Die 21 - Martin Mosebach - E-Book
Beschreibung

Im Frühjahr 2017 reiste Martin Mosebach nach Ägypten. Er besuchte im Dorf El-Or die Familien der 21 koptischen Männer, die zwei Jahre zuvor von IS-Terroristen an einem Strand in Libyen ermordet worden waren. Er saß in Empfangszimmern, durch die die Schwalben flogen, und machte sich ein Bild: von den Madonnenbildern und Jesus-Porträts an den Wänden, den grob geschreinerten Reliquienschränken, von einer Lebenswelt, in der alles die Spiegelung oder Erfüllung biblischer Vorgänge ist. Immer wieder wurde ihm, umgeben von Kindern, Ziegen, Kälbern, auf einem iPad das grausame Propagandavideo des IS vorgeführt; er staunte über den unbefangenen Umgang damit. Von Rache war nie die Rede, sondern vom Stolz, einen Martyrer in der Familie zu haben, einen Heiligen, der im Himmel ist. So erscheinen Die 21 auf den neuen Ikonen gekrönt wie Könige.
Martin Mosebach hat ein Reisebuch geschrieben über seine Begegnung mit einer fremden Gesellschaft und einer Kirche, die den Glauben und die Liturgie der frühen Christenheit bewahrt hat – der «Kirche der Martyrer», in der das irdische Leben von der himmlischen Sphäre nur wie durch ein Eihäutchen geschieden ist. Er traf den Bischof und die koptischen Geistlichen der 21 Wanderarbeiter, besuchte ihre Kirchen und Klöster. In den Zeiten des Kampfes der Kulturen sind die Kopten als Minderheit im muslimischen Ägypten zu einem politischen Faktor geworden – und zu einer Art religiösen Gegengesellschaft. Damit ist dieses Buch auch ein Bericht aus dem Innenleben eines arabischen Landes zwischen biblischer Vergangenheit und den Einkaufszentren von Neu-Kairo.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:250


Martin Mosebach

Die 21

Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Im Frühjahr 2017 reiste Martin Mosebach nach Ägypten. Er besuchte im Dorf El-Or die Familien der 21 koptischen Männer, die zwei Jahre zuvor von IS-Terroristen an einem Strand in Libyen ermordet worden waren. Er saß in Empfangszimmern, durch die die Schwalben flogen, und machte sich ein Bild: von den Madonnenbildern und Jesus-Porträts an den Wänden, den grob geschreinerten Reliquienschränken, von einer Lebenswelt, in der alles die Spiegelung oder Erfüllung biblischer Vorgänge ist. Immer wieder wurde ihm, umgeben von Kindern, Ziegen, Kälbern, auf einem iPad das grausame Propagandavideo des IS vorgeführt; er staunte über den unbefangenen Umgang damit. Von Rache war nie die Rede, sondern vom Stolz, einen Martyrer in der Familie zu haben, einen Heiligen, der im Himmel ist. So erscheinen die 21 auf den neuen Ikonen gekrönt wie Könige.

Martin Mosebach hat ein Reisebuch geschrieben über seine Begegnung mit einer fremden Gesellschaft und einer Kirche, die den Glauben und die Liturgie der frühen Christenheit bewahrt hat – der «Kirche der Martyrer», in der das irdische Leben von der himmlischen Sphäre nur wie durch ein Eihäutchen geschieden ist. Er traf den Bischof und die koptischen Geistlichen der 21 Wanderarbeiter, besuchte ihre Kirchen und Klöster. In den Zeiten des Kampfes der Kulturen sind die Kopten als Minderheit im muslimischen Ägypten zu einem politischen Faktor geworden – und zu einer Art religiösen Gegengesellschaft. Damit ist dieses Buch auch ein Bericht aus dem Innenleben eines arabischen Landes zwischen biblischer Vergangenheit und den Einkaufszentren von Neu-Kairo.

Über Martin Mosebach

Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, war zunächst Jurist, dann wandte er sich dem Schreiben zu. Seit 1983 entstanden zahlreiche Romane – etwa «Der Nebelfürst», «Das Beben», «Der Mond und das Mädchen», «Was davor geschah» und «Mogador» –, dazu Erzählungen, Gedichte, Libretti und Essays über Kunst und Literatur, über Reisen, über religiöse, historische und politische Themen. Dafür hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, etwa den Heinrich-von-Kleist-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, den Georg-Büchner-Preis und die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Er ist Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung, der Deutschen Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Martin Mosebach lebt in Frankfurt am Main.

