Tom Prox 48 - George Berings - E-Book

Tom Prox 48 E-Book

George Berings

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Beschreibung

"Hands up!" Die Stimme kommt hart wie ein Peitschenknall. Die drei Männer am Tisch sind völlig überrascht. Sie reißen die Augen auf und starren unsagbar dumm auf die Tür. Dann heben sie die Hände - gehorsam, aber widerwillig.
Gibt es wirklich keine Möglichkeit zu entkommen?

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Es führt kein Weg zurück

Vorschau

Kleines Wildwest-Lexikon

Aus dem Wilden Westen

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Heinrich Berends

Illustrationen Innenteil: shutterstock

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7517-0073-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Es führt kein Weg zurück

von George Berings

Einsam und verlassen steht in der Weite der Prärie, zwischen den Green Mountains und dem Blue River, ein Planwagen. Tiefe Stille ringsum. Es hätte ein Bild des Friedens sein können, wenn nicht zwei leblose Körper Anklage erhoben hätten. Anklage gegen diejenigen, die sich aus Habgier hatten verleiten lassen, das Gesetz des Lebens zu missachten …

1. Kapitel

Mit knarrenden Rädern rumpelte ein ochsenbespannter Planwagen langsam den Yellow River entlang. Die Fahrt ging in nördlicher Richtung auf die Mündung des Flusses zu, an der der Ort Turblone lag.

Es war ein heißer Tag. Die Sonne brannte unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel. Die Erde war verbrannt, das sonst üppig wuchernde Gras versengt. Mensch und Tier lechzten nach Abkühlung, nach dem langersehnten Regen.

Auf der Bank des Wagens, im Schatten der Plane, saßen ein Mann und eine Frau. Ihre Gesichter wirkten müde, fast schon verbraucht, obwohl beide nicht älter als vierzig Jahre waren.

Jan Polder hatte viel Pech im Leben gehabt. Er war, aus Holland stammend, noch nicht lange in den Staaten. Vor sieben Jahren hatte er sich in Arizona angesiedelt.

Unermüdlich hatten die beiden dort geschuftet, um das kleine Anwesen hochzubringen. Dann aber war die große Dürre gekommen und mit ihr das Viehsterben. Polder hatte noch nicht die nötige Erfahrung, um einer solchen Naturkatastrophe begegnen zu können. So war seine Arbeit in wenigen Wochen vernichtet worden und er über Nacht ein armer Mann.

Aber er hatte nicht aufgegeben! Nachdem er erfahren hatte, dass die Regierung im Nordwesten des Landes Land an Siedler vergab, hatte er sich auf den Weg gemacht, um noch einmal sein Glück zu versuchen …

Seit Wochen waren die beiden jetzt schon unterwegs. Tag für Tag nur wenige Meilen, während sich die schweren Räder ihren Weg durch den Sand der ausgefahrenen Wege suchten.

Schweigend saß das Paar auf der Bank. Was sollte man auch sprechen? Nur fröhliche Menschen können sich die Zeit damit vertreiben, lustige Geschichten zu erzählen. Die guten Zeiten aber waren für Polder und seine Frau längst dahin.

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er die Gegend. So weit das Auge reichte, fand sich nirgendwo etwas Schatten, wo man die so notwendige Mittagsrast hätte halten können.

»Werden heute auf ein schattiges Plätzchen verzichten müssen, Frau«, brach der Mann das Schweigen. »Zum Glück ist es bis Turblone nicht mehr weit.«

Die Frau nickte stumm. Jan Polder brachte das Gefährt zum Halten und stieg ab. Er schirrte die Tiere aus und trieb sie zum Fluss hinunter, während sich seine Frau daran machte, ein einfaches Essen herzurichten. Als er dann zurückkam, entdeckte er in der Ferne eine Staubwolke, die das Herannahen mehrerer Reiter ankündigte.

»Wir bekommen anscheinend Besuch, Frau!« Polder legte die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Aber erst nach einigen Minuten konnte er erkennen, dass es sich um drei Männer handelte, die aus den Bergen kamen.

Er ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war es gewohnt gewesen, Gäste am Tor zu empfangen. Auch jetzt, wo er kein Heim mehr besaß, ließ er nicht ab von diesem Brauch. Plötzlich blieb Polder stehen. Narrte ihn ein Spuk? Die Reiter waren maskiert! Er ahnte nichts Gutes, wollte schon zurück zum Wagen, um seine Winchester zu holen. Zu spät! Die Fremden waren heran.

»Lang zum Himmel, Fremder«, brüllte der Anführer der Bande, indem er eine entsprechende Geste mit dem Colt machte.

»Was soll das, Mister?« Polder blieb immer noch ruhig.

»Hands up!«, schrie ein zweiter, unter dessen Hut rote Haare zu sehen waren. »Los, wird’s bald?«

Polder sah ein, dass hier mit guten Worten nichts zu machen war. Zögernd hob er die Arme.

»Höher!«, kam sofort ein weiterer Befehl. »Nur keine dummen Gedanken, Freundchen!«

»Dumme Gedanken?« Polder musste lächeln. »Ich habe gewiss keine dumme Gedanken. Macht euch nicht unglücklich, Leute.«

»Er will uns zu guten Menschen erziehen«, lachte einer der Maskierten höhnisch. »Bist wohl’n Prediger, was?«

»Schnauze«, herrschte der Anführer Polder an, »keine Zeit jetzt für Späße. Los, das Geld heraus!«

»Ich habe keins«, entgegnete der Siedler ruhig, »bin ein armer Mann.«

»Für uns aber nicht arm genug«, keifte jetzt der zweite mit hoher Stimme: »Mach keine Mätzchen und rück den Zaster heraus!«

»Aber ich habe doch nur …«

»Los, Jungs, alles durchsuchen!«

Die Banditen sprangen von den Pferden. In Sekundenschnelle war Jan Polder gefesselt. Triumphierend zog einer der Männer einen Lederbeutel unter dem Hemd des Gefangenen hervor.

»Na also, warum nicht gleich so. Gib ihm, was ihm gebührt, Ted!«

Der Siedler brach unter den Schlägen der Gangster zusammen.

»Nein!«, schrie jetzt hinter dem Wagen Polders Frau auf. Wie eine Furie ging sie auf die Gangster los, konnte ihrem Mann aber nicht mehr helfen. Kaltblütig drückte der Banditenboss ab. Die Frau brach stöhnend zusammen.

Voller Verzweiflung versuchte Polder seine Fesselung zu zerreißen. Aber der Colt bellte ein zweites Mal auf. Aus –!

»Los, Boys, verduften!« Der Boss riss sein Pferd herum.

»Aber der Wagen, Chef. Gibt bestimmt noch einige Dinge …«

»Verduften, hab ich gesagt. Haben das Geld; das genügt!«

Die Banditen saßen auf und preschten hinter ihrem Boss her. In weniger als fünf Minuten war das Schicksal der Familie Polder besiegelt.

Der Wilde Westen hatte sie endgültig verschlungen.

»Keine Gegend für mich, Chef!« Snuffy Patterson, seines Zeichens Sergeant bei der Ghost Squad, hob die Nase, als wolle er die Luft prüfen. »Ich hab diese Ecke noch nie gemocht. Der Whisky ist hier auch schlechter als woanders. Zu viel Wasser im Colorado.«

Tom Prox, der Ghostchef, gab keine Antwort. Er war diese Sprüche gewohnt. Wenn Snuffy nichts zu brabbeln hatte, musste man sich Sorgen um seine Gesundheit machen.

»Warum ausgerechnet diesen Weg? In Kalifornien blühen zurzeit die Mandelbäume – oder was weiß ich.«

»Jetzt redest du blühenden Unsinn, Langer.«

»Bei der Hitze kein Wunder, lieber Freund. Wie wär’s mit einer kleinen Pause? Hab einen Durst …«

Die Ghosts hatten einen lichten Wald durchquert. Vor ihnen lag die Prärie, gelb und trocken – trostlos anzusehen.

Tom Prox stieg vom Pferd. Snuffy löste eilig den Wassersack, um die Tiere zu tränken. Erst dann durften die Männer an sich denken – und Patterson dachte gern an den Whisky, den er, um der Gefahr des Verdurstens zu entgehen, immer in großen Mengen mit sich führte.

Endlich saßen sie im Schatten, ließen die Flasche von Mund zu Mund gehen, während ihre Blicke über die weite Fläche wanderten, die sich vor ihnen ausbreitete.

»Da hinaus soll es nun gehen, Tom? Grässlich, einfach scheußlich! Wie bist du eigentlich auf diese Schnapsidee gekommen?

»Er muss in dieser Gegend stecken«, murmelte der Ghostchef vor sich hin. »Alle Wege führen …«

»… nach Rom«, vollendete Patterson tiefgründig den Satz.

»Man kann’s auch so sagen, alter Junge. Sie verraten sich immer selbst.«

»Du denkst an den Überfall in Kremmling?«

»Und an den in Swift Lake. Cordona City kommt ebenfalls dazu, wenn es auch eine ganz andere Masche war.«

»Es kam schließlich auf dasselbe hinaus«, knurrte Patterson. »Die Frau war tot. Ob Pistole oder Messer, spielt keine Rolle.«

»Für den Kriminalisten schon, Langer. Jeder arbeitet nach seiner Methode. Selten benützt ein Mann, der gewohnt ist, mit einem Colt umzugehen, ein Messer – und umgekehrt. Die Sache mit Cordona City passt nicht recht in das Schema. Nun, wir werden ja sehen; der Fall nähert sich bald dem Ende.«

»Hoffen wir das Beste – lieber Leser«, murmelte Snuffy. Er hatte sich lang ausgestreckt, den Hut übers Gesicht gezogen, um ein Viertelstündchen zu schlafen.

Tom Prox zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche und studierte aufmerksam die Eintragungen. Zweimal stieß er auf den Satz: Mann mit Flöte. Er schüttelte den Kopf. Ob es sich dabei um einen Zufall handelte?

Seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt. In weiter Ferne entdeckte er Reiter, die direkt auf den Wald zukamen, an dessen Rand sie lagerten.

»He, Snuffy!« Er stieß dem Langen kräftig in die Rippen. »Wir bekommen Besuch, da pennt man nicht. Sei nett zu den Leuten …«

Snuffy glotzte reichlich blöde. »Wovon sprichst du eigentlich?«

»Sieht aus wie eine Posse. Na, wenn da man nicht …«

»Lass uns lieber verduften, Chef! Die Kerle sind bestimmt kriegerisch veranlagt, und nachher schießen sie uns noch ganz aus Versehen über den Haufen.«

»Zu spät, mein Lieber«, lächelte Tom. »Die werden wir nicht mehr so schnell los.«

Einige Minuten darauf verharrten die Reiter am Waldrand. Patterson hatte wirklich nicht übertrieben; diese Männer machten einen sehr hitzigen Eindruck – und das lag gewiss nicht nur an der Temperatur!

»Hände hoch!«, kommandierte ein junger Bursche, der das Zeichen eines Deputys am Hemd trug. »Ihr habt keine Chance mehr!«

»Ein toller Gangsterschreck«, murmelte der Sergeant, »dem möchte ich mal den Hosenboden strammziehen.«

Inzwischen waren die Ghosts eingekreist. Die Läufe von zehn schweren Winchestern und acht Colts waren auf sie gerichtet. Snuffy fühlte sich unbehaglich. Wie leicht konnte so eine Donnerbüchse aus Versehen losgehen! Er hatte es ja gleich geahnt.

»Immer langsam, junger Mann«, entgegnete Tom inzwischen dem übereifrigen Deputy, »zuerst einmal wollen wir einander vorstellen …«

»Schnauze! Ich weiß, was ich weiß! Außerdem verlasse ich mich auf meine Menschenkenntnis. So können nur Gangster aussehen …«

»Siehst du, Tom«, sagte Patterson traurig, »immer, wenn ich mich nicht rasiere, passieren solche Dinge.«

»Abführen!«, bellte der Beamte.

Tom und Patterson dachten nicht daran, Gegenwehr zu leisten. Sie kannten das! Wenn brave Bürger auszogen, um Gangster zu fangen, musste man sie hübsch gewähren lassen. Nirgendwo hatte das Sprichwort »Blinder Eifer schadet nur!« so viel Berechtigung.

Snuffy wollte zu seinem Pferd, aber der junge Anführer der Posse ging auf Nummer sicher. Er ließ seine Gefangenen hübsch zu Fuß gehen. Und das bei dieser Hitze! Acht Meilen! Patterson schwor bittere Rache. Tom schwieg, ab und zu aber huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er ahnte, wie das enden würde.

Das Städtchen hieß Longside und machte einen sauberen, wenn auch etwas schläfrigen Eindruck. Als der Deputy nun aber mit seinen Gefangenen einzog, lief das ganze Volk zusammen, und schon bald herrschte eine bedrohliche Stimmung. Faule Eier flogen jetzt durch die Luft.

Dann endlich waren sie am Office angelangt. Der Gesetzeshüter von Longside wartete schon vor der Tür und nahm, die Arme über der Brust verschränkt, die Meldung entgegen. Sein junger Deputy strahlte über das ganze Gesicht. Na, wie hatte er das Ding geschaukelt? Innerhalb drei Stunden waren die Gangster gefasst worden.

»Fall erledigt, Sheriff! Hier bringe ich die Verbrecher. Am besten hängen wir sie sofort auf.«

»Jawohl, aufhängen!«, schrien einige der Wichtigtuer.

Der Sheriff aber konnte es noch lauter als sie. Er hatte tatsächlich eine Stimme wie ein Orkan.

»Schockschwerenot!«, donnerte er los. »Ihr seid wohl ganz verrückt geworden, was? In Longside herrschen immer noch Recht und Gesetz! Hier wird keine Lynchjustiz geübt! Zum Teufel mit euch!«

»Ein feiner Mann«, sagte Patterson begeistert, »jetzt wird mir schon etwas wohler.«

»Führt sie herein«, kommandierte der Sheriff, »wollen gleich feststellen, welche Vögel uns da zugeflogen sind.«

Nur zehn Minuten später öffnete sich die Tür des Office und ein junger Bursche flog durch den Eingang; dann schlug die Tür krachend wieder zu.

Der Deputy war direkt auf der Straße gelandet, wo noch immer neugierige Gruppen herumstanden. Der Jüngling rieb sich den schmerzenden, verlängerten Rücken und wollte sich schnell davonmachen. Aber schon war er umringt und musste Rede und Antwort stehen. So erfuhren die Bürger, dass ihr tüchtiger Deputy ausgerechnet zwei »Greifer« gegriffen hatte. Nun, die Blamage war groß – und der junge Mann seinen Posten los.

»Mir furchtbar peinlich, Captain Prox!« Sheriff Lasher kratzte sich verlegen den Hinterkopf. »Na, ich hab den Esel ja nun zum Teufel gejagt, was sollte ich sonst tun?«

»Was ist denn vorgefallen, Sheriff? Warum die Aufregung im Ort?«

»Überfall auf ein junges Mädchen, Mr. Prox. Eine hässliche Geschichte. Noch dazu am helllichten Tage in unmittelbarer Nähe der Stadt«

»Gibt es keine Spuren?«

»No, keine. Ein vielbegangener Weg hinter dem Friedhof. Der Täter kam aus dem Gebüsch, schlug hart zu – und schon war alles vorbei.«

»Das Opfer erinnert sich nicht an den Täter?«

»Nein, Mr. Prox. Nur an einen alten Mann konnte sich das Mädchen noch erinnern. Er kommt aber als Täter kaum in Frage.«

»Alter Mann?« Tom stieß einen leisen Pfiff aus. »Ein Tramp, der auf der Flöte spielt?«

»So ist es. Er hatte im Ort gespielt, und die Leute hatten ihre Freude daran.«

»Okay, Sheriff.« Tom Prox erhob sich. »Wir werden uns um den Fall kümmern.«

»Aber wie wollen Sie denn …«

»Schon gut, Sheriff. Komm, Langer!« Snuffy hatte sich derweil mit der Whiskyflasche des Sheriffs die Zeit vertrieben. Jetzt erhob er sich leicht »beflügelt«.

»He, Sheriff, wo wohnt ihr ehemaliger Deputy?«, wollte er wissen. »Hab verdammt viel Lust, den Jungen einzumachen!«

»Komm schon, Snuffy«, drängte Tom an der Tür. »Oder soll ich dich einmachen?«

Einsam und verlassen stand in der Weite der Prärie, zwischen den Green Mountains und dem Blue River, ein Planwagen. Tiefe Stille ringsum. Es hätte ein Bild des Friedens sein können, wenn nicht zwei leblose Körper Anklage erhoben hätten. Anklage gegen diejenigen, die sich aus Habgier hatten verleiten lassen, das Gesetz des Lebens zu missachten …

Und doch, die Familie Polder war nicht ausgelöscht! Viel später – die Banditen waren längst in den Bergen verschwunden – begann es sich unter der Wagenplane zu regen.

»Hallo, Ma«, rief die Stimme eines Kindes, »wo bist du?«

Als keine Antwort kam, wurde der Lockenkopf eines Mädchens sichtbar. Die Kleine kletterte aus dem Wagen und sah sich suchend um.

»Ma … Dad«, rief sie, »wo seid ihr denn?«

Aber es kam keine Antwort! Zuerst fand das Mädchen die Mutter, die starr im Gras lag. Das Kind brach schluchzend in die Knie.

