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Für die junge Melissa wird ein Märchen wahr, als der gut aussehende Leander und sie einander das Jawort geben. Noch immer kann sie nicht fassen, dass der weltgewandte, charmante Mann ausgerechnet sie liebt, so unerfahren und talentfrei wie sie ist! Doch die Hochzeitsnacht, auf die die Tochter aus gutem Hause so hingefiebert hat, wird zu einem Fiasko, und all ihre süßen Träume zerbrechen: Eine bildschöne Fremde erscheint im Hochzeitshotel. Sie erwartet ein Kind von Leander! Melissa muss annehmen, dass der Mann ihres Herzens die ganze Zeit nur mit ihr gespielt hat.
Verzweifelt flüchtet Melissa aus dem Hotel und aus ihrer Ehe. Sie ist fest entschlossen, ihr Leben nun endlich in die eigenen Hände zu nehmen und ganz neu anzufangen - ohne Leander, ohne Liebe und ohne jeden finanziellen Rückhalt ...
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Flucht in der Hochzeitsnacht
Vorschau
Impressum
Flucht in der Hochzeitsnacht
Vom missglückten Start in die Ehe und einer zweiten Chance
Von Karen Sanders
Für die junge Melissa wird ein Märchen wahr, als der gut aussehende Leander und sie einander das Jawort geben. Noch immer kann sie nicht fassen, dass der weltgewandte, charmante Mann ausgerechnet sie liebt, so unerfahren und talentfrei wie sie ist! Doch die Hochzeitsnacht, auf die die Tochter aus gutem Hause so hingefiebert hat, wird zu einem Fiasko, und all ihre süßen Träume zerbrechen: Eine bildschöne Fremde erscheint im Hochzeitshotel. Sie erwartet ein Kind von Leander! Melissa muss annehmen, dass der Mann ihres Herzens die ganze Zeit nur mit ihr gespielt hat.
Verzweifelt flüchtet Melissa aus dem Hotel und aus ihrer Ehe. Sie ist fest entschlossen, ihr Leben nun endlich in die eigenen Hände zu nehmen und ganz neu anzufangen – ohne Leander, ohne Liebe und ohne jeden finanziellen Rückhalt ...
Die Sonne lugte bereits durch die Spalten der Jalousien, doch es war noch früh am Morgen. Melissa kuschelte sich tiefer in das Kissen. Ihr war, als wäre sie gerade eben erst eingeschlafen.
Was hatte sie geweckt? Sie war sich fast sicher, dass es das Surren eines Smartphones gewesen war. Leanders Smartphone. Mit geschlossenen Augen lauschte sie auf die Geräusche.
Der Mann neben ihr hatte sich im Bett aufgesetzt. Die Matratze bewegte sich leicht, als er sich nahezu lautlos erhob und sich ins angrenzende Badezimmer stahl.
Melissa wandte den Kopf und blinzelte aus verschlafenen Augen zur Tür, durch die er verschwunden war, um das Telefonat zu führen.
Was bitte konnte so wichtig sein, um ihren frischgebackenen Ehemann am frühen Morgen der Hochzeitsnacht zu wecken?
Ein leichter Kopfschmerz stieg, von ihrem Nacken ausgehend, bis in ihren Hinterkopf. Zu viel Champagner am Vorabend. Sie hatte sich einen kleinen Schwips angetrunken. Ob aus Feierlaune heraus oder um sich Mut zu machen. Es war die Nacht der Nächte! Die Nacht, die ihre Mädchenjahre beendete und sie zur Frau werden ließ.
Trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre hatte Melissa in Liebesdingen wenig Erfahrung. Ihre Mutter war früh verstorben. Ihre Schulzeit hatte sie in einem Schweizer Mädcheninternat verbracht. Bevor sie Leander getroffen hatte, waren alle Bekanntschaften unbedeutend gewesen. Er allein war der Richtige, auf den sie gewartet hatte. Ihr Traumprinz.
Und wie im Traum hatte sie sich auch gefühlt während der Zeit des Kennenlernens. Geschwärmt hatte sie ja von Anfang an für ihn, seit sie ihm während des Praktikums in der Firma ihres Vaters vorgestellt worden war. Und sie schwebte auf Wolke sieben, als sich der um acht Jahre ältere Mann tatsächlich für sie interessierte.
