Bist du verliebt, Mami? - Nora Roberts - E-Book
Beschreibung

Zoe hat ihr Leben als Single-Mutter bestens im Griff – bis sie die Einliegerwohnung in ihrem Häuschen an den Sportjournalisten Cooper vermietet. Der verbringt gerne Zeit mit ihrem vierjährigen Sohn Keenan, den er mit ins Baseballstadium nimmt, auf den er aufpasst, wenn Zoe arbeiten muss, und den er zum Schwimmen kutschiert. Zoe bleibt skeptisch: Cooper ist zu gut, um wahr zu sein. Zoe und Cooper wissen: Wenn sie ihrer Leidenschaft füreinander nachgeben, darf Keenan nicht verletzt werden. Doch beide wissen auch: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:173


Nora Roberts

Bist du verliebt, Mami?

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Eva von der Gönna

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Die Originalausgabe The Best Mistakeist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCopyright © 1994 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by MIRA Taschenbuchin der Harlequin Enterprises GmbH, HamburgCovergestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Fotos von shutterstock, Stuart MonkSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12104-4V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Niemand machte die Tür auf. Cooper blickte auf den Zettel in seiner Hand, um sich zu vergewissern, dass die Adresse stimmte. Doch, es war die richtige Anschrift. Und da das hübsche zweistöckige Haus im Tudor-Stil in der ruhigen, baumbestandenen Straße genau das war, was er suchte, klopfte er noch einmal – lauter diesmal.

In der Einfahrt stand ein Wagen, ein nicht mehr ganz neuer Kombi, der eine Wäsche und einige Ausbesserungsarbeiten an der Karosserie vertragen konnte. Es ist jemand da, dachte er und blickte stirnrunzelnd zum Fenster im ersten Stock, aus dem Musik drang – lauter Rock mit voll aufgedrehten Bässen. Er steckte den Zettel in die Tasche und begann, die Umgebung zu studieren.

Eine sauber geschnittene Hecke aus Lorbeerbäumen schirmte das schmucke Haus von der Straße ab. Der Garten, in dem bereits die ersten bunten Frühlingsblumen blühten, wirkte ein klein wenig verwildert und gerade deshalb besonders anziehend.

Nicht, dass Cooper besonders viel von Pflanzen verstand, aber er hatte Sinn für alles Schöne.

Neben dem Auto stand ein glänzendes rotes Dreirad, und das verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl. Er hatte zwar nichts gegen Kinder, doch ihm fehlte jeder Bezug zu ihnen. Für ihn waren sie wie Wesen von einem anderen Stern. Sie hatten eine andere Sprache und lebten in ihrer ganz eigenen Welt. Außerdem waren sie winzig und fühlten sich meistens klebrig an.

Cooper rieb sich unschlüssig das Kinn. In der Anzeige war die Rede von einer ruhigen, gepflegten Wohnung in nicht allzu großer Entfernung von Baltimore gewesen – genau das, was er suchte.

Er klopfte ein drittes Mal. Neuerliches Dröhnen der Rockmusik war die einzige Antwort, die er erhielt. Die Musik störte ihn nicht. Wenigstens verstand er sie. Allerdings war er nicht der Typ Mann, der sich vor einer geschlossenen Tür die Beine in den Bauch stand, und so drückte er versuchshalber die Klinke.

Zu seiner Überraschung ging die Tür auf. Aus Gewohnheit strich er sich das dunkle Haar aus der Stirn und betrachtete das nicht besonders ordentliche Wohnzimmer, das vor ihm lag.

Das Durcheinander erstaunte ihn, den zweiunddreißigjährigen Junggesellen, der schon seit Jahren allein lebte. Wie Cooper sich selbst oft versicherte, war er weder besonders penibel noch ein Sauberkeitsfanatiker. Bei ihm hatte nur jedes Ding seinen Platz und ließ sich deshalb schneller wiederfinden, wenn er es brauchte. Sein zukünftiger Vermieter war offenbar anderer Meinung.

In der Ecke lagen Spielsachen, daneben stapelten sich Zeitungen und Illustrierte, auf denen eine winzige Baseball-Kappe mit dem Emblem der Baltimore Orioles thronte.

Wenigstens hat der Kleine einen guten Geschmack, dachte Cooper und ging langsam weiter.

