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Damit hätte selbst Tom Prox wohl nicht gerechnet. Kein Wunder, ist es doch ausgerechnet eine Katze, die ihm und seinem Sergeanten Jan de Boer das Leben rettet. Damit aber beginnt der ganze Schlamassel erst für die Ghosts, die im Grenzland von USA und Mexiko Waffenschmugglern das Handwerk legen wollen. Schon bald geraten die Polizisten, zu denen sich auch noch Sergeant Snuffy Patterson gesellt hat, erneut in die Bredouille, und de Boers Leben hängt plötzlich an einem Stückchen Holz ...
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Impressum
Ein »Hai« geht ins Netz
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
© 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Heinrich Berends
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7517-0851-7
www.bastei.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Ein »Hai« geht ins Netz
Von George Berings
Damit hätte wohl selbst Tom Prox nicht gerechnet. Kein Wunder, ist es doch ausgerechnet eine Katze, die ihm und seinem Sergeanten Jan de Boer das Leben rettet. Damit aber beginnt der ganze Schlamassel erst für die Ghosts, die im Grenzland von USA und Mexiko Waffenschmugglern das Handwerk legen wollen. Schon bald geraten die Polizisten, zu denen sich auch noch Sergeant Snuffy Patterson gesellt hat, erneut in die Bredouille, und de Boers Leben hängt plötzlich an einem Stückchen Holz ...
Die Gasse war nur spärlich beleuchtet. Alte Häuser mit schiefen Fensterläden, buckliges Pflaster. Vom Fluss her brachte der Wind den Geruch von Teer und Fisch. Eine Katze schrie wie ein kleines Kind. Fauchend schoss sie über einen Bretterzaun.
Die Schritte der beiden Männer klangen hart und laut durch die Nacht. Sie gingen langsam, die Hände in den Manteltaschen vergraben, den Kragen hochgeschlagen.
Als die Katze ihren Weg kreuzte, blieb der eine stehen. Er spuckte dreimal aufs Pflaster und murmelte dabei ungereimtes Zeug. Es konnte ebenso gut ein Fluch sein wie ein Gebet. Dann ging er weiter, denn sein Partner war ihm schon um einige Schritte voraus.
Als sie das Ende der Gasse erreicht hatten, fuhr ihnen der Wind ins Gesicht. Undeutlich konnten sie den Fluss erkennen. Der Schein einer Laterne spiegelte sich im Wasser. Umrisse von Schleppkähnen waren zu sehen, die hier am Kai festgemacht hatten.
»Links oder rechts?« Der Abergläubische kratzte sich den Kopf. Er zog ein Stäbchen aus der Tasche und schob es in den Mundwinkel. Dann flammte kurz ein Streichholz auf.
Der andere sah für einen Moment sein Gesicht. Es war rund, wirkte jugendlich-frech. Wenig Nase und viel Sommersprossen.
»Links, my boy. Komm, wir wollen uns beeilen.« Der Mann wartete keine Antwort ab, sondern ging zielsicher an der Häuserreihe, die dem Kai gegenüber lag, entlang. Sein Begleiter hatte Mühe Schritt zu halten.
Der Gehsteig war nur schmal. Als sie nebeneinander gingen, nahmen sie die ganze Breite ein. Einige Minuten gingen sie schweigend, dann blieben beide stehen. Wenige Schritte vor ihnen lag ein dunkler Gegenstand quer über dem Weg.
»Schwarze Katze von links nach rechts, habe es ja geahnt!« Der Abergläubische warf die Zigarette weg.
Sein Partner gab keine Antwort. Er ging auf den vermeintlichen Gegenstand zu und wusste sofort, dass es ein Mensch war. Als er niederkniete, hörte er den anderen sagen: »Wohl besoffen, der Mann, was? Hätte sich auch ein anderes Lager aussuchen können.«
Der Mann, der kniete, nahm das Handgelenk des angeblich Betrunkenen. Schon nach wenigen Sekunden legte er den Arm wieder ganz sacht nieder. Dann erhob er sich.
