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Jede Wissenschaft ist nur so gut wie der Wissenschaftler, der sie betreibt. "Gut" - das hat in diesem Fall allerdings nichts mit fachlicher Qualifikation zu tun, sondern dient ausschließlich als moralisch-ethischer Gradmesser. So sieht das jedenfalls Tom Prox, als er und seine Sergeanten den Umtrieben eines seltsamen Kauzes auf die Schliche kommen, der unter den Black Hills eine neue, unterirdische Welt erschaffen will.
Auf dem schmalen Grat zwischen ein bisschen Genie, vor allem aber ganz viel Wahnsinn wandelt dieses obskure Männlein, das gewillt ist, seine Utopie einer vermeintlich besseren Gesellschaft mit aller Gewalt durchzusetzen ...
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Der Herr der schwarzen Berge
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
Impressum
Der Herr derschwarzen Berge
Von George Berings
Jede Wissenschaft ist nur so gut wie der Wissenschaftler, der sie betreibt. Gut – das hat in diesem Fall allerdings nichts mit fachlicher Qualifikation zu tun, sondern dient ausschließlich als moralisch-ethischer Gradmesser.
So sieht das jedenfalls Tom Prox, als er und seine Sergeanten den Umtrieben eines seltsamen Kauzes auf die Schliche kommen, der unter den Black Hills eine neue, unterirdische Welt erschaffen will. Auf dem schmalen Grat zwischen ein bisschen Genie, vor allem aber ganz viel Wahnsinn wandelt dieses obskure Männlein, das sogar morden lässt, um seine Utopie einer vermeintlich besseren Gesellschaft mit aller Gewalt durchzusetzen ...
Vor vier Wochen war George Ovens von Jordan Valley aufgebrochen.
Für die Bürger dieser kleinen Weststadt an der Grenze zu Idaho war das eine Sensation gewesen. Man hatte nur die Köpfe geschüttelt.
Gut. George wollte seinen Heimatort verlassen. Er hatte einen Drugstore geerbt in einer fernen Stadt, deren Namen man nicht einmal vom Hörensagen kannte. Verständlich, dass der junge Mann zugreifen wollte, denn in Jordan Valley war er nicht gerade mit irdischen Gütern gesegnet gewesen. Ein wenig Land, zwei Kühe, zwei Pferde ... das war alles, was er besaß. Das reichte gerade so zum Leben.
Ohne Zweifel würde es ihm als Besitzer eines Kramladens besser ergehen. Aber musste er sich wirklich mit seiner ganzen Habe auf den Weg machen und ausgerechnet mit einem Planwagen durch die Gegend ziehen, wie einst die Vorfahren? In welcher Zeit lebte man denn? Gab es nicht Eisenbahnen und Automobile? Warum verkaufte dieser verrückte Kerl nicht einfach seinen Besitz in Jordan Valley? Schließlich erwartete ihn in der neuen Heimat doch ein Haus, das ausgestattet war mit allem, was zu einem anständigen Laden gehört.
George Ovens aber war anderer Meinung. Er hatte sich die beiden Kühe, die Pferde und den Hausrat sehr schwer erarbeiten müssen, und all das sollte er jetzt an den erstbesten Käufer losschlagen? Nein! Wenn schon das Land verkauft werden musste, die Tiere wenigstens wollte er behalten. Und die Möbel auch, an die er sich so gewöhnt hatte!
Seine junge Frau war derselben Ansicht. Was machte eine Reise von vier bis fünf Wochen schon aus? Was tat es, wenn der gewaltige Prärieschoner nur im Schritttempo dahinknarrte? Eben! Das war doch alles kein Problem.
George Ovens hatte sich ein gutes Stück Romantik in seinem Herzen bewahrt. Die Vergangenheit seiner Väter bewegte ihn. Waren die nicht auf diese Art in das gewaltige Land vorgedrungen, in den wilden und bald darauf schon goldenen Westen?
Zwar gab es jetzt keine Büffelherden mehr, die mit donnernden Hufen über die weite Prärie stampften, und auch keine Indianerstämme, die dem Weißen den Skalp abzogen ... aber die Natur war geblieben.
Die endlose Weite dieses Landes raubte einem immer noch den Atem.