Im Gang stand eine Tür offen. Dahinter lag ein kleiner Waschraum, der in der erstaunlichen Farbkombination von Lila und Grün dekoriert war. Ein Stück weiter befand sich ein provisorisches Büro mit einem von Papieren übersäten Schreibtisch. In der Küche daneben türmte sich schmutziges Geschirr in der Spüle. An der Kühlschranktür klebten grellbunte Zeichnungen eines Kindes, das offenbar mit lebhafter Fantasie ausgestattet war.

Vielleicht ist es ganz gut, sagte sich Cooper, dass niemand aufgemacht hat. Er überlegte, ob er auch den ersten Stock inspizieren solle, solange er hier war, doch das könnte im ungünstigsten Fall als Hausfriedensbruch ausgelegt werden. Stattdessen trat er wieder ins Freie, um sich dort umzusehen. An der Rückseite des Hauses fiel ihm eine Holztreppe auf, die zu einer Terrasse führte. Offenbar der Privateingang, von dem in der Anzeige die Rede gewesen war.

Die Glastür stand offen. Mit jedem Schritt, den Cooper näher trat, wurde die Musik lauter. Er schnupperte. Es roch nach frischer Farbe – ein Geruch, den er immer schon gemocht hatte. Kurz entschlossen trat er ein.

Vor ihm lag ein großer Wohnraum, von dem im hinteren Teil eine Küchenzeile durch eine Theke abgeteilt war. Die Geräte waren nicht neu, jedoch blank poliert. Der Kachelboden glänzte.

Etwas hoffnungsvoller ging er in die Richtung, aus der die Musik kam. Dabei nutzte er die Gelegenheit, sich ein wenig umzusehen. Das Bad war genauso blitzsauber wie die Küche und glücklicherweise kein Experiment in Farben, sondern rein weiß. Neben dem Waschbecken lag ein Buch mit dem Titel »Selbst ist der Mann«. Misstrauisch drehte Cooper den Hahn auf. Zu seiner Erleichterung kam ein kräftiger Strahl glasklares Wasser heraus.

Auf der anderen Seite des Ganges lag ein kleiner Raum, von dem aus man in den Garten blickte. Hier könnte man gut ein Arbeitszimmer einrichten, überlegte Cooper.

In der Anzeige war die Rede von zwei Schlafzimmern gewesen. Die laute Musik führte ihn zu dem zweiten Raum an der Vorderseite des Hauses. Cooper blickte hinein. Platz für sein großes kalifornisches Bett wäre jedenfalls vorhanden. Der Boden, der den Rändern nach zu urteilen aus Eichendielen bestand, war mit farbbeklecksten Tüchern bedeckt. In einer Ecke standen Farbeimer und Abstreifgitter. Daneben lagen Pinsel und Walzen in verschiedenen Größen.

Eine Gestalt im weiten Overall, die auf einer Trittleiter stand, vollendete das Bild. Trotz der Mütze, die das Haar verbarg, und des unförmigen Kleidungsstücks sah Cooper sofort, dass er eine große, schlanke Frau vor sich hatte.

Die nackten Füße mit gepflegten, rosa lackierten Nägeln waren mit Farbklecksen bedeckt. Sie sang laut und ziemlich falsch.

Cooper klopfte an den Türrahmen. »Entschuldigen Sie.«

Die Frau strich seelenruhig weiter. Ihre Hüften bewegten sich rhythmisch, als sie mit der Deckenkante begann. Cooper trat auf sie zu und tippte ihr auf den Rücken.

Sie schrie auf und fuhr herum. Obwohl er zu Recht auf seine Reaktionsschnelligkeit stolz war, traf ihn der mit Farbe getränkte Pinsel mitten ins Gesicht.

Er stieß einen Fluch aus und machte einen Satz zurück. Gleich darauf sprang er wieder vor, um zu verhindern, dass sie von der Leiter fiel. Obwohl alles ganz schnell ging, prägte sich ihm der Eindruck eines schlanken Körpers, eines blassen, dreieckigen Gesichts mit großen, von langen Wimpern umrahmten braunen Augen und der Duft nach Geißblatt ein.

Im nächsten Moment hielt Cooper sich keuchend die Magengegend, in die sie den Ellbogen gerammt hatte. Während er noch nach Luft rang, schrie sie etwas, das er nicht verstand.

»Sind Sie verrückt?«, keuchte er und umklammerte ihr Handgelenk, ehe sie ihn mit der Farbdose attackieren konnte. »Hören Sie, wenn Sie damit nach mir werfen, werden Sie es bereuen!«

»Was?«

»Ich habe gesagt, Sie sollen nicht mit der Dose werfen. Ich bin wegen der Anzeige hier.«

»Was?«, schrie sie wieder. In ihren Augen stand immer noch Panik, und sie sah aus, als sei sie zu allem fähig.

