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Eigentlich war Geige üben für Sinja etwas furchtbar Langweiliges. Doch plötzlich schwirren drei Elfen um ihr Instrument herum und behaupten, die Hüterinnen der Töne zu sein. Sinja folgt den dreien in eine wundersame Welt, die aus den Klängen der Musiker entsteht und damit beginnt ein Abenteuer, in dem es drunter und drüber und gelegentlich auch um Kopf und Kragen geht. Denn diese Welt ist nicht so friedlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Glücklicherweise finden sich bald Freunde und Gefährten, die Sinja im Kampf gegen den finsteren `Unerhörten´ unterstützen.
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Seitenzahl: 723
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Andreas Milanowski
Sinja und die Zaubergeige
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Geigenzauber und drei zickige Elfen
2 Eine unfreiwillige Reise
3 In einer anderen Welt
4 Sinja und `Allegro´ - ein Ausflug
5 Ein Streit und eine Entscheidung
6 Sinjas peinliche Vorstellung
7 Ein gefährlicher Weg ins Tal und ein `Galadinner´
8 `Leggiero´ - die Ebene
9 Angriff der Drachenreiter
10 Nach dem Kampf - Emelda ringt um ihr Leben
11 `Adagio´ - der Zauberwald
12 Emelda und Amandra
13 Sinja und Gamanziel - Party in der Baumhöhle
14 Ein Brief von `Seriosa´ - Vorsicht, Falle!
15 Ranguun - Spione in der Dunkelheit
16 Ein kurzer Kampf - seltsame Freunde
17 Myriana - eine Botschaft aus dem Wasser
18 `Jambus´, der Einsiedler
19 Eine schlechte Nachricht
20 Die Steinkreise und der blinde König
21 Meister Banglim und Fürst Bengali
22 Das Elfenknäuel - ein Wiedersehen
23 Der `Große Rat´
24 Tengwar - flammende Zeichen
25 Die Botschaft der Könige
26 Abschied von der `Fermata´
27 Durch die Auen - verlorene Freunde
28 In Nswns Turm - das Gdnk mit Grk
29 `Lento´ - Banglim in Gefahr
30 `Morendo´: das `Schwarze Tor´ und Sinjas Nachricht
31 Aufmarsch der Morok-Armee
32 `Ritenuto´, die Pfahlstadt im Sumpf
33 Durch die Sümpfe - Zeitsysteme und Trugbilder
34 Fasolânda - die Regierung ihrer Majestät
35 Frische Luft im Hochmoor
36 Königin Myriana und ihre Beraterin
37 Der Verrat
38 Auf dem Weg ins Gebirge - Kampf in der Berghütte
39 Im Turm - der `Herrscher aller Lautlosen´
40 Dragûn - Der schwarze Wald
41 Auf der Spur - Kang, der Màkámà
42 Gefangene der Quamguls und eine Rettungsaktion
43 Kang geht
44 Wiedersehen macht Freunde
45 In der Berghütte
46 Der nächste Sonnentanz
47 Der steinige Weg nach `Andante´
48 Semgala
49 Die Kathedrale von `Giusto´
50 Die Karte des Königs
51 Lexananda
52 Abschied von der Felsenstadt
53 Die Macht des Kristalls
54 Auf der Suche
55 Ein Alleingang zu dritt
56 Ein Eingang, der kein Eingang ist und zwei Helfer nicht helfen wollen
57 Das Portal
58 In der Halle des Bergkönigs
59 Der `Nabel´ der Welt
60 Am Hof der Königin
61 Auf dem Weg nach Fasolânda
62 Seriosas gefährliches Spiel
63 Unter der Erde
64 Ein Hindernis
65 Angekommen
66 Königin Myriana
67 Fasolânda in Not
68 Im Palast – Myrianas Geständnis
69 Eine nächtliche Untersuchung
70 To-Toon-Ka
71 Die Schlacht beginnt
72 ‚Seriosas' Tod
73 Sinja und die Königin
74 Sinjas Melodie
75 Ein Drachenkampf und die ‚Schlacht der vier Heere‘
76 Das Medaillon der Königin (Nachtrag)
77 Etwas später
Impressum neobooks
Es war ein öder, trüber Tag. Ein Nachmittag zum Vergessen.
Der Himmel war mit dicken, dunklen Wolken verhangen, es regnete Bindfäden.
Sinja schaute müde ihre Geige an und hatte keine, aber wirklich überhaupt keine Lust, auf ihrem Instrument zu üben. Den ganzen Tag bis eben hatte sie, vom frühen Morgen an in ihrer langweiligen Schule in der Titusstrasse verbracht, erst im Unterricht, dann beim Mittagessen und in der Hausaufgabenbetreuung. Danach war dann noch etwas Zeit geblieben zum Relaxen und für ihre Lieblingsbeschäftigung, Bücher lesen. Es gab eine Schulbibliothek und das war an diesem Ort der einzige Lichtblick. Sinja hatte den Ehrgeiz, alle Bücher, die dort standen gelesen zu haben, bevor sie am Ende des Schuljahres die Schule wechseln musste.
Der Unterricht an der Titusschule war eigentlich okay und machte Spaß, außer Mathe und Sport.
Zahlen und Rechnen waren einfach nicht ihr Ding.
Trotzdem bekam sie es hin, bei den Klassenarbeiten gute Noten zu schreiben.
Sport dagegen war ihr absolutes Hassfach.
Das gab blaue Flecken, weil man ständig von Bällen getroffen wurde und da die Jungs beschlossen hatten, darauf keine Rücksicht zu nehmen, hatte Sinja bald keine Lust mehr auf diese Spiele.
Sie hatte einige Regeländerungen vorgeschlagen, die aber leider alle abgelehnt wurden.
„Brennball ist Brennball!“, hieß es. „Da gibt's keine Extraregeln für Mädchen!“
Also ließ sie sich am Anfang des Spiels abwerfen und verbrachte so den größten Teil des Sportunterrichtes auf der Bank. Beim letzten Mal hatte sie deswegen als einzige in der Klasse eine drei in Sport. Peinlich!
Ansonsten war sie aber eine sehr gute Schülerin und hatte ein Superzeugnis.
Von den zwölf Mädchen in der Klasse war sie mit fünfen gut befreundet.
Mit Pauline, einer von den fünfen hätte sie am liebsten Tag und Nacht verbracht. Weil die beiden sich so ähnlich sahen, hatte man sie des Öfteren für Zwillinge gehalten und sie hatten damit ihre Späße getrieben. So war die Schule erträglich.
Es war aber eben auch verdammt anstrengend und das wollten ihre Eltern manchmal nicht sehen. Nach der Ganztagsbetreuung war sie oft einfach k.o. und hatte keine Nerven mehr, sich noch mit Achtel-, Viertel- und Halben Noten, mit Pausen und Taktstrichen zu befassen, mit der richtigen Hand- und Bogenhaltung, Auf- und Abstrich und was man sonst noch alles lernen musste, wenn man Geige spielen wollte.
„Nein, ich habe heute keiiiiiine Lust!“, grummelte sie vor sich hin und stampfte zornig mit dem Fuß auf.
„Das hab‘ ich gehört, auch wenn du es in dich hineinbrummst“, kam es streng aus der Küche zurück, „ich hab' immer noch gute Ohren!“
„Jaaaaa, Mama! Ist ja gut!“, sagte Sinja genervt, mehr zu sich selbst als zu ihrer Mutter und rollte die Augen.
Hätte sie nur einige wenige Minuten weit in die Zukunft blicken können, so hätte sie gesehen, dass dieser trübe Tag einen komplett anderen Verlauf nehmen sollte, als all die anderen Tage ihres bislang neunjährigen Lebens. Vielleicht hätte sie sehen können, dass sich heute dieses, ihr Leben auf geheimnisvolle Weise für immer verändern würde. Sicher hätte sie über diesen Tag ganz anders gedacht. Aber so….
Um nicht schon wieder Stress zu bekommen, war jetzt Üben angesagt.
Sie nahm also missmutig das Stück Holz mit den vier Saiten darauf und den Bogen zur Hand, spannte die Schulterstütze ein und strich lustlos über die unterste Saite, um sie zu stimmen.
Es quietschte, brummte, jammerte und kratzte, als hätte ihr Vater den Werkzeugkasten aufgemacht und begonnen, ein Metallteil zu feilen.
Sinja erschrak fürchterlich über das Geräusch, das sie da gerade produziert hatte.
„Oh je!“, dachte sie, „meine arme Geige!“
Ich wusste doch, dass das heute nichts wird. Ich bin viel zu müde!“
Je mehr sie sich in diesen Gedanken hineinsteigerte, desto übellauniger wurde sie.
„Ach, wär´ das schön, jetzt auf dem Sofa zu liegen und noch ein wenig in meinem Buch zu lesen“, dachte sie, „ich will unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht.“
Kaum war ihr diese Idee gekommen, verwarf sie sie auch schon wieder, weil sie an den Vortrag denken musste, den sie dann von ihren Eltern zu hören bekam.
„Was das alles kostet mit der Geige, der Unterricht, die Instrumentenmiete und das alles, abgesehen von den Nerven und der Zeit....., blah, blah.....und hab auch keine Lust mehr, dich jeden Tag zu erinnern und und und......“.
Wer kennt das nicht?
„Alles, nur das nicht!“, schüttelte sie sich und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die aussah, als hätte sie gerade in eine fette, gelbe Zitrone gebissen.
