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"Ein Thriller vom Feinsten … Eine fesselnde Geschichte, die man nur schwer aus der Hand legen kann." -Midwest Book Review, Diane Donovan (zu KOSTE ES WAS ES WOLLE) "Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe. Die Handlung ist intelligent und fesselt dich von Anfang an. Der Autor hat hervorragende Arbeit geleistet und eine Reihe von Charakteren geschaffen, die voll entwickelt und sehr unterhaltsam sind. Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten." -Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu KOSTE ES WAS ES WOLLE) Vom #1-Bestseller und USA Today-Bestsellerautor Jack Mars, Autor der von Kritikern hochgelobten Luke Stone und Agent Zero-Reihen (mit über 5.000 Fünf-Sterne-Rezensionen), kommt eine explosive, actiongeladene Spionageserie, die den Leser auf einen wilden Ritt durch Europa, Amerika und die Welt mitnimmt. Im Tiefen Dschungel von Südamerika wird ein mysteriöses und unbezahlbares Relikt entdeckt und kurz darauf werden Archäologen ermordet aufgefunden. Jacob Snow, ehemaliger Elitesoldat und CIA-Agent findet sich in einem Wettlauf gegen die Zeit wieder, die mysteriösen Motive hinter dieser Tat zu entdecken. Nicht nur ist das uralte Relikt unbezahlbar, es könnte auch die Weltordnung wie wir sie kennen, auf den Kopf stellen. Jacob weiß, dass er erneut die Hilfe seiner geheimnisvollen Partnerin benötigt, um das Rätsel zu entschlüsseln. Wer würde für ein uraltes Artefakt morden und warum? Können sie die Terroristen aufhalten und eine weltweite Katastrophe abwenden, bevor es zu spät ist? ZIEL VIER ist der nächste Roman einer aufregenden, neuen Serie eines Bestsellerautors, der es schafft, dass du dich in einen brandneuen Action-Helden verliebst – und bis spät in die Nacht blätterst. Perfekt für Fans von Dan Brown, Daniel Silva und Jack Carr. Weitere Bücher der Reihe sind ebenfalls erhältlich!
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2023
Z I E L V I E R
(SPIEL DER SPIONE – BAND 4)
J A C K M A R S
AUS DEM ENGLISCHEN VON SIMON DEHNE
Jack Mars
Jack Mars ist Bestsellerautor, bekannt aus der USA Today. Seine LUKE STONE Thriller-Reihe umfasst sieben Bände. Weitere Reihen von ihm sind DER WERDEGANG VON LUKE STONE, bestehend aus sechs Bänden, die AGENT NULL Spionage-Thriller Reihe, bestehend aus zwölf Bänden, die TROY STARK Thriller-Reihe, bestehend aus fünf Bänden, sowie die SPIEL DER SPIONE Thriller-Reihe, bestehend aus sechs Bänden.
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Copyright © 2023 von Jack Mars. Alle Rechte vorbehalten. Mit Ausnahme der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln vervielfältigt, verbreitet oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen verschenkt werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihr eigenes Exemplar. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist ein Werk der Belletristik. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig. Jackenbild Copyright Tomas Kvidera
BÜCHER VON JACK MARS
SPIEL DER SPIONE
ZIEL EINS (BUCH #1)
ZIEL ZWEI (BUCH #2)
ZIEL DREI (BUCH #3)
ZIEL VIER (BUCH #4)
EIN TROY STARK THRILLER
SKRUPELLOSE EINHEIT (BUCH #1)
DAS KOMMANDO DER SKRUPELLOSEN (BUCH #2)
DAS ZIEL DER SKRUPELLOSEN (BUCH #3)
LUKE STONE THRILLER SERIE
KOSTE ES WAS ES WOLLE (BUCH #1)
AMTSEID (BUCH #2)
LAGEZENTRUM (BUCH #3)
UMGEBEN VON FEINDEN (BUCH #4)
DER KANDIDAT (BUCH #5)
UNSERE HEILIGE EHRE (BUCH #6)
DAS GESPALTENE REICH (BUCH #7)
DER WERDEGANG VON LUKE STONE
PRIMÄRZIEL (BUCH #1)
DER HÖCHSTE BEFEHL (BUCH #2)
DIE GRÖSSTE BEDROHUNG (BUCH #3)
DIE HÖCHSTE EHRE (BUCH #4)
DER HÖCHSTE HELDENMUT (BUCH #5)
DIE WICHTIGSTE AUFGABE (BUCH #6)
EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE
AGENT NULL (BUCH #1)
ZIELOBJEKT NULL (BUCH #2)
JAGD AUF NULL (BUCH #3)
EINE FALLE FÜR NULL (BUCH #4)
AKTE NULL (BUCH #5)
RÜCKRUF NULL (BUCH #6)
ATTENTÄTER NULL (BUCH #7)
KÖDER NULL (BUCH #8)
HINTER NULL HER (BUCH #9)
RACHE NULL (BUCH #10)
NULL–AUSSICHTSLOS (BUCH #11)
INHALTSVERZEICHNIS
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
Für Patricia Allen,
Die östlichen Ausläufer der Anden, im Amazonas-Dschungel von Peru
Mittag
Die drei Männer und zwei Frauen stolperten den Abhang hinunter. Moosbedeckte Felsen blickten aus dem Unterholz hervor und der dunkle Dschungel bildete einen smaragdgrünen Hintergrund. Hier und dort, wo der Boden zu felsig wurde, als dass Bäume aus ihm hervorsprießen konnten, brannte die Sonne unerbittlich heiß und hell nieder.
