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Freundschaft zwischen Mann und Frau? Bei Darren und Heather funktioniert dies perfekt … … bis eines abends die Weichen neu stellt werden. Doch dann wird Darren von der Vergangenheit seines Vaters eingeholt. Er lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein, bei dem es bald um mehr als nur seine Gesundheit geht. Um Heather zu schützen, erzählt er ihr nichts von seinen Schwierigkeiten, doch bald kommt es zu einer Katastrophe, die ihre Beziehung auf eine harte Probe stellt. Ist ihre Liebe stark genug, um diese Krise zu überstehen?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
The Assistant
Liebesroman von Ella Green
Impressum
Daniela Krenn
Siedlerstraße 5
83714 Miesbach
http://www.ella-green.com
© Ella Green Januar 2020
Cover: Daniela Krenn
Korrekturleserin: Christine Krenn
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Über die Autorin
Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren. Seit 2014 hat sie sich den Genren Romance und Drama verschrieben. Das Schreiben ist für sie nicht nur eine Berufung, sondern das Abtauchen in eine andere Welt. Wenn sie nicht an einer neuen Geschichte arbeitet, geht sie gerne in die Berge oder backt Cupcakes.
Für Mama und Papa,
danke, dass ihr immer an mich glaubt.
»Lieutenant Colonel Darren Hingston«, ertönte die Stimme von Major General Jack Galloway über die Lautsprecher.
Ich straffte die Schultern, stand auf, richtete mein Dress Blues, so nannte man die Ausgehuniform des U.S. Marine Corps, und ging nach vorn zur Bühne.
Die Sonne brannte vom Himmel und ich bemerkte, wie mir die Schweißperlen unter der weißen Schirmmütze über die Stirn liefen. Über die Stufen an der Seite betrat ich das Podium. Voller Stolz lächelten mich meine Eltern Will und Diane Hingston, die in der ersten Reihe saßen, an. Heute war der Beförderungsappell, bei dem ich ein neues Abzeichen verliehen bekam. Wieder kletterte ich auf der Karriereleiter der U.S. Marines ein Stück nach oben. Vom Lieutenant Colonel wurde ich zum Colonel ernannt – mehr zu Freude meines Vaters als zu meiner.
Seit meiner Geburt war es mir in die Wiege gelegt worden, dass ich wie er eine berufliche Laufbahn bei den Marines einschlagen sollte. Mein Dad wollte, dass ich in seine Fußstapfen trat. Er selbst hatte den höchsten Dienstgrad und war Commandant of the Marine Corps. Mir aber gefiel meine Tätigkeit schon einige Zeit nicht mehr. Hatte sie mir jemals gefallen? Am Anfang ja, aber jetzt nicht mehr.
Dieses ständige auf See sein und zu irgendwelchen Einsätzen zu fahren war mir zuwider. Ich wollte etwas anderes tun. Vor einigen Wochen hatte ich beschlossen, die U.S. Marines zu verlassen. Ich würde meine Karriere an den Nagel hängen und dies wollte ich meinen Eltern heute mitteilen. Dass sie wahrscheinlich damit nicht glücklich sein würden, war mir bewusst. Aber ich wollte raus und beruflich einen völlig anderen Weg einschlagen.
Ich trat an Major General Galloway heran, der mir überschwänglich gratulierte und mir das neue Abzeichen an der Uniform anbrachte.
»Herzlichen Glückwunsch, Colonel Hingston.«
Ich bedankte mich und salutierte vor ihm. Meine Beine waren weich wie Wackelpudding, als ich die Bühne verließ, um an meinen Platz zurückzukehren. Unter den Marines machte ich Tyra Russo, eine sehr gute Bekannte unserer Familie, aus. Sie war einige Dienstgrade unter mir. Sie würde heute das Abzeichen zum Captain verliehen bekommen. Tyra und ich kannten uns von Kindesbeinen an. Der Traum unserer Eltern war es immer gewesen, dass aus uns ein Paar werden würde. Allerdings war Tyra nicht der Typ Frau, auf den ich stand. Immer wieder versuchte sie, bei mir zu landen. Doch ich hatte nur freundschaftliche Gefühle für sie. Tyra war wie eine Schwester für mich. Sie strahlte mich an, als ich an ihr vorbeiging und auf einem Stuhl Platz nahm.
Ich faltete die Hände wie zu einem Gebet und starrte darauf. Später würde ich die Entscheidung über meinen beruflichen Werdegang meinen Eltern mitteilen. Ich musste es heute durchziehen, auch wenn das wohl ein unpassender Moment war.
Für mich war bereits alles geplant. Letzte Woche war ich in New York gewesen, um den Arbeitsvertrag bei der Davis Club Inc. zu unterschreiben. Ich hatte die Stelle als persönlicher Assistent von Barcley Davis, dem wohl bekanntesten Clubbesitzer der USA, bekommen. Der Job reizte mich und war komplett anders als die Tätigkeit bei den Marines. Obwohl ich keinerlei Referenzen vorweisen konnte, was die Arbeit als persönlicher Assistent betraf, hatte ich die Stelle bekommen. Was wohl auch daran lag, dass Barcley Davis und ich uns sofort auf Anhieb verstanden hatten.
»Darren, kommst du?« Bob, mein Kollege, riss mich aus meinen Gedanken. Die Zeremonie war vorbei, nun ging es zum Empfang, bei dem Drinks und Häppchen gereicht wurden.
»Ich geselle mich nachher zu euch. Muss erst zu meinen Eltern«, antwortete ich ihm und suchte nach ihnen.
»Mein Sohn«, hörte ich die Stimme meines Dads und drehte mich zu ihm um. »Ich gratuliere dir. Jetzt kletterst du immer weiter nach oben und eines Tages übernimmst du meinen Posten.«
Es versetzte mir einen Stich in der Magengegend, denn seine Anstellung wollte und würde ich nie haben wollen.
»Danke, Dad.«
»Ich freu mich so für dich«, sagte Mom und drückte mich herzlich.
Dass ich bei den U.S. Marines war, fand sie nicht immer gut, denn ich war viel unterwegs. Wochenlang wartete sie, dass ich unversehrt von einem Einsatz zurückkam. Da mein Dad mittlerweile nur die Fäden im Hintergrund zog, musste er nicht mehr auf See.
Die Augen meiner Eltern strahlten und man merkte, wie stolz sie auf mich waren. Noch nie hatte ich sie enttäuscht. Ich war ihr Vorzeigesohn, mit dem sie gern angaben. Vor allem bei ihren exklusiven Empfängen auf ihrem Anwesen in Arlington. Nur die Elite wurde dazu eingeladen. Sogar der Präsident kam zu diesen Festlichkeiten.
»Darren, lass dir gratulieren.« Tyra rannte auf mich zu und warf sich mir an den Hals.
»Dir auch herzlichen Glückwunsch«, erwiderte ich und drückte sie kurz.
Heute bemerkte ich wieder, dass sie mehr von mir wollte als nur eine Freundschaft, denn sie küsste mich auf die Wange und drückte mich etwas länger als gewöhnlich. Nicht nur einmal hatte ich ihr gesagt, dass sie für mich wie eine kleine Schwester war. Aber meine Eltern bestärkten sie immer wieder, dass ich irgendwann weich werden würde. Wäre in den USA eine arrangierte Ehe erlaubt, wären wir wahrscheinlich schon längst verheiratet.
»Du wirst es noch weit bringen«, sagte sie und strahlte mich an.
Ihre dunkle Haut schimmerte im Sonnenlicht. Die pechschwarzen Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden und unter der weißen Schirmmütze versteckt. Sie sah süß aus, aber eben so süß wie man eine gute Freundin fand, nicht wie eine Frau, auf die man scharf war.
Ein Kellner kam mit einem Tablett auf uns zu und bot uns Champagner an. Jeder nahm sich ein Glas und wir stießen auf die Erfolge von Tyra und mir an. Mir wurde immer flauer im Magen, aber ich musste endlich damit rausrücken, dass ich meiner beruflichen Laufbahn bei den Marines ein Ende setzte. Um mutiger zu werden, nahm ich einen großen Schluck von dem alkoholischen Getränk.
»Ich muss euch was sagen«, begann ich.
Tyra und meine Eltern blickten mich neugierig an.
»Ich werde die U.S. Marines verlassen.«
Meinem Dad entglitten die Gesichtszüge und Tyra fiel das Glas aus der Hand. Als es auf dem Holzboden aufkam, zersprang es in tausend Teile.