„Warum hab´ ich das nur alles angefangen?“, fragte sie sich in den letzten Wochen immer häufiger. Schließlich hatte sie selbst vor Jahren den Wunsch geäußert, das Geigenspielen lernen zu wollen. Nur hatte ihr niemand gesagt, dass das mit so viel Arbeit verbunden sein würde.
Und jetzt?
„Wenn ich nicht übe, geht das ganze Generve wieder los und der Abend ist gelaufen, also spiele ich zehn Minuten und rede mich dann irgendwie raus, mit Kopf- oder Bauchschmerzen. Irgendetwas wird mir schon einfallen. Dann hab' ich´s hinter mir.“
Sie schaute ihre Geige lange an, wie man eine Freundin anschaut, die einem gerade etwas sehr Unangenehmes mitgeteilt hat, nahm das Instrument nochmals auf, stimmte es umständlich, holte tief Luft und begann dann, auf der zweiten Saite ganz langsam und leise, eine Melodie aus drei Tönen zu spielen:
E – G – A.
Warum sie gerade diese Noten spielte, wusste sie selbst nicht.
Sie waren ihr in diesem Moment eingefallen.
„Ahhhh! Isch abe drei Noten erfundään! Isch bin eine Genie, ein große Künstlääär!“, rief Sinja, warf mit großer Geste den Kopf in den Nacken und musste selbst über ihre Schauspielerei lachen.
Sie strich noch einmal über die Saiten und diesmal schwangen sie weich und es klang viel, viel schöner und besser als beim ersten Versuch.
Es war nichts mehr zu hören vom Werkzeugkasten-Sound.
Sinja war überrascht, welche Klänge sie ihrem Instrument entlocken konnte.
Irgendetwas war komplett anders als vorhin und auch anders als sonst.
Sie hatte das Gefühl, dass die Töne direkt aus ihrem eigenen Körper kamen, so, als würde sie singen und nicht Geige spielen.
Seltsam! Sehr seltsam!
Sie setzte das Instrument ab und lauschte mit offenem Mund dem letzten verklingenden Ton nach: es war das A.
Sie meinte dabei, den Ton noch ganz lange im Zimmer zu hören, obwohl sie schon längst aufgehört hatte, zu spielen.
„Was war denn das?“, fragte sie sich und war so verblüfft von ihrem eigenen Spiel, dass sie beschloss, es sofort zu wiederholen.
Sie nahm also noch einmal vorsichtig ihr Instrument auf, setzte die Schulterstütze auf ihr linkes Schlüsselbein und den Bauch der Geige unter das Kinn, griff den Bogen leicht und strich, genauso sachte wie beim letzten Mal über die zweite Saite: E-G-A, gaaaanz lange Töne.
Dieses Mal war der Klang noch intensiver als beim letzten Mal, ein ganz klarer und reiner, silbriger Violinenton.
„Hey! Was ich alles kann!“, staunte Sinja.
Sie meinte sogar, im Hintergrund leise einen Chor zu hören, der die gleichen Töne sang, die sie gerade spielte.
Die Geigensaite, der Körper der Geige, die Luft im Zimmer, ihr eigener Körper – alles schwang und vibrierte im Gleichklang mit diesen drei Tönen. Etwas Geheimnisvolles lag in der Luft. Plötzlich konnte sie die Schwingungen sehen. Sinja erschrak.
Mit glitzernden Fäden durchwirkt drehten sich zwei helle blaue Luftsäulen über dem Körper der Geige. Sinja bekam vor Staunen über diese seltsame Erscheinung den Mund nicht mehr zu.
„Was ist denn das“, flüsterte sie vor sich hin.
Die Neunjährige hatte ja schon einiges erlebt, aber das hier….
Sie konnte ihre Augen und Ohren von dem Klang- und Lichterspektakel nicht abwenden.
Das Leuchten der hellblauen Lichtbänder wurde immer strahlender und kraftvoller und füllte bald den ganzen Raum. Die Bänder schwangen hin und her, von links nach rechts, drehten sich in- und umeinander und wieder zurück.
Auf einmal erschien in einem Oval, dass sich zwischen den Lichtern gebildet hatte, erst nur verschwommen, dann immer klarer und deutlicher in den Umrissen ein winzig kleiner Körper, kleiner noch als Sinjas kleinste Puppe.
Es war ein Wesen, kaum größer als ein Schmetterling, mit einer Figur wie ein klitzekleines Mädchen, mit Armen, Beinen, zwei Flügelchen auf dem Rücken. Es hatte lange, spitze Ohren und kupferrote Haare, die in einem strengen Zopfknoten auf den Hinterkopf gebunden waren.
Aus seinem spitzbübischen Gesichtchen schauten zwei wache, grüne Augen dem Tanz der Lichter und Strahlen zu.
Immer, wenn sich eines der Lichtbänder oder einer der schwingenden Silberfäden in seine Richtung bewegten, nahm es die Bewegung auf und tanzte mit den Bändern und Fäden, schwang sich um sie herum sodass ein ständiges Ineinanderfließen seines Körpers und der Lichtbänder entstand.
Mal hängte es sich an die Fäden, machte eine Rolle rückwärts, mal drehte es Pirouetten um die Bänder herum oder schwebte von einem zum anderen.
Sinja schaute dem Treiben zu. Ihre Augen wurden immer größer.
„Was ist denn das“, flüsterte sie noch einmal und rief es dann laut aus: “Was ist denn das?“
„Du kannst vielleicht dämliche Fragen stellen“, kam es von dem kleinen Wesen zurück.
Erschrocken über die plötzliche Ansprache fuhr Sinja unwillkürlich zusammen.
Für seine Größe hatte das Elfchen nämlich eine ziemlich volle, klare und kraftvolle Stimme, die jedenfalls nicht so piepsig war, wie man aufgrund seiner geringen Körpergröße hätte vermuten können.
„Waaaas üüüst denn daaaaas???“, äffte die Elfe Sinjas Verblüffung nach, legte dabei den Kopf schief und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Sie gab selbst die Antwort:
„Das ist Emelda, die Tonelfe!“
„Emelda wer?“, fragte Sinja.
„Du müsstest das eigentlich wissen. Du hast uns schließlich selbst gerufen!“
Sinjas Blick füllte sich mit Fragezeichen. Ihr Großhirn tanzte Samba.
„Uns? Redest du immer in der Mehrzahl von dir oder gibt es noch mehr von deiner Sorte?“
„…odär giiibt es noch meeehhhr von doiner Sooorteee????
Es gibt noch mehr von meiner Soooorteee“ krähte die Elfe schnippisch, „natürlich gibt es noch mehr von meiner Sorte, oder meinst du, so was wie ich würde alleine existieren? Du hast drei gerufen, also sind drei gekommen! Hier sind wir! Zu Befehl, euer Gnaden!“
„Ich....., ge...gerufen....?“, stotterte Sinja, „ich habe doch nur ein paar Töne auf der......und was soll der Quatsch mit `euer Gnaden´?“
Weiter kam sie nicht.
„Du darfst dir nichts draus machen!“, wurde sie von einem Gesang unterbrochen, der von etwas weiter oben aus den Lichtbändern zu kommen schien....und tatsächlich...., als Sinja genauer hinsah, entdeckte sie eine zweite Elfe, die sich ebenfalls, wie Emelda, tanzend und flatternd in den Lichtbändern bewegte.
„Fräulein Emmi hat heute miese Laune und ist ziemlich zickig. Der Himmel weiß, warum….und außerdem“, flüsterte Elfe zwei vertraulich und ließ ihren rechten Zeigefinger bedeutungsschwer vor ihrer Stirn kreisen „außerdem gehört ihr das ‚E'! Klingelt da was bei dir?“
Der Zeigefinger tippte an die Stirn.
Natürlich klingelte nichts. Sinja wusste nicht im Mindesten, was sie mit den Worten der Elfe anfangen sollte. Woher auch?
„Das ‚E' spielt bei vielen Instrumenten eine wichtige Rolle. Nimm deine Geige zum Beispiel. Du hast eine E-Saite. Oder eine normale Gitarre. Da hast du sogar zwei davon. Und weil das so ist und weil sie das ‚E‘ ist, meint sie, sie müsste überall die erste Geige spielen und große Töne spucken.
Sie hat manchmal `ne ziemliche Klappe, aber sie ist okay. Du wirst schon noch dahinterkommen. Schließlich werden wir noch einige Zeit miteinander verbringen.“
„Oh, Fräulein A ist beleidigt, weil ich mal wieder als erste da war. Wie wär’s denn mit ein wenig Beeilung beim nächsten Mal?“, gab Emelda pikiert zurück.
„Schon gut, Emmi! Ach ja“, sagte Elfe zwei und wandte sich wieder Sinja zu „ich heiße übrigens Amandra und bin der Kammerton, das A. Im Übrigen auch kein ganz unwichtiger Ton. Immerhin werden die meisten Instrumente nach mir gestimmt.“
Amandra sagte das mit nicht zu überhörendem Stolz in der Stimme und strich sich mit einer ausladenden Geste eine schwere Haarsträne aus der Stirn.
Sie turnte ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Zentimeter über Emelda herum und machte dort ihre Kapriolen.
Sie war von ähnlicher Statur wie Elfe eins, hatte allerdings schwarzes Haar, blaue Augen und knallrote Lippen, und sah aus wie eine Miniaturausgabe von Schneewittchen - mit Flügeln. Die Flügel dieser Elfen erinnerten Sinja ein wenig an die Fähnchen von Achtelnoten.
