezek und seufzte. »Rohmaterial gibt’s sicher genug.«
Mort fand Interesse an dem Stein. Er enthielt kleine, verschnörkelte Schalen, die aus den Anfangstagen der Welt stammten. Niemand wusste, warum der Schöpfer damals solchen Wert darauf gelegt hatte, steinerne Wesen entstehen zu lassen.
Mort interessierte sich für viele Dinge, zum Beispiel dafür, weshalb die menschlichen Zähne so gut zusammenpassten. Er hatte lange über diese Frage nachgedacht. Auch darüber, aus welchen unerfindlichen Gründen die Sonne ausgerechnet am Tag über den Himmel kroch, obgleich ihr Licht während der Nacht weitaus nützlicher gewesen wäre. Er kannte die üblichen Erklärungen, aber sie befriedigten seine Neugier nicht.
Mit anderen Worten: Mort gehörte zu den Leuten, die gefährlicher sind als ein Sack voller Klapperschlangen. Er war entschlossen, über die elementare Logik des Universums Aufschluss zu gewinnen.
Was enorm schwierig sein musste, weil es überhaupt keine gab. Der Schöpfer hatte einige bemerkenswert gute Ideen, als er die Scheibenwelt formte, doch Verständlichkeit stand nicht auf der Liste seiner Optionen.
Tragische Helden stöhnen immer, wenn die Götter ihre Aufmerksamkeit auf sie richten. Doch wirklich arm dran sind diejenigen, die von den Göttern nicht beachtet werden.
Mort hörte die wie üblich verärgert klingende Stimme seines Vaters. Er warf den Stein nach einer Taube, die gleichgültig träge auswich, seufzte und kehrte über den Acker zurück.
Einige Tage später machten sich Vater und Sohn auf den Weg: Am Silvesterabend verließen sie die Berge und reisten nach Schafrücken. Ein verdrießlich und mürrisch wirkender Esel trug den Sack, der Morts geringe Habe enthielt. Das Dorf bestand eigentlich nur aus einem kopfsteingepflasterten Platz, auf vier Seiten von Läden und Geschäften gesäumt, die alle notwendigen Dienstleistungen einer landwirtschaftlichen Gemeinschaft anboten.
Nach fünf Minuten kam Mort aus der Stube des Schneiders und trug ein weites, braunes und undefinierbares Kleidungsstück, von dem sich der frühere Besitzer aus gutem Grund getrennt hatte. Es schien für einen neunzehnbeinigen Elefanten bestimmt zu sein und bot daher genug Platz, um hineinzuwachsen.
Lezek musterte seinen Sohn kritisch.
»Sehr hübsch, wenn man den Preis bedenkt«, behauptete er kühn.
»Es kratzt«, sagte Mort. »Und ich glaube, ich bin hier drin nicht allein.«
»Tausende von Jungen im ganzen Land wären überglücklich, ein so herrlich warmes« – Lezek suchte nach den richtigen Worten – »Gewand ihr Eigen nennen zu können.«
»Kann ich es einem von ihnen überlassen?«, fragte Mort hoffnungsvoll.
»Du musst würdevoll aussehen«, sagte Lezek streng. »Du musst einen guten Eindruck machen, aus der Menge ragen.«
Letzteres fiel ihm bestimmt nicht sehr schwer. Vater und Sohn bahnten sich einen Weg durch das Gedränge auf dem Platz, und jeder von ihnen lauschte den eigenen Gedanken. Für gewöhnlich fand Mort großen Gefallen daran, den Ort zu besuchen. Er mochte die kosmopolitische, internationale Atmosphäre in Schafrücken und hörte gern die fremdartigen Dialekte von Leuten, die aus fünf oder sogar zehn Meilen entfernten Dörfern stammten. Diesmal aber entstand Unbehagen in ihm, und er hatte das ebenso seltsame wie unangenehme Gefühl, sich an etwas zu erinnern, das erst noch geschehen musste.
Der Gewerbemarkt schien auf folgende Weise zu funktionieren: Die nach Arbeit suchenden Männer warteten auf der Mitte des Platzes und bildeten eine lange Reihe. Die meisten von ihnen hatten Zeichen an den Hüten befestigt, um dem Rest der Welt ihren Beruf mitzuteilen: Schäfer trugen Wollstreifen, Fuhrleute ein Büschel aus Pferdehaar, Innenausstatter kleine Fetzen interessanter Sackleinentapeten. Und so weiter und so fort.
Wer sich einen Ausbildungsvertrag erhoffte, stand auf der mittwärtigen Seite des Platzes.
»Gesell dich einfach zu den anderen!«, sagte Lezek und fügte unsicher hinzu: »Dann kommt jemand und bietet dir eine Lehrlingsstelle an. Wenn du einen guten Eindruck machst. Wenn du den Leuten gefällst. Wenn …« Er war plötzlich ziemlich sicher, dass er mit seinem Sohn nach Hause zurückkehren musste.
»Und wenn jemand an mich herantritt?«, fragte Mort. »Was passiert dann?«
»Nun …«, begann Lezek und brach ab. Über diesen Punkt hatte Hamesh geschwiegen. Er besann sich auf sein beschränktes Wissen über Märkte, das vor allen Dingen den Verkauf von Vieh betraf. »Ich nehme an, man zählt deine Zähne und so. Wahrscheinlich wollen sich die Interessenten vergewissern, dass du nicht niest und deine Füße in Ordnung sind. An deiner Stelle würde ich nicht darauf hinweisen, dass du lesen kannst. Damit könntest du eventuelle Lehrmeister beunruhigen.«
»Und dann?«
»Dann begleitest du deinen neuen Herrn und lernst ein Gewerbe«, sagte Lezek.
»Was für eins?«
»Nun … Das Zimmerhandwerk ist nicht übel«, erwiderte Lezek vorsichtig. »Oder die Diebeskunst. Sie gilt durchaus als ehrenhaft. Glaube ich jedenfalls. Ich meine, es muss Leute geben, die stehlen. Sonst wäre das Leben viel zu langweilig.«
Mort starrte zu Boden. Er war ein pflichtbewusster Sohn, wenn er sich an die Tugend des Gehorsams erinnerte, was nicht allzu häufig geschah. Wenn Vater und Schicksal von ihm erwarteten, eine Ausbildung zu beginnen, wollte er wenigstens ein guter Lehrling sein. Das Zimmerhandwerk erschien ihm allerdings wenig geeignet – Holz konnte ziemlich stur sein und neigte dazu, ein beharrliches Eigenleben zu entwickeln. Außerdem splitterte es leicht. Und was die Kunst des Klauens, Stehlens und Entwendens betraf: Die meisten Bewohner der Spitzhornberge waren so arm, dass sie sich keinen offiziellen Dieb leisten konnten.
»Na schön«, sagte Mort schließlich. »Ich versuch’s. Aber was machen wir, wenn mich niemand will?«
Lezek kratzte sich am Kopf.
»Keine Ahnung«, entgegnete er. »Ich schlage vor, wir warten bis zum Ende des Marktes. Bis heute Abend. Besser noch: bis um Mitternacht.«
Und Mitternacht rückte rasch näher.
Raureif bildete eine dünne glitzernde Schicht auf dem Kopfsteinpflaster. Oben im dekorativen Uhrturm öffneten sich kleine Klappen, und winzige Gestalten aus verwittertem Holz und rostigem Eisen krochen hervor, als Ketten rasselten, Zahnräder knirschten und der Gong ertönte.
Noch fünfzehn Minuten. Mort fröstelte, und tief in ihm brannte ein Feuer aus Scham und verzweifelter Hartnäckigkeit, heißer als die Flammen der Hölle. Er blies in die hohlen Hände, um sich irgendwie zu beschäftigen, blickte zum kalten Himmel hoch und versuchte die Blicke der wenigen Nachzügler zu übersehen.
Die meisten Budenbesitzer hatten bereits ihre Sachen gepackt und den Platz verlassen. Selbst der dicke Mann mit den warmen Pasteten pries seine Waren nicht mehr an und biss herzhaft in einen mit Hackfleisch gefüllten Teig, ungeachtet der Gefahren, die er damit für seine Gesundheit heraufbeschwor.
Die letzten jungen Männer waren schon vor Stunden mit den erhofften Lehrverträgen in der Tasche gegangen. Zurück blieb Mort, ein glubschäugiger Bursche mit krummem Rücken und laufender Nase. Der einzige konzessionierte Bettler in Schafrücken glaubte, eine gewisse natürliche Begabung in ihm zu erkennen. Dem Jungen, der links von Mort gewartet hatte, stand eine Ausbildung zum Spielzeugmacher bevor, und die anderen wurden bald zu Steinmetzen, Hufschmieden, Meuchelmördern, Krämern, Böttchern, Betrügern und Pflügern. In einigen Minuten begann das neue Jahr, und hundert Lehrlinge freuten sich auf ihren neuen Beruf, konnten zufrieden in die Zukunft sehen.
