Westend - Martin Mosebach - E-Book
Beschreibung

Im Geist der großen europäischen Gesellschaftsromane ist in "Westend" - "einem der bedeutendsten Gesellschaftsromane der deutschen Literatur" (Die Zeit) – der eigentliche Gegenstand die Stadt Frankfurt mit ihren Bürgern aller Schichten. Eine ganze Epoche deutscher Nachkriegsgeschichte wird im Schicksal der Figuren lebendig: Spekulanten und Kunsthändler, Müllsammler, Hausmeister und Putzfrauen, die letzten Vertreter Altfrankfurter Bürgerlichkeit und ein jugendliches Liebespaar, das an den Sünden der Väter trägt und sie zu überwinden lernt. Ein fulminantes Epos über die Verwandlung einer städtischen Gesellschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik – und ein Hauptwerk Martin Mosebachs, das jetzt als Neuausgabe wiederzuentdecken ist.

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Seitenzahl:1417


Martin Mosebach

Westend

Roman

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Über dieses Buch

Im Geist der großen europäischen Gesellschaftsromane ist in «Westend» – «einem der bedeutendsten Gesellschaftsromane der deutschen Literatur» (Die Zeit) – der eigentliche Gegenstand die Stadt Frankfurt mit ihren Bürgern aller Schichten. Eine ganze Epoche deutscher Nachkriegsgeschichte wird im Schicksal der Figuren lebendig: Spekulanten und Kunsthändler, Müllsammler, Hausmeister und Putzfrauen, die letzten Vertreter Altfrankfurter Bürgerlichkeit und ein jugendliches Liebespaar, das an den Sünden der Väter trägt und sie zu überwinden lernt. Ein fulminantes Epos über die Verwandlung einer städtischen Gesellschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik – und ein Hauptwerk Martin Mosebachs, das jetzt als Neuausgabe wiederzuentdecken ist.

Über Martin Mosebach

Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, war zunächst Jurist, dann wandte er sich dem Schreiben zu. Seit 1983 entstanden elf Romane, dazu Erzählungen, Gedichte, Libretti und Essays über Kunst und Literatur, über Reisen, über religiöse, historische und politische Themen. Dafür hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, etwa den Heinrich-von-Kleist-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, den Georg-Büchner-Preis und die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Er ist Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung, der Deutschen Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und lebt in Frankfurt am Main.

Erster TeilDer Main

Das Wetter wechselte an diesem Vormittag. Der schöne zartblaue Morgenhimmel streifte sich mit feisten weißen Wölkchen, die unversehens etwas blendend Hartes bekamen und die, als ob sich der Effekt der dunklen Wolken, die ihr Anblick im Inneren des Auges erzeugte, am Himmel spiegeln wollte, plötzlich steingrau anzulaufen begannen und enger zusammenrückten. Im Nu war der eben noch freie Himmel von einer geschlossenen Wolkenschicht bedeckt, durch deren dünnere Stellen die Sonne unangenehm weiß hervorstach. Aber Alfred, dessen Aufbruchsvorbereitungen seine ganze Familie in ängstliche Wetterpropheten verwandelt hatten, war nach kurzem Schwanken endgültig entschlossen, diesen Tag in seinem Sinne zu nutzen. «Heute oder nie», sagte er, als Tante Tildchen leise klagte: «Wo ist denn nur das schöne Wetter hin?» Er packte aber eine Regenhaut ein und noch andere warme Sachen, bis sein Rucksack voll war und Tante Mi, die als einzige der Frauen im Hause Labonté jemals ein Kanu gesehen hatte und die Grenzen seines Fassungsvermögens eng einschätzte, ihn fragte: «Wo bringst du das nur unter?»

«Vorn oder hinten», antwortete der Neffe bei aller Lakonie mit einer gewissen Wärme, als danke er ihr für die Teilnahme an den Eigenheiten seines Bootes.

Als er die Haustür öffnete, fegte ein feuchtwarmer Windstoß einige abgefallene Kastanienblüten auf das Terrazzomosaik des Entrées, auf dem SALVE geschrieben stand und auf dem jetzt die hochgeschnürten Schuhe seiner Tanten und die Gesundheitssandalen von Fräulein Emig Aufstellung nahmen. Seine Frau war nicht bis zur Tür gefolgt. Sie stand am Fenster des Eßzimmers unter der steinernen Maske als aus dem Dunkel aufgetauchtes weißes Gespenst und hob die Kinderhand zu einem lautlosen Winken aus weiter Ferne. Wie er nicht sah, aber wußte, lag ihre andere Hand auf ihrem vorgewölbten Bauch, über dem der Morgenrock sich öffnete, so daß ein Eckchen des weißen Nachthemds hervorsah, ein Bild, das ihn fast ängstlich werden ließ – er schüttelte unwillkürlich den Kopf wie ein Schwimmer, der auftaucht und sich das Wasser aus dem Haar schleudert, und als seien seine inneren Bilder tatsächlich aus flüssigem Stoff, flogen sie durch diese Bewegung von ihm weg wie Tropfen.

Wenn die Wirklichkeit ihn allzu schwer bedrückte, lag immer schon die Geschichte bereit, die einem Menschen, den er hätte beeindrucken wollen, das Rätsel seiner Verheiratung erklärt hätte. Die Szenerie: das Haus in der Schubertstraße, das er soeben verlassen hatte, und sein Eingangstor mit den schweren farbüberkrusteten Blattranken und den spitzen Dornen und Lanzen, die dem Zaun das Ansehen puppenhafter Wehrhaftigkeit verliehen.

Es war Nacht und es war kalt, als er nach Hause kam. Er hatte sich mit dem Mädchen gestritten, so wie er sich in Aufwallungen von Eifersucht und Haß nach kürzester Zeit mit jedem Mädchen überwarf, und hatte dann mit fremden Leuten, die Lokalrunden bestellten, viel getrunken. Als er das Tor öffnete, sah er, wie sich im Dunkeln an der Haustür etwas bewegte. Da hockte sie ohne Mantel seit Stunden schon. Sie war ihm nachgelaufen wie ein ausgesetztes Haustier. Am nächsten Morgen stellte er sie seinen Tanten, um die Beleidigung, die sie darin erblickten, daß er jemanden mit in ihr Haus genommen hatte, noch zu überbieten, als seine zukünftige Frau vor, ohne das Mädchen zu fragen, wie er sich genau erinnerte. Er hatte ihr keinen Heiratsantrag gemacht, weil er keine Minute daran gedacht hatte, sie zu heiraten. Sie nahm diese Vorstellung aber einfach wörtlich, blieb im Haus und störte auch niemanden, außer ihn selbst, denn sie verließ sein Zimmer nur selten.

Es hatte in Wahrheit aber einen Augenblick gegeben, in dem er sie eben doch heiraten wollte, weil er damit eine verrückte, jetzt überhaupt nicht mehr verständliche Hoffnung verband. Es hatte Stunden gegeben, wenn nicht Tage, in denen er sich durch ihr Vorhandensein kräftiger und vollständiger vorkam. Gerade ihre Kümmerlichkeit, ihre kleinen rötlichen Hände mit den armseligen Fingerkuppen, die Weichheit ihrer Knochen, die Blässe ihrer vollen Lippen, die Farblosigkeit ihrer Augen und das feine, kaninchenfellartige Haar enthielten für ihn eine Zeitlang geradezu eine Verheißung, und er war, wenn er sie auszog, immer aufs neue über die Größe ihrer Brüste verblüfft, die ihr peinlich war, so wie andere Frauen sich über zu große Hände oder Füße ärgern. Er glaubte damals, regelrecht von diesem Mädchen leben zu können, und zwar nicht wirtschaftlich, wo es sich genau umgekehrt verhielt und worüber er sich auch gar keine Gedanken machte, sondern als ob ihr Wesen ihn fortwährend seelisch zu ernähren vermöge. Sie kam ihm nicht eigentlich menschlich vor, sondern als verharre sie auf einer Stufe dicht unter dem Menschen, aber das hatte ihn in jener sehr kurzen Zuwendung zu ihr, die in seiner Heirat gipfelte, eher noch enger an sie herangeführt, zweifelte er doch oft genug daran, ob er selbst überhaupt alle Eigenschaften besitze, die man für ein Leben unter anderen Menschen brauchte. Es kam ihm vor, als könne er sich zu wechselseitigem Nutzen mit der kleinen blassen Pflanze zusammenschließen, als seien sie beide Kinder eines vergessenen, wehrlosen Volkes, die sich in der Fremde gefunden haben und nun die hoffnungslose Überlegenheit der Gesellschaft, in die sie geraten sind, leichter ertragen.