Tafel der einundzwanzig koptischen Martyrer vom 15. Februar 2015

Tawadros Youssef Tawadros, geb. am 16. September 1968 in El-Or, Samalout

Magued Seliman Shehata, geb. am 24. August 1973 in El-Or, Samalout

Hany Abd el Messiah, geb. am 1. Januar 1982 in El-Or, Samalout

Ezzat Boushra Youssef, geb. am 14. August 1982 in Dafash, Samalout

Malak (der Ältere) Farag Ibrahim, geb. am 1. Januar 1984 in al-Subi, Samalout

Samuel (der Ältere) Alham Wilson, geb. am 14. Juli 1986 in El-Or, Samalout

Malak (der Jüngere) Ibrahim Seniut, geb. am 9. September 1986 in El-Or, Samalout

Luka Nagati Anis, geb. im Januar 1987 in Mashat Manqatin, Samalout

Sameh Salah Farouk, geb. am 20. Mai 1988 in Menqarios, Samalout

Milad Makin Zaky, geb. am 1. Oktober 1988 in El-Or, Samalout

Issam Baddar Samir, geb. am 15. April 1990 in El-Helmeya

Youssef Shoukry Younan, geb. am 2. Juni 1990 in El-Or, Samalout

Bishoy Stefanos Kamel, geb. am 4. September 1990 in El-Or, Samalout

Samuel (der Jüngere) Stefanos Kamel, geb. am 26. November 1992 in El-Or, Samalout

Abanub Ayat Shahata, geb. am 22. Juli 1991 in El-Or, Samalout

Girgis (der Ältere) Samir Megally, geb. am 1. Oktober 1991 in Samsum, Samalout

Mina Fayez Aziz, geb. am 8. Oktober 1991 in El-Or, Samalout

Kiryollos Boushra Fawzy, geb. am 11. November 1991 in El-Or, Samalout

Gaber Mounir Adly, geb. am 25. Januar 1992 in Menbal, Matay

Girgis (der Jüngere) Milad Seniut, geb. am 17. Dezember 1992 in El-Or, Samalout

Matthew Ayariga, aus Ghana

 

Anmerkung zu den Namen: Die ägyptische Tradition kennt nicht den Nachnamen, wie er im Westen üblich ist. Die Namen setzen sich zusammen aus dem Eigennamen, dem Vater- und dem Großvaternamen. Bei über die Landesgrenzen hinaus bekannten Persönlichkeiten wird aber oft der Vatername wie ein westlicher Nachname gebraucht.

1Der Kopf des heiligen Kiryollos

Das Bild auf der Titelseite einer Zeitschrift hat mich angezogen: Es zeigt den Kopf eines jungen Mannes, eines Südländers offensichtlich, der von ein wenig orangefarbenem Stoff umgeben ist. Ein magerer Junge mit bräunlicher Haut, tiefem Haaransatz und nicht sehr dichtem Schnurrbart, die Augen halb geschlossen; die schmalen Lippen sind leicht geöffnet und lassen ein bißchen von den Zähnen sehen. Das ist kein Lächeln, eher ein Zeichen tiefer Entspannung, in der sich der Mund unwillkürlich öffnet zu einem Atemzug oder einem Seufzer.

Aber der Bildausschnitt, so entdeckte ich dann, hatte mich in die Irre geführt. Ich hatte nicht gleich verstanden, daß der Kopf vom Körper abgetrennt war. Denn den Zügen ist nicht abzulesen, daß dieser Mensch Gewalt erlitten hatte – wenn sich das Gesicht während der Enthauptung verkrampft haben sollte, wenn Schmerz und Angst darauf sichtbar geworden waren, dann hatten sich diese Zustände unmittelbar nach dem Tod schon wieder verflüchtigt.

Das Bild zeigt den Augenblick kurz nach dem Verbrechen. Es stammt aus einem Video, das von den Mördern selbst aufgenommen worden war, um ein Dokument von ihrer Tat zu schaffen und damit in der ganzen Welt Schrecken zu verbreiten. Nur ist das Bild, aus der Folge herausgelöst, zunächst nicht schreckenerregend. Dies war noch nicht der Kopf eines Toten. Nach der Enthauptung schien es bei ihm noch ein winziges Verweilen von Bewußtsein und Wärme gegeben zu haben, einen Ewigkeitsmoment aus Traum und Schlaf, in dem die Endgültigkeit des soeben Geschehenen vielleicht schon gar nicht mehr wichtig war. Die Zerschneidung der Lebensbahnen in ihrer Grausamkeit hatte schon einen neuen Zustand erzeugt, in dem alles Vergangene zurücktrat. Die ganze Existenz des jungen Mannes war jetzt in seinem Kopf versammelt, sehr bald schon würde sie daraus entwichen sein, aber in der im Bild festgehaltenen Sekunde schien dieses abgeschlossene Leben noch einmal greifbar.

Inzwischen kenne ich seinen Namen. Er hieß Kiryollos Boushra Fawzy, geboren am 11. November 1991 in dem oberägyptischen Dorf El-Or in der Diözese Samalout. Sein Namenspatron war der heilige Cyrill von Alexandrien, der im fünften Jahrhundert auf dem Konzil von Ephesus erheblich Anteil daran hatte, der Mutter Jesu das Prädikat «Theótokos», das heißt Gottesmutter, zu erwirken. Aber anders als Cyrill von Alexandrien hat Kiryollos zu Lebzeiten in der Öffentlichkeit Ägyptens nicht die bescheidenste Rolle gespielt. Er war einer der viel zu vielen, die im eigenen Land keine Arbeit finden. Das hinderte nicht, daß er nun gleich seinem hohen Patron zu den Heiligen der koptisch-orthodoxen Kirche zählt. Nur zwei Wochen nach dem Massaker hat Tawadros II., der Papst der Großen Stadt Alexandria, seinen Namen in das «Synaxarium», das liturgische Verzeichnis der koptischen Martyrer, aufgenommen; sein Bild wird auf Ikonen verehrt.

