Verlag: Heyne Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Cordina's Royal Family 2. Ein königlicher Kuss E-Book

Nora Roberts

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E-Book-Beschreibung Cordina's Royal Family 2. Ein königlicher Kuss - Nora Roberts

Die beliebte Cordina-Saga: Liebe, Intrigen und Leidenschaften am Königshof der Fürstenfamilie von CordinaDie Schauspielerin Eve Hamilton und ihre Truppe gastieren am Hof der Fürstenfamilie. Kronprinz Alexander ist hingerissen von der wunderbaren jungen Mimin. Dass eine Aktrice nicht seinem Stand entspricht, spielt keine Rolle für den attraktiven Prinzen. Er wirkt jedoch distanziert und kalt auf sie. Als eine Serie von Anschlägen den Hof erschüttert und Alexanders bester Freund umkommt, kann er nur bei Eve Trost finden. Doch auch sie schwebt in Gefahr.

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E-Book-Leseprobe Cordina's Royal Family 2. Ein königlicher Kuss - Nora Roberts

Nora Roberts

Cordina’s Royal Family 2

Ein königlicher Kuss

Roman

Aus dem Amerikanischenvon M. R. Heinze

Wilhelm Heyne Verlag München

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Die Originalausgabe Command Performanceist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbHCopyright © 1987 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003 by MIRA Taschenbuchin der Cora Verlag GmbH & Co. KG, HamburgUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,unter Verwendung eines Fotos von ThinkstockSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12125-9V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Eve war schon früher im Palast gewesen. Das erste Mal, vor fast sieben Jahren, hatte sie ihn für ein Märchen gehalten, das Gestalt angenommen hatte. Jetzt war sie älter, allerdings nicht sicher, ob auch weiser. Cordina war ein Land. Der Palast ein prachtvolles Gebäude. Märchen waren für die sehr Jungen, die sehr Naiven oder die sehr Glücklichen.

Obwohl der Palast der Fürstenfamilie von Cordina aus Stein und Mörtel und nicht aus Wünschen und Träumen erbaut war, musste Eve ihn bewundern. Strahlend weiß, nahezu unberührt, lag er oben auf einer zerklüfteten Landzunge und bot einen Ausblick auf Meer und Stadt. Nahezu unberührt, ja, aber nicht weltentrückt – und schon gar nicht friedlich.

Türme ragten in den Himmel, stachen weiß in das Blau. Zinnen und Wehrgänge zeugten von seiner uralten Funktion als Verteidigungsanlage. Der Burggraben war zugeschüttet worden, aber man konnte ihn sich noch vorstellen. An seiner Stelle waren komplizierte technische Sicherheits- und Überwachungsanlagen eingebaut worden. Fensterscheiben funkelten im Sonnenlicht. Wie in jedem Palast hatte es hier Triumphe und Tragödien gegeben, Intrigen und Glanz. Eve konnte noch immer nicht begreifen, dass auch sie ihren Anteil daran gehabt hatte.

Bei ihrem ersten Besuch hatte sie mit einem Prinzen eine Terrasse betreten und, wie das Schicksal es bestimmt hatte, dazu beigetragen, ihm das Leben zu retten. Das Schicksal, dachte Eve, als ihre Limousine durch das hohe Eichentor fuhr, vorbei an den rot uniformierten Wachen, hatte im Leben normaler Menschen immer die Hand im Spiel.

Besondere Umstände hatten sie in das kleine Fürstentum Cordina geführt, als sie ihre Schwester Chris begleitete, die eine alte Schulkameradin und Freundin von Prinzessin Gabriella war, der Tochter der Fürsten. Prinz Bennett hätte durchaus mit einer anderen Frau an jenem Abend auf der Terrasse sein können. Eve hätte ihn dann nie kennengelernt und wäre nie ein Teil des Schlusskapitels der politischen Intrige geworden, die seine Schwester und die übrigen Mitglieder der Fürstenfamilie verfolgt hatte.

Dann hätte sich auch nie ihre Vorliebe zu dem schönen Palast in diesem Märchenland entwickelt, zu dem sie sich immer wieder hingezogen fühlte. Doch dieses Mal war sie, genau genommen, nicht hingezogen worden, vielmehr hatte man sie gerufen. Zu einer königlichen Galavorstellung. Sie rümpfte die Nase bei diesem Gedanken. War es nicht zu ärgerlich, dass der besondere Wunsch von dem einzigen Mitglied der Fürstenfamilie kam, das sie ständig ärgerte?

Prinz Alexander, ältester Sohn des regierenden Fürsten und Thronerbe. Eve betrachtete die von Blüten schweren Bäume, deren Zweige sich im Wind wiegten, während der Wagen vorbeirollte. Seine Königliche Hoheit Alexander Robert Armand von Cordina. Sie konnte nicht sagen, woher sie seinen vollen Namen kannte und warum sie sich an ihn erinnerte. Für Eve war der Titel genauso steif und humorlos wie der Mann, zu dem er gehörte.

Ein Jammer, dass er nicht wie sein Bruder war. Allein der Gedanke an Bennett ließ Eve lächeln und weckte Freude auf den Besuch. Bennett war charmant und zugänglich. Alexander war wie sein Vater – pflichtbewusst, Land und Familie gingen ihm über alles. Da blieb nicht viel Zeit für Entspannung.

Nun, sie war auch nicht zur Erholung hier. Sie war hier, um mit Alexander zu sprechen, und zwar geschäftlich. Die Zeiten hatten sich geändert, und sie war kein junges Mädchen mehr, das sich leicht von einem Fürstentitel beeindrucken oder von unausgesprochener Missbilligung verletzen ließ. Nein, Alexander war zu wohlerzogen, um seine Missbilligung jemals auszusprechen, doch Eve hatte nie jemanden gekannt, der sie doch so klar übermitteln konnte wie er. Hätte sie nicht wieder ein paar Tage in Cordina verbringen wollen, hätte sie darauf bestanden, dass er nach Houston kam. Eve besprach Geschäftliches lieber auf eigenem Boden und zu ihren Bedingungen.

