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Diesen Urlaub hatte er sich eigentlich verdient. Im Yellowstone-Park, dem riesigen Naturschutzgebiet im Nordwesten Wyomings, wollte Tom Prox ein paar Tage ausspannen, vielleicht etwas angeln, vor allem aber einfach die grandiose Natur im ältesten Nationalpark der USA genießen. Dann aber entdeckt er am Yellowstone River ein vermeintlich verlassenes, geheimnisvolles Haus. Und spätestens als ihn ein Pfeil nur um Haaresbreite verfehlt, von einem Schützen aber weit und breit nichts zu sehen ist, ahnt er, dass aus seinem Urlaub wohl nichts werden dürfte. Bald darauf findet sich der Captain der Ghost Squad wieder in einem Familiendrama, das einen hohen Blutzoll verlangen wird ...
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Das Haus am Yellowstone
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Aus dem Wilden Westen
Vorschau
Impressum
Das Haus am Yellowstone
Von George Berings
Diesen Urlaub hatte er sich eigentlich verdient. Im Yellowstone-Park, dem riesigen Naturschutzgebiet im Nordwesten Wyomings, wollte Tom Prox ein paar Tage ausspannen, vielleicht etwas angeln, vor allem aber einfach die grandiose Natur im ältesten Nationalpark der USA genießen.
Dann aber entdeckt er am Yellowstone River ein vermeintlich verlassenes, geheimnisvolles Haus. Und spätestens als ihn ein Pfeil nur um Haaresbreite verfehlt, von einem Schützen aber weit und breit nichts zu sehen ist, ahnt er, dass aus seinem Urlaub wohl nichts werden dürfte. Bald darauf findet sich der Captain der Ghost Squad wieder in einem Familiendrama, das einen hohen Blutzoll verlangen wird ...
Dort, wo der Yellowstone den kleinen Bogen in südlicher Richtung machte, um nach kaum einer Meile wieder nordwestlich zu fließen, hielt ein Reiter. Er rutschte aus dem Sattel und ging auf eine Landzunge zu, die der Fluss hier bildete. Als er den Rand der kleinen Halbinsel erreicht hatte, blieb er stehen.
Mit ausgestrecktem Zeigefinger schob er seinen Stetson in den Nacken. Jetzt wurde der Ansatz des dunklen Haares, durch das sich an den Schläfen bereits Silberfäden zogen, sichtbar. Der Mann war kein Greenhorn mehr! Er war vielmehr das, was man im Westen ein »verflucht heißes Eisen« nannte.
Langsam senkte sich die Dämmerung herab. Der Mann hatte keine Eile. Er hatte einige Tage Urlaub genommen und gedachte, diesen im Yellowstone-Park, einem riesigen Naturschutzgebiet in der Nordwestecke Wyomings, zu verbringen. Zu diesem Zweck war er durch das Yellowstone-Tal, von Miles City kommend, abwärts geritten. Seit vier Tagen war er nun schon unterwegs und genoss von Herzen diese schöne Landschaft.
Eine Stunde war vergangen, da schoben sich östlich die Delano Mountains immer näher an den Fluss heran. Der Boden wurde felsig und die Vegetation karger. Langsam ging es bergauf. Er überlegte, ob es ratsam sei, im Schutze eines Felsens zu übernachten.
Aber Susy schien noch keine Lust zum Ruhen zu verspüren. Emsig kletterte sie einen vielfach gewundenen Pfad hinauf. Der Fluss lag jetzt wohl sechzig Fuß unter ihnen. Gurgelnd schossen die Wassermassen durch die Felsenenge, die die Berge hier bildeten. Bald hatten sie die Höhe des Passes überschritten, nun ging es flott bergab.
Und dann tauchte plötzlich ein Haus vor ihnen auf! Die Stute blieb mit einem Ruck stehen und steilte die Ohren. Witterte sie eine Gefahr?
Der Reiter blickte auf die dunkle Hütte nieder, die einige Fuß tiefer auf einem Felsenplateau stand. Dunkel und unheimlich hoben sich die schwarzen Wände gegen das helle, vom Mondlicht unwirklich beschienene Felsmassiv ab. Außer dem Rauschen des Flusses tief unter ihnen war kein Laut zu hören. Er gab leichten Schenkeldruck, um das Pferd vorwärtszutreiben.
