Whispering Words - Ella Green - E-Book
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Ella Green

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Beschreibung

Seine Musik. Seine Harley. Seine Groupies. DER Rockstar Leeroy McDole ist ganz oben am Musikhimmel angekommen. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Die Presse reißt sich um ihn. Kurz vor seiner US-Tournee muss sein opening act gewechselt werden. Cayla Hollister, die Newcomerin der Rockszene, soll ihn begleiten, ist jedoch alles andere als begeistert. In ihren Augen ist der Musiker abgehoben und arrogant, nimmt seine Groupies, wie es ihm gefällt und lässt auch ansonsten nichts anbrennen. Dummerweise spricht ihr Körper eine andere Sprache, fühlt dieser sich doch zu Leeroy hingezogen. Schnell merkt Cayla, dass vieles an Leeroy nur Fassade ist und er etwas zu verbergen versucht. Offensichtlich kämpft er mit seiner Vergangenheit, kann sich Cayla aber nicht öffnen. Wird er sich seinen Dämonen stellen, oder werden ihn seine Geschichte, die Lügen, Intrigen und Gerüchte zerstören?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Über die Autorin

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Whispering Words

Liebesroman von Ella Green

Impressum

Daniela Krenn

Siedlerstraße 5

83714 Miesbach

http://www.ella-green.com

© Ella Green Januar 2019

Cover: Daniela Krenn

Korrekturleserin: Christine Krenn

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

Über die Autorin

Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren. Seit 2014 hat sie sich den Genren Romance und Drama verschrieben. Das Schreiben ist für sie nicht nur eine Berufung, sondern das Abtauchen in eine andere Welt. Wenn sie nicht an einer neuen Geschichte arbeitet, geht sie gerne in die Berge oder backt Cupcakes.

Eine gute Sache über Musik ist die, dass wenn sie dich trifft, du keinen Schmerz mehr fühlst.

Bob Marley

Prolog

Cayla

Du schaffst das! Du kannst das!, sagte ich mir wie ein Mantra gedanklich auf. Als ich die kleine Bühne nach oben ging, begannen meine Knie zu schlottern. Vor dem Podium saß die Jury und dahinter standen Unmengen von Zuschauern. In der Los Angeles Mall war heute ein offenes Casting für junge Gesangstalente. Einige vor mir waren sehr gut, andere grottenschlecht. Singen war meine Leidenschaft. Bei diesem Vorsingen winkte dem Sieger am Ende unzähliger Recalls und Liveshows ein Plattenvertrag bei X-Ray Records. Die erste Hürde, um in den Recall zu kommen, musste ich jetzt auf mich nehmen. Du schaffst das! Du kannst das!, hallte es in meinem Kopf wider.

»Hallo, stellst du dich bitte vor«, sagte ein Juror, nachdem ich mitten auf der Bühne zum Stehen kam und vor das Mikro getreten war.

»Hi, mein Name ist Cayla Hollister. Ich bin achtzehn Jahre alt und lebe in Pasadena, Kalifornien.«

»Freut uns, Cayla. Was willst du denn singen?«

»Von Janis Joplin Mercedes Benz.«

Der Juror nickte und hob den Daumen. »Bitte, die Bühne gehört dir.«

Ohne Hintergrundmusik, also a cappella, sollte ich meinen Lieblingssong zum Besten geben. Täglich hatte ich mit und ohne Musik geübt, als wäre das wohl das Leichteste für mich. Ich trat an das Mikro, nahm es vom Ständer und atmete tief ein und wieder aus.

»Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? My friends all drive Porsches, I must make amends«, kam es krächzend aus meiner Kehle.

Scheiße, scheiße, scheiße. Töne treffen müsste man können. Fuck! So grausam hatte ich mich noch nie, wirklich noch nie angehört. Die Juroren verzogen ihre Gesichter und schüttelten die Köpfe. Schweiß rann mir über die Stirn und ich zitterte wie Espenlaub. Verdammt, wie beschissen war das denn bitte? Entschlossen, mich dadurch nicht beirren zu lassen, sang ich weiter, doch der Juror hob die Hand und winkte ab. »Danke, Cayla. Aber das war und wird nichts.«

»Sorry, dürfte ich ein anderes Lied singen?«, fragte ich mit zittriger Stimme. »Glauben Sie mir, ich kann das echt.«

Er schüttelte den Kopf und lachte süffisant. »Tut mir leid, aber auch ein anderer Song wird in die Hose gehen.«

»Bitte mach die Bühne für den nächsten Kandidaten frei«, schaltete sich seine Kollegin ein.

Enttäuscht über mich selbst, mit hängenden Schultern verließ ich das Podium. Tränen sammelten sich in meinen Augen. Doch die Blöße, hier vor so vielen Menschen zu heulen anzufangen, wollte ich mir nicht geben. Obwohl ich echt verflucht beschissen gesungen hatte, hatte ich noch Stolz. Und den wollte ich wahren. An der untersten Stufe wartete bereits der nächste Teilnehmer. Kurz musste ich schlucken, denn er sah verdammt süß aus. Bei diesen braunen Augen würde wohl jedes Mädchen schwach werden. Er war groß und hatte hellbraune Haare. In seinen Händen hielt er eine Gitarre. Toll, hätte ich gewusst, dass man ein Instrument mitnehmen durfte, hätte ich das getan. Ob ich dann besser gesungen hätte?

Unsere Blicke trafen sich. Kurz bevor ich überhaupt irgendwas sagen konnte, wie zum Beispiel ein freundliches »Hallo«, grinste er mich überheblich an. Oh Mann, ey, wieder so ein Kerl, der wusste, dass er gut aussah und jede haben konnte. Solche Jungs hasste ich.

»Mach dir nix draus, Püppchen. Geh shoppen und überlass das Singen den Profis«, erwähnte er und trat die Stufen nach oben.

Mir klappte der Mund auf. Über seine miesen Worte war ich so perplex, dass ich nichts darauf antworten konnte. Lässig betrat er die Bühne, stellte sich an das Mikrofon und lächelte die Jury und das Publikum an. Einzig durch sein Aussehen und sein charismatisches Lächeln hatte er schon Pluspunkte bei den Juroren und vor allem bei den weiblichen Zuschauern. Von denen sah natürlich keiner, dass er überheblich war. Schließlich war er es ja nur zu mir. Nun spielte er den zuckersüßen Sonnyboy aus Kalifornien oder wo auch immer er herkam.

Neugierig wie ich war, blieb ich beim Publikum stehen und blickte zu ihm auf die Bühne.

»Hey Leute, mein Name ist Leeroy McDole. Ich singe für euch You Give Love a Bad Name von Bon Jovi.« Okay, eine Rampensau auch noch. Innerlich verdrehte ich die Augen.

»Dann leg mal los«, forderte der Juror ihn auf.

Leeroy legte die Finger an die Saiten, spielte ein paar Akkorde und begann zu singen.

»An angel’s smile is what you sell. You promise me heaven then put me through hell …«

Seine Stimme war gut. Nein, sie war verdammt gut. Er zog nicht nur die Jury in seinen Bann, sondern auch die Zuschauer, die begeistert zum Takt klatschten. Er blickte ins Publikum, so als würde er nach mir Ausschau halten. So als würde er sich erhoffen, dass ich irgendwo in einer Ecke stand und heulte. Als er mich ausfindig gemacht hatte, grinste er übertrieben. Damit zeigte er mir deutlich, was er dachte. So geht das, Püppchen.

Die Augen schnell von ihm gewandt, drehte ich mich um und ging davon.

Leeroy McDole, diesen Namen würde ich niemals vergessen. Leeroy, dieses verdammt gut aussehende arrogante Arschloch.

Kapitel 1

Cayla

Sechs Jahre später

»Das ist nicht dein Ernst«, sagte ich und sprang vom Stuhl auf.

Aufgeregt, und das nicht, weil ich mich freute, lief ich im Büro meiner Managerin Jamie Bright auf und ab. »Da mach ich nicht mit. Vergiss es!«

Außer mir vor Fassungslosigkeit, gemischt mit etwas Wut, blieb ich abrupt stehen und fauchte, ja ich fauchte nahezu wie eine Raubkatze. »Ich hasse diesen Kerl. Er ist der arroganteste Arsch, den es in der Musikbranche gibt.« Dass er heute wie damals attraktiv war, sagte ich nicht. Musste Jamie ja nicht wissen, dass ich das fand. Na ja, welche normale Frau fand ihn auch nicht sexy. Mr. Arroganz und Mr. Sexy in einem. Keine gute Mischung. Und vor allem mochte ich ihn nicht. Nein, ich verabscheute und hasste ihn.

»Cayla, bitte beruhige dich. Sieh es als Chance, deiner Karriere einen Kick zu geben. Du bist Newcomerin, brauchst die Aufmerksamkeit, die du durch ihn erlangen kannst.«

Ich stemmte die Hände in die Hüften und starrte Jamie an. Könnten Blicke töten, würde sie genau jetzt in diesem Moment umfallen.

