Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) hatte einen radikalen Kerngedanken: Die Natur und Gott seien ein und dasselbe -eine gewaltige, unpersönliche Kraft, die nicht in das Leben der Menschen eingreife. Das Universum folge lediglich seinen eigenen ehernen Naturgesetzen; denn, so Spinoza, "die Macht der Natur ist eben die Macht Gottes (...)." Als Albert Einstein gefragt wurde, ob er an Gott glaube, antwortete er: "Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der geordneten Harmonie des Bestehenden offenbart, nicht an einen Gott, der sich um Schicksale und Taten der Menschen kümmert." Tatsächlich ist Gott für Spinoza und Einstein keine über allem schwebende Macht, die uns nach dem Tod belohnt oder bestraft, sondern die dem Universum zugrunde liegende Naturgesetzmäßigkeit. Da Gott somit gemäß Spinoza nichts anderes ist als die Naturgesetze selbst, könne es auch keine Wunder geben, bei denen Gott den natürlichen Ablauf auf wundersame Weise verändert: "Wenn jemand behauptete, Gott tue etwas gegen die Gesetze der Natur, dann müsste er unausweichlich zugleich behaupten, Gott handle gegen seine eigene Natur." Für diese Aussagen wurde Spinoza von seinen Zeitgenossen exkommuniziert, und seine Bücher wurden verboten. Für die einen ist er Atheist, weil er keinen persönlichen Gott kennt; manche halten ihn sogar für einen Materialisten. Für andere ist er ein konsequenter Rationalist und Vordenker der Aufklärung, da er bereits die Meinungsfreiheit forderte. In jedem Fall stellte er die zentrale Frage, wie die uns umgebende äußere und die innere Natur des Menschen funktionieren - und wie man sie in Einklang bringen kann. Spinozas Affektenlehre gehört bis heute zu den Grundlagen der Psychologie. Warum aber sprechen Spinoza und Einstein überhaupt von Gott und lassen den Begriff nicht einfach weg? Spinoza macht gegen Ende seines Hauptwerkes eine Aussage, die seine Philosophie noch einmal in ein neues Licht rückt: Er fordert uns auf, die Natur und das gesamte Universum zu "lieben". Wie aber kann man eine Natur bzw. ein Universum lieben, das uns gegenüber gleichgültig ist? Spinozas Antwort ist von überraschender Klarheit und Aktualität. Das Buch ist in der beliebten Reihe Große Denker in 60 Minuten erschienen, die inzwischen weltweit in fünf Sprachen übersetzt wird.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dank an Melanie Tintera und Rudolf Aichner für ihre unermüdiche und kritische Redigierung, Silke Ruthenberg für die feine Grafik, Angela Schumitz, Lydia Pointvogl, Eva Amberger, Christiane Hüttner, Walburga Allgeier, Dr. Martin Engler für das Lektorat und Dank an Prof. Guntram Knapp, der mich für die Philosophie begeistert hat.
[...] die allgemeingültigen Gesetze der Natur, nach denen alles geschieht und bestimmt wird, sind nichts anderes, als Gottes ewige Ratsschlüsse [...].1
Die große Entdeckung von Spinoza
Der Kerngedanke von Spinoza
Gott ist die Natur
Die Natur ist uns gegenüber gleichgültig
Warum wir die Natur dennoch lieben sollten
Der Lebenstrieb als innerste Natur des Menschen
Der freie Wille ist eine Illusion - wir werden von Vorstellungen manipuliert
Demokratie als Konsequenz der Natur: „Der Zweck des Staates ist die Freiheit“
Was nutzt uns Spinozas Entdeckung heute?
Wer war Spinoza [...] Atheist, verliebt in Gott, Fatalist oder Vordenker der Aufklärung?
Spinozas wirkmächtige Idee des Naturrechtes auf freie Meinungsäußerung
Sich von falschen Vorstellungen befreien
Sind wir unsterblich?
Spinozas Vermächtnis [...] das Leben lieben!
