1,99 €
Ein Mörder, der sich in der Nähe des Tatorts auf der grünen Wiese zum Schlaf bettet? Daran mag Tom Prox nicht so recht glauben. Und doch gibt es einiges, was gegen den jungen Ted Durham spricht.
Überhaupt ist dieser neue Fall, in den die Männer der Ghost Squad zunächst eher beiläufig verwickelt werden, eine ganz verzwickte Angelegenheit. Denn auch ein zweiter Mann, der angesehene Rancher Pat Sanders, gerät plötzlich unter ungeheuren Verdacht. Erst allmählich, mit viel detektivischer Kleinarbeit, gelingt es dem Ghostchef und Snuffy Patterson schließlich, Licht ins Dunkel zu bringen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Auf halbem Wege
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
Impressum
Auf halbem Wege
Von George Berings
Ein Mörder, der sich in der Nähe des Tatorts auf der grünen Wiese zum Schlaf bettet? Daran mag Tom Prox nicht so recht glauben. Und doch gibt es einiges, was gegen den jungen Ted Durham spricht.
Überhaupt ist dieser neue Fall, in den die Männer der Ghost Squad zunächst eher beiläufig verwickelt werden, eine ganz verzwickte Angelegenheit. Denn auch ein zweiter Mann, der angesehene Rancher Pat Sanders, gerät plötzlich unter einen ungeheuren Verdacht.
Und erst allmählich, mit ganz viel detektivischer Kleinarbeit, gelingt es dem Ghostchef und Snuffy Patterson, Licht ins Dunkel zu bringen ...
Die beiden Männer trafen in der Morgenfrühe am Kreuzweg zwischen Dickinson und Richardton aufeinander.
Sie hatten sich noch nie gesehen und waren so verschieden, dass, hätten sich ihre Wege hier nicht zufällig gekreuzt, der eine die Kreise des anderen wohl nie gestört hätte. Jetzt aber trafen sie aufeinander wie zwei fremde Welten, wie Schwarz und Weiß oder auch Feuer und Wasser.
Die Pferde verhielten voreinander, und die Reiter musterten sich misstrauisch. Ihre Gedanken waren dabei sehr unterschiedlich – vielleicht so verschieden wie ihr Äußeres.
»Hallo!« Der eine griff lässig an den Rand seines Hutes. Er kniff die Augen leicht zusammen, um seinen Mund lag ein beinahe mitleidiges Lächeln.
»Hallo!« Der andere lächelte ebenfalls. Sein Gesicht war offener, freundlicher.
»So trifft man sich in der großen Welt, was?« Der aus Dickinson lachte heiser. »Habe nicht geglaubt, in dieser verlassenen Gegend auch nur die Spitze eines Pferdeschwanzes zu Gesicht zu bekommen.«
»Traf auch keinen, Stranger. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich heiße Ted Durham.« Der Mann aus Richardton deutete eine leichte Verbeugung an.
»Peynton«, murmelte der andere. »Robert Peynton.«
Einen Augenblick herrschte dann Stille. Die Männer maßen sich mit abschätzenden Blicken.
Der aus Dickinson sah einen jungen Burschen vor sich, gutgewachsen, sauber gekleidet, dessen Augen neugierig in die Welt blickten. Er kam zu dem Schluss, es hier mit dem Sohn eines wohlhabenden Vaters zu tun zu haben, der seinen ersten Ausflug, fern von Mamis Schürze, unternahm.
Der junge Mann wiederum sah ungefähr das Gegenteil! Jener Peynton mochte etwa vierzig Jahre zählen. Er war von untersetzter Statur, beinahe fett. Das Gesicht wettergebräunt, bullig, leicht verwegen. Dieser Eindruck entstand wohl hauptsächlich durch die schiefe Nase und eine breite Narbe, die sich auf der Stirn wulstig abhob und die rechte Augenbraue spaltete.
Die Kleidung war recht ungepflegt. Das Hemd verschwitzt, von unbestimmbarer Farbe, über der Brust offen. Die Weste wies einige Risse auf, und um die Hose war es nicht besser bestellt. Auffällig an diesem Mann aber war vor allem ein Colt, der, das erkannte sogar ein Greenhorn, recht locker im Holster steckte.