Amandra trug ein dunkelblaues Kleid und elegante modisch-schwarze Schuhe mit Silberschnallen dazu.
Plötzlich hörte Sinja aus einer anderen Ecke langsames, leises Händeklatschen. Es sollte klingen wie hämischer Applaus.
„Bravo, bravo, bravo!“, rief eine Stimme von ganz weit unten aus dem Lichterwirbel dazu.
„Die zwei sind wirklich die Allergrössten unter den Sonnen, aber es gibt auch noch andere, weniger Tolle. Wenn Mandy und das „große EEEEgo“ dann damit fertig sind, sich selbst zu beweihräuchern kann ich mich vielleicht auch gerade vorstellen, wenn wir schon dabei sind. Ich bin Gamanziel und mir gehört das ‚G', der Erdenton. Ich lege im Übrigen viel Wert darauf, dass mein Name richtig ausgesprochen wird, nämlich mit i-ä am Ende und nicht mit langem ie wie Ziel. GA-MAN-ZI-ÄÄÄL. Ich wäre dir sehr dankbar.“
„Noch eine?“
Sinjas fragender Blick wanderte hektisch von einer Elfe zur anderen und wieder zurück.
Gamanziel, die dritte im Bunde hatte braune Haare, die zu zwei seitlichen Pipi- Langstrumpfmässigen Zöpfen gebunden waren, graubraune Augen und die gleiche, seltsame Art von Flügeln.
Sie steckte in einer grünen Latzhose mit gelbem Hemd und braunen Stiefeln und sah aus, als käme sie gerade von der Gartenarbeit.
Sie flatterte in der Nähe des Geigenkörpers herum, in etwa dort, wo die Lichtbögen und –bänder die Geige verließen.
„Emelda, Amandra, Gamanziel? Aha?
Ich berufen? Warum? Wozu?
Viel Zeit miteinander verbringen? Wer mit wem?
Wieso?
Was soll das alles?
Wo kommt ihr her?
Wie komme ich zu euch und ihr zu mir?
Was….was ist das hier?“
Sinja versuchte mühsam, ihre Fassung wiederzugewinnen und hoffte sehr, auf ihr Dutzend Fragen mindestens genauso viele Antworten zu bekommen.
Sie hatte mit einigem gerechnet, als sie eben die Geige in die Hand genommen hatte, vor allem damit, eine entsetzlich langweilige Viertelstunde mit ihrem Instrument zu verbringen, aber sicher nicht mit dem, was in den letzten Minuten hier passiert war.
„Nun, wollen wir unserem armen, verwirrten Kind mal erklären, was hier gerade vor sich geht?“, spielte Emelda auf einmal die Besorgte.
„Ja, ich denke, wir sollten es ihr schnell erzählen. Schließlich hat sie uns gerufen und es wäre doch doof, wenn wir den ganzen langen Weg umsonst gemacht hätten“, antwortete Amandra.
„Aber wir sind doch nicht ihretwegen hier. Das kann doch nur ein Versehen sein. Meint ihr denn wirklich, dass sie das alles kann?
Guckt sie euch doch nur an. Wie hilflos sie dasteht. Ich glaub´ das nicht!
Keine Ahnung warum und wie, aber da muss ein Fehler passiert sein.
Wir sollten so schnell wie möglich hier verschwinden und die Sache auf sich beruhen lassen. Sie wird uns bald vergessen haben“, hörte Sinja die Stimme der Latzhosenelfe.
„Du urteilst ziemlich hart Gamanziel und das steht dir gar nicht gut an“, wies Amandra ihre Freundin barsch zurecht. Die Töne irren sich nicht. Es kann kein Fehler sein.“
„Amandra hat Recht, Gamanziel! Hast du schon jemals erlebt, dass die Töne sich geirrt haben? Ein einziges Mal? Nein! Das hast du nicht! In unserer Situation können wir jede helfende Hand und jede Seele gebrauchen.“
„Hast du das Fräulein denn schon gefragt, ob es uns überhaupt helfen will?“, fragte Gamanziel gereizt zurück, „im Moment steht sie da und starrt mit offenem Mund auf ihre Notenblätter und hat keine Ahnung, was geschieht und warum, obwohl sie es eigentlich wissen müsste.
Also, wie soll das jetzt weitergehen?“
„Sie hat die Töne gespielt und sie hat sie so gespielt, wie man sie spielen muss, sonst wären wir der Melodie nicht gefolgt. Auch du nicht. Das solltest du zugeben!“, sagte Amandra energisch.
„Hmpfhgnkrznfz!“, knarzte Gamanziel verärgert und schüttelte ihren Kopf, dass die Zöpfe von einer Seite auf die andere flogen, "nee, nee, nee - ich bin raus! Macht das von mir aus, aber ohne mich!"
Amandra wurde sauer.
"Du spinnst wohl! Wie soll das ohne dich gehen?"
"Ja, du hast ja recht. Ist mir so rausgerutscht. Tut mir leid!
Aber denk´doch mal nach: der Kristall, der `Unerhörte´, die ganze Tour durch die Berge....und das soll dieses Kind?.... Niemals!.... Das schafft die nicht!"
„Ihr geht mir ganz schön auf den Sender, ihr zwei. So viele miese Schwingungen bin ich von euch beiden gar nicht gewöhnt“, rief Emelda dazwischen, „gut, ich bin auch etwas gestreßt zurzeit.
Das ist aber kein Grund, so schlechte Stimmung zu verbreiten.
Was soll denn unsere Freundin hier von uns denken?
Wenn ihr fertig diskutiert habt, sagt mir Bescheid.
Ich regele den Rest in der Zwischenzeit schon mal mit der jungen Dame hier!“
Damit überließ Emelda die beiden anderen Elfen sich selbst und ihrem Streit.
Sie kam mit schnellen Schlägen ihrer Notenhalsflügel auf das Mädchen zu geflattert.
„Kind, komm zu Mama und lausche!“, rief das winzige Wesen Sinja großspurig zu. Die war immer noch mehr als verwirrt.
Sie hatte zwar schon einiges gehört über Feen und Elfen, magische Reiche, in denen sonderbare Dinge geschehen, hatte allerdings nie so recht gewusst, ob sie glauben sollte, was sie gelesen hatte oder ob das nur Erfindungen von Schriftstellern waren.
Mit dem Weihnachtsmann war es ja auch nicht optimal gelaufen.
Eigentlich hatte sie immer daran geglaubt, dass es ihn gibt.
Wer sollte schließlich die Teller mit Äpfeln und Nüssen füllen, die ganzen leckeren Süßigkeiten bringen und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen? Und außerdem hatten ihre Eltern ihr das schließlich so erzählt.
Also würde es sicher seine Richtigkeit haben.
Das ging so bis eines schönen Tages auf einer Autofahrt, Sinja war gerade sieben Jahre alt, ihre um drei Jahre ältere Schwester Marie sie spöttisch fragte:
“Hihi, du glaubst noch an den Weihnachtsmann? Das weiß doch jeder, dass es den nicht gibt. Die Geschenke legen Mama und Papa unter den Baum. Ich hab‘ beim letzten Mal durchs Schlüsselloch geguckt und alles gesehen!“
Das war Sinja so peinlich gewesen, dass sie von diesem Tag an nicht mehr mit anderen über den Weihnachtsmann sprach.
Offiziell war der erledigt.
Schließlich wollte sie nicht für albern oder kindisch gehalten werden.
Aber in ihrer Seele sah es ganz anders aus.
Wenn sie nur genau in sich hinein hörte, war da eine leise Stimme, die wünschte, es gäbe ihn doch.
Ähnlich war es ihr mit den magischen Wesen aus den Büchern gegangen.
Sie hatte diese Bücher verschlungen, seitdem sie die ersten Sätze lesen konnte.
Ihr Verstand hielt all diese Zauberer und Einhörner, diese Trolle und Zwerge, Feen, Elfen und Gnome und was sich sonst noch alles auf und zwischen den Seiten ihrer Bücher tummelte, für Erfindungen der Bücherschreiber.
Aber die Geschichten hatten sie dennoch immer fasziniert und wenn sie mit offenen Sinnen durch den Wald lief, bei einem der vielen Sonntagsspaziergänge mit ihren Eltern zum Beispiel oder während einer Wanderung mit der Schulklasse, dann konnte sie die Wesen ganz deutlich sehen und hören.
Sie schwirrten und flatterten überall durch die Luft. Sie hingen in den Ästen der Bäume und auf Blättern. Sie versteckten sich hinter Felsen und Rinde und im Farnkraut und neckten und erschreckten gelegentlich alle, auch und vor allem gerade die, die nicht an sie glaubten und sie daher nicht sehen konnten.
Sinja redete nicht mehr mit anderen Menschen darüber, weder mit ihren Eltern noch mit ihren Freundinnen und schon gar nicht mit ihrer Schwester.
Sie wollte nie wieder wegen solcher Dinge ausgelacht oder verspottet werden oder in peinliche Situationen kommen.
Und jetzt schwirrten diese Wesen vor ihrer Nase herum, angeblich, weil sie von ihr gerufen worden waren und erzählten absurdes Zeug und stritten miteinander und nervten ganz furchtbar.
„Ich habe niemanden gerufen und ich höre auch niemandem zu und überhaupt könnt ihr eure Geschichten erzählen, wem ihr wollt“, sagte sie trotzig.