»Die Anzeige, verflixt noch mal!« Cooper lief zu dem tragbaren Kassettenrecorder und schaltete ihn aus. »Ich bin wegen der Anzeige hier«, wiederholte er. In der plötzlichen Stille klang seine Stimme unnatürlich laut.

Sie kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Welche Anzeige?«

»Wegen der Wohnung.« Er wischte sich über die Wange, studierte die weiße Schmierspur auf dem Handrücken und unterdrückte einen Fluch. »Verstehen Sie? Ich komme auf Ihre Anzeige wegen der Wohnung.«

»Tatsächlich?« Sie musterte ihn. Er sah ziemlich beunruhigend aus mit seinen breiten Schultern, dem sportlich durchtrainierten Körper und den langen Beinen. Seine Augen waren von einem hellen, beinahe durchscheinenden Grün und blickten alles andere als freundlich. Das verblichene Sweatshirt mit dem Emblem der Baltimore Orioles und die zerfransten Jeans trugen auch nicht dazu bei, ihn seriöser erscheinen zu lassen. Wenn sie Glück hatte, konnte sie zumindest über eine kurze Strecke schneller laufen als er. Im Schreien war sie ihm auf alle Fälle überlegen. »Die Anzeige erscheint erst morgen.«

»Morgen?« Verblüfft griff Cooper in die Tasche und zog den zerknitterten Zettel heraus. »Das ist doch die richtige Adresse. In der Anzeige wurde hier eine Wohnung angeboten.«

Die junge Frau ließ sich nicht beirren. »Die Anzeige erscheint erst morgen«, wiederholte sie. »Wieso wissen Sie also davon?«

»Ich arbeite bei der Zeitung.« Ganz vorsichtig streckte Cooper ihr den Zettel hin. »Da ich schon eine ganze Weile nach einer Wohnung suche, habe ich die Kollegin aus der Anzeigenabteilung gebeten, die Augen offen zu halten.« Laut las er vor, was er sich aufgeschrieben hatte. »Zweizimmerwohnung, eigener Eingang, ruhige Wohngegend nahe Baltimore.«

»Das ist richtig.«

Cooper machte ein zerknirschtes Gesicht. »Vielleicht hat meine Kollegin etwas zu viel des Guten getan. Ich habe ihr Karten für ein Baseball-Spiel geschenkt, und deshalb wollte sie mir wohl einen Gefallen tun und hat mir die Information etwas früher gegeben.« Als er sah, dass sie den Griff um die Farbdose etwas gelockert hatte, versuchte er es mit Charme. »Ich habe geklopft und bin dann ums Haus herumgegangen.« Dass er sich zuerst innen umgesehen hatte, erwähnte er lieber nicht.

»Die Adresse war aber in der Anzeige nicht angegeben.« Sie sah ihn nach wie vor argwöhnisch an.

»Ich arbeite bei der Zeitung«, wiederholte er. Inzwischen hatte er Zeit gehabt, die Frau genauer zu betrachten. Irgendetwas an ihrem Gesicht kam ihm vertraut vor. Wirklich ein faszinierendes Gesicht mit hohen Wangenknochen, ausdrucksvollen Augen und dem zarten Porzellanteint, den Anzeigen für Gesichtscreme den Verwenderinnen versprachen. Der Mund war groß und hatte eine verführerisch volle Unterlippe.

»In der Redaktion hatte man Ihre Adresse wegen der Rechnung«, fuhr Cooper fort. »Da ich einige Stunden frei habe, dachte ich, ich schaue einfach mal vorbei. Wenn es Ihnen lieber ist, komme ich gern morgen oder an einem anderen Tag wieder. Aber nachdem ich schon hier bin …« Er zückte seinen Presseausweis. »Damit Sie sich überzeugen können, dass ich die Wahrheit sage.«

Zu seiner Erleichterung kniff sie die Augen zusammen und studierte das Dokument.

