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Seit dem Tod ihrer Schwester Mia ist Melanie die wichtigste Bezugsperson für deren kleinen Sohn Fabian. Doch eine Frage lässt sie nicht los: Wer ist Fabians Vater? Die einzige Spur führt zurück zu Mias ehemaliger Schulklasse - und zu einem bevorstehenden Klassentreffen, das zur Bühne für Melanies mutigsten Schritt wird. Kurz entschlossen reist sie an Mias Stelle zu dem Treffen - als Doppelgängerin. Niemand soll ahnen, wer sie wirklich ist. Doch das Spiel mit der Identität wird zur emotionalen Gratwanderung, als sie Derik, einen von Mias früheren Freunden, begegnet. In seinen Blicken spürt Melanie eine Nähe, die sie nicht erwartet hat - und die gefährlich echt ist. Während sie sich immer tiefer in ein Netz aus alten Erinnerungen, verpassten Chancen und verschwiegenem Schmerz verstrickt, steht nicht nur die Wahrheit über Fabians Herkunft auf dem Spiel, sondern auch ihr eigenes Herz ...
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Verhängnisvolles Klassentreffen
Vorschau
Impressum
Verhängnisvolles Klassentreffen
Melanie sucht nach der Wahrheit – und nach der Liebe
Von Karen Sanders
Seit dem Tod ihrer Schwester Mia ist Melanie die wichtigste Bezugsperson für deren kleinen Sohn Fabian. Doch eine Frage lässt sie nicht los: Wer ist Fabians Vater? Die einzige Spur führt zurück zu Mias ehemaliger Schulklasse – und zu einem bevorstehenden Klassentreffen, das zur Bühne für Melanies mutigsten Schritt wird.
Kurz entschlossen reist sie an Mias Stelle zu dem Treffen – als Doppelgängerin. Niemand soll ahnen, wer sie wirklich ist. Doch das Spiel mit der Identität wird zur emotionalen Gratwanderung, als sie Derik, einen von Mias früheren Freunden, begegnet. In seinen Blicken spürt Melanie eine Nähe, die sie nicht erwartet hat – und die gefährlich echt ist.
Während sie sich immer tiefer in ein Netz aus alten Erinnerungen, verpassten Chancen und verschwiegenem Schmerz verstrickt, steht nicht nur die Wahrheit über Fabians Herkunft auf dem Spiel, sondern auch ihr eigenes Herz ...
Endlich Wochenende! Melanie parkte ihren Kleinwagen in der Garage und ließ das Tor per Knopfdruck herunterfahren. Im Vorgarten des Einfamilienhauses verströmten die Blumen ihren zarten Duft und verzauberten mit ihrer Farbenpracht den doch noch recht frischen Frühlingstag.
Melanie atmete tief durch und dehnte ihre verspannten Schultern. Nachdem sich einige ihrer Kolleginnen den grassierenden Erkältungsvirus eingefangen hatten und auf der Arbeit ausgefallen waren, hatte sie Überstunden gemacht, um die liegengebliebenen Aufgaben abzuarbeiten. Als medizinisch-technische Assistentin in einem Labor für DNA-Analyse und Forensische Genetik war Melanie den Zeitdruck gewöhnt. Das Institut arbeitete mit der Polizei und dem Landeskriminalamt zusammen. Enge Terminvorgaben waren an der Tagesordnung.
Aus dem Briefkasten lugte die abonnierte Fernsehzeitschrift hervor. Melanie zog sie heraus und fischte gleichzeitig zwei, drei Briefe aus dem Schlitz.
Im Haus war es warm und ruhig. Offensichtlich war ihre Mutter unterwegs, um Fabian vom Fußballtraining abzuholen. Ihr kleiner Neffe war begeistertes Mitglied der hiesigen Junioren-Mannschaft und das Fußballfeld der geeignete Platz für den Wirbelwind, um sich abzureagieren.
Ein Lächeln überflog Melanies Lippen, wenn sie an ihren Neffen dachte. Der lebhafte Junge war ihr Sonnenschein und ein Geschenk des Himmels, das ihrer kleinen Familie Halt und Trost in einer von Trauer und Mutlosigkeit geprägten Zeit gespendet hatte.
Eine Tasse Kaffee würde ihre Lebensgeister wieder wecken, beschloss Melanie, während sie die Post auf den Küchentisch fallen ließ und die Maschine startete. Das aromatische Gebräu floss in ihre Lieblingstasse, und sie schnupperte genüsslich den aufsteigenden Duft.