Doch das machte ihnen nichts aus. Genauso wenig, wie dass sie mit jedem Atemzug nach Luft schnappen mussten, oder dass ihre Kleidung vor Schweiß an ihrer Haut klebte. Einer von ihnen hatte sich den Knöchel umgeknickt und humpelte. Ein weiterer litt unter einem durch Malaria verursachten Fieber, doch auch das kümmerte ihn nicht.
Ihnen war heiß, sie hatten Hunger und Durst und waren an den Grenzen ihrer Kräfte angelangt und nichtsdestotrotz stand ihnen ein breites Grinsen auf dem Gesicht.
Der Mann, der sie anführte, dessen graues Haar und grauer Schnurrbart ihn von seinen jüngeren Kumpanen abhob, hatte etwas in der Hand, das ihre Begeisterung erklärte.
Es war ein knapp fünfundzwanzig Zentimeter großes Idol einer Inka-Gottheit aus purem Gold. Das Gesicht war flach, die Augen nur angedeutet und der Mund zu einer Grimasse verzogen. Der Kopf des Wesens war von einer Kopfbedeckung umgeben, in die zahlreiche Lapislazuli eingelassen waren.
Keinem der fünf schwitzenden, humpelnden Wissenschaftler musste man erklären, dass es sich um Ayar Cachi handelte, einer Gottheit, die seinen Anbetenden gegenüber so grausam war, dass sein eigener Bruder Pläne geschmiedet hatte, ihn umzubringen. Einer Legende nach, die ein spanischer Jesuit aufgezeichnet hatte, der mit den Konquistadoren hierher gekommen war, hatte Ayar Cachi sich an einem unterirdischen Ort versteckt, von wo aus er Erdbeben verursachte, um die Menschen an der Oberfläche zu quälen und die Tempel der Götter zu zerstören, die ihn betrogen hatten.
„Dreißig Jahre“, murmelte der Mann, der das Idol fest in der Hand hielt. Sein Britischer Akzent verriet, dass er seine Kindheit in Internatsschulen und später in Cambridge verbracht hatte. „Dreißig Jahre habe ich gesucht und jetzt habe ich es endlich gefunden. Ich… Ich kann es gar nicht glauben.“
„Glauben Sie es ruhig, Professor Nasby“, sagte die Frau an seiner Seite mit einem Amerikanischen Akzent. „Ohne Zweifel handelt es sich genau um den Gegenstand, aufgrund dessen Sie hier sind.“
„Schon bald müssen wir ihn Sir Nasby nennen“, korrigierte sie ein Mann mit einem Südstaatenakzent. Alle lachten aufgeregt.
„Danke“, sagte ein anderer Mann. Sein Irischer Akzent trat deutlich hervor, obwohl er angestrengt flüsterte. Er war derjenige, der unter Malaria litt. Ein Kollege stützte ihn und half ihm beim Gehen. „Danke, dass Sie uns mitgenommen haben. Selbst… Selbst, wenn ich es nicht schaffe… Das war es wert.“
„Reden Sie keinen Unsinn, Professor Bridges“, sagte der Engländer. „Das Erste, was wir unternehmen werden, wenn wir zurück im Lager sind, ist über Funk Hilfe anzufordern. Wir lassen uns ausfliegen, wenn es sein muss.“
„Jetzt können wir es uns ja leisten!“, witzelte der Mann aus dem Süden der USA.
Sie alle lachten erneut, selbst der sonst so ernste Professor Nasby.
Ihr Gelächter übertönte das Rascheln in den Büschen hinter ihnen.
Sie arbeiteten sich weiter den Abhang hinunter. Ihre Vorräte waren schon lange erschöpft, sie hatten kein Wasser mehr und nichts außer ihre Vorfreude auf die nächste spärliche Mahlzeit und eine Mütze voll Schlaf, sobald sie im Lager ankamen, trieb sie noch an.
Und dann würden der Ruhm und der Reichtum folgen.
Ein weiteres Rascheln ertönte im dichten Gestrüpp, doch keiner von ihnen bemerkte etwas. Der Dschungel um sie herum war voller Geräusche – das ständige Summen der Insekten, der Gesang der Tropenvögel, das Blätterrascheln, wenn die Affen hoch über ihren Köpfen von Ast zu Ast sprangen, sowie die zahlreichen Tiere, die sich durch das Unterholz bewegten. Das Team folgte einem engen Pfad, den sie sich mit Macheten freigemacht hatten, als sie vor etwa einem Monat hier angekommen waren.
Erst als das Rascheln immer lauter wurde und näherkam, blickte sich der Amerikaner um und legte eine Hand an den Revolver, der in seinem Hüfthalfter ruhte.
„Was war das?“, flüsterte er.
Die anderen blieben stehen und drehten sich um.
„Ich habe nichts gehört“, sagte eine der Frauen.
„Wahrscheinlich war es nichts weiter“, beruhigte Professor Nasby sie, obwohl auch er seine Hand an seinen Revolver legte. „Hier lebt niemand in einem Umkreis von einhundert Meilen. Aber halten Sie trotzdem die Augen offen.“
Vorsichtig gingen sie weiter und plötzlich fühlte es sich an, als würde der Dschungel sich bedrohlich vor ihnen aufbauen.