Lächelnd stieg sie aus der Limousine. Da sie die erste Runde freiwillig abgegeben hatte, musste sie nur dafür sorgen, dass sie die zweite gewann. Sich mit Alexander zu duellieren und zu gewinnen war sicher ein Vergnügen.

Die Palasttore öffneten sich, als sie die breiten Steinstufen hinaufging. Eve blieb stehen. In ihren dunkelblauen Augen erschien ein mutwilliges Funkeln, während sie einen tiefen Knicks machte. »Eure Hoheit!«

»Eve!« Lachend lief Bennett die Stufen zu ihr herunter.

Er ist wieder bei den Pferden gewesen, dachte sie, als er die Arme um sie legte. Der Duft haftete ihm noch an, erdverbunden und real. Als sie ihn vor sieben Jahren kennengelernt hatte, war er ein gut aussehender junger Mann gewesen, der die Damen und das Vergnügen liebte.

Jetzt, da sie ihn genauer betrachtete, erkannte sie, dass er älter geworden war, sich aber sonst kaum verändert hatte.

»Es ist so schön, dich zu sehen.« Er gab ihr einen festen, kameradschaftlichen Kuss. »Zu viel Zeit liegt zwischen den einzelnen Besuchen, Eve. Vor zwei Jahren warst du das letzte Mal in Cordina.«

»Ich bin eine berufstätige Frau, Bennett.« Sie ergriff seine Hände. »Wie geht es dir? Wenn man deinem Aussehen nach urteilen darf, großartig. Und wenn man nach den Skandalblättern urteilen darf, bist du sehr beschäftigt.«

»Alles wahr.« Er lächelte, und sein klar geschnittenes, fast poetisch schönes Gesicht wurde unwiderstehlich. »Komm herein. Ich mache dir einen Drink. Niemand hat mir gesagt, wie lange du bleiben wirst.«

»Weil ich es selbst noch nicht weiß. Es kommt darauf an.«

Sie hakte sich bei ihm unter und betrat den Palast. Drinnen war es kühl, die Halle war hell und weitläufig. Stufen schwangen sich in einem Bogen an der Seite der Eingangshalle hinauf. Eve hatte sich hier stets sicher gefühlt. Wandbehänge und gekreuzte Schwerter mit glänzenden Klingen schmückten die Wände. Auf einem Louis-quatorze-Tisch stand eine Schale aus getriebenem Silber, gefüllt mit duftendem Jasmin.

»Wie war der Flug?«

»Mmmm. Lang.« Sie betraten einen Salon, in dem die geöffneten Vorhänge das Sonnenlicht hereinfluten ließen. Rosen standen überall in Porzellan- und Kristallvasen. Eve sank auf ein Sofa und atmete den Duft ein. »Sagen wir, ich bin froh, wieder auf dem Boden und hier zu sein. Erzähl mir, wie es allen geht, Ben. Was macht deine Schwester?«

»Brie geht es wunderbar. Sie wollte dich am Flughafen abholen, aber ihr Jüngster hat Schnupfen.« Er wählte eine Flasche mit trockenem Wermut und servierte ihn mit Eis. Eine seiner charmantesten Eigenschaften war, dass er nie die Vorlieben einer Frau vergaß. »Es fällt mir noch immer schwer, nach all diesen Jahren meine Schwester als Mutter zu sehen – noch dazu als vierfache Mutter.«

»Ich habe einen Brief von Chris für sie und die Instruktion, ihn eigenhändig zu übergeben. Chris möchte auch einen ausführlichen Bericht über ihr Patenkind.«

»Mal sehen, welches das ist. Ah, Camilla. Ich kann dir aus erster Hand sagen, sie ist ein Tunichtgut. Treibt ihre Brüder zum Wahnsinn.«

»Dafür sind Schwestern ja da.« Lächelnd nahm Eve den Drink entgegen. »Und Reeve?«

»Es geht ihm gut, obwohl er sich auf seiner Farm in Amerika zweifellos wohler fühlen würde. Sie haben mit dem kleinen Gut hier einige sehr beachtenswerte Dinge angestellt, aber Brie ist noch immer die offizielle Gastgeberin in Cordina. Reeve würde nichts besser gefallen, als dass Alex heiratet und diese verantwortungsvolle Aufgabe auf seine Ehefrau überträgt.«

»Oder wenn du heiratest.« Sie nippte an ihrem Getränk und beobachtete ihn über den Rand des Glases hinweg. »Angenommen, du wagst den Schritt, dann würden sich einige von Bries Pflichten verlagern.«

»Ich liebe meine Schwester, aber nicht so sehr.« Er lehnte sich auf dem Sofa zurück und streckte die langen Beine aus.

»Dann ist also nichts Wahres an den Gerüchten über Lady Alice Winthrop? Oder war es zuletzt die ehrenwerte Jessica Mansfield?«

»Hübsche Mädchen«, sagte er leichthin. »Ich stelle fest, dass du taktvoll genug bist, die Gräfin Milano nicht zu erwähnen.«

»Sie ist zehn Jahre älter als du.« Eve schlug den Ton einer tadelnden Tante an, lächelte jedoch. »Und ich bin immer taktvoll.«

»Und was ist nun mit dir, Eve?« Wenn es zu persönlich wurde, war Bennett ein Meister im Themenwechsel. »Wie schafft es eine Frau, die so aussieht wie du, die Männer auf Distanz zu halten?«

»Karate. Schwarzer Gürtel, siebenter Grad.«

»Ja, das hatte ich vergessen.«

»Solltest du aber nicht. Ich habe dich zwei Mal auf die Matte gelegt.«

»Oh nein, nur ein Mal.« Er legte seinen Arm über die Rückenlehne des Sofas. »Und da habe ich dich gewähren lassen.«

»Es war zwei Mal.« Wieder nippte sie an ihrem Getränk. »Und du warst wütend.«

»Du hattest eben Glück«, sagte er in bestimmtem Ton. »Hinzu kam, dass ich als Gentleman eine Frau nicht verletzen durfte.«

»Unsinn.«

»Meine Liebe, vor hundert Jahren hättest du deinen Kopf verlieren können, so schön er auch ist.«

»Eure Hoheit«, sagte sie und lächelte ihn an, »Sie hören auf, ein Gentleman zu sein, sobald es um einen Wettstreit geht. Hättest du mich auf die Matte werfen können, hättest du es getan.« Was absolut stimmte.