In manchem schien sie ihm voraus zu sein. Sie hatte jede Fessel eines hergebrachten Familienlebens abgestreift, aber ohne dabei die bürgerlichen Sitten aus Überzeugung zu bekämpfen. Erziehung und Kindheit in ihrem Elternhaus in Aussig hatte sie einfach vergessen. Sie wußte nicht mehr, daß man zu bestimmten Tageszeiten aß und daß man sich dabei verschiedener Bestecke bediente. Sie schlief gerne in einem warmen weichen Bett, aber sie war auch imstande, sich in einem Kohlenkeller zusammenzurollen und mit der eigenen Körperwärme am Leben zu erhalten. Er erschrak zunächst, als er sie nachts ohne Mantel vor seiner Haustür hatte sitzen sehen, und seine Zärtlichkeit wuchs aus seinem Schrecken und seiner Rührung unmittelbar hervor, aber er verstand später, daß sie gar nichts dabei gefunden hatte, weil schon zahlreiche solcher Nächte hinter ihr lagen. Sie war eine Frau, der er niemals die ungeschickte und ruhmlose Rolle, die er in der Schwarzmarktzeit gespielt und die einmal sogar zu einer Hausdurchsuchung bei seinen Tanten geführt hatte, würde erklären müssen, nicht nur weil ihr die Gesetze, die er verletzt hatte, nichts bedeuteten, sondern weil die Vergangenheit überhaupt für sie keinerlei Wirklichkeit besaß. Auch die Uhr erfüllte in ihrem Leben keine Aufgabe, und Alfred ließ sich von dieser Zeitlosigkeit verführen und einspinnen, und er lachte in einer innerlich erregten, triumphierenden Weise, wenn Fräulein Emig gegen acht Uhr abends an seine Tür klopfte, um sie zum Essen zu holen, und sie immer noch im Bett lagen. Seine Frau verstand nicht, warum er lachte, das spürte er deutlich. Selbst in seinem schmalen Bett lag sie mit ihrem nackten weißen Körper neben ihm ganz für sich allein wie in einer Luftblase, auf deren feiner Haut sich – nur ihren Augen sichtbar – alle Farben des Regenbogens, ineinander verschwimmend, entlangzogen. In solchen Augenblicken empfand er ihre Überlegenheit. Aber schon bald hielt er an ihr nur noch fest, um sich im Hause zu behaupten und die Tanten in ihrer Mißbilligung, die sie immer wieder in vielen kleinen Zeichen erkennen ließen, vor den Kopf zu stoßen. Das Fehlen eines jeden Echos hatte binnen kurzem seine Kräfte erschöpft, deren Natur ihn ohnehin nicht zu geduldigem Durchhalten befähigte.

Was die Tanten anging, so unterschätzte er bei all ihrem Widerwillen gegen das mährische Mädchen doch ihre Nüchternheit, die sie das Sichere bei ihrem Neffen dem Unsicheren vorziehen ließ und ihnen möglich machte, sich mit der neuen Lage abzufinden, nachdem das gerupfte und schweigsame Wesen erst einmal lang genug im Haus war. Was sie fürchteten, waren nicht Alfreds schlechte Manieren und seine Unfähigkeit zu anhaltender Arbeit, sondern seine Unruhe und sein brütendes Plänemachen. Wenn diese Eigenschaften auch nach seiner Heirat nicht verschwunden waren, so verteilte sich doch die Last spürbar, und die Tanten mußten sich eingestehen, daß sie Alfred lieber den ganzen Tag im Haus herumlungern sahen, als ihn in unüberschaubaren Geschäften unterwegs zu wissen. Als er begriff, daß die Tanten unter Überwindung sämtlicher Grundsätze seine Frau mit ganzem Herzen in die Familie aufgenommen hatten, gelang es ihm nicht mehr, auch nur freundlich an sie zu denken, denn es kam ihm geradezu vor, als sei sie zur feindlichen Partei übergelaufen.

Zugleich wurde ihr Bauch dicker. Es war jetzt unbequem geworden, im gleichen schmalen Bett zu schlafen, aber als Alfred seine Kleider zusammenraffte und in die benachbarte Mansarde trug, in der früher einmal das zweite Hausmädchen gewohnt hatte, tat er das mit einem wilden Gesichtsausdruck, als sei er mit Gewalt vertrieben worden. Sie fragte ihn nicht einmal, wo er jetzt schlief, und war verwundert, daß sein Bett gleich nebenan stand, als habe sich dieser Umzug eigentlich gar nicht gelohnt.

Die Tanten bemerkten, daß die beruhigende Wirkung der Ehe schon wieder aufgezehrt war. Seitdem Alfred, in der Sprache der Scheidungsanwälte gesprochen, «die eheliche Wohnung verlassen» hatte, war kein Zimmer im Haus mehr vor ihm sicher. Einmal betrat Tante Tildchen im Abenddämmern den Raum, der auch nach dem Tod ihres Vaters das «Herrenzimmer» hieß, und tastete in ihrer Zerstreutheit lange an der Wand herum, um den Lichtschalter zu finden. Als der Kronleuchter aufflammte, sah sie sich zu ihrem Entsetzen Alfred gegenüber, der in einem Sessel saß und ihr hilfloses Tasten die ganze Zeit beobachtet hatte. An einem anderen Tag, als die Tanten gemeinsam mit Fräulein Emig im Wintergarten, wo aus den Blättern einer brasilianischen Urwaldpflanze die zierlichen Gliedmaßen des Gianbolognaschen Merkurs hervorsahen, den Nachmittagskaffee tranken und dabei in dem ihnen eigenen unaufgeregten, ein wenig nachlässigen Tonfall ein belangloses Gespräch mit behaglichen Schweigepausen führten, während Alfred im Salon mit Schuhen auf dem Sofa liegend die Zeitung las, war er plötzlich, als Tante Mi etwas aus seiner Entfernung kaum mehr Verständliches sagte, mit einem Satz aufgesprungen und hatte türenknallend das Zimmer verlassen. Solche Vorfälle häuften sich und erschütterten die Begabung der Tanten, sich in den Gegebenheiten einzurichten. Vor allem die Grundbedingung dieser Begabung begann in Frage zu stehen, nämlich die selbstverständliche Herrschaft über das Haus und die unangezweifelte Geltung des väterlichen Gesetzes. Es kam den Tanten vor, als habe ihnen der Vaterdienst der Familientradition, dem sie sonst mit Freuden nachkamen, mit der Beherbergung dieses Mannes, immerhin des einzigen Enkels Friedrich Labontés, zu viel aufgebürdet. Im stillen verglich Mi die Lage mit der Not, die über die Nester der Rohrpfeifer hereinbricht, wenn der Kuckuck sein Ei hineingelegt hat. Laut sagte sie etwas anderes, als sie die Verstörtheit auf den Zügen ihrer Schwester bemerkte, jenes wortlose Flehen, die Ältere möge endlich handeln: «Ich glaube, der Alfred ist nicht ganz richtig im Kopf», eine Feststellung, die Tante Tildchen, nachdem sie verstanden hatte, was gemeint war, nur noch größere Furcht empfinden ließ. Bisher hatten die bewährten und mit guten Beziehungen versehenen Rechtsanwälte, die bereits «Wwe. Labonté» beraten hatten, viel Schlimmes noch im Keim abwenden können. Sollte die Einsicht, zu der Mi sich unter Aufbietung ihrer Selbstbeherrschung durchgerungen hatte, standhalten, dann würde kein der Vaterehre dienstbarer Einfluß mehr helfen können, und am Ende war es nicht mehr die Polizei, die, wie schon einmal, in der Schubertstraße vorfuhr, sondern das vergitterte Auto aus Niederrad, wo die von Heinrich Hoffmann begründete Irrenanstalt lag, der Affenstein, wie man in Frankfurt sagte.

Seitdem diese bedrückt, aber tapfer ausgesprochenen Worte gefallen waren, und zwar während Mi hinter der Gardine beobachtete, daß Alfred das Haus auch wirklich verließ, änderten die Tanten ihr Verhalten. Alfred bekam nie mehr Widerspruch zu hören. Jegliche Ermahnung verstummte. Die Tanten vermieden es, ihm in die Augen zu sehen, und suchten sich sofort mit ihren Blicken, wenn er nur die kleinste Bemerkung machte. Alfred entging diese Veränderung nicht. Oben lag ächzend und aufgeschwemmt seine Frau, während sich unten die Tanten mit Blicken verständigten. Ein im Kern weniger gutartiger Mann als Alfred wäre unter solchen Umständen möglicherweise gewalttätig geworden. Alfred hingegen wartete auf gutes Wetter, um Kanu zu fahren.

Die kleinen Häuser der Schubertstraße, denen in ihrer Verschiedenheit doch anzusehen war, daß sie aus demselben Baukasten stammten, hatten seit dem Kriegsende einen dunklen Akzent erhalten, weil die protestantische Christuskirche ausgebombt und ausgebrannt in ihrer Mitte stand und nur den gotischen Fensterbogen, der vorher durch eine Glasmalerei geschlossen worden war, wie ein geöffnetes Tor in den Himmel reckte. In diesem Bogen erschien der Himmelsausschnitt mit seinen vom Wetter beständig veränderten Farben wie ein gerahmtes Bild, vor allem, wenn abends die Sonne darin unterging. Als Alfred aus dem Gartentor herauskam, sah er unwillkürlich zu dem Bogen hinüber, während ein Wassertropfen gegen seine Wange flog und einzelne schwarze Punkte auf dem blauen Basaltpflaster erschienen. In dem Bogen ruhte die graue Wolkenmauer auf einem schmalen Fundament von leuchtendem Blau. Das machte ihm Mut, obwohl sein Weg in die entgegengesetzte Richtung führte.

Kaum aber fühlte er nach einigen Schritten, wie die Sogkräfte seines Hauses, die ihn festhalten wollten, schwächer wurden, als sich ein neues Hindernis auf seinen Weg legte. Auf der Mitte des Bürgersteiges kam ihm ein Mensch entgegen, der ihm derart zuwider war, daß schon der flüchtige Anblick seinen Schritt hemmte. Es kostete ihn Überwindung, nicht auf dem Absatz umzukehren, und er hätte es vielleicht dennoch getan, denn es kam ihm nicht mehr darauf an, den Schein zu wahren, wenn er nicht bei Rückkehr und erneuter Öffnung des Gartentores um den Erfolg eines Vorhabens gefürchtet hätte, das nur im ersten Anlauf gelingen konnte. Und schon stand der andere Mann vor ihm, mit jenem leicht anzüglichen Lächeln, das Alfred noch mehr reizte und doch zugleich auch wehrlos machte. Der Mann war etwa in Alfreds Jahren, sah aber erheblich älter aus.