„Ich weiß nicht, ob ich das hören will! Nein, ich bin sogar sicher, dass ich es nicht hören will!“
In ihr kämpfte die Vorsicht mit der Neugier.
Einerseits wollte sie schon wissen, was das Ganze zu bedeuten hatte, das ihr da gerade wiederfuhr, andererseits fürchtete sie sich vor den ungewöhnlichen Erscheinungen.
Lesen war das eine, aber diese seltsamen Wesen dann im eigenen Wohnzimmer zu haben, das war etwas ganz Anderes.
Außerdem wusste sie nicht, was die Elfen mit ihr vorhatten.
„Also noch mal: ich habe euch nicht gerufen. Verschwindet jetzt und lasst mich in Ruhe weiterüben!“
„Meine Liebe!“, kiekste Emelda, halb sauer, halb belustigt, „da muß ich aber mal kräftig lachen - hahaha!
Wenn ich mich recht erinnere, hast du vorhin ein ziemliches Theater veranstaltet, um nicht üben zu müssen.
Das kommt übrigens, wenn ich mir diese Bemerkung mal erlauben darf, in letzter Zeit ziemlich häufig vor...."
"Verdammt, woher weiß die das?", fragte sich Sinja.
".....und jetzt hast du plötzlich nichts Wichtigeres vor, als Geige zu üben, nur um uns drei schnellstmöglich wieder loszuwerden und deine Ruhe zu haben?
Vergiss es!
Ich will dir mal was sagen:
Du hast die Hosen voll? Okay! Völlig normal! Geschenkt!
Deine Angst ist berechtigt und du wirst bald erfahren, warum.
Es steht dir einiges bevor! Du wirst uns nämlich begleiten.
Wir brauchen dich! Es ist dringend! Es geht um Leben und Tod!“
„Ich muss was....? Wie?... Wofür...? Wohin? Was erzählst du da? Ihr platzt hier einfach rein und….was habt ihr vor? Wollt ihr mich entführen? Das ist ja wohl die Höhe! Ich will gar nicht, dass mir irgendwas bevorsteht!“, rief Sinja, „und ich will auch nirgendwo hin. Was ist denn das für ein wirrer Beitrag?“
Doch Emelda fuhr ungerührt fort:
„Ich hatte dich für etwas mutiger gehalten…. und etwas neugieriger auch, aber egal. Im Moment zählt Folgendes: du hast die drei Noten E – G – A gespielt und du hast sie so gespielt, wie sie die Berufenen spielen, sauber, klar und rein und deswegen sind wir gekommen. Punkt!
E wie Emelda. G wie Gamanziel und A wie Amandra!
Du hast die Schwingungen gesehen?
Die Lichtbänder und Glitzerfäden, an denen wir hängen?
Du hast sie erzeugt mit deiner Geige. Wir werden von den Fäden in die Menschenwelt gezogen und wir irren uns nicht. Wir können uns gar nicht irren. Das steht nicht in unserer Macht. Du spielst, wir kommen. So funktioniert das, ob uns das gefällt oder nicht.
Lass´ die zwei das ruhig noch eine Weile diskutieren."
Sie deutete mit dem Kopf auf Amandra und Gamanziel, die immer noch heftig stritten.
"Wenn jemand so spielt wie du, dann erscheinen wir. Das läuft von ganz alleine ab, ohne unser Zutun.“
Emeldas Schilderung war so eindringlich, dass Sinja zuhören musste, obwohl sich ein Teil ihrer Seele immer noch dagegen wehrte.
Sie legte ihre Stirn in Falten.
„Hmmm, was würde eigentlich passieren, wenn ich ein C spiele?“ fragte Sinja.
„Aha, sie wird neugierig“, dachte Emelda erfreut und sagte: „Dann erscheint Cichianon, das C, der Grund und den willst du sehen, glaub´ mir!“
Die Elfe lächelte verschmitzt.
„Und D?“
„Doriando, das D, der Ton des Sieges. Unser bester Kämpfer. Muskeln wo du hinguckst. Ein Bild von einem Kerl.“
“Und F?”
“Ferendiano, das F, der Ton der Heiterkeit. Das sind unsere Jungs.“
„Seid ihr alle Paare?“
„Nein“, antwortete Emelda, „wo denkst du hin? Wir Elfen paaren uns erst sehr spät im Leben. Die ersten zwei- dreihundert Jahre, wie ihr Menschen das nennt, haben wir viel zuviel zu tun und sind auch viel zu unruhig um uns um feste Beziehungen zu kümmern.
Das heißt natürlich nicht, dass wir Mädels nicht nach den Jungs gucken und umgekehrt, aber sie sind eher unsere Brüder als unsere Geliebten.
Und: jeder von uns hat natürlich seinen eigenen Ton für den er verantwortlich ist und auf den er oder sie achten muß.“
Plötzlich schlug Emelda aufgeregt mit den Flügeln und kam schnell näher.
Sie winkte Sinja mit dem Zeigefinger zu sich heran.
„Hast du schon einmal die sechste Symphonie von Ludwig van Beethoven gehört?“, flüsterte sie verschwörerisch.
“Nein? Das solltest du unbedingt! Das `Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande´?
Nein? Oder…. `Das lustige Zusammensein der Landleute´.
Das ist F...., die Freude...., die Heiterkeit.
Hör´s dir mal an, wunderbare Musik - aber wenn du dann unseren Ferendiano dazu siehst, dann glaubst du nicht, dass er das F ist und.....ach, egal, er ist einfach manchmal ein bisschen daneben.....aber das wirst du noch….mein Gott, wir werden jetzt hier nicht die ganze Tonleiter durchgehen, oder?", wurde sie wieder laut.
"Du wirst sie schon noch alle kennenlernen, wir haben nämlich noch eine Verabredung und es wäre besser, wenn wir dich bald darauf vorbereiten könnten.“
Sie schaute noch einmal zu Amandra und Gamanziel hinüber und rief den beiden zu:
„Mädels! Ich glaube, sie ist soweit. Die Spiegelnummer?“, turnte eine Rolle rückwärts an einem besonders schönen und starken Lichtbogen und verschwand mit einem Schwung aus Sinjas Blickfeld.
„Schon wieder der Spiegel? Muss das sein?, maulte Gamanziel.
„Na ja“, antwortete Amandra, „ich denke hier geht nichts anderes.“
„Na gut, dann halt der Spiegel!“
Paff!
Das Lichtspektakel war zuende. So unerwartet, wie es begonnen hatte, so plötzlich war es jetzt in sich zusammengebrochen. Mit einem Geräusch, das man nicht hören konnte.
"Hä?"
Dieses unhörbare Geräusch entstand, als die Lichtfäden in sich zusammenstürzten und plötzlich der Spiegel im Raum schwebte.
„Aha!“, dachte Sinja, „die Spiegelnummer! Das war damit gemeint.“
Der Spiegel war gerade groß genug, dass Sinja ihr eigenes Gesicht darin sehen konnte. Die drei Elfen schwirrten um ihn herum und versuchten mit aufgeregten Gesten, Sinja dazu zu bewegen, sich ihr Bild genauer zu betrachten.
Sie schienen plötzlich keine Worte mehr zu haben und genau genommen gab es in diesem Moment auch nichts zu sagen.
"Oh Mann! Jetzt hab‘ ich’s! Das Ding mit dem Spiegel.....das ist die `Alice im Wunderland´ - Geschichte!", ging es Sinja durch den Kopf, "was soll das denn jetzt? Was wollen die von mir?"
Scheu und immer noch etwas verstört kam sie langsam näher.
"So, da soll ich jetzt wahrscheinlich reingucken und dann macht´s `flutsch´.....!"
Sie versuchte, ihr Gesicht deutlicher zu erkennen, doch immer, wenn sie dem Spiegel nahe genug gekommen war, um darin etwas Genaues sehen zu können, verschwamm ihr Bild wieder und es wurden schemenhaft die Umrisse einer traumhaften Landschaft erkennbar.
Zudem bemerkte Sinja natürlich bald, dass die Oberfläche des Spiegels keineswegs glatt war und hart wie Glas, sondern zähflüssig zu sein schien und sich immer wieder ganz leicht kräuselte und wellte.
„Hm! Das haben sie aber sehr hübsch nachgebaut. Das ist ja wie im Buch, nur etwas kleiner!“, staunte Sinja über die perfekte Nachbildung.
Nach einigem Betrachten ließ sie ihre Vorsicht fallen und versuchte, die Spiegelfläche zu berühren. Sie konnte hineingreifen.
Zunächst versuchte sie, mit dem Zeigefinger der rechten Hand ihre Nase zu treffen. Das wäre ihr fast gelungen, doch die Oberfläche des Spiegels gab nach.
Der Teil ihres Fingers, der durch die Fläche hindurchgeflutscht und nun nicht mehr sichtbar war, erschien in einer anderen Welt, doch das konnte Sinja zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Die Sache wurde immer aufregender.
Erst das Lichterspektakel, die Elfen und jetzt das: ein Spiegel, der kein Spiegel war, durch den man hindurchgreifen konnte.
Plötzlich war alles etwas Anderes, als es zu sein schien.
Es war exakt so, wie sie es in dem Buch von Lewis Carroll gelesen hatte.
Wer konnte schon wissen, was auf der anderen Seite wartete und was noch alles passieren würde. Alice war es mit den Spiegeln genauso ergangen.
Es war unheimlich, aber Sinjas Neugier war nun endgültig geweckt.
Jetzt hörte sie auch die Elfen wieder leise miteinander tuscheln.