Das Tier folgte nur zögernd den wenigen Windungen zum Plateau hinab. Binnen weniger Minuten hatten sie den Platz erreicht. Er war flach wie ein Tisch und maß wohl fünfzig Yards im Quadrat. Am äußersten Rand, dort, wo in der Schlucht der Fluss seinen Weg sucht, stand das Gebäude. Es war aus schweren Stämmen gefügt. Die Fenster mussten blind sein, denn weder Mond noch Sterne warfen einen Widerschein. Die Tür hing schief in den Angeln und stand einen Spalt auf.
Und dann hörten es beide! Die Stute warf sofort den Kopf hoch, während ein nervöses Zittern über ihr Fell lief. Ein tiefes, entsetzliches Stöhnen kam aus dem Hause! Laut, unheimlich laut, drang es in jeden Winkel der Felsenkluft und übertönte sogar das Rauschen des Flusses.
Der Reiter rührte keinen Muskel. Mit unheimlicher Ruhe saß er im Sattel. Die Rechte lag auf dem Oberschenkel, mit der Linken hielt er die Zügel halb hoch. Keinen Blick ließ er von dem Blockhaus.
Und dann erklang das Stöhnen abermals! Schaurig schwoll es an, wie aus tiefster Herzensnot heraus, um nach wenigen Minuten seufzend zu verklingen. Susy begann nervös zu tänzeln.
Geister?, dachte er im Stillen. Nun, wenn einer hier überhaupt spuken darf, dann bin ich es! Werden uns die Sache gleich mal näher ansehen. Wollen nur abwarten, was uns dieser komische Kauz noch zu bieten hat.
Und der Geist bot etwas! Wenig später kam ein feines Zischen heran. Dieser Ton kam dem Reiter verdammt bekannt vor. Tief duckte er sich nieder, und haarscharf sauste ein Pfeil über ihn hinweg.
Jetzt handelte er blitzschnell. Mit einem Satz war er hinter einem Felsen in Deckung gegangen und hatte schon den schweren Colt in der Faust. Er brauchte sein Pferd nicht lange aufzufordern, von der Bildfläche zu verschwinden. Susy hatte sich bereits »zurückgezogen«.
»So was, ein Geist, der mit Pfeil und Bogen schießt? Muss unbedingt von einem Indianer abstammen. Wird doch nicht der alte Manitu persönlich sein?«
Er konnte in diesem Augenblick noch nicht ahnen, dass er unbewusst richtig geraten hatte. Das alte Haus am Yellowstone barg tatsächlich ein Geheimnis, das es in sich hatte.
Wie eine Schlange arbeitete er sich im Schlagschatten des Felsens so weit an das Blockhaus heran, wie seine Deckung reichte. Außer dem Rauschen des Flusses war nun nichts mehr zu hören. Der »Geist« hatte offenbar ausgestöhnt. Dafür lauerte er sicher schon mit dem nächsten Pfeil. Bis zum Haus waren ungefähr zwanzig Yards ungedeckt zu überqueren. Zwanzig Yards, flach und weiß wie ein gescheuerter Biertisch. Zwanzig Yards, die den Tod in sich bargen.
Er wartete noch einige Minuten, dann sprang er urplötzlich auf und schoss wie ein Pfeil auf sein Ziel zu. Zehn Yards – acht – fünf – waren geschafft! Flach lag er an der Wand des Hauses. Sein Atem ging in heftigen Stößen. Die Faust umschloss eisern den Fünfundvierziger. Auf dem Bauch schob er sich Millimeter um Millimeter vor.
Warte, Freundchen, dachte er, will dir zeigen, wie unsereins mit »Geistern« verkehrt. Will nicht Tom Prox heißen, wenn ich dir nicht hinter deine Ohren klopfe, dass du richtig aufstöhnst.
Im Nu war er auf und trat kräftig gegen die Tür. Sie flog ein Stück auf, blieb stockte dann aber, da sie nur noch in einer Angel hing. Gleich stand er wieder in Deckung. Minuten verstrichen, ohne dass etwas geschah.