»Na, gefalle ich dir, Boy?« Peynton grinste belustigt. »Keine Schönheit, was? So stellen sich kleine Kinder wohl den bösen Räuber vor. Sieht aber nur so aus. Bin eine ehrliche Haut, kannst es mir glauben.«
»Man soll nicht nach dem Äußeren auf das Innere eines Menschen schließen«, erwiderte der junge Mann freundlich.
»Hast es sehr schön gesagt, Kleiner! Sehr schön und wahr.« Peynton lachte heiser. »Wie wär's, wenn wir zusammen frühstückten? Habe seit gestern Abend noch nichts über die Lippen gebracht. In Gesellschaft schmeckt es immer besser.«
Ted Durham nickte und sah sich nach einem geeigneten Platz um.
»Wir brauchen Wasser, Stranger. Ohne Wasser kein Kaffee, ohne Kaffee kein Frühstück.«
»Bist ein heiler Kopf, Kleiner.« Peynton grinste wieder herausfordernd. »Folge mir, ich weiß eine Stelle.«
Er trieb sein Pferd an und ritt ein Stück nach Westen.
Durham folgte ihm langsam.
Dabei stellte er über seinen neuen Bekannten allerhand Überlegungen an. Sollte das Abenteuer beginnen, das er sich so sehnlichst gewünscht hatte? Wenn es in diesem Land überhaupt noch Abenteuer zu erleben gab, dann ganz bestimmt in der Gesellschaft eines Mannes wie Peynton. Vielleicht war es ja sogar ein großes Glück, ihn kennengelernt zu haben?
Nun, die nächste Stunde, so hoffte Ted, würde darüber Aufschluss bringen.
»Hier ist es richtig, Boy! Hier können wir es einige Zeit aushalten.«
Peynton rieb sich die Hände. Er war aus dem Sattel gestiegen und tat, als habe er diesen Platz persönlich erschaffen.
»Sehr gut, Mister Peynton ...«
»Nenne mich nicht Mister Peynton, Boy. Ich heiße Robert, kannst mich daher Bob nennen. He, bist wohl aus gutem Hause, was? Deine Manieren kannst du in dieser Gegend ruhig an den Ast hängen.«
»Okay, Bob. Übrigens ein feines Plätzchen. Habe den Bach vorher nicht gesehen. Schatten gibt es auch genug.« Durham kletterte vom Gaul und vertrat sich die Beine. Das Reiten schien ihm ungewohnt.
Peynton grinste darüber, unterließ es jedoch, darauf anzuspielen. Dieser alte Fuchs wusste ganz genau, wen er vor sich hatte. Schon in der ersten Minute ihres Zusammentreffens hatte er den richtigen Gedanken gehabt.
»Hol Wasser, Kleiner, werde mich inzwischen um ein Feuerchen bemühen.«
Ted Durham nahm den verbeulten Topf, den Peynton ihm übergab, und ging die wenigen Schritte zum Bach hinunter. Der Ältere stand einen kurzen Moment und sah ihm nach. Sein Gesicht hatte einen pfiffigen Ausdruck angenommen. Peynton schien mit seinem neuen Bekannten sehr zufrieden.
Eine Viertelstunde später saßen sie am Feuer. Das Wasser im Topf begann zu singen und verbreitete damit die gemütliche Atmosphäre, die jeder richtige Tramp zu schätzen weiß.
»Eine verdammt lausige Ecke hier«, begann Peynton das Gespräch. »Habe schon manchen Trail hinter mir, Boy, kannst es mir glauben. Diese Gegend aber ist verdammt windig.«
»Was verstehst du darunter, Bob? Was nennst du ›verdammt windig‹?« Ted Durham wusste mit diesem Ausdruck nichts Rechtes anzufangen.
