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Eigentlich hat Sandra gedacht, ihr Zukunftsglück sei gesichert: Als angestellte Tierärztin hat sie ihren Traumberuf gefunden, mit dem attraktiven Matthias ist sie verlobt, sie wohnen zusammen in einer schicken Wohnung und stehen auch finanziell gut da.
Doch von einem auf den anderen Tag ändert sich alles schlagartig, als Sandra erkennen muss, dass Matthias sie auf furchtbare Weise hintergangen hat. Die junge Frau weiß nur eines: Sie kann nicht in der gemeinsamen Wohnung bleiben, und auch aus der Stadt muss sie raus!
Aber wo soll sie hin? Zufällig erhält sie in genau diesem Augenblick das verlockende Angebot, eine Tierarztpraxis zu übernehmen. Doch es gibt ein Problem: Diese Praxis befindet sich ausgerechnet in ihrem alten Heimatdorf. Und dort erwarten sie viele unglückliche Erinnerungen ...
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Wo versteckt sich bloß das Glück?
Vorschau
Impressum
Wo versteckt sich bloß das Glück?
Eine Frau macht sich auf die aufregende Suche
Von Amelie Grünewald
Eigentlich hat Sandra gedacht, ihr Zukunftsglück sei gesichert: Als angestellte Tierärztin hat sie ihren Traumberuf gefunden, mit dem attraktiven Matthias ist sie verlobt, sie wohnen zusammen in einer schicken Wohnung und stehen auch finanziell gut da.
Doch von einem auf den anderen Tag ändert sich alles schlagartig, als Sandra erkennen muss, dass Matthias sie auf furchtbare Weise hintergangen hat. Die junge Frau weiß nur eines: Sie kann nicht in der gemeinsamen Wohnung bleiben, und auch aus der Stadt muss sie raus!
Aber wo soll sie hin? Zufällig erhält sie in genau diesem Augenblick das verlockende Angebot, eine Tierarztpraxis zu übernehmen. Doch es gibt ein Problem: Diese Praxis befindet sich ausgerechnet in ihrem alten Heimatdorf. Und dort erwarten sie viele unglückliche Erinnerungen ...
»Halt still, du hast es gleich geschafft!«
Sandras Kollegin Tabea hielt den verängstigten Pinguin in einem eisernen Griff fest, während sie selbst ruckartig am rechten Flügel des Tieres zog und diesen mit einem deutlich vernehmbaren Knack wieder einrenkte.
Tabea lockerte langsam ihren Griff – was sich augenblicklich als Fehler herausstellte. Empört nutzte der Pinguin den dadurch entstandenen Spielraum, wand sich blitzschnell aus ihren Händen und schnappte nach Sandras Fingern. Gerade noch rechtzeitig konnte sie ihre Hand zurückziehen und so der Attacke entgehen.
»Hey, so sieht Dankbarkeit aber nicht aus!«, wies sie das Tier mit gespielter Entrüstung zurecht, musste dabei jedoch lächeln, erleichtert darüber, dass es den Flügel offensichtlich wieder halbwegs normal bewegen konnte.
Tabea schnaufte erschöpft und wischte sich vereinzelte Schweißtropfen von der Stirn.
»Das war ja mal ein widerspenstiges Kerlchen«, murmelte sie kopfschüttelnd und brachte den Vogel in der Beobachtungsstation unter.
Sandra stimmte ihrer Kollegin zu – ein dermaßen kämpferisches Wesen bekamen sie nicht jeden Tag zu Gesicht. Als Entschädigung lud Sandra sie zu einem Feierabend-Drink ein. Einerseits wollte sie sich auf diese Weise für Tabeas bemerkenswerten Einsatz bedanken, aber sie hatte auch große Neuigkeiten zu berichten und konnte einen guten Rat gebrauchen.
Die quirlige Frau war nämlich nicht nur ihre Arbeitskollegin, sondern in den letzten Jahren auch zu ihrer besten Freundin geworden.
Sandra Reichert war dreißig Jahre alt und Veterinärmedizinerin im Münchner Tierpark Hellabrunn. Sie lebte mit ihrem Verlobten Matthias Schröder in einer schicken, kleinen Wohnung in der Innenstadt und hatte an ihrem Leben nichts auszusetzen.
Die Arbeit im Zoo gestaltete sich abwechslungsreich und herausfordernd, ihr Alltag mit Matthias war angenehm, wenn auch vielleicht etwas eingeschlafen – wobei sie sich fest vorgenommen hatte, dies zu ändern. Festgefahrene Beziehungen waren schließlich nichts Ungewöhnliches und bestimmt nichts, was man nicht mit etwas Aufmerksamkeit und Zuwendung wieder hinbiegen konnte.