Dicht an die Hauswand gepresst, ließ er seinen Blick über das Plateau schweifen. Alle Sinne waren angespannt. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit. Im Haus blieb es still.
Bald wurde ihm das Warten zu langweilig. Ganz plötzlich machte er einen Satz durch die Tür und ließ sich sofort zu Boden fallen. Es roch nach Moder und faulem Holz. Langsam hob er den Kopf. Seine Augen bemühten sich krampfhaft, die Dunkelheit zu durchdringen. Verdammt, hier musste doch etwas sein! Er riss ein Streichholz an, löschte es aber sofort und rollte zur Seite.
Noch immer schoss niemand! Seine Geduld war jetzt zu Ende. Er stand auf, riss ein neues Zündholz an und leuchtete den Raum ab. Nicht die Spur eines Menschen, geschweige die eines Geistes! An der Wand standen zwei morsche Schlafpritschen mit verfaultem Stroh. Gegenüber ein eiserner Herd und eine Art Spind. Die Mitte des Raumes füllte ein mächtiger Tisch mit einer Bank. An der hinteren Wand befand sich eine Tür, und diese war verschlossen. Er packte die Bank und rannte mit ihr los. Ein Krachen und Splittern, das Hindernis war beseitigt.
Tom erstarrte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Weit riss er die Augen auf, kniff sie zu, riss sie wieder auf, aber das Bild blieb. Durch die zerborstene Tür sah er ein Fenster. Ganz deutlich hob sich das helle Rechteck aus der dunklen Wand heraus. Und am Kreuz dieses Fensters hing eine Gestalt! Eine Frau, an den Haaren aufgehängt!
»Da soll doch gleich ...«, weiter kam der Ghostchef nicht. Er musste schleunigst in Deckung gehen. Haarscharf zischte mit eigentümlichem Singen ein Stilett an seinem Kopf vorbei und blieb wippend in der gegenüberliegenden Wand stecken. Dann erscholl ein höhnisches Lachen, das hohl klang und aus weiter Ferne zu kommen schien.
Tom bückte sich und sah erneut durch die Türöffnung. Da war wieder das Fenster, aber keine Frau mehr, die man an den Haaren aufgehängt hatte! Narrten ihn denn wirklich Geister? Was war in diesem verfluchten Haus nun los?
Der Ghostchef stieß einen schrillen Pfiff aus. Sekunden später klangen vor dem Hause Susys Hufe. Schnell holte er sich die Taschenlampe aus der Satteltasche und leuchtete nun das ganze Haus systematisch ab. Aber er fand wieder nichts. Nur in der Wand steckte noch das Stilett, lang und schmal, der Griff fein ziseliert. Eine wertvolle Arbeit. Er dachte an seinen Sergeanten Patterson. Schade, dieses Abenteuer wäre was für den gewesen!
Vorsichtig packte er die Waffe ein, machte sich dann auf die Suche nach dem Pfeil, den er auch bald fand, und verließ das Plateau, an dessen Rand das Haus am Yellowstone stand.
Pray lag etwa eine knappe Meile östlich vom Yellowstone. Der Ort war so klein, dass die Geographen sich nicht erst die Mühe gemacht hatten, ihn in die Karten einzuzeichnen. Vielleicht nahmen sie auch an, das Kaff würde über kurz oder lang sowieso aussterben. Nicht einmal eine Straße führte hierher. Die wenigen Häuser ragten völlig unvermittelt aus dem hohen Präriegras hervor.
Die Menschen, die hier lebten, bildeten gewissermaßen eine große Familie. Sie kannten sich innen und außen wie ihre eigenen Hosentaschen.
Die Männer, ob jung oder alt, arbeiteten nur einmal im Jahr, nämlich zur Zeit des großen Lachszuges. In gewaltigen Schwärmen zogen dann die Fische den Fluss hinauf, um die Laichplätze an der Mündung zu erreichen. Es war ein Kinderspiel, sie zu fangen. Zu Tausenden holten die Männer die Fische aus dem Fluss und verkauften sie an die großen Fischfabriken in den größeren Städten. War diese Zeit vorbei, lebten sie von Gelegenheitsarbeiten.