Es gab nichts im Leben von Eduard Has und Alfred Labonté, was einen von ihnen in der Erinnerung besonders hätte bedrängen müssen. Beklemmend wirkte allein die lange Zeit, die sie sich kannten und in der sie sich beobachtet hatten, ohne sich jemals näherzukommen. Es war für Alfred unmöglich, Eduard Has zu sehen und nicht zugleich an sein ganzes Leben zu denken, und immer stieg dann aus der schwarzen Vergangenheit eine besonders peinliche Episode auf und färbte alles sonst Geschehene nur noch mit ihrem Licht.

Von Eduards Eltern wurde im Hause Labonté mit jener höchsten Achtung gesprochen, die nur Kunden zukam. Die Mutter entstammte einer Brauerei und war außerordentlich vermögend, hatte aber das Entstehen ihrer Wohlhabenheit noch in derart frischer Erinnerung, daß es ihr unmöglich war, die Hände schon wieder in den Schoß zu legen und die Früchte der elterlichen Anstrengung zu genießen. Sie verwaltete ihr Vermögen selbst und war auf Gebieten tätig, die mit dem Brauereiwesen längst nichts mehr zu tun hatten. Eduards Vater, ein Notar, der aus Mainz stammte und sich in der Frankfurter Umgebung seiner Frau wie ein Auswanderer in einer abgeschlossenen neuen Welt wiederfand, vergreiste früh, wurde vergeßlich und menschenscheu, und deshalb begann sich seine Frau bei ihren Unternehmungen mehr und mehr auf einen Vetter ihres Sohnes zu stützen, der aber auf Grund einer Generationsverschiebung ihrem Alter näherstand. Mit diesem Friedrich Olenschläger, der Fred genannt wurde und in seinem Geist auf seltene Weise eine idealistische Intellektualität mit praktischem Geschäftssinn verband, wuchsen ihren Geschäften bald schon beachtliche Erfolge zu, und wenn auch der Krieg in den listig zusammengetragenen Ameisenhaufen mit grobem Stiefel hineinstampfte, so ließ er den Boden doch unversehrt, den weitverstreuten Immobilienbesitz, den Eduards Mutter gemeinsam mit dem Vetter Fred in eine neugegründete «Olenschlägersche Haus- und Grundstücksverwaltung» einbrachte, ein Unternehmen, das mit ehrgeizigem Blick auf die Zukunft des Wiederaufbaus der zerstörten Städte gegründet wurde.

Von dieser Geschäftspolitik wußte Alfred nichts und wollte auch nichts davon wissen. Familienfirmen rührten vertraute Abneigungen in ihm auf. An «Wwe. Labonté» erinnerte er sich nur noch schwach. Der Prokurist, der zu Tildchens Kummer im Polenfeldzug fiel, schenkte ihm immer aus einem besonderen hohen Glas englische Butterbonbons, deren leicht salzigen Geschmack er gern hatte. Aber solch ein kleines Erlebnis verblaßte gegenüber den zahlreichen Erinnerungsblüten, mit denen die Tanten ihre Unterhaltung beständig durchwoben und damit den geheimen Grundton aller ihrer Gedanken durch das Gespinst der Alltäglichkeit hindurchschimmern ließen. Die «Olenschlägersche Haus- und Grundstücksverwaltung» wurde im Hause Has binnen kurzem mit jener bedeutungsgeladenen Beiläufigkeit bloß «die Verwaltung» genannt, die im Hause Labonté das Sprechen über die «Wwe. Labonté» auszeichnete. Und wenn Alfred nur einmal gehört hätte, wie die hochgeehrte Kundenfamilie an derselben Lächerlichkeit Anteil hatte, der er bei den Tanten ständig begegnete, hätte das seine Bitterkeit vielleicht ein wenig gemildert.

Wann seine Abneigung gegen Eduard Has entstanden war, wußte er nicht mehr, wohl aber erinnerte er sich der ersten handgreiflichen Feindseligkeit zwischen ihnen, zu der es schon in Volksschuljahren gekommen war. In diesem Alter zählt der Unterschied von wenigen Jahren noch viel, und Eduard Has hätte mit seinem Vorsprung von zwei Jahren Alfred eigentlich gar nicht mehr in die Quere kommen können. Er war aber schon damals dicklich und unsportlich und fand keine rechte Verbindung zu seinen Altersgenossen. Wenn Alfred mit seinen Freunden, von denen er damals noch viele besaß, in den Gebüschen um die Christuskirche herum auf die Taxusbäume kletterte und mit Pfeil und Bogen schoß, Waffen, die sich die Buben unter seiner Anleitung selbst gemacht hatten, stand Eduard, immer viel zu warm angezogen, häufig in der Nähe und sah den Spielen in der Hoffnung zu, endlich zum Mitmachen aufgefordert zu werden. Aber Alfred tat, als bemerke er ihn überhaupt nicht, bis sich einmal die Stimmung der anderen gegen ihn kehrte und Alfred fühlte, daß nun etwas Überraschendes, Außerordentliches geschehen mußte. Er schlenderte also unversehens auf Eduard Has zu, der ihm erwartungsvoll entgegensah, und riß ihm, nachdem er dies Lächeln erwidert hatte, die Mütze vom Kopf. Das Entzücken war groß, und obwohl Has schon ziemlich lange Beine hatte, entkam ihm Alfred schließlich auf einen dünnen Taxusbaum, der sich selbst unter seinem Katzengewicht beängstigend neigte, und pflanzte die Mütze auf den Wipfel. Und von dort oben sprang er dann hinunter, schlug sich die Knie auf und sah zerkratzt, blutig und mit verschwitztem Kopf wirklich wie ein Held und Räuber aus. Eduard Has verhielt sich nicht ungeschickt, als er sich vergewissert hatte, daß er seine Mütze von dort oben nicht wieder herunterbekommen werde. Er setzte sein anzügliches Lächeln auf und tat, als habe er an einem Wettspiel teilgenommen, das in aller Fairneß ausgetragen worden sei und das er mit Anstand verloren habe. Von diesem Tag an durfte Eduard Has mitspielen, bis es ihn selber langweilte, weil er erreicht hatte, was er wünschte.

Die Spannung zwischen ihm und Alfred aber verlor sich nicht wieder. In späteren Jahren sperrte die Schule sie für eine Weile in dieselbe Klasse, weil Eduard Has wegen langer Kränklichkeit ein Jahr verlor, nachdem er schon ein Jahr zu spät mit der Schule begonnen hatte. Da hatte sich seine Stellung unter den Altersgenossen allerdings bereits verändert.

Eduard Has war im Gymnasium ausgesprochen beliebt. Er mußte nicht mehr lauernd in der Ecke stehen. Dort hätte jetzt Alfred gestanden, wenn es ihm weiterhin um die Anerkennung der Mehrheit zu tun gewesen wäre. Darum ging es ihm aber nicht mehr. Statt dessen hielt er sich nur an die zwei oder drei Mitschüler, die von den Lehrern als «rettungslos verkommene Subjekte» bezeichnet wurden. Nur selten kam es noch zu Feindseligkeiten, so zum Beispiel beim Verkauf von «Wwe. Labonté», als Eduard Has, der unablässig Witzzeichnungen herstellte, auf der Wandtafel im Stil der Wilhelm-Busch-Illustrationen eine triefnasige Alte mit Nachthaube skizzierte, die auf Säcken mit Kaffeebohnen und gebündelten Zigarren einem Wolkenhimmel entgegenfuhr. Verletzend fand Alfred daran nur die Vorstellung, er hänge irgendwie an dem Laden seiner Voreltern, und rächte sich schmerzhaft und böse.

Aber das war eine Episode, die in seinem Verhältnis zu Eduard wenig besagte. Wichtiger war, daß sie sich fortgesetzt im Auge behielten und daß sie die Wirkung ihrer Verhaltensweisen und Erfahrungen auf den anderen geradezu zwanghaft mitbedachten. Erlebnisse, von denen nach menschlichem Ermessen niemand erfahren würde, erhielten ihren Wert dennoch nach dem Eindruck, den sie vermutlich im anderen hinterlassen hätten. Alfred wandte sich mit den «verkommenen Subjekten», die das Urteil der Lehrer als Ehrentitel betrachteten, den verbotenen Vergnügungen zu. Er rauchte, verließ nachts heimlich das Haus und besuchte mit einem Pelzhändlerssohn zusammen Hurencafés, spielte Billard und trank Schnaps, den gleichfalls der Pelzhändlerssohn in Mengen beschaffte. Alfred wurde immer blasser und schlief im Unterricht zuweilen ein. Wenn er dabei ertappt wurde, mischte sich in das Gelächter auch Neid. Alfred fühlte, daß Eduards Augen auf ihn gerichtet waren. «Einmal schlafen, eine einzige Nacht ausschlafen!» sagte Alfred dann nach der Stunde für alle hörbar und streckte seinen schmalen Körper wie ein erwachender Jagdhund.