Sie setzte sich an den Küchentisch, legte ihre Beine über den Stuhl daneben und pustete in das heiße Getränk, bevor sie den ersten Schluck nahm.
Die Fernsehzeitschrift schob sie beiseite. Werbung einer Gewinnspielgesellschaft würde ungeöffnet in den Müll wandern. Das zweite Kuvert beinhaltete zweifellos eine Rechnung, und der dritte Brief ...
Melanie stutzte. Sie las die handschriftlich verfasste Adresse auf dem weißen Kuvert, blinzelte und guckte ein zweites Mal hin. Ein Versehen? Ein schlechter Scherz? Wie eingefroren starrte sie auf den Briefumschlag. Mia Steinhilber stand da, und prompt verschwamm die Schrift, als sich Melanies Augen mit Tränen füllten.
Fahrig wischte sie sich mit einer Hand darüber, um ihren Blick zu klären. Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Brief umdrehte und auf der Rückseite den Absender des Schreibens entdeckte: Stefanie Böhmer! Stefanie ...?
Das sagte ihr etwas. Ganz leise glomm die Erinnerung in ihrem Hinterkopf auf. Stefanie war eine Freundin ihrer Schwester gewesen. Ihre beste Freundin sogar! Doch weshalb schrieb sie einer Toten?
Der Brief entglitt ihren Händen, als sich die Haustür öffnete und laut lärmend und unüberhörbar ihr Neffe hereinstürmte, gefolgt von Melanies Mutter.
»Du bist schon zu Hause? Wunderbar!«, rief Ellen Steinhilber, eine schlanke, fast ein wenig zu zierliche Person, der man ihr wahres Alter nur ansah, wenn man die steile Falte zwischen ihren Augenbrauen und die leichten Knitterfältchen an der Stirn betrachtete, welche vergangener Kummer und Sorgen in ihr Gesicht gemalt hatten.
Jetzt zog sie ebendiese Stirn in noch tiefere Falten: »Alles in Ordnung bei dir?«
Mit ihren sensiblen Antennen hatte sie Melanies verwirrte Miene wahrgenommen und auch die hastige Bewegung bemerkt, mit der ihre Tochter den Brief unter der Fernsehzeitschrift verschwinden ließ.
Melanie sah auf. Später! formten ihre Lippen lautlos, und ihr Blick wanderte bedeutsam hinüber zu Fabian, der sich gerade durstig eine Limonadenflasche schnappte und an den Mund setzte, ohne sich erst die Mühe zu machen, nach einem Glas zu langen.
»Was gibt's zum Essen?«, fragte der Knilch. Noch keine zehn Jahre alt, aber groß und kräftig, seine Mitschüler bei weitem überragend, hatte er ständig Hunger, als befände er sich bereits in einer frühpubertären Phase.
»Essen gibt's erst in einer Stunde, du kleiner Dreckspatz. Ab unter die Dusche«, befahl Ellen Steinhilber mit einem sanften Lächeln, welches ihren Worten jede Schärfe nahm.
»Ach nö«, maulte Fabian. »Bis dahin bin ich verhungert!«
»Dann nimm dir einen Keks!«
Melanie schüttelte den Kopf. »Verwöhn ihn doch nicht so, Mama! Er stopft sich eh schon zu viele Schokoriegel rein.«
»Pfft!«, machte Fabian und streckte seiner jungen Tante die Zunge heraus, was Melanie mit einer drohenden Grimasse quittierte, die nur gespielt war.
»Kindsköpfe! Manchmal weiß ich nicht, wer von euch beiden noch das Kind ist«, bemerkte Ellen Steinhilber.
Doch als der Kleine abgezogen war und sie ihn die Treppe nach oben stampfen hörten, wo sich die Schlafzimmer und das Bad befanden, wandte sich die ältere Frau besorgt an ihre Tochter.