»Möchtest du es noch einmal versuchen?«

Einer Herausforderung konnte und wollte sie niemals widerstehen. Eve trank den letzten Schluck Wermut und stand auf. »Zu deinen Diensten.«

Bennett erhob sich und schob mit einem Fuß den Tisch von der Couch weg. Nachdem er sein zerzaustes Haar mit einer Hand zurückgestrichen hatte, kniff er die Augen zusammen. »Wenn ich mich recht erinnere, muss ich mich dir von hinten nähern und dich … hier packen.« Ein muskulöser Arm legte sich um ihre Körpermitte. »Dann muss ich …«

Der Rest blieb unausgesprochen, als sie ihm die Beine wegtrat und ihn flach auf den Rücken legte. »Ja.« Sie rieb sich die Hände, während sie auf ihn hinuntersah. »Genauso erinnere ich mich auch daran.«

»Ich war noch nicht bereit.« Er stützte sich auf einen Ellbogen.

»Alles ist erlaubt, Eure Hoheit.« Lachend kniete sie sich neben ihn. »Habe ich dich verletzt?«

»Nur meinen Stolz«, antwortete er und zog an ihrem Haar.

Als Alexander den Raum betrat, sah er seinen Bruder auf dem Teppich liegen, eine Hand in Eves dunkles Haar geschoben. Ihre lächelnden Gesichter waren einander nahe, ihre Körper berührten sich leicht.

Er biss die Zähne zusammen. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen.«

Beim Klang seiner Stimme blickte Bennett träge über die Schulter, während Eve sich straffte. Alexander sah genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Dunkles, dichtes gewelltes Haar fiel ihm bis in den Nacken und über die Ohren. Er lächelte nicht, doch das tat er ohnedies selten. Sein Gesicht war, obwohl streng, attraktiv. Eine Königliche Hoheit zu sein passte zu ihm. Das musste Eve sich eingestehen, wenngleich sie sich darüber ärgerte. Er hätte gut und gern auf einem der Porträts, die sie in der Palastgalerie gesehen hatte, dargestellt sein können – hohe, ausgeprägte Wangenknochen, glatte gebräunte Haut. Seine Augen waren dunkel, fast so dunkel wie sein Haar, sein Blick war so missbilligend wie die Züge um seinen vollen, markanten Mund, den er jetzt zu einer schmalen Linie zusammengepresst hatte. Wie immer war er tadellos gekleidet.

»Eve hat mir wieder Unterricht in Karate gegeben.« Bennett stand auf, ergriff Eves Hand und zog sie zu sich hoch. »Ich landete auf Platz zwei. Wieder einmal.«

»Verstehe.« Alexanders Verbeugung war formell und höflich. »Miss Hamilton.«

Sie knickste, doch jetzt blitzte kein Humor in ihren Augen auf. »Eure Hoheit.«

»Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht am Flughafen abgeholt habe. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.«

»Danke, er war wunderbar.«

»Vielleicht möchten Sie sich ein wenig frisch machen, bevor wir über den Grund sprechen, weshalb ich Sie kommen ließ.«

Bei diesen Worten hob sie das Kinn. Wirkungsvoll, wie sie hoffte. Betont langsam griff sie nach ihrer Handtasche auf dem Sofa. »Ich ziehe es vor, das Geschäftliche gleich hinter mich zu bringen.«

»Wie Sie wünschen. Wir gehen in mein Büro. Bennett, hattest du nicht heute eine Verabredung im Reiterverein?«

»Erst in zwei Tagen.« Er gab Eve einen freundschaftlichen Kuss auf die Nase und zwinkerte ihr vielsagend zu. »Ich sehe dich dann beim Abendessen. Zieh dir etwas Umwerfendes an, ja?«, sagte er gut gelaunt.

»Selbstverständlich.« Ihr Lächeln verschwand, als sie sich wieder Alexander zuwandte. »Eure Hoheit?«

Mit einem Neigen des Kopfes bedeutete er ihr an, ihn hinauszubegleiten.

Schweigend stiegen sie die Treppe hinauf. Alexander war verärgert, Eve fühlte es, ohne den Grund zu begreifen. Obwohl zwei Jahre vergangen waren, seit sie einander das letzte Mal gesehen hatten, verhielt er sich ihr gegenüber noch immer sehr ablehnend. Weil sie Amerikanerin war? Nein, Reeve MacGee war Amerikaner und hatte Alexanders Schwester geheiratet. Oder weil sie beim Theater war?

Eve verzog ein wenig die Lippen bei dem Gedanken. Das sähe ihm ähnlich. Cordina hatte einen der besten Theaterkomplexe im Zentrum der Schönen Künste aufzuweisen, doch Alexander mochte durchaus die Leute vom Theater verachten.

Sie warf mit Schwung den Kopf in den Nacken und betrat vor ihm sein Büro.

»Kaffee?«

»Nein, danke.«

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

Sie tat es, saß jedoch stocksteif da. Sein Arbeitsraum, ausgestattet in elegant konservativem Stil, spiegelte seinen Charakter wider. Es gab keine Schnörkel, keine Verzierungen. Die einzigen Gerüche stammten von Kaffee und Leder. Die Möbel waren antik und glänzten, der Teppich war dick und vom Alter verblichen. Große Glastüren führten auf einen Balkon, aber sie waren jetzt geschlossen, als hätte Alexander kein Verlangen nach den Geräuschen des Meeres und den Düften des Gartens.

Die Zeichen des Reichtums schüchterten sie nicht ein. Sie war aus einer Welt des Wohlstands gekommen und hatte seitdem ihr eigenes Vermögen gemacht. Was sie hier starr sitzen und auf den Angriff warten ließ, war die Förmlichkeit.