Gut aussehend, hochgewachsen, mit kantigen Gesichtszügen und blitzblauen Augen, trafen ihn so manch bewundernde Blicke der Kolleginnen in der Firma. Doch Leander interessierte sich für keine von ihnen; er blieb der distinguierte Geschäftsmann, der in gehobener Position die Aufgaben zuteilte und für den nichts als die Arbeit zu zählen schien.
Melissa konnte ihr Glück kaum fassen, als er sich über das Geschäftliche hinaus um sie bemühte, sie um ein Rendezvous bat und sie einlud – zuerst in das Restaurant, ins Theater, zum Konzert ...
Sie war die Auserwählte, die sich in sein Herz geschlichen hatte. Sicher, sie war eine ganz ansehnliche Person mit ihrer schlanken Taille, dem naturblonden Haar und den ebenmäßig geschnittenen Gesichtszügen. Doch manchmal konnte sie noch immer nicht glauben, dass sich der weltgewandte Mann tatsächlich in sie, die junge Tochter des Chefs verliebte, ein Mädchen ohne Lebenserfahrung, Talente oder Begabungen, die sie ausgezeichnet hätten.
Und dennoch war sie die Auserkorene, der er den Verlobungsring ansteckte, kaum dass sie mit Ach und Krach ihr Studium beendet und ihre Bachelor-Arbeit in Betriebswirtschaft geschrieben hatte.
Und sie war so verliebt in ihn! Die rauschende Hochzeitsfeier, nachdem sie ihm ihr Jawort auf dem Standesamt gegeben hatte, war der krönende Abschluss gewesen. All ihre Verwandten und Freundinnen waren gekommen. Ihr Vater hatte manch wichtigen Geschäftspartner eingeladen.
Harmonisch und ohne peinliche Zwischenfälle lief alles glatt. Das fröhliche Lachen und die Glückwünsche der Hochzeitsgäste hallten noch in ihren Ohren nach. Und doch ... Irgendetwas hatte gefehlt!
Leander blieb ein bisschen sehr zurückhaltend, ein wenig zu höflich, etwas unnahbar. Sein Lächeln, seine freundlichen Worte, selbst seine Haltung während des Walzers, des obligatorischen Hochzeitstanzes, war formvollendet und ließ ein wenig Herzlichkeit vermissen.
Vielleicht war er ebenso aufgeregt wie sie selbst. In der Vergangenheit hatte es so manch zärtliche Küsse zwischen ihnen gegeben, die ihr Herz hatten höherschlagen lassen, doch stets hatte er in ihr Ohr geflüstert, bis zur Hochzeitsnacht warten zu wollen.
Und Melissas Himmel hing voller Geigen. Zumindest war es bis gestern so gewesen ...
Es war ungewohnt für sie gewesen, neben einem Mann einzuschlafen, selbst wenn es ihr Ehemann war. Und in ihrem Kopf hatten allzu sehr die unliebsamen Gedanken herumgespukt, was sie denn wohl falsch gemacht haben könnte. Lange hatte sie neben ihm wach gelegen, stocksteif und mit flachem Atem, um ja keine Geräusche zu verursachen.
Diese Nacht der Nächte hatte sie sich anders vorgestellt!
Dabei konnte sie ihm kaum einen Vorwurf machen. Er war zärtlich gewesen, rücksichtsvoll, auf ihr Wohlbefinden bedacht. Ein bisschen zu sehr achtete er auf Melissas Unerfahrenheit, hielt seine eigene Leidenschaft zurück, als ginge es nur darum, sie nicht zu überfordern.
Dabei wünschte sie sich genau das: Reiche Sinnesfreuden, lustvolles Vergnügen, eine heiße Liebesnacht. Nun war sie ein wenig desillusioniert, ohne genau sagen zu können, woran es eigentlich lag.
Hatte sie dem Ganzen zu viel Bedeutung beigemessen? Zu viel erwartet? Oder war es einfach ihre Unerfahrenheit, die verhinderte, dass sie ihre Zweisamkeit vollkommen genießen konnten.
Melissa seufzte. Plötzlich hatte der Mann im Bett neben ihr wie ein Fremder gewirkt, und sie hatte sich unwohl in seinen Armen gefühlt. Insgeheim war sie froh gewesen, als er sie frei gegeben und sich auf seine Seite gerollt hatte. Sie vernahm nur noch sein verhaltenes, kaum wahrnehmbares Stöhnen, ein Laut, in dem Bedauern und Unzufriedenheit lagen. Sie selbst blieb ganz still und gab vor, eingeschlafen zu sein. Nicht wie seine Ehefrau fühlte sie sich jetzt, sondern mehr denn je wie das kleine, verunsicherte Mädchen.