»Ich habe einen Job in New York bekommen«, fuhr ich fort.
Der Blick meines Vaters war kühl. Dass es in ihm brodelte, konnte ich ahnen. In der Öffentlichkeit würde er mir keine Szene machen, so gut kannte ich ihn. Wären wir allein, würde er mir die Leviten lesen. Dad war autoritär und man hatte zu spuren. Man musste seine Regeln befolgen und falls nicht, konnte er sehr laut werden. Mir kam es vor, als würde mir jemand die Kehle zudrücken.
Jetzt war es raus, aber ich fühlte mich mies. Das erste Mal in meinem Leben tanzte ich nicht nach seiner Pfeife, sondern entschied für mich selbst.
Tyras Augen füllten sich mit Tränen. »Das ist nicht wahr.«
Ich nickte nur.
»Was soll aus unserer Freundschaft werden, wenn du meilenweit weg bist?«
»Es gibt Telefone«, antwortete ich und zwinkerte ihr zu.
Mein Vater regte sich nicht. Es wirkte so, als wäre er zu einer Statue erstarrt.
»Bist du dir sicher, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast?«, fragte Mom.
Von ihr hätte ich ein wenig mehr Unterstützung erwartet, denn sie fand es ja nie gut, dass ich quasi mit meinem Leben spielte. »Ist der Job so viel besser als der bei den Marines?«
Mein Kopf drohte zu zerplatzen und mein Magen spielte verrückt. Ich riss mich zusammen und beantwortete ihre Fragen. »Seit ich klein war, wollte Dad immer, dass ich so werde wie er. Aber ich kann das nicht. Ja, ich habe es sehr weit gebracht, aber mir gefällt meine Arbeit nicht. Bei den Marines war ich nie glücklich. Ich möchte eine Anstellung, die mir Spaß macht und mich erfüllt. Und genau so eine habe ich in New York gefunden. Die neue Herausforderung reizt mich.«
»Was ist das für ein Job?«, wollte Tyra wissen.
»Ich werde der persönliche Assistent von Barcley Davis. Er besitzt sehr exklusive Clubs in New York und Los Angeles.«
Mein Vater begann hämisch zu lachen. »Das soll wohl ein schlechter Witz sein. Du willst freiwillig für jemanden den Hiwi spielen? Darren, sei nicht dumm! Du bist Colonel, und jetzt möchtest du ganz nach unten?«
Ich wollte darauf antworten, aber dazu kam es nicht, denn er wandte mir den Rücken zu und ging davon. Innerlich seufzend schaute ich ihm nach und wusste, dass er enttäuscht und sauer war.
Darren
5 Jahre später
Mit der Einladung, die ich gestern im Briefkasten vorgefunden hatte, in den Händen saß ich da und starrte auf die Zeilen. Commandant of the Marine Corps Will Hingston lädt ein zum Frühjahrsempfang. Wieder ein Empfang, bei dem mein Vater auf happy Family machte. Noch nie hatte er mich persönlich zu seinen Veranstaltungen, die auf dem Anwesen meiner Eltern in Virginia stattfanden, eingeladen. Wie jeder Gast erhielt ich eine Einladung per Post. Seit ich die U.S. Marines verlassen hatte, war unser Verhältnis gespalten. Nie hatte er meine Entscheidung und Arbeit als persönlicher Assistent von Barcley Davis respektiert. Er belächelte den Job.
Wenn ich zu seinen Events kam, redete er zwar mit mir, aber auch nur, um den Schein der glücklichen Familie zu wahren. Auf den exklusiven Empfängen spielte er den Gästen das perfekte Familienglück vor. Hinter der Fassade sah es anders aus.
Wurde er gefragt, was sein Sohn jetzt arbeitete, sagte er, dass ich beim Geheimdienst wäre. Ihm war es zuwider, dass ich die militärische Karriere an den Nagel gehängt hatte. Es war ihm peinlich, dass ich Assistent war.
Wenn ich an die Empfänge in den letzten Jahren zurückdachte, wurde mir schlecht. Diese Lügerei nervte mich. Dass ich ohne Frau an meiner Seite erschien, hieß er nie gut. Er hatte wohl die Befürchtung, jemand könnte denken, ich sei schwul.
Tyra sah ich nur auf den Events, was völlig ausreichte. Wir hatten uns in den letzten Jahren aus den Augen verloren. Sie war mittlerweile Major. Ich gönnte ihr den Erfolg bei den Marines.
Bei jedem Empfang versuchte sie, bei mir zu landen. Sie bezirzte mich und flirtete, aber ich war nie darauf angesprungen.
Ich drehte mich mit dem Bürostuhl zur Fensterfront und blickte nach draußen. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel und tauchte Manhattan in ein sanftes Licht. Für heute stand nicht viel in Barcleys Terminkalender. Am Nachmittag würde Mr. Moore von Moore Wine & Champagne Inc. kommen, um mit ihm neue Konditionen zu verhandeln. Seit Barcley mit Carrie zusammen war, war mein Job ruhiger geworden. Ich musste keine Dates mehr mit Models für ihn organisieren. Ich war wirklich froh, dass diese Zeiten vorbei waren und er sein Herz hatte öffnen können.
Hinter mir hörte ich das Telefon klingeln, drehte mich um und nahm den Anruf entgegen.
»Davis Club Inc., Darren Hingston, guten Tag«, meldete ich mich mit freundlicher Stimme.
»Darren, ich bin es.« Die tiefe militärische Stimme meines Vaters drang an meine Ohren und ich war kurz davor, zu salutieren, auch wenn er das gar nicht sehen konnte. Er hatte mich in den letzten Jahren nie angerufen, daher erstaunte es mich umso mehr, dass er es plötzlich tat. Hoffentlich ist nichts mit Mom, schoss es mir in den Kopf.
»Hallo, Dad«, entgegnete ich und das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war, nahm zu.
»Hast du die Einladung für den Frühjahrsempfang erhalten?«
Wenn er so anfing, war nichts passiert. Aber was interessierte es ihn, ob ich sie erhalten hatte? Er konnte sich doch denken, dass ich kommen würde. Nur des lieben Friedens willen. Außerdem hätte ich Mom spätestens morgen informiert, dass ich nach Virginia reisen würde. Was also wollte er?
»Ja, hatte ich gestern im Briefkasten.«
»Gut, du weißt, meine Empfänge sind mir sehr wichtig.«
Jaja, das weiß ich, dachte ich mir. All seine Veranstaltungen waren wichtig. Das war nichts Neues für mich. Und ich wusste auch, dass ich an diesen Tagen den tollen Sohn, der beim Geheimdienst tätig war, spielen musste. Ich hasste es. Er brachte die Lüge immer so souverän rüber, dass ich teilweise selbst glaubte, diesen Job zu haben.
»Es werden wieder sehr viele Gäste erwartet, unter anderem auch der Präsident. Ich möchte, dass du zusammen mit Tyra erscheinst.«
Mir klappte der Mund auf. Wie bitte? Wieso sollte ich mit ihr dort hingehen?
»Ich habe keine Lust, den Leuten wieder zu sagen, dass du keine Frau hast. Und ich möchte auch nicht, dass das Gerücht in die Welt gesetzt wird, dass du schwul bist.«
Ihm war es immer bedeutsam, was die Menschen über ihn und seine Familie dachten. Und ein Gerücht, dass ich homosexuell sei, wäre das Schlimmste für ihn.
»Du verlangst von mir ernsthaft, dass ich Tyra als meine Freundin ausgebe?«
»Ihr kennt euch lange genug. Wie du weißt, war ich immer dafür, dass ihr beide ein Paar werdet. Es wäre die Gelegenheit, dem mal auf die Sprünge zu helfen.«
»Sorry, aber da mache ich nicht mit.« Es kam selten vor, dass ich ihm widersprach. Aber bei dieser Schnapsidee sträubte ich mich. »Bevor ich bei so einem Theater mitspiele, komme ich gar nicht. Du kannst deinen Gästen gerne sagen, dass ich für den Geheimdienst geschäftlich unterwegs bin. Das ist ja sowieso deine liebste Lüge.«
»Darren!« Seine Stimme klang mahnend.
Dieser Tonfall gefiel mir nicht. Aber unter Druck würde ich mich von ihm nicht setzen lassen. Gern ließ er den autoritären Viersternegeneral raushängen.