»Was ist geschehen? Versteckst du etwas vor mir?«
Melanie schüttelte leicht den Kopf und holte den Briefumschlag unter der Zeitschrift hervor. »Sieh her! Das ist heute mit der Post gekommen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.«
Ellen Steinhilber schielte über Melanies Schulter. Als sie die Anschrift las, sog sie scharf die Luft ein. »Mia ...«, hauchte sie und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. Ihre Wangen waren blass geworden. »Von wem ist der Brief?«
»Von Stefanie Böhmer!«
»Mias Schulfreundin? Aber ... kann es sein, dass sie ...«
Melanie rang die Hände. »Gut möglich! Als wir hierhergezogen sind, weit weg von Zuhause, sind alle Kontakte von damals abgebrochen.«
»Dein Vater ist nach der Scheidung mit seiner neuen Partnerin ins Ausland gegangen. Und Mia, mein armes kleines Mädchen, hat ihre Schwangerschaft verheimlicht, obwohl sie da schon im dritten Monat war. Keinem hat sie sich anvertraut, nicht einmal mir, ihrer Mutter.«
»Deshalb war sie auch gleich damit einverstanden, das Allgäu zu verlassen und umzuziehen, sobald sie ihr Abitur in der Tasche hatte. Wie sie den Abschluss geschafft hat, ist mir noch heute ein Rätsel. Sie hat doch nie gelernt!«
»Sie war eben anders als du!«, nahm die Mutter ihre ältere Tochter in Schutz. »Kam mehr nach ihrem Vater, war immer fröhlich und unternehmungslustig. Bei allen war sie beliebt.«
Melanie senkte den Blick und drehte den Brief in ihren Händen. Sie, die Jüngere, hatte vieles von dem, was damals mit ihrer Schwester geschehen war, nicht mitbekommen. Sie hatten sich äußerlich zwar geglichen, waren aber innerlich zwei grundverschiedene Charaktere gewesen.
»Streberin«, hatte Mia sie oft verhöhnt und Melanies gute Schulnoten schulterzuckend abgetan. »Bücherwurm und langweilige Stubenhockerin!« Und so kam es, dass die beiden, obwohl nur drei Jahre Altersunterschied zwischen ihnen lagen, nicht viel miteinander anfangen konnten und sich meist aus dem Wege gingen.
Die guten Erinnerungen an ihre Schwester lagen weiter zurück in ihrer Kindheit, als sie noch kleine Mädchen gewesen waren und sie alle, zusammen mit Vater und Mutter, eine glückliche Familie. Die zunehmenden Streitigkeiten ihrer Eltern jedoch, die Traurigkeit ihrer Mutter, wenn der Vater wieder einmal abends nicht nach Hause kam, hatten ihrem Gemüt schwer zugesetzt und sich wie ein Schatten auf ihre junge Seele gelegt.
Im Nachhinein machte sie sich Vorwürfe. Sie hätte sich mehr für die große Schwester interessieren sollen. Hätte bemerken müssen, wie sprunghaft und überspannt sie geworden war.
Auch ihre Mutter hatte sich Vorwürfe gemacht und tat es noch heute. Das wusste Melanie. Mit dem Umzug in ein neues Leben, dorthin, wo ihre einzige Verwandte, eine Großtante, wohnte, sollte alles anders werden. ... und mündete doch in einer Katastrophe.
»Soll ich ihn öffnen?«, fragte Melanie beklommen.
Ellen Steinhilber nickte, als habe es ihr die Sprache verschlagen. Sie legte ihre Hände aneinander, wahrscheinlich um ihr Zittern zu verbergen. Nach annähernd zehn Jahren einen Brief aus der alten Heimat zu empfangen, adressiert an ihre Tochter, war keine Kleinigkeit. Als wäre Mia nie verstorben! Als lebte sie noch immer unter ihnen ...
Melanie schluckte trocken. Vorsichtig riss sie den Umschlag auf und holte zwei Bögen Papier heraus. Als sie diese entfaltete, offenbarte sich eine geschwungene, klare Handschrift, die den Briefbogen zur Hälfte bedeckte.
Melanie musste sich zweimal räuspern, bevor sie zu lesen begann:
Liebe Mia,
du wunderst dich sicher, nach so langer Zeit Post von mir zu erhalten. Aber du treulose Tomate hättest dich ja auch mal melden können. Fast hätte ich deine Adresse nicht gefunden, die du mir damals kurz vor eurer Abreise auf einen Zettel gekritzelt hast. Ich habe keine Ahnung, ob die Anschrift noch stimmt und dich das Schreiben erreichen wird. Im Internet und auf »Social Media« warst du jedenfalls nicht zu finden.