X-Ray Records war mein Tor zur Musikbranche. Doch musste ich wirklich eine weitere Hürde nehmen, um bekannter zu werden? Über das verkackte Casting von vor sechs Jahren wollte ich nicht mehr reden. Aber der Musik blieb ich treu. IMMER! Singen, ja das war meine Leidenschaft. Ich konnte es wirklich, denn sonst hätte mich der Talentscout von X-Ray Records niemals angesprochen. Einmal in der Woche war ich mit meiner Band auf der Bühne in The Hype, meiner Lieblingskneipe gewesen. Dort hatte mich der Scout singen gehört und nach dem Gig angesprochen. Von da an ging alles verdammt schnell. Der Vertrag bei X-Ray Records war unterschrieben. Das erste Album ein halbes Jahr später auf den Markt gekommen. Hinter mir lag sogar schon eine kleine Clubtour durch Los Angeles. Dem Traum, als Rocksängerin Karriere zu machen, kam ich Schritt für Schritt näher. Doch der nächste – und den verlangte Jamie von mir – der bereitete mir Kopfschmerzen.

Als Opening Act sollte ich Leeroy McDole auf seiner US-Tour begleiten. Dieser arrogante – und leider auch gut aussehende – Idiot hatte sich in die Herzen der weiblichen Fans gesungen. Gefeiert wurde er schon während der Castingshow wie ein junger Gott. Innerlich würgte ich kurz. Irgendwann konnte ich mir die Show nicht mehr anschauen, weil er bis ins Universum hinaus gelobt wurde. Im Finale wurde Leeroy per Telefonvoting zum Sieger gewählt. Der Plattenvertrag bei X-Ray Records gehörte somit ihm und das Label hatte einen neuen Star am Himmel, den sie auch wirklich wie einen Himmelsbewohner behandelten. Bisher hatte ich nie mit meinen Kollegen, die wie ich hier im Plattenlabel unter Vertrag standen, zu tun. Daher war ich auch niemals davon ausgegangen, dass Leeroy und ich was miteinander zu tun haben könnten.

Wieso auch? Na ja, die Frage war ja nun beantwortet.

»Das kannst du mir nicht antun. Ich hab dir gesagt, wie mies er zu mir gewesen war.«

Jamie seufzte und verdrehte die Augen. »Das ist sechs Jahre her. Entweder du gehst mit ihm auf Tour oder du begnügst dich weiterhin damit, in kleinen Clubs aufzutreten. Deine Entscheidung.« Setzte sie mir wirklich die Pistole auf die Brust? Jamie wusste, wie viel mir die Musik und meine Karriere bedeuteten. Sie wusste ebenso gut, dass ich groß rauskommen wollte.

»Mach dir nix draus, Püppchen. Geh shoppen und überlass das Singen den Profis«, hallten seine Worte von damals in meinem Kopf, der zu platzen drohte.

»Schick mich doch bitte mit jemand anderem auf Tour.« Verzweifelt schaute ich Jamie an und hoffte, sie würde sich umstimmen lassen.

»Sorry, das geht nicht. Denn all unsere Sänger sind entweder bereits auf Tour oder wieder zurück. Vom Musikstil passt ihr so toll zusammen, das könnte wirklich deine Chance sein.«

»Er ist ein arroganter, mieser Arsch.« Und gut aussehend, fügte ich gedanklich hinzu.

»Mag sein, dass du das so siehst …«, sie pausierte und seufzte laut auf. »Denk an deine Karriere. Leeroy McDole könnte dein Sprungbrett sein.«

Ein Sprungbrett in mein Verderben, dachte ich und biss die Zähne aufeinander.

»Er hat eine riesige Fanbase.« Jamie stützte ihre Hände auf dem Tisch ab und sah mich eindringlich an.

Ich lachte auf. »Seine Fans sind überwiegend weiblich, er legt gern die ein oder andere flach. Da bin ich raus, weil ich nicht auf Frauen stehe.«

Immer wieder las man im Internet, dass Leeroy sich mit einem Groupie vergnügt hatte. Nie stritten er oder sein Management dies ab. Es gehörte zu seinem Image. Er war der Bad Boy der Rockszene. Und ja, er durfte sich wohl alles erlauben. Oder waren es nur Gerüchte? Eine Art PR-Gag, um im Gespräch zu bleiben? Zuzutrauen war es ihm.

»Ich traue diesem Arschloch, der die Frauen reihenweise fickt, wie sie ihm in den Schoß fallen, keinen Meter über den Weg.«

Mahnend schaute Jamie mich an. »Cayla … zügle dein Mundwerk. Er ist ein Draufgänger, das wissen wir alle, aber du weißt genauso gut wie ich …«

»… dass er deiner Karriere einen Kick geben kann«, beendete ich motzend ihren Satz.

Den Kopf hängen lassend stand ich am Fenster und ließ die Worte auf mich wirken.

»Überleg es dir. Morgen Abend hätte ich gerne eine Entscheidung«, sagte sie und trat neben mich. »Die Tour beginnt in einem Monat.«

Die Augen weit aufreißend schaute ich sie ungläubig an. Hatte ich mich eben verhört? Meinte sie gerade ernsthaft, dass die US-Tour in einem Monat begann? »Wie bitte? Bist du verrückt? Wie soll ich bitte in der kurzen Zeit eine Performance für die große Bühne auf die Beine gestellt bekommen?«

»Die Zeit ist knapp, das weiß ich. In den nächsten vier Wochen wird dir eine Choreografin zur Seite gestellt. Gwen, so heißt sie, wird die Tour auch begleiten. Es tut mir leid, aber die ursprüngliche Vorgruppe hat abgesagt, weil sie sich aufgelöst hat.«

»Und damit rückst du erst jetzt raus? Ich bin quasi nur eine Lückenfüllerin?«

Sie schüttelte den Kopf und legte ihre Hand auf meine Schulter. »Sieh es nicht so, sondern als Chance.«

Ich schnappte mir Tasche und Lederjacke, die über dem Stuhl hingen und trat zur Tür.

»Ich schlafe eine Nacht darüber. Aber meine Meinung über ihn wird sich nicht ändern.«

»Du musst ihn ja nicht heiraten. Es geht nur um deinen Job als Rocksängerin.« Sie warf verzweifelt ihre Hände in die Luft. Ihre roten Locken wippten dabei lustig auf und ab.

»Ja, und darum, ob ich die nächsten Monate mit einem Vollarsch zusammen auf Tour gehe.« Mit diesem Satz verließ ich ihr Büro und begab mich nach Hause.

****

Das flaue Gefühl in der Magengegend hatte stetig zugenommen. Selbst als ich mich ein paar Stunden später auf den Weg zu Owen, dem Besitzer von The Hype machte, hörte es nicht auf. Im Kopf schwirrten so viele Fragen. Soll ich oder soll ich nicht? Was wird meine Band dazu sagen, wenn ich absage?

Mit Leeroy auf US-Tour zu gehen, für ihn seine Fans anheizen, das konnte ich mir nicht vorstellen. Dass er sich zu einem netten, höflichen Mann entwickelt hatte, das wagte ich zu bezweifeln. Falls ich mich dafür entschied, wäre ich für ihn doch eh nur das Püppchen, das nicht singen konnte. Aber dem war ja gar nicht so! Warum machte ich mir eigentlich Gedanken darüber? Noch hatte ich keine Entscheidung getroffen und vor allem, ein Leeroy McDole könnte mich ohnehin nicht mehr zu ordnen.

Ein oder zwei Drinks im The Hype würden mir die Wahl zwar nicht abnehmen, aber vielleicht war es mit Alkohol erträglicher. Vor dem zweistöckigen dunkelroten Gebäude blieb ich stehen. Von außen wirkte die Kneipe alles andere als einladend. Die Fenster waren mit dunklen Stoffbahnen verhangen und der Eingang befand sich im Hinterhof. Doch unter den Einheimischen war The Hype ein Insidertipp. Wöchentlich wechselnde Musiker, die dort ihre Gigs abhielten. Superleckere Burger und der wohl beste Whiskey, den ich bisher getrunken hatte. Mit dieser Lokalität verband ich viel. Bevor ich bei X-Ray Records unterschrieben hatte, ließ Owen meine Jungs und mich einmal die Woche auftreten. Wir gehörten sozusagen zum Inventar und waren die Lokalmatadoren. Durch die Gigs verdiente ich neben dem Studium Geld, konnte mir ein Apartment leisten. Am Campus oder bei den Eltern in einem kleinen Zimmer wohnen, das wollte ich mit Anfang zwanzig nicht mehr. Klar, ich liebte meine Eltern, aber die räumliche Trennung tat gut. Irgendwann sollte jedes Küken flügge werden. Das Musikstudium hing ich an den Nagel und konzentrierte mich nur noch auf meine Karriere bei X-Ray Records.

Die schwarze Holztür knarzte, als ich sie öffnete. Schummriges Licht, der Geruch nach Zigarettenrauch drang mir in die Nase. Nach Hause kommen, das schoss mir sofort in den Kopf. Ja, The Hype und Owen, das war mein zweites Zuhause.