In dem Video vom 15. Februar 2015, das seine Hinrichtung und die seiner zwanzig Gefährten zeigt, habe ich ihn dann lebendig gesehen. Er kniet in aufrechter Haltung vor seinem Henker. Er wirkt gelassen; sein Blick scheint in einer eigentümlichen Unbeteiligtheit auf den vor ihm liegenden Strand gerichtet, als wolle er ihn in allen Einzelheiten noch einmal in sich aufnehmen. Und inzwischen besitze ich auch ein Paßbild von ihm, wohl von 2009. Kiryollos war damals Soldat, sein schwarzes Filzbarett trägt den Blechadler mit den schwarz-weiß-roten Farben der ägyptischen Republik. Die En-face-Aufnahme zeigt, daß sein linkes Augenlid gelähmt war und das Auge halb verdeckte; bei der Musterung hat das offenbar nicht gestört. Auch auf diesem Bild ist ein bißchen von den Zähnen zu sehen, obwohl die Lippen geschlossen sind.

Die Geschichte des Christentums verzeichnet viele Enthauptungen. Der abgeschlagene Kopf Johannes’ des Täufers, des Vorläufers Jesu, erscheint auf vielen alten Gemälden und Mosaiken, die ein Gegenstand der Kunstbetrachtung geworden sind. Der Täufer wurde noch vor der Kreuzigung Jesu enthauptet; sein Kopf fiel durch die Laune einer erzürnten Königin. Ihm folgte der Apostel Paulus, der seine Enthauptung als Privileg eines römischen Bürgers fordern durfte; so blieb ihm der den Sklaven vorbehaltene Foltertod erspart. Danach sind viele Köpfe für den Glauben an Jesus Christus abgeschlagen worden, und zwar auch in Ländern der Christenheit – man denke nur an Thomas Morus in England unter König Heinrich VIII. oder an den von der russischen Orthodoxie heiliggesprochenen Alexander Schmorell als Mitglied der Weißen Rose im Zweiten Weltkrieg.

Und doch sind diese Gestalten sehr weit von uns weggerückt, sie gehören zu einer anderen, uns kaum mehr verständlichen Zeit. Die grausame Art ihres Todes und die Festigkeit, ja Sturheit im Bekenntnis ihres Glaubens scheinen einander zu entsprechen und sind uns gleichermaßen unheimlich. Hat die westliche Welt mit ihrer Bereitschaft zu Diskussion und Dialog solche lebensfeindlichen Gegensätze nicht längst überwunden? Wir leben in einer Zeit strikter Privatisierung der Religion und wollen sie der säkularen Gesetzlichkeit unterworfen sehen. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsensus der Ablehnung von Missionierung und Glaubenseifer. Hat all das den erbarmungslosen Alternativen von Glauben und Tod, Verrat des Glaubens und Leben nicht ein Ende bereitet?

Aber das Photo des abgeschnittenen Kopfes von Kiryollos und das Video, das die abgeschnittenen Köpfe seiner Gefährten zeigt, sind erst wenige Jahre alt. Was bedeutet dieser Anachronismus? Sollte er ein Zeichen dafür sein, daß unsere Vorstellung von historischer Entwicklung eine Täuschung war? Daß Martyrium und Christentum in jeder Epoche der Geschichte zusammengehören und daß es Martyrer so lange geben wird, wie es Christen gibt?

Der Kopf auf dem Titelblatt der Zeitschrift ließ mich nicht los. Viele Leser hatten sich darüber empört, wie mir ein beunruhigter Redakteur erzählte, als ich mich nach dem Bild erkundigte. Aber ich wollte es bei mir haben – ich schnitt es aus und habe es viele Male lange betrachtet.

Kiryollos war der erste der Getöteten, der für mich aus der Anonymität heraustrat. Die einundzwanzig am Strand nahe der libyschen Hafenstadt Sirte Enthaupteten werden immer als Gruppe aufgefaßt, wie im jungen Christentum die Martyrer der Thebaischen Legion, die gleichfalls aus Ägypten kamen. Nur einer von ihnen war kein Kopte, sondern stammte, wie man inzwischen weiß, aus dem westafrikanischen Ghana. Weil die Kopten ihn seit seinem Tod aber als einen der ihren ansehen, will auch ich auf den folgenden Seiten stets von den «Einundzwanzig» sprechen.

Das Volk der Kopten und sein aus der apostolischen Frühzeit getreu bewahrtes Christentum ist im Westen nur wenig bekannt. Eine von jeher gepflegte Arroganz der lateinischen Kirche gegenüber den orientalischen Christen, die sich der Unterordnung unter Rom entziehen, hindert gerade Katholiken bis heute, den Blick auch nach Osten zu wenden. Es war kurz nach der Enthauptung der Einundzwanzig, daß ich einem deutschen Kardinal begegnete. Ich fragte ihn, warum die katholische Kirche das Glaubenszeugnis dieser Männer nicht feierlich herausstelle, wie es die alte Kirche immer mit den Martyrien gehalten habe. «Aber das sind doch Kopten!» antwortete er. Ich nenne den Namen dieses Kirchenfürsten nicht, weil ich seine hilflosen Worte kaum als eine persönliche Äußerung verstehe. Sprach er nicht aus, was viele seinesgleichen so ähnlich empfunden hätten? Damals faßte ich den Entschluß, über die Kopten und im besonderen über die Einundzwanzig mehr erfahren zu wollen.