Das Team erreichte ein kleines Tal, wo der Boden nahrhafter und die Bäume größer waren. Hier gab es keine Lichtungen mehr, durch die die Sonne auf den nackten Boden niederbrannte. Der Regenwald war dunkel, feucht und einengend und überall kreuchten und fleuchten unsichtbare Insekten, Nager – und Raubtiere.
„Die nächsten Einwohner sind meilenweit entfernt“, flüsterte Professor Nasby, als wollte er sich selbst beruhigen.
Der Archäologe war auf der ganzen Welt für seine Inka-Forschung bekannt und am liebsten hätte er sich mit seinem Team irgendwo verschanzt und bewaffnete Wachen aufgestellt, nur um sicher zu sein, doch Bridges benötigte Hilfe, und zwar so schnell wie möglich. Außerdem mussten sie alle dringend etwas essen und trinken. Selbst, wenn sie eine einzige Stunde abwarteten, wäre das zu viel. Sie hatten nicht die Kraft, sich zu verteidigen.
Wenn sie sich denn überhaupt verteidigen müssten. Nasby hatte schon seit einigen Minuten keine verdächtigen Geräusche mehr gehört.
Vielleicht hat uns ein Jaguar verfolgt.
Aber Jaguare machen keine Geräusche.
Waren es Holzfäller? Ein eingeborener Stamm?
Oder es war nur Einbildung. Wir sind alle angespannt und Bridges ist vielleicht nicht der Einzige von uns, der Fieber hat. Nach all dem, was wir hinter uns haben, ist es kein Wunder, wenn wir Gespenster sehen, nicht wahr?
Endlich kam das Lager in Sicht. Es befand sich auf einer kleinen Lichtung in der Nähe eines dünnen, schlammigen Baches. Ein halbes Dutzend Zelte war in einem Kreis um die Überreste eines Lagerfeuers angeordnet. Zwischen zwei nahegelegenen Bäumen erstreckte sich ein Kupferkabel und ein Koaxialkabel kam aus dem größten der Zelte. Es handelte sich um die Antenne ihres Kurzwellenradios, die einzige Verbindung, die sie zur Außenwelt hatten. Ein Tagesmarsch sowie zwei Tage Reise auf dem Fluss, der sich in der Nähe befand, trennten sie von der Zivilisation.
Ihr Team hatte diese Lichtung von sämtlichem Unterholz befreit. Sie hatte knapp einhundert Meter Durchmesser, viel mehr Platz, als das halbe Dutzend Zelte eigentlich erforderte. Doch Nasby, der im Laufe der Jahre schon mehr als eine böse Überraschung erlebt hatte, hatte darauf bestanden, dass sie sich genug Platz schafften, dass weder ein Bogenschütze sie erreichen, noch ein Jaguar sich an sie anschleichen konnte.
Allerdings war die Lichtung nicht groß genug, um jemanden mit einem Gewehr von seinen Plänen abzuhalten.
Der erste Schuss ertönte, als sie etwa zwanzig Meter zurückgelegt hatten und noch ein ganzes Stück von ihren Zelten entfernt waren.
Die Kugel sauste an Nasbys Ohr vorbei und bohrte sich in den Hals des Amerikaners.
Bevor er auch nur auf dem Boden zusammensackte, hallten drei weitere Schüsse durch die feuchte Luft. Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen. Einer von ihnen traf Nasby in den Unterarm. Eine Professorin sackte zusammen und ein schrecklicher dunkelroter Fleck breitete sich auf Magenhöhe aus. Bridges wurde mitten ins Herz getroffen.
Nasby sprintete los und auf die Zelte zu. Er kauerte sich zusammen, während ein regelrechter Kugelhagel aus dem Dschungel über die Lichtung flog. Er machte sich nicht die Mühe, seine Pistole zu ziehen. Wer auch immer es war, sie waren zu weit entfernt und im Gebüsch versteckt. Er konnte kaum das Aufblitzen ihrer Gewehrmündungen sehen, geschweige denn die Gestalten selbst.
Die einzige Chance, die er hatte, war sein Gewehr zu erreichen, bevor der Schock nachließ und die Schmerzen in seinem Unterarm so unerträglich wurden, dass er sich nicht mehr wehren konnte.
Weitere Schüsse ertönten. Doch keiner traf in seiner Nähe ein. Er blickte sich um und sah, dass beinahe sein gesamtes Team am Boden lag, bis auf Irina Gonzalez, eine Professorin an der Universität von New Mexico. Sie saß auf dem Boden und ihr Bein blutete. Wie wild erwiderte sie mit ihrer Pistole das Feuer der unsichtbaren Angreifer.
Professor Nasby rannte weiter. Sein Unterarm fing an zu pochen, doch er biss die Zähne zusammen und ignorierte den Schmerz. Trotz seiner fast sechzig Jahre hatte er sein gesamtes erwachsenes Leben in den Bergen und Dschungeln Südamerikas verbracht. Er war Schmerz und Angst gewohnt. Es war nicht das erste Mal, dass er ernsthaft verletzt war und erst recht nicht das erste Mal, dass man auf ihn schoss. Zwar waren es damals die Giftpfeile der Jivaro gewesen und keine Bleikugeln unbekannter Gewehrschützen, doch einen großen Unterschied machte es nicht. Beides war tödlich. Er rannte weiter und seine Erschöpfung war wie vergessen. Blut strömte aus der Wunde an seinem Unterarm und er hatte das goldene Idol fallen gelassen.