„Sieht so aus, als würde sie es hinkriegen“, war der letzte Satz, den sie aufschnappte.
Sinja wurde mutiger.
Sie griff in den Spiegel hinein und spürte auf einmal, wie auf der anderen Seite etwas an ihr zog. Sie wollte ihre Hand wieder herausziehen, aber das war gar nicht so einfach. Sie zog und zerrte und musste all ihre Kraft aufbieten, um dem Sog des Spiegels zu entkommen.
Schließlich schaffte sie es und mit einem hellen Blubbern und Plätschern schloss sich die Spiegelfläche und gab ihre Hand frei.
„Puh, das war knapp!“
Sinja war erleichtert, aber auch ein wenig enttäuscht.
„Nochmal!“, hörte sie in diesem Moment Emelda rufen und auch die beiden anderen Elfen wurden auf einmal wieder laut und sparten nicht mit Anfeuerungsrufen.
„Du musst es nochmal versuchen. Du warst schon fast drüben!“
„Was ist denn da drüben und warum soll ich da rüber?“
Sinja wurde es auf einmal wieder mulmig in der Magengrube.
Konnte sie den Elfen wirklich trauen?
Sie wollte es jetzt wissen.
„Es ist Mut, wenn man‘s trotzdem tut“, dachte sie und griff noch einmal in den Spiegel hinein. Diesmal noch tiefer, mit dem gesamten Unterarm.
Sie versuchte, etwas zu greifen, tastete nach etwas Festem.
Stattdessen wurde sie selbst gegriffen.
Der Sog erfasste ihren ganzen Arm bis hinauf zur Schulter.
Sinja konnte sich nicht mehr dagegen wehren und sie wollte es jetzt auch nicht mehr. Sie sah noch aus dem Augenwinkel, wie die Elfen sich jubelnd abklatschten. Dann hörte sie ein lautes Schlürf- und Zischgeräusch und wurde in den Spiegel hineingesogen. Dass die drei Elfen direkt hinter ihr hersprangen, bekam sie schon gar nicht mehr mit.
Sie hatte das Gefühl, durch einen langen, schmalen Tunnel zu fallen.
Es war dunkel, aber die Wände des Tunnels waren warm und weich, wenn sie sie berührte. Sie hörte Stimmen, die durcheinanderriefen und als Echos aus der Tiefe wieder hallten. Sie erkannte einzelne Wortfetzen, Schreie, aber keine zusammenhängenden Worte und schon gar keine Sätze. Plötzlich, als hätte jemand irgendwo ein Licht angeknipst, sah sie Farben, alle Farben des Farbkastens und noch viel mehr. Feuerrote Flecken. Tief meeresblaue Kleckse. Helle, sonnengelbe Punkte. Türkisfarbene Blasen und grasgrüne Streifen und Bögen.
Sie sah orange Wölkchen und kleine braune und beigefarbene Bällchen oder eher Dinge, die aussahen wie kleine Smarties.
Dies alles passierte in einem solch wahnwitzigen Tempo, dass sie nur die Hälfte davon mitbekam. Sie wurde von links nach rechts geschleudert und wieder zurück. Plötzlich jedoch wurde ihr Fall spürbar abgebremst und sie konnte feste Formen wahrnehmen.
Wie in einem Kinofilm sah sie Bäume und Sträucher, konnte sogar einzelne Äste und Blätter erkennen und mit einem Mal hörte sie auch die drei Elfen wieder, die mit großem „Juchheeehh!!!“ hinter ihr hergepurzelt kamen. Für die drei schien dies ein riesiger Spaß zu sein wie eine Karussellfahrt auf dem Jahrmarkt.
„Tunnel-Rafting“, dachte Sinja, als sie die drei hinter sich hörte.
Sie hatte so etwas Ähnliches mal im Fernsehen bei einer Action-Show auf KIKA gesehen. Da waren ein paar Leute in einem Schlauchboot durch eine Eisrinne gesaust, wo sonst Bobfahrer und Rennrodler runterdonnern. Mit achtzig Stundenkilometern, fast so schnell wie ein Auto. Ganz schön irre. Oder Leute auf der Achterbahn. Die hatten genauso gekreischt, wie die drei Flatterwesen hier im Tunnel. Sinja empfand eine andere Art von Aufregung.
Sie war gespannt, was noch passieren würde.
Genießen konnte sie die Tunnelfahrt nicht.
„Mal sehen, wo es hingeht….. und….. wird schon schiefgehen,“ sausten ihr noch einige Gedankenfetzen durch den Kopf als sie auf einmal unsanft auf ihrem Hinterteil landete.
„Willkommen in Dorémisien“, hörte sie in diesem Moment hinter sich einen dreistimmigen Chor singen.
Sie drehte sich um, blinzelte in grelles Sonnenlicht und konnte schemenhaft drei Gestalten erkennen, die offensichtlich bester Laune waren. Sie sahen allerdings keineswegs aus wie ihre kleinen, schnuckeligen Elfchen.
„Da staunst du, nicht wahr“, sagte eine der drei und als Sinja genauer hinschauen konnte, erkannte sie Amandra.
„Wir sind jetzt in unserer Welt und da sind wir genauso groß wie du, oder du bist so klein, wie wir in deiner Welt. Such‘ dir aus, was dir besser gefällt.
Auf jeden Fall sind wir jetzt gleich groß und das ist doch schon mal ein Fortschritt, oder? Wir können uns jetzt in die Augen schauen, Kleines.“
Den letzten Satz hatte sie mit verstellter tiefer Stimme gesprochen und dazu die rechte Augenbraue hochgezogen. Es war ein Zitat aus einem berühmten Film.
Langsam hatten sich Sinjas Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt.
Sie konnte schon fast wieder normal sehen und schaute sich um.
Was sie erblickte, war so anders als alles, was sie bisher in ihrem Leben gesehen hatte, dass sie es zunächst nicht glauben konnte.
Sie schaute in eine unermesslich weite Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Nichts als Wiesen und Wälder, in der Ferne von einem ruhigen, tief dunklen Fluss durchzogen.
Gelandet waren sie auf einer schmalen Anhöhe, hinter einem Felsvorsprung weit oberhalb der Ebene. Sinja suchte mit ihren Augen nach dem Tunnel, durch den sie eben so wild nach unten gepurzelt waren. Er war verschwunden. Es war, als hätte er nie existiert.
Aus den Felsen hinter ihnen sprudelte kristallklares Wasser, das sich als kleiner Wasserfall ins Tal ergoss. Das Gras der Wiesen in der fernen Ebene war grün, soweit man das von hier aus beurteilen konnte, doch die Blätter der Bäume waren alles andere als das. Sie leuchteten pinkfarben, violett, beigebraun, gelb und orange. Keine Spur von Grün. Zudem hatten die meisten rötlich braune Stämme mit ganz dünnen weißen Streifen in der Rinde.
„Bäume mit Nadelstreifen“, kicherte Sinja leise in sich hinein und fragte sich im selben Moment:“ Wo bin ich?“
Mit einem Mal konnte sie auch den Grund für die enorme Helligkeit erkennen, die hier herrschte. Es gab zwei Sonnen am Himmel, eine große und eine etwas kleinere, die einander zu umkreisen schienen und dabei Lichtbögen abgaben, die denen ähnelten, an denen die Elfen über Sinjas Geige herumgeturnt waren. Es sah aus, als tanzten die Sonnen miteinander über den Wolken.
Als Sinja noch etwas kleiner war, hatte ihr Vater sie einmal auf den Arm genommen und war im Walzerrythmus mit ihr durchs Wohnzimmer getanzt. Damals hatten sie in einer großen Wohnung gelebt, wo das möglich war.
1-2-3, 1-2-3…..
Die Bewegung der zwei Sonnen erinnerte sie an diesen Tanz.
Es sah leicht aus und weckte in Sinja freudige Erinnerungen an unbeschwerte Zeiten.
Als sie ihren Blick ein wenig nach links wandte, sah sie im Dunst der Ferne die Türme und Befestigungen einer großen Stadt. Mitten in der Stadt, soviel konnte sie sogar aus dieser Entfernung erkennen, lag ein riesiger Palast.
„Das da hinten, ist das euer Disneyland?“ fragte sie ihre drei Begleiterinnen.
„Nein, das ist Fasolânda, die Hauptstadt von Dorémisien“, antwortete Amandra lächelnd und flog in einem Halbkreis um Sinja herum.
„Es gibt noch ein paar kleine verstreute Siedlungen in der Nähe“, erklärte die Elfe, „aber im Großen und Ganzen findet das Leben von Dorémisien vor allem in Fasolânda, in den Wäldern und in den Bergen statt – und dort drüben“, Amandra senkte ihre Stimme „wo du diese dunkle Wolke siehst,.... aber das ist eine andere Geschichte. Davon wirst du noch früh genug erfahren.“
„Und was genau ist Dorémisien? Wo bin ich denn hier gelandet? Ich wäre euch wirklich dankbar, wenn ihr mich langsam mal aufklären würdet. Das ist alles ziemlich stressig für mich und ihr redet die ganze Zeit um den heißen Brei herum und tut so geheimnisvoll.“
„Dorémisien“, setzte Gamanziel fort, die auf einmal viel freundlicher und entspannter schien, „Dorémisien entstand vor langer, langer Zeit als die Menschen begannen, zu singen, Musik zu machen, zu tanzen und Instrumente zu spielen. Die Klänge, die Rhythmen und die Energie der Musik schufen in den Köpfen der Menschen neue Ideen, neue Bilder, Fantasien und Träume. Daraus wurde nach und nach unser Land.“
„Dann ist dieses Land, all das hier aus Musik entstanden?“, wunderte sich Sinja und ließ ihre Hand mit einer ausholenden Bewegung über die weite Ebene gleiten.