»Geht es Ihrer Schwester gut?« Alexander griff nach einer Zigarette und zog eine Augenbraue hoch.

Eve nickte und wartete, während er ein Streichholz anriss. »Es geht ihr sehr gut. Sie möchte einige Zeit mit Gabriellas Familie verbringen, wenn sie alle nach Amerika kommen. Bennett erzählte mir, eines der Kinder sei krank.«

»Dorian. Er hat Grippe.« Zum ersten Mal wurden seine Züge sanfter. Von allen Kindern seiner Schwester hatte er das jüngste besonders in sein Herz geschlossen. »Er lässt sich nur schwer im Bett halten.«

»Ich würde gern die Kinder sehen, bevor ich wieder abreise. Ich habe seit Dorians Taufe keines von ihnen mehr zu Gesicht bekommen.«

»Vor zwei Jahren.« Er erinnerte sich, vielleicht sogar zu gut. »Ich bin sicher, wir können für Sie einen Besuch auf dem Landgut einrichten.« Als sie lächelte, ging er wieder auf Distanz und war nicht länger nachsichtiger Onkel oder angenehmer Freund, sondern ganz Prinz. »Mein Vater ist abwesend. Ich soll Sie von ihm grüßen, falls er vor Ihrer Abreise nicht zurückkehrt.«

»Ich habe gelesen, er ist in Paris.«

»Ja.« Er ging nicht weiter auf die Staatsgeschäfte ein. »Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie hierhergekommen sind, da ich im Moment nicht verreisen kann. Mein Sekretär hat Ihnen meinen Vorschlag unterbreitet?«

»Ja.« Zum Geschäft, ermahnte Eve sich. Der angenehme Teil des Gesprächs war, soweit es ihn überhaupt gegeben hatte, vorüber. »Sie möchten, dass ich meine Theatertruppe nach Cordina bringe, damit sie hier im Zentrum der Schönen Künste einen Monat lang auftritt. Der Erlös aus den Vorstellungen soll der GHBK, der Gesellschaft zur Hilfe für behinderte Kinder, zugutekommen.«

»Das ist richtig.«

»Verzeihen Sie, Eure Hoheit, aber ich dachte, diese besondere Art der Wohltätigkeit würde in Prinzessin Gabriellas Bereich fallen.«

»Das stimmt. Ich bin Präsident des Zentrums der Schönen Künste. In diesem Fall arbeiten wir zusammen. Gabriella hat Ihre Truppe in Amerika gesehen und war beeindruckt. Sie fand, da Cordina starke Bindungen an die Vereinigten Staaten hat, würden amerikanische Schauspieler helfen, die so dringend benötigten Mittel für die GHBK aufzutreiben.«

»Dann war es also ihre Idee.«

»Eine Idee, der ich nach langen Diskussionen und reiflicher Überlegung zugestimmt habe.«

»Verstehe.« Eve begann, mit einem Finger auf die Seitenlehne des Sessels zu trommeln. »Ich verstehe das so, dass Sie Bedenken hatten.«

»Ich habe noch nie Aufführungen Ihrer Truppe gesehen.« Er lehnte sich etwas zurück und blies eine Rauchfahne in die Luft. »Natürlich hatten wir früher schon amerikanische Künstler in unserem Zentrum, aber noch nie über einen so langen Zeitraum oder zu einer Auftaktvorstellung für den GHBK-Ball.«

»Vielleicht möchten Sie, dass wir Ihnen vorsprechen.«

Seine Lippen entspannten sich zu einem leichten Lächeln. »Das ist mir durch den Sinn gegangen.«

»Kommt nicht infrage.« Sie stand auf und stellte mit Vergnügen fest, dass ihn die Umgangsformen zwangen, sich ebenfalls zu erheben. »Die Hamilton-Truppe hat in weniger als fünf Jahren sowohl bei Kritikern als auch bei Zuschauern Zustimmung gefunden. Wir haben einen so ausgezeichneten Ruf, dass jede Vorsprechprobe in Cordina oder irgendeinem anderen Land überflüssig ist. Wenn ich mich dazu entschließe, meine Truppe hierher zu bringen, dann wird das geschehen, weil ich die GHBK und Gabriella respektiere.«

Er betrachtete sie, während sie sprach. Innerhalb von sieben Jahren hatte sie sich von einem Mädchen zu einer selbstbewussten Frau entwickelt.

Sie war noch schöner geworden. Ihre Haut war makellos, hell mit einem rosigen Hauch auf den Wangen. Sie hatte einen sinnlichen Mund und große, verträumt blickende blaue Augen. Ihr Gesicht war umrahmt von einer Mähne seidig glänzenden schwarzen Haars, das ihr nun ein wenig zerzaust über die Schultern fiel.

Wut hielt sie aufrecht, ließ sie stolz dastehen, aber ihr Körper wirkte zart und zerbrechlich. Oft, zu oft schon, hatte er sich gefragt, wie dieser Körper sich an seinem anfühlen mochte.

Selbst in ihrem Ärger hatte ihre Stimme jenen langsamen, breiten texanischen Akzent, den er zu erkennengelernt hatte. Sorgfältig drückte Alexander die Zigarette aus.

»Sind Sie fertig, Miss Hamilton?«

»Sagen Sie doch Eve, um Himmels willen! Wir kennen uns schon seit Jahren.« Ungeduldig ging sie zu den Balkontüren und stieß sie auf. Da sie den Blick nach draußen gerichtet hatte, bemerkte sie weder, wie Alexander über ihren Verstoß gegen das Protokoll die Brauen hochzog, noch bemerkte sie sein leises Lächeln.