Bereits während ihres Studiums hatte sie den Mann an ihrer Seite kennengelernt. Er hatte sie sofort mit seinem Charme und seinem Sinn für Humor um den Finger gewickelt. Auch sein volles, braunes Haar, das er oben etwas länger trug, sowie seine eisblauen Augen waren ihr damals sofort aufgefallen.
Matthias hatte sie immer »seine blonde Schönheit« genannt und keinen Widerstand ihrerseits akzeptiert. Diesen Einsatz fand sie bemerkenswert, und sie fühlte sich – nach ihrer gescheiterten Beziehung in der Vergangenheit – in seiner Gegenwart endlich wieder begehrt.
Sandra hatte damals seinen Jagdinstinkt geweckt, als sie sich anfangs geweigert hatte, mit ihm auszugehen. Nach Tagen des Umgarnens und Überzeugens hatte sie schließlich klein beigegeben, und sie war – einer Trophäe gleich – stolz seinen Freunden vorgeführt worden. Dieses besitzergreifende Verhalten seinerseits hatte sie damals als schmeichelhaft empfunden.
In letzter Zeit sahen sich die beiden immer seltener. Matthias' Firma für Solarenergie boomte, und der Arme war oft Tag und Nacht unterwegs, um mit seinen Kunden zu verhandeln und neue Deals abzuschließen. Wenn er dann nach Hause kam, war seine Laune nicht immer bestens und es kam durchaus vor, dass er sie grundlos anschnauzte.
Zudem verzog er sich meist schon nach kurzer Zeit in sein Arbeitszimmer und wollte nicht gestört werden. Auch nach Feierabend gab es für ihn noch einiges an Papierkram zu erledigen, und oft wusste Sandra gar nicht, zu welcher Uhrzeit er endlich ins Bett ging. War es besonders spät geworden, konnte es auch passieren, dass er auf der Couch im Arbeitszimmer übernachtete und sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekam.
Unternehmen wollte er auch nichts mehr. Das Paar hatte früher gerne hin und wieder einen Film im Kino angesehen oder verschiedenste Restaurants durchprobiert, immer auf der Suche nach dem neuen Lieblingslokal. Diese gemeinsamen Abende waren zu einer Seltenheit geworden, und es kostete jedes Mal einiges an Organisationstalent, um einen geeigneten Termin zu finden, der für sie beide passte.
Sandra brachte durchaus Verständnis für die kräftezehrende Situation auf und war stolz auf ihren Matthias, der jeden noch so unentschlossenen Kunden davon überzeugen konnte, in eine Solaranlage zu investieren. Seine charismatische Art stellte sich immer mehr als essenzielle Eigenschaft bei der Akquise von Interessenten heraus.
Zudem musste Sandra sich eingestehen, dass sie selbst nicht ganz unschuldig an dieser unerfreulichen Entwicklung war. Zu oft hatte sie Überstunden gemacht und freiwillig Nachtschichten angenommen. Ihr ganzes Herzblut hatte sie in ihre Arbeit gesteckt. Sie liebte all ihre Tiere und brachte es einfach nicht übers Herz, diese in einer kritischen Situation alleine zu lassen.
Natürlich traute sie ihren Kollegen und wusste, dass man sie sofort informieren würde, sollte ein Notfall eintreten, aber Kontrolle war ihr immer schon wichtig gewesen. Sie war eben Tierärztin mit Leib und Seele.
Matthias brachte ihrem Einsatz leider nicht halb so viel Verständnis entgegen, wie sie es für seine beruflichen Herausforderungen tat. Jedes Mal wies er sie zurecht und spielte den vernachlässigten Partner, sobald sie ihn über anstehende Überstunden informierte.
Dieses Verhalten hatte zur Folge, dass sie des Öfteren ihrem Feierabend mit einem mulmigen Gefühl entgegensah, weil sie genau wusste, dass sie bereits die nächste Standpauke erwartete. Dann zögerte sie die Zeit bis zu ihrer Rückkehr unnötig hinaus, um dem Kreuzfeuer zu entgehen.
Sandra seufzte und schüttelte die negativen Gedanken energisch ab. Welche Beziehungsprobleme die beiden auch immer zu bewältigen hatten, sie war sich sicher, dass sie es gemeinsam schaffen würden, wieder an den Punkt des Verliebtseins zurückzukehren.
Irgendwann während der letzten Jahre war ihnen dieses Gefühl unbemerkt abhandengekommen, und ein nicht unbedingt zufriedenstellender Alltag hatte sich eingeschlichen. Sie lebten eher aneinander vorbei als miteinander – daran mussten sie arbeiten.