Mort fragte sich niedergeschlagen, warum ihm niemand ein Angebot unterbreitete. Den ganzen Abend über hatte er versucht, möglichst würdevoll auszusehen. Er hatte interessierten Ausbildungsherren fest in die Augen geblickt, um sie mit seinem exzellenten Wesen zu beeindrucken und auf außerordentlich positive Charaktereigenschaften hinzuweisen. Doch aus irgendeinem Grund erzielte er nicht die erhoffte Wirkung.
»Möchtest du eine warme Fleischpastete?«, fragte sein Vater.
»Nein.«
»Der Mann verkauft sie recht billig.«
»Nein, danke.«
»Oh.«
Lezek zögerte.
»Ich könnte ihn fragen, ob er einen Lehrling braucht«, schlug er vor. »Ein seriöses Gewerbe, die Gastronomie.«
»Ich glaube, er benötigt keine Hilfe«, sagte Mort.
»Ja, wahrscheinlich hast du recht«, antwortete Lezek. »Eine Art Ein-Mann-Betrieb, nehme ich an. Außerdem geht er gerade heim. Was hältst du davon, wenn wir uns meine Pastete teilen?«
»Ich habe überhaupt keinen Hunger, Paps.«
»Das Fleisch enthält nur wenige Knorpel. Fast gar keine.«
»Nein. Trotzdem vielen Dank.«
»Oh.« Lezek seufzte, stampfte mit den Füßen, um die Kälte zu vertreiben, und pfiff leise vor sich hin. Er wollte irgendetwas sagen, seinem Sohn Mut zusprechen, ihm einen Rat geben, darauf hinweisen, das Leben sei ein dauerndes Auf und Ab. Er wollte den Arm um Morts Schultern legen, ihm die Probleme des Erwachsenwerdens erläutern, ihm mit einigen knappen Worten erklären, in der Welt gehe es meistens recht komisch zu, und man dürfe, bildlich gesprochen, nie zu stolz sein, eine wenigstens einigermaßen genießbare Fleischpastete anzunehmen.
Stattdessen schwieg er und dachte voller Grauen daran, was aus seinem Bauernhof werden sollte, wenn Mort den Anbau reannueller Pflanzen lernen musste.
Inzwischen waren sie allein. Auf den Kopfsteinen wuchs der Raureif, der letzte dieses Jahres.
Hoch oben im Turm machte ein Zahnrad laut und deutlich Knirsch und löste einen Hebel aus, der wiederum einen Sperrbolzen beiseiteschob und ein Bleigewicht herabfallen ließ. Ein geradezu beängstigend klingendes Rasseln erklang, gefolgt von einem metallenen Schnaufen und Keuchen. Die kleinen Klappen öffneten sich, und erneut krochen die Uhr-Zwerge unter dem großen Zifferblatt hervor. Mit steifer mechanischer Fröhlichkeit, als litten sie an robotischer Arthritis, schwangen sie ihre Hämmer, und das laute Hallen des Gongs kündigte ein neues Jahr an.
»Das wär’s«, sagte Lezek hoffnungsvoll. Sie mussten nun eine Unterkunft finden: Niemand, der noch alle seine Sinne beisammen hatte, kraxelte während der Neujahrsnacht in den Spitzhornbergen herum. Irgendein warmer Stall …
»Erst beim letzten Schlag ist es Mitternacht«, stellte Mort sachlich fest.
Lezek hob die Schultern und beugte sich dem Starrsinn seines Sohnes.
»Meinetwegen«, brummte er. »Warten wir noch einige Sekunden.«
Er hatte die Worte gerade ausgesprochen, als er das Klippklapp von Hufen hörte, und es hallte weitaus lauter über den Platz, als normale Akustik erlauben sollte. Eigentlich wurde der Ausdruck Klippklapp dem unheilvollen Pochen überhaupt nicht gerecht. Gewöhnliches Klippklapp deutete auf ein lebhaftes kleines Pony hin, das vielleicht einen Strohhut trug, mit zwei Löchern für die Ohren. Dieses Klippklapp hingegen ließ keinen Zweifel daran, dass niemand mit irgendwelchen Strohhüten rechnen durfte.
Das Pferd erreichte den Platz von der mittwärtigen Straße her. Dampf wallte von den schweißfeuchten weißen Flanken, und Funken stoben vom Kopfsteinpflaster unter den Hufen. Es bewegte sich mit der anmutigen stolzen Eleganz eines edlen Rosses, und es trug keinen Strohhut.
Die hochgewachsene Gestalt auf seinem Rücken war in einen dunklen Umhang gehüllt. Als das Pferd die Mitte des Platzes erreicht hatte, stieg der Reiter langsam ab und tastete nach einem Gegenstand hinter dem Sattel. Schließlich fand er – oder sie – einen Futtersack, streifte den Riemen über die Ohren des Rosses und klopfte ihm freundlich auf den Hals.
Die Luft gewann plötzlich eine schmierige, ölige Qualität, und die Schatten vor Mort wurden dichter, verwandelten sich in Regenbogen, deren Farben auf Dunkelblau und Violett beschränkt blieben. Der Reiter schritt mit wehendem Mantel auf ihn zu, und seine – ihre? – Füße klickten und klackten auf dem Pflaster. Abgesehen davon ertönte nicht das geringste Geräusch. Eine sonderbare gespenstische Stille glitt heran, als die Akustik floh und sich irgendwo verbarg.
Dünnes glattes Eis ruinierte den höchst dramatischen Effekt.
VERDAMMTER MIST!
Es war keine Stimme im eigentlichen Sinn. An den Worten gab es nichts auszusetzen, aber sie erklangen in Morts Kopf, ohne sich mit einem Umweg durch die Ohren aufzuhalten.
Er lief los, um der ausgerutschten Gestalt auf die Beine zu helfen, ergriff eine Hand, die nur aus blanken Knochen bestand, so glatt und vergilbt wie eine alte Billardkugel. Die Kapuze fiel zurück, und darunter kam ein nackter Schädel zum Vorschein. Der Blick leerer Augenhöhlen richtete sich auf den Jungen.
Ganz leer waren sie nicht. Sie ähnelten Fenstern, die einen Ausblick in die Weiten des Alls gestatteten, und tief in ihnen glühten zwei kleine blaue Sterne.
Mort dachte daran, dass er entsetzt sein sollte, und deshalb überraschte ihn die unerklärliche Ruhe in seinem Innern. Vor ihm saß ein Skelett, rieb sich die Knie und brummte leise, aber es war ein lebendes Skelett, das zwar beeindruckend wirkte, ihm jedoch (so seltsam das auch sein mochte) keine Angst machte.
DANKE, JUNGE, sagte der Totenkopf. WIE HEISST DU?
»Äh«, erwiderte Mort, »Mortimer – Herr. Man nennt mich Mort.«
WELCH INTERESSANTER ZUFALL! sprach der Knochenmann. MORT. DER NAME HAT EINEN ANGEMESSENEN GRABESKLANG. BITTE HILF MIR HOCH.
Die Gestalt stand ungelenk auf und strich mit einer fahrigen Geste den Umhang glatt. Mort sah einen breiten Gürtel an der Taille des Skeletts, und daran hing ein Schwert mit weißem Heft.
»Ich hoffe, du bist nicht verletzt, Herr«, sagte er höflich.
Der Totenschädel grinste – in dieser Hinsicht blieb ihm kaum eine Wahl.
MACH DIR KEINE SORGEN UM MICH. Erst jetzt schien der Knochenmann Lezek zu bemerken, der wie erstarrt stand. Der Blick – fast – leerer Augenhöhlen richtete sich auf ihn, und Mort hielt eine Erklärung für angebracht.
»Mein Vater«, sagte er und versuchte, möglichst unauffällig vor den Reglosen zu treten. »Entschuldige bitte, Herr … Bist du der Tod?«
IN DER TAT. DU HAST EINE AUSGEZEICHNETE BEOBACHTUNGSGABE, JUNGE.
Mort schluckte.
»Mein Vater ist ein gutherziger Mann«, sagte er. Nach einigen nachdenklichen Sekunden fügte er hinzu: »Meistens jedenfalls. Wenn’s dir nichts ausmacht … Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du ihn verschonen könntest. Äh, ich weiß nicht, was du mit ihm angestellt hast, aber vielleicht bist du so nett, damit aufzuhören. Womit ich dir keineswegs zu nahe treten möchte, Herr.«
Tod wich einen Schritt zurück und neigte den Kopf zur Seite.
ICH HABE FÜR UNS BEIDE NUR DIE ZEIT ANGEHALTEN, sagte er. DEIN VATER WIRD NICHTS SEHEN ODER HÖREN, DAS IHN VERWIRRT. NEIN, JUNGE, ICH BIN DEINETWEGEN GEKOMMEN.