Bevor er sich um die goldene Statue kümmern konnte, musste er zurück zum Zelt. Er musste sein Gewehr und das Funkgerät erreichen.
Eine Kugel bohrte sich zuerst rechts von ihm, dann links in den Boden. Er rannte weiter. Irinas Schüsse waren verstummt, doch er blickte sich nicht um. Er wusste bereits, was für ein Anblick ihn erwarten würde.
Zu seinem Erstaunen schaffte er es bis zum Zelt, ohne erneut getroffen zu werden. Hastig riss er den Reißverschluss mit seiner unversehrten Hand nach unten und sprang ins Zelt. Er kauerte sich auf dem Boden zusammen und rollte zur Seite, um einem Schuss auszuweichen, der nicht kam. Er schnappte sich sein Gewehr, das über ein Zielfernrohr verfügte. Hier im Dschungel hätte er es eigentlich in einem Waffenkoffer aufbewahren sollen, doch an diese Vorschrift hielt sich Professor Nasby nie. Er zog es vor, sie jeden Abend rigoros zu säubern. Es hätte ihn wertvolle Sekunden gekostet, einen Koffer zu öffnen.
Und jetzt brauchte Nasby jede Sekunde, die er kriegen konnte.
Er wirbelte herum und verzog sein Gesicht, als ein Schmerz in seinen Arm schoss. Er hob die Waffe und streckte den Lauf aus der Zeltöffnung.
Am Rande des Dickichts bewegte sich nichts. Es war wieder still, abgesehen von dem konstanten Summen der Insekten und dem unaufhörlichen Gesang der Vögel. Professor Nasby atmete schwer.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete seinen Unterarm. Die Kugel hatte zum Glück nicht den Knochen zertrümmert, sondern sich bloß in sein Fleisch gebohrt. Kein Problem, wenn sich die Wunde nicht entzündete. Der Verbandskasten befand sich jedoch in einem anderen Zelt. In seiner Lage hätte er genauso gut auf dem Mond sein können.
Jetzt hatte er jedoch ein größeres Problem. Sie wussten, wo er war. Sie könnten sich ohne Probleme um das Zelt herum bewegen und sich anschleichen. Ohne Zweifel war es genau das, was sie gerade taten.
Warum durchlöcherten sie sein Zelt nicht einfach? Er wäre schon längst tot.
Sie wollen mich nicht umbringen. Sie wollen mich gefangennehmen.
Sie wollen wissen, wo die Höhle ist.
Er hatte nur diese eine Chance. Er kroch zum Kurzwellenempfänger, der auf einer Kiste voll mit Dosenbohnen stand.
Er stellte ihn an und seine Lichter blitzten auf. Aus den Lautsprechern ertönte lautes Rauschen. Er stellte ihn auf 7060 kHz, die Notfallfrequenz. Sie war reserviert und wurde von verschiedenen Regierungen und Freiwilligen überwacht.
Nasby kauerte sich hin und nahm das Mikrofon zur Hand.
„Mayday, Mayday. Hier spricht die angloamerikanische archäologische Amazonas-Mission. Wir werden angegriffen. Ich wiederhole, wir werden angegriffen. Wir befinden uns in unserem Lager. Unsere Koordinaten lauten…“
Schritte neben dem Zelt ertönten. Nasby wirbelte herum und feuerte durch das Zeltwand. Ein Schrei teilte ihm mit, dass er getroffen hatte.
Ein riesiger Lateinamerikaner mit geschorenem Kopf erschien im Eingang. Er hatte Tarnfarben an und schrie den Professor auf Spanisch an.
„Lassen Sie die Waffe fallen, oder…“
Nasby drückte ab, doch die plötzliche Bewegung sorgte dafür, dass ein scharfer Schmerz in seinen Arm schoss. Der Mann wich nach links aus und Nasbys Schuss ging ins Leere.
Aufgeben? Niemals! Sie waren hinter seiner Entdeckung her, doch er würde niemals aufgeben. Eher würde er sie alle töten.
Mexiko-Stadt, am gleichen Tag
Jacob Snow saß an einem Schreibtisch in dem Hotelzimmer, das ihm die mexikanische Armee verschafft hatte. Er unterhielt sich mit Tyler Wallace, seinem Boss in dem Hauptquartier in Athen. Der ältere afroamerikanische Veteran hatte ihn gerade für den erfolgreichen Abschluss einer weiteren Mission gelobt und wollte nun genau wissen, warum er hinter seinem Rücken einer Bande Piraten hinterhergejagt war.
„Du warst beurlaubt!“, keifte Wallace.
„Terroristen haben auch keinen Urlaub.“
„Glaubst du, das weiß ich nicht? Aber du nutzt mir nichts, wenn du dich nicht ausruhst. Sieh dich doch nur an. Du bist verletzt und erschöpft. Du musst erst gesund werden. Die Welt kommt ein paar Wochen ohne dich aus. Es gibt noch andere Agenten, die genauso gut wie du sind, weißt du.“
Das stimmte vielleicht nicht ganz, aber Wallace hatte recht. Er brauchte wirklich eine Pause.
Doch jedes Mal, wenn er nicht auf einer Mission war, wusste er nicht, wohin mit sich selbst.