Vor allem waren es die Cowboys der »Three-Fork-Ranch«, die zum Wochenende kamen und Geld unter die Leute brachten. Und die Männer von Pray verstanden sich auf das Geschäft, den lieben Mitmenschen einen Goldfisch nach dem anderen aus der Hosentasche zu locken.
Die Boys der »Three Fork« wussten das und ließen sie gewähren, denn nirgendwo war es so schön wie im »Paradise« beim Pokerspiel. Das war eine außergewöhnlich schmierige und verkommene Kneipe. Niemand wusste, wie der Gründer dieses Etablissements ausgerechnet auf diesen Namen gekommen war. Vielleicht hatte er sich damals hier wie im Paradies gefühlt.
Dort konnte man so recht von Herzen randalieren und saufen, ohne gleich mit den Behörden in Konflikt zu geraten. Was war schon dabei, wenn gelegentlich mal der ganze Saftladen in die Brüche ging oder einer auf der Strecke blieb? In Pray gab es nämlich keinen Sheriff, der gleich mit dem Gesetz drohte. Und wenn wirklich mal Sheriff Buttler aus Chico herbeigerufen werden musste, so waren bei dessen Ankunft alle Spuren so schön verwischt, dass kein Mensch mehr zu sagen wusste, was eigentlich losgewesen war.
Der Wirt des einzigen »Hotels« hieß Guy Rogers, ein Mann, stark wie ein Büffel. Groß und breit, mit kurzem, gedrungenem Kopf, einer massigen Stirn und ewig feuchten Lippen, über die die Enden eines struppigen Bartes hingen. Man sagte ihm nach, dass er im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Kopf durch die Wand gehen konnte. Im Übrigen war er ein schleimiger Kerl, der stets sein Mäntelchen nach dem Winde hing.
Mr. Rogers thronte gerade wieder hinter der Theke seines Saftladens, die fleischigen Arme aufgestemmt, und starrte mit verglasten Augen auf seine lieben Gäste, die sich an einem Tisch dem Spiel hingaben.
»Hell and devil«, brummte er vor sich hin, »die Burschen setzen heute mal wieder, dass es einem den Whisky aus den Augen treibt. Hört auf, Boys!«, rief er zu dem Tisch hinüber. »Gibt bloß Stunk nachher!«
»Halt's Maul, alter Giftmischer!«, fuhr einer ihn an. »Wir spielen so hoch, wie es uns passt!«
Die Anwesenden starrten plötzlich verblüfft auf die Tür. Donnerwetter, der Kerl, der da eintrat, sah nicht gerade aus, als hätte er sein Leben hinter dem Ofen verbracht!
Wo kam der nur her? Wie hatte er sich ausgerechnet nach Pray verirrt? Tom Prox selbst hätte diese Frage nicht beantworten können. Es war nämlich ein reiner Zufall, da er zu weit östlich geritten war. Ganz plötzlich waren dann die Häuser vor ihm aufgetaucht.
»He, Keeper«, wandte Tom sich an den Wirt, »machen Sie das Maul ruhig wieder dicht. Verdammt viel Fliegen in der guten Stube. Könnte sein, dass sich die Biester plötzlich in Ihrer Luftröhre ansiedeln!«
»Hm«, knurrte Rogers los, »was fällt Ihnen ein, Fremder? Was geht Sie mein Maul ... eh ... Mund an?«
»Mündchen, mein Lieber!«, berichtigte Tom. »Ein niedliches kleines Mündchen! Schätze, man kann eine ganze Kalbshaxe da auf einmal hineinschieben. Aber Scherz beiseite. Kann ich ein Zimmer haben?«
»Ein Zimmer? Wenn Sie Geld haben, natürlich. Sind aber nicht billig, die Zimmer bei mir!« Rogers wackelte mit seinem Büffelkopf und grinste verschlagen. Er wusste, der Mann würde in ganz Pray kein Nachtquartier finden. Diese Tatsache gedachte er gehörig auszunützen.
»Und was soll der Spaß kosten?«
»Zwanzig Dollar, Stranger. Darunter ist nichts zu machen!«
»Das kann ich vor meiner Firma gerade noch verantworten. Machen wir gleich einen Mietvertrag!«
»Einen ... was?«, glotzte der Keeper misstrauisch.