»Eve«, sagte er und ließ ihrem Namen ein bedeutungsvolles Schweigen folgen. »Ich glaube, wir haben uns missverstanden. Ich kritisiere Ihre Truppe nicht. Das wäre auch schwierig, weil ich, wie gesagt, noch nie eine Vorstellung von ihr gesehen habe.«

»Wenn Sie so weitermachen, werden Sie wahrscheinlich auch nie eine sehen.«

»Dann müsste ich Bries Zorn ertragen. Das möchte ich lieber vermeiden. Setzen Sie sich.« Als sie sich umdrehte und ihn ansah, unterdrückte er den Impuls, ihr einen Befehl zu erteilen, und deutete nur auf den Sessel. »Bitte.«

Sie gehorchte, ließ jedoch die Türen offen. Man konnte gerade noch das Meer rauschen hören. Der Duft von Rosen, Vanille und Gewürzen zog vom Garten herauf. »Ich sitze«, sagte sie und schlug die Beine übereinander.

Er missbilligte ihre kurz angebundene Art. Er bewunderte ihre Unabhängigkeit. Im Moment wusste Alexander nicht, wie sich beides miteinander vereinbaren ließ. Er war sich sicher, dass sie, wie immer, alles andere als edle Gefühle in ihm aufwühlte. Langsam setzte er sich wieder. »Als Mitglied der Fürstenfamilie und als Präsident des Zentrums der Schönen Künste muss ich bei der Wahl von Künstlern sehr vorsichtig sein. In diesem Fall vertraue ich Gabriellas Urteil, und ich frage Sie, ob wir zu einer Einigung kommen können.«

»Vielleicht.« Eve war in erster Linie Geschäftsfrau. Persönliche Gefühle hatten noch nie ihre Entscheidungen beeinflusst und würden es auch jetzt nicht tun. »Ich muss noch einmal das Theater sehen und die Einrichtungen überprüfen. Meiner Truppe und mir muss vertraglich künstlerische Freiheit zugesichert werden, außerdem eine angemessene Unterkunft während der Spielzeit. Da die Vorstellungen einem wohltätigen Zweck dienen, bin ich bereit, über unsere Gage zu verhandeln. Auf künstlerischem Gebiet gibt es jedoch keine Verhandlungen.«

»Ich werde dafür sorgen, dass man Sie durch das Zentrum führt. Die Anwälte des Zentrums und Ihre Anwälte können den Vertrag ausarbeiten.« Er verschränkte die Finger auf dem Schreibtisch ineinander. »Da Sie die Künstlerin sind, werde ich Ihr Urteil respektieren, aber ich bin nicht gewillt, mich blindlings in Ihre Hände zu begeben. Der Plan geht dahin, dass Ihre Truppe vier Stücke aufführen soll, jede Woche eines. Die Stoffe müssen vom Zentrum gebilligt werden.«

»Von Ihnen.«

Es war ein lässiges, herrisches Schulterzucken. »Wenn Sie so wollen.«

Sie wollte nicht und bemühte sich auch nicht, es zu verbergen. »Welche Qualifikationen besitzen Sie?«

»Wie bitte?«

»Was wissen Sie über das Theater? Sie sind Politiker.« Sie sagte es in einem leicht verächtlichen Ton. »Warum sollte ich meine Truppe Tausende von Meilen hierher bringen, noch dazu für einen Bruchteil dessen, was wir sonst verdienen, nur damit Sie auch noch die Stücke auswählen können, die wir aufführen?«

Seine Selbstbeherrschung geriet nicht leicht ins Wanken. Jahrelanges Bemühen und Entschlossenheit hatten ihn gelehrt, seine Gefühle zu lenken. Das tat er auch jetzt, wobei er ihren Blick noch immer festhielt. »Weil ein Auftritt im Zentrum der Schönen Künste von Cordina für Ihre Karriere ein Vorteil wäre, den Sie nicht ignorieren können.« Er beugte sich vor. »Es wäre dumm, ihn zu ignorieren, und ich halte Sie nicht für eine dumme Frau, Eve.«

»Nein, die bin ich auch nicht.« Sie erhob sich erneut und wartete, bis er hinter seinem Schreibtisch stand. »Ich sehe mir das Theater an und denke darüber nach, bevor ich die Mitglieder meiner Truppe frage.«

»Sie leiten die Truppe, nicht wahr?«

Eve neigte den Kopf, und eine Haarlocke fiel ihr über das Auge. Mit den Fingerspitzen strich sie sie zurück. »Sie vergessen eines, Hoheit: Amerika ist ein demokratisches Land. Ich verhänge keine Dekrete über meine Leute. Wenn ich die verfügbaren Einrichtungen für gut genug halte und meine Truppe einverstanden ist, werden wir über den Vertrag reden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich möchte auspacken und mich vor dem Abendessen umziehen.«

»Ich lasse Sie in Ihre Zimmer führen.«

»Ich weiß, wo sie sind.« Eve blieb an der Tür stehen, drehte sich um und knickste überheblich. »Eure Hoheit.«

»Eve.« Er sah, wie sie herausfordernd das Kinn hob. Eines Tages, dachte er, wird jemand diese Herausforderung annehmen. »Willkommen in Cordina.«

Sie war kein unhöflicher Mensch. Eve versicherte sich das, während sie ein Kleid für das Abendessen aussuchte. Fast alle Leute hielten sie sogar für liebenswürdig. Sicher, sie konnte in Geschäftsangelegenheiten kompromisslos sein, doch das lag ihr im Blut. Unhöflich war sie nicht. Außer zu Alexander.

Aber er will es ja nicht anders, sagte sie sich, während sie den Reißverschluss eines eng anliegenden Corsagenkleides aus blauer Seide schloss. Er war dermaßen hochnäsig und herablassend. Das musste sie sich nicht bieten lassen, Thronerbe oder nicht. Sie spielten hier ja nicht Prinz und Bettelmann. Ihr Stammbaum mochte nicht adlig sein, aber er war makellos.

Sie war auf die besten Schulen gegangen. Vielleicht hatte sie diese Schulen gehasst, aber sie hatte sie nun mal besucht. Ihr ganzes Leben lang war sie gesellschaftlich mit den Reichen, Mächtigen und Einflussreichen zusammengekommen. Und sie hatte etwas aus sich gemacht. Nicht durch ihre Familie, sondern durch ihre eigenen Fähigkeiten.