»Äh ... ich meine, es ist eine Gegend, in der man höllisch aufpassen muss, verstehst du?«
»Kein Wort, Bob.« Durham lachte unbekümmert. »Ich finde die Gegend recht schön.«
»Wo willst du denn hin? Hast du ein bestimmtes Ziel?« Das alles kam sehr harmlos heraus.
»Eigentlich nicht. Reite nur so durch die Gegend, um mir Land und Leute anzusehen.«
»Auch ein Grund. Und was hast du davon? Lohnt es sich ... ?«
»Vielleicht. Ich schreibe für eine große Zeitung. Dachte mir, wer wirklich was erleben will, darf nicht hinter dem Schreibtisch hocken bleiben. Na, da zog ich eben los. Immer der Nase nach, weißt du?«
»Hm – und hast du schon etwas erlebt?« Peynton nahm den Topf vom Feuer und schüttete den Kaffee hinein. Sofort verbreitete sich ein angenehmer Duft.
»Riecht gut, was?« Durham schnupperte behaglich. »No, ich habe noch nichts erlebt. Der Wilde Westen scheint recht zahm geworden zu sein. Eigentlich bin ich enttäuscht.«
»Der Wilde Westen?« Peynton winkte geringschätzig ab. Dann spuckte er ins Feuer. »So etwas hat es doch nie gegeben ... höchstens in Büchern. Man muss ihn nicht suchen, man muss einfach so sein, verstehst du? Wenn man so lebt wie ich, braucht man ihn nicht erst zu suchen. Er kommt von selbst zu einem.«
»So ungefähr dachte ich es mir«, stimmte Durham zu. »Es ist für unsereins aber schwer, so zu leben.«
»Alles überwuchert von der sogenannten Zivilisation ...« Peynton spuckte wieder aus. »Kenne das, Boy. Man ist zu anspruchsvoll geworden. Daunendecken, weiche Matratzen unter dem Hintern! Und dann wollen sie in »Wildwest« machen, wollen etwas erleben. Ziehen sich hübsche buntkarierte Hemden an, setzen sich einen Hut auf, der eine Krempe wie ein Wagenrad hat, und schon nennen sie sich Cowboy! Alles halbe Portionen! Das, was sie suchen, finden sie nie. Dazu gehört viel mehr, ein Herz für die Dinge ... na, ist ja egal. Kann mich nicht so gut ausdrücken.«
Sie tranken den heißen Kaffee, wobei Peynton laut schlürfte. Er nahm den Blechteller in seine großen Hände und umfasste ihn wie ein kostbares Kleinod.
Durham wunderte sich, wieso sich der Mann nicht die Innenseite seiner Hände verbrannte. Schließlich war sein Becher glühend heiß!
Sie schwiegen. Irgendwo zwitscherte ein Vogel, und vom Bach her kam das Gluckern des Wassers. Peynton trank in kleinen Schlucken und blickte dabei versonnen über das Land.
Durham betrachtete ihn verstohlen, indem er über die Worte dieses merkwürdigen Mannes nachsann. Aus Peynton konnte man wirklich nicht schlau werden. Äußerlich wirkte er wie ein Satteltramp, ja, man konnte ihn auch für einen heruntergekommenen Revolvermann halten. Seine Worte aber passten nicht so recht zu ihm.
»Wie wär's, wenn wir ein Stück gemeinsam ritten?«, fragte Durham beinahe schüchtern.
»Damit du nachher über mich tolle Geschichten schreibst, was?« Peynton lachte rau. »Nee, über mich gibt es nichts zu schreiben. Erleben wirst du auch nichts, Boy. Schlag dir das aus dem Kopf.«
»Wäre aber schön. Braucht ja nicht lange zu sein, nur ein paar Tage.«
»Du kennst mich nicht, Kleiner. Hast du denn keine Angst vor mir?«
»Angst? Wüsste nicht, vor was ich Angst haben sollte.« Ted Durham lachte unbekümmert. »Du bist eine ehrliche Haut, Bob.«
»Weißt du das so genau? Vielleicht habe ich einen Grund, so allein durch die Gegend zu trailen. Vielleicht interessiert sich sogar der Sheriff für mich?«
»Wenn es so ist, soll es mir auch recht sein. Dann werden wir eben beide gejagt, Bob.«
»Also nur aus lauter Sensationsgier, wie? Nachher lancierst du einen schönen Artikel in der Zeitung: ,Ted Durham mit einem Mörder auf der Flucht' oder so ähnlich?«
»Quatsch! Du bist weder ein Mörder, noch hast du sonst Dreck am Stecken. So viel weiß ich auch von den Menschen. Na, schlag schon ein, Mann. Wir machen den Trail gemeinsam.«
Durham hielt seine Hand hin. Er witterte hier wirklich das ganz große Abenteuer.