Melissa zog die Beine an, die Knie hoch an ihre Brust, und sie machte sich ganz winzig.
Leander trat aus dem Badezimmer, und ein leichtes Zittern überlief ihren Körper, der nur von dem hauchzarten, durchsichtigen Negligé bedeckt war.
Würde er sich ihr erneut nähern? Seine Bedürfnisse einfordern? Sie so lieben, wie es ein frischgebackener Ehemann tat? Ohne die Zurückhaltung und die übertriebene Vorsicht, die er Melissa in der Nacht zuvor hatte spüren lassen?
Doch er griff nur nach seiner Kleidung, die er über einem Stuhl hatte liegen lassen, schlüpfte in die Hose und das weißseidene Oberhemd.
Melissa kniff rasch ihre Augen zu, als er einen Blick auf sie warf. Das Hotelzimmer lag im Halbdunkel. Und als Melissa unter den Lidern hervorblinzelte, erkannte sie nur noch seinen Schatten, der sich davonschlich.
An Schlaf war nicht mehr zu denken. Bis zum geplanten Brunch, zu dem sich die auswärtigen Hochzeitsgäste ein letztes Mal treffen und für die Abreise stärken konnten, war noch reichlich Zeit. Am späten Nachmittag sollte ihr Flug in die Flitterwochen starten. Vierzehn Tage Malediven. Strand und Meer pur.
Melissa schob die Beine über die Bettkante und setzte sich auf. Ihr bauschiges Brautkleid aus weißer Seide hing über einem Bügel am Schrank. Wie eine Prinzessin hatte sie sich gestern während der Trauung gefühlt. Für einen Augenblick lang rief sie das Hochgefühl in ihr Bewusstsein zurück. Sie war glücklich. Und Leander war ihr Traummann. Das Leben konnte nicht schöner sein. Davon musste sie sich nicht erst selbst überzeugen.
Doch was hatte ihn dazu veranlasst, sich leise in den frühen Morgenstunden aus der Hochzeitssuite zu schleichen? Der Telefonanruf musste wichtig gewesen sein, sonst hätte er bestimmt nicht seine frischangetraute Frau verlassen. War etwas mit ihrem Vater?
Unruhig erhob sich Melissa aus dem breiten Ehebett. Ihre Koffer standen für die Hochzeitsreise gepackt im Vorraum. Schon wollte sie nach dem hauchzarten Morgenrock greifen, entschied sich dann aber doch für den eleganten Hosenanzug, den sie für den heutigen Tag bereitgelegt hatte. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, strich sich kurz mit den Händen über ihr halblanges Haar, um die wirren Strähnen zu glätten, und huschte hinaus auf den Hotelflur.
Die Bewegungsmelder schlugen an und beleuchteten den Gang, der mit blassrotem Teppich im Fleur-de-Lys-Lilienmuster belegt war. Alles war still, die Türen zu den angrenzenden Hotelzimmern waren geschlossen. Der Fahrstuhl am Ende des Ganges führte hinab zum Eingangsbereich und zu dem Frühstückszimmer, das sie speziell für ihre Gäste und den Hochzeits-Brunch reserviert hatten.
Eine Tasse Kaffee wäre jetzt schön. Der würde ihre Lebensgeister wecken und sie für das stärken, was dieser Tag noch bringen mochte. Womöglich hatte Leander das gleiche Bedürfnis verspürt, und sie konnte ihn dort unten antreffen.
Tatsächlich war das Hotelpersonal schon auf den Beinen. Es summte förmlich vor Betriebsamkeit. Kaffeeduft erfüllte die Räume.
Die breite, verglaste Doppelflügeltür zum Frühstückszimmer stand einen Spalt offen, und prompt hörte sie die volltönende Stimme ihres Vaters aus dem hellen, freundlichen Raum klingen.
Schon wollte Melissa die Tür aufziehen, um hineinzugehen, als sie durch die blank geputzte Glasscheibe hindurch eine fremde Frau erblickte, die sehr aufgebracht wirkte. Leander stand vor ihr, hatte Melissa jedoch den Rücken zugewandt und seine Hände lässig in den Taschen seiner dunklen Anzughose vergraben. Die massige Gestalt von Richard Solberg, Melissas Vater, baute sich neben ihm auf und verdeckte halb die fremde Person.