»Ich schreibe eine Kolumne«, erklärte er lächelnd. »J. Cooper McKinnon über Sport. ›Voll im Spiel‹.«

»Aha.« Der Titel sagte ihr gar nichts. Die Sportseite legte sie meistens ungelesen zur Seite. Allerdings hatte das Lächeln sie etwas beruhigt. Wenn er lächelte, sah er nicht mehr so gefährlich aus. Und die Farbspur in seinem schmalen gebräunten Gesicht verlieh ihm etwas Spitzbübisches. »Also gut«, gab sie nach. »Eigentlich wollte ich die Wohnung erst zeigen, wenn sie fertig ist. Ich bin immer noch beim Anstreichen.«

»Das ist mir aufgefallen.«

Sie lachte – ein warmes, leicht raues Lachen, das zu ihrer Stimme passte. »Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Übrigens, ich heiße Zoe Fleming«, fügte sie hinzu, während sie etwas Verdünner auf ein Tuch träufelte. »Damit können Sie sich abwischen.«

»Vielen Dank.« Cooper rieb sich über die Wange. »In der Anzeige steht, dass die Wohnung sofort bezogen werden kann.«

»Ich hatte geplant, bis morgen, wenn die Anzeige erscheint, mit der Arbeit fertig zu sein. Sind Sie aus dieser Gegend?«

»Im Moment wohne ich in einem Apartment in der Stadtmitte, aber ich suche etwas Geräumigeres im Grünen.«

»Die Wohnung bietet viel Platz. Sie wurde vor ungefähr acht Jahren vom Rest des Hauses abgetrennt. Der Besitzer hatte sie für seinen Sohn ausgebaut. Als er starb, verkaufte der Sohn das Haus und zog nach Kalifornien. Er schreibt dort Komödien fürs Fernsehen.«

Cooper ging zum Fenster und blickte hinaus. Er bewegt sich sehr behände, dachte Zoe, wie ein Mann, der schnell und leicht auf den Füßen ist. Als sie gegen ihn getaumelt war, hatte sie seinen zugleich kräftigen und drahtigen Körper gespürt. Und starke Hände, die zupacken konnten. Zoe überlegte. Es wäre vielleicht ganz praktisch, einen Mann im Haus zu haben.

»Mit wie viel Personen würden Sie einziehen, Mr McKinnon?« Es wäre schön, wenn er auch ein Kind hätte, dachte sie. Dann hätte Keenan einen Spielgefährten.

»Ich bin allein.« Die Wohnung gefiel Cooper. Es würde ihm gut tun, aus dem kleinen Apartment herauszukommen, in dem er sich kaum umdrehen konnte, ohne irgendwo anzustoßen.

Er freute sich schon darauf, frisch gemähtes Gras und gelegentlich den Rauch von Grillfeuer zu riechen. »Wenn Sie nichts dagegen haben, könnte ich am Wochenende einziehen.«

Dass es so einfach sein würde, hatte Zoe nicht erwartet. Nachdenklich kaute sie auf der Unterlippe. Vermieterin war sie bisher nicht gewesen. Doch sie hatte lange genug in gemieteten Räumen gelebt, um sich auszukennen. »Ich muss Sie um eine Kaution in Höhe von zwei Monatsmieten bitten.«

»Selbstverständlich.«

»Außerdem brauche ich Referenzen.«

»Ich gebe Ihnen die Nummer der Hausverwaltung, die mein jetziges Apartment betreut. Sie können auch gern den Personalchef der Zeitung anrufen. Haben Sie einen Mietvertrag, den ich unterschreiben könnte?«

»Den kann ich Ihnen erst morgen vorlegen.« Zoe hatte sich eigens ein Buch mit Musterverträgen aus der Bücherei geholt und vorgehabt, eine vereinfachte Version abzuschreiben. »Möchten Sie auch den Rest der Wohnung besichtigen, oder haben Sie Fragen?« Seit Tagen übte sie bereits ihre Rolle als Dame des Hauses.

»Ich habe alles Wichtige gesehen und keine Einwände.«

»Aha.« Das nahm ihr etwas den Wind aus den Segeln. »Dann kann ich die Anzeige ja stornieren.«

Von draußen drang ein Geräusch herein, das Cooper an eine Elefantenherde erinnerte. Zoe blickte zur Tür und ging in die Hocke, um das anfliegende Geschoss aufzufangen.

Es handelte sich um einen kleinen Jungen, wie Cooper feststellte, als Zoe das Kind lachend hochhob. Der Junge hatte glänzendes goldblondes Haar, trug rote Turnschuhe und Jeans, die mit einer schwer zu identifizierenden klebrigen Substanz verschmiert waren. In der Hand hielt er eine Lunchbox aus Plastik mit einem Aufkleber, auf dem eine intergalaktische Schlacht tobte, und ein Blatt Zeichenpapier, das an den Rändern schon ziemlich schmuddelig war.

