Silvia-Gold 141 - Karen Sanders - E-Book

Silvia-Gold 141 E-Book

Karen Sanders

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Beschreibung

Als Anne Hoffmann im Krankenhaus zu sich kommt, wird schnell klar: Die junge Frau hat nach einem Unfall ihr Gedächtnis verloren. Selbst Derik Hendersen, ihr eigener Ehemann, ist für sie ein Fremder.
Obwohl er ihr alles andere als sympathisch ist, bleibt Anne keine Wahl: Sie muss mit ihm in das Ferienhaus am Strand ziehen, das sie offenbar zuletzt bewohnt haben. Vielleicht kommen hier die Erinnerungen zurück?
Doch sie ist nicht die Einzige, die verwirrt und durcheinander ist. Auch Derik beobachtet seine Frau immer wieder verstohlen von der Seite. Sie wirkt plötzlich wie ausgewechselt und so ganz anders als früher.
Dass sie in Wahrheit getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen, will er ihr zunächst aus Rücksicht auf ihren Zustand nicht unter die Nase reiben. Aber nach und nach gibt es noch einen weiteren Grund dafür, dass er seiner Frau diesen wichtigen Umstand verschweigt: Er fühlt sich zu dieser "neuen Anne" wie magisch hingezogen. Und er will sie auf keinen Fall verlieren ...

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Cover

Meeresrauschen und Geheimnisse

Vorschau

Impressum

Meeresrauschen und Geheimnisse

Was Anne braucht, ist ein Neuanfang

Von Karen Sanders

Als Anne Hoffmann im Krankenhaus zu sich kommt, wird schnell klar: Die junge Frau hat nach einem Unfall ihr Gedächtnis verloren. Selbst Derik Hendersen, ihr eigener Ehemann, ist für sie ein Fremder.

Obwohl er ihr alles andere als sympathisch ist, bleibt Anne keine Wahl: Sie muss mit ihm in das Ferienhaus am Strand ziehen, das sie offenbar zuletzt bewohnt haben. Vielleicht kommen hier die Erinnerungen zurück?

Doch sie ist nicht die Einzige, die verwirrt und durcheinander ist. Auch Derik beobachtet seine Frau immer wieder verstohlen von der Seite. Sie wirkt plötzlich wie ausgewechselt und so ganz anders als früher.

Dass sie in Wahrheit getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen, will er ihr zunächst aus Rücksicht auf ihren Zustand nicht unter die Nase reiben. Aber nach und nach gibt es noch einen weiteren Grund dafür, dass er seiner Frau diesen wichtigen Umstand verschweigt: Er fühlt sich zu dieser »neuen Anne« wie magisch hingezogen. Und er will sie auf keinen Fall verlieren ...

Die grauen Schwaden lichteten sich. Die Umgebung nahm noch keine feste Struktur an. Verschwommene Gesichter tanzten vor ihrem Blickfeld. Ihre Lider flatterten, wollten sich kaum heben. Sie waren zu kraftlos, zu müde.

Das Nächste, was sie fühlte, war Schmerz. Ein raues Stöhnen aus trockener Kehle drängte sich über ihre aufgesprungenen Lippen.

»Hallo! Da ist ja jemand aufgewacht! Wie fühlen Sie sich?«

Die Stimme klang weiblich, ruhig und einfühlsam und veranlasste sie, die Augen ein wenig mehr zu öffnen. Halbdunkel umgab sie. Dann kristallisierte sich ein Gesicht aus den Schemen.

»Können Sie mich verstehen? Keine Angst, Sie sind hier in Sicherheit. Haben Sie Schmerzen?«

Wie zur Bestätigung entfloh ihr ein weiterer Klagelaut. Alles tat ihr weh. Doch am Schlimmsten dröhnte es in ihrem Kopf. Ihre Finger zuckten, und sie wollte die Hand heben, um sich an die Stirn zu fassen, aber das ging nicht. Etwas stoppte sie, und kraftlos sank ihre Hand zurück auf das Bettlaken.

»Sie hatten einen Unfall und wurden vor einigen Tagen in die Klinik eingeliefert. Können Sie sich an etwas erinnern?«

Beruhigend legte sich eine Hand über ihre.

»Ich bin Dr. Martens. Ich werde kurz in Ihre Augen leuchten, erschrecken Sie nicht.«

Ihr Augenlid wurde angehoben, und ein greller Lichtstrahl ließ sie zusammenzucken. In ihrem Gehirn explodierte ein scharfer Schmerz, der sie aufschreien ließ. Der Ton klang dumpf und kratzig in ihren eigenen Ohren.

»Nicht«, wehrte sie leise ab.