„Was soll ich denn dann tun?“, fragte Jacob.
„Keine Ahnung. Leg dich an den Strand. Trink ein paar Margaritas. Tritt einer Mariachi Band bei. Mir egal, Hauptsache du entspannst dich.“
„Ich könnte wieder Nachrichtenkanäle überwachen.“
„Das hasst du doch gehasst.“
„Ich hasse es mehr, gar nicht zu arbeiten.“
„Pech für dich. Du bist bis auf Weiteres beurlaubt. Das ist ein Befehl. Bring mich nicht dazu, zu dir zu kommen und es dir einzuprügeln.“
Jacob lachte. Wallace war einer der Wenigen, der das vielleicht sogar schaffen würde.
„Hör zu, ich muss jetzt los“, sagte Wallace. „Es gibt da ein paar Dinge, die sich zusammenbrauen und um die ich mich kümmern muss.“
Jacob wurde hellhörig. „Was? Was braut sich zusammen?“
„Nichts, was dich etwas angeht“, knurrte Wallace. „Und jetzt entspann dich. Sofort.“
Er trennte die Verbindung.
Jacob Snow schüttelte seinen Kopf, legte sich auf sein Bett, atmete tief aus und versuchte sich zu entspannen. Er hatte die Welt gerettet. Mal wieder. Eigentlich sollte er glücklich sein. Oder zumindest zufrieden. Nein, definitiv nicht glücklich. Ein guter Soldat hatte heute sein Leben gelassen. Ein mexikanischer Stabsgefreiter, den er erst vor einigen Stunden kennengelernt hatte, hatte sich geopfert. Sie hatten einen terroristischen Plan vereitelt, eine Biowaffe hochgehen zu lassen. Die Bösen hatten verloren und die Guten hatten gesiegt. Jedenfalls größtenteils.
Und damit sollte alles geklärt sein. So war es normalerweise.
Doch nicht dieses Mal.
Jana Peters hatte ihn wie auf den beiden vorherigen Missionen auch schon begleitet. Anscheinend waren ihre Schicksale miteinander verwoben und letzten Endes hatte er sich entschieden, ihr die Wahrheit über ihren Vater und sich selbst zu erzählen. Dadurch hatte er mindestens ein halbes Dutzend CIA-Richtlinien gebrochen, doch sie hatte es verdient. Schließlich handelte es sich um ihren Vater und sie hatte gleich dreimal dabei geholfen, die Welt vor dem Untergang zu retten.
Doch alles, was er erreicht hatte, war sie zu verärgern. Sie war außer sich vor Wut gewesen, als sie erfahren hatte, dass Aaron Peters wie ein Vater für ihn gewesen war, während er seine eigene Tochter vernachlässigt hatte.
Das alles war nur eine weitere Erinnerung daran gewesen, dass CIA-Agenten am besten sämtlichen persönlichen Beziehungen aus dem Wege gingen. Es war einfach nicht fair.
Selbst, wenn sie nur oberflächlich waren. Gabriella war wegen ihm ums Leben gekommen. Sie war eine unschuldige junge Frau gewesen, deren einziges Verbrechen darin bestanden hatte, seine Freundin zu sein.
Er rieb sich mit seiner gesunden Hand die Augen. Die andere war noch immer dank einer Verletzung von vor ein paar Wochen verbunden. Bisher hatte er nicht die Gelegenheit gehabt, sie ausreichend ruhig zu halten. Gott, wie alles schief gelaufen war! Gabriella war tot und Jana würde wahrscheinlich nie wieder auch nur ein Wort mit ihm wechseln.
Okay, von jetzt an lässt du niemanden mehr an dich heran. Wenn der Drang nach Nähe zu groß wird, gibt es immer noch One-Night-Stands. Wenn dir eine Frau ihre Nummer gibt, lösch sie wieder und ruf sie niemals an. Darin bist du doch so gut.
Vor Gabriella hatte er einen Haufen One-Night-Stands gehabt. Doch der Gedanke daran, erneut solch ein Leben zu führen, deprimierte ihn.
Er lehnte sich zurück und starrte die Decke an. Wallace hatte ihm dafür, dass er ohne Autorisierung auf eine Mission gegangen war, ordentlich die Leviten gelesen – doch im gleichen Atemzug hatte er ihn dafür gelobt, solch gute Arbeit geleistet zu haben. Wallace war ein guter Mann. Er war schon lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass ihre Regeln eher Richtlinien als Gesetze waren. Wallace würde die Sache schon mit ihren Vorgesetzten klären. In der Zwischenzeit hatte er Jacob jedoch befohlen, sich auszuruhen.
Was sollte er also tun? Er könnte sich ein wenig in Mexiko-Stadt umsehen, schätzte er. Das Essen in diesem Land war verdammt gut und stand gleich nach dem aus Guatemala an erster Stelle, wenn es um die lateinamerikanische Küche ging. Vielleicht sollte er ein paar Museen oder Ausgrabungen besuchen. Seine Zeit mit Jana hatte sein Interesse für Geschichte geweckt.
Andererseits würde er nur an sie denken müssen.
Na gut. Dann würde er halt zur Küste fahren und ein wenig Tauchen gehen.
Doch das letzte Mal, dass er Tauchen gewesen war, hatte eine Piratenbande ihn fast getötet und Jana hatte ihn gerettet, also würde auch das ihn an sie erinnern.