Zitatverzeichnis
Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) ist einer der bedeutendsten Vertreter des Rationalismus. Er war Kenner und Nachfolger von René Descartes2 und vertraute, ganz im Sinne dieses großen Rationalisten, auf die Ratio, also das Denken als Quelle des Wissens. Seine erste philosophische Abhandlung, die er mit neunundzwanzig Jahren schreibt, trägt dementsprechend den bezeichnenden Titel: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes.3
Und doch war Spinoza von seinem eigenen Selbstverständnis her auch ein Theologe. Er hatte nämlich eine klare Vorstellung von Gott. Das ist zunächst einmal widersprüchlich, denn der Rationalismus, also das logische Denken, und der [...] aus dieser Perspektive [...] irrationale Glaube an Gott passen eigentlich nicht zusammen. Glauben und Denken, Theologie und Philosophie gehen hinsichtlich ihrer Suche nach Wahrheit verschiedene Wege. Das Wort Philosophie kommt vom zusammengesetzten griechischen Wort „Philo-Sophia“, was so viel heißt wie „Liebe zur Weisheit“ oder im weiteren Sinne „Liebe zur Wahrheit“. Es geht bei der philosophischen Wahrheitssuche primär um Wissen, das man argumentativ und rational begründen kann. Theologie dagegen kommt von den griechischen Wörtern „Theos“ für „Gott“ und „Logos“ für „Vernunft bzw. Wissenschaft“, was zusammengesetzt bedeutet: die „Wissenschaft von Gott“. Theologie beruht im Wesentlichen auf dem Glauben - dem Glauben an Gott, an die Verkündigungen der Propheten und an die Offenbarungen der Heiligen Schrift, also des Alten und Neuen Testamentes.
So gesehen sitzt Spinoza zwischen zwei Stühlen, da er halb Philosoph, halb Theologe ist. Jedoch folgt sein Kerngedanke einer klaren und höchst provokativen Logik. Er schlägt eine Brücke zwischen Theologie und Philosophie, ja sogar zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Denn, so Spinoza, Gott und die Natur sind nicht zwei verschiedene Momente. Sie fallen in eins:
[...] ich will [...] offen erklären [...], daß mein Verständnis von Gott und Natur von dem, was die [...] Christen gewöhnlich verfechten, völlig abweicht. Ich verstehe nämlich Gott als die immanente (innewohnende) und nicht die transzendente (von außen kommende) Ursache aller Dinge. [...] ich behaupte, dass alle Dinge in Gott sind und in Gott sich bewegen.4
Dieser Kerngedanke Spinozas war deshalb so provokativ, da sich daraus eine Reihe von Konsequenzen ergaben, die das Judentum, das Christentum und auch den Islam fundamental in Frage stellten. Denn wenn, wie Spinoza sagt, Gott nicht außerhalb der Natur zu finden ist, kann er auch nicht als allmächtiger Herrscher im Himmel über der Welt schweben, die Menschen beobachten und sie nach ihrem Tod mit dem Paradies belohnen oder mit der Hölle bestrafen. Wenn Gott und die Natur ein und dasselbe sind, dann ist er keine Person außerhalb der Welt oder des Universums. Tatsächlich verneint Spinoza die Existenz eines Schöpfergottes. Das sei lediglich eine Projektion der Menschen, die dazu führt, Diese Vorstellung von einem zürnenden, strafenden oder belohnenden Gott sei, so Spinoza, nur eine Projektion menschlicher Gefühle und Erfahrungen. Gott sei aber weder Vater noch Mutter, weder Mann noch Frau, noch irgendeine andere personifizierte Instanz, sondern nichts anderes als die Natur mit ihren ehernen Gesetzen. Deshalb mache es auch keinen Sinn, zu beten. Wenn beispielsweise Gott im Gebet um das Ende einer Flut, einer Trockenheit oder eines Erdbebens angefleht wird, ist das, so Spinoza, vergebliche Mühe, denn Wetterphänomene und Erdbeben folgen lediglich den chemisch-physikalischen Naturgesetzen mit ihren notwendigen Abläufen. Gott, so Spinoza, sei nichts anderes als eben diese Abläufe:
[...] daß sie sich die Macht Gottes als die Herrschaft einer königlichen Majestät [...] vorstellen [...].5
Denn die Macht der Natur ist eben die Macht Gottes [...].6
Die Naturgesetze können daher niemals durch Gebete oder Wunder vorübergehend außer Kraft gesetzt werden. Wunder wie die Teilung des Meeres im Alten Testament oder die Wiedererweckung von Toten im Neuen Testament wären, so Spinoza, völlig unmöglich. Moses und Jesus würden zwar gemäß der Bibel solche Wundertaten mit Gottes Hilfe vollbringen, indem Gott auf Wunsch der Propheten die Naturgesetze vorübergehend außer Kraft setzen würde, doch die Bibel sei, das müsse man bedenken, nur für einfache Geister geschrieben, um sie für den Glauben zu begeistern. In Wirklichkeit aber seien solche Wunder unmöglich:
[...] wenn jemand behauptete, Gott tue etwas gegen die Gesetze der Natur, müßte er unausweichlich zugleich behaupten, Gott handle gegen seine eigene Natur [...] eine höchst widersinnige Behauptung.7
Es entbehre jeder Logik, Gott für die Außerkraftsetzung von Naturgesetzen um Hilfe zu bitten. Wenn man überhaupt von „Gottes Hilfe“ sprechen wolle, dann müsse man erkennen, dass diese sich einzig und allein auf die Verlässlichkeit der Naturgesetze beschränkt:
Unter Leitung Gottes verstehe ich die feste und unveränderliche Ordnung der Natur, d.h. die Verkettung der natürlichen Dinge .8
Dieser Kerngedanke Spinozas war zu seiner Zeit revolutionär und ist es in gewisser Hinsicht bis heute. Wenn Gott nämlich, wie Spinoza sagt, mit der Natur zusammenfällt, dann gibt es keine Theologie auf der einen und Philosophie oder Naturwissenschaft auf der anderen Seite. Alles menschliche Erkennen ist dann nämlich prinzipiell das Erkennen der Natur und der [...] in ihr [...] wirkenden Gesetze. Daher ist Spinozas Gottesbegriff mit der modernen Naturwissenschaft vereinbar und sogar deren metaphysische Grundlage.
Tatsächlich hat einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler, Albert Einstein, den Kerngedanken von Spinoza mitvollzogen. Als Einstein gefragt wurde, ob er an Gott glaube, antwortete er:
Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit dem Schicksal und den Handlungen der Menschen abgibt.9
Gott ist für Spinoza und gleichermaßen für Einstein kein personales Wesen, das sich in die Schicksale der Menschen einmischt, sondern wie Einstein an dieser Stelle betont, die in der Natur anzutreffende „gesetzliche Harmonie“ oder mit Spinoza gesprochen, die allgemeingültige und unverbrüchliche Kette der Naturgesetze:
Nichts geschieht [...] in der Natur, was ihren allgemeingültigen Gesetzen zuwiderliefe [...].10
Deshalb schließt Spinoza in der Natur auch jeden Zufall aus. Für ihn steht fest, dass:
[...] es in den Dingen überhaupt nichts gibt, dessentwegen sie zufällig genannt werden könnten [...].11
Alle Dinge sowie überhaupt alles auf der Welt geschieht mit Notwendigkeit [...] nichts aus Zufall und ohne irgendeine Ursache. Denn wenn Gott tatsächlich die Naturnotwendigkeit und die Gesetzmäßigkeit derselben ist, dann kann, so Spinozas logischer Gedanke, nichts außerhalb von ihr geschehen. Alles folgt einer durchgängigen Determination. Genau wie für Spinoza, gibt es auch für Einstein keinen Zufall. Einstein verdeutlicht den Gedanken einer durchgängigen Determination aller Abläufe im Universum mit Hilfe von seinem bis heute vielzitierten Satz „Gott würfelt nicht“. Das Originalzitat lautet:
Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der (Alte) nicht würfelt.12