»Du wirst mit ihr zusammen erscheinen, das ist mein letztes Wort.«
»Ich nehme meine Freundin mit.« Oh mein Gott, was sagte ich da nur? Ich hatte ja gar keine. Woher soll ich bitte eine herbekommen? Das Event war schon in einigen Wochen.
»Du hast eine feste Freundin?«
»Ja, und das würdest du wissen, wenn du mehr Kontakt zu mir hättest.«
»Deine Mom weiß es aber allem Anschein nach auch nicht, denn das hätte sie mir erzählt.«
»Es ist noch ganz frisch«, log ich und schüttelte den Kopf.
Was tat ich hier nur? Diese Lügerei färbte anscheinend ab.
»Was macht sie beruflich? Ist sie erfolgreich?«
Ich ballte die Hand zur Faust. Für ihn zählte nur der Erfolg. Wer beruflich keine Karriere machte, war für ihn nichts wert. Dass ich mit meiner Arbeit bei der Davis Club Inc. sehr gutes Geld verdiente und mir einiges leisten konnte, interessierte ihn nicht. Für ihn war ich nur der Hiwi eines anderen.
»Ist das wichtig, was sie beruflich macht?«
»Ja, schließlich muss ich sie sehr bedeutsamen Leuten vorstellen. Mir wäre es lieber, wenn dich Tyra begleitet, da weiß ich, was sie macht.«
Jetzt schlug es wohl dreizehn. Drehte er jetzt völlig ab?
»Nein, mit Tyra werde ich nicht als Begleitung kommen, dann sag lieber, ich bin mit dem Geheimdienst irgendwo im Dschungel.«
»Rasiere dir die Matte vom Kopf und bring deine Freundin mit. Wir sehen uns spätestens einen Tag vor dem Empfang.«
In mir kochte es vor Wut. Mom würde es das Herz brechen, wenn ich die Einladung ausschlug. Ich wollte ihm antworten, dann hörte ich nur noch ein Tuten in der Leitung. Er hatte aufgelegt. Ich fuhr mir durch die Haare oder wie mein Dad sagte, durch die Matte. Seit ich den U.S. Marines den Rücken gekehrt hatte, trug ich einen lässigen Afrolook und keine Glatze. Nur wenn ich bei meinen Eltern war, rasierte ich mir die Haare komplett ab. Barcley fand meinen wilden Look hip. Er war nicht nur mein Chef, sondern war in den letzten Jahren ein guter Kumpel geworden.
Ich stützte den Kopf auf meinen Händen ab. Tja, und wo bekam ich jetzt eine Frau her, die meine Freundin spielte?
Ich öffnete die oberste Schublade des Schreibtisches. Das schwarze Notizbuch, in dem die Telefonnummern der Models standen, mit denen Barcley früher verkehrt hatte, kam zum Vorschein. Ich hatte es nie weggeworfen, obwohl wir es gar nicht mehr brauchten. Es war ein Teil meiner Arbeit gewesen und manche Nummern kannte ich auswendig.
Ich schlug es auf und begann die Namen, die darin notiert waren, zu lesen. Krass, mit wie vielen Damen sich Barcley vergnügt hatte. Aber das war seine Vergangenheit. Sollte ich …? Nein, ich würde den Teufel tun und eine als meine Freundin arrangieren. Bis auf Eileen Gellar hatten alle Models in den Clubs der Davis Club Inc. Hausverbot.
»Hey, alles klar bei dir?«, hörte ich Barcleys Stimme und ließ das Notizbuch in der Schublade verschwinden.
»Ja, und bei dir?«
»Auch. Ich möchte am Freitagabend mit Carrie nach Los Angeles fliegen, um im Wish und Hope nach dem Rechten zu sehen.«
Einmal im Monat flog er nach L. A., um zu schauen, ob alles in seinen Clubs gut verlief. Alle zwei Monate flog er nach Singapur. Dort befand sich das Soul, ein sehr edler Club, der ihm gehörte.
»Okay, ich werde für sieben Uhr abends einen Learjet chartern«, sagte ich und notierte mir, dass ich bei der privaten Fluggesellschaft anrufen musste.
Barcley flog nicht gern mit Linienmaschinen. Er bevorzugte es, luxuriöser zu reisen. Was er sich, ohne mit der Wimper zu zucken, leisten konnte.
»Mr. Jefferson wird die Info bekommen, dass er euch um halb fünf abholen und zum La Guardia Flughafen bringen soll.«
»Sehr gut«, sagte er und setzte sich vor mich auf einen der Stühle. »Was hattest du mit dem Modelnotizbuch vor?«
»Ach, nichts. Ich sollte es mal entsorgen. Du brauchst es ja nicht mehr.«
»Brauchst du eine Frau?«, fragte er lachend.
»Oh Gott, nein, niemals würde ich eine von deinen Verflossenen anrufen.« Ich hob die Hände und schüttelte den Kopf.
»Diese Damen möchte ich weder in meinem Leben noch in dem meines persönlichen Assistenten wissen.«
»Keine Sorge.«
»Wenn du Notstand hast, geh ins Truth oder ins Faith. Reiß dort eine auf.«
Diese beiden Clubs gehörten ebenfalls zur Davis Club Inc. und waren in Manhattan gelegen. Sein Vorschlag, in einem der Clubs eine Frau aufzureißen, war gar nicht so verkehrt. Vielleicht würde ich dort eine finden, die meine Freundin spielen konnte.
»Mrs. Miles hat den Meetingraum für das Treffen mit Mr. Moore bereits vorbereitet«, wechselte ich das Thema.
»Super.«
»Ich führe das Protokoll«, informierte ich ihn noch.
»Auf euch zwei ist Verlass«, sagte er und stand auf. »Wir sehen uns später.«
»Okay.«
Er knöpfte sein Jackett zu, verließ das Büro und ich atmete tief durch. Heute Abend würde das Projekt Eine-Frau-für-Darren-finden beginnen.
Heather
Stimmen drangen an mein Ohr und ich kam mit flatternden Lidern zu mir. Es hörte sich so an, als würden Ethan und sein Mitbewohner Jesse auf dem Flur diskutieren. Ich drehte mich zum Nachttisch, griff nach meinem Handy und checkte die Uhrzeit. Es war kurz vor zehn Uhr morgens. Obwohl ich sowieso aufstehen musste, nervte es mich, dass die beiden mich geweckt hatten. Unverständliche Worte drangen durch die Tür. Ich konnte mich noch so anstrengen, hören, was sie sagten, konnte ich trotzdem nicht genau.
Seit zwei Monaten traf ich mich mit Ethan. Er war ein netter und gut aussehender Mann, den ich im Supermarkt kennengelernt hatte. Ja, solche Zufälle gab es wirklich. Wir hatten beide vor dem Müsliregal gestanden und waren ins Gespräch gekommen. Ehe ich mich versah, hatte ich seine Handynummer und ein Date mit ihm gehabt. Offiziell waren wir noch kein Paar, denn wir hatten ausgemacht, dass wir es langsam angehen ließen. Nach dieser kurzen Zeit konnten wir nicht sagen, ob es eine Beziehung werden würde. Wir verstanden uns sehr gut und waren auf dem besten Weg, in eine feste Bindung zu rutschen.
Ich genoss unsere gemeinsamen Momente in vollen Zügen, denn Ethan war wie ich viel geschäftlich unterwegs. Als persönliche Assistentin von Mr. Moore, dem Inhaber von Moore Wine & Champagne Inc., jettete ich zwischen San Francisco und New York hin und her. Die meiste Zeit war ich in New York und koordinierte die Termine von meinem Chef. Mir war ein kleines Büro in der Lafayette Street eingerichtet worden, von dort aus arbeitete ich. Manchmal brauchte mich Mr. Moore vor Ort in San Francisco.
Heute Nachmittag würde ich ihn vom Flughafen abholen, um ihn zu einem Meeting bei der Davis Club Inc. zu begleiten. Er hatte mit dem Inhaber Barcley Davis, der zufällig auch der Freund meiner besten Freundin Carrie war, einen Geschäftstermin. Die beiden wollten neue Konditionen für Wein und Champagner, die in den Clubs verkauft wurden, verhandeln.
Ich streckte mich und beschloss, aufzustehen, um nachzusehen, was Ethan und Jesse für ein Problem hatten.
Ethan war ein IT-Spezialist für einen großen Konzern und erst gestern Abend aus Los Angeles zurückgekommen. Eine Woche hatten wir uns nicht gesehen.