Wie konnte ich ihnen näherkommen und etwas von ihrem Leben, ihrer Herkunft, den Umständen ihres Aufwachsens kennenlernen? Von vielen Blutzeugen der Vergangenheit wissen wir nur Ungenaues über die Einzelheiten, die mit ihrem Tod verbunden waren; die trockenen Zusammenfassungen des Martyrologium Romanum, des römischen Heiligenverzeichnisses, sind erst von der christlichen Kunst zu erlebbarer Gegenwärtigkeit ausgestaltet worden. Das ist anders bei den Einundzwanzig: Von ihrer Passion gibt es nicht nur ein Video; dieses Video hat vielmehr nach Absicht und Wirkung durchaus den Charakter eines Kunstwerks, wenn auch eines besonders abscheulichen – es ist Dokument und ästhetisch inszeniertes Machwerk in einem. Eine solche Ausweitung des Kunstbegriffs mag fatal erscheinen, aber muß man nicht zugeben, daß das Video effektvoll, sorgfältig choreographiert und farblich überlegt gestaltet ist? Wird nicht auch anderswo die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit gefährlich verwischt? Das Unwirklichwerden der Welt hat bei manch einem den Hunger nach dem Authentischen geweckt – ist es da nicht eine willkommene Steigerung, wenn das Blut, das im Schauspiel fließt, echt ist?

So hätten die Einundzwanzig mit den Worten des Apostels Paulus sagen können: «Wir sind ein Schauspiel für die Welt geworden, für Engel und Menschen.» Aber bevor sie für Gott und die Welt ein solches Schauspiel wurden, haben sie das unbeachtete Leben armer Bauern geführt. Aus dem Nachhinein betrachtet, ist das nichts anderes als die Vorbereitung auf ihr Martyrium gewesen. Ließ sich in ihren Heimatdörfern noch etwas davon erahnen? Deshalb bin ich im Februar und März 2017, zwei Jahre nach dem Massaker, nach Oberägypten gereist, von wo sie auf Arbeitssuche nach Libyen aufgebrochen waren.

2Worüber ich nicht schreibe und worüber ich schreibe

Die einundzwanzig koptischen Wanderarbeiter wurden an einem libyschen Strand geköpft, nachdem der Anführer der Mörder den «barmherzigen Gott» angerufen hatte; das Video, das die Ermordung dokumentiert, bezeichnet sich als «Antwort Mohammeds» und als Botschaft an die «Nation des Kreuzes». Das ist eine deutliche Sprache – die Situation scheint keiner weiteren Erklärung zu bedürfen. Zwei Parteien stehen sich paritätisch gegenüber, auf jeden Ermordeten kommt ein Mörder. Das war den Regisseuren des Vorgangs offenbar wichtig: daß die heilige Reinigung der Welt von jedem einzelnen Reinen vollzogen werden muß. Daß es notwendig ist, sich dafür die Hände schmutzig zu machen, daß der Tod der Ungläubigen gut ist, aber daß es ebenso gut und gar noch besser ist, sie selbst und mit eigenen Händen zu töten – das ist ein Werk, das vollbracht werden muß, eine ernste Pflicht.

So meine ich die «Botschaft an die Nation des Kreuzes» verstehen zu sollen und weiß doch ebensowenig wie sonst jemand, wer die Hintermänner des Verbrechens wirklich waren. Masken verbargen die Gesichter der Täter, und auch nachdem einige von ihnen im Oktober 2017 festgenommen worden sind, darunter auch der Kameramann des Video, ist noch unbekannt, welchen Nationen sie alle angehört haben. Sie seien Mitglieder der kriegführenden und Terrorakte ausführenden Landsknechtstruppe «Islamischer Staat» – aber in Ägypten behaupten fromme, gebildete Muslime, hinter diesem schreckenverbreitenden Namen seien die widersprüchlichsten Interessen verborgen, die mit der Religion nichts, mit dem Einfluß der großen Mächte auf den Nahen Osten dagegen viel zu tun hätten. Wie könnten gläubige, gottliebende Menschen auf Mord ausziehen, fragen sie rhetorisch. Man müsse sich davor hüten, in dem Massaker das Kapitel eines Religionskrieges zu sehen – die Religion werde hier mißbraucht, um den Unfrieden in Ägypten anzuheizen, die Militärdiktatur zu rechtfertigen und die westlichen Staaten zum Eingreifen mit Waffen, Luftangriffen und Truppen anzustacheln.