Erst als diese einen Schritt zurückwich, als wäre sie von den beiden Männern eingeschüchtert, erkannte Melissa die untrüglichen Hinweise einer fortgeschrittenen Schwangerschaft. Ihr runder, vorgewölbter Bauch ließ keine andere Schlussfolgerung zu.
»Zehntausend Euro und keinen Cent mehr. Das biete ich Ihnen für Ihr Schweigen!«, hörte Melissa die sonore, tragende Stimme ihres Vaters durch den offenen Türspalt.
Er war aufgebracht, sprach lauter als normalerweise in seinem befehlsgewohnten Ton, den er in der Firma anschlug.
»Zehntausend? Damit kann ich doch nicht ein Kind großziehen«, entgegnete die fremde Frau verzweifelt, das Gesicht tränennass und zu einer jammervollen Miene verzogen. »Leander«, wandte sie sich Hilfe suchend an den jungen Mann. »Wenn du mich je geliebt hast, dann denk an dein Kind. Du kannst mich doch nicht so einfach abspeisen, alles vergessen, was zwischen uns gewesen ist, dein Fleisch und Blut verleugnen ...«
»Lass es gut sein, Charlotte. Mit der Abfindung bist du gut bedient. Ich lege noch einmal den gleichen Betrag obendrauf. Und zusammen mit der Wohnung, deren Mietkosten ich noch für ein halbes Jahr vorfinanziert habe, bist du gut abgesichert.«
»Die Wohnung sollte für uns gemeinsam sein, Leander!« Die schwangere Frau schluchzte protestierend auf. »Und jetzt verlässt du mich – wegen einer anderen. Warum? Weil ich ein Kind erwarte? Nicht mehr so hübsch bin wie deine neue Frau? Oder einfach deshalb, weil sie mehr Geld hat?«
Melissa erschrak, als sie die Worte der Fremden vernahm. Ein eiskalter Schauer durchzuckte ihren Körper. Und sie lauschte beklommen, als Leander weitersprach:
»Ich bin jetzt verheiratet, Charlotte! Ich habe dir bereits mitgeteilt, unser Verhältnis müsse ein Ende haben. Deine Ansprüche an mich sind haltlos. Und nun gehst du besser, bevor meine Gäste hier erscheinen und einen Skandal wittern. Meinen Schwiegervater zu kontaktieren, um Geld von ihm zu erbetteln, ist Dreistigkeit genug. Dass du mich mit deinem Kind erpresst, erachte ich als bodenlose Frechheit. Hüte dich, Charlotte! Ich werde deine Impertinenz nicht dulden. Wenn du mir Schwierigkeiten bereitest, wirst du mich erst so richtig kennenlernen.«
»Du gemeiner Kerl!« Die verzweifelte Frau schlug die Hände vor ihrem Gesicht zusammen. »Das habe ich nach all der Zeit mit dir nicht verdient. Dass du so grausam sein kannst! Ich werde gehen, wie du es wünschst. Was bleibt mir auch anderes übrig?«
»Ja, geh, Charlotte!«, entgegnete Leander kaltherzig, seine Stimme klang tief und bedrohlich. »Wage nicht, dich mir noch einmal zu nähern. Und üble Nachrede werde ich umgehend anzeigen. Glaub es mir!« Leander wandte sich ab, trat an das breite Fenster, wo bereits Melissas Vater stand und auf die Parkanlage hinausstarrte.
Melissa prallte zurück, als die fremde Frau, Charlotte, mit tränenblinden Augen hinausstürmte. Fast wäre sie in Melissa hineingelaufen.
»Sie!«, fuhr die Fremde sie aufgebracht an, das Gesicht zu einer grimmigen Maske verzerrt. »Leanders Frau!« Die Worte spuckte sie ihr förmlich mit höhnischer Stimme vor die Füße. Nur um eine Sekunde und einen tiefen Atemzug später leise und erbittert hinzuzufügen: »Leander und ich haben uns geliebt. Ich war es, die er heiraten wollte. Und meinem ungeborenen Kind wäre er ein guter Vater gewesen. Aber dann kamen Sie daher. Die Tochter seines Chefs.«
Charlotte verzog bitter das Gesicht. »Pff. Und der Alte wollte ihn unbedingt haben – als Schwiegersohn und für seine Firma. Damit kann ich natürlich nicht konkurrieren. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben das Rennen gemacht ... Und mich ... mich haben Sie ins Unglück gestürzt!« Damit rauschte sie weinend an Melissa vorbei.