Die Stimmen auf dem Flur verstummten, als ich aus dem Bett hüpfte. Jetzt brauchte ich dringend einen Kaffee. Gut gelaunt öffnete ich die Tür und blickte mich um. Ethan war nicht mehr auf dem Flur. Nur Jesse stand da und schaute mich erschrocken an.
»Heather, du bist wach?«
»Guten Morgen, Jesse, das ist auch kein Wunder, so laut wie ihr zwei euch unterhalten habt.«
»Oh, sorry.«
»Ach, nicht schlimm. Ich muss mich eh für die Arbeit fertig machen. Aber vorher brauch ich Kaffee.«
Ich wollte den Flur in Richtung Küche entlanggehen, als Jesse mich am Arm festhielt.
»Du willst Kaffee?«, fragte er und ich schaute ihn irritiert an.
»Ja, habe ich doch eben gesagt.«
»Geh doch erst ins Bad. Ich mach dir welchen.«
Jesse hatte mir noch nie Kaffee gemacht. Seltsam. Irgendwas war hier faul.
»Nee, nicht nötig. Ich kann das selbst. Außerdem möchte ich Ethan guten Morgen sagen.«
Er ließ mich los und tapste von einem Bein auf das andere. »Ethan ist weg.«
»Quatsch, ich hör doch, dass jemand rumhantiert.« Ohne Jesse zu beachten, ging ich weiter.
»Du kannst jetzt nicht in die Küche«, erwähnte Jesse, überholte mich und versperrte mir den Weg.
»Wieso nicht?«
»Weil …«, er konnte seinen Satz nicht beenden, denn ich hatte mich an ihm vorbeigedrängt und bog um die Ecke, um in die Küche des Lofts zu kommen.
Ethan stand mit dem Rücken zu mir an der Kücheninsel, vor ihm eine Blondine, die ich nicht kannte. Wahrscheinlich war sie ein Betthäschen von Jesse. Hatte er ein Problem damit, dass ich diese Frau sah? Es wäre ja nicht die erste Dame, die er hierherbrachte.
»Guten Morgen«, sagte ich zu Ethan und der blonden Frau.
Als ich auf Ethan zuging, machte dieser einen Schritt zurück, was ich sehr komisch fand. Sonst begrüßte er mich morgens immer sehr stürmisch. Ich überbrückte den Abstand zwischen uns, schlang meine Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund.
»Sag mal, geht’s noch?«, schrie die Blondine hinter mir.
Etwas irritiert wandte ich mich zu ihr und schaute sie an. Sie kam auf mich zu, packte mich am Arm und riss mich von Ethan weg.
»Was soll das?«, fragte ich und starrte auf ihre Hand, die meinen Oberarm fest im Griff hielt.
»Dasselbe könnte ich dich fragen.«
»Hä?« Ich verstand nicht, was sie meinte.
»Was fällt dir ein, meinen Freund zu küssen?«
»Freund?«, wiederholte ich und wandte mich Ethan zu.
»Ja, er ist mein Freund«, antwortete sie mir.
Ich versuchte, die Information im Kopf ankommen zu lassen und zu verstehen, was hier vor sich ging.
»Also, da täuschst du dich. Ethan und ich daten uns seit zwei Monaten«, entgegnete ich und befreite mich aus ihrem Griff.
»Das ist nicht wahr.« Ihre Stimme war entsetzt und sie blickte Ethan an.
Jesse kam zu uns in die Küche und stellte sich neben seinen Kumpel. »Sorry, ich konnte Heather nicht aufhalten.«
»Gehe ich recht in der Annahme, dass du zweigleisig fährst?«, fragte ich und schluckte den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte, hinunter.
Er schaute starr auf den Boden und antwortete nicht.
»Du bist ein Arschloch!«, rief die Blondine, ging auf ihn zu und schlug ihm ihre Hand auf die Wange.
Noch nie in meinem Leben war ich gewalttätig geworden, aber nun war es an der Zeit, dies zu ändern. Wie die blonde Frau trat ich an ihn heran, holte aus und ohrfeigte seine andere Gesichtshälfte.
»Arschloch«, schrie ich und machte auf dem Absatz kehrt, um meine Sachen zu holen.
Während ich damit kämpfte, nicht in Tränen auszubrechen, sammelte ich meine Klamotten zusammen. Draußen auf dem Flur hörte ich Ethan und die Blondine streiten.
»Nach fünf Monaten tust du mir so was an«, schrie sie.
»Es war ein Ausrutscher«, versuchte er, sich zu verteidigen.
»Ein Ausrutscher? Sag mal, bist du bescheuert. Du hattest seit zwei Monaten was mit einer anderen Frau, das ist kein Ausrutscher mehr.«
»Reese, bitte verzeih mir. Ich liebe dich.«
Es tat im Herzen weh, dass er mich so verarscht und verletzt hatte. In Reese konnte ich mich gut hineinversetzen. Dass er sie liebte, glaubte ich ihm nicht. Würde er sie lieben, wäre er niemals fremdgegangen. Hoffentlich war sie nicht so naiv und kaufte ihm diese gequirlte Scheiße ab.
»Du liebst mich? Dass ich nicht lache. Wenn man jemanden liebt, betrügt man ihn nicht.«
Ich atmete erleichtert aus. Gut, sie war kein dummes Mädchen. Als ich meine Sachen in die Reisetasche, die ich immer mit hierhernahm, gepackt hatte, starrte ich auf meine Handfläche. Sie war rot und schmerzte. Klar, ich hatte Ethan eine ordentliche Backpfeife verpasst und hoffte, dass sein Gesicht ebenfalls rot gefärbt war.
Ich straffte die Schultern, öffnete die Tür und ging auf den Flur hinaus. Ethan blickte mich nicht an, sondern starrte zu Boden. Ich konnte sehen, dass seine Wangen rot glühten. Ob es die Schamesröte oder die Ohrfeigen waren, die wir ihm verpasst hatten, wusste ich nicht. Es tat auch nichts zur Sache. Ohne ein Wort zu ihm zu sagen, ging ich zur Wohnungstür.
»Warte mal«, hörte ich Reese hinter mir.
An der Haustür blieb ich stehen und drehte mich zu ihr.
»Hast du Lust auf einen Kaffee?«
Irgendwie saßen wir im selben Boot. Warum sollte ich diesen Vorschlag nicht annehmen? Ethan hatte uns beide verletzt und so konnten wir uns gegenseitig aufbauen und über ihn herziehen. In Reeses Augen hatten sich, wie auch in meinen, Tränen gebildet. Bevor sie oder ich hier vor ihm heulend zusammenbrachen, sagte ich mit fester Stimme: »Komm, lass uns gehen. Dieses Arschloch kann in der Hölle schmoren.«
Ethan blickte uns verzweifelt an. Es war ihm peinlich, dass sein Doppelleben aufgeflogen war.
»Ruf mich nie wieder an«, rief ich ihm zu.
»Deine Sachen, die du bei mir hast, schicke ich dir mit der Post«, teilte Reese ihm mit.
Mit einem lauten Knall ließen wir die Tür ins Schloss fallen.
»Ich kenne ein nettes Café um die Ecke«, sagte Reese, als wir in den Lift einstiegen. »Ach, und vielleicht sollte ich mich offiziell noch vorstellen. Ich bin Reese.«
»Heather«, antwortete ich leise und spürte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen.
»Wir Frauen müssen zusammenhalten.« Reeses Stimme war krächzend und sie fing ebenfalls zu weinen an.
Zwei verletzte Frauen, die heulend im Fahrstuhl standen … was für ein beschissener Start in den Tag.
»Also lief das mit euch wirklich schon seit zwei Monaten?«, wollte Reese wissen.
Wir saßen in einem Café, beide einen großen Becher Kaffee vor uns und sahen aus wie drei Tage Regenwetter. Der Himmel war heute für uns beide zusammengebrochen. Wir litten gemeinsam vor uns hin.
»Ja. Ich wusste nicht, dass er eine Freundin hat. Es gab keinerlei Anzeichen dafür. Nirgends standen Fotos von euch und selbst im Badezimmer war keine Kosmetik, die darauf schließen ließ, dass noch eine Frau im Spiel war.«
Reese senkte den Kopf und starrte auf ihren Kaffeebecher. »Er wollte nie Fotos von uns aufhängen, da er weiße Wände bevorzugt. Meine Sachen sollte ich auch nie bei ihm lassen. Er hat mich immer gebeten, sie wieder mitzunehmen.«
»Das erklärt natürlich einiges. Sonst wäre ich draufgekommen, dass es dich in seinem Leben gibt.«
»Wenn man genauer darüber nachdenkt, glaube ich, dass es auch vor dir andere Damen gab, mit denen er sich vergnügt hat. So oft, wie er geschäftlich unterwegs war.«
Ethan hatte ein Doppelleben geführt und das so gekonnt, dass ich niemals darauf gekommen wäre, dass es neben mir noch eine Frau gäbe.