Man versuche nur einmal, im Hinblick auf dieses Verbrechen die alte Kriminalistenfrage «Cui bono?» – «Wem nützt es?» – zu stellen. Die Antworten darauf werden aus einem grellbunten Strauß von Thesen bestehen. Beinahe jede der im Nahen Osten in den Krieg verwickelten Mächte wird man genannt hören; Amerikaner und Russen, die Diktatoren in Syrien und Ägypten und die ihnen feindlichen Muslimbrüder, Israel und die Golfstaaten, Iran und Türkei – alles ist irgendwie plausibel, weil ersichtlich keine der beteiligten Kräfte an einer Beendigung dieses «arabischen Dreißigjährigen Krieges» interessiert ist. Haben die Mörder in perversem Glaubenseifer gehandelt, oder sind sie gewissenlose Söldner, die sich für jede Art Bluttat gewinnen lassen? Tragen sie allein die Verantwortung, als jeder Beherrschung entzogene Terroristen, oder waren sie kleine, umhergeschobene Bauern auf einem Spielfeld, dessen eigentliche Parteien und deren Ziele ihnen selbst unbekannt sind?

Auch auf diese Fragen gibt es viele, allzu viele Antworten – Gutachten von hoher Sachkenntnis sind darunter, aber auch wilde Gerüchte, und gelegentlich gelangen sie beide zu einem ähnlichen Ergebnis. Und darf denn dem Selbstzeugnis der Täter, wie es sich in dem berüchtigten Video ausspricht, ohne weiteres geglaubt werden? Ist es nicht fahrlässig, Männern, die solcher Taten fähig sind, Vertrauen zu schenken?

Ich bekenne, daß mich diese Fragen nicht beschäftigt haben, als ich den Entschluß faßte, mehr über die enthaupteten Kopten erfahren zu wollen. Es ist mir, als ich nach Ägypten aufbrach, eben nicht darum gegangen, mehr über die Täter in Erfahrung zu bringen. Es genügte mir, sie in dem Dunkel zu lassen, das sie selbst für sich angestrebt haben. Die politische Lage, die den Hintergrund für das Massaker am libyschen Strand darstellt, kompliziert zu nennen ist ein schon betulicher Euphemismus. Soviel weiß jeder, der auch nur den oberflächlichsten Anteil nimmt an den an Widersprüchen reichen Nachrichten aus dieser Weltregion. Ob der Islam, die Religion des Propheten Mohammed, in seiner reinsten Form Elemente enthält, die das Zusammenleben mit Gläubigen anderer Religionen grundsätzlich erschweren – worüber heute heftig gestritten wird –, habe ich gleichfalls nicht zu ergründen gesucht. Hier wird deshalb der Islam nur dann erwähnt werden, wenn er die Lage der Kopten berührt.

Mich bewegte vielmehr das Schicksal der Ermordeten, für die, so vermute ich, alles ganz einfach gewesen war. Manche von ihnen konnten lesen, schreiben wohl eher nicht, es gab in ihrem Leben dafür keine Notwendigkeit. An den politischen Diskussionen der ägyptischen Intellektuellen haben sie nicht teilgenommen; was da erwogen wurde, wäre ihnen wahrscheinlich auch unverständlich geblieben, weil ihre tägliche Mühe jenen bescheidenen Bedürfnissen galt, die von erhabenem Standpunkt aus so unbedeutend scheinen: die Frau, die Eltern und die Kinder zu ernähren, auf ein neues Haus zu sparen, Saatgut für die kleinen Äcker zu kaufen, vielleicht sogar ein wenig für Unglücksfälle zur Seite zu legen – ein ganz in den täglichen Sorgen aufgehendes Leben zu führen, kaum anders als ihre Esel, denen sie bedenkenlos übergroße Lasten aufgeladen haben, weil sie selbst daran gewöhnt gewesen waren, solche zu tragen. Mit dem Kopf in die Ackerfurche gedrückt, jedes darüber hinausgehenden Gedankens unfähig – so könnte der westliche Zivilisationsmensch, aber auch der Kairiner Akademiker sie beschreiben, Stoff für ein solches Resümee ihrer Existenz wäre reichlich zu finden. Und doch wäre es falsch, jedenfalls sehr unvollständig.

Wir wollen heute hinter jedem Konflikt zwischen den Religionen vor allem politische und wirtschaftliche Motive vermuten, weil wir es für ausgeschlossen halten, daß der Glaube eines Menschen tatsächlich zur letzten und höchsten Wirklichkeit seines Lebens wird. Für die einundzwanzig koptischen Kleinbauern und Wanderarbeiter ist ihre Religion das aber gewesen. Sie lebten in einer Welt, in der es seit vielen Jahrhunderten nicht selbstverständlich war, Christ zu sein. Schon für die lange Reihe ihrer Vorfahren ging die Zugehörigkeit zum Christentum immer auch mit der Bereitschaft einher, für den Glauben Zeugnis abzulegen. Die Nachteile, die mit dem Christsein in Ägypten von jeher verbunden waren, kannten sie aufs beste. Diese äußerlich so schwachen Menschen mit ihrem kümmerlichen Dasein waren aber bereit, diese Nachteile hinzunehmen. Sie mußten nicht lange um die Entscheidung ringen: Was sie in Gestalt des Glaubens besaßen, war unendlich viel kostbarer für sie als alles, was sie hätten erwerben können, wenn sie ihn aufgaben. Das nackte Leben wäre ohne den Glauben wertlos für sie gewesen, es wäre ein bloßes Existieren, noch unter dem der Tiere, denn die Tiere sind in sich vollkommen, aber die Menschen sind unvollkommen, sie bedürfen zu ihrer Vollständigkeit der göttlichen Ergänzung.