»Meinetwegen?«
DU MÖCHTEST DOCH EINE ANSTELLUNG, ODER?
Allmählich ging Mort ein Licht auf. »Du suchst einen Lehrling?«, fragte er.
Die Augenhöhlen wandten sich ihm zu, und die aktinischen Punkte darin funkelten.
SELBSTVERSTÄNDLICH.
Tod winkte mit einer knöchernen Hand. Violettes Licht glühte, gefolgt von einer Art sichtbarem Plopp, und Lezek zuckte zusammen. Die Zeit erwachte aus ihrem Betäubungsschlaf, woraufhin die Uhr-Zwerge unter dem Zifferblatt erneut ihre Hämmer schwangen. Sie hatten sich nicht verzählt: Nach dem zwölften Gong kehrten sie gehorsam zurück, und hinter ihnen schlossen sich die kleinen Klappen.
Lezek blinzelte.
»Seltsam«, sagte er. »Eben habe ich dich gar nicht gesehen. Muss mit meinen Gedanken ganz woanders gewesen sein.«
ICH HABE DEINEM SOHN ANGEBOTEN, IN MEINE DIENSTE ZU TRETEN, verkündete Tod. ICH NEHME AN, DU BIST DAMIT EINVERSTANDEN, ODER?
»Äh, worin besteht deine Tätigkeit?«, fragte Lezek. Er wirkte überhaupt nicht überrascht, sprach so mit dem Skelett, als sei das die normalste Sache der Welt.
ICH GELEITE SEELEN INS JENSEITS, erwiderte Tod.
»Oh«, machte Lezek. »Natürlich. Entschuldige! Eine dumme Frage. Dein Aussehen, ich meine, deine Kleidung ist ein deutlicher Hinweis. Eine notwendige Arbeit, da bin ich ganz sicher. Wahrscheinlich mangelt es dir nicht an Aufträgen. Schon lange im Geschäft?«
SEIT EINER GANZEN WEILE, JA, bestätigte Tod.
»Gut. Ausgezeichnet. Bisher habe ich nicht daran gedacht, dass ein solcher Job für Mort infrage kommen könnte, aber es ist zweifellos ein sehr ehrenvoller Beruf, der Zuverlässigkeit und Ernst erfordert. Genau richtig für meinen Sohn. Äh, wie lautet dein Name?«
TOD.
»Paps …«, begann Mort.
»Klingt nicht vertraut für meine Ohren«, sagte Lezek: »Kommst du weit herum?«
MEIN TÄTIGKEITSBEREICH ERSTRECKT SICH VON DEN DUNKELSTEN TIEFEN DES MEERES BIS ZU JENEN HÖHEN, DIE NICHT EINMAL EIN ADLER ERREICHEN KANN, erwiderte Tod.
»Ich schätze, das ist weit genug.« Lezek nickte. »Nun, ich …«
»Paps …«, drängte Mort und zupfte am Ärmel seines Vaters.
Tod legte dem Jungen die Hand auf die Schulter.
WAS ER HÖRT UND SIEHT, UNTERSCHEIDET SICH VON DEINEN WAHRNEHMUNGEN, erklärte er. SEI UNBESORGT, IHM WIRD NICHTS GESCHEHEN. ICH MÖCHTE IHM NUR MEINEN ANBLICK ERSPAREN. ODER GLAUBST DU, ER SÄHE MICH GERN SO, WIE ICH WIRKLICH BIN – IN FLEISCH UND BLUT, SOZUSAGEN?
»Aber du bist der Tod«, platzte es aus Mort heraus. »Du streifst umher und … tötest!«
ICH TÖTE?, fragte Tod beleidigt. DA IRRST DU DICH. DIE LEUTE KOMMEN VON GANZ ALLEIN UMS LEBEN. ICH KÜMMERE MICH NUR UM IHRE SEELEN, DAS IST ALLES. ES WÄRE SCHLIESSLICH EINE ZIEMLICH VERRÜCKTE WELT, WENN MENSCHEN DAS ZEITLICHE SEGNEN, OHNE ZU STERBEN, MEINST DU NICHT AUCH?
»Nun …«, sagte Mort skeptisch.
Er hatte noch nie das Wort ›fasziniert‹ gehört – es gehörte nicht zum üblichen Vokabular der Familie. Dennoch beschrieb es seine Reaktion ziemlich genau. Ein Teil seines bisher verkannten Selbst wurde neugierig und entwickelt ein Interesse, das mit dem Zögern rang und schon nach wenigen Sekunden triumphierte. Wenn er diese einmalige Chance verstreichen ließ, so glaubte er, würde er das für den Rest seines Lebens bedauern. Er dachte an die Demütigungen des vergangenen Abends, an den langen Weg nach Hause …
»Muss ich sterben, um den Job zu bekommen, oder?«, fragte er.
DEIN TOD IST KEINESWEGS OBLIGATORISCH, sagte Tod.
»Und die Knochen …«
DU KANNST HAUT UND HAAR BEHALTEN, WENN DU UNBEDINGT WILLST.
Verständliche Erleichterung durchströmte Mort, und er ließ den angehaltenen Atem entweichen.
»Wenn mein Vater nichts dagegen hat …«, sagte er.
Sie sahen Lezek an, der sich nachdenklich das Kinn rieb.
»Was hältst du davon, Mort?«, fragte er mit der Nervosität eines Fieberopfers. »Vermutlich würden sich viele Leute einen anderen Beruf wünschen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht unbedingt so etwas vorgestellt habe. Aber angeblich hat das Bestattungsgewerbe durchaus seine Vorzüge. Die Wahl liegt bei dir, Sohn.«
»Bestattungsgewerbe?«, wiederholte Mort. Tod nickte und hob in einer verschwörerischen Geste den Zeigefinger zum Mund.
»Es ist … interessant«, sagte Mort langsam. »Ich glaube, ich sollte es versuchen.«
»Äh, wo gehst du deinen Geschäften nach?«, fragte Lezek und erinnerte sich vage daran, schon eine ähnliche Frage gestellt zu haben. »Ist jener Ort weit entfernt?«
NUR EINE SCHATTENBREITE, antwortete Tod. ICH WAR ZUR STELLE, ALS DIE ERSTE PRIMITIVE ZELLE ENTSTAND. ICH BIN DORT, WO MENSCHEN WEILEN. UND ICH WERDE AUCH ZUGEGEN SEIN, WENN DAS LETZTE LEBEN DEN VERBLASSENDEN GLANZ GEFRIERENDER STERNE BEKLAGT.
»Oh«, brummte Lezek, »offenbar bist du ziemlich beschäftigt.« Er runzelte verwirrt die Stirn, wie jemand, der angestrengt versucht, sich etwas Wichtiges ins Gedächtnis zurückzurufen. Schließlich gab er es auf.
Tod klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sah dann Mort an.
HAST DU IRGENDWELCHE SACHEN DABEI?
»Ja«, sagte Mort sofort. Dann fiel ihm etwas ein. »Oh, ich glaube, sie sind noch im Laden. Paps, wir haben meinen Sack beim Schneider vergessen.«
»Bestimmt hat er sein Geschäft längst geschlossen«, erwiderte Lezek. »In der Neujahrsnacht wird gefeiert und nicht verkauft. Dir bleibt wohl nichts anderes übrig, als bis übermorgen zu warten. Äh, bis morgen. Heute ist schon ja morgen. Ich meine …«
ES SPIELT KEINE ROLLE, JUNGE, behauptete Tod. WIR BRECHEN SOFORT AUF. BESTIMMT HABE ICH HIER BALD ZU TUN, UND DANN KÖNNEN WIR DEINE HABSELIGKEITEN ABHOLEN.
»Besuch uns, sobald du Gelegenheit dazu findest«, sagte Lezek. Es schien ihm eine gewisse Mühe zu bereiten, seine Gedanken zu ordnen.
»Ich bin mir nicht sicher, ob das ein gute Idee ist«, wandte Mort ein.
»Tja, nun, äh, auf Wiedersehen, Junge«, stammelte Lezek. »Sei fügsam und fleißig, klar? Und … Entschuldige bitte, Herr, hast du einen Sohn?«
Tod musterte ihn verwundert.
NEIN, sagte er. NEIN, ICH HABE KEINE SÖHNE.
»Nun, ich würde gern noch einige letzte Worte an Mort richten, wenn es dir recht ist.«
ICH KÜMMERE MICH INZWISCHEN UMS PFERD, verkündete Tod und zeigte damit weitaus mehr Taktgefühl als sonst.
Lezek legte Mort den Arm um die Schultern, was angesichts des Größenunterschieds nicht unbeträchtliche Akrobatik erforderte, und führte ihn fort.
»Weißt du, was mir dein Onkel Hamesh über das Lehrgewerbe verraten hat?«, flüsterte er.