Sicher, sie hatte schon frühzeitig entdeckt, dass ihr Ehrgeiz, Schauspielerin zu sein, sie nicht weit bringen würde, aber ihre Liebe zum Theater war nicht geschwunden. Dazu kamen ihre angeborenen Fähigkeiten auf geschäftlichem und organisatorischem Gebiet. Die Hamilton-Schauspieltruppe war gegründet worden und hatte Erfolg gehabt. Eve schätzte es gar nicht, dass Alexander der Große daherkam und sich aufführte, als würde er ihr einen Gefallen erweisen, indem er ihre Truppe in seinem Zentrum auftreten ließ.

Sie hatte hart gearbeitet, um die besten Schauspieler zu finden, um Talente zu fördern, um ihre eigenen Grenzen zu erweitern, und nun kam er daher und nickte huldvoll. Mit finsterer Miene legte sie eine breite goldene Halskette an. Die Hamilton-Schauspieltruppe brauchte seine Zustimmung nicht, sei sie huldvoll oder sonst wie.

Auch sie selbst brauchte weder seine Zustimmung noch sein verdammtes königliches Siegel.

Und sie wäre unerträglich dumm, würde sie sich weigern, in Cordina zu spielen.

Eve nahm eine Bürste und zog sie durch das Haar. Dabei bemerkte sie, dass sie nur einen Ohrring trug. Dieser Mann macht mich verrückt, dachte sie und fand den tränenförmigen Saphir auf der Frisierkommode.

Warum war nicht Ben Präsident des Zentrums? Warum kümmerte sich nicht Brie darum? Mit beiden hätte sie locker und entspannt umgehen können. Was hatte Alexander nur an sich, dass sie sich ständig von ihm angegriffen fühlte?

Eve befestigte den zweiten Ohrring und betrachtete stirnrunzelnd ihr Spiegelbild. Sie erinnerte sich noch an ihre erste Begegnung mit Alexander. Sie war zwanzig gewesen, und obwohl er nur ein paar Jahre älter war, wirkte er so erwachsen, so beeindruckend. Bennett hatte sie zum ersten Tanz auf dem Ball gebeten, doch sie hatte Alexander beobachtet. Damals war sie noch voller Fantasien gewesen und hatte in ihm einen Prinzen gesehen, der Damen in Not beistand und Drachen tötete. Er hatte einen Degen an seiner Seite getragen, zwar nur zur Zierde, aber in ihren Gedanken hatte sie gesehen, wie er die Waffe schwang, um einen Feind zu besiegen.

Die Schwärmerei war überraschend gekommen und zum Glück schnell wieder vergangen. Sie mochte fantasievoll gewesen sein, aber, wie Alexander selbst gesagt hatte, sie war nicht dumm. Keine Frau setzte ihre Hoffnungen und Träume in unnachgiebige und herrschsüchtige Männer. Es war ihr leicht gefallen, ihre Aufmerksamkeit Bennett zuzuwenden.

Schade, dass wir uns nicht ineinander verliebt haben, dachte sie jetzt. Prinzessin Eve. Sie lachte über sich selbst und ließ die Bürste fallen. Nein, das passte einfach nicht zusammen. Zum Glück aller waren sie und Bennett Freunde geworden, bevor sie irgendetwas anderes geworden waren.

Und sie hatte ihre Truppe, die mehr als Ehrgeiz war, die ihrem Leben einen Sinn gab. Eve hatte gesehen, wie Freunde heirateten, sich scheiden ließen und wieder heirateten oder einfach von einer Affäre in die nächste stolperten. Zu oft war der Grund einfach Langeweile. Darüber brauchte sie sich keine Gedanken zu machen. Die Leitung der Truppe hätte vierundzwanzig Stunden am Tag in Anspruch genommen, hätte sie es zugelassen. Manchmal war es schon fast so, ob sie es wollte oder nicht. Fühlte sie sich zu einem Mann hingezogen, verhinderten ihr Beruf und ihre eigene Vorsicht, dass die Sache zu ernst wurde. So hatte sie bisher keinen Fehler gemacht. Noch nicht. Und sie hatte nicht die Absicht, jetzt einen zu machen.

Eve wählte ein verführerisches Parfüm und sprühte es über ihre nackten Schultern, ehe sie den Raum verließ. Hoffentlich war Bennett schon zurück und hielt sich im Salon auf. Das Abendessen wäre öde ohne ihn.

Allein durch seine Anwesenheit bereicherte er eine Gesellschaft um Spaß und Vergnügen. Sie war nicht in ihn verliebt, aber sie liebte ihn dafür.

Während sie nach unten ging, ließ sie die Finger über das glatte Geländer gleiten. So viele Finger vorher hatten schon diese Spur gezogen. Wenn sie innerhalb des Palastes war, sah sie in ihm nur einen beständigen, immerwährenden Ort. Sie mochte Alexander kaum verstehen, seinen Stolz verstand sie.

Doch als sie den Salon betrat, fand sie Alexander allein vor und verspannte sich. Sie blieb an der Tür stehen und suchte den Raum nach Bennett ab.

Meine Güte, war sie schön! Als Alexander sich umdrehte, traf es ihn wie ein Schlag. Es hatte nichts mit der Seide oder dem Schmuck zu tun. Sie hätte sich in Sackleinen kleiden und dennoch seine Sinne betören können. Dunkel und geheimnisvoll, strahlte sie eine geradezu beunruhigend natürliche Sexualität aus, die in einem Mann schmerzhafte Sehnsucht weckte. Diese Ausstrahlung hatte sie schon immer besessen. Sie war ihr angeboren, entschied Alexander und verwünschte sie dafür.

Er spannte sich an, und ein Ausdruck von Kälte erschien auf seinem Gesicht, als sie den Blick durch den Raum gleiten ließ. Er wusste, dass sie sich nach Bennett umsah.