Nein. George Ovens bereute seinen Entschluss nicht. Er war nicht der Mann, der einfach in die Eisenbahn steigen wollte, um nach sieben Stunden ein Ziel zu erreichen und zu sagen: »Das ist meine neue Heimat.«
Er brauchte Zeit. Und er hatte sie sich genommen, um mit jeder Meile, die er sich weiter von Jordan Valley entfernte, das Vergangene von sich streifen und sich gleichzeitig auf die Zukunft vorbereiten zu können.
An diesem Morgen hatten sie Paisley verlassen. Vor ihnen lagen vierzig Meilen bis zum nächsten Ort. Vierzig Meilen durch ein Bassin, das durch den Sycan River begrenzt wird, der hier einen gewaltigen Bogen beschreibt. Vierzig Meilen Dürre. Ein trockenes, hügeliges Land. Karger Boden. Kurzum: eine unfruchtbare Insel des Grauens.
Man hatte George gewarnt. Schon mancher Tourist, der geglaubt hatte, mit seinem Automobil diese vierzig Meilen bequem schaffen zu können, war hier gescheitert. Ausgebrannte Wracks am Wegrand legten davon Zeugnis ab.
George aber hatte die Bürger von Paisley ausgelacht. Er hatte bereits Hunderte von Meilen hinter sich. Glaubte man, er würde so kurz vor dem Ziel aufgeben? Wegen lächerlicher vierzig Meilen? Niemals! Also hatte er die Wassersäcke gefüllt, das Vieh versorgt und war vor Sonnenaufgang aufgebrochen.
Solange die Sonne noch nicht hoch stand, ging auch alles gut. Gegen Mittag aber, als sie knapp die Hälfte des Weges geschafft hatten, wurde die Hitze mörderisch.
Das Vieh trottete langsam hinter dem Wagen her, und die Pferde keuchten schwer, sie waren am Ende ihrer Kraft. Ovens wurde zu einer längeren Rast gezwungen. Kein Schatten, keine Quelle, nur verbrannte Erde. Die Wasservorräte schmolzen bedenklich dahin.
»Ich habe Angst, George. War es nicht doch ein Fehler, den Weg zu wagen?« Die junge Frau wurde von Zweifeln gepackt. Gewiss, sie hatte Vertrauen zu ihrem Mann, konnte sie sich doch stets auf ihn verlassen. Dieses unheimliche Land aber, diese Trostlosigkeit zerrte an ihren Nerven.
»Siehst du die Berge dort?« Ovens zeigte mit ausgestrecktem Arm nach Westen. »Die Black Hills! Bald haben wir es geschafft, Frau. Dort werden wir einen guten Rastplatz finden, und morgen, so hoffe ich, erreichen wir dann unser Ziel.«
Sie warteten die glühende Mittagshitze ab. Das Vieh, eben erst getränkt, brüllte gequält. Die Pferde standen mit gesenkten Köpfen.
George Ovens aber war nicht der Mann, der leicht aufgab. Er schirrte ein und setzte zwei Stunden später seinen Weg fort.
Die Räder knarrten, und das Geräusch grub sich tief in ihre Ohren.
Feiner Staub wirbelte auf. Die Augen entzündeten sich, der Hals wurde rau. Langsam, ganz langsam nur kam das schwere Gefährt voran.
Verbissen trotzte Ovens dem widrigen Gelände Meile um Meile ab. Die Black Hills kamen näher. Von diesen schwarzen Bergen am Horizont ging etwas Unheimliches aus. Am Ende dieses grauenhaften Weges wuchsen sie wie eine drohende, schweigende Mauer in den Himmel. Es hätte der Weg zur Hölle sein können.
Die Frau schwieg und starrte unentwegt auf diese Berge. Krampfhaft zog sich ihr Herz zusammen. Sie wusste nicht, was ihr solche Angst machte. War es der Weg, oder waren es die Berge?
Als sie schon glaubte, am Ende ihrer Kräfte zu sein, erreichten sie den Round Lake.
George hielt an. Er lachte hell und breitete die Arme aus, als wolle er das Wasser segnen.