Darum empfand ich einen Widerwillen, wenn ich von den Einundzwanzig als «Opfern des Terrorismus» reden hörte – das Wort «Opfer» kam mir zu passiv vor, Willenlosigkeit steckte darin, Unfreiwilligkeit, etwas Beklagenswertes. Das alles war, so meinte ich, den Einundzwanzig nicht angemessen. Ich vermutete eine mit innerer Unabhängigkeit verbundene Stärke in ihnen – als ob die Grausamkeit der Mörder ihr Innerstes nicht erreicht hätte.

Das Schicksal der koptischen Christen in Ägypten steht unter keinen guten Auspizien, man muß keine Sehergabe besitzen, um vorherzusagen, daß ihnen noch viele schwere Prüfungen bevorstehen. Aber das darf nicht vergessen lassen, daß es den Kopten seit der islamischen Eroberung des Landes im siebten Jahrhundert, also seit rund eintausendvierhundert Jahren, schlecht oder sehr schlecht ergangen ist. In der Gegenwart ist nur ein weiteres Kapitel der Plagen aufgeschlagen worden. Die Ermordung von Kopten hat wahrlich nicht mit den Einundzwanzig in Libyen begonnen – die Liste der Verbrechen, die ihr vorangegangen sind, ist lang, und was dem bis heute gefolgt ist, scheint die Schrecken immer noch überbieten zu wollen. Das Blut an den Wänden der Kairiner Peter-und-Paul-Kirche, wo vor Weihnachten 2016 neunundzwanzig Frauen samt dem Küster während ihres Gebets erschossen wurden, war noch nicht getrocknet, als in den Kirchen von Tanta über vierzig Gottesdienstbesucher dasselbe Schicksal erleiden mußten, und kaum war das geschehen, fielen Pilger in der Nähe von Minyia, darunter viele Kinder, islamistischen Mördern in die Hände.

Ist es da am Ende ungerecht, aus einer langen Reihe Greueltaten, die sich, wie es aussieht, auch in der Zukunft fortsetzen wird, einzig das Schicksal der Einundzwanzig herauszulösen? So etwas bekam ich von Kairiner Kopten zu hören, die der Kirche vorwarfen, die vielen Tötungen auf ägyptischem Boden zu beschweigen, um die Regierung nicht in Verlegenheit zu bringen, und die Einundzwanzig allein deshalb hervorzuheben, weil sie im Ausland ermordet worden sind. Ich versuchte dann zu erklären, was für mich den Unterschied zwischen den vielen Erschossenen und von Bomben Zerfetzten und den Einundzwanzig ausmachte: Sie waren nicht einfach nur wehrlos abgeschlachtet worden, sondern sie hatten sich kurz vor und sogar noch während ihrer Enthauptung vernehmlich zu Jesus Christus bekannt.

Da ich meinen Blick auf die Einundzwanzig beschränke, verzichte ich auch darauf, über die weitere Zukunft der Kopten in Ägypten zu spekulieren. Manchen mag meine fatalistische Sicht auf die Verhältnisse unbefriedigt lassen. Man dürfe sich doch mit einem solchen Dauerzustand von Unrecht und Gewalt nicht abfinden, es gebe Thinktanks, die sich mit der Lösung der Weltprobleme befaßten. Die wüßten gewiß, was zu tun wäre, wenn man sie fragen würde: Könnte in Zukunft nicht doch eine Harmonie der koptischen Gemeinschaft mit der islamischen Mehrheitsgesellschaft erreicht werden? Welche Friedenskonferenz mit internationaler Beteiligung, welche Intervention der Vereinten Nationen, welche Friedensmission, welcher Runde Tisch, welcher Dialog könnte die «koptische Frage» verschwinden lassen?

Eine Verzweiflung bis zu unfreiwilliger Komik verbirgt sich in diesem Händeringen. Guter Wille, der bis zur Selbstverleugnung zu gehen hätte, und das auf beiden Seiten, wäre die erste Voraussetzung einer Annäherung, denn das Zusammenleben zwischen Kopten und Arabern, Christen und Muslimen kennt in dieser langen Zeit schlechtere und bessere, aber keine guten Kapitel. Die nie überwundene Spannung zwischen dem arabischen Volk der Eroberer und dem koptischen Volk der Besiegten lastet schwer auf der ägyptischen Gegenwart, die wahrlich noch andere Ausweglosigkeiten aufzuweisen hat. Aber auch die Gewalt ist keine Option, wahrscheinlich nicht einmal für fanatische Islamisten, denn der Kopten sind zu viele, um sie alle vertreiben oder ermorden zu können, die türkische Lösung für Armenier und Griechen scheidet aus. Und wohin sollten sie auch vertrieben werden? Die Juden konnten in den Jahrhunderten der Diaspora von ihrer Heimat Israel träumen. Aber die Kopten leben bereits in ihrer Heimat, auf die sie ältere Rechte geltend machen als die Araber.