»Einen Mietvertrag, Mann! Es muss doch alles seine Ordnung haben. Wenn ich keinen Mietvertrag vorzeigen kann, zahlt mir meine Firma keinen Cent zurück.«
»Meinetwegen, schreiben Sie den Wisch aus.«
Tom nahm ein Blatt Papier und schrieb. Die Summe zwanzig Dollar malte er groß und deutlich, darunter setzte er aber ganz klein das Wort »wöchentlich«. Rogers ging prompt auf den Leim! Er las nur »zwanzig Dollar«, alles andere interessierte ihn nicht. Bedächtig setzte er seinen Namen unter den Schein.
»Okay.« Tom zog seine Börse und legte die Note auf den Tisch. »Hier, die Miete für eine Woche im Voraus!«
Rogers schluckte. »Für einen Tag habe ich gemeint!«
»Wieso denn? Sie haben doch ,wöchentlich' unterschrieben. Hier steht es schwarz auf weiß!«
Guy Rogers knurrte wie ein bissiger Hund. Heavens, der Fremde hatte ihn hereingelegt! So was war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Die Männer an dem Tisch bogen sich vor Lachen. »Ho, alter Giftmischer, da bist du mal an den Richtigen gekommen. Wurde auch verdammt Zeit ...«
Tom Prox trat an den Tisch heran, lüftete seinen Stetson und sagte: »Ist es erlaubt, Gents?« Die Männer nickten, während er sich einen Stuhl angelte. Er zog seinen Tabaksbeutel hervor und drehte sich ein Stäbchen. Die Spieler verharrten schweigend. Er wusste, dass die Neugierde ihnen im Nacken saß, daher ließ er sich viel Zeit. Genießerisch sog er den Rauch ein und schloss einen Augenblick die Augen.
»Was führt Sie eigentlich nach Pray, Stranger? Welchen Weg kamen Sie?«, räusperte sich schließlich einer.
Tom gähnte gelangweilt und rief statt einer Antwort: »Bringen Sie uns 'ne Pulle Whisky, Keeper, aber anständigen, wenn ich bitten darf.« Dann blies er wieder Ringe gegen die Decke und sah versonnen vor sich hin.
In der Stube war es immer noch still. Nur das Schnaufen der Männer war zu hören. Dann näherten sich schlurfende Schritte. Der Wirt schenkte ein. Tom hob das Glas.
»Auf ihr ganz Spezielles, Gents«, sagte er. Sie tranken. »Warum ich nach Pray gekommen bin? Hm, dachte hier Geschäfte machen zu können.«
»Geschäfte?«, echote der Wirt, der am Tisch stehengeblieben war. »Mit Ihnen wird hier niemand Geschäfte machen. Ihre Methoden sind nicht fair.«
»Womit handeln Sie denn, Fremder?«, wollte jetzt ein Cowboy wissen. »Sehen nicht gerade aus, als würden Sie Schnürsenkel verkaufen.«.