»Na also, Mary! Gewiss, die Leute in Paisley hatten recht. Ein gefährlicher Weg – ich mag nicht zurückdenken – aber wir haben es geschafft.«
Der Mann stieg vom Wagen, schirrte die Pferde aus, führte das Vieh zur Tränke und errichtete den Lagerplatz.
Auch seine Frau hatte alle schweren Gedanken abgeschüttelt. Sie wusste jetzt erneut, wie sehr sie sich auf ihren George verlassen konnte. Lag nicht eine bessere Zukunft vor ihnen?
Sie aßen. Die Sonne senkte sich im Westen hinter die Berge. Ein schönes Bild. Die Black Hills wirkten nun noch schwärzer, nur die Spitzen glänzten goldrot.
»Wir könnten eigentlich noch einige Meilen machen, Mary. Bis zu den Bergen, meine ich, sollte es uns nicht schwerfallen. Morgen ist der Weg dann umso kürzer.«
»Lass es gut sein, George. Es war ein harter Weg. Das Vieh braucht Ruhe. Jetzt, so nahe vor dem Ziel, brauchen wir nicht so zu eilen.«
»Ich denke an die kühlen Abendstunden. Der Weg durch die Berge wird noch lang genug. Drei Stunden sollten genügen für die Tiere, dann sind sie ausgeruht.«
Also fuhren sie weiter! George wollte unbedingt noch die Berge erreichen. Vielleicht noch fünf Meilen, oder waren es zehn? Man konnte es nur schätzen.
Wieder mahlten die Räder. Meile um Meile. Fünf – zehn – fünfzehn! Immer noch nicht am Ziel!
Dann gab es einen furchtbaren Schlag. Der Wagen neigte sich, die Pferde warfen sich in die Stränge – umsonst.
Ovens sprang ab und stieß einen Fluch aus. Er sah sofort, was geschehen war: Achsenbruch! Aus! Er hatte keinen Ersatz, und die nächste Ortschaft lag meilenweit entfernt. Zudem war fraglich, ob man dort eine passende Achse würde auftreiben können.
Ovens knirschte mit den Zähnen, aber es half nichts. Man musste sich in Geduld üben. Wenn nur der Platz besser gewesen wäre. Kein Wasser! Würden sie gezwungen sein, einige Tage an diesem Ort auszuhalten, dann konnte es schlimm werden ...
Sie machten sich ein Lager zurecht. Ovens suchte Holz zusammen, um ein Feuer zu entzünden. Immerhin bestand so die Möglichkeit, gesehen zu werden. Die Gegend konnte doch nicht ganz ausgestorben sein. Außerdem würde ein Feuer wilde Tiere abhalten, sofern in den Black Hills überhaupt welche vorhanden waren.
Schweigend saßen sie am Feuer. Die Nacht war klar, und ringsum herrschte eine beruhigende Stille. Nur das Wiederkäuen der beiden Kühe klang monoton zu ihnen herüber.
Jemand kam von den Bergen her. Sie hörten sein Pferd lange, bevor sie ihn sahen. Dann hielt er in einiger Entfernung vom Lager. Seine Stimme klang angenehm und freundlich.
»Guten Abend! Darf ich nähertreten?«
»Bitte, Gent.« Ovens erhob sich und ging dem Mann einige Schritte entgegen.
»Ich heiße Ralley«, sagte der Mann und lüftete den Hut. »Walt Ralley. Sah Ihr Feuer. Kommt selten vor, dass man hier draußen auf Menschen stößt.«
»Unser Feuer hat seinen Zweck erfüllt, Mr. Ralley. Wie Sie sehen, hatten wir Pech.«
Der Fremde trat in den hellen Schein, wo er sich galant vor der Frau verbeugte. Er sah gut aus. Sein Reitanzug tadellos gepflegt, sein Gesicht offen, die Augen voller Feuer. Nur um den schmallippigen Mund lag ein ironischer Zug.
»Ich heiße Ovens, Mr. Ralley. Bin auf dem Wege nach Sprague River. Kennen Sie den Ort?«
»Gewiss, allerdings nicht näher. Ich war vielleicht zwei- oder dreimal dort. Für mich liegt Horton näher.«
»Können Sie mir einen Rat geben, woher ich Hilfe bekommen kann? Gibt es in Horton einen tüchtigen Schmied?«
Mr. Ralley lachte leise, dann schüttelte er den Kopf.
