So banal wie tiefgründig - Thomas Häring - E-Book

So banal wie tiefgründig E-Book

Thomas Häring

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Beschreibung

Das ist die tragikomische Geschichte von Anita Becker. Eine Frau, die alles hat und noch mehr davon verliert. Als eine Art weiblicher Hiob schlägt sie sich durch und landet dennoch immer tiefer in der Scheiße. Aber sie erweist sich als Stehauffrauchen und gibt nicht auf.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Thomas Häring

So banal wie tiefgründig

Agenten, Legenden und Tragödien der Arbeit Teil 4

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Leben kennt keine Gnade

Der Neuanfang vom Ende

Impressum neobooks

Das Leben kennt keine Gnade

Anita war eine von den Frauen, die alles hatten, was man zum Leben brauchte. Sie arbeitete als Verkäuferin in einem Modeladen, hatte einen Mann, ein Kind sowie viele Freunde und Bekannte, alles in allem führte sie ein erfülltes Leben und erfreute sich ihres Daseins. Natürlich war es nicht immer einfach, denn da, wo man mit anderen Menschen in Kontakt trat, galt es Kompromisse zu schließen und auch mal zurückzustecken, denn wenn jeder seinen Willen durchsetzen wollte, dann führte das nur zu Konflikten und Schwierigkeiten. Alles in allem war Anita mit sich und ihrer Existenz sehr zufrieden und das sagte sie auch ihrer Freundin Ulrike, mit der sie sich zum Kaffeetrinken traf. „Ja, Du scheinst wohl das große Los gezogen zu haben“, bemerkte jene. „Absolut. Es kann überhaupt nicht mehr besser werden, ich habe wirklich alles, was ich mir schon immer gewünscht habe: Einen tollen Mann, der mich verwöhnt; ein Kind, das mir mehr Freude als Ärger macht; einen Job, der mich fordert und reizt, sowie jede Menge nette Leute um mich herum, die mich inspirieren und gut für mich sind.“ „Da wünsche ich Dir nur, daß es dabei auch bleibt, denn man kann das Glück nicht festhalten. Es ist wie ein Schmetterling, der sich auf einer Blume niederläßt und sobald sich die Blume daran gewöhnt hat, fliegt er schon wieder davon.“ Später dachte Anita noch einmal über die Worte ihrer Freundin nach und sie spürte, daß in jenen eine tiefe Wahrheit lag, mit welcher sie sich eigentlich nicht auseinandersetzen wollte. Ihr ging es einfach viel zu gut und deshalb hatte sie keinen Bock, darüber nachzudenken, ob es so bleiben würde oder nicht. Man sollte sowieso immer versuchen, im Hier und Jetzt zu leben, das war das Sinnvollste überhaupt, denn nur die Gegenwart zählte, alles Andere war Schnee von gestern oder von morgen. Klar, daß zum Beispiel Maniker oder Manisch-Depressive ihre Manie nicht als Krankheit ansahen, schließlich ging es ihnen hervorragend, sie hielten sich für die Größten und hatten Energie ohne Ende. Sie waren wie im Rausch und hatten selbstverständlich kein Interesse daran, daß jener je ein Ende nahm. Bei den Depressiven war es eher umgekehrt: Die hielten ihren Zustand fast nicht mehr aus und dachten meist nur noch an Suizid. Anita war leicht euphorisch, aber kein bißchen manisch, ihr ging es halt einfach nur gut. Daheim angekommen, sah sie einen Zettel auf dem Tisch liegen, auf dem Folgendes stand: „Bin mit Kurt zum Fußballschauen, komme am Abend wieder, muß mit Dir reden. Bis später! Bodo.“ Anita wunderte sich ein wenig, denn normalerweise schrieb ihr Mann solche Sachen nicht, aber dann telefonierte sie mit ihrer Arbeitskollegin und vergaß das Ganze schnell wieder. Danach holte sie ihren Sohn von den Großeltern ab und beschäftigte sich mit dem Kleinen noch eine Weile. Als der dann ins Bett gegangen war, las sie noch ein bißchen in der Zeitung, bevor sie Geräusche an der Tür hörte. Ihr Ehemann kam zurück und sie merkte sofort, daß er etwas getrunken hatte, was sie irgendwie annervte. Da wollte er mit ihr reden und dann so etwas! Na toll! Das konnte ja was werden! „Schön, daß Du auf mich gewartet hast! Ich muß Dir ein Geständnis machen“, lallte er. „Na, da bin ich aber gespannt. Wenn Du mir gestehen willst, daß Du getrunken hast, dann glaube ich Dir das sofort, denn das merke ich“, entgegnete sie. „Nein, das war nur notwendig, damit ich die Karten offen auf den Tisch legen kann. Weißt Du, ich glaube, daß es besser ist, wenn wir uns trennen.“ Anita war schockiert. Erst glaubte sie an einen schlechten Scherz, doch Bodo gehörte eigentlich nicht zu den Leuten, die Witze machten und solche schon gleich gar nicht. „Aber warum das denn?“ wollte sie entgeistert wissen. „Ach, ich fühle mich nicht mehr wohl in unserer Beziehung, alles ist so langweilig und beliebig geworden, wir leben nebeneinander her und wenn wir nicht Titus hätten, dann gäbe es für uns schon lange überhaupt keinen Grund mehr, zusammenzuleben.“ Das saß, sie war fertig.