Eduard Has mußte sich eingestehen, daß auch er begierig nach Genüssen war, wie Alfred Labonté sie sich offenbar dreist verschaffte, aber daß es ihm an Mut fehlte, ein Leben zu führen, in dem Ausschweifungen an der Tagesordnung waren. Keinesfalls besaß er die Bereitschaft, sich zu den bewußten «verkommenen Subjekten» zählen zu lassen. Er wünschte, daß ihm die Lehrer mit Respekt entgegenkamen. Er fürchtete aber auch die Härte seiner Mutter, die er zu Recht für fähig hielt, Lizenzen, wie Alfred sie sich gestattete, empfindlich zu bestrafen. Ebenso fest, wie sie ihren Geschäften vorstand, regierte die geborene Olenschläger ihren Haushalt. Ihr war gelungen, die Illusionen, denen sich die meisten Mütter über ihre Söhne hingeben, abzustreifen. Unzählige kleine Beobachtungen hatten sie zu der Überzeugung gelangen lassen, daß es sich bei Eduard um einen geltungssüchtigen, faulen, verschwenderischen, sinnlichen und feigen Knaben handelte, wobei sie, was die letzte Eigenschaft anging, die eigene Fähigkeit unterschätzte, einen noch unfertigen Menschen einzuschüchtern. Eduard war weniger feige als klug. Er war sich der Bemühungen seiner Mutter und seines Vetters bewußt, ihm einst ein bedeutendes Vermögen zu übergeben, und er dachte nicht daran, in seinem Vorhaben, sich als würdiger Erbe zu empfehlen, nachzulassen. Dann aber würde er der Welt ein Schauspiel bieten, wie man mit Geld zu verfahren habe, das hatte er sich fest vorgenommen. Frankfurt sollte den Olenschläger-Sproß nicht wiedererkennen. Gewisse kleine Jungen, die heimlich Zigarren rauchten und nachts in Kneipen herumstreunten, um verkommene Weiber zu betrachten, würden sich noch wundern.

Zugleich faßte ihn eine kaum zu beherrschende Eifersucht auf Alfred Labonté. Eduard Has hatte eine beweglichere Phantasie als Alfred, weil er viel las und sich überhaupt gern in fremdartige Lebenslagen hineindachte. Er fühlte, daß er, so toll er sich, wenn er erst Erbe war, auch betragen würde, gegenüber Alfred dennoch stets im Nachteil befinden werde, weil er gerade die Früchte, die es nur im zartesten Alter zu pflücken galt, hatte am Lebensast verfaulen lassen. Die Art von Lust, die Alfred bei seinen nächtlichen Ausflügen fand, würde aufgebraucht sein, wenn Eduard aus seinem Turm entlassen war. Wenn Eduard an die pflichtbewußten Mitschüler dachte, dann kamen sie ihm alle wie kastriert vor, von einer Harmlosigkeit, die um so peinigender war, als sie den Spiegel seiner eigenen Erscheinung bildete. Er empfand Alfreds Wildheit als abstoßend und zugleich verführerisch und anziehend. Er fühlte in seiner Begabung für den Genuß, daß an ihm selbst nichts verlockend und bezaubernd war. Die vorsichtige Vernunft, der er sein Leben unterordnete, kostete einen hohen Preis, und es war noch nicht einmal sicher, ob sich das Geschäft lohnen werde.

Eduard vermutete manchmal, daß es den «verkommenen Subjekten» um ihr Vergnügen im engeren Sinn gar nicht ging. Vergnügen war etwas für Muttersöhnchen, die unfähig waren, es sich zu verschaffen. Alfreds Vergnügungen aber bildeten bei seinen Raubzügen gewiß nicht das Ziel, sie waren vielmehr zufällige Früchte, die angebissen und wieder weggeworfen wurden. Eduard Has würde als Bandenmitglied niemals in Frage kommen, auch wenn er verwegener gewesen wäre, denn ihm fehlte die notwendige Härte, die im Grunde asketische Gleichgültigkeit gegenüber der Beute, die dem Leben nur aus grausamem Spieltrieb heraus entrissen werden durfte. Wie viele intelligente und friedliche Menschen hegte Eduard Has eine geheime Bewunderung für die Gewalt. So konnte er Alfred auch dann nicht vergessen, als der junge Labonté nach dem Urteil seiner Erzieher schließlich selbst zum «verkommenen Subjekt» erklärt worden war und erst sitzenblieb, dann aber die Schule überhaupt verlassen mußte. Selbst der ruhmlose Abgang beschäftigte Eduards Phantasie. Frei zu sein in diesem Alter! Und wenn dazu noch etwas Geld käme! Das war eben immer die Bedingung seiner Träume: Die Freiheit sollte ausgepolstert sein.

Solche Eindrücke werden unversehens zum Motor eines ganzen Lebens. Dort, wo Eduard Has seinen jüngeren Mitschüler und Nachbarn am heftigsten beneidete, hielt ihn das Gefühl eines Mangels lange Zeit von eigenen Erfahrungen ab. Has behandelte die Frauen, denen er begegnete, skeptisch und manchmal sogar unerklärlich schroff, weil er fürchtete, daß ihm in ihren Augen etwas fehle, das durch Liebenswürdigkeit nicht aufzuwiegen war. Als er sich schließlich ein Herz faßte, bewies er aber sogleich die sich später glanzvoll entfaltende Neigung zu großen Lösungen. Das Abitur lag schon hinter ihm, die Mutter hatte sein Taschengeld erheblich aufgestockt, und von Alfred Labonté war nichts mehr zu hören und zu sehen, als im Frankfurter Opernhaus eine aus Wien stammende Altistin mit Bizets «Carmen» gastierte. Das Publikum, vor allem aber der solide Kreis der Abonnenten war sich einig: Niemals habe man die männerverderbende Carmen derart glaubwürdig verkörpert gesehen. Und auch Eduard Has mußte sich eingestehen, daß ihm noch keine Frau so gut gefallen hatte wie die Wiener Altistin mit dem ungarischen Vornamen Etelka. Sie besaß eine selten tiefe Stimmlage, ein gelegentlich kehlig dunkles Gurren und eine Rauheit, die den Gesang an manchen Stellen inmitten philharmonischer Klangfülle in ein geradezu schockierendes Parlando verwandelte. Sie schien alle anderen auf der Bühne um einen Kopf zu überragen, bewegte sich in ihrem rot-schwarzen Flamencokostüm mit großen Schritten und füllte den ganzen Bühnenraum aus. Der Don José, den das Frankfurter Publikum als seinen Liebling betrachtete, bewegte sich im Vergleich zu ihr steif und hatte etwas Zwergenhaftes, wenn er neben ihr stand. Außerdem hatte man versäumt, sein natürliches holländisches Schweineblond mit einer schwarzen Perücke zu bedecken, während Etelka ein wahres Kunstwerk auf dem Kopf trug, mit Kamm und Blume ein Stück Perückenarchitektur, das sie noch raumverdrängender erscheinen ließ. Zu der Habanera führte sie einen eigentümlich langsamen, stelzbeinartigen Tanz vor und gurgelte dazu, als wolle sie ihren Todeskampf kunstvoll bereits in dieser ausgelassenen Szene anklingen lassen. Ja, das war kein verhuschtes kleines Mädchen, überhaupt nichts Halbes und Unfertiges, sondern die volle, möglicherweise schon späte, aber um so intensiver duftende und prunkende Blüte. Eduard Has sagte sich, während die ungarische Carmen die Arme wie schwere Schlangen in die Luft warf und sie nach einer Weile müde zurückklatschen ließ, daß es kein Wunder sei, wenn er bisher so gar kein Gefallen an den jungen Frauen gefunden habe, die in seinem Umkreis lebten. Im geheimen war er zugleich davon überzeugt, daß auch Alfred bei seinen Raubzügen auf keine Frau gestoßen war, die sich so wie die Sängerin vor aller Augen und zum Entzücken Frankfurts unter dem vergoldeten Bühnentor hätte drehen und wenden können und die dazu noch mit wahrhaft gefährlichen Untertönen sang. Eduard Has entschied, in diesem Augenblick zu beweisen, daß sein Zögern bisher nicht Schwäche, sondern souveränes Abwarten gewesen sei.

Die verstohlenen und offenen Kämpfe mit seiner Mutter, die ihm nichts Gutes zutraute und deshalb in ihrer liebenden Vorsorge stets über den Anlaß hinaus alarmiert war, hatten ihn ein äußerst schmerzhaftes Instrument kennenlernen lassen, an dem er sich, wenn er sich allzu widerspenstig zeigte, schließlich führen lassen mußte, wohin die Mutter ihn haben wollte. Eduard Has befand sich durch den grundsätzlichen Vorbehalt, den er allen Anordnungen seiner Mutter entgegenbrachte und der sich in einem listenreichen Widerstand äußerte, in einem Zustand andauernden Schuldbewußtseins, bei dem häufig nicht einmal mehr sicher war, worauf genau er sich bezog. Es konnte ihm geschehen, daß er zusammenzuckte, wenn er nur den Schritt seiner Mutter auf der Treppe hörte. Dieses Schuldbewußtsein hatte die Mutter entdeckt, sie hatte es hervorgezogen und sich nutzbar gemacht. Wie eine keltische Hexe, die das Seufzen der Ungeborenen in ihren Brei mischt, hatte sie aus einem Gefühl, das keine Stofflichkeit besaß, einen festen Draht gedreht und ihn ihrem Sohn durch die Nase gezogen. Und daran hielt sie ihn fest, wenn sie sich angesichts seiner gequälten Fügsamkeit auch manchmal Vorwürfe machte und darüber nachgrübelte, ob sie ihr Geheiminstrument nicht allzu unbedacht gebrauche.

Eduard gehörte zu den heiteren Temperamenten, die nicht unablässig über ihre Schwächen und Ängste nachdenken. Die Verbindung mit Etelka hatte dazu noch einem bisher peinlich empfundenen Mangel abgeholfen. Aber in jener Tiefe, die nur selten von einem Strahl des Bewußtseins erhellt wird, war ihm der Draht, an dem ihn seine Mutter bergauf und bergab zu führen verstand, eine schmerzliche Gewißheit, die einen Ingrimm erzeugte, wie ihn nur die Sklaven entwickeln. Zugleich wohnte dort unten auch die Furcht, eine andere Frau könne sich, wenn sie ihm nur ein wenig nähergekommen sei, gleichfalls dieses Ringes bedienen. Nun, Etelka war ihm nahegekommen. Sie besaß – das war wichtig! – keinen guten Charakter und hatte dennoch den mütterlichen Hexendraht nicht erspürt, denn sonst hätte sie auch daran gedreht, das stand bei ihrer Wesensart wohl fest. Diese Blindheit ihres Instinkts war wohl das schönste Geschenk, das ihm die Sängerin beschert hatte, der eigentliche Grund, warum er ihr ein freundliches Andenken bewahrte. Dann sank Etelka in Vergessenheit und wurde fast eine historische Figur für ihn, denn sie waren sich vor dem Krieg und also in einem anderen Zeitalter begegnet.