»Nein.«
»Er gab mir einen wichtigen Hinweis«, vertraute der alte Mann seinem Sohn an. »Er meinte, der Lehrling trete häufig die Nachfolge seines Ausbilders an. Wie gefällt dir diese Aussicht?«
Mort dachte an Knochen, an leere Augenhöhlen, in denen kleine blaue Sterne leuchteten. »Äh, ich weiß nicht so recht …«
»Du solltest gründlich darüber nachdenken«, riet Lezek.
»Ich denke darüber nach, Vater.«
»Viele junge Burschen haben auf diese Weise angefangen, meint Hamesh. Sie machen sich nützlich, gewinnen das Vertrauen ihres Herrn und … Nun, wenn Töchter im Haus sind … Hat, äh, hat er irgendwelche Töchter erwähnt?«
»Er wer?«, fragte Mort.
»Du weißt schon. Der Mann, in dessen Dienste du trittst.«
»Ach, er. Nein. Nein, ich glaube nicht«, sagte Mort langsam. »Vermutlich gehört er nicht zu den Leuten, die Wert auf Ehe und Familie legen.«
»Viele junge Männer verdanken ihren beruflichen Aufstieg gut überlegten Trauungsscheremonien«, sagte Lezek.
»Tatsächlich?«
»Hörst du mir überhaupt zu, Mort?«
»Was?«
Lezek blieb auf dem vereisten Pflaster stehen, griff nach den Schultern des Jungen und drehte ihn zu sich herum.
»So geht das nicht weiter, Sohn«, sagte er. »Reiß dich endlich zusammen! Wenn du es in dieser Welt zu etwas bringen willst, musst du zunächst einmal lernen, richtig zuzuhören. Verstehst du? Hör wenigstens auf mich, deinen Vater.«
Mort sah in das Gesicht seines Vaters. Er wollte ihm viele Dinge sagen: wie sehr er an ihm hing, welche Sorgen er sich machte. Er wollte ihn fragen, was er eben gesehen und gehört zu haben glaubte. Er wollte ihm sagen, dass er das Gefühl hatte, auf einen Maulwurfshügel getreten zu sein und unmittelbar darauf feststellen musste, dass es sich in Wirklichkeit um einen kleinen Vulkan handelte. Er wollte ihn fragen, was er sich unter Trauungsscheremonien vorstellen sollte.
Stattdessen seufzte er. »Ja. Danke für deinen Rat. Äh, ich muss jetzt los. Wenn ich Zeit finde, schreibe ich dir einen Brief.«
»Irgendwann kommt bestimmt jemand vorbei, der ihn uns vorlesen kann«, erwiderte Lezek. »Auf Wiedersehen, Mort.« Er schniefte leise.
»Auf Wiedersehen, Paps«, sagte der Junge. »Ich besuche euch mal.«
Tod hüstelte diskret – es klang, als breche ein von Termiten zerfressener Balken.
WIR MÜSSEN UNS BEEILEN, sagte er. STEIG AUF!
Mort nahm hinter dem reichverzierten, mit silbernen Beschlägen geschmückten Sattel Platz, und Tod beugte sich herab, um Lezek die Hand zu schütteln.
DANKE, sagte er.
»Im Grunde seines Wesens ist er ein guter Junge«, behauptete Lezek. »Obgleich er manchmal mit offenen Augen träumt. Na ja, ich schätze, wir alle waren einmal jung.«
Tod dachte darüber nach.
NEIN, sagte er schließlich. DAS GLAUBE ICH NICHT.
Er nahm die Zügel, und das Pferd tänzelte herum, wandte sich der randwärtigen Straße zu. Mort drehte den Kopf und winkte verzweifelt.
Lezek erwiderte den Abschiedsgruß. Als das Pferd und die beiden Reiter nicht mehr zu sehen waren, ließ er die Hand sinken und betrachtete sie verwirrt. Die Finger des fremden Mannes … Sie hatten sich irgendwie seltsam angefühlt. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, warum ihm die Berührung so seltsam erschienen war.
Mort hörte, wie die Hufe des prächtigen Rosses über die Kopfsteine klapperten. Es folgte ein dumpferes Pochen, als feste Erde auf das Pflaster folgte, und dann herrschte plötzlich Stille.
Er senkte den Kopf und beobachtete die Landschaft, die sich im perlmuttenen Mondschein unter ihm ausbreitete. Wenn er jetzt fiel, prallte er nur auf leere Luft.
Die Hände schlossen sich fester um den Sattel.
HAST DU HUNGER, JUNGE?, fragte Tod nach einer Weile.
»Ja, Herr.« Die Worte stammten direkt aus dem Magen, bemühten gar nicht erst das Gehirn.
Tod nickte und zügelte das Pferd. Es verharrte mitten in der Leere, und tief unten glitzerte das runde Panorama der Scheibenwelt. Hier und dort verriet sich eine Stadt durch orangefarbenes Glühen, und vom warmen Meer in der Nähe des Randes ging ein vages phosphoreszierendes Schimmern aus. In einigen tiefen Tälern verdunstete langsames, gefangenes Licht zu silbrigem Dampf.[1]
Doch ein anderes Gleißen überstrahlte alles: Es stieg vom Rand auf, wuchs erhaben den Sternen entgegen. Goldene Mauern umgaben die Welt.
»Wunderschön«, murmelte Mort ergriffen. »Was ist das?«
DIE SONNE BEFINDET SICH DERZEIT UNTER DER SCHEIBENWELT, erklärte Tod.
»Wiederholt sich das in jeder Nacht?«
JA, bestätigte Tod. SO IST DIE NATUR EBEN.
»Wieso erfahre ich erst jetzt davon?«
WEIL SONST NIEMAND ETWAS AHNT. NUR WIR BEIDE WISSEN BESCHEID. UND DIE GÖTTER. SIEHT NETT AUS, NICHT WAHR?
»Ich bin platt!«
Tod beugte sich vor und sah in die Tiefe, beobachtete die Welt der Sterblichen.
ICH WEISS NICHT, WIE’S MIT DIR STEHT, sagte er, ABER ICH KÖNNTE JETZT EIN ORDENTLICHES CURRYGERICHT VERTRAGEN.
Es war bereits eine ganze Weile nach Mitternacht, doch in der Zwillingsstadt Ankh-Morpork herrschte noch immer rege Betriebsamkeit. Mort hatte Schafrücken für eine hektische Metropole gehalten, aber im Vergleich zu dem Durcheinander um ihn herum ging es in dem Dorf so geruhsam zu wie auf einem Friedhof.
Immer wieder haben Dichter versucht, Ankh-Morpork zu beschreiben. Nicht einem einzigen von ihnen ist es gelungen. Vielleicht liegt es an der mitreißenden Vitalität der Stadt, oder daran, dass sie mit einer Million Einwohner und ohne einen einzigen Abwasserkanal das eher sensible Gemüt der Poesie zu sehr belastet. Drücken wir es folgendermaßen aus: Ankh-Morpork ist so voller Leben wie ein alter Käse an einem heißen Sommertag, so laut wie Flüche in einer Kirche, so sauber wie ein Schornstein, der seit mindestens einem Jahrhundert nicht mehr gereinigt wurde, so kunterbunt wie ein dicker Bluterguss und so voller quirliger, geschäftiger und nervöser Aktivität wie ein Hundekadaver auf einem Haufen fleischfressender Ameisen.
Überall gab es Tempel, deren Tore weit offen standen. Aus dem halbdunklen Innern der Gebäude drangen Gongschläge, das Rasseln von Becken und, bei besonders konservativen fundamentalistischen Religionen, die kurzen Schreie von Opfern. Hier und dort sah Mort Läden, deren sonderbare Waren bis auf die Straße reichten. Er bemerkte viele lächelnde junge Damen, die sich nur wenig Kleidung leisten konnten. Er bewunderte Jongleure, Feuerspeier und andere Leute, die sofortige Transzendenz versprachen.
Tod schritt ungerührt durch das Chaos. Mort hatte aus irgendeinem Grund damit gerechnet, dass der Knochenmann die Menge wie Rauch durchdrang, aber er wurde enttäuscht. Die schlichte Wahrheit lautete: Wo auch immer sich Tod befand, die Leute wichen ihm aus.
Auf Mort traf das nicht zu. Im allgemeinen Gedränge bildete sich eine Gasse für seinen Lehrmeister, aber hinter ihm schloss sie sich so schnell, dass Mort in Schwierigkeiten geriet. Anders ausgedrückt: Man trat ihm auf die Füße; man stieß ihm Ellenbogen in die Rippen; man versuchte, ihm seltsam riechende Gewürze und sonderbar geformtes Gemüse zu verkaufen; und eine bereits recht betagte Dame behauptete mit kühner Verwegenheit, er sähe wie ein gut situierter junger Mann aus, der bestimmt nichts dagegen hätte, sich ein wenig zu vergnügen.
Mort dankte ihr freundlich und meinte ungeachtet aller Zweifel, er amüsiere sich bereits prächtig.