Später hatte sie natürlich noch herausgefunden, daß hinter der ganzen Sache wesentlich mehr steckte und das erzählte sie am Tag darauf ihrer Arbeitskollegin: „Ja, natürlich hat er eine Neue und zwar schon seit drei Monaten. Ich habe nichts davon gemerkt und er hat es gut vor mir verborgen. Jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Ich meine, für mich ist das der totale Schock, denn damit war aus meiner Sicht überhaupt nicht zu rechnen, aber es hilft alles nichts,“ jammerte Anita. „Du Arme. Das hast Du wirklich nicht verdient“, glaubte ihre Kollegin. „So, was hätte ich denn Deiner Meinung nach verdient?“ „So war das doch nicht gemeint, sei doch nicht gleich so empfindlich! Aber vielleicht ist es auch das Beste für Euch alle, denn was nützt eine Ehe, die eigentlich gar keine mehr ist?“ „Du hast doch überhaupt keine Ahnung! Ich habe Bodo immer geliebt und ich liebe ihn immer noch! Natürlich hat auch er seine Fehler und Schwächen, aber die hat jeder Mensch, außer Jesus vielleicht. Ich bin völlig am Ende.“ Daraufhin betrat eine Kundin den Laden und Anita war erst einmal abgelenkt. Allerdings war es mit ihrem Job auch so eine Sache: Da gab es zum Beispiel die Kundinnen, die einfach nur schauen wollten, alles anfassen mußten, nichts kauften und wieder verschwanden; die waren zwar auch irgendwie nervig, aber im Grunde harmlos. Dann waren da aber noch diejenigen, die wirklich anstrengend waren und zwar handelte es sich dabei um Frauen, die meist ziemlich scheiße aussahen, sich aber für eine Schönheit oder gar eine Königin hielten und dementsprechend hofiert werden wollten. Bei denen mußte sich Anita immer sehr verstellen und das fiel ihr umso schwerer, da sie gerade den Schock ihres Lebens zu verkraften und zu verarbeiten hatte. Der Kundin fiel recht schnell auf, daß Anita nicht bei der Sache war und das sprach die Frau auch sofort direkt an. Anita murmelte irgendeine Entschuldigung, doch die Frau nervte weiter und irgendwie hatte Anita das blöde Gefühl, daß das alles erst der Anfang war. Sie spürte, daß ihre Welt aus den Fugen geraten war, doch sie wollte das nicht wahrhaben und erst recht nicht hinnehmen; sie wollte um ihr Glück, das sie sich ihrer Ansicht nach hart erarbeitet hatte, kämpfen und deswegen überlegte sie sich auf der Heimfahrt, was sie ihrem Mann sagen wollte. Der war da, sogar nüchtern und spielte gerade mit seinem Sohn, was ihr beinahe das Herz brach. Alles schien so wie immer zu sein, die Fassade wurde künstlich aufrechterhalten, doch alle wußten, daß es so nicht mehr weitergehen würde. „Ich muß mit Dir reden“, ließ sie verlauten. „Jetzt nicht, ich bin beschäftigt“, erwiderte er. Das verletzte sie sehr und sie zog sich ins Schlafzimmer zurück um zu heulen. Eine Stunde später setzte sie sich zu ihm an den Küchentisch und fragte: „Liebst Du mich denn überhaupt nicht mehr?“ „Darum geht es nicht. Ich habe endlich die Frau gefunden, die wirklich zu mir paßt.“ „Und was wird aus Titus?“ „Der wird sich daran gewöhnen. Unsere Ehe war doch schon lange nicht mehr das Wahre, da brauchen wir uns doch wirklich nichts vormachen. Du lebtest Dein Leben, ich das meine und so vergingen die Jahre, ohne daß wir uns wirklich miteinander beschäftigten. Sabine ist da ganz anders, die interessiert sich für mich und das, was ich tue; sie teilt auch alles mit mir und bei ihr fühle ich mich rundum wohl, geborgen und glücklich. Sie soll die Frau meines Lebens werden und das mit uns war ganz in Ordnung, aber warum mit etwas Gutem zufrieden sein, wenn man etwas Besseres haben kann?“ Nach diesen Worten stand er auf und ging, sie fragte ihn nicht wohin, denn sie konnte es sich ohnehin schon denken. Traurig legte sie sich auf ihr Bett und erst jetzt wurde ihr klar, daß da viel mehr als eine Beziehung zerbrochen war; sie hatte außerdem in einer Scheinwelt gelebt, die überhaupt nicht existiert hatte und das machte ihr noch viel mehr zu schaffen. Würde sie jemals wieder glücklich sein können? Dieser undankbare Kerl, was bildete sich der eigentlich ein? Wie konnte er sie nur dermaßen verletzen? Das Leben war ein Schwein, das stand für sie fest, aber irgendwie mußte sie sich damit arrangieren.