»Cayla, was machst du denn um diese Uhrzeit hier?«, fragte Owen erstaunt, als ich zu ihm an den Tresen trat.

Owen sperrte eigentlich erst um zwanzig Uhr auf und jetzt war es achtzehn Uhr, aber ich wusste, dass er hier war und für mich ein offenes Ohr und einen Drink hätte.

»Ich hab einen Drink bitter nötig«, schnaubte ich und ließ mich auf einem Hocker nieder.

»Mieser Tag?«, wollte er wissen und füllte ein Glas mit Whiskey.

Wenn einer wusste, was ich gerne trank, dann Owen.

»Kann man so sagen. Wobei das noch elegant ausgedrückt ist.«

Er schob mir das Glas entgegen und beäugte mich neugierig.

»Auf dass der Abend besser wird«, verkündete ich und trank den Whiskey auf ex.

»Noch einen?«

»Jap.«

Owen füllte das Glas erneut mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. »Wer hat dich geärgert, Kleines?«

Der Whiskey breitete sich in meinem Magen aus und wärmte mich von innen. Das beschissene Gefühl verdrängte er nicht.

»Jamie.«

»Deine Managerin?«

»Jap.«

»Warum?«

»Ich soll mit Leeroy McDole …«, bei dem Namen stellten sich alle Härchen auf und mir wurde übel »… auf US-Tour gehen.«

Owen klappte kurz der Mund auf und ich dachte, er würde jeden Moment in Schnappatmung verfallen. »Du meinst den Leeroy McDole?«

Ich verdrehte die Augen. »Ja.«

»Wow, das ist ja der Hammer. Der Kerl ist der Star am Rockhimmel.«

»In erster Linie ist er ein arrogantes Arschloch, das seine Groupies flachlegt.«

Er lehnte sich leicht über den Tresen. »Dass er seine Fans vögelt, das hört man ja immer wieder. Aber wie kannst du behaupten, dass er arrogant ist?«

»Weil ich ihn kenne.«

»Du kennst Leeroy McDole und erzählst mir erst jetzt davon?« Ein Geschirrtuch, das er nach mir geworfen hatte, traf mein Gesicht.

»Na ja, kennen ist übertrieben. Wir trafen vor einigen Jahren aufeinander, da merkte ich, dass er ein überheblicher Affenarsch ist.«

»Cayla, du bist zwar eine Rockerin, aber ich würde mir wünschen, dass du dich in deiner Ausdrucksweise etwas zurücknimmst«, tadelte er mich und verschränkte seine Arme.

»Ja, ja.«

»Und, weil mal was zwischen euch vorgefallen ist, willst du nicht mit ihm auf Tour?«

Nickend stimmte ich zu und begann Owen von dem Casting zu erzählen. Als ich damit fertig war, lachte er auf.

»Was ist daran bitte witzig?«

»Sorry, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass du einen deiner Lieblingssongs verkackt hast.«

»Leider war es so und nach dem Spruch von Leeroy war er bei mir unten durch.«

Owen legte seine Hand auf meine. »Süße, das ist Vergangenheit. Lass sie ruhen, blicke in die Zukunft und vor allem deiner Karriere entgegen. Vielleicht ist Leeroy ein ganz netter Mann und war früher einfach nur ein junger, dummer Kerl.«

Ich exte den Rest von dem Whiskey und hüpfte vom Hocker. »Ich weiß, dass die Tour mich als Sängerin extrem nach vorne bringen könnte. Aber was, wenn er mich noch kennt und mich auslacht?«

Owen kam um den Tresen herum, legte seine Hände auf meine Schultern und schaute mir in die Augen. »Dann kannst du ihm endlich beweisen, dass du kein Püppchen bist, das nur shoppen kann, sondern eine wahnsinnige hübsche Frau mit einer verdammt geilen Stimme.«

Leeroy

»Bitte wer?«, fragte ich und schaute meinen Manager Vince Pearlman an.

»Cayla Hollister«, wiederholte er den Namen der Sängerin, die mich als Opening Act auf der kommenden US-Tour begleiten sollte.

Gelangweilt und schulterzuckend antwortete ich: »Kenn ich nicht.« Mir war heute so gar nicht nach diesem Termin, bei dem er mir erzählte, wer als Vorgruppe an der Tour teilnahm. Viel lieber würde ich jetzt mit irgendeiner Frau eine heiße Nummer schieben.

»Sie ist wie du bei X-Ray Records unter Vertrag.«

»Was noch lange nicht heißt, dass ich sie kennen muss.«

Ich hob meine Beine an, legte sie auf den Schreibtisch, wippte mit dem Stuhl vor und zurück.

»Sie singt super. Du solltest in ihre Platte reinhören.«

»Na ja, so toll kann sie gar nicht sein, wenn sie noch keine eigene Tour hatte.«

Vince strafte mich mit einem bösen Blick. »Sie hat ihr erstes Album vor einem halben Jahr veröffentlicht. Außerdem solltest du nicht so großkotzig daherreden, weil du auch mal klein angefangen hast.«

Mein Manager hatte ein Talent dafür, mich auf den Boden der Tatsachen runterzuholen. Als wäre es erst gestern gewesen erinnerte ich mich daran, wie meine Karriere begonnen hatte. Mein Traum war es immer gewesen, vom Singen zu leben. Das Casting vor sechs Jahren und die darauf folgenden Zusammenkünfte hatten mich verändert. Hatten Licht in mein düsteres Leben gebracht. Von heute auf morgen stand ich im Rampenlicht, die TV-Sender und Musikmagazine rissen sich um mich. Angefangen bei kleinen Auftritten in TV-Shows bis hin zur ersten großen Tour. Die US-Tour, die im nächsten Monat begann, wäre die vierte seit meiner Laufbahn als Rockstar. Für mich war es immer noch aufregend von einer Stadt in die nächste zu reisen. Seit ich gefeiert werde wie der King war alles anderes. Und das war gut so.

Mein Erzeuger, bewusst nannte ich ihn nicht Dad, hatte mich ausgelacht, als ich ihm von dem Casting erzählt hatte. Er glaubte nicht an mich und erst recht nicht daran, dass ich mit meinem, wie er immer sagte, Gejohle Geld verdienen könnte. Als die ersten Einnahmen von meinem Album auf dem Konto eintrafen, packte ich die Sachen und verließ das düstere Leben, das ich bei ihm gehabt hatte. Er sagte immer, ich sei ein Spinner und würde es zu nichts bringen. Tja, falsch gedacht. Denn nun war ich ein Rockstar mit eigener Villa in den Hollywood Hills, lebte meinen Traum. Natürlich hatte es nicht lange gedauert, und er klopfte, im übertragenen Sinne, an meiner Tür. Er wollte etwas von dem Kuchen abhaben. Aber von mir bekam er nichts. Ich brach den Kontakt komplett ab und veranlasste eine einstweilige Verfügung. Er hatte mir die Kindheit und Jugend verdorben. Mit ihm wollte ich nie mehr zu tun haben. Zum Glück schnüffelte die Presse nie in meiner Vergangenheit. Dafür war meine Gegenwart viel zu interessant. Und dafür sorgte ich immer wieder, indem ich die Frauen so nahm, wie sie sich mir zur Verfügung stellten. Lieber ein Bericht über ein weibliches Groupie, das über eine heiße Nacht mit mir erzählte, als ein Artikel über meine scheißverdammte Kindheit.

Vince reichte mir einen iPod und Kopfhörer. »Da, hör sie dir an.«

»Wen?«

»Die Sängerin, die dein Opening Act werden soll.«

Ich schnaubte genervt, steckte die EarPods in die Ohren und drückte Play. Ein rockiger Beat drang mir in die Ohren. Nun war ich gespannt auf die Stimme der Sängerin. Wie hieß sie noch mal? Keine Ahnung, hatte ich vergessen oder verdrängt. Weil es mich schlichtweg nicht interessierte, wen er an Land gezogen hatte.

Eine tiefe, rauchige Stimme, die mir eine Gänsehaut im positiven Sinne bescherte, war zu hören. Wow, diese Frau kann wirklich singen. Sie klang fast so wie Allanah Myles. Noch nie war mir eine weibliche Rocksängerin mit solch einer Stimme begegnet. Was wahrscheinlich auch daran lag, dass ich mich für meine, nennen wir es mal Konkurrenz nicht interessierte.

»Die ist nicht schlecht«, kommentierte ich und zog die Ohrstöpsel raus.

»Nicht schlecht? Cayla ist der Hammer.« Vince setzte sich neben mich.

»Wäre nur noch interessant, wie sie aussieht.« Grinsend lehnte ich mich nach vorne.

Aus Erfahrung und von verschiedenen Events wusste ich, dass Frauen, die singen konnten, nicht unbedingt attraktiv waren.