Tod erreichte die Straßenecke und schnupperte. In der Nähe bewiesen einige Feuerspeier ihre Künste, und das Licht der flackernden Flammen spiegelte sich auf dem glatten Schädel des Knochenmanns wider. Ein Betrunkener taumelte heran, wankte aus keinem ersichtlichen Grund beiseite, runzelte verwirrt die Stirn und setzte dann seinen komplizierten Zickzack-Kurs fort.
DIES IST EINE WAHRE STADT, JUNGE, sagte Tod. WAS HÄLTST DU DAVON?
»Sie scheint recht groß zu sein«, erwiderte Mort unsicher. »Warum gefällt den Menschen eine derartige Enge? Ich meine, hier geht’s zu wie in einem Bienenstock.«
Tod hob die beinernen Schultern.
ICH FÜHLE MICH HIER WOHL, sagte er. ANKH-MORPORK IST VOLLER LEBEN.
»Herr?«
JA?
»Was ist ein Currygericht?«
Das blaue Glühen in den leeren Augenhöhlen strahlte heller.
HAST DU JEMALS IN EINEN FÜNFHUNDERT GRAD HEISSEN EISWÜRFEL GEBISSEN?
»Nein, Herr«, antwortete Mort.
CURRY SCHMECKT SO ÄHNLICH.
»Herr?«
JA?
Mort schluckte. »Entschuldige bitte, Herr, aber mein Vater hat mir gesagt, dass ich fragen soll, wenn ich etwas nicht verstehe.«
EIN BEGRÜSSENSWERTER RAT, stellte Tod fest. Er ging durch eine Seitengasse, und erneut teilte sich die Menge vor ihm, als bestünde sie aus entgegengesetzt geladenen Partikeln.
»Herr, mir ist da etwas aufgefallen, äh, man muss sich doch den Tatsachen stellen, nicht wahr, und die besonderen Umstände, ich meine …«
HERAUS DAMIT, JUNGE.
»Wie kannst du überhaupt Speisen zu dir zu nehmen?«
Tod blieb so plötzlich stehen, dass Mort gegen ihn stieß. Als der Lehrling zu sprechen begann, brachte ihn der Knochenmann mit einer brüsken Geste zum Schweigen. Er schien zu lauschen.
WEISST DU, JUNGE, MANCHMAL KANN ICH ZIEMLICH BÖSE WERDEN, sagte Tod mehr zu sich selbst.
Er wirbelte um die eigene Achse und eilte mit langen Schritten und wehendem Kapuzenmantel davon. Die Gasse wand sich an dunklen Mauern und stillen schiefen Häusern entlang, war eigentlich kein Durchgang, sondern eher eine schmale Lücke zwischen den Gebäuden.
Tod blieb an einer alten wackligen Regentonne stehen, streckte den Arm hinein und holte einen kleinen, ziegelsteinbeschwerten Sack hervor. Mit der anderen Hand zog er das Schwert – im Halbdunkel tanzten blaue Funken über die Klinge – und durchtrennte den Strick.
JA, MANCHMAL WERDE ICH RICHTIG WÜTEND, sagte er, öffnete den Beutel und drehte ihn um. Mort beobachtete, wie ein kleines Pelzbündel herausrutschte und auf den Boden fiel. Tod berührte es wie zärtlich mit weißen Fingern.
Nach einigen Sekunden lösten sich graue Rauchfäden von den ertrunkenen Tieren und bildeten drei katzenförmige Wolken. Sie blähten sich auf und erzitterten ein wenig, als seien sie nicht ganz sicher, welche Gestalt sie annehmen sollten. Verwirrte Augen blinzelten und sahen Mort an. Als er versuchte, eins der Katzenphantome zu berühren, stieß er auf keinen Widerstand, spürte nur ein leichtes Prickeln.
IN MEINEM JOB ERLEBT MAN DIE LEUTE NICHT GERADE IN IHRER BESTFORM, erklärte Tod. Er hauchte eins der Tiere an, und die winzige Wolke wehte fort. Ein leises klagendes Miauen ertönte, wie aus weiter Ferne und durch ein langes Blechrohr.
»Es sind Seelen, nicht wahr?«, fragte Mort. »Wie sehen Menschen aus?«
DAS KOMMT GANZ DARAUF AN, erwiderte Tod. ES HÄNGT VON DEN INDIVIDUELLEN MORPHOGENETISCHEN FELDERN AB.
Das Skelett seufzte – Mort verglich das Geräusch mit dem leisen Knistern eines Leichentuchs –, fing die Wolkenkätzchen behutsam ein und verstaute sie irgendwo in seiner schwarzen Robe. Dann richtete er sich auf.
UND JETZT …, sagte er. ICH GLAUBE, ICH HABE DICH SCHON AUF DIE VORZÜGE VON CURRY HINGEWIESEN.
Im Curry-Garten an der Ecke Gottesstraße und Blutgasse waren fast alle Tische besetzt, und die Gäste stammten ausschließlich aus der Creme der Gesellschaft. Zumindest handelte es sich um Leute, die ganz oben schwammen und daher die Bezeichnung ›Creme‹ verdienten. Überall standen Duftbüsche, deren Knospen und Blüten es fast gelang, die allgemeinen Aromen der Stadt zu überlagern, einen Geruch, der dem nasalen Äquivalent eines Nebelhorns gleichkam.
Mort aß mit heißhungrigem Appetit, bezähmte seine Neugier und beobachtete nicht, was Tod mit den Speisen anstellte. Zuerst war der Teller vor ihm gefüllt, und einige Minuten später glänzte er leer, ein deutlicher Hinweis darauf, dass in der Zwischenzeit etwas geschehen sein musste. Mort begann zu ahnen, dass solche Dinge nicht den üblichen Gewohnheiten Tods entsprachen. Vermutlich ging es ihm nur um das Wohlbefinden seines Lehrlings. Er verhielt sich wie ein in die Jahre gekommener Junggesellenonkel, der mit seinem Neffen Urlaub macht und ständig befürchtet, sich falsch zu verhalten und in ein erzieherisches Fettnäpfchen zu treten.
Die anderen Gäste des Lokals schenkten ihnen kaum Beachtung, übersahen Tod selbst dann, als er sich zurücklehnte und eine hübsch verzierte Pfeife anzündete. Unter gewöhnlichen Umständen fällt es niemandem besonders leicht, unbeeindruckt zu bleiben, wenn Rauch aus leeren Augenhöhlen quillt, doch alle Anwesenden brachten es mühelos fertig.
»Ist es Magie?«, fragte Mort.
WAS GLAUBST DU, JUNGE?, erwiderte Tod. BIN ICH WIRKLICH HIER?
»Ja«, sagte Mort langsam. »Ich … ich habe die Leute beobachtet. Sie sehen dich an, aber sie erkennen dich nicht. Glaube ich jedenfalls. Du beeinflusst sie irgendwie.«
Tod schüttelte den Kopf.
SIE SCHAFFEN ES VON GANZ ALLEIN, entgegnete er. MAGIE SPIELT DABEI KEINE ROLLE. DIE LEUTE SEHEN MICH NICHT, WEIL SIE MICH NICHT SEHEN WOLLEN. BIS IHRE ZEIT ABGELAUFEN IST. ZAUBERER ERKENNEN MICH AUF DEN ERSTEN BLICK, EBENSO KATZEN. ABER FÜR DEN DURCHSCHNITTLICHEN MENSCHEN BLEIBE ICH UNSICHTBAR. Er blies einen Rauchring an die Decke. SELTSAM, NICHT WAHR?
Mort drehte den Kopf. Der Ring aus blauem Rauch schwebte unter dem Vordach hervor und trieb in Richtung Fluss.
»Ich sehe dich«, sagte er.
DAS IST ETWAS ANDERES.
Der klatschianische Kellner kam und legte die Rechnung vor Tod auf den Tisch. Der Mann war untersetzt und braunhaarig, und seine Frisur erinnerte an eine auseinandergeplatzte Kokosnuss. Verwirrungsfalten bildeten tiefe Täler in dem runden Gesicht, als ihm Tod freundlich zunickte. Der Kellner schüttelte den Kopf wie jemand, der sich von Seife in den Ohren zu befreien versucht, seufzte und ging fort.
Tod griff unter seinen Umhang und holte einen großen Lederbeutel mit Kupfermünzen hervor. Die meisten von ihnen trugen eine blaugrüne Patina hohen Alters. Er beäugte die Rechnung skeptisch und legte zehn kleine Metallscheiben auf den Tisch.
KOMM, sagte er und stand auf. WIR MÜSSEN LOS. Mort folgte hastig, als Tod den Curry-Garten verließ und auf die Straße trat. Dort herrschte noch immer rege Betriebsamkeit, obwohl sich am Horizont schon das erste Licht des neuen Tages zeigte.
»Hast du ein bestimmtes Ziel?«
DU BRAUCHST NEUE SACHEN.