»Mein Bruder wurde aufgehalten.« Er stand mit dem Rücken zum Kamin. Der dunkle Smoking betonte seine beherrschte Haltung. »Wir speisen heute Abend allein.«

Eve blieb stehen, wo sie war, als würde sie mit dem nächsten Schritt etwas versprechen, das zu tun sie alles andere als bereit war. »Machen Sie sich meinetwegen keine Mühe, Eure Hoheit. Ich kann in meinem Zimmer essen, falls Sie andere Pläne haben.«

»Sie sind mein Gast. Mein Plan ist es, mit Ihnen zu dinieren.« Er schenkte zwei Cocktails ein. »Kommen Sie herein, Eve. Ich verspreche, dass ich nicht mit Ihnen auf dem Fußboden ringen werde.«

»Ich bin sicher, dass Sie das nicht tun werden«, sagte sie genauso höflich, ging zu ihm und streckte die Hand nach ihrem Glas aus. »Und wir haben nicht miteinander gerungen, sondern ich habe Ben zu Boden geworfen.«

Alexander senkte den Blick. Eve war gertenschlank und reichte ihm kaum bis zu den Schultern. Er konnte nicht glauben, dass sie seinen großen, athletischen Bruder bezwungen hatte. Körperlich bezwungen. Emotional war es eine andere Sache.

»Bewundernswert. Dann verspreche ich, dass ich Ihnen keine Gelegenheit geben werde, mich zu Boden zu werfen. Sind Sie mit Ihren Zimmern zufrieden?«

»Sie sind perfekt, wie immer. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie kaum freie Abende zu Hause. Kein Staatsbankett und keine offiziellen Empfänge heute Abend?«

Wieder ließ er den Blick auf ihr ruhen. Das Licht war gedämpft, so dass es ihrer Haut den Glanz von Seide verlieh. Vielleicht fühlte sie sich auch so an.

»Wir können das Abendessen mit Ihnen als offiziellen Empfang betrachten, wenn Sie möchten.«

»Vielleicht möchte ich das.« Sie beobachtete ihn über den Rand des Glases hinweg, während sie an ihrem Cocktail nippte. »Also, Eure Hoheit, machen wir höfliche Konversation, oder besprechen wir die Weltpolitik?«

»Politische Ansichten beim Essen auszutauschen verdirbt den Appetit. Besonders wenn sie kontrovers sind.«

»Das stimmt. Wir hatten nur selten in irgendeiner Sache die gleiche Meinung. Dann also höfliche Konversation.« Darin war sie genauso geschult wie er. Sie trat an eine Schale mit Rosen und strich über die Blütenblätter. »Ich habe gelesen, dass Sie sich im Winter für ein paar Wochen in der Schweiz aufhielten. Wie war das Skilaufen?«

»Ausgezeichnet.« Den eigentlichen Grund für seinen Aufenthalt dort erwähnte er nicht, ebenso wenig die stundenlangen Konferenzen und Besprechungen. Er versuchte, nicht auf ihre schlanken Finger zu blicken, mit denen sie die dunkelroten Rosen sanft berührte. »Laufen Sie Ski?«

»Ich fahre gelegentlich nach Colorado.« Sie zuckte die Schultern, gleichmütig und unverbindlich. Wie konnte sie von ihm Verständnis dafür erwarten, dass sie für nutzlose Sportarten und gelegentliche Urlaubsreisen keine Zeit hatte? »Ich war nicht mehr in der Schweiz, seit ich das Internat dort verlassen habe. Da ich aus Houston stamme, bevorzuge ich Sommersportarten.«

»Welche?«

»Schwimmen.«

»Dann steht Ihnen der Pool während Ihres Aufenthalts hier zur Verfügung.«

»Danke.« Schweigen. Eve fühlte, wie sie sich verspannte, als das Schweigen anhielt. »Sieht so aus, als wäre uns die höfliche Konversation ausgegangen, und wir haben noch nicht einmal diniert.«

»Dann sollten wir jetzt vielleicht zu Tisch gehen.« Er bot ihr den Arm, und nach kurzem Zögern hakte Eve sich bei ihm unter. »Der Koch erinnerte sich daran, dass Sie eine besondere Vorliebe für seinen Poisson Bonne Femme hatten.«

»Wirklich? Wie nett.« Sie lächelte ihn an. »Soweit ich mich erinnere, hatte ich eine noch größere Vorliebe für seine pôts de crème au chocolat. Ich habe die Köchin meines Vaters so lange verrückt gemacht, bis sie ein einigermaßen ähnliches Dessert zustande brachte.«

»Dann werden Sie mit dem des heutigen Abends zufrieden sein.«

»Dick werde ich hinterher sein«, verbesserte sie ihn. Eve blieb am Eingang des Speisesaals stehen. »Ich habe diesen Raum immer bewundert«, sagte sie leise. »Er ist so zeitlos.« Sie betrachtete die beiden glitzernden Kronleuchter, die ihr Licht auf einen wuchtigen Tisch und den makellos gebohnerten Fußboden warfen. Die Größe schüchterte sie nicht ein, obwohl mehr als hundert Personen an dem Tisch Platz finden konnten.

Normalerweise hätte sie etwas Behaglicheres, Intimeres bevorzugt, aber dieser Saal verkörperte Macht. Weil sie damit aufgewachsen war, war Macht etwas, das sie insgeheim erwartete und auch respektierte. Doch mehr noch war es das Alter des Raums, das sie faszinierte. Wenn es sehr still war, meinte sie, die Gespräche zu hören, die hier im Verlauf von Jahrhunderten geführt worden waren.

»Als ich hier das erste Mal an einem Diner teilnahm, habe ich wie Espenlaub gezittert.«

»Tatsächlich?« Alexander blieb am Eingang hinter ihr stehen. »Ich erinnere mich an Ihre bemerkenswerte Haltung.«

»Oh, meine Selbstdisziplin war schon immer gut, aber ich hatte Angst. Die ließ ich mir nur nicht anmerken. Da saß ich hier, frisch aus der Schule, und nahm an einem Diner in einem Palast teil.«

»Und dieses Mal?«

Sie war sich nicht sicher, warum es ihr notwendig erschien, aber sie zog ihren Arm von seinem zurück. »Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich die Schule verlassen habe.«

Zwei Plätze waren gedeckt, Kandelaber und frische Blumen schmückten den Tisch. Eve nahm ihren Platz an der Seite ein und überließ Alexander das Kopfende. Als sie saßen, schenkte ein Diener Wein ein.