Um so mehr läßt die Standhaftigkeit der Kopten staunen, die ein so ausdauernder Druck nicht hat dahinschmelzen lassen. Auch die Einundzwanzig haben diese Standhaftigkeit bewiesen. Auf meiner Reise nach Oberägypten habe ich versucht, den Lebensraum der Martyrer aus kleinem und größerem Abstand zu umkreisen – in der Hoffnung, das würde mir etwas erzählen über sie, die nun selber nicht mehr sprechen können.

3Das Video

Es ist ein sorgfältig gemachter kleiner Film, mit mehreren Kameras aufgenommen – kein dilettantisches Machwerk. Der Beginn verheißt Anmut und Leichtigkeit. Auf schwarzer Fläche tanzen arabische Buchstaben, fließen zusammen, als trieben sie auf den Wirbeln von ablaufendem Badewasser, und bilden schließlich einen Tropfen, in dessen Innerem sich die Schriftzeichen eng ineinander verschränken. Ein ganzes Gedicht kann in der arabischen Kalligraphie, einer der schönsten Hervorbringungen der islamischen Kunst, zu einem einzigen Zeichen werden, das nur ein Schriftgelehrter wieder aufzudröseln vermag. Es ist das Logo eines «Alhavat Media Center» – alles hat seine Ordnung in diesem Film.

Dann erscheint der Namenszug des Präsidenten Obama, sein zweiter Vorname Hussein ist durch Majuskeln hervorgehoben. An diesen muslimischen Namen soll man denken, wenn Obama nun selber auftritt. Der Präsident ist für seine Fähigkeit berühmt, Redetexte so eindrucksvoll wie ein Geistlicher oder ein Schauspieler vorzutragen. Mit tief bekümmerter Miene beklagt er, daß während der Kreuzzüge im Namen Jesu Grausamkeiten verübt worden seien. Wir begreifen: In der Geschichte gibt es nichts, was ohne Folgen bleibt. Alles, was nun kommen wird, ist die Antwort auf des Präsidenten zerknirschtes Geständnis.

«Botschaft an die Nation des Kreuzes, geschrieben mit Blut» – so lautet der Titel des Films auf Englisch, schön klassisch gesetzt, die Buchstaben schwarz, nur das Wort «Blut» ist rot. Es folgt Meeresrauschen. Ein Sandstrand, von einzelnen Felsen und Riffen durchzogen, der Himmel ist bewölkt, was den Farben der Bilder mehr Tiefe verleiht. Eine Unterzeile unterrichtet, daß es sich um den Strand von Wilayat Tarabulus handelt, westlich der Hafenstadt Sirte in Libyen.

Dann, hinter einer Felsnase, erscheint langsamen Schritts ein Mann mit gebeugtem Kopf in einem leuchtend orangefarbenen Overall. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt, auf seinem Nacken liegt die Hand seines Begleiters, eines Hünen ganz in Schwarz, dessen Gesicht durch eine nur die Augen freilassende Mütze verborgen ist. Die beiden bleiben nicht allein, es folgen ihnen in langer Reihe weitere solcher Paare in Orange und Schwarz, und meist überragen die schwarzen die orangefarbenen Männer um einen Kopf.

Die Kamera gewährt zunächst den Überblick. Der Zug kann sich entfalten, er schiebt sich in Ruhe, geradezu gemächlich, voran; hält ein Mann in Orange wegen eines Felsenriffs inne, wartet sein Begleiter in Schwarz geduldig, bis er darüber hinweggestiegen ist – eine Sekunde Gemeinsamkeit, wie wenn ein Bauer seinem Esel über ein kleines Hindernis hilft. Eine Unterzeile belehrt den Betrachter aber, bei den Gefesselten handele es sich um «Mitglieder der feindlichen Kirche Ägyptens».

Nun holt die Kamera die Männer heran. Sie nehmen Aufstellung in einer Reihe, jetzt eng zusammengerückt; dies geschieht so gleichmäßig, als sei es eingeübt, keiner tut einen falschen Schritt. Der Sand ist an dieser Stelle voller Fußspuren – haben hier etwa Vorbereitungen für die so perfekt inszenierten Abläufe stattgefunden? Improvisationen wollte man sich bei der Herstellung dieses Films offenbar nicht erlauben. Seine einfache Handlung duldete keine Stockung und keine verwackelten Bilder, schon gar kein Ausbrechen eines einzelnen oder womöglich Gegenwehr. Und so gehen denn alle Männer in Orange nach kurzem Innehalten gleichzeitig in die Knie wie eine Chorus-Line, und hinter ihnen wirken die großen Männer in Schwarz, die sie mit der linken Hand am Kragen halten, während ihre Rechte nach dem Dolchgriff im Brustlatz tastet, noch größer. Einundzwanzig Männer in Orange sind es, einer von ihnen ein Schwarzafrikaner, und so läßt sich eine vollkommene Symmetrie herstellen – der Schwarze kniet in der Mitte, und der Mann hinter ihm ist der einzige, der nicht in Schwarz gekleidet ist, sondern eine bräunliche Military-Bluse trägt. Seine Gesichtsmaske ist hellgelb, die Mundpartie vom Sprechen und Atmen sichtbar feucht.