Sandra war fest entschlossen, das wieder hinzubiegen. Vor allem jetzt, wo sie diese aufwühlenden Nachrichten aus ihrer Heimat erhalten hatte, konnte sie Matthias' volle Unterstützung gut gebrauchen ...
♥♥♥
Die Sonne stand bereits tief, als die beiden Freundinnen sich auf den Weg zu ihrem Stammlokal für Feierabend-Drinks machten. Es war ein lauer Abend, ein erster Vorbote des bevorstehenden Sommers. Trotzdem hatte Sandra sich eine Weste übergezogen, denn sobald die Sonne verschwunden war, konnte es ordentlich kühl werden.
Tabea, mit einer auffallend schrillen Tunika bekleidet, hakte sich bei ihr ein, und die beiden schlenderten gemütlich die Straße entlang, bis sie die Terrasse des Lokals erreicht hatten.
Kaum hatten es sich die Freundinnen in der »Josefa-Bar« gemütlich gemacht, fasste sich Sandra ein Herz.
»Mein Onkel ist tödlich verunglückt!«, platzte es aus ihr heraus, bevor sie ihre Meinung ändern konnte und die traurigen Neuigkeiten doch wieder für sich behielt. Nervös strich sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und sah Tabea vielsagend an.
Mitfühlend griff Tabea nach ihrer Hand und sah sie an, unsicher, wie sie reagieren sollte. Da winkte Sandra schnell ab und erklärte, dass ihr Onkel und sie sich nie wirklich nahegestanden hatten. Einzig die Leidenschaft zu Tieren und zur Veterinärmedizin hatten sie geteilt.
Ihre Freundin nickte. Jetzt, wo sie sich sicher sein konnte, dass ihr Gegenüber nicht unkontrolliert in Tränen ausbrechen würde, war sie gespannt darauf, was Sandra zu erzählen hatte. Tabea saß am Rand ihres Stuhls, als wollte sie jeden Moment aufspringen, und hing förmlich an Sandras Lippen.
»Sein Anwalt hat mich kontaktiert, offenbar bin ich die Alleinerbin seiner Tierarztpraxis. Ich soll wohl so schnell wie möglich mein Erbe antreten und seine Patienten übernehmen!«, ließ sie nun die Bombe platzen.
Tabeas Augen wurden tellergroß. Ungläubig starrte sie ihre Kollegin an.
»Das kannst du nicht machen!«, entgegnete sie. »Du kannst mich doch hier nicht alleine lassen! Und Matthias ... Was wird er dazu sagen? Hast du es ihm schon erzählt? Was, wenn ...«
»Ich habe definitiv nicht vor, nach Münchsmünster zurückzukehren!«, unterbrach Sandra den Redefluss ihrer Freundin. Zumindest versuchte sie, sich das selbst immer wieder einzureden, ertappte sich dann aber doch dabei, wie sie sich fragte, was für eine Wendung ihr Leben wohl nehmen würde, wenn sie sich für das Erbe entschied.
Tabea schien erleichtert, dass ihre Freundin ihr noch länger erhalten bleiben würde – aber irgendetwas, eine Regung, die Sandra nicht so ganz einordnen konnte, umspielte ihre Gesichtszüge. War es etwa Hoffnung? Ein schlechtes Gewissen? Eine Mischung aus beidem? Vehement schob sie diese Vermutungen wieder beiseite. Sie musste sich irren, das ergab keinen Sinn.
»Seit wann weißt du es denn schon?«, wollte ihre Freundin wissen.
»Meine Mutter hat mich gestern Nachmittag angerufen, und kurz darauf hatte ich auch schon diesen Anwalt in der Leitung«, erklärte sie.
»Hatte dein Onkel denn keine Kinder?«, bohrte Tabea weiter nach. »Warum hat er ausgerechnet dir die Praxis vererbt?«
Sandra zuckte mit den Schultern.
»Josi, meine Cousine, käme durchaus für das Erbe infrage. Möglicherweise haben die beiden eine andere Vereinbarung getroffen, oder mein Onkel wusste bereits vor seinem Tod, dass sie kein Interesse daran hat. Das werde ich wohl nur erfahren, wenn ich eines Tages mit ihr persönlich darüber spreche.«
Die beiden plauderten noch eine ganze Weile, aber ein Gedanke ließ Sandra nicht mehr los: Tabea hatte recht, sie musste dringend mit ihrem Verlobten über das Thema sprechen. Auch wenn sie auf das Erbe verzichtete, hatte er es verdient, alles zu erfahren, was in ihrem Leben vor sich ging.