Eduard Has brauchte in keinen Spiegel zu sehen, denn schon Alfreds Befangenheit zeigte ihm, daß er gegen seinen Willen schief, vielleicht sogar hämisch lächelte, und er ärgerte sich darüber, denn er fühlte sich der Schulzeit schon seit langem so entrückt und allem kindischen Neid entwachsen, daß er gern einen anderen Eindruck bei dem ehemaligen Mitschüler hinterlassen hätte. Er hätte gern strahlend und auf natürliche Weise überlegen gewirkt und fürchtete nun, sein neues Leben nicht überzeugend genug zum Ausdruck gebracht zu haben. Im Grunde entsprach es seiner Stimmung, Alfred in freundschaftlicher Form eine Stelle in der «Verwaltung» anzubieten, wozu er ja jetzt auch imstande war. Seine Mutter, die Olenschläger, war gestorben und hatte zwar – gemeinsam mit ihrem Adler, dem Vetter Fred – eine sehr weitgehende Vorsorge getroffen, daß «ihr Sohn sich nicht ins Unglück stürzte», wie sie sich ausdrückte, das hieß also, sie hatte seine geschäftliche Bewegungsfreiheit mit einem erzieherischen Mißtrauen eingeschränkt, das an biedermeierliche Kinderstuben mit Ställchen, Gängelband und Kopfpolster denken ließ, aber seit sie nun in der Familiengruft lag und der Deckel über ihr geschlossen war, hatte sich im Alltag ihre mütterliche Gewalt eben doch vermindert. Eduard Has kam nun in den vollen Genuß der Summe, die ihm bei Ausschüttung des Gewinns der «Verwaltung» zustand, und damit ließ sich etwas unternehmen. Er fragte sich, ob Alfred von seinen Glücksumständen erfahren habe, aber er wagte nicht, zwanglos davon zu erzählen.

Als er den Blick abwandte, sah er aus der Entfernung die weiße Gestalt von Alfreds Frau, die immer noch am Fenster stand, und das brachte ihn auf einen neuen Gedanken. «Bei uns ist es auch bald soweit», sagte er und fühlte, wie ihn die Erwähnung der Schwangerschaft seiner Frau natürlich machte, «man sagt, im August – und bei euch?» – «Ach, das sind Sachen, die interessieren mich nicht», sagte Alfred, indem er seine Hemmung überwand und seinen Trotz sehen ließ. Eduard Has lachte dankbar, denn wenn er auch der Geburt seines ersten Kindes mit hoher Erwartung entgegensah, so kam ihm doch der Abscheu vor Ammen- und Milchstubengraus unbedingt herrenhaft vor. Aber Alfred traute dieser Zustimmung nicht. Er spürte deutlich, daß Has sich sein zustimmendes Gelächter als bloßen Luxus gestattete, daß es sich bei ihm also um eine Prahlerei handelte, während aus den eigenen Worten verzweifelte Abwehr, vielleicht der Kampf des Ertrinkenden sprach.

Nein, es war unmöglich, daß Alfred und Eduard unbefangen miteinander umgingen. In den Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten, war der trennende Riß sogar noch gewachsen. Eduard Has schämte sich im geheimen vor Alfred für die Art, wie er den Krieg herumgebracht hatte. Die alte Olenschläger hatte auch hier Vorsorge getroffen, denn sie teilte seit langem die Erwartung vieler Menschen in Europa, daß ein neuer Krieg kommen werde. Unter anderem erwarb sie also Anteile einer Uhrenfabrik in der Schweiz, die, wie sich später herausstellte, der wichtigsten Schweizer Waffenfabrikation Zeitmesser lieferte. Eduard Has hatte mit gerade vierundzwanzig Jahren seinen Doktor der Volkswirtschaft erworben, als er seine Volontärsstelle in Genf antrat, und zwei Monate später befand sich das Deutsche Reich im Krieg mit Polen, Frankreich und England.

Alfred Labonté wurde damals Soldat, und er blieb es bis zur Niederlage und noch darüber hinaus, als es die Lagerhaft der Sieger auszuhalten galt. Er kehrte übrigens als Stabsgefreiter aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Darüber wurde allgemein der Kopf geschüttelt, denn der Krieg hatte die Erinnerung an den Napoleonischen Ausspruch vom Marschallstab im Tornister des einfachen Soldaten geweckt und vielfach bestätigt. «Wer nicht saudumm war oder ständig disziplinarische Schwierigkeiten hatte, der konnte der Beförderung überhaupt nicht entgehen», sagte Eduard Has, der von Genf aus «kriegswichtig», wie es hieß, gewaltet hatte. An der Intelligenz Alfred Labontés hegte niemand Zweifel, wenngleich man sah, wie wenig es ihm gelang, sie zu seinem Vorteil zu nutzen. Es waren vielmehr disziplinarische Verstöße ohne Zahl, die nicht nur jede Beförderung ausgeschlossen, sondern Alfred mehrfach in die Nähe eines Kriegsgerichtsverfahrens brachten. Seine Schmächtigkeit und die Uneigennützigkeit seiner Vergehen, außerdem eine nahezu geistesabwesende Verwegenheit, eine wahrhaft erschreckende Todesverachtung schufen ihm immer wieder Beschützer in seinen Vorgesetzten, die bedauerten, ihm nichts Gutes tun zu können, aber das Schlimmste manchmal in letzter Minute verhinderten. Alfred hatte den Krieg im Zustand äußerster innerer Anspannung, in einer fortgesetzten berauschten Erregung zugebracht, die ihren Grund und ihr Ziel nicht kannte. Als er aus dem amerikanischen Lager bei Bad Kreuznach halb verhungert entlassen wurde, täuschte ihn seine körperliche Gebrochenheit anfangs über das Erlöschen dieses Erregungszustandes hinweg, bis er nach langsamer Genesung der Einsicht nicht mehr ausweichen konnte, daß er sich selbst fremd geworden war.

Eduard Has, der damals beobachtet hatte, wie Alfred langsam durch die Schubertstraße ging und manchmal wie ein alter Mann stehenblieb, dachte dann an die Jahre in Genf, die glücklich und nützlich verlaufen waren. Er hatte kein Jahr versäumt, sondern war auf seiner Lebenspyramide – denn daß es immer bergauf ging, stand für ihn außer Zweifel – ein wichtiges Stück höher geklettert. Schon bei seiner Rückkehr merkte Fred Olenschläger, daß sein Vetter sich inzwischen beachtliche Kenntnisse, was die Geschäfte betraf, erworben hatte. Trotz der Katastrophe der Niederlage liefen immer noch einige Fäden aus dem zerstörten Europa in die heil gebliebenen Teile der Welt, und Eduard Has wußte, wo sie liefen und wie man daran zog. In Genf war das Leben weitergegangen, in Deutschland war es stehengeblieben, so befand Eduard, als er sich umsah, obwohl doch dort, wo das alte Frankfurt gestanden hatte, nun ein unabsehbares Ruinenfeld lag. Auch sein Elternhaus lag in Trümmern. Von dem prächtigen Gebäude mit seinen roten Rusticaquadern und girlandengeschmückten Pilastern stand nur noch die Haustür, die halb geöffnet zwischen Schuttbrocken festgeklemmt war und einen Teil des im Westend nahezu obligatorischen «Salve»-Mosaiks sehen ließ, und auch dieser Anblick erfüllte den wohlgenährten Heimgekehrten geradezu mit Mutwillen. Er war zufrieden mit dem Werk der feindlichen Flugzeuge und erklärte, das Haus ohnehin demnächst abgerissen zu haben. In der Schweiz hatte man alles anders gemacht als zu Hause. Man aß in Genf andere Speisen als in Frankfurt, tanzte zu anderer Musik, sammelte andere Kunst. Has war Skiläufer geworden und hatte ein halbes Jahr lang eine chilenische Geliebte. Anfangs verschwieg er, was er dachte, denn er fürchtete, taktlos zu sein, aber nach kurzem schon offenbarte er seinen ungläubigen Frankfurter Zuhörern, daß man die Niederlage vor allem als große Chance begreifen müsse. Dachte er auch an Alfred, der nicht wie er selbst auf einem Sack angenehmer und lehrreicher Erinnerungen thronte, sondern der besiegt und geschlagen war und die Neugier auf große Chancen verloren hatte? «Das wäre nicht nötig gewesen», sagten die braven Bürger, wenn Gastgeschenke überreicht wurden, und genauso empfand Eduard Has, daß es zwar gerecht sei, aber «nicht nötig» gewesen wäre, den armen Alfred so tief sinken zu lassen.