»Ich habe den Ozean gezeichnet«, verkündete der Kleine. »Und dazu eine Million Leute, die alle von Haien gefressen werden.«

»Schrecklich.« Zoe schauderte pflichtschuldig und ließ sich einen Kuss geben. »Das sind aber große Haie«, meinte sie bewundernd. Offenbar konnte sie genau unterscheiden, welche der Kleckse Haie und welche ihre Opfer darstellten.

»Das sind ja auch Monsterhaie. Mutierte Monsterhaie. Mit ganz scharfen Zähnen.«

»Das sehe ich. Keenan, das ist Mr McKinnon, unser neuer Mieter.«

Keenan hielt sich vorsichtshalber am Bein seiner Mutter fest, während er den Fremden studierte. Als er das Emblem auf Coopers Sweatshirt entdeckte, leuchteten seine Augen auf. »Das ist Baseball. Ich werde es demnächst lernen. Mama besorgt sich ein Buch und bringt es mir bei.«

Ein Buch. Cooper hätte beinahe verächtlich geschnaubt. Als ob man das faszinierendste Spiel, das der Mensch je erfunden hatte, aus einem Buch lernen könnte. Was für eine Niete hatte der Junge eigentlich zum Vater?

»Das ist ja toll.« Mehr beabsichtigte Cooper nicht zu sagen. Er hatte es schon immer für klüger gehalten, sich nicht auf Diskussionen mit irgendjemandem unter sechzehn einzulassen.

Keenan sah das offenbar anders. »Wenn Sie hier wohnen wollen, müssen Sie Miete bezahlen. Dann haben wir nicht nur Geld für die Hypothek, sondern können sogar einen Ausflug zu Disney World in Florida machen.«

Wofür hielt sich der Junge eigentlich? Für einen Buchhalter? fragte sich Cooper spöttisch.

»Schon gut, Sportsfreund.« Zoe lachte und zerzauste ihrem Sohn das Haar. »Jetzt mache ich weiter. Geh du schon einmal runter und räum deine Sachen weg.«

»Kommt Beth heute Abend zum Spielen zu mir?«

»Ja, sie wird gegen sechs da sein. Nun verschwinde. Ich komme gleich nach.«

»Okay.« Er war bereits halb zur Tür hinaus, als seine Mutter mahnend seinen Namen rief. Ein Blick genügte, um ihn an seine Manieren zu erinnern. Keenan drehte sich zu Cooper um und grinste spitzbübisch. »Wiedersehn, Mister.«

Erneut war die Elefantenherde auf der Holztreppe zu vernehmen, dann knallte eine Tür. »Keenan liebt große Auftritte und Abgänge«, erklärte Zoe zu Cooper gewandt. »Das hat er von meiner Mutter. Sie ist Schauspielerin in einem experimentellen Theater in einer Seitenstraße des Broadway.« Einen Fuß bereits wieder auf der Leiter, sah sie Cooper abschätzend an. »Sie sehen aus, als wollten Sie es sich noch einmal überlegen. Haben Sie etwas gegen Kinder?«

»Ganz und gar nicht«, versicherte Cooper hastig. Schließlich stand nicht zu erwarten, dass der Junge ein regelmäßiger Besucher wurde. Falls doch, würde er ihm eben verständlich machen müssen, dass er seine Ruhe haben wollte. »Ein netter kleiner Bursche.«

»Das ist er. Ich will nicht behaupten, dass er ein Engel ist, aber er wird Ihnen nicht lästig fallen. Wenn er Sie stört, brauchen Sie es mir nur zu sagen.«

»Selbstverständlich. Wissen Sie was, ich komme morgen wieder vorbei, um den Mietvertrag zu unterschreiben und Ihnen einen Scheck für die Kaution und die erste Monatsmiete zu bringen. Bei der Gelegenheit können Sie mir dann auch die Schlüssel geben.«

»Das ist mir recht.«

»Um wie viel Uhr soll ich da sein?«

Zoe überlegte. »Was ist morgen denn für ein Tag?«

»Freitag.«

»Freitag.« Sie schloss die Augen und ging im Geist ihren Terminkalender durch. »Da arbeite ich von zehn bis zwei – glaube ich jedenfalls. Doch, ich bin mir ziemlich sicher. Ab halb drei bin ich auf alle Fälle hier.«