»Stimmt, mein Geschäft ist auch weit schwieriger. Ich kaufe und verkaufe Geister!«
Die Männer am Tisch sahen sich verdutzt an. »Sie sind ein Witzbold, Gent. Habe nichts gegen einen feinen Witz, aber Sie dürfen uns nicht für dumm verkaufen.«
Tom sah den Sprecher ernst an. »Wer sagt das? Es ist wirklich so! Habe mir erzählen lassen, hier in der Gegend gäbe es noch Geister. Bin gekommen, mir mal die Ware näher anzusehen.«
»Geister?«, krächzte jetzt der Wirt. »Geister? Wer hat Ihnen denn diesen Floh ins Gehirn gesetzt? Hier gibt es keine Geister, und ich rate Ihnen, baldigst aus Pray zu verschwinden!«
Äußerlich ganz ruhig, saß Tom auf seinem Stuhl und lächelte freundlich. »Warum soll ich verschwinden, Gent? Für meine Leidenschaft kann ich doch nichts.«
»Quatsch! Vielleicht interessiert Sheriff Buttler in Chico sich für Ihre alberne Story!«
»Der hat keinen Bedarf. Im Gegenteil, er hat Angst vor Geistern. Aber warum regen Sie sich denn so auf? Ich weiß aus ganz sicherer Quelle.«
»Zum Teufel mit Ihrer Quelle! Wir wollen davon nichts wissen!«
»Und Sie können es sich auch nicht denken, Keeper?«, wandte Tom sich an Rogers. »Sie hören doch so allerlei in Ihrem Lokal! Mancher spricht im Rausch offener als gewöhnlich! Noch nie etwas von Geistern in dieser Gegend gehört?«
»Tut mir leid, Gent, habe keinen blassen Dunst«, sagte Rogers. »Aber Jesse hat recht, reiten Sie weiter nach Chico und fragen Sie Sheriff Buttler. Dort gibt es auch Hotels, die billiger und besser sind.«
»Ich wohne doch hier billig genug!« Tom erhob sich. »Finde es übrigens in Pray sehr nett. Na, will noch mein Pferd versorgen und dann in die Falle gehen.«
Der Ghostchef trat auf den Vorbau. Einen Augenblick blieb er stehen und lauschte. Aus der Kneipe drang aufgeregtes Flüstern. Hab anscheinend in ein Wespennest gestochen, dachte er, bin gespannt, was es mit dem »Haus am Yellowstone« nun wirklich auf sich hat.
Er schritt die wenigen Stufen hinunter und nahm Susy am Zügel, als er ein knackendes Geräusch hörte. Wie oft hatte er diesen Laut in seinem Leben schon vernommen. Es war immer das gleiche. »Knack« machte es, und dann peitschte fast immer ein Schuss auf.
Während er diesen Gedanken nachging, lag er längst flach auf der Straße. Da! Ein tappendes Geräusch verlor sich in der Dunkelheit.
Auf dem Vorbau des Hotels erschienen nun die Männer und schrien wild durcheinander. Der Wirt schwenkte eine Sturmlaterne. »Damn', Gent, wer hat geschossen?«
»Tja«, griente Tom und klopfte sich den Staub von den Kleidern. »Kommen Sie mit, Keeper, in Ihrem Pferdestall spukt es.«
Roger knurrte unwillig. Dann aber hielt er die Laterne hoch und marschierte voran.
»Finden Sie die Sache nicht reichlich merkwürdig, Mr. Rogers?«, fragte ihn Tom, als sie im Pferdestall angelangt waren. »Ich meine, der Mann muss doch einen Grund gehabt haben, auf einen harmlosen Reisenden zu schießen?«
»Keine Ahnung. Kommt hier sonst nicht vor. Vielleicht haben Sie Feinde? Aus Pray war der hinterhältige Schütze bestimmt nicht.«
»Feinde? Kenne hier doch keinen Menschen! Sie können mir also keinen Tipp geben?«
Guy Rogers zuckte die Achseln. Er brummte etwas Unverständliches in seinen Bart und verließ den Stall. Tom, der sein Pferd unterdessen versorgt hatte, folgte ihm. Als sie in den Saloon zurückkamen, waren die Gäste ausgeflogen.
Der Wirt verschloss die Tür. Dann löschte er die Lampen, nahm die Sturmlaterne und stapfte die Treppe hinauf. »Will Ihnen Ihr Zimmer zeigen, Stranger. Haben hoffentlich eine angenehme Nacht!«
»Wünsche Ihnen das gleiche«, versicherte Tom, »und träumen Sie nicht von Geistern, Mr. Rogers!«
Während die schlurfenden Schritte des Wirtes verklangen, besichtigte Tom das Zimmer. Es war ein schmaler Raum, in dem außer einem Bett gerade noch ein Stuhl und ein aus einer Kiste angefertigter Waschtisch Platz hatten. Das einzige Fenster ging zur Straße hinaus. Er hatte alles mit der Taschenlampe abgeleuchtet. Nun trat er an das Fenster. Draußen war der Hof in das fahle Licht des Mondes getaucht. Gegenüber befanden sich drei Häuser. Sie hatten kein Obergeschoss, ihre Vorbauten lagen in tiefer Dunkelheit.