»Ich werde Ihnen gleich etwas gegen die Schmerzen geben.« Dr. Martens murmelte etwas zu der Krankenschwester an ihrer Seite, die daraufhin eine Spritze aufzog und deren Inhalt dem Infusionsbeutel zufügte, der neben ihr auf einem Ständer angebracht war und Flüssigkeit durch die Kanüle tropfen ließ, die in ihr Handgelenk führte.

Ein weiteres Kabel lief zu einem Monitor, der ihre Vitalwerte aufzeichnete und von Zeit zu Zeit leise Geräusche von sich gab.

Sie wollte den Kopf drehen, um ihre Umgebung besser in Augenschein nehmen zu können. Aber selbst diese Bewegung war mit Schmerzen verbunden und ließ sie schwindeln.

»Können Sie mir Ihren Namen sagen? Wir haben leider keine Papiere bei Ihnen gefunden. Wie heißen Sie?«

Das Schmerzmittel wirkte langsam und hüllte sie wie in eine Schicht aus Watte, die sie abschottete gegen ihre Umwelt und sie in eine dumpfe, träge Decke bettete, in die sie sich vor Müdigkeit hineinfallen ließ.

Die Anstrengung war für ihr armes Hirn zu heftig. Es war, als müsse sie Schichten aus Dämmstoff von sich schieben. Kein klarer Gedanke war in diesem Raum zu fassen. Verzweifelt wehrte sie sich gegen die Müdigkeit und bekam endlich einen Strang zu greifen. Festhalten, gegen die Dunkelheit ankämpfen ... Aber ihre Lider gaben nach und senkten sich. Da bekam sie einen Funken zu fassen.

»Anne«, stöhnte sie. Ihre Zunge huschte über ihre spröden Lippen. Sie zitterten in dem Versuch, Wörter zu formen. »Ich ... Anne ...«

»Das ist ja wunderbar«, lobte Frau Dr. Martens. »Also Anne! Und wie weiter?«

»Hoffmann«, antwortete sie leise, fast automatisch, ohne es wirklich selbst zu bemerken. Denn jetzt siegte die Müdigkeit endgültig über sie. Sie zog sie hinunter in eine ruhige, schmerzfreie Zone, die sie alles vergessen ließ.

♥♥♥

Als sie das nächste Mal erwachte, war sie allein. Langsam kehrte der Schmerz zurück, aber nicht mehr mit dieser Allgewalt, die ihre Sinne betäubte. Ihr verschwommenes Blickfeld klärte sich, und sie konnte erstmals ihre Umgebung richtig wahrnehmen.

Sie lag in einem Bett mit einer dünnen, weißen Decke über sich ausgebreitet. Seitlich waren technische Geräte angebracht, mit vielen Kabeln, die auf ihren Einsatz warteten. Ihr Handgelenk ziepte, als sie es vorsichtig bewegte. Eine Kanüle steckte darin, die eine klare Flüssigkeit in ihre Vene tropfte. Das andere Handgelenk war dick bandagiert.

Sie bewegte vorsichtig den Kopf und erkannte, dass eine Seite des Zimmers vollständig verglast war. Und hinter dieser Glaswand sah sie weißgekleidete Menschen umhergehen, auf Monitore blicken und mit medizinischem Gerät hantieren.

Eine Krankenschwester schaute auf und erkannte durch die Glasscheiben hindurch, dass sie erwacht war. Mit einem freundlichen Lächeln betrat sie das Zimmer.

»Guten Morgen, Frau Hoffmann. Ich bin Ernestina, die Stationsschwester. Wie fühlen Sie sich heute?«

Anne blickte in das Gesicht der Schwester. Sie war mittleren Alters mit kleinen Fältchen um Augen und Mundpartie. Auf ihrem weißen Schwesternkittel war ein Schild mit ihrem Namen angebracht.

»Sie machen schon einen viel besseren Eindruck als gestern. Ich werde gleich Dr. Martens rufen. Sie hat heute Vormittag Dienst und wird sich freuen, dass Sie bei Bewusstsein sind. Sie haben uns ganz schön Sorgen bereitet, junge Frau, aber das wird Ihnen alles die Frau Doktor erklären, sobald sie da ist.«

Anne konnte die Pflegerin nur anstarren. Was sie sagte, sickerte langsam in ihr Gehirn.