»Sehr schön. Es hat mich gefreut, Mrs Fleming.«

Sie nahm die ausgestreckte Hand. »Miss Fleming«, stellte sie richtig. »Ich bin nicht verheiratet. Und da wir sozusagen zusammenleben werden, können Sie ruhig Zoe zu mir sagen.«

2. KAPITEL

Schon wieder machte niemand die Tür auf. Cooper blickte auf die Uhr und stellte fest, dass es Viertel vor drei war. Er hielt sich nicht für einen Fanatiker in Bezug auf Pünktlichkeit, doch da sein Leben sich vorwiegend um Abgabetermine drehte, hatte er Respekt davor. Diesmal stand kein rostiger Kombi in der Einfahrt. Hoffnungsvoll ging Cooper trotzdem zur Rückseite des Hauses. Ehe er die Treppe hochsteigen konnte, rief ihn vom Nachbargarten aus jemand an.

»Junger Mann! Hallo, Sie, junger Mann!« Er drehte sich um und sah eine unförmige Gestalt in geblümtem Kaftan auf den Zaun zulaufen. Über einem breiten Gesicht ringelte sich hennarotes Haar. Als sie näher kam, stellte Cooper fest, dass die Frau einen knallroten Lippenstift, pinkfarbenes Rouge und lavendelblauen Lidschatten trug.

Als sie schließlich den Zaun erreicht hatte, presste sie eine beringte Hand gegen ihren wogenden Busen. »Ich bin nicht mehr so jung, wie ich einmal war. Ach, ehe ich es vergesse – ich bin Mrs Finkleman.«

»Guten Tag.«

»Sie sind der junge Mann, der bei Zoe in den ersten Stock einzieht.« Mrs Finkleman zupfte kokett ihre Locken zurecht. »Zoe hat gar nicht erzählt, dass Sie so gut aussehen. Sind Sie verheiratet?«

»Nein«, antwortete Cooper vorsichtig. »Miss Fleming und ich wollten uns eigentlich um halb drei treffen. Offenbar ist sie nicht zu Hause.«

»Typisch Zoe – mal hier, mal da.« Mrs Finkleman stützte die Ellbogen auf den Zaun. Offenbar richtete sie sich auf einen gemütlichen Plausch ein. »Dieses Mädchen macht immer ein Dutzend verschiedene Dinge gleichzeitig und zieht dabei diesen süßen kleinen Jungen allein auf. Ich hätte nicht gewusst, wie ich ohne meinen Harry zurechtkommen soll, als unsere Kinder klein waren.«

Cooper war nicht umsonst Reporter. Da er außerdem gern Näheres über die Lebensumstände seiner Vermieterin erfahren wollte, verlegte er sich auf die Interviewtaktik. »Hilft der Vater des Jungen ihr denn nicht?«

Mrs Finkleman schnaubte verächtlich. »Der lässt sich nicht blicken. Nach allem, was man so hört, hat er sich abgesetzt, als er erfuhr, dass Zoe ein Baby erwartet. Einfach sitzen lassen hat er sie. Dabei war sie damals selbst fast noch ein Kind. So viel ich weiß, hat er den Jungen nie zu Gesicht bekommen. Dabei ist er wirklich ein süßer Bengel.«

Cooper nahm an, dass sie von Keenan sprach. »Wirklich ein netter Junge. Wie alt ist er eigentlich? Fünf? Sechs?«

»Nein, erst vier. Heutzutage sind die Kinder einfach intelligenter. Man bringt ihnen auch eher etwas bei. Keenan geht schon in die Vorschule. Jede Minute wird er heimkommen.«

»Dann holt ihn seine Mutter also gerade ab?«

»Nein, sie ist nicht mit dem Chauffieren dran. Alice Miller – sie wohnt in dem weißen Haus mit den blauen Zierleisten an der nächsten Ecke – bringt diese Woche die Kinder zur Schule und holt sie wieder ab. Sie hat einen Jungen und ein Mädchen. Richtige Wildfänge. Die Jüngere, Steffie, ist so alt wie Keenan. Brad, der Ältere, ist kaum zu bändigen.«

Als Mrs Finkleman begann, sich in Einzelheiten über Brads Streiche auszulassen, hielt Cooper es für klüger, das Interview zu beenden. »Könnten Sie Miss Fleming vielleicht ausrichten, dass ich hier war? Ich lasse Ihnen eine Nummer da, wo sie mich erreichen kann.«