„Verdammt, ich bekomme sie einfach nicht aus meinem Kopf!“, rief er der Decke entgegen.
Sein Handy vibrierte. Nicht sein privates, sondern sein CIA-Handy. Sein vorheriges hatte er auf der letzten Mission verloren, doch er hatte erst vor ein paar Stunden ein neues von der CIA erhalten. Es war die gleiche Nummer wie vorher, sodass die wenigen vertrauenswürdigen Agenten, die über seinen Kontakt verfügten, ihn nach wie vor erreichen konnten.
Auch Jana kannte die Nummer. Er packte das Telefon, das auf dem Nachttisch lag und sein Herz pochte wild. War sie es? Vielleicht wollte sie sich für ihre Überreaktion entschuldigen. Vielleicht wollte sie sich mit ihm treffen. Erinnerungen daran, wie sie gemeinsam über historische Stätten spazierten, stiegen in ihm auf.
Er blickte auf das Display. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Eine unbekannte Nummer? Das sollte eigentlich nicht passieren. War das ein Systemfehler?
Er zögerte. Könnte es ein Virus sein, der ihm von einem feindlichen Agenten geschickt worden war? Oder war es einfach nur eine Nachricht von einer Nummer, die die Mitarbeiter in der IT versehentlich nicht eingespeichert hatten? Vielleicht war es ja wirklich nur ein Fehler. Wenn dem so war, musste er ihn melden. Zuverlässige Technik war das A und O in seinem Beruf.
Jacob öffnete die Nachricht und starrte die drei Worte und die Zahl an, aus der sie bestand.
„Ikaros Northfield Europa 313.“
Er starrte die Worte mindestens eine Minute an. Zuerst war sein Kopf vollständig leer, doch schon bald rasten seine Gedanken. Tausend Fragen und Gefühle stiegen in ihm auf. Das konnte nur zwei Dinge bedeuten.
Es war ein Code, den allein er und eine weitere Person auf diesem Planeten kannte.
Aaron Peters, Janas Vater.
Doch Aaron Peters war tot. Er hatte sich vor Jahren in ar-Raqqa in die Luft gesprengt, um seine Mission zu erfüllen, ein Munitionslager des IS zu zerstören und Jacob zu retten. Wer hatte also diese Nachricht gesendet? Es war unmöglich, dass Aaron noch am Leben war. Hatte er jemand anderem den Code verraten und ihm nichts davon gesagt?
Er hatte versprochen, das nicht zu tun.
„Ikaros“ war das Codewort für „Jana.“ Ikaros war in der griechischen Mythologie der Sohn des Erfinders Daidalos. Daidalos hatte für sich und seinen Sohn Flügel gebaut, Ikaros jedoch davor gewarnt, nicht zu nah an die Sonne zu fliegen, da sonst das Bienenwachs, das die Flügel zusammenhielt, schmelzen würde. Es war eine Warnung vor Selbstüberschätzung. Ikaros hatte nicht auf seinen Vater gehört. Aaron war stets besorgt darüber gewesen, dass sich seine Tochter ebenfalls eines Tages selbst überschätzen könnte. Dass er als Codenamen für sie einen männlichen Namen verwendet hatte, hatte es nur schwerer machen sollen, zu entziffern, was die wahre Bedeutung hinter den Worten war.
„Northfield“ hieß, dass es Ärger gab. Damals, als Jacob sich in der Erholungsphase nach dem Desaster in Afghanistan befunden hatte, hatte ihm Aaron einige Geschichten erzählt. Eine von ihnen handelte von der James-Gang, die Banditenbande von Frank und Jesse James, und wie es sie schließlich zerschlagen hatte. Sie waren quer durch ein halbes Dutzend Staaten gezogen und hatten ungehindert Kutschen und Banken überfallen. Schließlich, im Jahre 1876, hatte ein befreundeter Bandit, Cole Younger, die Idee gehabt, eine Bank in der verschlafenen Kleinstadt Northfield in Minnesota zu überfallen.
Frank und Jesse James hatten sich mit Cole Younger, zwei seiner Brüder und ein paar weiteren Banditen zusammengetan um ein, so dachten sie, leichtes Ziel auszurauben.
Doch stattdessen hatten die friedlichen Einwohner von Northfield ihnen eine gehörige Lektion erteilt. Als die Banditen aus der Bank gekommen waren, hatten sie aus nahezu jedem Fenster in der Umgebung das Feuer auf sie eröffnet.
Zwei von ihnen wurden an Ort und Stelle erschossen, während der Rest sich schwer verletzt in die Wälder der Umgebung zurückgezogen hatte.
Nach einer filmreifen Verfolgungsjagd waren Frank und Jesse James entkommen und hatten ihre Verbrechensreihe fortgesetzt. Cole Younger war gefasst und ins Gefängnis gesteckt worden. Nachdem er seine Zeit abgesessen hatte, hatte er mit seinen Vorträgen namens „Was mich das Leben gelehrt hat“ Erfolg gehabt, in denen er davon berichtet hatte, dass sich Verbrechen nicht lohnen.
Aaron hatte zwei Lektionen aus dieser Geschichte gezogen. Erstens: Unterschätze niemals deinen Feind. Zweitens: Jeder Mensch kann sich ändern.
Und so hatten sie sich als sie diesen Code entworfen hatten entschieden, dass „Northfield“ für Ärger stand.