»Ich bin im Krankenhaus?«, brachte sie gequält hervor. Ihre Kehle war trocken und fühlte sich eingerostet an. Das Sprechen bereitete ihr große Mühe. »Ich habe Durst. Bitte, könnte ich etwas zu trinken haben?«

»Natürlich, sofort!« Schwester Ernestina verließ kurz den Raum und kehrte mit einer Schnabeltasse zurück, die sie ihr an die Lippen hielt. »Langsam«, mahnte sie. »Nicht zu viel auf einmal.«

Es war eine Wohltat, das Wasser in ihrem ausgetrockneten, verklebten Mundraum zu spüren. Aber mehr als ein, zwei Schlucke schaffte Anne nicht.

Inzwischen traf auch Dr. Martens ein. Sie begrüßte Anne freundlich und warf einen kritischen Blick auf sie und den angeschlossenen Monitor.

»Können Sie mir heute schon etwas mehr über sich erzählen?«, fragte sie ihre junge Patientin und zog sich einen Stuhl heran. »Erinnern Sie sich an den Unfall und wie es dazu kam?«

»Unfall?« Anne zog verständnislos ihre Stirn kraus, ließ es aber sofort wieder sein, als ein scharfer Schmerz durch ihren Kopf fuhr. Sie hob ihre freie Hand und fühlte an ihrem Kopf. Erst jetzt begriff sie, dass ein dicker Verband ihn umhüllte.

»Sie hatten eine Kopfverletzung. Ein Schädelhirntrauma, zum Glück ohne Einblutungen des Gehirns. Außerdem mehrere Prellungen und Verletzungen am ganzen Körper. Sie haben viel Blut verloren und sind fast ertrunken. Die Leute, die Sie an Land gezogen haben, konnten Sie durch gezielte Erste-Hilfe-Maßnahmen stabil halten, bis der Rettungswagen eintraf.«

»Was?«, hauchte Anne. Sie verstand nur die Hälfte von dem, was ihr die Ärztin mitteilte. Das konnte unmöglich passiert sein. Ihr war, als habe Dr. Martens den Krankenbericht vertauscht und spräche über eine ganz andere Person.

»Aufgrund der Schädelfraktur mussten wir Sie zwei Tage lang ins künstliche Koma versetzen. Innere Verletzungen konnten wir zum Glück ausschließen«, fuhr die Ärztin fort.

Sie setzte ein aufmunterndes Lächeln auf.

»Den Umständen entsprechend, sind wir mit Ihrem Zustand recht zufrieden, Frau Hoffmann. Allem Anschein nach sind Sie über dem Berg. Das ist ein kleines Wunder, wenn man die Schwere Ihres Unfalls bedenkt. Da hatten Sie einen Schutzengel.«

»Wie bitte?«, krächzte Anne verstört. »Ich weiß gar nichts mehr! In welchem Krankenhaus bin ich überhaupt? Wo sind meine Eltern?«

»Eltern? Hmm.« Dr. Martens schüttelte den Kopf. »Von Ihren Eltern steht da nichts in der Krankenakte. Aber wir konnten inzwischen die Kontaktdaten von Ihrem Mann herausfin...« Mitten im Satz brach die Ärztin ab und betrachtete besorgt ihre erschrockene Patientin. »Woran erinnern Sie sich noch, meine Liebe?«

Anne holte tief Luft. Sie glaubte zu ersticken. Was war hier los? Sie rang nach Atem, bekam aber nicht genug Sauerstoff und drohte zu hyperventilieren.

»Ruhig, ruhig«, besänftigte die Ärztin, sprang jedoch alarmiert auf. Der Monitor hinter ihr begann enervierend zu piepsen. Die Messwerte schlugen bedenklich aus.

Anne wurde es übel. Jemand hielt sie fest. Dann plötzlich war da nichts mehr. Sie kippte weg, verlor sich erneut in erlösender Dunkelheit.

♥♥♥

Die Nachricht erreichte ihn mitten in einem Meeting. Verärgert überließ er seinem Kompagnon die Verhandlung mit der Stadtverwaltung und verließ deren Büro.

»Das ist unmöglich«, brüllte er seine Sekretärin durch das Smartphone an. Nun, Ursula Weigel war inzwischen Schlimmeres von ihm gewöhnt und nahm es gelassen hin.

»Während ihres Urlaubs an der Nordsee hatte Ihre Frau einen Unfall. Sie liegt im Krankenhaus«, erklärte ihm Ursula mit knappen Worten.

»Und was geht mich das an?«, fauchte er ungehalten.

Seine Sekretärin wusste sehr wohl, dass er seit über zwei Jahren von seiner Frau getrennt lebte. Nur seines permanenten Zeitmangels und Arbeitswahns wegen, hatte er die Situation schleifen lassen und erst jetzt die Scheidung eingereicht.