»Darf ich dich etwas Intimes fragen?« Sie sah mich verlegen an und schluckte hart.
Oh Gott, hoffentlich wollte sie keine Details über den Sex, den ich mit Ethan gehabt hatte.
»Was möchtest du wissen?«
»Habt ihr ein Kondom benutzt, wenn ihr Sex hattet?«
»Natürlich. Das mit uns war noch ganz frisch, und ich wollte nichts überstürzen.«
»Nicht, dass du denkst, dass ich glaube, dass du irgendwelche Krankheiten hast, aber wer weiß, wo dieser Arsch seinen Pimmel noch reingesteckt hat.«
»Wie habt ihr verhütet?«
»Auch mit Gummi. Er wollte nie ohne, und jetzt dämmert mir auch, warum.«
»Wie kam es eigentlich dazu, dass du heute früh im Loft warst? Hat sich Ethan in seinem Terminkalender vertan?«
Das hatte mich vorhin schon interessiert und ich war mir sicher, dass Reese mir eine Erklärung geben konnte.
»Er hat gesagt, er würde am Vormittag von Los Angeles zurückkommen. Da ich ihn überraschen wollte, fuhr ich zu ihm.«
Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee, obwohl mir bei dieser Sache ein Shot lieber gewesen wäre.
»Hast du einen Schlüssel für das Loft?«
»Nein, ich habe geklingelt.«
Das hatte ich gar nicht mitbekommen, so tief und fest hatte ich geschlafen.
»Ethan hat mich etwas schockiert angeschaut, mich in die Küche gebracht und anschließend mit Jesse gesprochen.«
»Mmh, die beiden haben sich vor der Schlafzimmertür unterhalten, dadurch bin ich aufgewacht. Allerdings konnte ich nicht verstehen, um was es ging«, erzählte ich.
»Ich habe auch nicht verstanden, was die beiden zu bereden hatten, aber jetzt wissen wir ja, dass es darum ging, dass Jesse dich ablenken sollte.«
Ich lachte leise auf. »Der Plan ging wohl nach hinten los.«
»Ethan hatte mich gebeten, nach Hause zu gehen, weil er müde war. Er wollte am Nachmittag was mit mir machen.«
»Tja, auch dieser Plan hat nicht funktioniert.«
»Irgendwie möchte ich diesem Arschloch was antun.« Reese presste ihre Lippen fest aufeinander und überlegte angestrengt.
»Lass uns das Thema Ethan vorerst begraben. Vielleicht fällt uns noch irgendeine Rache ein. Jedenfalls werden wir diesem Idioten nicht hinterhertrauern.«
Reese seufzte und nickte.
»Erzähl mir ein bisschen von dir«, forderte ich sie auf.
Sie war mir sympathisch, und da wir denselben Feind hatten, konnten wir uns verbünden und kennenlernen.
»Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, arbeite im Unternehmen meines Vaters und wohne in Manhattan.«
Es war interessant, mehr von ihr zu erfahren. Wir hatten festgestellt, dass wir beide gern tanzten und absolut dem Kaffee verfallen waren.
Ethan hatte ein leichtes Spiel mit uns gehabt, er hatte jede von uns Baby genannt. So lief er nicht Gefahr, dass er mal den falschen Namen beim Sex sagte. Es grenzte an ein Wunder, dass sein Doppelleben nicht früher ans Tageslicht gekommen war.
»Hast du vielleicht Lust, am Freitagabend mit mir in einen Club zu gehen?«, fragte ich sie und bestellte zwei weitere Tassen Kaffee für uns.
»Sehr gern sogar. Zu welchem zieht es dich denn hin?«
»Was hältst du vom Truth?«
Reese grinste. »Einer meiner Lieblingsclubs.«
»Du kennst den?«
Sie grinste noch mehr. »Jap. Ich … na ja, hab Vitamin B, um dort reinzukommen.«
»Ist ja lustig. Ich nämlich auch.«
»Oh, erzähl.«
»Mein Chef ist der Wein- und Champagnerlieferant der Davis Club Inc. und zufälligerweise ist meine beste Freundin mit Barcley zusammen.«
»Deine Freundin ist Carrie Nolan?«
Es wunderte mich nicht, dass sie den Namen kannte. Seit Carrie mit Barcley zusammen war, tauchten ab und an Bilder von den beiden in der Presse auf.
»Jap, Carrie ist meine beste Freundin.«
»Dann lass uns am Freitag auf den Putz hauen.«
»Super, lass uns gleich Nummern austauschen, dann können wir am Donnerstag ausmachen, wann und wo wir uns treffen.«
Wir speicherten unsere Handynummern ab und ich freute mich, dass ich am Freitagabend nicht allein ins Truth gehen musste. Carrie würde übers Wochenende mit Barcley nach Los Angeles fliegen. Meine anderen Freundinnen hatten bereits alle Kinder und eher selten Zeit zum Ausgehen. Spontan konnte da nie eine mit mir in einen Club gehen. Es musste immer wochenlang vorher alles geplant werden. Als ob die Kids keine Väter hätten, die sich am Abend um ihre Kinder kümmern könnten.
»Das wird bestimmt lustig, und wir können einen Racheplan schmieden«, erwähnte Reese und rieb sich die Hände.
Vielleicht war das der Beginn einer schönen Freundschaft.
Darren
»Mr. Hingston«, hörte ich Mrs. Miles’ Stimme und hob meinen Kopf.
Die Empfangsdame der Davis Club Inc. stand im Türrahmen und lächelte.
»Ja?«, entgegnete ich ihr.
»Mr. Moore und Mrs. Black sind hier.«
Sie hatte die Anweisung, erst mir mitzuteilen, wenn die Termine von Barcley da waren.
»Gut, ich sag Barcley gleich Bescheid. Bringen Sie die beiden bitte in den Konferenzraum.«
Sie nickte und ging davon. Ich erhob mich, sammelte die Unterlagen für das Meeting zusammen, knöpfte mein Jackett zu und ging hinüber in Barcleys Büro.
»Dein Nachmittagstermin ist da«, informierte ich meinen Chef, als ich auf ihn zuging.
»Gut, schauen wir mal, was uns Mr. Moore für Konditionen anbieten kann.«
Barcley kam auf mich zu und wir gingen gemeinsam zum Besprechungsraum.
Mr. Moore und Heather, mit der wir per Du waren, saßen an einem Tisch und erhoben sich, als wir den Raum betraten.
»Mr. Moore, es freut mich, dass Sie für den Termin nach New York gekommen sind«, sagte Barcley und reichte ihm die Hand.
»Mit Ihnen mache ich gern Geschäfte«, erwiderte er und wandte sich mir zu.
»Guten Tag, Mister Hingston.«
»Hi, Heather«, hörte ich Barcley sagen.
Nachdem ich Mr. Moore begrüßt hatte, ging ich zu Heather.
»Hey, Heather, wie geht es dir?«
»Danke, mir geht es gut«, antwortete sie, aber an ihren Augen erkannte ich, dass dem nicht so war.
Wir kannten uns eine Zeit lang. Genauer gesagt, seit ihre beste Freundin Carrie mit meinem Boss zusammen war. Ab und an gingen wir miteinander aus. Und daher kannte ich ihren Gesichtsausdruck, wenn sie glücklich war.
»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte Barcley zu den beiden.
Wir setzten uns Mr. Moore und Heather gegenüber. Mein Blick scannte Heather. Sie war wirklich eine sehr schöne Frau. Ihre blonden Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, schimmerten in der Sonne, die durch die bodentiefen Fenster schien. Ihre blauen Augen wirkten traurig. So kannte ich sie nicht. Ich musste sie später unbedingt fragen, was los war. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis und ich wusste, dass sie sich erst vor Kurzem in einen Typen verliebt hatte. Hoffentlich hatte er ihr nicht das Herz gebrochen.
»Nun, wie Sie wissen, verkaufen sich Ihre Weine und der Champagner sehr gut in meinen Clubs«, begann Barcley. »Und damit das auch weiterhin so gut läuft, möchte ich gern mehr bei Ihnen kaufen, allerdings müssen wir, wie telefonisch besprochen, neue Konditionen verhandeln.«
»Mich freut es, dass meine Getränke so gut bei Ihren Gästen ankommen. Ich habe Ihnen ein Angebot ausgearbeitet«, sagte Mr. Moore und schob Barcley eine Mappe zu.