„Ja, das alles hier ist aus der Musik entstanden, die die Musiker eurer Welt geschaffen haben. Deswegen waren sie auch alle hier. All eure Musikgenies kannten und kennen das Land Dorémisien. Für jeden sah es natürlich ein wenig anders aus, weil es sich ja durch jede Komposition und jedes Spiel verändert. Aber sie haben es alle gesehen. Euer verrückter Mozart war hier. Der hat hier vielleicht einen Zauber veranstaltet. Wollte immer `Verstecken´ spielen der kleine Wolfgang und hat uns den ganzen Tag durchs Gelände gescheucht. Keine ruhige Minute hatten wir mit dem. Oder der Herr Beethoven, der mürrische Kerl. Ständig schlecht gelaunt und hat die ganze Zeit geguckt, als hätte er ein Päckchen Reißnägel verschluckt. Bis zum Schluss hat er uns unsere Geschichte nicht geglaubt.
Ich vermute, der hatte nur sein ta-ta-ta-taaaa im Kopf, du weißt schon.
Aber der absolute Kracher war Richard Wagner. Kaum, dass er sich nach seiner Abfahrt durch den Tunnel berappelt hatte (er ist ziemlich hart auf seinen Allerwertesten geknallt), fragte er, wo es hier zum König geht und ob man ihm einen Wagen bereitgestellt hätte.
Er hätte schließlich zu tun und außerdem benötige er eine gewisse Summe Geldes usw. Ein unerträglicher Mensch, aber ein genialer Komponist und da wir ihnen allen schließlich unsere Existenz verdanken, wollen wir mal milde sein und nicht zu kritisch. Im Übrigen war der Herr Wagner einer, der keinen Moment Zweifel hatte, dass es mit all unserem Zauber, uns Elfen und der magischen Welt seine Richtigkeit hat. Er hat daran geglaubt. Ein echter Romantiker eben.
Louis Armstrong war hier, der Jazztrompeter Miles Davis, Janis Joplin, die Beatles, Bach, Brahms, Elvis Presley und Michael Jackson. In letzter Zeit habe ich auch Carly Rae Jepsen hier gesehen und Helene Fischer. Auch Ernst Mosch und die vier von ABBA sind mal vorbeigekommen. Und jetzt du…..“
„Ja, ich“, brummte Sinja ungläubig, „was mache ich hier? Ich bin doch nicht so ein Musikgenie wie Mozart oder Beethoven und all die anderen…“
„Glaubst du denn“, fragte Gamanziel zurück, „dass diese ganzen Genies von Anfang an so toll waren, wie du sie in euren Geschichten kennengelernt hast? Das waren ganz normale Menschen, nur eben eine Winzigkeit anders.
Der alte Leopold Mozart, der Vater vom kleinen Wolfgang war selbst ein sehr guter Musiker und ein superstrenger Lehrer. Der hat seinen Wolfgang Amadeus stundenlang Tonleitern rauf und runter üben lassen, auf der Geige und auf dem Klavier und glaube nicht, dass unserem kleinen Wolli das Spaß gemacht hat. Der wollte eigentlich viel lieber mit seinen Kumpels auf der Straße spielen. Manchmal ist er ausgebüchst. Dann gab’s mächtig Prügel, wenn er nach Hause kam.
Meistens kriegt man solche Dinge ja nicht so mit, weil man von den Leuten immer erst hört, wenn sie schon richtig berühmt sind, aber glaube mir, die haben genau so oder so ähnlich angefangen wie du, nämlich mit üben.
Weißt du noch, was vorhin mit dir und deiner Geige passiert ist?“
Blöde Frage – natürlich wusste Sinja das noch.
So langsam begann sie, zu glauben, dass ihr da wirklich etwas Besonderes gelungen war.
In diesem Moment sprang Emelda hinter einem kleinen Felsvorprung hervor.
„So, meine Lieben“, meldete sie sich zurück, „genug der Geschichten jetzt. Wir haben eine lange, anstrengende Reise vor uns und müssen ein wenig ruhen und uns vorbereiten. Es wird jetzt langsam Ernst!“
Sinja war so beschäftigt gewesen mit sich selbst und Gamanziels Erzählung, dass sie Emeldas Abwesenheit gar nicht bemerkt hatte. Die Elfe hatte in der Zwischenzeit die Umgebung erkundet und berichtete jetzt kurz von den Eindrücken, die sie gesammelt hatte.
Sie hatte das Outfit gewechselt und war in die Kleidung der Waldläufer geschlüpft, wie sie sie nannte. Mit ihrem, über der Hüfte geschnürten hellbraunen Lederdress, dass bis etwa zehn Zentimeter oberhalb der Knie ging und dem Bogen, den sie jetzt über der Schulter trug, wäre sie als kleine Schwester von Robin Hood durchgegangen.
„Ah, ich sehe, Emmi ist schon reisefertig“, rief Amandra in die Runde,
„dann wollen wir mal nicht hintenanstehen und uns auch vorbereiten! Kommst du mit, Gamanziel?“
Die beiden verschwanden hinter dem Felsvorsprung, hinter dem Emelda eben aufgetaucht war.
„Bist du mittlerweile auf dem Laufenden?“, fragte Emelda und schaute Sinja dabei von der Seite an.
„Na ja“, antwortete die, „ich weiß jetzt ein wenig über eure Geschichte und die Zusammenhänge mit unserer Welt. Gamanziel hat mir etwas erzählt über die Musiker, die hier waren, weil sie etwas komponiert oder gespielt haben, was eure Welt mit Lebensenergie versorgt, oder so ähnlich….“
„Hmmmmnnn, ja,…. So ähnlich“, brummelte Emelda, „ich meinte jetzt eigentlich mehr die aktuellen Dinge. Weißt du, dass wir bald aufbrechen müssen, um nach Fasolânda zu gelangen? Wir müssen dich dort zu Königin Myriana bringen und es eilt. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Du solltest dich auch vorbereiten. Ich werde dir gleich ein paar passende Kleider geben. In dem Fummel, den du dir da übergeworfen hast, wirst du hier nicht weit kommen. Dorémisien ist nicht ganz so friedlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Kannst du reiten?“
„Ich habe vor zwei Jahren auf einem Jahrmarkt mal ein Pony geritten. Zwei oder drei Runden. Das hat tierisch Spaß gemacht und….“
„Um Himmels willen, ich meine nicht mit dem Zirkuspferdchen an der Leine im Kreis herumhoppeln. Ich habe gefragt, ob du reiten kannst, ein richtiges Pferd“, wurde Emelda ungeduldig.
Sie hatte gemerkt, dass Sinja nicht wirklich begriffen hatte, warum sie diese Frage gestellt bekam.
„Na gut. Es spielt eigentlich auch keine Rolle. Wenn du es nicht kannst musst du es lernen und zwar gleich. Aber jetzt bekommst du erstmal deine Klamotten.“
Sie griff in einen Lederbeutel, den sie von ihrem kleinen Ausflug mitgebracht hatte und zog ein verschnürtes Bündel daraus hervor. Das warf sie Sinja zu, die es, zu ihrer eigenen Überraschung sicher mit einer Hand aus der Luft fing. Sie schnürte das Päckchen auf und zum Vorschein kam eine hellbraune Stretchhose, ein beigebraun geflecktes Lederhemd, rotbraune Sportschuhe und eine Art Basecap, allerdings ohne Schild ebenfalls in hellem Braun.
„Iiiiihhhhh! Das soll ich anziehen?“, fragte Sinja und verzog das Gesicht.
„Das ziehst du an!“, antwortete Emelda völlig ungerührt.
„Das ist der totale Styleshocker!“, rief Sinja angewidert und hielt das Lederhemd mit ausgestrecktem Arm vor sich.
„Meine Liebe, das ist die Art von Kleidung, die du hier am besten trägst.
Es ist die Kleidung der Waldläufer, wie ich schon sagte. Du kannst dich darin gut bewegen und auch mal eine Dunkelzeit darin schlafen. Sie wird dich wärmen, dich schützen und sie wird dafür sorgen, dass du in den Wäldern nicht gleich von jedem entdeckt wirst. Du solltest das jetzt anziehen, damit wir vorwärtskommen.“
Emeldas Ansprache und der Blick, den sie Sinja dabei zuwarf, waren klar und mehr als deutlich. Sinja wagte nicht, noch irgendetwas zum Thema Kleidung zu sagen.
„Oh Mann“, knurrte sie nur noch in sich hinein und machte sich an die Arbeit.
Alle Kleidungsstücke waren passend in ihrer Größe vorhanden und ließen sich erstaunlicherweise wirklich einfach anziehen. Sinja war überrascht, wie leicht das ging.
„Na, zum Glück sehen mich meine Freundinnen nicht“, nuschelte sie, „aber bequem ist das Zeug ja schon. Das muss ich zugeben.“
„Nichts Anderes soll es sein“, antwortete Emelda, „außer vielleicht noch ein wenig Tarnung.“
„Wie kriegt ihr Elfen eigentlich eure Flügel da durch“, wollte Sinja noch wissen und zeigte dabei auf Emeldas Lederkleid.
Sinja hatte selbst schon einige Entwürfe für Kleider, Röcke und Shirts gemacht und interessierte sich daher für Modefragen.
„Das ist ziemlich einfach“, antwortete Emelda, „hier an den Rückenteilen sind Öffnungen vorgesehen. Das Rücken- und das Vorderteil sind mit Knöpfen oder Druckknöpfen verbunden, sodass du, wenn du die Knöpfe öffnest, praktisch das ganze Rückenteil abnehmen kannst. Du siehst die Knöpfe nicht, weil sie unter einem Überwurf versteckt sind. Siehst du, hier dieses Ding“, erklärte Emelda und hob gleichzeitig mit der rechten Hand das Lederstück an, unter dem die Knöpfe versteckt waren.
„Mit den Flügeln ist das dann kein Problem mehr“, sagte sie und schlug zum Beweis zweimal mit ihren Notenfähnchen.
In diesem Moment kamen die beiden anderen um die Ecke.
„Feeertig!“, sang Amandra.
„Wir sehen, die junge Dame ist auch soweit“, fügte Gamanziel fröhlich hinzu.
„Dann fehlen ja nur noch die Transportmittel“, sprach sie und flitzte noch einmal hinter den Felsvorsprung.
Sekunden später nahm Sinja einen Schimmer wahr, zunächst als ganz feinen Staub in der Luft, dann als Nebel und schließlich begann es dort, wo Gamanziel verschwunden war, silbern zu leuchten, als hätte jemand eine Schatztruhe geöffnet oder ein Licht angezündet. Was dann um die Ecke kam, das raubte Sinja für einen kurzen Moment den Atem.
Vor ihr stand der schönste Hengst, den sie jemals gesehen hatte, schaute ihr selbstbewusst in die Augen, blähte die Nüstern und schnaubte wie ein Wüstensturm. Er war schneeweiß von der Mähne bis zum Schweif, hatte stahlbaue leuchtende Augen und lange, schwarze Wimpern. Unter der Haut seiner Hinterbeine sah man Muskeln spielen, die erahnen ließen, welche Kraft dieses Pferd hatte. Aus seinen Schultern wuchsen zudem zwei kurze, weiße Flügel.
„Ich sehe, du bist beeindruckt“, stellte Gamanziel nüchtern fest.
„Das ist berechtigt. `Allegro´ ist das beste Pferdchen, das wir in der Kürze der Zeit für dich auftreiben konnten. Ich denke, ihr werdet euren Spaß miteinander haben.“
`Allegro´ schaute Gamanziel aus den Augenwinkeln an und drehte seinen Kopf beleidigt zur Seite. Offensichtlich war er mit der Bezeichnung `bestes Pferdchen´ keineswegs einverstanden. `Allegro´ war nämlich überzeugt davon, dass auch mit noch so viel Zeit und Suche nichts Besseres aufzutreiben gewesen wäre. Ohne falsche Bescheidenheit hielt er sich für das beste, schönste und schnellste Pferd, das jemals eine Stute zur Welt gebracht hatte.
„Dann ist es jetzt wohl an der Zeit, dass wir zwei uns näher kennen lernen“, stellte Sinja fest und ging vorsichtig auf `Allegro´ zu.
Der Schimmel nickte, beugte sein rechtes Vorderbein und setzte das Knie direkt vor Sinja auf den Boden, nahm einen seiner Flügel und hob sie mit einer fließenden Bewegung sanft und schnell auf seinen Rücken.
„Uiiii, das ging ja flott“, dachte Sinja noch, da hatte `Allegro´ schon die Flügel ausgebreitet, wieherte einmal laut, schnaubte, wieherte ein zweites Mal.
Dann schoss er mit Sinja auf dem Rücken den Hügel hinunter ins Tal.
Nach wenigen Sekunden waren die zwei außer Sichtweite der Elfen.
„Ich kenne ihn jetzt schon so lange, aber ich staune immer wieder über ihn“, stellte Emelda fest.
„Lassen wir die zwei sich mal beschnuppern“, sagte Amandra.
„Ja, kommt Leute. Wir haben noch zu tun. Wir müssen packen und außerdem noch einen `Glissando' mit einer Botschaft zu `Seriosa´ schicken, dass wir Sinja haben und sie mitbringen.“
Ein `Glissando´ war ein kleiner, graubrauner Vogel, einem Spatzen sehr ähnlich, der von den Elfen in Dorémisien als Bote genutzt wurde. Die Vögel waren, wenn man ihnen genaue Anweisungen gab, äußerst zuverlässige Überbringer von Nachrichten.
Gamanziel ließ sich immer von einigen begleiten, wenn sie auf Reisen ging.
Das war zu beiderseitigem Nutzen. Die Tiere wurden gut behandelt und versorgt, während Gamanziel für den Fall der Fälle einen Botenvogel hatte.
Jetzt war es also wieder soweit. Ein `Glissando´ wurde mit einer Nachricht versehen und auf die lange Reise nach Fasolânda geschickt, um die Ankunft des Quartetts anzukündigen.
Bis dahin würde aber noch sehr viel Zeit vergehen.
Währenddessen hatte Sinja ihre erste Reitstunde mit `Allegro´.
Sie hatte sehr schnell begriffen, dass der Schimmel genau wusste, was er tat.
Ihre einzige Aufgabe bestand darin, sich in seiner Mähne fest zu krallen um auf seinem breiten Rücken sitzen, oder besser liegen zu bleiben.
Damit war sie aber, zumindest am Anfang vollauf beschäftigt.
Mit dem Kennenlernen entwickelte sich Vertrauen und mit dem Vertrauen eine gewisse Gelassenheit. Sinja ließ geschehen, was geschehen sollte.
`Allegro´ glitt unter seiner Reiterin mit traumwandlerischer Sicherheit, halb galoppierend, halb schwebend, zunächst den Berg hinunter, dann in die weite Ebene. Er achtete auf Wurzeln, auf Schlingpflanzen auf giftige Stacheln und herunterhängende Äste und bewegte sich so durch alle Gefahren, dass Sinja sich schließlich geborgen fühlte. Es war wie ein aufregender Traum.
Sie flogen über kleine Bäche, auf schmalen Wegen durch die bunten Wälder, atmeten die warme, trockene Luft und als `Allegro´ zu einem besonders hohen Sprung ansetzte, hatte Sinja das Gefühl, die Wolken zu berühren und mit den Sonnen zu tanzen.
Sie musste dabei unwillkürlich an die Geschichte des griechischen Halbgottes Phaeton denken, die sie gerade gelesen hatte.
Der hatte im Übermut versucht, den Sonnenwagen seines Vaters Helios, des Sonnengottes zu lenken und war dabei vom Himmel gestürzt.
„Bloß nicht zu hoch fliegen“, dachte Sinja noch, als `Allegro´ schon wieder den Weg nach unten suchte.
„Mit dir zusammen kann mir nichts passieren“, sagte sie leise, als der Hengst in einen kurzen, geschmeidigen Trab verfiel.
Er hielt inne und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung der Anhöhe, von der sie gestartet waren. Sinja verstand sofort.
„Wir müssen zurück. Die drei fragen sich sicher schon, wo wir bleiben“, sprach Sinja aus, was `Allegro´ ihr mitteilen wollte.
Mittlerweile war der Sonnentanz, so hieß der Ablauf eines Tages in Dorémisien, schon weit über die Himmelsmitte hinaus und da Emelda, Amandra und Gamanziel von einer langen Reise gesprochen hatten, war es jetzt wohl Zeit für die Rückkehr.
„Ah, da sind ja unsere Turteltäubchen“, wurden Sinja und Allegro von Amandra
empfangen.
„Na, wie war der kleine Ausflug?“
„Es war unbeschreiblich“, antwortete Sinja, „du hattest natürlich recht, Emelda, mit dem Rumhopsen auf einem Zirkuspony hat ein Ritt auf diesem Mustang nicht allzu viel zu tun. Und Gamanziel, du solltest ihn nicht Pferdchen nennen!“
Sie lächelte die Elfe an, die natürlich wusste, was Sinja meinte.
„Ja, ich hab’s gemerkt, `Allegro´. Ich habe dich beleidigt, nicht wahr?
Das tut mir leid. Ich wollte dir damit nicht auf die Hufe treten“, sagte sie augenzwinkernd in Richtung des Schimmels, der sich daraufhin mächtig schüttelte und ein Wiehern von sich gab, dass aus dem Tal wiederhallte.
Am anderen Ende des Tals, dort, wo die Wälder von `Adagio´ begannen, registrierten einige gespitzte Ohren diesen Ausbruch der Freude sehr genau.
„So Kinder, ich schlage vor, wir ruhen uns jetzt noch ein wenig aus und wenn der Sonnentanz beendet ist, machen wir uns im Schutze der Dämmerung auf den Weg“, sagte Emelda.
„Wozu die Vorsichtsmaßnahmen?“, wunderte sich Sinja.
„Nun“, antwortete Gamanziel, „Emelda hatte ja schon angedeutet, dass Dorémisien keineswegs so friedlich ist, wie es auf den ersten Blick aussieht.
Es gibt ein paar Gestalten, die unbedingt verhindern wollen, dass du in Fasolânda ankommst und mit Königin Myriana zusammentriffst.“
„Schön, dass ich das auch schon erfahre. Was hab´ ich denen denn getan?“, fragte Sinja zweifelnd.