Alfred war indessen weit davon entfernt, sich als Opfer zu fühlen, und hätte bei der Vorstellung laut gelacht, daß er Eduard Has das Leben in Genf, während er selbst in den Schlammgräben lag, zum Vorwurf mache. Sich dreimal am Tag an einen mit zahlreichem Hotelsilber gedeckten Tisch zu setzen, um dort Coq au vin zu verzehren, erschien Alfred als eine Steigerung der Schrecken, die er zu Hause schon geflohen war. Er scherte sich nicht darum, ob man es gerecht nannte, daß er sechs Kriegsjahre lang, zum Teil auch durch seine eigene Schuld, fortwährend in Lebensgefahr geschwebt hatte, während Eduard Has in Genf das Wetter daraufhin prüfte, ob er am Wochenende Ski laufen könne. Gerechtigkeit war nicht das Prinzip, an dem er sich und Eduard Has gemessen hatte oder immer noch maß. Das wäre überhaupt das Allerpeinlichste gewesen, wenn er jetzt gekommen wäre, um sich über Eduard Has zu beschweren und ihn wegen Pflichtvergessenheit zu verklagen. Gerade eine Pflicht, welcher Art auch immer, wollte Alfred ja nicht anerkennen, wenn man von seiner eigenen, nur für ihn selbst geltenden Maßregel absah, sich gegen jedermann und um jeden Preis feindselig zu verhalten und jede aufkommende Gemütlichkeit augenblicklich zu zerstören. Viel schlimmer und peinigender als die Einsicht vieler verlorener Jahre quälte ihn der Verdacht, daß Has ihn bemitleide. Wie er sich bemühte, ein freundliches Gesicht zu machen und Alfred mit diesem Entgegenkommen anzustecken! Das war nicht das werbende Lächeln, mit dem Has als Knabe zu der Bande Alfreds hinübergesehen hatte, um seine Beflissenheit zu zeigen. Dies Verhältnis hatte sich verkehrt. Dies Lächeln enthielt einen doppelten Sieg, denn zu eben diesem Lächeln des Mächtigen herab zu dem Hilflosen war in der versunkenen und zugleich immer gegenwärtigen Zeit der Spiele auf dem Christusplatz Alfred ja keinesfalls bereit gewesen. Jetzt mußte er ertragen, daß man ihm ins Gesicht hinein den Liebenswürdigen spielte. Was hatte Eduard Has so stark gemacht?

Keiner von beiden hatte sich jemals wirklich eingestanden, welchen Anteil die erotische Eifersucht an ihrer Feindschaft besessen hatte. Diese Eifersucht auf Alfred aber, die mit Eduards Bild von sich selbst, seinen Lustvorstellungen, seinen Ängsten und seinem Abscheu eng verbunden war, ja, die eigentlich ein Abbild dieser verschiedenen Empfindungen darstellte, war in nichts zerfallen, als sich herumsprach, daß Alfred Labonté geheiratet habe. Zu den Hilfskräften der Familie Has gehörte eine bucklige Zwergin, die aus Schlesien nach Frankfurt gekommen und dort vom Wohnungsamt noch während des Krieges in das Haus Olenschläger eingewiesen worden war. Nach dem Untergang des Wohnhauses fuhr sie fort, der Familie Dienste zu leisten, arbeitete aber auch für einige Nachbarn, bei denen sie meist die Einfahrt und den Hof fegte und die äußere Treppe putzte. Man ließ sie ungern ins Haus, weil sie als Friedensstörerin galt und ohne erkennbaren Anlaß grob werden konnte. Aber obwohl ihre Kenntnisse über jedes Haus, für das sie arbeitete, nur auf den Hinterhof und den Kohlenkeller beschränkt waren, wurde sie doch zu einem Bindeglied zwischen den einzelnen Häusern und unterlief so die undurchdringlichen Schutzmauern der Privatheit. Diese Frau, die auf den kriegerischen Namen Scharnhorst hörte und die, was Zähigkeit und Kampfbereitschaft anging, ihrem Namen auch alle Ehre machte, trug die Nachricht von Alfreds Heirat, so unaufwendig sie auch stattgefunden hatte, in die übrigen Häuser der Schubertstraße und auch zu Eduard Has, den sie damals bereits in voller Übereinstimmung mit den Akten der Frankfurter Universität mit «Herr Doktor» anredete. Die Fräulein Labonté seien dagegen gewesen, berichtete die Scharnhorst. Kein Wunder, es handele sich um ein Mädchen aus dem Erziehungsheim. Sie kenne das Mädchen, und diese Bekanntschaft war für die Scharnhorst offenbar der beste Beweis für eine zweifelhafte Herkunft. «Die ist ja seinerzeit aufgegriffen worden», sagte die Scharnhorst und machte eine Pause, um diesem «Aufgegriffen» einen hinreichend fatalen Beigeschmack mitzugeben. Has gab sich ungläubig, um den Quell stärker sprudeln zu lassen. Er schätzte von jeher Gespräche mit Leuten wie Frau Scharnhorst, unterhielt sich auch häufig mit Herrn Herr, dem Heizer, der bei Alfred nur schweigsame Frühstücke gewohnt war, und erzählte genüßlich von den Äußerungen des Alteisenhändlers, eines riesenhaften Höhlenbewohners, dem er den brauchbaren Schrott, vor allem Heizungen und Bleirohre, die aus den Trümmern seines Elternhauses ausgegraben wurden, verkauft hatte.

«Wie sieht sie denn aus?» fragte Has und konnte gerade noch vermeiden, daß allzuviel innere Beteiligung aus seiner Frage klang. «Eine Motte», sagte Frau Scharnhorst, die ihren Schrubberstiel, der sie überragte, wie eine Lanze festhielt, wenn sie gesprächsweise Rast machte. Diese Äußerung schenkte Eduard Has jedoch keinen Frieden. Er glaubte, darin ein Zeugnis jener Befangenheit sehen zu müssen, die die Frauen befällt, wenn sie einander beschreiben sollen, und wandte sich enttäuscht von der Scharnhorst ab.

Sie hatte indessen nicht schlecht beschrieben, wie er später feststellte. Der kraftlose Flug der Motten und ihr kleiner Körper, der wie ein Stückchen Stroh ganz ohne Saft zwischen den Fingern zerfiel, wenn man sie zerdrückte, konnten einem schon einfallen, wenn man an das bleiche kleine Gespenst dachte, das Alfred Labonté geheiratet hatte. Eduard Has konnte sich überhaupt nicht beruhigen, als Herr Herr, der die Messingschilder des Klingelbrettes mit einem schwarzen Lappen abrieb, über die Straße zeigte und sagte: «Da drüben läuft die neue Frau Labonté», übrigens ohne jeden bösartigen Unterton. Für ihn war die Familie Labonté eine Institution wie ein Apfelbaum, der dicke und kümmerliche Äpfel trägt und dabei doch immer er selber bleibt. Die neue Frau Labonté war für Herrn Herr die unvorteilhafte Verkörperung von etwas Hochachtbarem, und außerdem fand er sie gar nicht so kläglich, sondern führte ihr trauriges Aussehen mit einem gewissen Recht auf ihre Schwangerschaft zurück. Auch Has sah, daß sie schon schwerfällig zu werden begann. Er stellte sich vor, wie sie später Alfred folgen würde, der den Kinderwagen schob, so wie man das jetzt häufig bei den jungen amerikanischen Soldatenehepaaren sah, die schlampige Soldatenfrau und den zur Kinderpflege abgerichteten, kurzgeschorenen Halberwachsenen.

Eduard Has war nach der Zerstörung des Olenschlägerschen Hauses ein paarmal im Westend umgezogen. Nach dem Tod seiner Mutter, als er sich schon mit Heiratsplänen trug, hatte er eine Wohnung gefunden, die ziemlich nahe bei dem Trümmergrundstück lag, wo in nächster Zeit ein Neubau errichtet werden sollte, und so kam es, daß er den Leuten aus der Gegend, soweit sie noch am Leben waren, wieder täglich begegnete. Alfred Labonté hinwiederum hatte Eduards Frau in dem Milchgeschäft beobachtet, das in den Ruinen eines Eckhauses eingerichtet worden war – auch auf den Olenschlägerschen Trümmern stand eine Zeitlang ein solches Büdchen.

Und wieder war es die Scharnhorst, die in die Verhältnisse einführte. Seitdem sie unter das Dach der Olenschläger geraten war, in die ersten sicheren Umstände ihres Lebens, war sie eine Art von feudaler Vasallin des Hauses Has geworden. Eduard Has ahnte von dieser Gefolgschaft nichts, denn er bezahlte sie nicht einmal für ihre Dienste. Das tat die «Verwaltung», deren rein juristische Körperlichkeit sich die Scharnhorst hinwiederum nicht vorstellen konnte. Im übrigen erfaßten ihre Augen und ihr Gefühl die Wirklichkeit oft überraschend richtig, und so erstreckte sie den Respekt, den die Fräulein Labonté bei ihr schon deshalb genossen, weil sie ihr so gut wie unsichtbar blieben, keineswegs auf Alfred, den sie häufig in seinem dunkelroten Bademantel vor der Kaffeetasse sitzen sah, wenn sie ihren Eimer in der Nähe der Kellertreppe mit Seifenwasser füllte. Der Instinkt sagte ihr, daß Leute, die ihrem Blick zugänglich waren, zum «Gesocks» gehörten, wie die Olenschläger sich ausgedrückt hätte. Es war deshalb, als wolle sie Alfred zurechtweisen, als sie ihm plötzlich zuzischte, die Dame an der Theke sei Frau Doktor Has. Die Scharnhorst übte ein selbstübernommenes Heroldsamt aus, zu dessen Pflichten es gehörte, Dorothée Has Respekt zu verschaffen. Das Zischen drang in jeden Winkel des reinlich nach Milch riechenden Ladens. Dorothée Has, die bezahlt hatte, hob verwundert ihren Kopf und betrachtete das Gesicht der Zwergin, das vor Eifer glühte. Daneben sah sie einen nachlässig gekleideten, knabenhaft mageren Mann, der errötet war und sie unwillig anschaute. Als sich ihre Blicke trafen, wandte er sich sofort ab. Er hatte aber genug gesehen, um sich nun in innerem Aufruhr zu befinden.