Mit Titus wurde es auch immer schwieriger, denn der checkte natürlich, daß da etwas nicht stimmte und war deswegen selber völlig durcheinander, weshalb er seine Launen und Stimmungsschwankungen auch an seiner Mutter ausließ. Die kam damit überhaupt nicht zurecht, hatte jedoch mit sich und ihren Problemen genug zu tun. „Wissen Sie, früher war Ihr Sohn immer einer der Besten in der Klasse, aber seit ein paar Wochen führt er sich sehr merkwürdig auf. Er ist aggressiv, läßt sich nichts sagen und stört andauernd den Unterricht“, durfte sich Anita auf dem Elternsprechtag in der Schule anhören. „Na ja, es gibt bei uns daheim ein paar Probleme“, gab Anita zu. „Das habe ich mir schon gedacht, allerdings müssen wir etwas unternehmen, denn so kann es nicht weitergehen.“ „Das verstehe ich ja, aber irgendwie weiß ich nicht, was ich da persönlich dagegen tun kann.“ „Vielleicht sollten Sie und Ihr Mann erst einmal mit Titus reden und wenn das nichts hilft, dann müßten Sie halt auf professionelle Hilfe zurückgreifen.“ „Aber genau das ist es ja: Mein Mann ist nicht Teil der Lösung, sondern des Problems. Er will mich nämlich verlassen.“ „Das tut mir leid, aber so etwas habe ich mir fast schon gedacht. Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber ich habe mich schon immer gefragt, was so ein toller Typ wie Ihr Mann an einer Frau wie Ihnen findet.“ Schön langsam wurde es Anita wirklich zu bunt. Es hieß ja immer wieder mal, daß, wenn man am Boden lag, die Leute noch extra auf einem herumtrampelten, aber wenn man es dann selber am eigenen Leib spürte, dann war das schon noch mal etwas völlig Anderes. Sie sprang auf und verschwand ohne ein weiteres Wort, denn so etwas mußte sie sich ja wohl nun wirklich nicht geben. Was für ein Scheißleben! In der Arbeit wurde es auch immer unangenehmer und das lag nicht etwa daran, daß sich dort irgendetwas geändert hatte; ganz im Gegenteil, alles war so wie immer und genau das regte Anita auf. Irgendwie hatte sie das Gefühl, daß ihr Leben und damit auch sie stillstand, doch dem war nicht so, es veränderte sich ja ständig etwas, allerdings in eine Richtung, die ihr nicht behagte. „Anita, kann ich mal kurz mit Ihnen reden?“ erkundigte sich ihre Chefin bei ihr. „Ja klar. Was gibt’s denn?“ „Mir ist aufgefallen, daß Sie in letzter Zeit nicht ganz bei der Sache sind und daß sich unsere Kundinnen immer häufiger über Ihre schlechte Beratung beschweren und das kann ich natürlich so nicht stehen lassen. Also, entweder reißen Sie sich gefälligst zusammen, oder wir müssen uns von Ihnen trennen.“ Das saß. Noch so ein Schlag unter die Gürtellinie. Sollte sie jetzt etwa alles verlieren, was ihr etwas bedeutete? War sie verflucht, oder was? Anita verstand die Welt nicht mehr und als sie mit ihrem Psychologen darüber reden wollte, da winkte der nur gelangweilt ab und behauptete, er hätte sie andauernd davor gewarnt, aber sie hätte seine Mahnungen ja nie ernst genommen, deshalb brauche sie jetzt auch nicht angeschissen kommen und ihm die Ohren volljammern, denn sie sei selber schuld an ihrem Schicksal; schließlich habe sie ihren Mann über Jahre total vernachlässigt und das mit dem Job wäre auch kein Wunder, denn so wie sie immer über die Kundinnen hergezogen hätte, überrasche es ihn kein bißchen, daß sie jene schlecht bediente. Anita war völlig am Boden zerstört, sie wußte einfach nicht mehr weiter und da es ihr so beschissen ging, traf sie sich mit einem Mann, den sie schon lange kannte und zu dem sie nur trottete, wenn sie am Ende war. Dabei handelte es sich um Arnd, den Barkeeper, der eine kleine Kneipe besaß, in die sich Anita nur selten verirrte, denn eigentlich fühlte sie sich unter den ganzen Alkoholikern nicht wohl, doch es gab so Phasen in ihrem Leben, in denen sie genau das brauchte, um zu erkennen, daß es ihr bei Weitem nicht so schlecht wie anderen Leuten ging. Es war der Vergleich mit Anderen, der einen wieder zu sich kommen ließ und in gewisser Weise auch am Leben hielt, denn ansonsten wäre sie schon längst vor die Hunde gegangen und hätte sich in ihrer Badewanne voller Selbstmitleid ersäuft. Arnd begrüßte sie erfreut: