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Die drei Männer von der Skull schauen mit zusammengekniffenen Augen zum Himmel. In der flirrenden Hitze halten sie die dunklen Punkte dort oben zunächst für eine Täuschung. Doch dann gibt es keine Zweifel mehr: Geier kreisen über der Prärie! Was mag die Aasfresser angelockt haben? Hier im Territorium der Navajos treiben seit einiger Zeit Skalpjäger ihr blutiges Unwesen. Und immer wieder fallen Siedler den Rachezügen der Indianer zum Opfer.
Die Reiter von der Skull spornen ihre Pferde an. Sie sind auf eine furchtbare Entdeckung gefasst ...
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Silber für Gloria Gladstone
Vorschau
Aus dem Wilden Westen
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Heinrich Berends
Illustrationen Innenteil: shutterstock
Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-9738-3
www.bastei-entertainment.de
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www.bastei.de
Silber für Gloria Gladstone
Von Alex Robby
Die G-G-Ranch ist ein herrlicher Besitz! Sie liegt ungefähr zwanzig Meilen südlich von Maxon im Becken des Rio Grande. Unendlich weit dehnt sich der fruchtbare Boden, bis zu den im Westen aufragenden Black Mountains hin. Riesige Rinderherden weiden hier.
Gloria Gladstone ist die Herrin der nach ihr benannten Ranch. Aber wer ist Gloria Gladstone? Und wie kam sie in diesen rauen Westen?
Darüber gibt es viele Spekulationen, und jeder, der Fragen nach ihrer Vergangenheit stellt, bezahlt die Antworten mit dem Leben …
1. Kapitel
Die G-G-Ranch war ein herrlicher Besitz. Sie lag ungefähr zwanzig Meilen südlich von Maxon im Becken des Rio Grande. Unendlich weit dehnte sich der fruchtbare Boden, bis zu den im Westen aufragenden »Black Mountains« hin. Riesige Rinderherden weideten hier. Die Ranch selbst glich beinahe einer kleinen Town, so zahlreich waren die Gebäude.
Gloria Gladstone war die Herrin der nach ihr benannten Ranch.
Wer aber war Gloria Gladstone? Wie kam sie in diesen rauen Westen?
Der alte Rancher John Gladstone war zeit seines Lebens ein ehrlicher, rechtschaffener Mann gewesen, ein Westmann, hart, gerecht und, wenn nötig, mit einem unbeugsamen Kampfeswillen gegen alle Widersacher.
Er hatte sich in dreißig Jahren harter Arbeit diese Ranch geschaffen, aus kleinsten Anfängen heraus. Bald war er einer der angesehensten Männer des Distriktes. Aber nicht nur als Rancher und Viehzüchter hatte er eine glückliche Hand gehabt, auch sein Werben um das damals hübscheste Girl des Distriktes war ein Erfolg, und die Leute gebrauchten, wenn sie von Gladstone sprachen, nur das Wort »Glückspilz«.
Ein Jahr später war John Gladstone Witwer gwesen. Seine junge Frau war bei der Geburt eines Mädels gestorben.
Gladstone konnte es nicht fassen. Jahre vergingen, ehe er sich mit diesem Schicksalsschlag abgefunden hatte, Jahre, in denen Ann, seine Tochter, heranreifte. Da das Mädchen sehr seiner Mutter glich, war es nur verständlich, dass der alte Rancher nun seine ganze Liebe dem Kind widmete.
Ann entwickelte sich zu einem echten Westmädel, wurde eine Texanerin, die sich in der Küche genauso wohl fühlte wie auf dem Rücken eines Pferdes. Oft ritt sie Stunden durch die Prärie, saß bei den Cowboys am Lagerfeuer und lauschte deren Gesängen.
Und in solch einer Nacht war es dann geschehen. Es war bei der Südherde gewesen, die teilweise bis in die Schluchten der Black Mountains vorgedrungen war. Ein gewaltiger Steinschlag musste die Tiere erschreckt haben.
Innerhalb von Sekunden war der Teufel los gewesen. Achttausend Tiere wurden zu einer rasenden, alles niedertrampelnden Walze, die mit unglaublicher Geschwindigkeit über das Land brauste.
Die erfahrenen Cowboys hatten gewusst, dass es in diesem Augenblick galt, das nackte Leben zu retten. Auch Ann war rechtzeitig der Aufbruch gelungen. Und doch hatte sie nicht mehr den schützenden Canyon erreicht. Ihr Pferd musste gestrauchelt sein.
John Gladstone hatte seit jenem Tag das gehasst, wofür er ein Leben lang gearbeitet hatte: seine Herde! Stumm lebte er dahin. Die Nachbarn, die ihn in der ersten Zeit nach dem Unglück noch besucht hatten, waren nach und nach ausgeblieben. Er wurde ein Sonderling.
So war es, als man ihn vor Jahren bat, im Interesse der Genossenschaft nach Austin zu fahren. Er fuhr und … kam mit einer jungen Frau zurück. Wie eine Bombe war die Nachricht eingeschlagen.
Die Gladstone-Ranch, die jahrelang vereinsamt war, wurde plötzlich ein beliebtes Ausflugsziel. Alle wollten die schöne, junge Frau sehen, von der jeder schwärmte. Immer war Besuch im Hause, herrschten Lachen und Frohsinn. Gloria verstand es, ihre Gäste zu unterhalten.
Und John Gladstone? Er saß still vor dem großen Kamin im Arbeitszimmer und rauchte seine Pfeife. Manchmal spielte ein geheimnisvolles Lächeln um seinen Mund, so, als wolle er sagen: »Seht ihr, der alte Gladstone führt euch alle an der Nase herum.«
Keiner wusste, wie und wo er diese Frau kennengelernt hatte. Keiner konnte ahnen, wie es in dieser ungleichen Ehe wirklich aussah …
Ein Jahr später war der Rancher tot gewesen. Man fand ihn eines Morgens dort, wo er so gerne gesessen hatte: im Sessel vor dem Kamin. Schlaff hing der rechte Arm herab, auf dem Teppich lag die kurze Pfeife. Sie war ihm aus der Hand gefallen. Um den Mund des Toten lag wiederum dieses geheimnisvolle Lächeln.
Gloria war wie von Sinnen. Als Doc Howard kam, kniete sie neben dem Toten, hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gebettet, und schwere Tränen fielen wie Diamanten aus ihren schönen Augen.
Der Doc hob die gebrochene Frau vom Boden auf, bettete sie behutsam auf eine Ottomane und gab ihr ein beruhigendes Pulver. Gloria schlief ein, schlief den gesunden Schlaf der Jugend.
Der Doc untersuchte dann den Toten.
»Herzschlag«, konstatierte er. Ganz still und leise hatte sich der Rancher John Gladstone davongemacht.
Dies alles lag einige Jahre zurück. Nach dem Testament war Gloria Alleinerbin des gewaltigen Besitzes. Und sie verstand es nicht nur, ihr Erbe zu erhalten, nein, sie verstand es, ihr Gut zu mehren!
Die Herrin der G-G-Ranch stand vor dem Spiegel und prüfte sich. Ihr Blick glitt über das kleine, von keinem Fältchen verunzierte Gesicht, die wohlgeformten, zarten Schultern hinab zu der schlanken Taille.
Jetzt klang ein silberhelles Lachen durch den Raum.
Rasch schlüpfte sie in den großblumigen Morgenrock. Mit einem Ruck riss sie die Vorhänge auf, sodass das Licht warm ihre Gestalt umfing. Sie klingelte und setzte sich dann wieder vor den Spiegel, um das schwere, lange Haar zu bürsten.
Es klopfte.
»Come in!«, rief Gloria. Sie wusste, es war Molly, ihre Dienerin.
»Wünschen Mrs. Gladstone einen guten Morgen«, gurrte die Schwarze.
»Danke, schönes Kind. Richte mir bitte ein Bad und sage in der Küche, dass ich das Frühstück auf dem Balkon einnehme!«
Gloria steckte in einem Reitdress, der ihre tadellose Figur raffiniert unterstrich.
Mit wiegenden Hüften verließ sie ihr Zimmer und strebte der breiten, kunstvoll geschnitzten Treppe zu, als sie in der Diele einen Mann gewahrte, der ihr erwartungsvoll entgegenblickte.
Langsam kam sie die Treppe herab und blieb auf einer der letzten Stufen stehen. Der Mann vor ihr war sehr groß, aber sie liebte es, im Gespräch auf die Menschen herabzusehen.
»Nun«, fragte sie kühl, »was führt Sie zu mir, Harry?«
»Ich muss Sie unbedingt sprechen, Gloria«, stotterte er heiser.
»Sie müssen? Dann warten Sie gefälligst, bis ich Zeit habe.«
»Ich bitte Sie um eine Aussprache«, verbesserte er sich rasch und biss sich, voller Zorn über seine eigene Unbeholfenheit, auf die Lippen.
»Gut, gehen wir in mein Arbeitszimmer.«
Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, ging sie voran.
Das Arbeitszimmer war ein großer, rechteckiger Raum, dessen eine Schmalseite von einem gewaltigen Kamin eingenommen wurde. Hier stand noch der Sessel, in dem John Gladstone gestorben war.
An der anderen Seite, unter den Fenstern, befand sich ein riesiger Schreibtisch, auf dessen Kante Gloria sich jetzt niederließ. Auch diesen Platz wählte sie mit vollem Bedacht, hatte sie doch so das Licht im Rücken und war für den vor ihr stehenden Besucher kaum zu erkennen. Sie selbst aber konnte dessen Gesicht im hellen Licht genau beobachten.
»Ich höre«, kam es jetzt spöttisch von den Lippen der Frau.
Der Mann gab sich einen Ruck. Er musste sich zusammennehmen, musste versuchen, sich dieser fast an Hypnose grenzenden Atmosphäre zu entziehen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, holte tief Luft und …
»Ich liebe Sie, Gloria«, platzte es aus ihm heraus, »liebe Sie mit jeder Faser meines Herzens und bitte Sie …«
Weiter kam er nicht. Das fast hysterische Lachen der Frau unterbrach ihn.
»Harry Raffles«, sagte sie kalt, »glauben Sie, Sie sind der Einzige, der mich liebt? Allerdings sind Sie der Einzige, der bisher den Mut fand, mir dies zu gestehen. Ist das alles? Kamen Sie nur deshalb so früh zur Ranch? Ich dachte, es wäre etwas Wichtiges!«
Heiß schoss ihm das Blut in den Kopf. Rote Nebelschwaden wogten vor seinen Augen. In den Ohren verspürte er ein Sausen, wie es sonst nur der Präriewind verursachte. Der Mann verlor die Beherrschung. Mit einem Satz war er vor ihr.
Gloria war auf diesen Angriff vorbereitet. Rasch trat sie hinter den Schreibtisch. Ihre Augen schossen gefährliche Blitze. Die rechte Hand ruhte an der Innentasche der Wildlederweste, wo sie ihren Derringer wusste.
Raffles Gesicht hatte jede Farbe verloren. Seine Blicke irrten unruhig zu denen der Frau. Langsam, wie flehend, streckte er die Arme vor.
Gloria entspannte sich. Sie wusste, der Mann würde nicht mehr angreifen. Noch immer wurde kein Wort gesprochen.
Gloria deutete auf einen Sessel. Schwer ließ sich der Mann in die Polster fallen.
»Kommen wir zum Geschäft!«, begann sie. »Wie steht es mit der versprochenen Ware?«
Langsam schüttelte er den Kopf. »Ich kann nicht mehr«, sagte er müde.
»Was soll das heißen?«
Resignierend fuhr er mit der Hand durch die Luft, so, als müsse er etwas auslöschen. Langsam erhob sich Gloria, Schritt um Schritt näherte sie sich dem Mann, unmittelbar vor ihm blieb sie stehen.
»Sagen Sie mal, Harry«, fragte sie jetzt leise, aber unheimlich scharf, »was oder wen lieben Sie eigentlich mehr, Ihr Leben oder mich?«
Raffles blickte zu ihr auf. Er hatte heute Morgen eine Entscheidung herbeiführen wollen. Hatte gehofft, als Sieger hervorzugehen. Er hatte das Spiel verloren!
Leicht legte jetzt die Frau ihre Hand, deren stark gewölbte Fingernägel an die Krallen einer Raubkatze erinnerten, an seine Wange. Zart, unsagbar zart glitten die Finger zum Kinn, fuhren dann in einer kaum wahrnehmbaren Bewegung über die Lippen des Mannes. Stürmisch ergriff er die Hand und küsste sie.
Gloria entzog sich ihm rasch. Schon war sie wieder hinter dem Schreibtisch und schloss ein Fach auf.
»Wie viel?«, fragte sie lächelnd.
»Dreitausend!«
Sie warf ein Bündel Banknoten auf den Schreibtisch.
»Zählen Sie nach, Harry!«
»Nicht nötig!« Er nahm die Scheine und stopfte sie achtlos in die Tasche.
Schwer drehte er sich um und ging zur Tür.
»Machen Sie keine Dummheiten. Harry! Es lohnt sich nicht – und vielleicht werde ich nicht immer in Banknoten zahlen.«
»Das lässt mich hoffen, Gloria!« Langsam verließ er den Raum.
Gloria stand am Fenster und beobachtete, wie Harry Raffles in seinen Ford kletterte und die Ranch verließ. Ein unergründliches Lächeln umspielte ihren Mund. Sie wandte sich ab. Ein Schauder überlief sie, als müsse sie etwas von sich abschütteln.
Sie trat auf den Vorbau des Hauses.
»Bill, mein Pferd!«
Der Boy hatte schon gewartet. Er half ihr in den Sattel, gab die Zügel frei. Wie ein Pfeil schoss sie zum Tor hinaus.
2. Kapitel
Die Sonne brannte unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel. Die Felsen sogen die Hitze auf und schienen sie in konzentrierter Form wieder auszustrahlen. Es war wie in einem Backofen.
Die Pferde kamen auf dem sich in unendlichen Windungen durch das Felslabyrinth schlängelnden Pfad nur langsam voran. Vorsichtig, unablässig den Weg sowie die Gegend beobachtend, führte der Ghostchef Tom Prox seine Susy zu Tal.
Snuffy Patterson dagegen ließ seinen Gaul einfach hinterherlaufen. Der Sergeant war intensiv damit beschäftigt, sich eine Zigarette zu drehen. Sie waren gestern, nach fast vierundzwanzigstündiger Bahnfahrt, in Marathon angekommen und saßen seit dem frühen Morgen im Sattel.
Der Ritt durch die Horse Mountains war beschwerlicher gewesen, als Tom Prox gedacht hatte. Aber jetzt hatten sie es geschafft. Sie waren auf der Sohle einer breiten Schlucht angelangt. Der Weg wurde bequemer, sodass sie nebeneinander reiten konnten.
»Was hältst du von dem schönen Namen Jefferson?«, begann Tom unvermittelt ein Gespräch.
»Nichts«, erwiderte Snuffy. »Ich kannte mal einen Jefferson, das war ein ganz gemeiner Bursche.«
»Du hältst also nichts von diesem Namen? Ich meine, du könntest dich in Maxon zur Abwechslung mal Jefferson nennen. Das letzte Mal nanntest du dich Miller, davor hießest du Brown. Aber mir scheint Jefferson passender, zumal dein Jefferson auch ein alter Gauner war.«
»Mein Jefferson? Was hat das damit zu tun? Aber gut, wenn du absolut willst, heiße ich jetzt Jefferson. Bin nur neugierig, wie du dich nennen willst.«
»Cox.«
»Cox? Lächerlich! Jeder halbwegs erfahrene Gauner kennt Tom Prox. Denkst du, die merken nicht sofort, wer Mr. Cox ist?«
»Nein. Je komplizierter der Name ist, umso eher erregt man Verdacht. Es gibt in den Staaten unzählige Cox. Mein lieber Snuffy, du musst dir merken, dass das Primitivste immer das Sicherste ist.«
»Wenn du meinst«, tat Snuffy gelangweilt, »dann nenne ich dich jetzt eben ›Cox‹.«
»Und halt die Augen auf in Maxon, du weißt, wir haben es wieder mal mit ›Geistern‹ …«
Kreng – kreng – kreng! Drei Schüsse peitschten durch die Luft, sodass das Blei den beiden heiß um die Ohren surrte. Blitzartig fielen sie von den Pferden und blieben regungslos in einer flachen Mulde liegen. Die Pferde stoben in wilder Flucht davon.
»Heiliges Kanonenrohr«, schimpfte Snuffy, »deine Geister können’s aber ganz gut. Möchte nur wissen, wo die Brüder herausbekommen haben, dass wir im Anmarsch sind!«
Snuffy lag auf dem Rücken und blinzelte in die unendliche Weite des blauen Himmels.
»Können hier nicht liegen bis zum Jüngsten Tag. Werden mal die Gegend ein wenig in Augenschein nehmen.«
Tom gab keine Antwort. Snuffy drehte daher vorsichtig seinen Kopf in die Richtung, wo er den Freund vermutete. Aber er war nicht mehr da.
»Gerechter Birnbaum«, schnaufte er, »das sieht dem Halunken wieder mal ähnlich! Begibt sich auf Verbrecherjagd und lässt mich hier sauer werden.«
Millimeter um Millimeter hob Snuffy seinen Kopf über den Rand der kleinen Mulde. Als er in einiger Entfernung einen Felsbrocken sah, freute er sich.
»Das ist die richtige Deckung für meiner Mutter Sohn.« Schon sauste er los wie eine Stute, der man Pfeffer unter den Schwanz gestreut hat.
Kreng – kreng! Zu spät. Patterson war schon in sicherer Deckung. Lang lag er auf dem Rücken. Tom, so kombinierte er, war, ohne Zeit zu verlieren, verschwunden, um die Gauner im Rücken zu fassen. Also werde ich die Burschen so lange beschäftigen. Er nahm seinen Stetson und schob ihn über den Rand des Felsens.
Schon knallte es. Snuffy fluchte. Sein schöner Hut besaß zwei saubere Löcher. Einen Augenblick noch lag er regungslos und lauschte. Kam da nicht eben aus der Hecke ein feines metallisches Knacken? Na, wartet, ihr Anfänger.
Rasch legte er sich seinen Hut über das Gesicht und blieb vollkommen regungslos.
»Lang in den Himmel, Mann«, erklang ein rauer Bass aus der Hecke, »oder du trittst in den nächsten Sekunden die Fahrt zur Hölle an!«
Snuffy rührte sich nicht. Der Desperado ließ seinen Colt sprechen. Snuffys Stetson machte einen Luftsprung, um gleich darauf wieder auf der gewaltigen Nase des Ghosts zu landen.
»Scheint tatsächlich den Kübel umgekippt zu haben, Hugh«, hörte man jetzt eine zweite Stimme, »können uns den Burschen ruhig ansehen.«
Immer noch vorsichtig, die Colts schussbereit, schoben sich jetzt zwei unerfreuliche Gestalten aus der Hecke. Langsam näherten sie sich dem am Boden liegenden Mann.
Snuffy kannte die Gefahr, in der er schwebte, genau. Die Burschen würden bei der kleinsten Bewegung schießen. Außerdem lauerte in seinem Rücken der Heckenschütze, denn Tom konnte den in so kurzer Zeit nicht ausgeschaltet haben. Also musste er versuchen, die Gauner in liegender Stellung zu überlisten.
Die Männer waren jetzt bis auf wenige Schritte heran.
»Steck deine Stange ruhig ein, Ned«, sagte jetzt der vorhin mit Hugh Angesprochene, »selbst wenn der Bursche noch leben sollte, kann er uns nicht kratzen.«
»Hast recht, alter Junge, komme mir diesem Gerippe gegenüber auch albern vor. Der Kerl scheint schon vorher an Hunger gestorben zu sein.«
Die Banditen schoben die Colts in die tiefhängenden Halfter und …
»Streckt eure stinkenden Flossen zum Himmel, sonst werde ich euch die Ohrläppchen und andere Dinge wegpolieren!«, erklang es dumpf unter dem Hut hervor.
Die Gauner fuhren zu den Colts, aber schon spuckte Snuffys Kugelspritze ihr Blei.
Verdutzt hoben die Gangster die Hände. Man sah es ihren Gesichtern an, dass es ihnen unbegreiflich war, wie der Mann unter dem Hut zielen konnte.
Snuffy freute sich. Wozu hatte er zwei Löcher in seinem Stetson? Er konnte gut sehen, sogar sehr gut. Wirkte doch das Loch im Hut verschärfend wie das Loch in der Camera obscura beim Fotografen.
Snuffy Patterson war nicht so leicht zu überlisten. Und Anfänger, die auf solche Tricks hereinfielen, konnten ihm schon gar nicht imponieren.
»Lasst schön eure Pfötchen oben«, munterte er die Burschen auf, indem er mit den Colts kleine Kreise beschrieb, »wollen die Ankunft unseres lieben Bosses abwarten.«
Tom Prox war, nachdem die ersten Schüsse gekracht hatten, wie Snuffy in jene Mulde gerollt. Sofort wusste er, wo der Schütze sitzen musste, wusste aber auch, dass der Mann absichtlich vorbeigeschossen hatte. Es musste sich also um eine Falle handeln, die man ihnen gestellt.
Ohne viel Zeit zu verlieren, war er davongeglitten. Er musste einen großen Bogen schlagen, um in die Deckung eines niederen Gebüsches zu gelangen, das sich in nördlicher Richtung hinzog.
Wer diesen Mann beobachtete, wie er, die kleinste Bodensenke, das kleinste Gesträuch oder auch nur das kniehohe Gras ausnützend, ohne einen Laut oder eine überflüssige Bewegung zu verursachen, dahinschlich, der wusste, dass er es mit einem Mann zu tun hatte, der ein unüberwindlicher Gegner war. Tom Prox war nicht umsonst schon in jungen Jahren der Chef der Ghost Squad geworden.
Unbarmherzig brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Dicke Schweißtropfen standen Tom auf der Stirn. Er atmete in kurzen, schnellen Stößen. Das immer freundliche Lausbubengesicht war staubverkrustet, die Augen zu einem Schlitz zusammengezogen.
Tom hatte die ersten Felsen erreicht, als ein Schuss aufpeitschte. Ein feines Lächeln flog über sein Gesicht. Er ahnte, dass Snuffy erfasst hatte, was gespielt wurde. Aber auch das Aufblitzen des Schusses hatte er gesehen und kannte jetzt den genauen Standpunkt des Schützen. Suchend glitt sein Blick über eine glatte, wohl zehn Fuß hohe Felswand.
»Gerechter Strohsack, da muss ich hinauf?«
Jetzt hörte er in kurzen Abständen Coltschüsse. Aha, dachte er, der alte Snuffy führt eine gepflegte Unterhaltung. Hoffentlich macht er keine Dummheiten!
Tom duckte sich zum Sprung. Der Körper spannte sich und schnellte dann wie ein Pfeil durch die Luft. Er hing an einem Felszacken. Noch ein Klimmzug, und er lag flach auf einem kleinen Plateau.
Einige Sekunden verschnaufte er. Dann sprang er wie ein Panther von Fels zu Fels. Auf einer flachen, nach hinten abfallenden Felsplatte lag vor ihm der Bandit. Tom stand gelassen hinter ihm, die Schultern leicht vorgebeut. Die Hände hingen schlaff herab, kaum einen Zoll hinter den Griffen der Colts.
»Greif zum Himmel, Mann!«, kam jetzt schneidend sein Befehl.
Wild fuhr der Bandit herum und sauste, wie ein Leitstier, der eine Stampede anführt, auf den Fremden zu. Dieser duckte sich und rollte wie eine Kugel vor die Füße des Gegners. Dumpf knallte der massige Körper des Mannes auf den Boden.