»Das müssen Sie selbst mit der Ärztin besprechen. Vertrauliche Daten geben die nicht an Dritte heraus. Ich habe die Nummer einer Frau Dr. Martens. Die sollten Sie umgehend anrufen.«

»Nicht jetzt«, brummte Derik. »Ich komme ins Büro zurück, sobald es geht.«

Grußlos beendete er das Gespräch, schob den Ärmel seines Designer-Jacketts hoch und warf einen Blick auf seine teure Armbanduhr.

In die Besprechung würde er nicht mehr zurückkehren, entschied er. Alfred, sein Freund und Teilhaber der Architektengemeinschaft, würde die Verhandlungen allein zu Ende bringen müssen. Der Auftrag war ohnehin so gut wie in trockenen Tüchern. Sie waren die Besten auf ihrem Gebiet, das wusste die Stadtverwaltung mit ihrem Großbauprojekt sehr wohl. Und Derik war in seiner Firma der leitende Kopf an oberster Stelle. Sie wollten ihn alle haben.

Blieb ihm also noch Zeit, einen weiteren Kunden aufzusuchen, der ihm ein lukratives Geschäft in Aussicht gestellt hatte. Danach würde er kurz im Büro aufschlagen, um mit Frau Weigel das Angebot aufzusetzen. Vielleicht konnte er später noch kurz diesen leidigen Anruf erledigen, bevor er mit seinem Kumpel im Fitnessstudio verabredet war.

Inzwischen vibrierte sein Smartphone. Ursula Weigel hatte ihm die Rufnummer der Ärztin per SMS zugesandt, mit dem Zusatz, es sei dringend.

Dringend! Das war es bei Anne doch immer gewesen. Was wollten die eigentlich von ihm? Und wie kam Anne dazu, ihn als Kontaktperson anzugeben?

Fast zwei Jahre lang hatte er nichts mehr von ihr gehört, und das war gut so. Mit dieser Psychopathin wollte er nichts mehr zu tun haben. Ein Glück war es gewesen, als er sie endlich losgeworden war. Und er hatte, weiß Gott, keine Lust, sich wieder mit dieser verqueren Person zu befassen.

Er bedauerte es nur, nicht bereits von ihr geschieden zu sein. Aber der ganze damit verbundene Ärger, der Zeitaufwand und die Vermutung, sie würde versuchen, ihn dabei bis aufs Hemd auszuziehen, und endlos mit ihm herumstreiten, hatten ihn zögern lassen.

Seltsamerweise hatte auch sie nicht darauf gedrängt. Die monatliche Anweisung eines bestimmten Geldbetrages auf ihr Konto schien ihr zu genügen, und davon konnte sie, weiß Gott, gut leben. Nach einer Scheidung – bei der sie vielleicht doch nicht so gut wegkommen würde, schließlich hatte sie weniger als nichts in ihre kurze Ehe mit eingebracht – würde dieser Geldhahn zugedreht sein.

Aber damit war nun auch Schluss. Er musste endlich klare Verhältnisse schaffen! Sein Leben ordnen, auch wenn ihm die Arbeit alles bedeutete und er nicht vorhatte, allzu bald ein zweites Mal zu heiraten. Es gab genügend Frauen, die ihm auch ohne feste Bindung zur Verfügung standen. Weshalb sich auf eine festlegen? Er war das beste Beispiel dafür, wie schief das gehen konnte.

Und aus dieser Dummheit hatte er seine Lehren gezogen.

♥♥♥

Nichts, was man ihr erzählte, ergab einen Sinn.

Anne hatte mittlerweile die Intensivstation verlassen dürfen und stand vor dem Spiegel in der kleinen Nasszelle ihres Krankenzimmers.

Ihr Gesicht schien ein wenig schmaler und die Augen ein bisschen größer geworden zu sein. Der Verband war abgenommen worden, und die Wunde an der Schläfe wurde nur noch durch ein dickes Pflaster abgedeckt.

Seit über zwei Wochen war sie schon hier, doch die meiste Zeit hatte sie in einem Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen verbracht. Ein Psychologe war ihr zugewiesen worden, der ihr mit vorsichtigen, behutsamen Worten ihren Zustand erklärt hatte.

Anne leide an partieller Amnesie. So war sein Fazit gewesen. An ihren Namen konnte sie sich erinnern, auch an ihre Kindheit auf dem Land. Sie hatte auf einem schönen, weitläufigen Bauernhof gelebt, umgeben von Wiesen, Feldern, Obstplantagen und vielen Tieren.

Aber dann klaffte eine große Lücke in ihrem Gedächtnis. Erinnerungsfetzen, die bruchstückhaft aufblitzten, Bilder von tosenden Wellen, aufgewühlter See, von Klippen und Motorbooten erschienen vor ihrem inneren Auge. Doch es ließ sich zu keinem Ganzen zusammenfügen. Und das machte sie schier verrückt.