Einstein bezeichnet Gott an dieser Stelle gegenüber seinem Freund Max Born als “der Alte“. Diese humorvolle und ironisierende Bezeichnung zeigt einerseits, dass Einstein genau wie Spinoza nicht im kirchlichen Sinne an Gott glaubte, andererseits aber doch an eine, wie auch immer geartete, ordnende Kraft, die dem Weltall Struktur verleiht. Einstein verwendet das Wort „Gott“ im Grunde genommen als sprachlichen Ausdruck für sein Staunen über die feststellbare gesetzmäßige Ordnung und Harmonie des Universums. Nicht nur er selbst, sondern jeder Wissenschaftler, so Einstein, müsse angesichts der Unendlichkeit des Universums und der Erkenntnis, dass es aus strukturierten Abläufen besteht, am Ende in ein demütiges Staunen geraten:
[...] die Wissenschaft erfüllt jeden, der sich ernsthaft mit ihr befasst, mit der Überzeugung, dass sich in der Gesetzmäßigkeit der Welt ein dem menschlichen ungeheuer überlegener Geist manifestiere, dem gegenüber wir mit unseren bescheidenen Kräften demütig zurückstehen müssen. So führt die Beschäftigung mit der Wissenschaft zu einem religiösen Gefühl [,..].13
Der Respekt vor der Determination des Universums durch die Gesetze der Natur gilt also für Einstein und Spinoza gleichermaßen. Und beide sehen auch den Menschen als genuinen Teil der Natur an. Auch der Mensch ist in seinen Lebensäußerungen ähnlich wie das gesamte Universum durch Naturgesetze determiniert:
Menschen täuschen sich darin, daß sie sich für frei halten [...], welche Meinung allein darauf beruht, daß sie sich ihrer Handlungen bewußt sind, aber nicht die Ursachen kennen, von denen sie bestimmt werden.14
Im Alltag, so Spinoza, denken wir zwar, wir könnten uns frei entscheiden und handeln, weil wir unsere Handlungen bewusst erleben, aber letztlich werden wir doch von Naturkräften gesteuert, die uns selbst bisweilen sogar verborgen sind:
[...] wir werden von äußeren Ursachen [...] hierhin und dorthin getrieben, [...] wie von entgegengesetzten Winden bewegte Wellen auf dem Meer [...].15
Der sogenannte „freie Wille“ ist nach Spinoza eine Illusion. Denn sowohl die innere Natur des Menschen als auch die ihn umgebende äußere Natur folgen Gesetzen und notwendigen Abläufen. Die dabei von Spinoza vorgenommene Gleichsetzung von Gott und Naturgesetzen, geht auch aus dem folgenden zentralen Satz hervor:
[...] die Macht der Natur (ist) genau Gottes Macht und Tatkraft [...].16
Spinoza setzt also die beiden Begriffe Gott und Natur quasi gleich. Er schreibt, wie alle Gelehrten seiner Zeit, in lateinischer Sprache. An mehreren Stellen verwendet er die Formulierung „deus sive natura“, wörtlich übersetzt „Gott oder die Natur“. Damit bringt er den Kerngedanken seiner Philosophie auf den Punkt. Die unendliche, selbstwirkende Kraft, die wir Gott nennen, ist identisch mit der Natur als Ganzer.
Jetzt kann und muss man natürlich eine kritische Frage stellen: Wenn die Begriffe Gott und Natur austauschbar sind, könnte man dann das Wort „Gott“ nicht einfach weglassen und [...] wie es die meisten Naturwissenschaftler heutzutage tun [...] ausschließlich von Natur sprechen? Wozu dann überhaupt noch den metaphysischen Begriff „Gott“ strapazieren?
Tatsächlich wurde Spinoza von seinen Zeitgenossen vorgeworfen, dass er mit der Gleichsetzung von Gott und Natur, Gott letztendlich überflüssig gemacht habe. Da er zudem an keinen personalen Gott glaubte, mit dem wir im Gebet in Kontakt treten können, wurde er als Ungläubiger, Ketzer bzw. Atheist gebrandmarkt und 1656 aus seiner jüdischen Gemeinde in Amsterdam exkommuniziert. In der heute noch erhaltenen Erklärung seiner jüdischen Gemeinde wurden ihm „abscheuliche Ketzereien“ und „monströse Taten“ vorgeworfen. Und, so heißt es darin wörtlich, „Verflucht sei er am Tage und verflucht bei Nacht [...]. Der Herr möge nie wieder ihm verzeihen [...] und seinen Namen [...] vertilgen; Möge ihn der Herr wie ein Übel von allen Stämmen Israels fernhalten [...].“17