„Bis jetzt noch nichts, oder sagen wir mal nicht viel, und wenn es nach dem `Unerhörten´ geht, soll das auch so bleiben.
Dabei müssen wir es jetzt erst einmal bewenden lassen.
Den Rest wird dir Königin Myriana selbst erzählen, wenn wir es bis dahin schaffen.“
„Na, na, wer wird denn so pessimistisch sein, Gamanziel“, schaltete sich Emelda ein. Sie hatte Gamanziels letzten Satz mitbekommen, „selbstverständlich werden wir dort ankommen. Du machst unserer Freundin ja Angst.“
„Wäre schön gewesen, ihr hättet mir etwas früher Angst gemacht.
Dann hätte ich wenigstens noch `nein´ sagen und aussteigen können.
Ich vermute mal, dass es dafür jetzt zu spät ist.“
Sinja war sauer. Sie hatte das Gefühl, dass die Elfen ihr immer noch nicht die ganze Wahrheit erzählt hatten.
„Das vermutest du völlig richtig“, sagte Gamanziel mit ein wenig Bedauern in der Stimme, „als der Spiegel dich in den Tunnel gesogen hat, war die Entscheidung gefallen. Es gibt kein Zurück. Es geht nur noch in eine Richtung und ohne unsere Hilfe kommst du nicht mehr nach hause. Du bist also auf uns genauso angewiesen, wie wir auf dich. Es geht um das Überleben unserer Welt. Du bist die Berufene."
Gamanziel machte eine kurze Pause und dachte nach. Dann fuhr sie fort:
"Ach und das Theater mit dem Spiegel mußte leider sein - tut mir leid. Du bist dir wohl vorgekommen wie bei "Alice im Wunderland", aber wir mussten irgendwie dein Interesse wecken und dich hierherbringen und...ahäm.... da haben wir uns diesen kleinen….Trick ausgedacht.
Wenn du die ganze Geschichte kennst, wirst du uns hoffentlich besser verstehen.“
„Ich hoffe, du hast recht“, maulte Sinja vor sich hin,“ bis jetzt habe ich mit dieser blöden Berufung nur Stress und Ärger gehabt und jetzt erfahre ich noch so nebenbei, dass mir jemand an den Kragen will und meine lieben Freundinnen, die Elfen, die mir das Ganze eingebrockt haben, lächeln milde vor sich hin und sagen „hmmmm, sorry das wir dich da mit rein gezogen haben und….“
„Halt die Klappe!“, unterbrach Emelda Sinjas Redeschwall.
Ihr ging das Gejammer auf die Nerven.
„Akzeptiere das jetzt, so wie es ist und versuche, mit uns zusammen die Sache durchzuziehen oder geh und sieh zu, wie du klarkommst, aber hör´ auf, uns hier die Ohren vollzuheulen. Das hält ja kein Schwein aus, was du hier abziehst.
Die Dinge sind jetzt, wie sie sind. Mach etwas draus oder lass´ es.
Es liegt bei dir. Aber hör' auf, hier herumzublöken wie ein Schaf. Das nervt!“
Diese klaren Worte brachten Sinja zum Nachdenken.
War ‚gehen‘ eine ernst zu nehmende Möglichkeit?
Wohin hätte sie gehen sollen?
Sie war in einer fremden Welt, in der sie sich überhaupt nicht auskannte.
Sie wusste ja nicht einmal, welche Früchte auf den Feldern und in den Wäldern essbar waren und welche giftig. Sie wäre verhungert. Sie wusste nicht, wo sie hätte übernachten sollen.
Sie wäre überfallen oder von wilden Tieren angegriffen worden.
Wie sollte sie sich kleiden, wo zur Schule gehen. Schule?
Gab es in dieser Welt Jahreszeiten, Sommer, Winter?
Wie kalt wurde es in der Nacht? Sie würde erfrieren.
Wie sollte sie wieder nach Hause kommen?
Was hatten die Elfen gesagt? Dorémisien sei nicht so friedlich, wie es aussieht?
All diese Überlegungen führten Sinja schließlich zu dem Ergebnis, dass sie alleine in dieser Welt wohl kaum länger als zwei bis drei Tage überleben würde. Es gab also nur eine Möglichkeit: was immer die `Sache´ der Elfen war, sie musste es mit ihnen zusammen durchstehen und dann zusehen, dass sie diese unfreiwillige Reise beenden und so bald wie möglich wieder in ihr gewohntes Leben zurückkehren konnte.
Überhaupt: zuhause – was würden ihre Eltern denken, wenn sie auf einmal verschwunden war? Eben noch quietschte sie missmutig auf ihrer Geige herum, im nächsten Moment war das Wohnzimmer leer, die Geige verstummt - keine Sinja, keine Töne - arme Mama, armer Papa. Heute Abend würden sie niemanden zum Kuscheln haben.
Ach, irgendwie geschieht ihnen das ja auch recht. Warum mussten sie sie immer zum Üben zwingen. Sinja fühlte so etwas wie Genugtuung.
„Dann müssen sie jetzt mal ohne mich zurechtkommen – das ist schon ganz in Ordnung so – selbst schuld“, dachte sie und war auf einmal wieder zufrieden mit sich und der Welt.
„Okay, dann mal los“, rief sie ihren drei Freundinnen zu.
„Juhuhhh!!!! Sie ist wieder bei uns“, kam die Antwort aus drei Kehlen gleichzeitig. `Allegro´ ließ ein kräftiges Schnauben hören.
Nachdem Sinjas Entscheidung nun endgültig gefallen und der Streit beigelegt war, wurden die Vorbereitungen für die Reise fortgesetzt.
Aus ihrem Lager hinter dem Felsvorsprung, wo sich eine kleine, von außen nicht sichtbare Höhle befand, zauberten die Elfen noch so manches Nützliche zutage.
„Die Jungs haben ganze Arbeit geleistet“, stellte Amandra zwischendurch fest.
Neben zwei Ponys als Lasttieren war da noch ein ansehnlicher Vorrat an Nahrungsmitteln, Wasser, sowie Kleidung, Decken und Schlafsäcken zum Vorschein gekommen. Außerdem bekam jede einen Bogen, einen Köcher voller Pfeile und ein Messer zur Verteidigung.
„Kannst du damit umgehen, Sinja?“, fragte Emelda und deutete mit einem Blick auf den Bogen auf ihrer Schulter.
„Keine Ahnung“, antwortete Sinja, „ich hab‘s nie probiert.“
„Mannomann, was lernt ihr eigentlich in eurer Schule?
Wir kriegen Bogenschießen in der Prim beigebracht, gleich in der ersten Klasse. Selbstverteidigung ist Teil unseres Unterrichtes.
Noch ehe ein junger Elf richtig Lesen und Schreiben kann, kann er mit einem Langbogen aus dreißig Metern Entfernung einen Apfel vom Baum schießen.
Da gibt es auch keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädels.
Das Lesen von Büchern und Texten und das Schreiben ist bei uns nicht ganz so wichtig, wie bei euch. Eher das Fährtenlesen und das schnelle in-den-Baum-Ritzen von Zeichen und Nachrichten. Die musst du natürlich nicht nur ritzen, sondern auch entziffern können.“
"Klar!"
Sinja schaute wohl so entsetzt bei dem Gedanken, mit dem Bogen auf andere Lebewesen schießen zu müssen, dass Emelda schnell noch hinzufügte:
“Keine Angst, diese kleinen Bögen, die wir jetzt mitnehmen, sind eigentlich nur zur Verteidigung. Du kannst damit normalerweise nicht töten, nur, wenn du genau das Herz oder die Schlagader triffst. Am besten zielt man damit auf die Beine, um den Gegner kampfunfähig zu machen oder zu verhindern, dass er einen verfolgen kann. Ich denke, das wird für unsere Zwecke reichen.“
„Na, das sind ja schöne Aussichten“, stellte Sinja trocken fest, „gestern war ich noch eine friedliche Schülerin, die beim Brennball keinen anderen abwerfen konnte, weil sie Angst hatte, ihm weh zu tun und heute soll ich anderen Leuten mit Pfeil und Bogen in die Beine schießen?“
Um nicht schon wieder mit Emelda aneinander zu geraten, zwinkerte sie ihr betont lässig zu. Ganz wohl war ihr bei der Sache aber keineswegs.
Außerdem wusste sie immer noch nicht, wie so ein Ding überhaupt funktionierte. Emelda schien Sinjas Gedanken erraten zu haben.
„Das mit dem Reiten hat ja bei dir viel schneller hingehauen, als ich befürchtet hatte. Wenn du beim Bogenschießen genauso schnell kapierst, dann sind wir bald bereit.“
Sie kam zu Sinja herüber, gab ihr mit einem festen Griff den Bogen in die Hand und einen Pfeil dazu.
„Siehst du den kleinen Spalt hier am Ende des Pfeils?“
„Ja!“
„Hier legst du die Sehne ein!“
„Etwa so?“
Sinja legte die Sehne ein. Der Pfeil zeigte himmelwärts.
„Wenn du unsere schönen Wölkchen vom Himmel schießen willst, dann lass jetzt los“, sagte Emelda scherzhaft, „aber dann kriegst du Ärger mit mir.“
„Ups!“, rutschte Sinja heraus, als sie sah, wohin sie mit ihrem Pfeil zielte, „die armen Vögel….!“
Die hatten zu ihrem Glück noch nichts von dem drohenden Unheil bemerkt.
Dann begann Emeldas Grundkurs (für Rechtshänder) im Bogenschießen:
