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Dr. Holls Ehefrau Julia ist gerade auf dem Heimweg, als sie auf dem Gehsteig einen blutüberströmten Mann findet. Glassplitter ragen aus seinen Wunden. Alles macht den Anschein, als sei er durch die Windschutzscheibe eines Autos geflogen. Von einem Unfallwagen fehlt aber jede Spur.
Die Ärzte in der Berling-Klinik stellen schwerste Schädelverletzungen fest und retten dem Unbekannten in einer Notoperation das Leben. Er erholt sich, bleibt jedoch ein Unbekannter, denn er hatte keine Papiere bei sich und kann sich an nichts erinnern.
Das Einzige, was ihm einfällt, ist der Name Wolfram, wobei er nicht einmal weiß, ob er selbst so heißt oder jemand aus seinem Umfeld diesen Namen trägt. Es ist ein großes Rätsel ...
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Dr. Holl und der rätselhafte Patient
Vorschau
Impressum
Dr. Holl und der rätselhafte Patient
Ein Mann mit Gedächtnisverlust wird in die Berling-Klinik eingeliefert
Von Lotta Carlsen
Dr. Holls Ehefrau Julia ist gerade auf dem Heimweg, als sie auf dem Gehsteig einen blutüberströmten Mann findet. Glassplitter ragen aus seinen Wunden. Alles macht den Anschein, als sei er durch die Windschutzscheibe eines Autos geflogen. Von einem Unfallwagen fehlt aber jede Spur.
Die Ärzte in der Berling-Klinik stellen schwerste Schädelverletzungen fest und retten dem Unbekannten in einer Notoperation das Leben. Er erholt sich, bleibt jedoch ein Unbekannter, denn er hatte keine Papiere bei sich und kann sich an nichts erinnern.
Das Einzige, was ihm einfällt, ist der Name Wolfram, wobei er nicht einmal weiß, ob er selbst so heißt oder jemand aus seinem Umfeld diesen Namen trägt. Es ist ein großes Rätsel ...
Endlich Urlaub!
Im leichten Nieselregen, der so gar nicht zum Frühsommer passte, trug Julia Holl ihre prall gefüllten Einkaufstüten die Straße entlang und musste sich beherrschen, um nicht vor Freude zu hüpfen.
Ihr machten der Regen und der seit Tagen herrschende graue Himmel nichts aus. Schließlich würde sie übermorgen bereits mit ihrem geliebten Ehemann Stefan in der goldenen italienischen Abendsonne durch die Gassen der berühmten Stadt Amalfi schlendern und sich auf vierzehn Tage freuen, an denen sie beide einmal an nichts anderes als Erholung, gutes Essen, Sonne, Strand und ihre Liebe zu denken brauchten.
In ihrer Ehe mit dem bekannten Münchner Arzt und Klinikleiter Dr. Stefan Holl war Julia immer glücklich gewesen. Obwohl sie selbst ebenfalls Medizinerin war, hatte sie eigene berufliche Ambitionen nur zu gern aufgegeben und sich darauf konzentriert, ihren vier Kindern eine geborgene, fröhliche Kindheit zu bereiten und ihrem Mann den Rücken freizuhalten.
Da sie selbst vom Fach war, hatte Julia Verständnis dafür, dass Stefan nicht wie andere Familienväter regelmäßig pünktlich Feierabend machen und an den Wochenenden zu Hause sein konnte. Stefan war immer ein engagierter, liebevoller Vater gewesen, doch durch die Anforderungen seines Berufs hatte sich Julia trotzdem gelegentlich wie eine alleinerziehende Mutter gefühlt.
Beklagt hatte sie sich nie, und das würde sie auch in Zukunft nicht tun. Heimlich hatte sie sich jedoch ab und zu doch danach gesehnt, sich des Öfteren gemeinsam mit Stefan eine Urlaubsreise gönnen zu können. Es war so schön, mit ihm ein paar Tage im Ferienhaus am Tegernsee zu verbringen oder auch mit ihm in der Welt unterwegs zu sein!
Sie teilten die gleichen Interessen, liebten es, Kunst und Kultur eines fremden Landes zu erkunden, und genossen es ebenso, einen Tag faul am Strand zu verbringen, in den Wellen des Meeres zu schwimmen und es sich einfach nur rundum gut gehen zu lassen.
Julia wusste, dass auch ihr Liebster solche Sehnsüchte hegte, und die wenigen Urlaube, die sie gemeinsam mit ihren Kindern Dani, Marc, Chris und Juju hatten verleben dürfen, gehörten zu den glücklichsten Erinnerungen ihres harmonischen Familienlebens.
Inzwischen waren Dani und Marc bereits Studenten und vor Kurzem in eine eigene Wohnung gezogen, was weder Julia noch Stefan leicht gefallen war. Chris war auf einem Schüleraustausch in London, und Juju, ihr Nesthäkchen, verbrachte fröhliche Tage auf einer Klassenfahrt.
Zum allerersten Mal war das Nest, in dem immer so viel Lärm und Leben geherrscht hatte, also leer. Natürlich freute sich Julia für ihre Kinder, sie wollte schließlich nichts lieber, als dass die vier in die Welt hinauszogen und ihre eigenen Abenteuer erlebten, aber ein wenig merkwürdig war ihr bei der Vorstellung schon zumute gewesen.
Und ausgerechnet in diesem Moment hatte ihr wundervoller Ehemann sie mit der Nachricht überrascht, dass er zwei Wochen Urlaub genommen und ihnen die Reise nach Amalfi gebucht hatte, von der sie gemeinsam schon so lange geträumt hatten.
»Unser Aufenthalt fällt direkt mit der Dauer von Jujus Klassenfahrt zusammen«, hatte er mit einem verschmitzten und höchst verführerischen Lächeln gesagt. »Es wird also eine Liebesreise, nur für uns beide. Zweite Flitterwochen sozusagen. Und, meine Liebste? Was sagst du dazu? Klingt das nach etwas, auf das du dich ein bisschen freust?«
»Ein bisschen? Das soll wohl ein Witz sein!«
Julia hatte ihm gar nicht sagen können, wie sehr sie sich freute, sondern war ihm um den Hals gefallen und hatte sein Gesicht mit Küssen bedeckt. Was für ein Glückspilz war sie doch, was für ein wunderbares Leben hatte sie an der Seite dieses einzigartigen, geliebten Mannes. Sie hatte die Tage bis zu ihrer Abreise nach Italien gezählt, und heute, nachdem Juju fröhlich winkend mit ihrer Klasse in den Reisebus gestiegen war, hatte sie endlich die letzten Einkäufe erledigt.
Von der Hauptstraße bog sie in eine der stillen Alleen, die in ihr Wohnviertel führten. Die vollen Kronen der Bäume boten ein wenig Schutz vor dem Regen, an dem sich Julia jedoch sowieso nicht störte. Hier draußen bemerkte man oft gar nicht, dass man sich in einer so großen, belebten Stadt wie München befand. Es waren kaum Menschen unterwegs, und es herrschte wenig Verkehr, was Julia und Stefan damals, als sie sich hier ihr Haus kauften, als ideal für ihre Kinder empfunden hatten.
Es war auch wirklich eine schöne Gegend mit vielen Spielplätzen, Parks und guten Schulen, in der Familien sich wohlfühlen konnten. Leider aber nutzten immer wieder verantwortungslose Autofahrer die stillen Straßen, um die Geschwindigkeitsbegrenzung zu missachten und in mörderischem Tempo hindurchzurasen. Schon mehrmals war es deswegen zu bedauernswerten Unfällen gekommen, die leicht hätten vermieden werden können.
An solche traurigen Vorfälle wollte Julia an diesem schönen Tag jedoch nicht denken. Nur noch zwei Straßenzüge, dann war sie zu Hause und würde schon einmal damit beginnen, ihren Koffer zu packen. Auch Haushälterin Cäcilie genoss gerade ihren wohlverdienten Sommerurlaub, also würde Julia anschließend für sich und Stefan ein leichtes Abendessen vorbereiten – nach einem italienischen Rezept natürlich. Und zur Einstimmung auf ihren Urlaub durfte ein spritziger, gut gekühlter italienischer Frascati nicht fehlen.
Sie bog gerade in die nächste Straße ein, als sie den Mann auf der hohen Bordsteinkante entdeckte. Er saß einfach dort und schwankte mit dem Oberkörper vor und zurück, als wäre er betrunken. Auf den ersten Blick glaubte Julia, es müsse sich um einen Obdachlosen handeln, wie man sie in dieser Gegend allerdings nicht sehr häufig antraf.
Eine Woge von Mitleid erfasste Julia.
Das Herz tat ihr weh um alle Menschen, die kein so behütetes Leben führten, kein so behagliches Zuhause ihr Eigen nannten wie sie selbst.
Sie beschleunigte ihren Schritt, um zu sehen, ob sie dem Mann würde helfen können, und beschloss, ihm das Stück italienischen Hartkäse zu schenken, das sie gerade in der Delikatessenabteilung gekauft hatte. Ihm würde es guttun, und sie selbst würde schließlich in ein paar Tagen italienischen Käse in Hülle und Fülle bekommen.
Das Leben war nicht gerecht. Mit ein wenig Menschlichkeit änderte sie daran nichts, aber sie machte es für diesen einen Menschen vielleicht einen Augenblick lang ein kleines bisschen erträglicher.