»Er wird doch wohl nicht ...?«
»Tot! Deine Katze muss doch wohl sehr schwarz gewesen sein. Hast du zufällig eine Taschenlampe bei dir?«
»Leider nicht. Vielleicht tut es auch ein Streichholz?«
Sie knieten nun beide nieder, und das Streichholz flammte auf. Sie blickten auf ein noch junges, zerschundenes Gesicht. Mit geschickten Händen untersuchte der eine den Körper, während der andere immer wieder ein Streichholz anriss.
»Kannst du etwas finden? Ich meine, er muss doch auf irgendeine Weise zu Tode gekommen sein?«
»Mir scheint, sie haben ihn zu Tode geprügelt. Na, der Doc wird das genau feststellen.«
Da tauchten vier Betrunkene überraschend schnell vor ihnen auf, zwei von jeder Seite. Ihre massigen Gestalten schwankten nur leicht.
»He, was ist denn hier los? Wohl den Kumpel da überfallen, was? Schlagen den Kerl einfach zu Boden und wollen ihm die Brieftasche klauen.«
»Los, Sam, diese Gangster verdienen keine Gnade.«
»In den Fluss mit ihnen! Hahaha, wir nehmen der Police die Arbeit ab.«
In der Faust des einen blitzte es auf. Plötzlich waren vier Messer zu erkennen. Es stand verdammt schlecht um die beiden Nachtwandler. Die Angetrunkenen gingen zum Angriff über.
»Mächtig schwarze Katze vorhin. Na, dann mal los!« Der mit den Sommersprossen stürzte vor.
Es war ein kurzer, verbissener Kampf! Messer klirrten zu Boden, Knochen knackten, harte Schädel sausten auf noch härteres Pflaster. Dann schrillte eine Polizeipfeife auf.
Fünf Minuten später lagen fünf Körper auf dem Boden. Die beiden Spaziergänger klopften sich ungerührt den Staub von den Mänteln.
»Das mit dem Spucken haut nicht hin. Wenn mir wieder eine schwarze Katze über den Weg läuft, kehre ich um. Was haben wir davon? Nur Unannehmlichkeiten.«
Jetzt wurde Motorenlärm laut. Tastende Lichtfinger erhellten den Kai. Dann stoppte der Polizeiwagen. Einige Männer in Uniform sprangen heraus. Sie hatten Pistolen in den Fäusten und verbissene Gesichter.
»Hands up! Keine Bewegung!«
»Morning, Gents. Schön, dass Sie auch schon da sind. Die Police – dein Freund und Helfer!« Der Mann mit den Sommersprossen lachte leise.
»Nimm die Flossen hoch, Kerl!« Der diensttuende Sergeant fuchtelte unmissverständlich mit der Waffe.
Jetzt schoss ein Personenwagen über den Kai. Die Bremsen schrien auf, als er unmittelbar vor dem Überfallwagen hielt. Eine kleine Gestalt hüpfte eilig heraus. Der Mann war kugelrund, trug einen schwarzen Paletot, dazu eine Melone.
»Teufel, Skinner, was gibt's hier? Fünf Leichen? Wen habt ihr denn da erwischt?«
»Keine Ahnung, Inspector. Sind eben erst gekommen.«
»Morning, Durant. Sie kommen zur rechten Zeit. Fehlte nicht viel, und Ihre tapferen Kämpfer hätten mich niedergeschossen.«
»He, wer spricht da? Was – Captain Prox? Skinner, sind Sie wohl von allen guten Geistern verlassen? Nimmt der doch den Ghostchef fest. Zeiten sind das, Zeiten!«
»Kann ich die Flossen nun wieder herunternehmen, Sergeant?« Der Mann mit den Sommersprossen kicherte nicht schlecht.
Sergeant Skinner bekam einen Hustenanfall. Er kam sich plötzlich überflüssig vor.
Einige Minuten darauf fuhr der Überfallwagen davon. Er brachte vier gefesselte Männer ins Untersuchungsgefängnis, und den, den man nicht mehr zu fesseln brauchte, ins gerichtsmedizinische Institut.
Tom Prox und sein jüngster Sergeant Jan de Boer stiegen zu Inspector Durant in den Wagen. Als der Fahrer wendete, beleuchteten die Scheinwerfer die Hauswand. Auf dem Gehsteig vor dem Haus lag ein verbeulter Hut.