Es war nie ihre Absicht gewesen, ihm diese Information zu verheimlichen, aber sie hatte Matthias seit diesem Anruf ganz einfach nicht mehr gesehen.
Am nächsten Tag war durch Zufall eine ihrer selten gewordenen Verabredungen geplant – der richtige Zeitpunkt, um mit ihm über das Thema zu sprechen. Ja, sie würde ihm alles erzählen und anschließend mit ihm gemeinsam entscheiden, wie sie weiter verfahren sollte. Matthias wusste bestimmt, was zu tun war, wenn man auf sein Erbe verzichten wollte.
»Warum bist du damals eigentlich so schnell von zu Hause verschwunden?«, riss Tabea sie aus ihren Gedanken. »Seit wir zusammenarbeiten, habe ich niemals mitbekommen, dass du eine Familie hast.« Neugierig wartete sie auf eine Antwort, so, als hätte sie diese Frage bereits seit Längerem stellen wollen, sich aber bisher nie getraut, sie auszusprechen.
Sandra wandte den Blick ab und zwirbelte eine ihrer Haarsträhnen zwischen den Fingern, während in ihrem Kopf unweigerlich Bilder aus der Vergangenheit auftauchten. Ein Spaziergang in den Feldern, ein Lebkuchenherz auf dem Jahrmarkt, ein Kuss beim Lagerfeuer ... Leo.
Sein Gesicht tanzte vor ihrem geistigen Auge herum. Dann verzog er es zu seinem spitzbübischen Grinsen, und sie konnte beinahe spüren, wie er einen Kuss auf ihre Lippen drückte. Gedankenversunken berührte sie mit den Fingern ihre Unterlippe, als wäre erst eine Sekunde vergangen, seit er ihren Mund mit seinem versiegelt hatte.
Rasch schüttelte sie die unliebsamen Erinnerungen ab und überlegte fieberhaft, wie sie am besten antworten sollte.
»Es war einfach an der Zeit, meinem Leben eine neue Richtung zu geben und neu anzufangen«, sagte sie schließlich nur. »Im Schoß der Familie wird man nie aus seiner Komfortzone ausbrechen und Großartiges leisten.« Das erklärte zwar nicht, warum sie seitdem sämtliche Besuche in der Heimat vermied, klang aber plausibel genug, um ein weiteres Nachbohren im Keim zu ersticken.
Mit fragendem Blick kratzte sich Tabea am Kopf und verwuschelte damit unbewusst ihre kurzen, brünetten Haare. Das brachte Sandra zum Lachen, und ihre trübsinnigen Gedanken waren wie weggewischt. Die Freundin stimmte in das Lachen mit ein, und so saßen sie eine ganze Weile da, bis sich bereits Tränen in ihren Augen sammelten.
Es hatte etwas Befreiendes, mit jemandem so zwanglos und ungeniert lachen zu können, bis einem bereits die Rippen schmerzten und die Luft wegblieb.
Es war einer der wenigen Momente, an denen sie nur zu gerne die Kontrolle abgab und ein bisschen übermütig wurde. Mit Tabea an ihrer Seite machte es ihr auch nichts aus, dass die Personen an den umliegenden Tischen bereits vorwurfsvolle Blicke in ihre Richtung warfen. Sollten sich diese Spielverderber doch grün und blau ärgern, Sandra würde sich ihre Laune jedenfalls nicht vermiesen lassen.
Immer noch leise kichernd, bestellte Tabea die nächste Runde. Sandra hatte nichts dagegen. Matthias würde sie an diesem Abend ohnehin nicht mehr zu Gesicht bekommen, er war bestimmt schon wieder unter einem Berg Arbeit vergraben.
♥♥♥
»Das kann nicht dein Ernst sein!«, wetterte Matthias erzürnt. Sandra war gerade dabei gewesen, ihm von ihrem Erbe zu erzählen, aber mit ihrer Schilderung nicht weit gekommen. Mittendrin hatte er sie unterbrochen und war wutentbrannt aufgesprungen.
»Beruhige dich, Schatz! Bitte, lass mich zu Ende erzählen«, flehte Sandra ihren Verlobten an. Die beiden befanden sich im »Ristorante Il Cortile«, ihrem Lieblingsrestaurant, und wurden bereits neugierig angestarrt. Konnten sich diese Leute nicht einfach um ihren eigenen Kram kümmern?
Immerhin – Matthias setzte sich wieder hin, jedoch nicht, ohne sie mit einem feindseligen Blick zu strafen.