Neugierig klappte mein Boss diese auf und schaute sich das Angebot an. Ich lugte mit hinein und musste auf den ersten Blick sagen, dass die Konditionen wirklich gut waren. Moore Wine & Champagne Inc. wollten uns als Kunden definitiv nicht verlieren.
Extra für die Davis Club Inc. waren die Flaschen mit dem jeweiligen Clublogo versehen worden. So hoben wir uns von der Masse ab. Ich war stolz, in so einer erfolgreichen Firma zu arbeiten. Das Konzept der Clubs ging auf.
»Mir gefällt Ihr Angebot sehr gut«, erwähnte Barcley und blickte zu Mr. Moore. »Allerdings möchte ich die Stückzahlen erhöhen und ich denke, Sie können mir bestimmt noch einen Mengenrabatt gewähren.«
Während Mr. Moore und Barcley über die Preise sprachen, machten sich Heather und ich Notizen. Ich beobachtete sie immer wieder und als sie das bemerkte, hob sie ihren Blick. Wir schauten uns an und sie begann zu lächeln. Ich mochte es, wenn sie lachte. Sie war so eine herzliche und witzige Frau. Wir hatten so einige durchzechte Nächte im Truth erlebt. Wir hatten getanzt und Spaß gehabt, aber eben nur platonisch. Ihr Freund, wenn er das überhaupt war, wollte nie mitkommen. Er war viel geschäftlich unterwegs und an den Wochenenden war Heather meistens allein. Das letzte Mal, als wir gemeinsam im Truth gewesen waren, war schon drei Wochen her. Irgendwie hatte es mir gefehlt, mit ihr zu feiern.
Heather und ich standen an der Fensterfront und schauten auf Manhattan hinab, nach dem das Meeting vorbei war und unsere Chefs sich über andere Dinge unterhielten.
»Ist bei dir wirklich alles okay?«, wollte ich von ihr wissen.
»Ja«, antwortete sie mir.
»Heather, ich kenne dich. Du wirkst traurig.«
Sie seufzte leise. »Ach, es ist nur wegen Ethan.«
»Was hat er verbockt?«
Sie winkte ab. »Nicht so wichtig.«
Heather wollte nicht mit mir darüber sprechen.
»Du weißt, wir sind Freunde und füreinander da«, sagte ich und blickte ihr tief in die Augen.
»Ja, das weiß ich. Mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut.«
»Ich will heute Abend ins Faith gehen, willst du mit?«
»Sorry, ich kann nicht. Treffe mich mit Carrie.«
»Mädelsabend?«
»Jap. Ein bisschen quatschen und Film schauen.«
»Sehr schön. Aber vielleicht klappt es ein anderes Mal, dass wir uns auf einen Drink treffen.«
»Gern«, sagte sie und wandte sich ihrem Boss zu. »Ich denke, unsere Chefs sind fertig.«
»Mrs. Black, können wir gehen?«, fragte Mr. Moore und sie nickte.
»Bis bald, Darren«, sagte sie zu mir und reichte mir die Hand.
Ich ging auf Mr. Moore zu, verabschiedete mich von ihm und sammelte die Unterlagen zusammen.
»Auf Wiedersehen, Mr. Davis«, hörte ich ihn zu Barcley sagen.
»Ich begleite Sie noch zu den Aufzügen«, ließ ich die beiden wissen.
Barcley verschwand in seinem Büro. Ich ging mit Heather und Mr. Moore zum Lift.
Nachdem ich den Knopf gedrückt hatte, glitten die Türen auf und sie stiegen ein.
Mit einem Nicken verabschiedete sich Mr. Moore nochmals von mir und ich schaute zu Heather. Nach wie vor wirkte sie traurig. Unsere Blicke trafen sich. Wir schauten uns so lange an, bis sich die Türen schlossen. Wenn es meinen Freunden schlecht ging, machte ich mir immer Sorgen. Auch wenn Heather meinte, ich solle mir keine Gedanken machen, so tat ich es dennoch.
Heather
Dass Darren mir ansah, dass es mir nicht gut ging, war mir zuwider. Ja, wir waren Freunde, aber musste er mich darauf ansprechen? Das Thema Ethan wollte ich mit ihm nicht besprechen. Nicht mal Carrie wusste, was heute Morgen geschehen war. Aber das würde sich heute Abend ändern. Ich würde mich wahrscheinlich bei ihr ausheulen. Bis auf heute im Aufzug hatte ich nicht mehr geweint. Noch nie war ich eine Frau gewesen, die einem Kerl hinterhertrauerte, aber bei Ethan war es anders. Ich hatte wirklich geglaubt, dass das mit uns etwas Besonderes war. Dass er neben mir noch eine Frau hatte, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Reese war nett und wir würden uns gegen Ethan verbünden, so viel stand fest. Diesem Vollpfosten würden wir noch irgendwas antun. Natürlich nichts, wofür wir bestraft werden könnten. Irgendwas, was ihn hart treffen würde.
Der Aufzug hielt im Erdgeschoss und Mr. Moore und ich stiegen aus.
»Das Meeting hat sich wirklich gelohnt«, merkte er an, als wir durch das Foyer gingen.
Meine Heels klackerten auf dem Boden und hallten im Foyer wider. Einige Geschäftsmänner drehten sich nach mir um. Nichts Ungewöhnliches. Ich würde es auch tun, wenn so ein Klackern zu hören wäre. Einige der Männer musterten mich. Ihre Augen wanderten von meinen Beinen nach oben bis zu meinem Gesicht. Es war das erste Mal, dass mich diese Blicke störten. Und irgendwie sah ich in jedem ein Arschloch. Einen Idioten, der seine Frau oder Freundin betrügen würde. Ganz ehrlich, mir war die Lust auf eine feste Beziehung oder ein einfaches Date vergangen. Ethan hatte es geschafft, dass ich den Glauben an die große Liebe verloren hatte. Trübsal würde ich wegen ihm gewiss nicht blasen. Ich würde einfach als Singlefrau mein Leben genießen. Was natürlich nicht heißen sollte, dass ich mir Kerle nur für Sex anlachen würde. Nein, vielmehr hieß es, dass ich mich ab sofort komplett auf mich und meinen Beruf konzentrieren würde.
»Miss Black, hören Sie mir überhaupt zu?« Mr. Moore riss mich aus meinen Gedanken.
Entschuldigend schaute ich ihn an. »Sorry. Ja, der Termin war wirklich sehr gut.«
»Ich hatte Sie eigentlich gefragt, ob wir was essen gehen wollen.«
Oh je, ich war mit meinen Gedanken so abgedriftet, dass ich meinem Boss wirklich nicht zugehört hatte.
»Sehr gern.«
Wir gingen auf den schwarzen Mercedes und dessen Fahrer zu, der uns heute durch New York fuhr, und stiegen in den Wagen. Mr. Moore ließ sich immer von einem Fahrdienst chauffieren. Ich selbst durfte diesen Luxus auch nutzen, aber da das Büro nicht weit von meiner Wohnung entfernt war, ging ich meistens zu Fuß oder fuhr mit der Bahn.
»Auf was haben Sie denn Hunger?«, wollte ich von ihm wissen.
»Wie wäre es mit Sushi?«
»Gute Idee«, antwortete ich ihm. »Fahren Sie uns bitte zum Restaurant Morimoto in der 10th Avenue«, teilte ich dem Fahrer mit, der den Motor startete und sich in den Verkehr einfädelte.
Ich kannte alle Lieblingsrestaurants von Mr. Moore in New York und San Francisco. Es gehörte zu meinem Job, das zu wissen. Ebenso wie es für mich dazugehörte, ihn an die Geburtstage seiner Kinder oder an seinen Hochzeitstag zu erinnern. Männer vergaßen so was ja gern. Wobei ich nicht glaubte, dass Mr. Moore diese besonderen Tage mit Absicht vergaß. Es war vielmehr so, dass er zu viel Geschäftliches in seinem Kopf hatte.
»Heute Abend haben Sie ein Essen mit Mr. Lancaster«, informierte ich ihn, denn ich war mir sicher, dass er all die Termine, die er in New York hatte, nicht mehr kannte.