»Stop! He, Jan, hol ihn!«
»Okay, Chef.« Der Benjamin der Ghost Squad sprang aus dem Wagen. Einen Augenblick stand er im Scheinwerferlicht, den Hut in der Hand.
Ein dunkler Schatten schlich an der Reling des Lastkahns, der gegenüber des Tatorts festgemacht hatte, entlang. Bevor der Mann den Fuß auf die Laufplanke setzte, die die Verbindung zum Kai herstellte, blieb er geduckt stehen. Er lauschte mit vorgerecktem Kopf. Der lange Hals und der große Adamsapfel fielen an ihm besonders auf. Als er sich vergewissert hatte, dass alles ruhig war, schlich er behände an Land. Mit wenigen großen Schritten erreichte er die Häuserreihe. Nach fünfzig Metern bog er in die kleine Gasse ein, aus der vor einer knappen halben Stunde Tom Prox gekommen war. Man merkte dem Mann an, dass er gewohnt war, sich wie ein Schatten zwischen Nacht und Nebel zu bewegen.
Er verschwand in einer Toreinfahrt. Der Hof dahinter war mit allerhand Gerümpel vollgestopft, es konnte das Lager eines Altwarenhändlers sein. Obwohl man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte, stieß er nirgendwo an.
Vor einer Tür des Hinterhauses blieb er stehen. Er klopfte leise. Einige Male musste er das Zeichen wiederholen, bevor schlurfende Schritte erklangen. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt.
»Ramirez, muss den Boss unbedingt sprechen«, flüsterte der späte Besucher.
»Nichts zu machen. Ist es denn so wichtig? Komm morgen wieder.« Die Tür wollte sich schließen.
»Stufe I«, zischte der Mann mit dem langen Hals. »Morgen kann es ...«
Die Tür flog auf. Die alte Frau starrte den Mann, der sich Ramirez nannte, entsetzt an. Sie machte eine kurze Bewegung mit der Hand. Ramirez huschte in den dunklen Hausgang, blieb dicht an der Wand stehen. Eine Tür knarrte, dann erhellte eine Kerze den Raum.
Die Frau hatte nur ein Nachthemd an. Ihr graues, strähniges Haar hing ihr ins Gesicht. Sie deutete auf einen Stuhl.
»Wenn du gelogen hast, Ramirez, kannst du was erleben. Wenn ich den Boss jetzt wecke ...«
»Beeile dich, Marjorie, es brennt mir verdammt unter der Haut!« Ramirez war sehr nervös. Er fummelte eine Zigarette aus der Tasche seiner verschlissenen Weste und steckte sie an der Kerze an.
Die alte Frau schlurfte davon. Man hörte Stiegen knarren, etwas später ein Klopfen, dann eine ungeduldige Stimme.
Ramirez, der Mexikaner, saß unruhig auf seinem Stuhl. Seine Hände krampften sich nervös zusammen. Die Zigarette in seinem Mundwinkel vibrierte, seine Lippen zitterten. Er lauschte in die Stille des Hauses hinein. Jetzt wurde ein Stuhl gerückt, dann knarrten über seinem Kopf die Dielen. Ramirez drückte die Zigarette aus. Seine Gestalt straffte sich unwillkürlich. Er leckte mit der Zunge die Lippen an, um besser sprechen zu können.
Harte Schritte kamen die Treppe herunter. Dann trat der Boss ein, blieb dicht vor dem Mexikaner stehen. Sein brutales Gesicht wirkte verschlafen, obwohl er völlig angezogen war.
»Sagtest du Stufe I?« Die Stimme war beinahe sanft zu nennen.
»Sagte ich, Boss. Es war – es ist ...« Ramirez unterbrach sich. Seine Zunge trat wieder in Aktion. Der Adamsapfel machte wilde Sprünge.
»Quatsch dich schnell aus! Was war – was ist?« Der Boss zog sich einen Stuhl heran und ließ sich schwer niederfallen.
»Vier Mann haben wir verloren, Boss. Habe es genau beobachtet. Die Police war verflucht schnell zur Stelle.«
»Und deswegen weckst du mich? Was faselst du da von Stufe I?«
»N–n–nein, es ist wegen der beiden Fremden. Ich habe den Namen des einen genau gehört, Boss! Ich – ich habe mich ganz bestimmt nicht geirrt.«
»Verdammt, wenn du jetzt nicht das Maul aufmachst, werde ich wild. Was für einen Namen willst du genau gehört haben?«
»T–t–tom P–p–prox!« Ramirez duckte sich, als erwarte er einen Schlag mit der Faust.