»Entschuldigen Sie, Mr. Ovens, ich musste gerade an den alten Pat Howkins denken. Er hat in seinem Leben mehr Alkohol getrunken, als eine Kuh Wasser zu saufen vermag. Sollten Sie ihn zufällig nüchtern antreffen und sollte er gerade Lust zur Arbeit verspüren, dann könnten Sie zu einer neuen Achse kommen. Allerdings sind die Aussichten gering. Pat hat selten Lust zum Arbeiten.«
»Und wo lassen Sie Ihr Pferd beschlagen?«
»Ich habe eine eigene Schmiede. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bitte, begleiten Sie mich. Es sind nur wenige Meilen. Selbstverständlich sind Sie meine Gäste. Ruhen Sie sich ein paar Tage bei mir aus. Inzwischen werden meine Leute den Schaden reparieren. Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen zu helfen. In dieser Gegend kann man selten Gastfreundschaft üben.«
George Ovens dankte seinem Schöpfer. Auch Mary, seine Frau, war von Herzen froh. Ihr war ein noch so bescheidenes Gastzimmer lieber, als die Nacht im Freien, in der Nähe dieser unheimlichen Berge, verbringen zu müssen.
»Was wird aus den Kühen, Mr. Ralley? Können wir die Tiere hier zurücklassen?«
»Seien Sie unbesorgt, meine Männer werden sie morgen mitbringen. Nehmen Sie jetzt nur die Pferde. Der Weg zu Fuß ist doch etwas zu weit.«
Wenige Minuten darauf brach die kleine Gesellschaft auf.
Mr. Ralley ritt voran. Ihm folgte die Frau, während Ovens den Schluss machte.
Jedes Ding hat zwei Seiten, wenn nicht gar vier!
Da machten auch die Black Hills keine Ausnahme. Man konnte sie von Osten und auch von Westen her erreichen. Im Osten waren ihnen dürre Landstriche vorgelagert, im Westen dagegen fette Weiden. Der Sprague River machte hier einen vielfach geschlängelten Bogen und sorgte für genügend Wasser, sehr zur Freude von Mr. Panhard, dem Besitzer der ›PP-Ranch‹.
Das Anwesen lag etwa zehn Meilen westlich der Berge und stellte, bedingt durch die guten Weiden, einen stattlichen Besitz dar. Mr. Panhard hatte etwa sechstausend Rinder auf dem Huf, welche zwischen dem Fluss und den Bergen auf der Sommerweide standen.
Seine Mannschaft war nicht groß, dafür aber gut gedrillt. Vormann Eddi Lasher war ein Mann von altem Schrot und Korn. Er hatte schon dem Vater des jetzigen Besitzers gedient und war auf dieser Weide in Ehren ergraut. Lasher zählte bereits fünfundsechzig Jahre, bewegte sich jedoch im Sattel noch wie ein Junger. Seine sieben Boys konnten immer noch von ihm lernen, wenn sie auch, mit Ausnahme des jungen Larry, schon über fünf Sommer in der Mannschaft standen.
Zurzeit schoben sie einen »ruhigen Lenz.« Das Vieh stand prächtig im Futter, und dieser Umstand war letzten Endes für die entspannte Arbeit auf der Weide ausschlaggebend. Mit den Rindviechern verhält es sich nicht anders als mit den Menschen! Nur wenn sie Hunger haben, werden sie aufsässig!
Der Vormann ritt um die Herde. Er ließ sich das nicht nehmen, obwohl er wusste, dass es eigentlich nicht nötig war. Er sprach mit den Boys an den Flanken der Herde einige Worte und teilte Post aus oder zog auch schon mal eine gute Flasche aus der Satteltasche.
Als er die Ostflanke erreichte, traf er auf den jungen Larry. Der Cowboy beobachtete mit dem Glas gerade die Berge.
»Na, Kleiner, was gibt es da zu sehen? Die Herde steht an der anderen Seite. Man wendet seinen Tieren nicht den Rücken zu.«
»Hallo, Vormann! Hm – was es gibt? Da hat sich ein Tier verstiegen, scheint mir. Überlege gerade, ob es vielleicht zu unserer Herde gehört.«