Vince griff nach seinem iPad, das auf dem Schreibtisch lag, tippte darauf rum und hielt es mir unter die Nase. »Das ist Cayla Hollister.«

Mir klappte der Mund auf und ich schloss ihn ganz schnell wieder, ehe Vince falsche Schlüsse zog. Cayla sah verdammt heiß aus. Lange schwarze Haare, strahlend blaue Augen. Der linke Oberarm komplett tätowiert. Ein Lächeln, das jeden Mann schwach werden ließ. Definitiv der Typ Frau, den ich nicht von der Bettkante schubste. Allerdings würde ich die Finger von ihr lassen, denn mit Kolleginnen hatte ich noch nie was angefangen. Never fuck the company.

Wenn mir nach Sex war, hatte ich genug Auswahl bei den Groupies, die mir hinterher reisten. Oder ich griff auf Cameron Carmichael zurück, aber dazu komme ich gleich. Natürlich war ich mir immer darüber im Klaren, dass diese Fans damit bei der Presse angaben, aber hey, das war mir scheißegal. Vince war das nicht so egal. Nach jedem Pressebericht bekam ich eine Rüge. Aber auch das war mir gleichgültig. Mich interessierte es schlichtweg nicht, dafür liebte ich Sex zu sehr.

»Was meinst du? Könnte das hinhauen?« Mit diesem Satz riss mich Vince aus den Gedanken. Und ja, diese waren gerade sehr, sehr schmutzig. Herr, ich brauchte dringend mal wieder Sex. Wird Zeit, dass die Tour begann oder das Cameron von ihrem Trip zurückkam. Sie war ein It-Girl, wie es im Buche stand. Warf das Geld von Daddy raus, ließ sich gerne von den Paparazzi jagen, um ja auf das Titelblatt einer Klatschzeitung zu kommen. Uns verband nichts. Nur Sex. Im Bett war sie eine Granate. Wir hatten ein mündliches Abkommen, dass von unseren Treffen niemals wer etwas erfuhr. Weder ein Magazin noch ihre oder meine Freunde. Es reichte, dass sich die weiblichen Fans untereinander die Augen auskratzten, wenn sie sich wortwörtlich um mich prügelten, nur damit sie bei mir landeten.

»Kannst du mal bitte so gnädig sein und mir antworten.« Vince‘ Stimme war laut und klang in meinen Ohren.

»Sorry, wie war die Frage?«

»Ob das mit Cayla und dir passen könnte.«

»Es ist doch eh beschlossene Sache, dass sie auf die Tour mitkommt, oder? Also, warum brauchst du meine Meinung?«

Wer vor mir auf der Bühne stand war mir gleich. Die Aufgabe einer Vorgruppe war eh nur, die Fans zu unterhalten und anzuheizen, bis ich auf die Bühne kam und sie komplett ausflippten.

»Sie kann singen, also ja, das passt«, ließ ich ihm dann doch mein Urteil wissen.

Er nickte und atmete zufrieden aus. »Perfekt. Wir werden nächste Woche mit ihr und ihrer Managerin, Jamie Bright, Abendessen gehen.«

»Warum?«

Vince schlug mir auf den Hinterkopf. »Damit ihr euch vor Tourauftakt kennenlernt.«

»Wenn du meinst, dass das nötig ist, dass ich äh … wie hieß sie?«

»Cayla Hollister!«

»Ah ja, stimmt. Na ja, wenn du meinst, dass es wichtig ist, dass ich sie vorher kennenlerne.«

»Ja, ist es. Wir treffen uns nächsten Dienstag um zwanzig Uhr im Restaurant Maison Dunge.«

Ich stand auf, streckte mich und ging zur Tür.

»Okay.«

»Sei bitte pünktlich.«

Spaßeshalber salutierte ich vor ihm. »Aye, aye, Captain.«

»Das meine ich ernst.«

Mit der Pünktlichkeit hatte ich es nicht so. Aber wie sagte man immer so schön, die Prominenz kommt nie pünktlich.

Kapitel 2

Cayla

»Du wirst merken, dass er nett ist. Das wird super, glaub mir«, versuchte Jamie mich aufzumuntern.

Nur war mir gar nicht wohl, gemeinsam mit Leeroy zu Abend zu essen. In meinem Kopf hallten immer und immer wieder seine Worte von damals wider. Eigentlich hatte ich gehofft, ihn erst bei Tourbeginn zu treffen. Aber unser Management hatte andere Pläne, wollte uns einander vorstellen. Die Entscheidung, der US-Tour zuzustimmen, war mir nicht leichtgefallen, aber ich hatte auf den Verstand und vor allem auf Owen gehört. Meiner Karriere würde es einen Schub geben, nur das zählte. Der Plan war sowieso, während der Tour dem Kerl, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen, dann klappte das schon irgendwie. Seit meine Jungs Jax, Mason und Decan wussten, dass wir demnächst durch die Staaten tourten, waren sie total aus dem Häuschen. Vor allem waren sie schier ausgeflippt – im positiven Sinn –, dass wir mit Leeroy McDole reisen würden. Was mich rein gar nicht zum Ausflippen brachte. Allerdings hatte ich ihnen nichts davon erzählt. Das sollte mal schön unter Verschluss bleiben.

Jamie hielt mir die Tür des Restaurants Maison Dunge auf, damit ich eintreten konnte. An einem mit Holz verkleideten Tresen stand eine Hostess, die uns freundlich begrüßte.

»Wir haben einen Termin mit Vince Pearlman und Leeroy McDole«, sagte Jamie zu ihr, und die junge Frau wurde prompt knallrot.

»Die Herrschaften sind bereits da. Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

Sie ging voraus und wir hinterher. Je tiefer wir in das Lokal hineingingen, desto flatternder wurden meine Nerven. In der hintersten Ecke, die von einem Paravent abgetrennt war, saßen Leeroy und sein Manager an einem Tisch. Vince Pearlman erhob sich sofort, als er uns erblickte, nur der arrogante Rockstar blieb sitzen und musterte mich von oben bis unten.

»Jamie, es freut mich, dass ihr Zeit für uns gefunden habt.« Überschwänglich begrüßte er sie und richtete seinen Blick dann auf mich.

»Freut mich, dich kennenzulernen«, sagte er an mich gewandt und streckte mir seine Hand entgegen. Er war groß, hatte schwarze Haare und war geschätzt Mitte dreißig.

»Ja, natürlich. Freut mich auch.«

Die Hostess, die längst hätte verschwinden können, stand neben Leeroy und starrte ihn an. Er zwinkerte ihr zu und schaute wieder zu mir.

»Leeroy, das sind Cayla Hollister und ihre Managerin Jamie Bright«, stellte uns Vince ihm vor.

Er nickte uns nur zu und lächelte. Allerdings konnte mich dieses – doch sehr charmante – Lächeln nicht davon überzeugen, dass er nett war und nicht mehr das dumme Arschgesicht von damals. Denn er hielt es nach wie vor nicht für nötig, uns die Hand zu reichen oder mal seinen Mund aufzumachen, um uns höflich zu begrüßen. Überheblicher Affenarsch.

Vince strafte seinen Schützling mit einem Blick, was diesen jedoch nicht interessierte, denn der war viel zu sehr damit beschäftigt, mit der Hostess zu flirten.

»Setzt euch doch, bitte.« Vince deutete auf die zwei freien Stühle, auf die wir uns niederließen.

»Ein sehr schönes Restaurant hast du ausgesucht«, erwähnte Jamie und sah zu Vince, der die Kellnerin angewiesen hatte, die Gläser mit Champagner zu füllen.

»Danke, ich glaube, darauf stoßen wir an.« Er wirkte sichtlich nervös, denn Leeroy hielt es überhaupt nicht für notwendig, irgendwas zu sagen oder sich in den Small Talk einzuklinken.

»Auf einen schönen Abend und eure gemeinsame US-Tour«, verkündete Vince.

Leeroy schnaubte. »Es ist immer noch meine Tour. Sie ist nur der Opening Act, der meine Fans anheizen soll.« Das Wort »MEINE« hatte er extra laut betont. Bam. Danke, diese Klatsche hatte gesessen. Und ja, sie zeigte mir deutlich, dass er sich nicht geändert hatte. Vielmehr kam es mir vor, als wäre er noch arroganter geworden. Jamie klappte der Mund auf und Vince blickte uns entschuldigend an.

»Nun denn, zum Wohl«, sagte er hastig und wir stießen an. Leeroy natürlich nicht. Er hielt sich ja für was Besseres und nahm einen Schluck von der Cola. Er wollte wohl nicht mit Champagner mit uns auf die Tour anstoßen.

Auf mich wirkte er, als wäre er in seiner eigenen Welt. In seiner Leeroy-McDole-Welt, die keiner betreten durfte. Oder war er high? Nahm er Drogen? Gelesen hatte ich darüber noch nichts, aber mich würde es nicht wundern. Schließlich hieß es ja: Sex, Drugs and Rock’n’Roll.