»Ma, liebste Ma«, weinte es und streichelte das Gesicht der Toten, »wach doch bitte, bitte auf.«

Die Mutter konnte das Kind nicht mehr trösten! – Wo aber war der Vater? Das Mädchen stand auf und rief so laut es konnte:

»Dad, komm doch schnell! Komm schnell zu Mami …!«

Keine Antwort! Totenstille ringsumher. Das Kind begann, sich zu fürchten. Es lief davon, schneller und schneller. Ganz egal, wohin, nur fort von diesem Platz, an dem die Mutter lag, so kalt und reglos …

An der Wegkreuzung, kurz hinter der kleinen Holzbrücke, die über den Blue River führt, saß ein alter Mann. Bewegungslos hockte er auf einem Stein, die Arme auf die Knie gestützt, während sein Rücken gegen den Stamm des Wegweisers gelehnt war, der den Reisenden Auskunft gab.

Der Alte saß in stoischer Ruhe da. Ab und zu hob er den Kopf. Sein wettergebräuntes Gesicht war von einem Kranz schlohweißer Haare umrahmt. Am auffälligsten jedoch waren seine Augen. Sie waren fast starr, dabei erfüllt von einer seltsamen Leere. Eigenartige Augen; fast mochte man ihnen eine besondere Gabe zuschreiben.

Es ging schon auf den Abend zu, als im Süden ein kleiner Punkt auftauchte. Die Augen des Alten senkten sich jetzt zu Boden. Ein feines Lächeln spielte um den schmalen, zahnlosen Mund. Der kleine Punkt wurde zum Strich und dann formte sich der Strich zu einer Gestalt, einem kleinen Mädchen. Immer noch blickte der Alte zu Boden. Er sah auch nicht auf, als das hilflose, schluchzende Etwas vor ihm stand. Eine Weile schwiegen beide.

»Du musst nicht weinen«, sagte der Alte endlich tröstend. »Das macht hässlich, und du willst doch hübsch bleiben, was?«

»Es ist doch wegen meiner Mami«, schluchzte das Kind. »Sie schlief so fest und war so kalt.«

Der Greis nickte verstehend.

»Und Daddy ist auch nicht mehr da.«

»Sie sind jetzt wohl im Himmel, mein Kind.«

»Mami lag aber im Gras.«

»Ihre Seele ist im Himmel – ihr Körper ist tot.«

»Tot? – Kommt sie dann nie wieder?«

Wieder begann das Kind zu weinen. Der Alte streichelte ihr die kleine Hand.

»Nicht weinen«, bat er leise, »nicht weinen! Weißt du, im Himmel haben sie es viel schöner als hier auf dieser Erde.«

»Viel schöner? Wie ist es da?«

»Da ist immer Musik. Schöne Musik. Alles ist hell und leicht.«

»Was ist das für eine Musik? Kann man sie nicht hören?«

»Hm – himmlische Musik kann ich nicht machen«, lächelte der Alte. »Aber ich will dir etwas auf meiner Flöte vorspielen, vielleicht wirst du dann wieder fröhlicher.«

Der Alte öffnete einen schmalen, schwarzen Kasten und entnahm ihm eine kostbare Flöte. Das Mädchen betrachtete neugierig das Instrument. Es hatte noch nie eine solche Flöte gesehen. Das glänzte ja wie Silber.

»Setz dich zu mir, Kind«, sagte der Alte. Und ganz leise begann er zu spielen. Wie Klänge aus einer fernen, unbekannten Welt stiegen die Töne zum Abendhimmel hinauf. Es war eine eigenartige Melodie.

Das Kind saß zu Füßen des Alten und lauschte andächtig. Als die Flöte verstummte, hob es den Kopf.

»Das war sehr traurig«, meinte es. »Ist alle Musik im Himmel so traurig?«

»Nein, gerade im Himmel gibt es sehr fröhliche Melodien.«

»Dann spiel mir eine solche.«

Wiederum begann der Alte zu spielen. Jetzt klang es jauchzend und jubilierend. Das gefiel der Kleinen schon besser. Rasch sprang das Mädchen auf und begann sich, erst schüchtern und unbeholfen, dann aber, immer mutiger werdend, mit graziösen Bewegungen im Kreis zu drehen. Doch der plötzlich brach der Flötenspieler ab.

»Du kannst ja tanzen«, staunte er. »Nun, wir wollen weitergehen. Es ist schon spät geworden, und bis Turblone ist es noch ein gutes Stück.«

»Darf ich bei dir bleiben?« Das Kind sah den alten Mann fragend an. »Ich möchte so gerne.«

»Gewiss darfst du das. Aber du hast mir noch gar nicht deinen Namen genannt. Wenn wir jetzt zusammen wandern, muss ich doch wissen, wie du heißt.«

»Ich heiße Mary Polder, und wie heißt du?«

»Sag einfach Großvater zu mir, denn jetzt bin ich dein Großvater.«