»Ah ja, stimmt. Wann ist das Abendessen?«
»Um zwanzig Uhr.«
Mr. Lancaster gehörten einige Restaurants in Manhattan, die Moore Wine & Champagne Inc. belieferte.
Ich holte das iPad aus meiner Tasche, tippte auf das Display und sagte meinem Chef, welche Termine morgen anstanden. Übermorgen am späten Nachmittag würde sein Flug zurück nach San Francisco gehen. Bei dem Essen heute Abend musste ich nicht dabei sein, was ich nicht schlimm fand, denn sonst hätte ich mich nicht mit Carrie treffen können. Ich steckte das Tablet zurück in meine Tasche und blickte aus dem Fenster. Ich liebte New York so sehr. Niemals könnte ich mir vorstellen, woanders zu leben. Der Frühling hielt Einzug. Allerdings kamen bei mir keine Frühlingsgefühle auf. Nein, nicht an Ethan denken, ermahnte ich mich selbst. Aber ich konnte nichts dagegen tun, mein Kopf machte, was er wollte. Warum fuhr er zweigleisig? Reichte ich ihm nicht? Reichte Reese ihm nicht? Brauchte er die Abwechslung? Machte ich vielleicht Sachen mit ihm, die sie nicht wollte? Diese Fragen würden wohl für immer unbeantwortet bleiben. Es sei denn … Nein, ich konnte mit Reese nicht über ihr Sexleben mit diesem Idioten sprechen. Wir kannten uns zu wenig und außerdem hätte das einen sehr faden Beigeschmack, zu erfahren, wie die beiden es miteinander getrieben hatten. Innerlich schüttelte ich mich. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab und eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Nein, das war zu viel Kopfkino, das ich definitiv nicht wollte.
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»Das gibt es ja nicht. Boah, was für ein Arsch«, sagte Carrie, als ich mit der Erzählung, was Ethan betraf, fertig war. »Und mit Reese willst du dich jetzt verbünden?«
Ich nippte an meinem Wasser und nickte. »Wir gehen zusammen am Freitag ins Truth und überlegen uns einen Racheplan.«
»Lass dich bitte von diesem Idioten nicht runterziehen. Ich weiß, es tut weh, wenn man verletzt wird. Aber du hast noch nie einem Mann nachgetrauert.«
Carrie hatte recht, Ethan würde bestimmt nicht der Mann sein, wegen dem ich wieder zu heulen anfangen würde. Ich wollte den Schmerz nicht näher an mich ranlassen. Ich hatte in den letzten Jahren gelernt, einem Mann nie diese Macht zu geben, wegen ihm in ein Loch zu fallen. Ich war stark und kämpfte weiter.
»Darren hat mich heute nach dem Termin angesprochen, ob es mir gut geht«, erzählte ich ihr.
»Hast du ihm gesagt, was los ist?«
»Nein, wir sind zwar befreundet, aber ich wollte es ihm nicht sagen. Er möchte mal wieder mit mir ausgehen.«
»Mach das doch. Darren ist ein netter Kerl.«
Ich schaute Carrie von der Seite an und sah, dass sie grinste.
»Was soll dieses Grinsen?«
Sie wandte ihren Blick zu mir. »Na ja, wäre er kein Mann für dich?«
»Carrie!«, rief ich erschrocken aus und schüttelte den Kopf.
»Jetzt komm, tu nicht so. Darren sieht gut aus und ihr versteht euch.«
Ja, Darren sah wirklich toll aus. Seine dunkle Haut erinnerte mich an Vollmilchschokolade. In seine wuscheligen Haare würde ich so manches Mal gern reingreifen, um zu fühlen, wie sie sich anfühlten.
»Er ist nur ein Kumpel. Außerdem denke ich, bin ich nicht sein Typ.«
»Wieso?«
Ich zuckte mit den Schultern. Wie ich darauf kam, dass ich gar nicht sein Typ Frau war, wusste ich auch nicht. Vielleicht war es so, dass ich nur einen guten Freund in ihm sah. Freundschaft und Liebe sollte man niemals miteinander vermischen. Lieber hatte ich ihn als Kumpel, auf den ich mich verlassen konnte.
»So, und jetzt lassen wir das Thema«, sagte ich zu meiner besten Freundin und griff nach der DVD, die ich mitgebracht hatte.
»Das ist meine Heather, wie ich sie kenne.«
Sie nahm den Film, um ihn in den Player zu legen. Wir hatten uns für Pretty Woman entschieden. Arme Nutte trifft reichen Mann. Ein Märchen für Erwachsene. Träumen durfte man. Aber den perfekten Traummann gab es nicht. Dass Carrie mit Barcley einen absoluten Glückstreffer gelandet hatte und er sie liebte, war ein wahr gewordenes Märchen. Ich für meinen Teil aber hatte mit den Männern abgeschlossen. Zu viele Vollidioten hatte ich kennenlernen müssen. Allerdings war Ethan einer der größten.
Carrie drückte auf Play und der Film startete. Ich mochte Julia Roberts und Richard Gere. Sie spielten ihre Rollen super. Man konnte dahinschmelzen und von der großen Liebe träumen. Mir war aber klar, dass es die echte Liebe im wahren Leben nicht wirklich gab. Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren ließ, hatte ich einen ordentlichen Männerverschleiß zu verzeichnen. Nie war ich länger mit einem zusammen gewesen als vier Monate. Nein, eine Bitch war ich gewiss nicht. Es war ja nicht so, dass ich die Kerle wechselte wie meine Unterhosen. Zwischen den Männern lag immer eine längere Durststrecke. Eine hatte sogar fast zwei Jahre gedauert. Vor Ethan – oh Mann, musste ich jetzt diesen Typen in meinen Gedanken erwähnen – hatte ich sechs Monate gar kein Date gehabt. Und davor hatte ich mich drei Monate lang mit Tony getroffen. Oh, Tony. Dieser Typ war wirklich heiß gewesen. Ein großer, dunkelhaariger Kerl mit blauen Augen, einem durchtrainierten Körper und einer Ausdauer im Bett, dass einem Hören und Sehen verging. Aber leider waren ihm das Fitnessstudio und der Job als Türsteher vom Morning Glory wichtiger gewesen. Als ich mehr wollte als nur unsere Treffen für gewisse Stunden, machte er einen Cut. Tony meinte, er wäre nicht der Mann, der sich binden wollte. Er wollte frei sein. Wahrscheinlich war ich ohnehin nicht die Einzige gewesen, die sich ab und an das Bett mit ihm teilte. Wo wir ja wieder bei Ethan wären. Ehrlich gesagt, wollte ich gar nicht wissen, wie viele Kerle ich quasi mit anderen Frauen teilte. Mich schüttelte es. Bevor mir so ein Mist wieder passierte, würde ich lieber enthaltsam leben.
Ich dachte an Darren. Ihn hatte ich, seit ich ihn kannte, nie mit einer Frau gesehen. Entweder er versteckte die Damen immer vor uns oder … stand er vielleicht auf Männer?
»Kann es sein, dass Darren schwul ist?«, platzte es aus mir heraus.
Carrie sah mich mit großen Augen an. »Wie kommst du denn darauf?«
»Hast du ihn mal mit einer Frau gesehen?«
Meine beste Freundin schüttelte den Kopf.
»Siehst du, darum ist er auch so nett und charmant. Er hat gar kein Interesse an der Frauenwelt.«
»Also Barcley hat noch nie was in die Richtung erzählt, aber ich kann ihn gerne fragen, wenn es dich so brennend interessiert.« Sie griff nach ihrem Handy und tippte auf das Display.
»Rufst du ihn jetzt an?«
»Klar, warum nicht?«
»Mann, Carrie, hör auf, das kommt fast so rüber, als hätte ich ein Auge auf Darren geworfen.«
Sie hörte nicht auf mich, sondern grinste vor sich hin. »Hallo, Schatz, du, mal eine Frage …«, begrüßte sie ihren Freund. »… kann es sein, dass Darren auf Männer steht?«
Barcley fing so laut zu lachen an, dass sogar ich es hören konnte.
»Ach, nur so, weil ich ihn noch nie mit einer Frau zusammen gesehen habe«, sagte Carrie in ihr Smartphone. »Okay, Schatz, bis später. Ich liebe dich.« Sie legte auf, und ich verschränkte die Arme vor meiner Brust.
»Somit wäre die Frage beantwortet. Er ist definitiv nicht schwul.« Carrie schaute wieder auf den Bildschirm, und ich seufzte nur.