Ich schaute ihn genauer an. An den Enden der Ärmel des schwarzen Longsleeves lugten Tätowierungen hervor. Sein Gesicht war gebräunt, die Augen braun wie Holz. Unsere Blicke trafen sich kurz, dann schaute er sich im Restaurant um. Wahrscheinlich war er auf der Suche nach der Hostess, die vorhin gegangen war. Die hellbraunen Haare waren länger als vor sechs Jahren. Auf dem Kinn war ein Bartschatten und auf der Brust, die dank des V-Ausschnitts leicht zu sehen war, blitzten ebenso Tattoos hervor. Er war, soweit ich mich von einem Foto erinnern konnte, an so ziemlich jeder Stelle seines Körpers tätowiert.

Ja, ich liebte Tätowierungen, schließlich hatte ich auch welche. Doch bei ihm war das alles einen Tick too much. Nee, das musste nicht sein, oder? Ob die künstlerischen Malereien eine Bedeutung hatten?

»Gefällt dir, was du siehst?« Erschrocken fuhr ich zusammen und blickte in Leeroys braune Augen.

Klasse, Cayla, jetzt hat dich der Typ auch noch beim Gaffen erwischt.

»Nein … äh … ja … nein …«, stammelte ich und biss mir auf die Zunge.

Toll, Cayla, halt doch einfach deine Klappe.

Er lehnte sich lässig nach hinten, grinste und trank von der Cola.

Jetzt dürfte sich ruhig der Boden auftun, damit ich darin versinken konnte.

»Leeroy hat sich einen deiner Songs angehört und war begeistert«, teilte Vince mir mit.

Ich schaute zu ihm, lächelte und war mir gar nicht so sicher, dass er wirklich begeistert von meinem Song gewesen war. Geistesabwesend, wie er war, reagierte der Rockstar überhaupt nicht. Nun hatte ich auch noch die Bestätigung, dass er kein Interesse daran hatte, mich kennenzulernen. Wahrscheinlich war es ihm genauso zuwider wie mir, dass ich ihn auf Tour begleitete.

»Stimmt doch, Leeroy. Du fandest den Song toll.«

Der arrogante Musiker schaute zu seinem Manager, der immer nervöser wurde. Ihm war es peinlich, dass sich sein Klient so bescheuert mir gegenüber benahm.

»Mh, du klingst ganz nett«, erwähnte er, aber guckte mich nicht an, sondern ließ den Blick durch das Restaurant wandern.

Nett? Danke. Aber das ist die kleine Schwester von Scheiße.

»Ich schätze, ihr werdet euch gut ergänzen und dass die Tour ein voller Erfolg wird.« Vince war absolut überzeugt, dass die Konstellation Leeroy und Cayla klappte. Ich definitiv nicht. Nicht so wie er mich behandelte. Und Jamie, ja die war voll auf Vince‘ Seite, denn sie nickte heftig und strahlte.

»Nächste Woche werden wir bekannt geben, dass Cayla Hollister als Opening Act mit Leeroy auf US-Tour geht.« Der Manager entspannte sich kurz, aber man sah ihm dennoch an, dass er sich für Leeroy fremdschämte.

Jamie lächelte zufrieden. Leeroy rümpfte die Nase und ich wollte im Erdboden versinken.

»Ich muss weg«, sagte er plötzlich, stand auf und ging davon.

Ich blickte ihm nach, sah, wie er der Hostess mit einem Nicken deutete, ihm zu folgen. Wie selbstverständlich lief sie ihm hinterher. Es war glasklar, was er mit ihr vorhatte. Darauf hatte sie doch eh schon den ganzen Abend gehofft. Dieser Depp ließ wirklich nichts anbrennen.

Leeroy

Nicht ohne Grund war ich zu Cayla herablassend. Sie war eindeutig zu heiß, konnte super singen, und ich durfte sie niemals flachlegen. Weil ich eine einzige Regel hatte. Never fuck the company. So wie sie mich angaffte, brauchte ich nur mit den Fingern schnippen, und sie würde nackt unter mir liegen. Ein einziges Mal Sex mit ihr könnte die ganze Tour versauen. Außerdem war ich kein Typ, der monogam lebte. Ich nahm mir die Frauen, wie ich es wollte und wie sie mir in den Schoß fielen.

Da Cameron noch irgendwo durch die Welt jettete, ihr Leben genoss und ich ordentlich untervögelt war, hatte ich die Hostess abgecheckt. Die, wie wäre es anders denkbar, reagierte natürlich sofort auf mich. Es reichte nur ein Zwinkern und sie war knallrot angelaufen. Ein deutliches Nicken meinerseits und sie war mir gefolgt.

Ohne ein Wort mit ihr zu wechseln, betrat sie mit mir die Herrentoilette. Hinter uns sperrte ich die Tür des Vorraums ab, damit uns niemand in flagranti erwischte. Sie schaute mich mit ihren großen rehbraunen Augen an. Sie war verlegen. Dazu hatte sie doch gar keinen Grund. Sie war absolut hot und es war doch das, was sie sich in ihren heißestes Träumen vorstellte. Sex mit Leeroy McDole. Da für ein Gespräch sowieso keine Zeit blieb und mein Schwanz gegen die Jeans drückte, drehte ich sie zur Wand und fuhr mit einer Hand unter ihren Rock. Sie spreizte ihre Beine, damit ich besser dazwischen fassen konnte. Ihr Höschen war feucht. Sie wollte mich. Ich wollte sie. Okay, das war vielleicht ein bisschen übertrieben, denn ich wollte nur ihren Körper und mich in einer nassen Pussy versenken.

»Oh Baby, du bist ja so was von bereit«, flüsterte ich ihr ins Ohr und schob den Slip beiseite, um einen Finger in sie gleiten zu lassen.

»Ja«, kam es keuchend von ihr.

Mit der anderen Hand öffnete ich die Hose, rollte – und das war gar nicht so einfach – ein Kondom über meinen Schwanz. Er pochte, als ich ihn in sie schob und mich langsam zu bewegen begann. Was Frauen betraf, war ich ein Arschloch. Aber keine drängte oder zwang ich zu was. Sie boten sich mir alle freiwillig an. Niemals würde ich eine Frau gegen ihren Willen nehmen. Da war mir meine Karriere wirklich wichtiger. Es war ein stummes Okay, dass ich sie ficken durfte.

Ich pumpte in ihre feuchte Vagina. Vor meinem inneren Auge kamen blaue Augen zum Vorschein. Verdammt, warum musste ich jetzt an Cayla denken? Ich darf nicht an sie denken, wenn ich eine andere vögele. Ich presste die Augen fest zusammen, griff nach vorne und massierte die Titten der Hostess durch den Stoff hindurch. Aus ihrem Mund kamen Laute, für die ich verantwortlich war. Ihre Muskeln umschlossen mich und ich ergoss mich in ihr. Gedanklich klatschte ich mit mir selbst ab und war drauf und dran »Erster!« zu rufen. Ich ließ meinen Penis aus ihr gleiten, streifte das Präservativ ab und warf es in den Mülleimer.

»War das echt alles?«, fragte sie mürrisch.

Okay, ich war wirklich ein Arschloch, weil sie nicht zum Höhepunkt kam. Aber so viel Zeit hatte ich nicht und es ging mir eben nur um meine Erlösung.

»Oh Baby, es tut mir leid, aber Zeit ist Geld. Gerne kannst du damit angeben, dass dich das größte Arschloch der Rockszene auf der Herrentoilette an deinem Arbeitsplatz gefickt hat.« Ich zwinkerte ihr zu, drehte den Schlüssel herum und öffnete die Tür.

»Pah, du bringst es echt nicht.«

»Baby, pass auf was du sagst, denn glaub mir, ich kann Hebel in Bewegung setzen, die dich auf die Straße befördern.«

Sie richtete ihren Rock und ihre Haare zurecht, stolzierte an mir vorbei und warf mir einen bösen Blick zu. »Arschloch.«

»Danke für das Kompliment.«

Nun ging ich befriedigt zurück zum Tisch, um Vince und unseren Gästen noch zu sagen, dass ich abhauen würde.

»Sorry, ich verpiss mich«, schleuderte ich meinem Manager entgegen, der mich mit offenen Mund anblickte.

»Ihr könnt das alles ja ohne mich regeln, richtig?«

Eine Antwort von ihm wartete ich nicht ab, ich wandte mich zu Ms. Bright, nickte ihr zu und schaute dann zu Cayla. Sie starrte mich böse an, was mich aber nicht juckte. Ich grinste sie schelmisch an und ging. Es war für mich besser, von hier zu verschwinden, denn ein Abendessen in Anwesenheit dieser Granate würde ich nicht überleben.

Normalerweise ließ ich mich zu Terminen immer von meinem Fahrer Mr. Kane chauffieren, aber heute an diesem herrlichen Abend war mir mal wieder nach einer Spritztour mit meiner großen Liebe. Meiner Lady. Meiner Harley Davidson. Als ich hinter das Restaurant ging, auf dessen abgesperrten Parkplatz sie stand, setzte ich den Helm auf und atmete die warme Juliluft ein. Vor dem Restaurant standen bestimmt Paparazzi, aber an denen würde ich jeden Moment vorbeirauschen. Ich schwang ein Bein über den Sitz und startete den Motor, der unter mir zu vibrieren begann. Dieses Bike war meine Lady. Von ihr wurde ich nie enttäuscht. Sie war immer an meiner Seite. Nicht dass ich jemals von einer Frau enttäuscht wurde, das ließ ich noch nie zu. Enttäuscht hatte mich ein ganz anderer Mensch. Mein Erzeuger, der mich seelisch komplett verkorkst hatte. Daher ließ ich keinen zu nahe an mich ran. Ich hielt alle auf eine gewisse Distanz. Denn Menschen können dich zerstören.