Auf Anregung ein paar alter Schulfreunde – die meisten haben sich in alle Winde zerstreut – organisiere ich zu unserem zehnjährigen Abi-Jubiläum ein Klassentreffen. Ich hoffe, du lässt uns nicht im Stich. Es würde mich jedenfalls sehr freuen, dich wiederzusehen.
Es grüßt dich (keine Absage akzeptierend)
deine BFF (Best Friend Forever) Stefanie
»Beste Freundin für immer«, murmelte Melanie leise vor sich hin, während sie den zweiten Bogen Papier betrachtete, eine Kopie des Werbeprospekts: »Berghotel Almrose«. Darunter befand sich die Notiz: Hier habe ich Betten für euch reserviert. Wer nicht zum verlängerten Wochenende bleiben kann, melde sich bitte persönlich dort ab!
Das genaue Datum folgte. Ein Termin bereits in vier Wochen. Knapp bemessen für die Leute, die Arbeit und Familie unter einen Hut bekommen wollten.
Melanie legte das Schreiben ab. Plötzlich fühlte sie sich wie erschlagen. Ihr Kopf war leer. Ratlos blickte sie ihre Mutter an.
»Wir müssen absagen«, flüsterte diese, die Augen dunkel und tief in den Höhlen. Der Schmerz, der nicht vergangen war, über den die Zeit jedoch eine dünne Schicht des Selbstschutzes gelegt hatte, riss wieder auf.
Kummervoll wandte sich Ellen Steinhilber ab. »Ich muss das Abendessen vorbereiten.«
Melanie raffte die Blätter zusammen und erhob sich ebenfalls von ihrem Platz. Den letzten Schluck ihres kalt gewordenen Kaffees nahm sie im Stehen.
♥♥♥
»Hast du deine Schularbeiten gemacht?«, fragte Melanie ihren Neffen. Er hatte sich den Bauch tüchtig vollgehauen und sich auf das Sofa vor den Fernsehapparat geworfen.
»Kann ich morgen noch machen. Da ist Samstag«, murrte Fabian, der kein Auge von dem Zeichentrickfilm ließ.
»Na gut!«, gab sie nach und setzte sich neben den Jungen. Es dauerte keine Minute, da rutschte der kleine Kerl näher an sie heran und kuschelte sich an ihre Seite.
Melanie strich ihm übers Haar, legte einen Arm um ihn und zog ihn noch näher an sich heran. Letztendlich war er doch nur ein Kind, das Zuneigung und Geborgenheit suchte.
Ohne Eltern aufzuwachsen, schien ihm zunächst nichts auszumachen, hatte er doch Melanie und seine Oma, die sich um ihn kümmerten und für ihn sorgten. Doch mit der Schulzeit hatten auch seine Fragen begonnen, und es war nicht leicht, ihm diese kindgerecht zu beantworten.
Melanie sah nicht die bunten Bilder, hörte nicht die quietsch-grellen Stimmen der animierten Trickfilmfiguren, die über den Bildschirm huschten. Ihre Gedanken schweiften ab in die Vergangenheit.
Nicht mehr fähig dazu, sich selbst zu versorgen, hatte ihnen die gutbetuchte Großtante ihr Häuschen am Stadtrand überschrieben und sich in eine Seniorenresidenz verabschiedet. Melanies Mutter hatte sie aus Dankbarkeit regelmäßig besucht, bis die alte Dame friedlich entschlafen war.
Mias Bauch war stetig gewachsen und ihr Zustand bald nicht mehr übersehbar. Sie weigerte sich strikt, den Namen des Vaters bekanntzugeben. Da half alles gute Zureden nichts.
Melanie hatte oft spekuliert, wer von Mias damaligen Freunden verantwortlich sein könnte. Doch obwohl sie die gleiche Schule besucht hatten, war sie doch drei Klassen unter ihr gewesen und hatte so gut wie nichts von Mias Umfeld mitbekommen, zumal diese ihre kleine Schwester immer links liegen ließ.
Während Melanie sich mit den geänderten Lebensverhältnissen schwertat, der Scheidung ihrer Eltern, dem Umzug in ein neues Bundesland, weit weg von den Bergen und den grünen Tälern des Allgäus, begann Mia sofort, das neue Umfeld zu erkunden.