Es war nicht ihre Eleganz, die ihn beeindruckte, vielleicht, weil er niemals mit eleganten Frauen zu tun gehabt hatte. Er meinte sogar blitzartig festgestellt zu haben, daß auch Dorothée Has dem schwarzweißen Wollstoff ihres Kostüms nicht die mindeste Bedeutung beimaß. Sie war jung und hatte eine leicht bräunliche Haut. Ihre Hände sah er nicht, weil sie Handschuhe trug. Ihre Bewegungen hatten etwas Knappes und Sicheres, aber er war dennoch überzeugt, daß sie das Personal und die Kundschaft des Milchgeschäfts kaum wahrnahm. Entschiedenheit und Verträumtheit schienen sich bei ihr nicht widersprechen zu müssen. Alfred schämte sich bei dem Gedanken, daß sie ihn mit der Scharnhorst tuscheln sehen hatte. Die raschen Schritte, mit denen sie den Laden verließ, deutete er als Mißbilligung. Wenn diese Frau tadelte, so dachte er, dann machte sie sich einfach unsichtbar. Daß Eduard Has in den Besitz eines solchen Wesens gelangt war!

Alfred bemühte sich, keine Begehrlichkeit für die Frau seines Feindes zu empfinden. Er versuchte, sie wie eine Schwester zu betrachten, die gerade dadurch, daß sie ihm in ihrer Geistesart glich, besonders verwundbar und gefährdet war. Durch diesen Blick gelang es ihm tatsächlich, sich der wildfremden Frau eng verbunden zu fühlen. Und seine Empfindung wuchs noch, als Tante Mi eine Bemerkung machte, die eigentlich auf ihn zielte: Die jungen Leute aus den guten Familien gingen heutzutage wohl alle unpassende Verbindungen ein. Der Erbe des Olenschlägerschen Vermögens habe unbedingt eine geschiedene Schweizerin heiraten müssen. Ausländerin war Eduards Frau also, Pech gehabt hatte sie wohl auch, und gewiß war sie einsam gewesen. So kombinierte Alfred, um sich im selben Augenblick, wie immer, wenn seine Gedanken sich in allzu wohlige Bezirke verirrten, für seine süßen Träume zu verachten.

Eine peinliche Begegnung dauert für die Beteiligten eine Ewigkeit. Für die Frauen, die Alfreds und Eduards Gespräch hinter den Gardinen verborgen beobachteten, ein in der Schubertstraße nicht ungewöhnlicher Zeitvertreib, blieb sie ein flüchtiger Augenblick, kaum länger, als wenn sich eine Amsel auf dem eisernen Weinblatt eines Vorgartengitters niederläßt, um gleich wieder weiterzufliegen. Auch Alfred schob schon in der Straßenbahn alles, was er gehört, gesagt und gedacht hatte, in den großen Sack, in dem, so hatte er sich geschworen, einmal sein ganzes Schubertstraßen-Westend-Leben landen sollte. Noch bevor er den Main sah, entdeckte er den ersten Möwenflügel am dunklen Himmel. Er fühlte Sympathie mit diesen Vögeln, die über dem Meer einsame Räuber und tollkühne Flugkünstler gewesen waren und nun an diesem gezähmten Fluß das Brot auffingen, das ihnen alte Frauen zuwarfen. Sie machten nicht den Eindruck, als ob sie sich schämten. Sollte man von ihnen lernen oder sollte man seine Schmach pflegen, frisch erhalten und niemals an ihr zu leiden aufhören? Was war edler? Alfred ärgerte sich, daß ihm das Wort «edel» in die Quere gekommen war, das der Vergessenheit anheimzufallen hatte.

Im Treppenhaus der Tanten hing ein großes Gemälde, «Der Aufbruch des Ritters von Cronberg ins Heilige Land», nicht gut beleuchtet, erst recht nicht bei schönem Wetter, wenn rote und blaue Lichter von den bunten Glasscheiben des Treppenhausfensters darauf lagen. Alfred wußte, daß dieses Bild einmal große Macht über seine Phantasie besessen hatte. Der Abschied des Kreuzfahrers war in dem Moment geschildert, der dem unmittelbaren Aufbruch voranging und in dem einen Lidschlag lang vollständiger Frieden herrschte. Dieser Frieden schuf eine Insel in dem Ablauf der Geschichte. Man konnte sich vorstellen, daß der junge Ritter plötzlich erwachte, vom Pferd stieg und das Mädchen, das, von der Verzweiflung der Trennung erschöpft, an der Mauer lehnte, an die Hand nahm und mit ihr ins Haus zurückging. Ebenso möglich war, daß das Geplante und nun in diesem Augenblick schon nicht mehr Gewollte dennoch seinen Lauf nahm. Dieses Schweigen und Atemholen war vieldeutig, und im Betrachten wuchs die Hoffnung, daß es ewig dauere. Für den Maler hatte es diese Ewigkeit gegeben, und im dunklen Treppenhaus der Schubertstraße, mit seinen dicken Läufern, dem ungewissen Licht, den falschen blauweißen Delfter Vasen und den vielen geschlossenen Türen, wohnte sie gleichfalls. Wie stark sie war, solange man in ihrem Bann stand, und wie nichtig, wenn man sie verlassen hatte! Unten auf der Flußinsel sah er den alten Mann, der die Tür des Schuppens lackierte.

Das Kanu stand wie immer in der dunkelsten Ecke, und nun waren über den Winter auch noch ein paar lange Ruderboote davorgeschoben worden. «Ja, wenn Sie doch nur Bescheid gesagt hätten!» sagte der alte Mann, dem immer die Augen etwas tränten. «Sie wissen, wir sind hier nicht Herr im eigenen Haus. Es wird Zeit, daß die ‹Germania› wieder ihren eigenen Schuppen hat. Ich will der ‹Eintracht› nichts Böses nachsagen, denn jeder muß halt sehen, wo er bleibt …» Alfred hörte dieses Jammern, ging an dem Hausmeister vorbei und begann die Hindernisse wegzuräumen. «Ja, der Vereinsgeist von damals, als ein Wilhelm Labonté das alte Clubhaus gebaut hat!» sagte der alte Mann, der Alfreds Vater nie anders als «einen Wilhelm Labonté» nannte. Der unbestimmte Artikel bezeichnete für ihn den großen Mann noch zutreffender als das schmückendste Beiwort. «Heut will jeder nur rudern, alle wollen sie rudern – aber niemand will für die Germania gradstehen. Bei der Eintracht ist es noch schlimmer, ein Trauerspiel», sagte der alte Mann, während Alfreds Gegenwart sich nur durch das hohle Poltern mächtiger hölzerner Körper aus dem Dunkel nach draußen hin mitteilte. Alfreds Erscheinen löste eine greisenhafte Betulichkeit in dem Hausmeister aus, und so fuhr er denn auch in warnendem Ton fort: «An Ihrer Stelle würde ich heute aber nicht aufs Wasser gehen! Es hat schon ein paar Tropfen gegeben!» – «Sie streichen doch auch!» rief Alfred aus dem Schuppen heraus. Drinnen fiel ein langes Boot, das Alfred mit aller Kraft angehoben hatte, mit schwerem Schlag um. Eine lange Stange knallte auf den Boden.

«Was machen Sie nur? Das sind die Eintracht-Boote!» rief der Hausmeister ängstlich, weil er Ärger befürchtete. Mit schlurfenden Geräuschen zog Alfred sein Kanu aus dem Haus. Er war in Schweiß geraten, auf seiner Stirn klebte ein staubiges Stück Spinnengewebe. «Und wer bringt jetzt alles wieder in Ordnung? Ich bin allein hier!» sagte der Hausmeister in seinem klagenden Ton. Die jungen Leute waren Wahnsinnige. Er war der letzte Bürge der Vernunft und der Rücksicht. Zugleich überwältigte ihn aber seine Schwärmerei für alles Jugendliche, und so stand er denn, den Pinsel in der Hand, dabei, als der Junge sein Kanu packte, ohne sich um die Fragen und Aufforderungen des alten Mannes auch nur mit einem Blick zu kümmern. Zum Schluß zog Alfred seine Trainingshose aus und wickelte sie zu einem festen kleinen Bündel zusammen. Vor der grauen Kühle des Himmels stachen seine Beine mit ihrer winterlich weißen Haut erschreckend nackt ab. Er schien überhaupt nicht zu frieren und verfuhr beim Verstauen und Packen planvoll und nach den Regeln der Kunst. «Wohin soll’s denn gehen?» fragte der Hausmeister, der selbst niemals Boot gefahren war, obwohl er sein Leben im Clubhaus verbracht hatte.

«Wo das Wasser sauber wird», sagte Alfred, ohne aufzusehen. Die Badeanstalten des Flusses waren gerade geschlossen worden. Zu viel Unrat schwamm neuerdings herum, aber hinter Hanau und den Fabriken bekam das Wasser plötzlich einen gesünderen Geruch und wurde an den Ufern nahezu durchsichtig, wenn es eine Weile nicht geregnet hatte.

«Zum Schwimmen ist aber heut erst recht kein Tag!» sagte der Hausmeister. «Ich hab’ ja noch meine Weste an», und er knöpfte den Kittel auf, um die dunkelgrau gestrickte Wolle vorzuzeigen.