Also gab es Ärger, was Jana betraf. Sie war entführt wurden. Das war die Bedeutung des Wortes „Europa.“ In der griechischen Mythologie hatte Zeus sich in einen Stier verwandelt, um die Prinzessin Europa zu entführen.
Die Nummer 313 stand für Aaron Peters. Es war nicht nur eine Unterschrift, sie stand auch dafür, dass er nicht helfen konnte. Die Zahl war eine Referenz auf das Jahr 313, in dem der römische Kaiser die Jahrhunderte lange Verfolgung der Christen mit der Mailänder Vereinbarung beendet hatte. Sie hatte Religionsfreiheit im gesamten Kaiserreich garantieren sollen. Konstantin konnte Jacob nicht zur Hilfe eilen, da er natürlich tot war. Das war die zweite Bedeutung der Nummer.
Insgesamt bedeutete die Nachricht also, dass Jana entführt worden war und Aaron nicht helfen konnte.
Natürlich kann er mir nicht helfen, dachte Jacob. Er ist genau so tot wie Kaiser Konstantin.
Oder?
Ja, ich habe selbst gesehen, wie das Lagerhaus in die Luft gegangen ist. Ein ganzer Städteblock ist explodiert. Er kann unmöglich entkommen sein. Also muss er jemand anderem diesen Code gegeben haben, jemandem, den er vertraut hat. Aber wer auch immer es ist, kann mir ebenfalls nicht helfen, und nicht einmal seine Identität offenbaren.
Jacob wollte die Nummer überprüfen, stellte jedoch fest, dass keine angezeigt wurde. Wer auch immer ihm die Nachricht geschickt hatte, hatte sie blockiert. Er bezweifelte, dass die Telefongesellschaft die Nummer herausfinden konnte, selbst, wenn die CIA half.
Er rief Jana an, doch ihr Handy war ausgeschaltet.
„Verdammt!“
Als nächstes wählte er die Nummer von Major Pedro Obregón von der mexikanischen Armee. Er war derjenige, der ihm auf der Mission geholfen hatte, die gerade erst abgeschlossen war.
Der Major nahm nach dem zweiten Klingeln ab.
„Agent Snow, ich wollte Sie gerade anrufen. Ich wollte Sie fragen, ob Sie und Ihre Partnerin nicht heute Abend zum Essen vorbeikommen wollen. Wenn Sie nicht zu müde sind. Es würde auch morgen gehen, wenn Sie sich heute noch ausruhen wollen.“
„Ich fürchte, dafür ist keine Zeit, Major. Wir haben vielleicht ein Problem. Ich habe gerade einen anonymen Hinweis darauf bekommen, dass Jana in Schwierigkeiten steckt und vielleicht entführt wurde. Ihr Handy ist ausgeschaltet.“
„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“
„Am Museum, nachdem die Bombensicherung die Glaskugel mitgenommen hat, in der sich das Schwarze Fieber befindet. Sie, äh, ist anschließend gegangen. Ich glaube, sie wollte zurück zum Hotel.“
„Überprüfen Sie ihr Zimmer. Ich werde in Teotihuacán anrufen. An sämtlichen Kreuzungen und Ausgängen befinden sich Kameras. Wir können herausfinden, wohin sie ist.“
„Sehr gut. Danke.“
* * *
Zwei Stunden später stand Jacob mit Major Obregón im Polizeipräsidium von Mexiko-Stadt. Jana war nicht in ihrem Zimmer gewesen und Major Obregón hatte dank der Zusammenarbeit mit dem Sicherheitspersonal in Teotihuacán sowie der Autobahnpolizei herausgefunden, dass Jana die Ausgrabungsstätte verlassen hatte.
Auf dem Video, das gerade auf den Bildschirmen lief, war die chaotische Menschenmenge zu sehen, die durch einen der Hauptausgänge strömte.
„Dort“, sagte der Major und deutete auf Jana.
Jacob war beeindruckt. Der Major kannte sie erst seit wenigen Stunden und hatte sie trotzdem unter einhundert Menschen erkannt.
Sie sahen dabei zu, wie Jana ein Taxi herbeirief.
„Orten Sie den Wagen“, orderte Major Obregón dem Mitarbeiter, der vor den Bildschirmen saß. Er war ein dürrer Kerl, dessen Polizeiuniform zwei Nummern zu groß für ihn aussah.
Ein grüner Kasten tauchte auf dem Bildschirm auf und rahmte das Taxi ein.
„Passen Sie gut auf“, sagte der Major. „Dieses Programm scannt automatisch das Modell und die Farbe des Autos, sowie das Kennzeichen, wenn es zu sehen ist, und kann es in sämtlichen Überwachungsvideos wiederfinden, die wir haben. Wir haben das Programm von einer chinesischen Firma. Die gleiche Firma, die ihre Regierung beliefert. Wenn man schon die Öffentlichkeit ausspioniert, kann man sich gleich an die Experten wenden, habe ich recht?“
„Nicht schlecht.“
Die Öffentlichkeit auszuspionieren entsprach nicht gerade Jacobs Vorstellung von Demokratie und Freiheit, doch wenn man Mexikos Probleme mit den Drogenkartellen bedachte, hatten sie keine große Wahl.
Verdammt, sie wurde doch nicht etwa von einem Kartell entführt, oder? Wer weiß, was sie mit ihr anstellen.