Sorglos und unbekümmert, als wäre ihre fortschreitende Schwangerschaft überhaupt kein Problem, genoss sie ihre freie Zeit und dachte nicht an das Morgen. Ihre Mutter achtete darauf, dass Mia ihre Termine zur Schwangerschaftsvorsorge einhielt, und kümmerte sich um alles andere, während ihre lebenslustige Tochter ihrer Frohnatur freien Lauf ließ und sich ansonsten in nichts dreinreden ließ.
Der Tag, an dem Mia wieder einmal ihr Fahrrad nahm, um in die Stadt zu radeln, stand Melanie noch vor Augen. Mutter hatte geschimpft, dass dies in ihrem Zustand nicht mehr angebracht sei. Doch Mia, die völlig beschwerdefrei kaum etwas von ihrer Beweglichkeit eingebüßt hatte, winkte nur lachend ab. Kaum war ihre Mutter außer Sichtweite, nahm sie den Sturzhelm ab und setzte den Kopfhörer auf. Beschwingt von der Musik, fuhr sie los in Richtung Innenstadt.
Von der Seitenstraße ihres Wohngebietes kommend, bog sie in die große Kreuzung ein, hörte und sah nicht das von rechts nahende Fahrzeug, welches mit quietschenden Bremsen der unaufmerksamen Radlerin noch ausweichen wollte. Doch da war es schon zu spät ...
Der Rettungswagen war in Minutenschnelle da. Hätte Mia einen Helm getragen, wäre alles vielleicht noch einmal gut ausgegangen, so aber verstarb sie innerhalb kurzer Zeit an den Folgen der schweren Kopfverletzung. Das Baby wurde per Notkaiserschnitt geholt. Ein kleines, noch keine zweitausend Gramm wiegendes Frühchen.
Die Ärzte prognostizierten eine gute Entwicklungschance, waren doch seine Organe bereits hinreichend ausgebildet. Und der Säugling entwickelte einen sturen Überlebenswillen, nahm rasch zu und konnte bald entlassen werden.
Melanie und ihre Mutter tauften den kleinen Kerl auf den Namen Fabian. Ein Jungenname, den Mia bereits für ihn ausgesucht hatte und der das Einzige blieb, was er von seiner Mutter erhalten sollte.
Denn wie sich später herausstellte, wollte der Knabe mit seinem dunkleren Haar und den braunen Augen so gar nicht zum vorherrschend helleren Typus ihrer Familie passen. Demnach musste dieser Einschlag von seinem Vater stammen. Einem Vater, nach dem Fabian sich über kurz oder lang erkundigen würde. Und weder Melanie noch ihre Mutter würden ihm antworten können.
Melanie drückte ihren kleinen Neffen noch etwas fester an sich. Er war alles, was ihnen von Mia geblieben war, und ein Rettungsanker während der schlimmen Zeit, als sie in Trauer versunken waren. Die Aufgabe, den Säugling allein aufzuziehen und ihm den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen, hatte sie davon abgehalten, in ein schwarzes Loch zu fallen. Doch ein Schatten blieb, lastete auf ihrer Seele und schmerzte immerwährend.
Stefanies Brief hatte zu ihnen gefunden, auch wenn nur Ellen und Melanie Steinhilber auf dem Schild am Briefkasten stand. Mia war nicht mehr da. Aber in den Köpfen ihrer Freunde lebte sie weiter. Und irgendetwas in Melanie sträubte sich dagegen, ihnen die Illusion zu rauben. Es wäre fast wie ein erneutes Abschiednehmen.
Später am Abend, als Fabian längst in dem kleinen Zimmer verschwunden war, welches einmal – wenn auch nur für sehr kurze Zeit – seiner Mutter gehört hatte, holte Melanie die Schachtel hervor, in der sich Mias alte Schätze befanden. Ein kleiner, zerzauster Teddybär, eine Haarbürste mit passendem Handspiegel, ein paar Ansichtskarten, das Jahresbuch der Abi-Abschlussklasse.
Melanie öffnete die mit Muscheln verzierte Schmuckdose, in der sich das goldene Kettchen mit dem Anhänger befand, ein Geschenk ihres Vaters zu Mias Konfirmation, ganz ähnlich dem, welches auch Melanie besaß und bisweilen noch trug. Lange betrachtete sie das Bild auf Mias Personalausweis. Sie hatte ihn erst mit achtzehn neu ausstellen lassen, für die Klassenfahrt nach England. Er war seit drei Jahren abgelaufen.