Diesem farblich herausgehobenen Mann kommt es nun zu, eine Rede an die Zuschauer zu halten. Er spricht Englisch ohne erkennbaren Akzent, weshalb vermutet wurde, er sei womöglich gar Nordamerikaner, aber als solcher wird er sich kaum mehr betrachten, seitdem er Glied einer größeren, weltumspannenden Gemeinschaft geworden ist; ob die Verhaftung einiger Männer der Horde im Oktober 2017 helfen wird, seine Identität zu klären, steht noch dahin. Er beginnt die Rede mit dem Lob des «starken, mächtigen und zu allen Völkern barmherzigen Gottes» – erinnert das nicht an den Lobpreis in der griechischen Liturgie, der auch in die koptische Eingang gefunden hat: «Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser», wie schon lange vor der islamischen Eroberung gebetet wurde? Seine Stimme ist unaufgeregt, obwohl er heftige Anklagen vorträgt. Er wirft den Christen vor, einen einzigen großen Krieg gegen den Islam zu führen – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Da paßt es, daß Obamas Vorgänger George W. Bush den Irakkrieg einen Kreuzzug nannte und daß Obama das Unrecht der mittelalterlichen Kreuzfahrer beklagte. Von dem historischen Komplex der Kreuzzüge weiß der Sprecher vermutlich ebensowenig wie ein amerikanischer Präsident, aber es geht ihm um eine Klarheit der Symmetrie, die dieser Begriff möglich macht: auf der einen Seite ein Kreuzzug der Amerikaner und ihrer christlichen Vasallen gegen alle Muslime und auf der anderen die Antwort aller Muslime, ja, wirklich aller – er will für die ganze Gemeinschaft der Gläubigen sprechen. Für ihn ist das ein Weltkampf, ein Endkampf: Wenn die gute Seite schließlich siegt, wird gerade darin die Barmherzigkeit des Allerbarmers zu sehen sein, welcher der Menschheit am Ende doch den Frieden schenkt.

Er stockt hin und wieder, als müsse er sich an einen eingeübten Text erinnern. «Hier stehen wir südlich von Rom» – so redet ein Heerführer, der noch weiterziehen will. Rom ist der eigentliche Feind. In «Rom» ist alles zusammengefaßt, was dem Islam Widerstand leistet – obwohl die koptische Kirche an den Kreuzzügen nicht beteiligt war, sondern Rom bis heute immer ablehnend gegenüberstand, obwohl das Amerika der Sekten, das die Irakkriege führte, Rom als Hure Babylon begreift und obwohl alle arabischen Herrscher sich zumindest verbal am ominösen «Kampf gegen den Terror» beteiligen.

Mit der Spitze seines Dolchs weist der Sprecher auf uns, die Betrachter des Films, aber ungeachtet dieser drohenden Geste bleibt sein Ton gefaßt, unerschütterlich. Er hat eine Rechnung aufgemacht, und er ist zu einer Bilanz gelangt – alles vergossene Blut muß wettgemacht werden durch neu vergossenes Blut. Gewiß, er ist in den Kampf verstrickt, aber zugleich sieht er das Geschehen von sehr hoher Warte. «Ihr» – Amerikaner, Christen, Römer? – «habt den Körper des Osama bin Laden ins Meer geworfen, und genauso wird das Meer jetzt euer Blut aufnehmen.» Wo Gerechtigkeit waltet, ist kein Raum für Eifer, und so klingt sein Schlußwort beinahe friedlich. Noch einmal hat er den Dolch in den Brustlatz gesteckt; seine Finger spielen mit den Schnüren, die vom Griff herabhängen – die Kamera ist auf diesen Griff zugewandert, man soll verstehen, daß es auf Griff und Klinge bald ankommen wird.

Der disziplinierten, durch den Stoff der Maske deutlich artikulierten Rede folgt ein Schweigen, das aber beredt ist. Worte wie diese liegen, wenn auch unausgesprochen, in der Luft: «Ihr, die ihr diesen Film bis zu Ende ansehen solltet, seid in eurer weichlichen Brutalität und eurem unmoralischen Nützlichkeitsdenken allesamt davon überzeugt, daß es niemanden auf Erden gibt, den ihr nicht kaufen und bestechen könntet. Ihr glaubt, daß es im Kampf mit euch immer nur um den größeren ökonomischen Vorteil geht und daß sich eure Feinde immer ein Schlupfloch offenlassen werden, um mit euch doch noch ins Geschäft zu kommen. Ihr glaubt, daß Grausamkeit unklug und für den Profit nachteilig ist – solange nicht ihr selbst diejenigen seid, welche die Grausamkeiten begehen. Ihr hofft, daß es Grenzen gibt, die selbst wir nicht zu überschreiten wagen, weil das eine letzte Gemeinsamkeit aufkündigen, ein Wiederanknüpfen nach dem Krieg unmöglich machen würde. Ihr glaubt, daß zum Schluß alles in endlose Gespräche mündet, und auf diesem Boden fühlt