«Schlaf schön!» sagte man am Abend in der Schubertstraße. Am Morgen erkundigte man sich dann, ob man tatsächlich wunschgemäß «schön» geschlafen habe. «Guten Appetit!» hieß es vor dem Essen. Nach dem Essen fragte man, ob es «geschmeckt» habe, und sprach sodann von einer «gesegneten Mahlzeit», ohne sich darum zu kümmern, von woher eigentlich der Segen kommen sollte und was unter Segen überhaupt zu verstehen war. Wurde man krank, dann gab es dafür ganz bestimmte Gründe: Man hatte die Mütze nicht aufgesetzt, die Handschuhe nicht angezogen, Kirschen gegessen und Wasser getrunken, und wenn man nun vernünftig war, dann folgte unfehlbar die schon vorher beschworene «Gute Besserung». Alfred wurde klar, daß man die Welt, die er haßte, vollkommen durch die menschenfreundlichen Wünsche, die in ihr ausgetauscht wurden, beschreiben konnte. Da stand der Hausmeister mit seiner Angst vor dem Schnupfen wie ein letzter Sendbote der Schubertstraße mit ihrer erstickenden Fürsorglichkeit, und doch sprach aus dem alten Mann nur die Sentimentalität, nicht aber die viel bedrohlichere Kraft und Festigkeit der Tanten. Zugleich fühlte Alfred, wie weit seine Familienwelt schon hinter ihm lag.

In der Nähe der Brückenmühlinsel schwamm ein Schwanenpaar, das in einem Hüttchen auf der Insel nistete. Alfred kannte die Stärke dieser Vögel, seitdem in seiner Kinderzeit ein wütender Schwan flügelschlagend und fauchend auf ihn losgegangen war. Von daher packte ihn immer noch ein Schreck, wenn er die Schwäne vom Kanu aus auf sich zugleiten sah. Jedesmal aber überwand er dieses Angstgefühl und hielt sogar noch auf die Schwäne zu, bespritzte sie mit seinem Paddel und versuchte, sie mit dem Boot zu berühren, und jedesmal schwammen sie mit einem entrüstet klingenden Husten aus den langen Hälsen geschmeidig davon, als hätten sie ihre Überlegenheit vergessen.

Heute jedoch warf er nur einen zerstreuten Blick auf die Schwäne, als er das Kanu ins Wasser ließ, mit nackten Füßen nachplatschte und den Balanceakt des Einsteigens in seinen Fischschwanz vollzog. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie zu ärgern. Mit zwei Paddelschlägen war er über sie hinausgeschossen, und dabei erfüllte ihn ein solches Glücksgefühl, daß er sogar dem alten Hausmeister noch einen Gruß zuwinkte.

Alfred ging seine Fahrt ruhig an, als liege alle Zeit der Welt vor ihm. Trotz der drückenden Wolkendecke wehte ein sauberer, trockener Wind von Westen und schob ihn ein wenig vor sich her. Das Mainufer, wo der Dom stand, bot einen sonderbaren Anblick, wenn man noch die alte Mainfront mit ihren klassizistischen Palais gekannt hatte. Die Trümmer waren weitgehend beseitigt, und der Domturm sah mit seinem schön gegliederten Sandsteinkörper wie früher aus den niedrigen Häusern hervor, aber die Häuser selbst, anspruchslose, neue Baukastenkonstruktionen, leicht und billig, gaben der Front ein unwirkliches Aussehen. Man fand viele Details, die den Eindruck einer gewachsenen alten Stadt beschworen, doch dann glitten die Augen über diese unstabile Kulissenwelt, ohne an etwas wirklich Festem ihren Halt zu finden. Das erste reale Bauwerk war die Ruine der Rothschildschen Bibliothek, ein Säulenportikus, der nun ins Leere führte und auf Grund einer Lücke im Wiederaufbauplan der Stadtverwaltung noch nicht abgeräumt worden war. Dann begannen die ausgedehnten Hallen des Großmarktes und die Docks des Osthafens, schwärzliche Backsteinbauten und Blechhütten, ein Gelände, das viel altertümlicher wirkte als das verwüstete mittelalterliche Herz der Stadt und in dem Alfred sich aus den Schwarzmarktzeiten gut auskannte. Hier fühlte er sich klein in seinem Kanu, und hier galt es auch aufzupassen, daß man nicht einem größeren Schiff vor die Bugwelle lief. Silos und Kohlenberge auf dieser Seite des Flusses, aber auf der anderen begannen schon Wiesen und Kleingärten und große Gärtnereien für Gemüse, Kräuter und Salat. Hier lag auch, von hohen Kastanien umgeben, die Gerbermühle, das einstige Landhaus der Familie Willemer, heute eine Gartenwirtschaft für Apfelwein und Pflaumenkuchen, ein Ziel jener kleinen Dampfer, die vom Eisernen Steg Ausflugsgäste heranbrachten.

Alfred erinnerte sich genau an das schlichte alte Haus und an schwüle Sommernachmittage mit Wespen und aufziehenden Gewittern. Sein Vater sprach an einem der Gartentische mit Zufallsbekanntschaften, während er selbst im Kies spielte oder am Fluß den Anglern zusah. Die Erinnerung war für sich gesehen nicht unangenehm. Sie war ein Bildchen, das aus dem Strom vorbeigerauschter Zeit schwach und harmlos herausragte, und enthielt eigentlich den freundlicheren Teil seines Lebens, in dem das Zeitvergeuden noch nicht mit den Gefühlen der Reue verbunden war. Und zugleich lag darin auch wieder ein Irrtum, denn es gelang eigentlich niemals, einzelne Szenen aus der Vergangenheit herauszulösen. Immer hing ein Leporello peinigender Erinnerungen daran und erregte den ganzen Schauder, der Alfred ergriff, wann immer er über sein Leben nachdachte.

Die Biegung, die der Main bei Fechenheim macht, läßt ihn wie einen breiten Strom erscheinen, in dem es neben der Hauptströmung auch Gegenströmungen und ganz stille Wasserflächen gibt. Bald danach aber, wenn rechts und links flaches Wiesenland mit Apfelbäumen den Fluß einzufassen beginnt, verliert er wieder diese Mächtigkeit und fügt sich friedlich in die bäuerliche Gartenlandschaft ein. Bei Rumpenheim gibt es eine Fähre, die an einem Seil durch die Strömung über den Fluß getrieben wird. Sie hält keinen Fahrplan ein, sondern wird nur in Bewegung gesetzt, wenn man dem Fährmann zuwinkt. Bis zu einer Entenjagd – einer unsinnigen riskanten Unternehmung mit einem amerikanischen Armeerevolver – hatte Alfred in dem Häuschen dieses Fährmanns, der außerdem eine Fischzucht betrieb, manchmal gebratene Weißfische oder ein Stück Schleie gegessen. Danach traute er sich nicht mehr dorthin, obwohl er den Mann im Verdacht hatte, sich auch nicht sklavisch an jedes Gebot zu halten. Aber solche Leute waren eigenartig. Der Fährmann glaubte womöglich, seine Wildereien seien so lange Rechtens, wie er darüber wachte, daß sich kein Nachahmer fand. Alfred war sich in diesem Augenblick bewußt, wie unerhört fremd ihm die meisten, nein, eigentlich alle Menschen waren.

Während des Krieges waren ihm immer wieder Soldaten und Offiziere begegnet, die ihm Sympathie entgegenbrachten, aber es war keine einzige Freundschaft daraus entstanden. Manchmal glaubte er, nicht die gleiche Sprache wie die ihn umgebende Menschheit zu sprechen. Es sprach für seinen Gerechtigkeitssinn, daß er zu ergründen suchte, welche Eigenschaft seiner beiden Tanten Mi und Tildchen, die ihn und nun auch seine schwangere Frau bei sich in ihren ganz auf ihre eigene Lebensform eingerichteten Haushalt aufgenommen hatten, ihm eigentlich am unerträglichsten vorkam, und er mußte sich eingestehen, daß ihm nichts Nennenswertes einfiel. Seine Tanten waren ältliche, bürgerliche Damen, die ihr Leben in einer bestimmten Ordnung verbrachten. Aber war diese Ordnung ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit oder nur etwas Vorgefundenes, das ihnen zu unbedeutend vorkam, um sich die Mühe zu machen, es abzuschaffen? Tante Tildchen lebte mit ihren Blumen und düngte, topfte um und goß. Sie schnitt den Rosenstock im Hof und deckte ihn im Winter mit Stroh gut zu. Er hatte sie aber auch beobachtet, wie sie sich diesem Rosenstock, der in dem schattigen Hof zu wenig Sonne bekam, um viele Blüten hervorzubringen, mit ihrer Gartenschere behutsam näherte und die einzige Rose, die seine Kräfte herausgetrieben hatte, abschnitt. Alfred entdeckte sie später vor der Fotografie seines Großvaters im schwarzgetäfelten Herrenzimmer, wo sie innerhalb eines Tages schon Blätter hatte fallen lassen. Tante Mi, der Alfred die Intelligenz nicht absprechen konnte, las außer der Zeitung, und zwar von den bürgerlichen Frankfurter Blättern das eher Anspruchslose, überhaupt nichts, rührte jedenfalls keines der Bücher aus dem hohen, mit grünen Seidengardinen versehenen Bücherschrank ihres Vaters an und kaufte in der Zeit, in der Alfred bei ihr lebte, kein einziges Buch dazu. Über dem Leben in der Schubertstraße lag eine schwere Stille wie das Moltontuch, das auf dem Eßtisch die Teller leicht in der Tischdecke einsinken ließ. Jedes Tellerklappern, jeder Satzfetzen, den ein Luftzug aus einem Nachbarhaus hereinwehte, wirkte fast wie eine Indiskretion, als habe alles Leben sich verborgen zu halten. Lange Stunden des Tages lagen die von der Familie «Gesellschaftsräume» benannten Zimmer leer da, als wolle man das Mobiliar bei seiner wispernden Zwiesprache nicht stören. Wenn man aus dem Fenster sah, filterte ein alter Fliederbaum den geraden Blick auf die Straße. Auch die Hortensien des Vorgartens waren im feuchten Schatten schon zu ballonhaften Büschen angewachsen, deren Blätter die Fenstersimse des Parterres berührten. Dann kamen die