Aber nichts dergleichen geschah. Der Boss saß ganz ruhig da. Nur ganz langsam ging in seinem Gesicht eine Veränderung vor sich. Seine Augen wurden von Sekunde zu Sekunde größer. Sein massiger Unterkiefer sank herab, mit offenem Mund saß er da. Dann beleckte auch er sich die Lippen. Minuten herrschte Totenstille.
»Marjorie! Marjorie!« Die Stimme klang jetzt gar nicht mehr sanft. Sie glich eher einem heiseren Krächzen. »Verdammt, alte Vettel! He, Marjorie!«
»Ich komme schon, Joel. Ich komme, mein Junge.« Die Alte schlurfte herein.
»Kaffee und Whisky! Los, beeil dich!«
»Kaffee und Whisky, sollst du haben, Kaffee und Whisky. Ja, ja, Stufe I.« Die Alte schlurfte davon.
»Erzähle, Ramirez. Alles erzählen. Gut, dass du mich geweckt hast. Los, hab keine Angst. Hier hast du Geld. Wenn ich mich auf alle so verlassen könnte, wie auf dich, wäre man sicher.«
Der Mexikaner wurde munter. Er steckte den Geldschein in die Westentasche und nahm von den angebotenen Zigaretten.
Und dann begann er seine Geschichte ...
›Fredericks Hotel‹ konnte sich sehen lassen. Gewiss, Brownsville war kein Nest
mehr bestehend nur aus zehn Holzhäusern und vier Kneipen, sondern eine ordentliche Stadt. Dennoch fiel ›Fredericks Hotel‹ jedem Fremden sofort ins Auge. Der Laden wäre vielleicht sogar in größeren Städten aufgefallen! Ein Prachtbau mit viel Marmor und noch mehr Plüsch. Man musste schon ein hübsches Einkommen haben, wenn man in diesem
Hotel Gast sein wollte!
Tom Prox und sein Benjamin hatten zwar kein »hübsches« Einkommen, waren aber dafür Gäste von besonderem Rang. Das hatte Inspector Durant jedenfalls gemeint. Schließlich konnte man einen Captain der Ghost Squad nicht in einer Hafenspelunke einquartieren.
Die Ghosts hatten vier Stunden geschlafen. Die Sonne schien schon freundlich in ihr Appartement, als sie sich erhoben. Während Tom sich ins Badezimmer begab, stützte Benjamin sich im Bett auf und sah durch die offene Balkontür ins Freie. Der Himmel war blau wie Seide. Die Gardine bewegte sich im leichten Wind, der vom Golf von Mexiko herüberkam. Es roch nach Salzwasser wie in der Sommerfrische.
Plötzlich machte Jan de Boer große Augen. Wurde die Gardine denn nicht vom Winde bewegt? Da war ja schon wieder so ein Katzenviech? Spazierte tatsächlich durch die Balkontür herein, rieb sich den Buckel am Stuhlbein und beschnupperte dann die Hosenbeine, die von der Stuhllehne herabhingen!
»Kusch – kusch!« Sergeant de Boer hatte nicht viel für Katzen übrig. Mit Katzen hatte er immer schlechte Erfahrungen gemacht. Erst in der vergangenen Nacht hatte sich das wieder gezeigt.
Die Katze machte einen Satz und verschwand von der Bildfläche. Jan nahm an, sie habe sein »Kusch« respektiert und sei nun durch die Balkontür entwichen.
Er erhob sich lässig und klingelte nach dem Zimmerkellner. Wenn man schon in so einem feudalen Laden wohnte, wollte man sich auch bedienen lassen.
Der Kellner erschien sofort. Er war ein Mexikaner, klein, von dunkler Hautfarbe. Auf seiner Oberlippe prangte ein feuriges Bärtchen.
»Frühstück, Amigo. Frühstück mit allen Schikanen!«
»Sehr wohl, Señor.« Der Kellner machte eine Verbeugung und verschwand.