Der Wind wehte mir entgegen. Die Paparazzi stürzten sich förmlich auf die Straße, als sie mich erkannten, aber ich trat aufs Gas und brauste davon. Wichser, was ist bitte an einem Foto von mir auf meiner Harley so besonders?

Ich bog ab, ließ die Fotografen hinter mir und fuhr Richtung Hollywood Hills. Mein Bike, meine Musik und ab und zu eine Frau unter, auf oder vor mir, das war alles, was ich brauchte.

****

Der Blick auf die Stadt machte mich jedes Mal ruhig. Hier in meiner Villa konnte ich zur Ruhe kommen, auf die kleinen Würmchen blicken. Wer hätte das gedacht, dass der kleine Junge, der so viel miterleben musste, einmal hier wohnen würde? Ich jedenfalls nicht. Nicht damals. Aber ich hatte es geschafft. »Du, Leeroy McDole, hast es geschafft«, hallte meine Stimme durch die Nacht. War ich arrogant? Für manche ja. Aber ich gab mich nach wie vor unnahbar, was viele als überheblich abstempelten. Auf meinen Erfolg in der Musikbranche war ich verdammt stolz.

Unzählige Auszeichnungen, Goldene und Platin-Schallplatten hingen an den Wänden vom Wohnzimmer, durch dessen Glasfront ich blickte. Das Handy, das auf dem Tisch lag, begann zu leuchten und klingeln. Genervt, wer mich um diese Uhrzeit anrief, ging ich nach drinnen und schaute auf das Display.

CAMERON stand in großen Buchstaben darauf. War sie wieder in der Stadt? Sex hatte ich heute, aber ein Blowjob wäre noch gut.

»Ja«, meldete ich mich mit kühler Stimme. Noch nie war ich herzlich zu ihr. Das würde sich auch nie ändern. Zwischen uns gab es nur Sex. Mehr nicht. Sie wusste, dass ich eisig sein konnte. Sie wusste, dass ich nur Fun wollte. Mehr von mir und meinem Leben brauchte sie nicht zu wissen.

»Hey, Lee«, flötete sie mir entgegen. Ich hasste es, wenn mich jemand Lee nannte. Wie oft musste ich ihr noch sagen, dass mich niemand so nennen durfte? Ich verband mit diesem Namen keine schönen Bilder.

»Ich heiße Leeroy, nicht Lee!«

»Sorry. Ich bin wieder in der Stadt. Hast du Lust, dass wir uns treffen?«

Mein Schwanz zuckte in freudiger Erwartung. Das Herz blieb kalt. »Du kannst gern vorbeikommen.«

Wer weiß, wann ich wieder in den Genuss kam, mir von ihr einen blasen zu lassen. Groupies fickte ich nur, denn ich war mir sicher, dass die jungen Dinger zwischen achtzehn und dreiundzwanzig nicht so gut blasen konnten wie Cameron Carmichael. Gott, diese Frau war mündlich ein wahrer Traum.

»Supi, dann bis gleich.«

Ich nahm eine Dose Cola zur Hand, nippte und gab ein »Mh« von mir, dann legte ich auf.

Kapitel 3

Cayla

Leeroy, arrogantes – aber gut aussehendes – Arschloch McDole konnte sich alles erlauben. Und damit meinte ich wirklich alles. Nicht nur, dass er beim gemeinsamen Abendessen mit unseren Managern gegangen war. Nein, das Meeting vor Tourbeginn hatte er auch sausen gelassen. Der große Rockstar hielt es nicht für nötig, die letzten wichtigen Punkte mit der Crew abzustimmen. Anders als er waren die Jungs seiner Band anwesend gewesen und supernett. Mit Conner, Ashton und Shane hatte ich mich auf Anhieb sehr gut verstanden.

Die komplette Crew war in einem Luxushotel in San Francisco untergebracht. Das Zimmer, welches ich zugeteilt bekommen hatte, war größer als mein Apartment. An diesem Vormittag waren der Soundcheck, am frühen Abend vor dem Auftakt der US-Tour ein gemeinsames Essen geplant.

Allerdings glaubte, nein vielmehr hoffte ich, dass Leeroy dieses Dinner ausfallen lassen würde. Zuzutrauen war es ihm. Denn seit wir gestern eingecheckt hatten, bekam ich ihn nicht zu Gesicht. Das war auch gut so, denn sehen wollte ich ihn nicht unbedingt. Zwangsläufig würde ich ihn ja irgendwann antreffen, aber dem konnte ich vielleicht aus dem Weg gehen.

Seelisch stellte ich mich auf den ersten Auftritt ein. Mir war etwas flau im Magen. Seit ich aufgestanden war, hatte ich Herzklopfen, die Nerven tanzten auf einem seidendünnen Faden. War ich nervös? Oh ja, und ob ich das war, schließlich musste ich zigtausend weibliche Fans, die wegen Leeroy zum Konzert kamen, in Stimmung bringen. War es eine gute Idee, dass ich als Frau den Anheizer mimte? Was, wenn sie mich ausbuhen?Was, wenn sie mich nicht mögen?

»Du machst dir viel zu viele Gedanken«, sagte ich zu mir selbst und blickte aus dem Fenster.

Die morgendliche Sonne strahlte vom Himmel und ich war bereit, diese Tour zu rocken. Jedenfalls versuchte ich, mir das einzureden. Doch zuerst musste ich mich für den Soundcheck herrichten. Auf der Agenda, die wir am Meeting ausgehändigt bekommen hatten, stand, dass wir uns um neun Uhr in der Hotellobby trafen. Von dort aus sollte es mit einem Bus zur Veranstaltungshalle gehen. Auf dem Handy checkte ich die Uhrzeit. Gut, ich hatte nur noch fünf Minuten, ehe es losging. Schnell zog ich mir eine Jeans und ein Shirt über, band die Haare zu einem Knoten zusammen und schlüpfte in meine Converse. Rasch tuschte ich mir noch die Wimpern, um anschließend das megageile Zimmer zu verlassen.

»Guten Morgen, Cayla«, begrüßte mich Jax, mein Drummer, als ich in die Lobby kam.

»Morgen, Jax. Wo sind denn die anderen?« Suchend blickte ich mich nach seinen Bandkollegen um.

»Die holen Kaffee.«

Ich ließ mich neben Jax auf dem weißen Ledersofa nieder. Leeroys Band saß ein paar Sitzgruppen von uns entfernt. Er, der Rockstar, war natürlich noch nicht da. Typisch. So wie ich ihn einschätzte, hatte er Pünktlichkeit nicht nötig oder es war ihm nie beigebracht worden.

»Freust du dich auf den Tourstart?«, wollte Jax von mir wissen und riss mich aus meinen Gedanken.

»Ja, aber ich bin nervös.«

Er legte seine Hand auf meine Schulter und klopfte kurz darauf. »Das wird großartig. Wir können das.«

Ich nickte und seufzte. Mir machte es Sorgen, dass ich wegen der kurzfristigen Entscheidung verdammt wenig Zeit hatte, um mit Gwen, der Choreografin, eine Performance einzustudieren. Klar, das, was sie mir in den letzten Wochen beigebracht hatte, war super, aber war das genug? Reichte es für diese Tour? In erster Linie ging es doch eh nur um den Rockgott, also sollte ich mir gar keine Gedanken machen, oder?

»Für unsere beste Rockröhre«, hörte ich Mason sagen und drehte mich um. Er lächelte mich an und hielt mir einen Kaffeebecher entgegen.

»Wow, du bist ein Schatz.« Mason, mein Bassist, war ein Engel und der Ruhigste von allen. Mit seinem kurzen modernen Haarschnitt – seine schwarzen Haare waren ihm heilig – wirkte er eher wie ein Mitglied einer Boy Band. Jax und Decan waren das absolute Gegenteil. Jax, der seine blonden Haare seit seiner Teeniezeit wachsen ließ, war der Lauteste von ihnen. Er war groß und bullig, aber hatte sein Herz am rechten Fleck. Decan, ach ja, mein Decan. Der Gitarrist war für mich wie ein großer Bruder. Er hatte braune Locken, die unmöglich zu bändigen waren. Meine Jungs – so nannte ich sie immer – waren für mich Familie. Ohne sie hätte ich dieser Tour niemals zugestimmt. Sie waren meine Felsen in der Brandung. Die Menschen, die mich verstanden, auf mich achtgaben – gut, das taten meine Eltern auch – aber sie waren mehr als Freunde.

»Hey, Cay«, grüßte mich Decan und setzte sich mir gegenüber.