»Merkwürdig«, sagte Eve nachdenklich. »Wann immer ich zuvor hier war, hielten sich zahlreiche Menschen im Palast auf.«

»Gabriella und Reeve sind kaum noch hier, seit sie sich auf dem Landgut eingerichtet haben. Auf dem Landgut und der Farm in Amerika«, verbesserte er sich. »Sie teilen ihre Zeit zwischen den beiden Ländern auf.«

»Sind die beiden glücklich?«

Er zog die Brauen hoch, während er nach seinem Glas griff. »Glücklich?«

»Ja, Sie wissen doch – glücklich. Das kommt irgendwo auf der Liste nach Pflicht und Verpflichtung.«

Er wartete schweigend, während gekühlter Hummer serviert wurde. Eve hatte mit ihrer Bemerkung über die Liste fast ins Schwarze getroffen. Er konnte nie sein Glück vor seine Pflicht stellen, seine Gefühle vor seine Verpflichtungen. »Meine Schwester beklagt sich nicht. Sie liebt ihren Mann, ihre Kinder und ihr Land.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Die Familie hat ihr Bestes getan, um Gabriella einige ihrer Verpflichtungen abzunehmen.«

»Ist es nicht wunderbar, dass sie nach der schrecklichen Zeit, die sie durchgemacht hat, alles hat?« Sie sah, wie die Knöchel seiner Hand, mit der er die Gabel hielt, weiß hervortraten, und griff unwillkürlich nach seiner Hand. »Es tut mir leid. Selbst nach so langer Zeit muss es schwer sein, daran zu denken.«

Er schwieg einen Moment, blickte nur auf ihre Hand hinunter, die weiß und schmal auf seiner lag. Sie beruhigte ihn. Das hätte er niemals erwartet. Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er seine Hand umgedreht, um ihre zu ergreifen. »Es wird immer schwer sein, daran zu denken, und unmöglich zu vergessen, dass Sie an der Rettung meiner Schwester und meines Bruders beteiligt waren.«

»Ich bin nur losgelaufen und habe Hilfe geholt.«

»Sie haben einen klaren Kopf behalten. Hätten Sie das nicht getan, hätten wir beide verloren.«

»Auch ich werde es nie vergessen.« Als Eve merkte, dass ihre Hand noch immer auf seiner lag, zog sie sie zurück und griff nach ihrem Weinglas. »Ich sehe noch heute das Gesicht dieser Frau vor mir.«

»Deboques Geliebte.«

Er sagte es mit so unterdrückter Schärfe, dass Eve schauderte. »Ja, ihr Gesichtsausdruck, als sie die Waffe auf Brie gerichtet hielt! In diesem Moment wurde mir klar, dass Paläste keineswegs märchenhaft sind. Bestimmt sind sie alle froh darüber, dass sie, Loubet und Deboque im Gefängnis sitzen.«

»Und dort bleiben werden. Aber Deboque hat schon früher hinter Gittern die Fäden gezogen.«

»Ist noch etwas vorgefallen? Bennett und ich haben darüber gesprochen, aber …«

»Bennett braucht Unterricht in Diskretion.«

Eve ärgerte sich, schwieg jedoch, als der nächste Gang serviert wurde. »Er hat keine Staatsgeheimnisse verraten. Wir haben uns nur einmal daran erinnert – genau wie Sie und ich jetzt –, dass Deboque vom Gefängnis aus Bries Entführung arrangierte. Über ihre Sekretärin und den Staatsminister Ihres Vaters. Er sagte, er würde besorgt sein, solange Deboque lebe. Ich antwortete ihm, das sei Unsinn, aber vielleicht hatte ich Unrecht.«

»Eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zu sein heißt, besorgt zu sein.« Das zu akzeptieren war einfacher, als sich an die eigene Hilflosigkeit zu erinnern, daran, wie er seine Schwester sich durch ihr Trauma und ihren Schmerz kämpfen sah. »Die Bissets regieren Cordina schon seit Generationen. Und seit wir das tun, haben wir uns Feinde geschaffen. Nicht alle können im Gefängnis sein.«

Da war noch mehr. Eve fühlte es, wollte ihn aber nicht bedrängen. Wenn sie etwas wissen wollte, würde sie zu Bennett gehen.

»Das hört sich so an, als hätten gewöhnliche Sterbliche die Vorteile auf ihrer Seite, Eure Hoheit.«

»Allerdings.« Mit einem Lächeln, das sie sich nicht erklären konnte, griff er zu seiner Gabel.

Das Diner verlief freundlicher, als Eve erwartet hatte. Doch Alexander entspannte sich nicht. Sie war erstaunt darüber, während sie sich durch die einzelnen Gänge dem Dessert und dem Kaffee näherten. Er war freundlich, höflich und – nervös. Sie wollte ihm helfen, wollte diese Spannung beseitigen, die sich so offensichtlich in der Haltung seiner Schultern ausdrückte. Doch er war kein Mensch, der Hilfe von einem Außenseiter annahm.

Eines Tages würde er herrschen, dazu war er geboren. Cordina war ein kleines Märchenland, aber wie ein Märchen hatte es seinen Anteil an Intrigen und Unruhen. Das, was zu tun er bestimmt war, lastete schwer auf ihm. Ihre Herkunft und ihre Erziehung machten es ihr nicht leicht, zu verstehen, so dass sie oft, zu oft vielleicht, nur das unbeugsame Äußere bei ihm sah.

Wenigstens haben wir nicht gestritten, dachte Eve, als sie sich ihrem Dessert widmete. Eigentlich stritt man nicht mit Alexander. Man schlug gegen eine Mauer.

»Das war köstlich. Ihr Koch wird mit der Zeit immer besser.«