»Wehe, du streust ein Gerücht, dass ich auf Darren stehe.«
Sie winkte lachend ab. »Keine Sorge. Barcley vergisst das Thema, sobald ich nur noch in Unterwäsche vor ihm stehe.«
Wie Carrie schaute ich wieder auf den Flatscreen und ließ mich von Roberts und Gere berieseln.
Darren
Der Club Faith war in violettes Licht getaucht, an der Bar saßen Geschäftsleute, die ihren Feierabend ausklingen ließen. Es war kurz nach zwanzig Uhr und ich hatte beschlossen, mir einen Drink zu genehmigen. In diesen Afterworkclub, der nahe der Wall Street lag, kam nicht jeder rein. Entweder man stand auf der Gästeliste oder die Türsteher wählten aus, wer zum Publikum passte. Sie hatten ein geschultes Auge und konnten das sehr gut einschätzen.
Der Pianist, der an einem schwarzen Flügel saß, spielte ein klassisches Stück. Ich ging an ihm vorbei, grüßte ihn mit einem Nicken und nahm an einem der Tische Platz. Man kannte mich, schließlich war ich Barcleys persönlicher Assistent. Ich ließ den Blick über die Gäste wandern. Auch die ein oder andere Dame war anwesend und die sahen gar nicht schlecht aus. Vielleicht war unter ihnen die Frau dabei, die mich in wenigen Wochen zu der Veranstaltung meines Vaters begleiten könnte.
»Guten Abend, Darren.« Zoey, eine der Kellnerinnen, riss mich aus meinen Gedanken.
»Hey, Zoey.«
Wie immer sah sie gut aus. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem eleganten Knoten zusammengebunden, die schwarze Hose, die weiße Bluse und die schwarze Weste rundeten das Personaloutfit ab. Auch wenn sie sehr hübsch war, mit einer Kollegin würde ich niemals etwas anfangen.
»Was darf ich dir zu trinken bringen?«, fragte sie höflich lächelnd.
»Ein Bier, bitte.«
Sie nickte, drehte sich um und ging zur Bar, die sich über die ganze Länge des Raums erstreckte.
Wieder drifteten die Gedanken dahin ab, wie ich eine Frau dazu bringen konnte, für ein Wochenende meine Freundin zu spielen. Ich seufzte auf. Dass ich mit Tyra das Traumpaar spielte, stand nicht zur Debatte. Sollte sich keine finden, ging ich eben allein auf das Event. Zur Not würde ich meinen Dad anlügen und sagen, dass meine Freundin krank sei.
»Darren, dich hab ich ja lange nicht mehr gesehen.«
Ich hob meinen Blick und sah, dass Eileen Gellar vor mir stand. Sie war das einzige Model, das noch Zutritt zu den Clubs der Davis Club Inc. hatte. Barcley wollte mit keinem Mannequin etwas zu tun haben. Eileen war eine Ausnahme, weil sie damals gesehen hatte, dass Barcley sich in Carrie verliebt hatte und die Finger von ihm ließ. Allerdings vermied Eileen den Kontakt zu Barcley. Wenn sie in einem Club von ihm war und mein Chef mit seiner Freundin auftauchte, suchte das Topmodel das Weite. Sie verstand es, dass sie in Barcleys Leben keine Rolle mehr spielte.
»Hallo, Eileen, wie geht es dir?«, wollte ich wissen und deutete ihr, sich zu setzen.
»Danke, sehr gut und dir?«
»Alles bestens.«
Sie sah verdammt sexy aus. Ihre langen blonden Haare waren zu Wellen frisiert. Ihr schlanker Körper steckte in einem edlen Hosenanzug, und die zartrosa Bluse hatte am Kragen eine schwarze Schleife.
»Seit wann bist du in der City?« Sie war immer unterwegs und jettete von einem Shooting zum anderen.
»Bin gestern angekommen«, erzählte sie. »Hatte in Paris ein Shooting für Chanel.«
»Das ist ja toll. Wie lange bleibst du in New York?«
»Bis nächste Woche. Ich habe übermorgen einen Auftrag und die restliche Zeit frei.«
»Schön, das freut mich für dich.«
Eileen und ich verstanden uns gut, schon immer. Sie war eines der Lieblingsmodels, das ich für Barcley öfter hatte anrufen müssen, damit sie ihn zu einem Event begleitete. Sie war vor allem auch nicht so hohl wie die anderen. Mit ihr konnte ich mich gut unterhalten und sie hatte nicht so eine nervige Stimme wie zum Beispiel Kate. Aber wie Barcley immer so schön sagte, im Bett musste er nicht mit den Damen sprechen.
»Kommen Barcley und Carrie heute?«, fragte sie neugierig und mir war klar, warum sie es wissen wollte.
Eileen ging den beiden respektvoll aus dem Weg.
»Nein. Carrie macht mit Heather einen Mädelsabend und Barcley ist zu Hause.«
»Und auf wen wartest du?« Sie lehnte sich leicht zu mir und klimperte mit ihren Wimpern.
Gott bewahre, wollte sie flirten? Niemals, und damit meinte ich niemals, würde ich mit einer Verflossenen von meinem Chef anbandeln.
»Auf niemanden.«
»Dann kann ich dir ja Gesellschaft leisten«, schlug sie vor.
Zoey kam an unseren Tisch und Eileen bestellte sich ein Glas Wasser.
»Wasser?«, fragte ich und zog dabei eine Augenbraue hoch.
Üblicherweise trank Eileen Champagner. Noch nie hatte ich sie alkoholfreie Getränke zu sich nehmen sehen.
»Darren, ich kann nicht immer Schampus trinken, die Leute hängen mir sonst an, dass ich Alkoholikerin sei. Ich muss meinen guten Ruf als Model wahren.«
Oh ja, das musste sie. Sie war eine der Gefragtesten in der Branche, ständig unterwegs und hatte früher so einige Dates mit Barcley abgesagt, weil sie für ein Label spontan gebucht worden war.
Ich ließ den Blick über die Gäste wandern. Die Atmosphäre war angenehm ruhig. Die Menschen unterhielten sich, tranken Cocktails und lauschten der klassischen Musik im Hintergrund.
»Suchst du jemanden?«, fragte Eileen und folgte meinen Augen.
»Nein, ich schau mich nur um, ob alles in Ordnung ist.«
»Spielst du heute Boss?« Sie lachte und lehnte sich entspannt zurück.
»Du weißt, ich bin Barcleys rechte Hand. Wenn er nicht da ist, muss ich alle Augen und Ohren offen haben.«
Den Begriff »rechte Hand« hasste ich. Irgendwie hatte dieser Ausdruck etwas Sexistisches. So, als würde ich meinem Chef einen runter… Nein, lassen wir das lieber. Bäh!
Schnell schaute ich wieder zu Eileen. Ja, sie war definitiv schön zum Anschauen. Ich stand absolut auf blonde Frauen mit heller Haut. Auf Dunkelhäutige fuhr ich gar nicht ab. Abneigung hatte ich keine gegen sie, aber mir war weiße, helle Haut, auf der man Leberflecke sehen konnte, lieber. Haut, auf der man künstlerische Tattoos erkannte, was man auf dunkler nicht so gut sah. Weiße Haut, die rot wurde, wenn man zu lange in der Sonne lag. Nur gut, dass niemand meine Gedanken lesen konnte. Ich würde auf der Stelle abgeführt werden.
Zoey kam mit dem Getränk für Eileen an unseren Tisch, fragte nach, ob wir sonst noch was bräuchten, und als ich sagte, es wäre alles bestens, ging sie wieder hinter die Theke.
Der Pianist spielte ruhige Melodien, die einen vom Arbeitsalltag und dem Stress im Büro runterkommen ließen. Mein Tag war heute auch anstrengend gewesen. Ich hatte für Barcley und Carrie einen Learjet gechartert. Ich hatte Captain Frederickson mit seiner Crew bekommen und für Hin- und Rückflug je ein Drei-Gänge-Menü geordert. Der Termin mit Mr. Moore war sehr gut verlaufen und vor allem zu den Vorteilen der Davis Club Inc.
Als ich über den Termin nachdachte, musste ich unweigerlich an Heather denken. Sie wirkte so traurig wie noch nie. Irgendwas bedrückte sie. Klar, ich war ein Kumpel von ihr, aber Beziehungsprobleme besprach sie eher mit Carrie. Wobei ich bezweifelte, dass das mit ihr und Ethan etwas Festes war. Wie lange kannte sie ihn? Zwei oder drei Monate?