»Noch nicht, Kleiner. Zuerst habe ich noch etwas zu erledigen. Kannst hier auf mich warten, wenn du willst. Kann zwei oder drei Stunden dauern. Wenn ich mittags nicht zurück bin, setzt du deinen Weg allein fort. Einverstanden?«
»Okay, warte hier bis zum Mittag auf dich.«
Robert Peynton packte seine Sachen zusammen. Wenige Minuten darauf saß er im Sattel. Er tippte an den Rand seines verschlissenen Hutes, kniff die Augen zusammen.
»Na, dann lass dir die Zeit nicht lang werden!«
Ted Durham nickte. Er sah seinem neuen Freund nach, wie er ostwärts davonritt.
Kenneth Pool hatte die Medora-Ranch vor drei Stunden verlassen.
Das Anwesen lag zwanzig Meilen nördlich Richardton, dem Sentinel Butte, einem gewaltigen Felsmassiv, vorgelagert. Zwanzig Meilen waren es von der Ranch bis Richardton.
Pool vermochte nicht zu sagen, wie oft er diese zwanzig Meilen in den vergangenen zwanzig Jahren geritten war. Er kannte diesen Weg wie seine Hosentasche. Auch sein Gaul kannte ihn. Er konnte getrost die Augen schließen und ein Nickerchen machen, sein Pferd würde genau vor Lennies Saloon in Richardton anhalten.
Pool war ein alter, erfahrener Cowboy Auf den Tag genau zwanzig Jahre diente er schon auf der Ranch. Dies war auch der Grund, dass er heute nach Richardton ritt. Er hatte Urlaub genommen, um sein Jubiläum gebührend zu feiern. Irgendetwas muss der Mensch ja begießen, und wenn er keinen Garten hat, pflegt er eben sein Innenleben. Jedenfalls war das die Ansicht Kenneth Pools.
Der Cowboy hielt in altgewohnter Weise ein Nickerchen im Sattel. Der Gaul trabte gemächlich dahin. Trotzdem war es das reinste Wunder, dass Pool nicht aus dem Sattel fiel. Es war ein Trick, den nicht jeder kannte.
Pool erwachte, als sein Pferd anhielt. Er sah sich verwundert um. He, was war los? Er war ja noch gar nicht in Richardton, und von Lennies Saloon war weit und breit auch nichts zu sehen.
»Go on, alte Mähre.« Er knurrte erbost. »Was fällt dir denn ein? Bekommen wir hier vielleicht einen Schluck Whisky?«
Das Pferd rührte sich nicht. Es stand, die Beine fest aufgestemmt, und stellte mächtig die Ohren auf. Der Cowboy wurde jetzt erst richtig wach. Er riss die Augen auf, und die Worte, die eigentlich eine lange Kette von derben Flüchen werden sollten, blieben ihm im Halse stecken.
Vor dem Pferd lag ein Mensch. Pool war sofort klar, dass der Mann tot war. So lagen nur Tote auf einsamen Wegen. Außerdem sprach der rote Fleck im Rücken eine nur zu deutliche Sprache.
»Heaven!« Der Cowboy fand langsam seine Sprache wieder. »Ein Toter! Und das an meinem Ehrentage? Da soll doch gleich ...«
Pool rutschte geschwind vom Pferd. Vorsichtig näherte er sich dem Mann, ging dann langsam im Kreis um ihn herum.
Kein Zweifel, der Mann war tot. Von hinten erschossen!