»Diese hier sind neu. Ich habe sie erst heute bekommen. Äh, gestern, meine ich.«
IM ERNST?
»Mein Vater meinte, der Schneider in Schafrücken sei für sein gutes Angebot bekannt.«
DADURCH BEKOMMT DIE ARMUT EINEN VÖLLIG NEUEN ASPEKT. Tod schauderte, und seine Knochen klapperten leise.
Kurz darauf erreichten sie eine breitere Straße, die in ein vornehmeres Stadtviertel führte – die Abstände zwischen den einzelnen Fackeln wurden geringer, während sich die zwischen den Müll- und Kehrichthaufen vergrößerten. In diesem Bereich gab es weder Ställe noch Buden am Gehsteig; stattdessen sah Mort richtige kleine Gebäude mit Werbeschildern über den Türen. Es waren keine Geschäfte oder Läden, sondern regelrechte Warenhäuser. In ihnen arbeiteten fest angestellte Verkäufer, und es gab dort bequeme Stühle und sogar Spucknäpfe. Die meisten von ihnen hatten selbst um diese Zeit geöffnet. Aus gutem Grund: Der durchschnittliche ankhianische Händler kann kaum schlafen, weil er dauernd an das Geld denken muss, das er nicht verdient.
»Gehen die Leute hier nie zu Bett?«, fragte Mort.
DIES IST EINE STADT, sagte Tod und öffnete die Tür eines Textilgeschäftes. Als sie es zwanzig Minuten später verließen, strich Mort stolz über einen wie maßgeschneiderten schwarzen Mantel mit silbrig glänzenden Stickmustern – während der Ladeninhaber einige uralte Kupfermünzen in der Hand hielt und sich verwundert fragte, woher sie stammten.
»Woher nimmst du die ganzen Münzen?«, fragte Mort.
OH, DAS IST GANZ EINFACH: ICH NEHME SIE AUS DEM BEUTEL.
Ein fleißiger Friseur, der auch des Nachts die Kasse klingeln hören wollte, bescherte Mort einen Haarschnitt, der bei den jungen Leuten in Ankh-Morpork als letzter Schrei galt (wobei an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll, dass einige Mütter tatsächlich schrien, als sie die neueste Frisur ihrer Sprösslinge sahen). Tod nahm unterdessen in einem zweiten Sessel Platz und summte leise vor sich hin. Zu seiner eigenen Überraschung hatte er ausgesprochen gute Laune.
Nach einer Weile schlug er die Kapuze zurück und sah zum Lehrling des Barbiers auf, der ihm gerade ein Handtuch um den knöchernen Hals schlang. Mort stellte fest, dass er ebenso hypnotisiert und benommen wirkte wie die anderen – lebenden – Menschen, die Tod begegneten.
EINIGE TROPFEN DUFTWASSER UND EINE ORDENTLICHE POLITUR, GUTER MANN, sagte Tod zufrieden.
Ein älterer Zauberer, der sich in einer Ecke des Zimmers den Bart stutzen ließ, zuckte heftig zusammen, als er die düstere Grabesstimme hörte. Tod wusste, wie man einen möglichst großen Effekt erzielte: Wie in Zeitlupe drehte er den Kopf und lächelte sein bestes Totenschädel-Lächeln. Woraufhin der Magier erbleichte und rasch einige Schutzzauber murmelte.
Ein wenig unsicher und mit ungewohnter Kühle an den Ohren kehrte Mort einige Minuten später zu dem Stall zurück, in dem Tods Pferd wartete. Er versuchte angemessen zu stolzieren – sein neuer Haarschnitt und der Mantel schienen eine gewisse Eleganz zu verlangen –, aber irgendwie klappte es nicht richtig.
Mort erwachte.
Eine Zeit lang blickte er an die Decke, während sein Gedächtnis auf die Rückspultaste drückte und die Ereignisse des vergangenen Tages kleinen Eiswürfeln gleich kristallisierten.
Er konnte unmöglich dem Tod begegnet sein. Er konnte unmöglich mit einem Skelett gespeist haben, in dessen fast leeren Augenhöhlen zwei winzige blaue Sterne funkelten. Ein gespenstischer Traum, weiter nichts. Es war völlig absurd, im Soziussitz auf einem großen weißen Pferd zu reiten, das zum Himmel emportrabte und dann …
… wohin galoppierte?
Die Antwort kam mit der Unausweichlichkeit eines Steuerbescheids.
Hierher.
Vorsichtig tastende Hände berührten kurzgeschnittenes Haar und, weiter unten, weichen glatten Stoff. Das Material war weitaus erlesener als die raue, nach Schafen riechende Wolle, die Mort von daheim kannte. Es fühlte sich an wie warmes, trockenes Eis.
Hastig schwang er die Beine über den Bettrand, stand auf und sah sich im Zimmer um.
Dies fiel ihm als Erstes auf: Der Raum war groß, größer als das ganze Haus seiner Eltern, und trocken, so trocken wie Gräber unter einer uralten Wüste. Die Luft schmeckte wie stundenlang gekocht und anschließend abgekühlt. Der dicke Teppich auf dem Boden hätte einem ganzen Stamm von Pygmäen als Versteck dienen können und knisterte elektrisch, als Mort darüber hinwegschritt. Das farbliche Spektrum umfasste nur violette und schwarze Töne.
Er sah an sich herab und stellte fest, dass er ein langes, weißes Nachthemd trug. Morts Kleidung lag sorgfältig zusammengefaltet auf einem Stuhl am Bett – auf einem Stuhl, der komplizierte Knochen- und Totenschädel-Motive aufwies.
Morts Gedanken rasten, als er sich anzog.
Er öffnete die Tür aus massivem Eichenholz und war ein wenig enttäuscht, als das erwartete dumpfe Knarren ausblieb.
Draußen erstreckte sich ein langer leerer Flur aus Holz, und an der gegenüberliegenden Wand brannten große gelbe Kerzen in verschnörkelten Haltern. Mort verließ das Zimmer und schlich durch den Flur, bis er eine Treppe erreichte. Er trat die Stufen hinab, ohne dass etwas Schreckliches geschah, und kurz darauf stand er in einer Art Eingangshalle mit vielen Türen. Überall hingen schwarze Vorhänge, und auf der einen Seite bemerkte Mort eine große Standuhr. Ihr Ticken klang wie der Herzschlag eines Berges.
Daneben sah er einen Schirmständer.
Eine Sense ruhte darin.
Morts Blick strich über die Türen. Sie wirkten bedeutungsvoll, und die geschwungenen Rahmen zeigten das bereits vertraute Knochenmotiv. Als er sich einer von ihnen näherte, erklang eine Stimme hinter ihm.
»Den Raum solltest du besser nicht betreten, Junge.«
Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, dass die Stimme nicht etwa hinter seiner Stirn erklang. Er hörte echte menschliche Worte, die von einem Mund formuliert und den Ohren mithilfe eines geeigneten Luftkompressionssystems mitgeteilt wurden, so wie es die Natur beabsichtigt hatte. Die Natur gab sich große Mühe für nur acht Worte, die eine gewisse Verdrießlichkeit zum Ausdruck brachten.
Mort drehte sich um, und sein Blick fiel auf ein Mädchen, das ebenso groß war wie er selbst und vielleicht einige Jahre älter. Es hatte silbernes Haar und Augen mit einem perlmuttartigen Glanz, trug ein langes und ebenso interessantes wie unpraktisches Kleid – genau jene Art von Gewand, in das sich tragische Heldinnen hüllen, während sie eine einzelne Rose an die Brust pressen und voller Sehnsucht zum Mond emporblicken. Mort hatte nie den Ausdruck ›präraffaelitisch‹ gehört, und daher mussten seine gedanklichen Beschreibungsversuche zwangsläufig scheitern. Jedenfalls, derartige junge Frauen neigten zu ätherischer Durchsichtigkeit und zu metaphorischer Schwindsucht, während dieses besondere Mädchen eher den Eindruck erweckte, als gehöre Schokolade zu seinen Lieblingsspeisen.
Sie kippte den Kopf zur Seite, starrte Mort an und klopfte verärgert mit dem Fuß auf den Boden. Dann streckte sie plötzlich die Hand aus und zwickte ihn in den Arm.
»Autsch!«
»Hm, du bist also wirklich echt«, stellte die Namenlose klug fest. »Wie heißt du, Junge?«
»Mortimer. Man nennt mich Mort.« Er rieb sich den rechten Ellbogen. »Warum hast du das getan?«
»Ich nenne dich Junge«, sagte sie. »Ich habe es nicht nötig, dir mein Verhalten zu erklären, aber wenn du’s unbedingt wissen willst: Ich habe dich für tot gehalten. Du siehst tot aus.«
Mort gab keine Antwort.
»Hat es dir die Sprache verschlagen?«
Mort zählte stumm bis zehn.