Nein, ich kann nicht klar denken. Es ist wahrscheinlich die gleiche Gruppierung, die ihren Kollegen in Fez entführt hatte.
Auf dem Bildschirm tauchte ein neuer Blickwinkel auf. Das Taxi fuhr unter der Kamera hindurch und das Programm zeichnete automatisch das Kennzeichen auf.
Sie sahen dabei zu, wie das Taxi noch drei weitere Kameras hinter sich ließ und schließlich in einen Bereich fuhr, in dem es anscheinend keine Überwachung gab. Nach einer Weile tauchte es in einem größeren Stadtteil auf, der bereits zu Mexiko-Stadt gehörte. Das Taxi hielt neben einer Gruppe Schulmädchen an. Eine junge Frau ging zur Tür hinüber und stieg auf der Beifahrerseite ein.
„Das ist ja seltsam“, sagte Major Obregón.
„Wahrscheinlich hat sich der Fahrer einen Vorwand ausgedacht, anzuhalten“, meinte Jacob. „‚Oh, dort ist meine Tochter. Kann ich sie nicht mitnehmen?‘ Eine häufige Masche. Das Opfer ahnt nicht das Geringste. Sehen Sie, wie sie sich umdreht, um Jana anzusehen? Ich kann es nicht genau erkennen, aber ich wette, sie hat eine Waffe auf sie gerichtet.“
Das Taxi fuhr davon und die junge Frau blickte noch immer nach hinten.
„Ich glaube, Sie haben recht“, stimmte Major Obregón zu.
Ein Knoten bildete sich in Jacobs Magengegend, während das Taxi in Richtung Schnellstraße fuhr. Der Polizist spulte vor, während das Taxi mehrere Kilometer zurücklegte, bevor es eine Ausfahrt nahm und von den Aufnahmen verschwand.
„Verdammt!“, rief Jacob.
„Keine Sorge“, beruhigte ihn der Polizist. „Diese Gegend hier nennen wir auch falschen toten Winkel. Verbrecher, die nicht darauf achten, wo sich die Kameras befinden, glauben, sie können sich dort verstecken. Doch in Wirklichkeit ist das eine Sackgasse. Diese Abfahrt führt lediglich zu ein paar verlassenen Bauernhöfen. Sie müssen die nächste Auffahrt zurück auf die Schnellstraße nehmen.“
„Was für Bauernhöfe sind das?“
„Keiner von ihnen gehört einem Kartell.“
Jacob entschied sich zu verschweigen, dass wahrscheinlich kein Kartell dahinter steckte.
Das Taxi tauchte auf der nächsten Auffahrt auf, doch die Zeitanzeige war viel zu weit fortgeschritten. Es war zwei Stunden später.
„Was haben sie so lange angestellt?“, fragte sich Major Obregón.
„Pausieren Sie das Video“, sagte Jacob.
Der Polizist gehorchte und sie betrachteten den Fahrer.
„Das ist jemand anders“, sagte Jacob. „Sie haben den Fahrer gewechselt. Ich wette, sie haben sie in ein anderes Auto verfrachtet. Sie wussten von Ihrer Falle.“
„Wir werden sie finden“, sagte der Polizist. Er klang verärgert, weil er überlistet worden war.
Er scrollte die Zeitleiste zurück und wechselte zu den Aufnahmen der Auffahrt. Sie warteten und untersuchten jedes Auto, das an der Kamera vorbeifuhr. Ein heruntergekommener Pickup. Ein Bulli. Dann drei weitere Autos.
„Folgen Sie dem Wagen mit den getönten Scheiben“, sagte Jacob.
Der Polizist markierte das Auto. Er folgte ihm ein paar Kilometer, während es an verschiedenen Kameras vorbeifuhr und schließlich auf die Überholspur wechselte.
„Das sind sie“, meinte Jacob.
„Viele Autos haben getönte Scheiben“, sagte Major Obregón.
„Ja, aber sehen Sie, wie er die Spur wechselt? Er ist vorsichtig. Und selbst auf der Überholspur hält er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Er will keine Aufmerksamkeit erregen. Der durchschnittliche mexikanische Autofahrer fährt wie besessen und rast, als würde sein Haus in Flammen stehen.“
„Danke auch“, murmelte Major Obregón.
Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Er hat doch recht.“
Er spulte die Aufnahmen vor, bis das Auto eine Abfahrt nahm und sie es verloren. Das Programm fand das Fahrzeug in einer Kleinstadt wieder.
„Die Stadt heißt Zempoala“, sagte der Polizist. „Sie scheinen nicht anzuhalten. Das hier ist die letzte Kamera am Stadtrand. Sie fahren weiter… Oh!“
Zwei rote Meldungen leuchteten auf.
„Was bedeutet das?“, fragte Jacob.
Der Polizist deutete auf den Bildschirm. „Das hier bedeutet, dass das Fahrzeug auf keinen weiteren Aufnahmen zu finden ist und das hier, dass es in der Nähe eines verdächtigen Grundstückes verschwunden ist.“
„Was für ein verdächtiges Grundstück?“
Er tippte etwas auf der Tastatur ein.
„Dieses hier.“
Eine Akte öffnete sich und Major Obregón fluchte. Jacob benötigte ein paar Sekunden, um den spanischen Text zu entziffern, doch dann fluchte er ebenfalls.
„Ich fordere Verstärkung an“, sagte Major Obregón.