♥♥♥
Die Worte hallten in Melissas Kopf nach wie Alarmglocken. In ihren Ohren summte es. Ihr wurde schwindlig, und schwarze Schemen zogen vor ihren Augen vorbei und verengten ihren Blick. Sie schnappte nach Luft, bemerkte jetzt erst, dass sie den Atem für mehrere Sekunden lang angehalten hatte.
Während sie zusah, wie die schwangere Frau aus der Hotelhalle eilte, so schnell, wie es ihr Zustand nur erlaubte, stand sie wie festgewurzelt auf der Stelle, mit weichen, wackeligen Knien und einem flauen Gefühl im Magen. Übelkeit breitete sich in ihr aus, und sie spürte, wie Galle in ihr emporstieg.
Da hörte sie, wie jemand ihren Namen rief, und ihr Kopf fuhr herum. Leander stand plötzlich vor ihr und griff nach ihren Armen. Sein Gesicht war starr und nicht zu deuten, nur in seinen Augen blitzte ein Gewitter auf, das Melissa erschaudern ließ. Kalt und unnahbar wirkte er in diesem Moment.
So hatte ihn Melissa noch nie erlebt. Und ihr war, als sähe sie ihn zum ersten Mal richtig, als zeigte er nun erst seine wahre Natur und seinen berechnenden Charakter.
»Melissa! Wie lange stehst du schon hier? Hast du alles mit angehört? Das ist bedauerlich. Die unerfreuliche Szene hätte ich dir gerne erspart. Du solltest noch schlafend im Bett liegen.«
»Das Telefon hat mich geweckt«, stammelte Melissa, deren Hirn noch wie in Watte gepackt wirkte. Sie hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu formen.
»Das tut mir leid«, erwiderte Leander. »Dein Vater hat mich verständigt. Die Rezeptionistin wagte es nämlich nicht, mich nach der Hochzeitsnacht so früh aus dem Bett zu klingeln, doch die verrückte Person ließ sich nicht abweisen.«
Melissas Blick huschte zu ihrem Vater hinüber, der jetzt ebenfalls aus dem Frühstückszimmer trat.
Er rieb sich den Nacken, fühlte sich offensichtlich unbehaglich und knurrte einen kurzen Kommentar:
»Das könnt ihr in eurem Zimmer klären. Wir wollen hier kein Aufsehen erregen.«
Melissa riss sich aus der festen Umklammerung ihres Mannes und rieb sich die Arme.
»Was gibt es da noch zu klären?«, fauchte sie. »Du hast ein Verhältnis! Und deine Geliebte eiskalt abserviert. Wusstest du bereits, dass sie schwanger ist, als du mir den Antrag gemacht hast?«
»Alles, worauf Charlotte abzielt, ist Geld«, entgegnete Leander gefasst. »Und nun beruhige dich bitte ...«
»So leicht stellst du dir das vor? Mich beruhigen, vergessen, was ich soeben erfahren habe? Dass du mich betrogen hast? Wer weiß, wie lange schon? Und dass du Vater wirst? Du bekommst mit einer anderen Frau ein Baby – einer Frau, die du nun leichtfertig mit einer läppischen Summe abfindest.«
Melissa schüttelte den Kopf und taumelte zurück, als er einen Schritt vortrat.
»Rühr mich nicht an!«, keuchte sie mit. Sein strenges Gesicht verschwamm vor ihren Augen, die sich mit Tränen füllten, Tränen des Zorns und der Enttäuschung. »Und mein Vater, der wusste alles und tut so, als wäre es das Normalste der Welt, dass sein Schwiegersohn eine Geliebte nebenher hat.«
»Stopp!«, rief Richard Solberg mit hochrotem Kopf. »Um das zu beurteilen, bist du zu jung und unerfahren.« Er legte seinem Schwiegersohn eine Hand auf die Schulter.
Melissa glaubte, ihr Kopf würde jeden Moment zerspringen. Es war zu viel, was auf einmal auf sie einstürmte. Angeekelt verzog sie die Lippen. Und mit einem letzten erstickten Aufschrei drehte sie sich um und stürmte davon.
Sie nahm die Treppe, denn sie war zu ungeduldig, um auf den Aufzug zu warten. Nur weg von hier, das wollte sie! Den Anblick ihres Ehemannes und ihres Vaters keinen Moment länger ertragen.