»Ich bin nicht tot«, sagte er schließlich. »Glaube ich wenigstens. Manchmal fällt es mir schwer, ganz sicher zu sein. Wer bist du?«
»Für dich bin ich Fräulein Ysabell«, erklärte das Mädchen hochmütig. »Vater meint, du brauchst etwas zu essen. Komm mit!«
Ysabell stolzierte fort und wandte sich einer anderen Tür zu. Mort folgte ihr in genau der richtigen Entfernung, um mit dem linken Ellbogen an die zurückschwingende Pforte zu stoßen.
Er fand sich in einer Küche wieder, einem langen niedrigen und warmen Zimmer, von dessen Decke Kupfertöpfe herabhingen. Ein großer Herd aus schwarzem Eisen beanspruchte eine ganze Wand. Davor stand ein alter Mann und summte leise vor sich hin, während er Eier und Schinken briet.
Der Duft übermittelte Morts Geschmacksknospen eine eindeutige Botschaft: Wenn sie sich zusammenrissen und von ihrer Überraschung erholten, erwartete sie vielleicht eine angenehme Überraschung. Der Junge setzte sich in Bewegung, ohne dass die Beine Befehle vom Gehirn empfingen.
»Albert«, sagte Ysabell scharf. »Noch jemand zum Frühstück.«
Der Mann drehte langsam den Kopf und nickte wortlos. Das Mädchen wandte sich wieder an Mort.
»Seltsam«, sagte es, »meinem Vater stand die Bevölkerung der ganzen Scheibenwelt zur Auswahl, und trotzdem entschied er sich ausgerechnet für dich. Na ja, ich schätze, es hätte schlimmer kommen können.«
Ysabell rauschte aus dem Zimmer und warf die Tür zu.
»Schlimmer?«, fragte Mort vor allem sich selbst. Es war still im Zimmer, abgesehen vom leisen Brutzeln in der Pfanne und dem Knistern der Kohlen im heißen Herzen des Herds. Mort sah, dass die Backofentür folgende Aufschrift trug: Der Kleine Moloch (gezähmt).
Als der Koch auch weiterhin nicht auf ihn achtete, zog Mort einen Stuhl heran und nahm am weißen, abgeschrubbten Tisch Platz.
»Pilze?«, fragte der alte Mann, ohne sich umzudrehen.
»Mhm? Was?«
»Möchtest du Pilze?«
»Oh«, machte Mort. »Entschuldige. Nein, vielen Dank.«
»Wie du meinst, junger Herr.«
Der Alte drehte sich um und hielt auf den Tisch zu.
Wenn er beobachtete, wie sich Albert bewegte, hielt Mort immer den Atem an, selbst später noch, als er sich daran gewöhnt hatte. Tods Diener war unglaublich dürr, und seine Nase bildete einen dicken Zinken im Gesicht. Er gehörte zu den Leuten, die immer den Eindruck erwecken, als trügen sie Handschuhe mit abgeschnittenen Fingern (auch dann, wenn sie keine benutzten), und er ging mit überaus komplizierten Bewegungsmustern. Albert beugte sich vor und holte gleichzeitig mit dem linken Arm aus. Zuerst schwang er ihn ganz langsam, doch dann folgte ein plötzlicher, die Gelenke strapazierender Ruck, der die Gefahr heraufzubeschwören schien, dass sich der Unterarm vom Ellbogen löste. Das damit einhergehende Zittern und Vibrieren erfasste schließlich auch den Rest des Körpers, insbesondere die Beine, und verlieh Albert damit das Erscheinungsbild eines Stelzenläufers, der einen Geschwindigkeitsrekord zu brechen versuchte. Die Pfanne sauste in weiten kompliziert anmutenden Bögen durch die Luft und verharrte dicht über Morts Teller.
Der alte Mann neigte den Kopf und starrte über den Rand halbmondförmiger Brillengläser.
»Ich könnte dir auch Haferbrei anbieten«, sagte er und zwinkerte bedeutungsvoll, als wolle er den Jungen an einer globalen Haferbrei-Verschwörung teilnehmen lassen.
»Entschuldige bitte«, sagte Mort. »Kannst du mir erklären, wo ich hier bin?«
»Ach, das weißt du nicht? Dies ist Tods Zuhause, Junge. Er brachte dich gestern Nacht mit.«
»Ich glaube, äh, ich erinnere mich. Es ist nur …«
»Ja?«
»Die Eier und der Schinken«, sagte Mort unsicher. »Das Frühstück erscheint mir irgendwie … unangemessen.«
»Irgendwo muss noch eine Blutwurst herumliegen«, sagte Albert.
»Nein, ich meine …« Mort zögerte. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er sich hier an den Tisch setzt und Speckstreifen mit Toast isst.«
Albert lächelte. »Meistens verzichtet er darauf. Es geschieht nur sehr selten, dass er uns beim Essen Gesellschaft leistet. Um ganz ehrlich zu sein: Was die Versorgung mit Speis’ und Trank angeht, stellt unser Herr keine großen Ansprüche. Ich koche nur für mich und natürlich die …« Er zögerte kurz. »Die junge Dame.«
Mort nickte. »Deine Tochter«, sagte er.
»Meine? Ha! Von wegen. Tod ist ihr Vater.«
Mort starrte auf die Spiegeleier. Sie schwammen in einem kleinen Teich aus Fett und erwiderten seinen Blick. Wenn Albert von den Vorzügen einer gesunden Ernährung gehört hatte, so hielt er offenbar nicht viel davon.
»Sprechen wir über dieselbe Person?«, fragte er schließlich. »Groß. Bevorzugt schwarze Kleidung. Ein wenig … dürr …«
»Er hat Ysabell adoptiert«, erläuterte Albert freundlich. »Es ist eine ziemlich lange Geschichte …«
Eine Glocke läutete.
»… die ich dir irgendwann später erzählen werde. Er hat dich gerade in sein Büro bestellt. An deiner Stelle würde ich mich sputen, Tod wartet nicht gern. Eigentlich durchaus verständlich. Die Treppe hoch und dann die erste Tür auf der linken Seite. Du findest sie bestimmt …«
»Ich nehme an, die Rahmen sind mit Totenschädel- und Knochenmotiven geschmückt?«, vermutete Mort und schob den Stuhl zurück.
»Das gilt für alle Türen«, seufzte Albert. »Oder die meisten. Ist nur eine Laune von ihm. Er will damit niemanden erschrecken.«
Mort überließ sein Frühstück einem ganz besonderen Gerinnungsprozess, eilte die Stufen hoch und blieb vor der ersten Tür stehen. Langsam hob er die Hand, um anzuklopfen.
HEREIN.
Der Knauf drehte sich von allein, und die Tür schwang nach innen.
Tod saß hinter einem Schreibtisch, den Blick auf ein dickes, in Leder gebundenes Buch gerichtet, das fast größer war als der Tisch. Er hob den Kopf, als Mort eintrat, benutzte einen knöchernen Finger als Lesezeichen und grinste. Ihm blieb auch gar nichts anderes übrig.
AH, sagte er und zögerte. Er kratzte sich am Kinn – es klang, als striche jemand mit dem Fingernagel über einen Kamm.
WER BIST DU, JUNGE?
»Mort, Herr«, sagte Mort. »Dein Lehrling. Erinnerst du dich?«
Tod musterte ihn eine Zeit lang, und nach einer Weile strich das blaue Leuchten in den fast leeren Augenhöhlen wieder übers Buch.
O JA, murmelte er. MORT. NUN, JUNGE, WILLST DU WIRKLICH LERNEN UND DIE TIEFSTEN GEHEIMNISSE VON RAUM UND ZEIT IN ERFAHRUNG BRINGEN?
»Ja, Herr. Ich glaube schon, Herr.«
GUT. DER STALL BEFINDET SICH HINTER DEM HAUS, UND DIE SCHAUFEL HÄNGT DIREKT NEBEN DER TÜR.
Er senkte den Blick aufs Buch. Und er hob ihn wieder. Mort hatte sich nicht von der Stelle gerührt.
IST ES VIELLEICHT MÖGLICH, DASS DU MICH NICHT VERSTANDEN HAST?
»Zumindest nicht ganz, Herr«, erwiderte Mort.
MIST, JUNGE. MIST. ALBERT HAT EINEN KOMPOSTHAUFEN IM GARTEN. ICH VERMUTE, IRGENDWO STEHT EINE SCHUBKARRE HERUM. MACH DICH AN DIE ARBEIT.
Mort nickte kummervoll. »Ja, Herr. Jetzt verstehe ich, Herr. Herr?«
JA?
»Herr, ich begreife nicht ganz, was das mit den Geheimnissen von Raum und Zeit zu tun hat.«
Tod blieb auf sein Buch konzentriert.
KEIN WUNDER, sagte er. SCHLIESSLICH BIST DU HIER, UM ZU LERNEN.