Cay nannte nur er mich und nur er durfte das. Decan und ich, wir kannten uns schon länger, denn wir waren zusammen auf dieselbe Highschool gegangen. Jax und Mason lernte ich durch ihn kennen. Uns vier verband die Musik, und so hatten wir uns verbündet und gemeinsam im The Hype unsere Gigs abgehalten.

»Guten Morgen, Decan.« Kurz wuschelte ich durch seine Locken – was nur ich durfte – und lächelte ihn an.

Schweigend tranken wir unseren Kaffee. Leeroys Band war laut, lachte und zog die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren nett, keine Frage, aber auf sie passte das Image der Rockband absolut.

Durch die Lobby hallte ein Klackern, das eindeutig auf High Heels zurückzuführen war. Alle anwesenden Männer verdrehten sich fast die Köpfe, um die Dame, die sich uns näherte, anzustarren. Sie war groß, schlank, ungefähr Ende zwanzig und hatte einen kinnlangen Bob. In ihrer Hand hatte sie ein Klemmbrett. Mit einem Kugelschreiber tippte sie sich nachdenklich gegen die roten Lippen. Leeroys Band erhob sich und stand plötzlich da wie Zinnsoldaten. Ah, die Frau musste wohl zur Crew gehören und wie es schien, war sie eine Respektsperson. Warum sonst war die Band nun so, sagen wir mal, anständig? Der schwarze Hosenanzug umspielte ihre schlanke Figur. Die langen Beine machten mich fast neidisch.

»Guten Morgen, darf ich mich euch kurz vorstellen? Ich bin Darla Bloom, eure Tourmanagerin und für die PR zuständig«, sagte sie und lächelte.

»Hey, Miss Bloom«, entgegnete ich und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin Cayla Hollister, das sind meine Jungs Jax, Decan und Mason.«

Bei dem Meeting vor einer Woche hatte man uns mitgeteilt, dass uns während der Tour eine Ms. Bloom betreute, sie hatte aus gesundheitlichen Gründen nicht daran teilnehmen können.

»Freut mich, dich – wir können uns doch beim Vornamen nennen, oder? – kennenzulernen.« »Klar«, antwortete ich. Sie strahlte eine gewisse Autorität aus, aber dennoch war sie mir sympathisch.

Sie begrüßte meine Jungs und schaute dann zu denen von Leeroy. »Mann, wenn ihr immer so brav sein würdet.« Sie lachte, die Männer stimmten mit ein, kamen auf sie zu und umarmten sie der Reihe nach.

Ihr Blick wanderte auf ihre Armbanduhr. Kurz seufzte sie auf. »Gut, da wir vollzählig sind, können wir zur Halle fahren, draußen wartet bereits der Bus.«

Entweder sie konnte nicht zählen oder es war ihr egal, dass Leeroy seinen Allerwertesten noch gar nicht hierher geschwungen hatte. Aber mir sollte das absolut egal sein, denn das war sein Problem und nicht meins. Wir folgten Darla nach draußen, wo ein riesiger, schwarzer Reisebus mit getönten Scheiben auf uns wartete. Auf der Seite war in weißer Schrift das Logo von Leeroy McDole angebracht.

Lautes Kreischen ließ mich zusammenzucken und ich drehte mich um. Eine Horde junger Mädchen rannte auf uns zu und wurde von den Securitys, die weiß der Geier woher kamen, abgeschottet.

»Leeroy, ich liebe dich!«

»Leeroy, du bist der Beste!«, riefen sie.

Mädels, der Kerl ist doch gar nicht da. Meinen Jungs und mir war der plötzliche Trubel doch etwas zu viel, also stiegen wir eilig ein, setzten uns auf die freistehenden Sessel und blickten nach draußen. Dieser Bus war nicht vergleichbar mit einem Reisebus. Das hier war Luxus pur. Im vorderen Bereich, also hinter dem Fahrersitz, waren zehn Sessel, die mit denen der Businessclass einer Airline locker mithalten konnten. Im hinteren Bereich war eine Küchennische und gegenüber eine Tür, die vermutlich zur Toilette führte.

»Krass, wie die abgehen«, sagte Jax und riss mich aus meiner Erkundungstour. Er klebte förmlich an der Scheibe.

»Boah, die holen sich Autogramme von der Band«, staunte Decan.

»Sorry, dass wir noch nicht so weit sind«, entschuldigte ich mich bei ihnen.

»Hey, da kommen wir gemeinsam noch hin.« Mason lehnte sich zu mir über die Rückenlehne, und fuhr mir aufmunternd über die Wange. »Wir lieben dich.«

»Ich euch auch.«

»Da sind wieder so heiße Geräte dabei, das wird Leeroy freuen«, hörte ich Conner sagen, als er, Ashton und Shane in den Bus stiegen.

»Ja, der Penner hat echt Glück«, erwähnte ein anderer.

Ich verdrehte die Augen und fragte mich gedanklich, ob Leeroy wirklich in jeder Stadt, in der wir einen Auftritt hatten, ein Groupie abschleppen würde. Ach, was interessiert mich das überhaupt? Soll er sich doch dumm und dämlich vögeln.

Bevor wir losfuhren, kam der Busfahrer zu uns und stellte sich uns als Nelson vor. Er war seit einigen Jahren der Tourbusfahrer von Leeroy und dessen Band. Nelson musste ungefähr Anfang sechzig sein. Sein Haar war leicht ergraut, die Statur etwas rundlich. Eine gute Seele, so schätzte ich ihn ein.

****

Die riesige Halle beeindruckte mich. Die Bühne war so groß, dass man sich darauf verlaufen könnte – sinnbildlich gemeint.

»Wow, das ist unglaublich«, staunte Jax und ging auf das Schlagzeug zu.

»Ich bin auch total überwältigt«, sagte Mason.

»Wie viele Leute haben in dem Stadion Platz?«, wollte Decan von Darla wissen.

»Dreißigtausend.«

Mir verschlug es die Sprache. Ich sollte vor dreißigtausend Menschen singen? Oh mein Gott. Jetzt wurde mir erst recht flau in der Magengegend.

»Du bist so blass, geht es dir gut?«, fragte Darla.

»Ja … ja … äh … alles gut.«

Bisher hatte ich nie vor mehr als zweihundertfünfzig Leuten gesungen. Von jetzt auf gleich war ich mit der Situation maßlos überfordert.

»Wir können dann mit eurem Soundcheck anfangen«, verkündete Darla und winkte einen Mann zu uns. »Das ist Bobby, unser Tontechniker. Er wird dich verkabeln. Bobby, das ist Cayla.« Der große Kerl, der mich um einiges überragte, einen Vollbart hatte und wie ein Bär wirkte, reichte mir die Hand.

»Hallo, freut mich.«

»Mich auch«, entgegnete ich und ließ mich von ihm verkabeln.

»Ich bin im Backstagebereich und schau, wo Leeroy bleibt.« Darla ging von der Bühne und ich versuchte mich auf das zu konzentrieren, was ich gleich tun musste. Nämlich singen.

»It’s so hard to be a woman, but I will never be a man«, sang ich mit tiefer Stimme. Just a woman war eines meiner selbst geschriebenen Lieder. Der Sound kam mega rüber in der Halle und meine Band gab alles.

»Cayla, das war schon mal spitze. Das Einzige, was du trotz der Choreo machen solltest, ist die Menge anheizen. Weißt du, was ich damit meine?« Gwen, die Choreografin, stand vor der Bühne.

»Äh … ich denke ja.«

Sie kletterte auf die Bühne, kam auf mich zu. »Sei locker. Die Bühne ist so groß, du kannst sie komplett nutzen. Tanz zum Rand, bückt dich zu den Fans. So, wie wir es in den letzten Wochen geübt haben.«

Ja, wir hatten es geübt. Dennoch war ich einfach maßlos überfordert. Kurz schloss ich die Augen, ging in mich und rief das ab, was wir trainiert hatten. Komm, du bist doch nicht doof. Du wirst doch singen, tanzen und die Leute anheizen können.

»Gut, ich mach das gleich beim nächsten Song.«

Sie hob den Daumen und trat zur Seite.

»Jungs, jetzt wird gerockt mit Chesterfield Girl.«

Jax gab den Takt vor und die anderen stiegen mit ein. Als ich die erste Strophe zu singen begann, tanzte ich über die Bühne. Ich nutzte sie vollkommen aus, so wie Gwen es von mir verlangt hatte. Dieses Lied liebte ich. Es war eines zum Abrocken.

Als ich zum Bühnenrand kam und in die Halle blickte, sah ich in den oberen Rängen eine Person. Ich kniff leicht die Augen zusammen, sah, dass Leeroy dort stand und mich beobachtete. Aha, anscheinend schwänzte er den Soundcheck doch nicht.

Nur auf mich, den Sound im Hintergrund konzentriert, wandte ich mich von ihm ab und legte mich voll ins Zeug. Dass ich nervös war, durfte ich mir nicht anmerken lassen. Ich singe gut, und könnte er sich an mich erinnern, würden ihm die Augen rausfallen. Ich spürte, dass er mich mit den Augen auszog. Sein Blick brannte förmlich auf meinem Körper.