Sie solle sich nicht überanstrengen, die Erinnerungen kämen langsam, Stück für Stück, zurück. Davon waren zumindest die Ärzte überzeugt. Anne jedoch glaubte gar nichts mehr. In ihrem Kopf herrschte ein einziges wildes Schneegestöber. Und es erfüllte sie mit Panik und Schrecken, was man bereits über sie in Erfahrung gebracht hatte.

Die Besitzer des Ferienbungalows, den sie sich hier am Strand der Nordseeküste gemietet hatte, hatten sich gemeldet und ihre Identität bestätigt. Sie habe das Häuschen für unbestimmte Zeit gebucht und bereits für einen Monat im Voraus bezahlt.

Das Motorboot, mit dem sie den Unfall gehabt hatte, war ebenfalls gemietet gewesen. Wie eine Verrückte sei sie damit über das Meer gebraust und habe andere Boote und Schwimmer in Gefahr gebracht. Aufgrund der überhöhten Geschwindigkeit war es wohl zu dem Unglück gekommen.

Vom Strand aus hatten einige Passanten beobachtet und gehört, wie das Schnellboot auf dem Fels zerschellt war, der als Wellenbrecher aus dem Wasser ragte und um den herumzujagen ihr einen unbegreiflichen Spaß gemacht haben sollte.

Sie war aus dem brennenden Boot geschleudert worden, und Segler hatten sie aus dem Wasser gezogen. Nur ihnen und ihrer schnellen Hilfe war es zu verdanken, dass sie nicht für immer in den Tiefen des Meeres versunken war und ihr Leben verloren hatte.

Anne gelang es nicht, die Erzählungen zusammenzufügen. Allein die Vorstellung davon, was sich ereignet hatte, verursachte ihr stechende Kopfschmerzen. Noch schlimmer als das waren jedoch die näheren Angaben zu ihrer Person. Man hatte nach ihren Angehörigen gesucht und dabei herausgefunden, dass ihre Eltern bereits vor langer Zeit verstorben waren.

Anne hatte diese Nachricht wie ein Vorschlaghammer getroffen. Ungläubig hatte sie nur immer wieder den Kopf schütteln können. Gerade von ihren Eltern hatte sie noch ein recht klares Bild vor Augen. Das konnte einfach nicht sein!

Letztendlich hatte man nur noch eine Person ausfindig machen können, die ihr zugehörig war: ihren Ehemann.

♥♥♥

Derik hatte sich ein Lachen verkneifen müssen, als ihm die Ärztin am Telefon mitgeteilt hatte, seine Frau leide aufgrund ihres Schockzustandes und der Kopfverletzung an einer vorübergehenden Amnesie.

Anne hatte bei den Vermietern ihres Ferienhäuschens Deriks Adresse als letzten Wohnsitz angegeben. Deshalb hatte man ihn so schnell kontaktieren können. Weshalb sie das getan hatte, war ihm ein Rätsel. Womöglich hatte Anne beabsichtigt, dass die Rechnung für das Häuschen direkt an ihn, ihren Ehemann, zur Begleichung gesandt würde. Das sähe ihr ähnlich.

Er hatte keine Ahnung, wo sie in den letzten zwei Jahren gelebt hatte. Wenigstens nicht bei ihm. Vielleicht war sie von einem Ort zum anderen getingelt oder von einem Mann zum nächsten. An mehr oder weniger gut betuchten Gönnern hatte es ihr nie gemangelt. An der Nordsee war sie zumindest ohne Begleitung gewesen, so viel hatte Derik erfahren. Aber wie er sie kannte, wäre dies bestimmt kein Dauerzustand geblieben.

Über ihre Familie hatte Anne nie gerne gesprochen. Sie war schon als Teenager zur Waise geworden. Allerdings schien es ihm, als sei Anne immer auf der Suche gewesen. Wonach auch immer.

Deriks Leben konnte sich jedenfalls nicht nur um Anne drehen. Ja, sie waren verliebt ineinander gewesen – irgendwann einmal. Aber er war jung und ehrgeizig, wollte beruflich vorankommen, und seine Frau hatte einfach nicht begreifen können, dass sie nicht der Dreh- und Angelpunkt war, um den die Welt sich drehte.

Es wäre müßig gewesen, diesen Umstand der Ärztin auseinanderzusetzen. Er konnte sich jedenfalls erst nächste Woche freimachen. Vorerst musste Anne ohnehin noch im Krankenhaus bleiben, und da konnte er auch nicht viel machen. Oder?