Zwar bezeichnet sich der Tod der Scheibenwelt als ANTHROPOMORPHE PERSONIFIZIERUNG, aber er hatte es schon vor einer ganzen Weile aufgegeben, traditionelle skelettene Pferde zu benutzen, denn er wollte nicht ständig damit aufgehalten werden, abgefallene Knochenteile festzubinden. Er zog es vor, bei seiner Arbeit erstklassige Rösser aus Fleisch und Blut zu verwenden.
Mort stellte bereits nach kurzer Zeit fest, wie gut die Verdauung der Tiere funktionierte.
Wer sich darüber beklagt, in einer Parfümerie sein Brot verdienen zu müssen, hat noch nie einen Stall betreten. Viele erwerbsmäßige Tätigkeiten beschwören die ökonomische Magie des sogenannten Mehrwerts, und Morts Aufgabe bestand in gewisser Weise aus dem genauen Gegenteil: Er sollte etwas wegschaffen. Der Junge gab sich damit zufrieden, dass er es wenigstens warm hatte und fand bald zu einer mehr – oder, wie in diesem Fall, weniger – angenehmen Routine. Er besann sich auf einen das Gemüt schonenden Gleichmut, und als Ablenkung begann er mit dem üblichen Mengenbewertungsspiel. Mal sehen, dachte er. Inzwischen habe ich fast ein Viertel nach draußen gebracht, ach, sagen wir ruhig ein Drittel. Wenn ich mit dieser Ecke der Heuraufe fertig bin, ist es mehr als die Hälfte, sagen wir fünf Achtel, und das bedeutet, es sind nur noch drei Schubkarren nötig …
Derartige Überlegungen verringerten die Arbeit natürlich nicht. Sie bewiesen nur eins: Man empfindet die schreckliche Größe des Universums weitaus weniger als Belastung, wenn man den Kosmos in einzelne, möglichst kleine Brocken unterteilt.
Eins der Pferde beäugte Mort aufmerksam; ab und zu schnappte es freundschaftlich nach seinem Haar.
Nach einer Weile spürte der Junge, dass ihn jemand beobachtete. Ysabell lehnte an der niedrigen Tür und stützte das Kinn auf die Hände.
»Bist du ein Bediensteter?«, fragte sie.
Mort straffte die Schultern.
»Nein. Ich bin Lehrling.«
»Das ist doch Unsinn. Albert meint, du kannst gar kein Lehrling sein.«
Mort begann damit, die Schubkarre zu füllen. Noch zwei Schaufeln, vielleicht auch drei, wenn die Mischung aus Stroh und Dung ordentlich zusammengepresst wird. Mit anderen Worten: noch vier Schubkarren, vielleicht auch fünf, und dann habe ich die Hälfte …
Ysabell räusperte sich laut und hob die Stimme. »Er meint, Lehrlinge werden irgendwann zu Meistern, und es kann nur einen Tod geben. Also bist du nur ein einfacher Angestellter und musst dich an meine Anweisungen halten.«
… und dann noch einmal acht Schubkarren, bis zur Tür alles frei ist, womit zwei Drittel des ganzen Stalls ausgemistet wären …
»Hast du mich verstanden, Junge?«
Mort nickte. Anschließend sind es noch einmal vierzehn Schubkarren, besser gesagt fünfzehn, denn die Ecke dort ist noch nicht ganz sauber …
»Bist du plötzlich stumm geworden? Kannst du nicht mehr sprechen?«
»Mort«, sagte Mort sanft.
Ysabell musterte ihn verärgert. »Was?«
»Ich heiße Mort«, sagte Mort. »Beziehungsweise Mortimer. Aber die meisten Leute nennen mich Mort. Wolltest du mit mir reden?«
Ysabell starrte ihn wortlos an. Ihr Blick wanderte zwischen Morts Gesicht und der Schaufel hin und her.
»Ich bin beauftragt, hier Ordnung zu schaffen, und deshalb habe ich leider keine Zeit«, fügte der Junge hinzu.
Ysabell platzte geradezu.
»Warum bist du hier? Warum hat dich Vater mitgebracht?«
»Er besuchte den Gewerbemarkt in Schafrücken und bot mir eine Ausbildungsstelle an«, sagte Mort. »Alle Jungen fanden Arbeit. Und ich auch.«
»Und du wolltest eingestellt werden?«, entfuhr es Ysabell. »Er ist der Tod. Freund Hein. Der Schnitter. Der Sensenmann, der des Nachts auf Seelenfang geht. Er nimmt eine sehr wichtige Aufgabe wahr. Niemand kann seine Nachfolge antreten. Man wird nicht etwa zum Tod. Man ist es.«
Sie verstand es ausgezeichnet, in Kursiv zu sprechen.
Mort deutete mit einer fahrigen Geste auf die Schubkarre.
»Ich schätze, früher oder später wird alles gut«, sagte er. »Mein Vater meint immer, dass sich das Schicksal Kummer ersparen will, weshalb sich irgendwann alles in Wohlgefallen auflöst.«
Er griff nach der Schaufel, drehte sich zum Pferd um und grinste, als er hörte, wie Ysabell abfällig schnaubte und davonmarschierte.
Mort arbeitete sich tapfer durch die Sechzehntel, Achtel, Viertel und Drittel, schob die Karre immer wieder über den Hof und beobachtete, wie der Haufen am Apfelbaum allmählich größer wurde.
Tods Garten war groß und gut gepflegt. Natürlich herrschten schwarze Töne vor. Schwarzes Gras wuchs. Schwarze Blumen verströmten Grabesduft. Schwarze Äpfel hingen an den schwarzen Zweigen des schwarzen Apfelbaums. Selbst die Luft wirkte irgendwie tintig.
Nach einiger Zeit glaubte Mort, verschiedene Arten von Schwarz zu sehen, obwohl ihm das absurd erschien.
Er bemerkte nicht etwa besonders dunkles Rot oder Grün oder was auch immer, sondern echte Schattierungen von Schwarz. Ein völlig neues Spektrum bot sich ihm dar, mit vielen unterschiedlichen Farben, und sie alle waren … nun, schwarz. Er erweiterte den Komposthaufen mit dem letzten Stallmist, stellte die Schubkarre beiseite und kehrte zum Haus zurück.
KOMM HEREIN.
Tod stand hinter einem Pult und betrachtete eine Karte. Nach einigen Sekunden hob er den Kopf und sah Mort geistesabwesend an.
VERMUTLICH HAST DU NIE VON DER MANTEBUCHT GEHÖRT, ODER?, fragte er.
»Nein, Herr«, bestätigte Mort.
DORT LIEGT EIN BERÜHMTES WRACK.
»Ein Schiff? Wann ging es unter?«
ES MUSS ERST NOCH UNTERGEHEN, erwiderte Tod. ES GIBT NUR EIN PROBLEM: ICH KANN DEN VERDAMMTEN ORT NICHT FINDEN.
Mort trat näher und warf einen Blick auf die Karte.
»Willst du das Schiff versenken?«, fragte er.
Tod wirkte entsetzt.
NATÜRLICH NICHT. ES WIRD EINER MISCHUNG AUS FEHLERHAFTER NAVIGATION, SEICHTEM WASSER UND UNGÜNSTIGEM WIND ZUM OPFER FALLEN.
»Wie schrecklich«, murmelte Mort. »Wie viele Seeleute ertrinken?«
DAS HÄNGT GANZ VOM SCHICKSAL AB, sagte Tod, drehte sich zum Bücherschrank um und holte einen dicken Band hervor, der ein alphabetisches Ortsverzeichnis enthielt. SELBST ICH MUSS MICH MIT SEINEN ENTSCHEIDUNGEN ABFINDEN. WAS IST DAS FÜR EIN GERUCH?
»Er stammt von mir«, sagte Mort schlicht.
OH. ICH VERSTEHE. DER STALL. Tod zögerte, und seine knöcherne Hand ruhte auf dem Buchrücken. WARUM, GLAUBST DU, HABE ICH DICH MIT DEM AUSMISTEN BEAUFTRAGT? DENK GRÜNDLICH NACH, BEVOR DU ANTWORTEST.
Mort überlegte. Er hatte gründlich nachgedacht, wenn er nicht gerade damit beschäftigt gewesen war, die Fuhren mit der Schubkarre zu zählen. Er fragte sich, ob die Arbeit dazu diente, die Bewegungen der Hände mit der visuellen Wahrnehmung zu koordinieren, oder ob er die Tugend gewohnheitsmäßigen Gehorsams erlernen sollte. Vielleicht beabsichtigte Tod auch, ihn auf die allgemeine Bedeutung eigentlich banaler Tätigkeiten hinzuweisen und Demut in ihm zu wecken. Möglicherweise sollte ihm klar werden, dass man ganz unten anfangen musste, wenn man es zu etwas bringen wollte.
Keine dieser Erklärungen befriedigte ihn.
»Ich glaube …«, begann er.
JA?