Die letzten Klänge des Lieds verebbten und ich stellte mich neben Decan. Gwen hob begeistert den Daumen. Durch die Halle wehte ein schriller Pfiff gefolgt von Applaus. Ich blickte nach oben zu den Rängen, wo Leeroy gestanden hatte. Lässig kam er die Stufen nach unten und klatschte. Auf direktem Weg kam er auf mich zu, ließ mich nicht aus den Augen. Cool so wie nur er es konnte, hüpfte er auf die Bühne.

»Respekt«, sagte er und fixierte mich nach wie vor mit seinem Blick. »Wenn du das heute Abend auch so hinbekommst, fressen dir meine Fans aus der Hand.« Er stellte sich vor mich hin.

»Danke«, kam es leise aus meinem Mund.

Hat er mir eben ein Kompliment gemacht? Das war doch ein Traum, oder? Leeroy war nicht der Typ, der mir Respekt zollte oder täuschte ich mich?

»Wenn Cayla mit dem Soundcheck fertig ist, bist du dran«, ließ Darla ihn wissen. »Und du, Cayla, musst anschließend zu Rosie.«

»Geht klar«, rief ich ihr als Antwort entgegen. Rosie, so wusste ich seit dem Meeting, war für das Styling und Make-up zuständig.

»Bin ja sehr gespannt, was Rosie aus dir zaubert.« Schelmisch grinste er.

»Ach, gefällt dir etwa mein Outfit nicht?« Die Arme vor der Brust verschränkt, funkelte ich ihn an. Er musterte mich intensiv.

»Na ja, ich denke …«, er leckte über die Lippen, seine braunen Iriden blitzen lüstern auf, »… da geht noch was.«

Lustmolch. Du überheblicher Lustmolch. Ehe ich mit irgendeinem Spruch kontern konnte, rief er Darla zu: »Ich bin in meiner Garderobe.« Dann verschwand er lässig schlendernd von der Bühne.

»Ist der immer so … so …« Mir fehlte das passende Wort, denn vor Darla, die ihn ja länger kannte, wollte ich ihn nicht als arrogant betiteln.

»So überheblich?«, beendete sie meinen Satz und zuckte mit den Schultern. »Er will nur, dass alles perfekt ist.«

»Aha.«

»Du darfst nicht vergessen, an seinem Erfolg verdienen wir alle mit.«

Ich schnaubte und schüttelte den Kopf. »Jungs, lasst uns weitermachen.« Jax zählte den nächsten Song ein. Ich wirbelte herum und sang mir die Seele aus dem Leib.

****

»Das sieht echt scharf aus«, kommentierte Rosie und war von ihrem Werk sichtlich begeistert.

Meine Haare waren zu großen Locken frisiert. Mein Körper steckte in einem hautengen schulterfreien Lederkleid, das mittig bei den Oberschenkeln endete. Dazu trug ich High Heels, für die man einen Waffenschein benötigte.

»Und damit soll ich über die Bühne wirbeln?«, fragte ich und deutete auf die Fünfzehn-Zentimeter-Absätze.

Rosie nickte und grinste. »Leeroy hat sie ausgesucht.«

Wie bitte? Das hatte sie nicht wirklich gesagt. Ist der von allen guten Geistern verlassen?

»Der will doch, dass ich mir die Beine breche«, murmelt ich vor mich hin.

»Das ist doch bestimmt nicht das erste Mal, dass du High Heels trägst.«

»Das nicht, aber bei meinen Auftritten hatte ich bisher immer Sneakers oder Stiefel mit flachen Absätzen an. Das wird eine Katastrophe.« Ich setzte mich auf einen Stuhl, stützte die Hände auf die Oberschenkel ab und seufzte.

»Es wird gut laufen«, versuchte, Rosie mich zu ermutigen, und kniete sich neben mich.

»Ruf schon mal den Rettungsdienst, der mich später mit zwei gebrochenen Beinen und Armen ins Krankenhaus bringen kann.«

Rosie lachte. »Das wird nicht nötig sein, weil du das hinbekommst. Und falls doch was passieren sollte, ist ein Krankenwagen immer bei den Shows vor Ort.«

»Ach, wie beruhigend.«

»Du rockst das, da bin ich mir sicher.«

Ich mir nicht mehr so. Leeroy hatte wieder einige Minuspunkte auf seinem Konto gesammelt. Der Kerl würde es bei mir niemals ins Plus schaffen.

»So, du kannst dich wieder umziehen.«

»Danke, Rosie.«

Mein bisheriges Resümee war, dass die Crew und die Band alle nett waren. Ich mochte sie und konnte mir gut vorstellen, dass die nächsten Wochen schön werden würden. Nur war da ja noch der Hauptakteur. Leeroy McDole. Und mit dem, ja … mit dem könnte ich mich wirklich noch in die Haare bekommen.

Leeroy

Mann ey, diese Frau war zu heiß. Verdammt, sogar in Jeans, Shirt und Sneaker und ungeschminkt sah sie zum Anbeißen aus. Ihre Stimme, ihre Choreografie hatten mich fasziniert. Es war schier unmöglich gewesen, sie nicht anzugaffen und ihr zu lauschen. Die nächsten Wochen, das wusste ich, würden hart werden. Jeden Tag mit ihr zusammen zu sein und sie nicht flachlegen zu können, das war eine Sache, der ich nicht gewachsen war. Fuck! Kurz dachte ich darüber nach, die einzige Regel einfach aufzuheben. Ermahnte mich aber selbst, dass Sex mit ihr nur zu Problemen führte. Doch ich musste zugeben, dass sie mich verdammt noch mal so dermaßen reizte. War es nicht immer so, dass man sich zu dem Verbotenen hingezogen fühlte?

In der Garderobe schaute ich mich um. Alles war nach meinen Vorstellungen eingerichtet. Wie es immer auf einer Tour war. Großes Sofa mit Kissen und Decken, ein Flatscreen an der Wand und ein Kühlschrank, der gefüllt war mit Cola und Red Bull. Meiner zweiten Sucht, neben der Musik. Die Band hatte auf der gegenüberliegenden Seite ihre eigene Umkleide, die ich selten betrat. Vor den Auftritten brauchte ich die Ruhe, um zu mir zu finden.

Wenn Cayla später auf der Bühne wäre, könnte ich sie über den Flatscreen beobachten. Ich legte mich auf die Couch und schloss die Augen. Cayla tauchte in meinen Gedanken auf. Sie mochte mich nicht, das erkannte ich jedes Mal in ihren Augen. Wann immer sie mich sah, funkelte sie mich böse an. Was hatte die Frau für ein Problem? Ich hatte ihr nie was getan. War sie auf meinen Erfolg neidisch?

Ihre langen Beine kamen mir in den Sinn, was gar nicht gut war. Denn ich stellte mir vor, wie sie diese um mich schlingen würde. Mein Schwanz, dieser miese Verräter, begann zu zucken. Verdammt! Ich durfte mir nicht vorstellen, wie sie wohl im Bett sein mochte. Der letzte Sex war noch nicht lange her. Cameron war gestern spontan zu mir ins Hotel nach San Francisco gekommen. Warum war ich schon wieder geil wie ein Bock? Allmählich glaubte ich wirklich, dass ich sexsüchtig war.

»Leeroy, unser Soundcheck beginnt«, hörte ich Conner, meinen Drummer, durch die Tür rufen.

»Ich komme gleich«, antwortete ich zurück und dachte: In meiner Hose, wenn ich weiterhin an Cayla denke.

Conner, Ashton und Shane gingen vor mir den Flur zur Bühne entlang. Gedankenverloren folgte ich ihnen. Als ich an Caylas Garderobe vorbeikam, blieb ich stehen und starrte die Tür an. Diese Frau musste ich dringend aus dem Kopf bekommen.

»Kommst du, oder willst du Wurzeln vor der Tür schlagen?«, fragte Ashton lachend.

»Bin ja schon unterwegs«, maulte ich, straffte die Schultern und joggte auf meine Band zu.

Bobby verkabelte mich und erzählte mir, wie toll er es fand, wieder mit mir auf Tour sein zu dürfen.

»Hast du Cayla singen gehört?«, fragte ich an ihn gewandt.

Er begann zu lachen. »Ich bin der Tontechniker, schon vergessen? Würde ich sie nicht hören, hätten wir ein Problem.«

»Nein, so meinte ich das nicht.«

»Wie soll ich deine Frage dann verstehen?«

»Hast du mal genau hingehört, wie sie singt?«

Bobby schaute mich an, hob den Daumen und grinste. »Sie singt megagut. So eine Stimme habe ich bei einer Frau ewig nicht mehr gehört. Und jetzt checken wir mal, ob du das auch so gut hinbekommst.« Er klopfte mir auf die Schulter und zwinkerte.

Die Band hatte sich in Position an ihre Instrumente gestellt und ich trat vor das Mikro.

»Viel Erfolg«, rief Bobby mir zu und stellte sich hinter seine Tontechnikeranlage.