Als sie sich dem Mann jedoch bis auf wenige Schritte genähert hatte, erkannte sie mit dem geschärften Blick der Medizinerin, dass er keineswegs betrunken war. Er war noch jung, höchstens Anfang oder Mitte dreißig, und obwohl sein Hemd verschmiert und in Fetzen an seinem Körper herunterhing, ließ sich noch erkennen, dass es von guter Qualität war. Das Schwanken seines Oberkörpers machte nun auch nicht länger den Eindruck, als wäre es dem Alkohol geschuldet.
Der Mann war krank, hatte einen Schock erlitten oder war schwer verletzt!
Er musste gestürzt sein, und im nächsten Schritt bemerkte Julia, dass sein rotblondes, lockiges Haar am Hinterkopf von Blut durchtränkt war.
Mit einem Satz war sie bei ihm, ließ die Tüten fallen und ging vor ihm in die Knie.
»Hallo? Können Sie mich hören?«, sprach sie den Verletzten behutsam an. »Mein Name ist Julia Holl, ich bin Ärztin, und ich bin hier, um Ihnen zu helfen.«
Der Mann starrte sie aus glasigen Augen an, schien aber nicht zu verstehen, was Julia zu ihm gesagt hatte. Jetzt sah sie auch, dass sein Gesicht und Hals von blutigen Schnitten übersät waren. Sogar Glassplitter ragten aus den Wunden, und die Stirn verfärbte sich blau. Es bestand kein Zweifel mehr. Er hatte sich eine Schädelverletzung zugezogen und musste so schnell wie möglich stabil gelagert werden, ehe er medizinisch versorgt werden konnte.
»Bitte haben Sie keine Angst«, bemühte sich Julia, ihn zu beruhigen. »Ich helfe Ihnen jetzt, sich so niederzulegen, dass Ihr Kopf gestützt wird, und dann rufe ich einen Rettungswagen. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie bekommen gleich Hilfe. Alles wird gut.«
Auch wenn er vermutlich den Sinn ihrer Worte nicht zu erfassen vermochte, schien ihre Stimme ihm ein wenig Ruhe zu vermitteln. In jedem Fall leistete er keine Gegenwehr, sondern ließ sich von ihr auf dem Pflaster in eine stabile Seitenlage betten. Mit einer ihrer Einkaufstüten stützte sie vorsichtig seinen verletzten Kopf ab. Ob die Sachen darin von Blut ruiniert werden würden, spielte keine Rolle. Hier ging es um die Rettung eines Lebens!
Die Versorgung der Schnittwunden würde sie den Leuten von der Rettung überlassen müssen, doch zumindest gelang es ihr, mehrere Glassplitter aus seiner Gesichtshaut zu entfernen.
»Bleiben Sie ganz ruhig liegen«, beschwor sie ihn. »Ich bin bei Ihnen. Und ich rufe jetzt Hilfe.«
Julia zog ihr Handy aus der Tasche. Längst hatte sie beschlossen, Stefan selbst zu informieren und den Verletzten direkt in die Berling-Klinik, die ihr Vater begründet hatte und die ihr Mann leitete, transportieren zu lassen. Gerade wenn es um gefährliche Verletzungen des Schädels ging, standen dort hervorragende Ärzte zur Verfügung und der Patient war nirgendwo besser aufgehoben.
Mit einem Klick wählte sie die Nummer ihres Mannes, und während sie auf den Klingelton wartete, schweifte ihr Blick über die Straße. Erschrocken entdeckte sie die dunklen Bremsspuren, die sich auf dem regennassen Pflaster der Fahrbahn abzeichneten, und die Glassplitter, die überall verstreut lagen.
Ihr Verstand kombinierte blitzschnell.
Der Mann war nicht nur einfach gestürzt!
Er war in einen Unfall verwickelt gewesen, und wer immer das beteiligte Auto gesteuert hatte, war einfach weitergefahren und hatte den Schwerverletzten hier liegen lassen.
Fahrerflucht.
Eines jener Verbrechen, für die Julia beim allerbesten Willen kein Verständnis aufbringen konnte.
»Julia?« Stefans erregte Stimme drang aus ihrem Handy. »Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Mit mir und den Kindern ist alles gut«, erwiderte Julia, weil sie wusste, dass er diese Versicherung als Erstes benötigte, wie sie sie umgekehrt ebenso benötigt hätte. »Aber ich brauche auf dem allerschnellsten Weg einen Krankenwagen in die Hoepnerstraße. Ich habe einen Schwerverletzten gefunden. Autounfall mit Fahrerflucht, Schädelverletzung, starke Verwirrung.«
Wie sie es von ihm kannte, reagierte Stefan ohne die geringste Verzögerung: »Rettungswagen kommt«, erwiderte er. »Kümmere dich um den Verletzten, bis die Sanitäter da sind. Die Polizei können wir später verständigen.«
***
»Das wäre geschafft.« Dr. Stefan Holl gönnte sich einen tiefen Atemzug, ehe er sich die Operationshandschuhe von den Fingern streifte und seine Hände sorgfältig mit dem Desinfektionsmittel einrieb. Er wandte sich seinem Kollegen, dem Chirurgen Sandro Bremer zu, der am Becken neben ihm die gleichen Handlungen vollführte.
»Sie haben wieder einmal großartige Arbeit geleistet, Sandro«, sagte er. »Dass wir sein Leben haben retten können und er aller Wahrscheinlichkeit nach wieder völlig gesund werden wird, verdankt unser bisher noch namenloser Patient Ihnen.«
»Und Ihrer Julia«, ergänzte Sandro Bremer. »Hätte Ihre Frau nicht so schnell und geistesgegenwärtig geschaltet, wäre der junge Mann bei einer so heftigen Hirnblutung nicht so glimpflich davongekommen.«
»Ja, in Julia steckt selbst nach all den Jahren, die sie aus dem Beruf heraus ist, noch immer eine wunderbare Ärztin«, stimmte Stefan ihm zu. »Und natürlich vor allem ein wunderbarer Mensch.«
Bei dem Gedanken an seine geliebte Frau verspürte Stefan einen kurzen Stich in der Brust. Es war Urlaubszeit. Bereits jetzt war das Personal in der Klinik knapp, und mit dem neu eingelieferten Patienten, der einen komplizierten Heilungsverlauf vor sich hatte, würde ihnen ein erfahrener Arzt fehlen.
Natürlich hätten sie den Mann in eine andere Klinik abschieben oder sich einfach darauf verlassen können, dass mit ein wenig Improvisation schon alles gut gehen würde. Aber das war nicht Stefans Art. Es war nie seine Art gewesen. Jeder Transport, der dem Mann zugemutet wurde, gefährdete seine Genesung, und wo es um ein Menschenleben ging, durfte es keine Improvisationen geben.
Es half alles nichts.
Er würde seiner Liebsten sagen müssen, dass der geplante Italien-Urlaub, auf den sie sich beide seit Wochen gefreut hatten, abgesagt oder zumindest auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste.
Wie oft hatte er ihr so etwas im Laufe ihrer Ehe schon antun müssen?
Stefan hatte Ehen und Beziehungen von Kollegen an den Belastungen, die der Arztberuf unweigerlich mit sich brachte, zerbrechen sehen. Er war dem Schicksal unendlich dankbar, dass er mit Julia eine Partnerin an seiner Seite hatte, die ihn auch in dieser Frage voll und ganz unterstützte und verstand. Sie wusste, dass er nicht anders konnte, dass er nicht in der Lage war, einen Urlaub zu genießen, wenn er wusste, dass ein Patient in Not war und ihn dringend brauchte.
»Du wärst nicht der Mann, den ich geheiratet habe, wenn du dich davon freimachen könntest«, hatte sie einmal zu ihm gesagt und ihn voller Liebe geküsst. Sie hatte es übernommen, den Kindern die Lage zu erklären, hatte für die damaligen Ferien ein Ersatzprogramm auf die Beine gestellt und ihn am nächsten Abend schon wieder mit einem warmen, fröhlichen Lächeln empfangen.
»Ein abgesagter Urlaub ist doch kein Beinbruch«, lautete ihre Devise. »Wir haben uns, wir haben ein schönes Leben, und selbst mit einem Beinbruch kämen wir klar, denn wir haben schließlich den besten aller Ärzte im Haus.«
Ja, er hatte wirklich allen Grund, seinem Schicksal zu danken, und umso mehr schmerzte es ihn, dies seiner Julia nun wiederum antun zu müssen.
Aber wie er es auch drehte und wendete, er hatte keine Wahl. Die Genesung des frisch am Schädel operierten jungen Mannes musste jetzt an erster Stelle stehen, und er wusste, dass seine Liebste dies trotz aller Traurigkeit verstehen würde.
»Höchst eigenartiger Unfallverlauf übrigens«, wandte sich jetzt wieder sein Kollege Sandro Bremer an ihn. »Die Verletzungen im Gesicht und an der Stirn lassen auf einen Sturz gegen die Windschutzscheibe schließen – wann werden die Leute nur endlich so schlau, sich in ihren Autos anzuschnallen? Aber die Schädelverletzung am Hinterkopf – die passt ganz und gar nicht dazu. Weiß man denn schon etwas?«
