Das Geheimnis der Wellen - Nora Roberts - E-Book

Das Geheimnis der Wellen E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Wenn es kein Vergessen gibt

Eli Landons Leben zerbricht, als seine Frau ihm eine Affäre gesteht und kurz darauf brutal getötet wird. Obwohl es für Elis Schuld keine Beweise gibt, lastet der Mordverdacht schwer auf ihm. An der rauen Küste Neuenglands sucht er Zuflucht. Hier lernt er Abra kennen, die ihm neuen Lebensmut schenkt. Doch als Abra eines Nachts angegriffen wird, gerät Eli erneut ins Visier. Ihm bleibt keine Wahl: Er muss den Mörder seiner Frau finden, sonst verliert er alles - auch seine zarte Liebe zu Abra ...

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Das Buch

Eli Landon, ein erfolgreicher Strafverteidiger aus Boston, steht sofort unter Verdacht, als seine untreue Ehefrau ermordet wird. Erst als er bereits von seinen Freunden verlassen und von den Medien zerrissen worden ist, lässt man die Anklage fallen. Völlig erschöpft zieht Eli sich an den einzigen Ort zurück, der ihm noch Geborgenheit verspricht: das Haus seiner Großmutter an der Küste Neuenglands. Dort will er sich seiner Leidenschaft, dem Schreiben, widmen und endlich zur Ruhe kommen. Dabei hilft ihm Abra Walsh, seine gut aussehende und einfühlsame Nachbarin. Auch sie sucht in der rauen Landschaft Zuflucht, um nach einem dunklen Kapitel in ihrem Leben endlich neu anzufangen. Doch während Abra und Eli einander näherkommen, holt sie die Vergangenheit ein …

Die Autorin

Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren und gehört heute zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Allein im deutschsprachigen Raum haben sich ihre Romane über 25 Millionen Mal verkauft. Ihr neuer Roman Das Geheimnis der Wellen stieg sowohl in den USA als auch in Deutschland sofort nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten ein. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Keedysville, Maryland.

NORA ROBERTS

Das Geheimnis der Wellen

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Christiane Burkhardt

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel Whiskey Beach

bei G. P. Putnam’s Son, Penguin Group (USA) Inc., New York

Taschenbucherstausgabe 08/2015

Copyright ©2013 by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2014

und dieser Ausgabe © 2015 by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Redaktion  |  Claudia Krader

Umschlaggestaltung  |  t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv|© Atlantide Phototravel/Corbis; shutterstock

Satz  |  Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-11157-1

www.diana-verlag.de

Meinen Söhnen und den Töchtern,

die sie mir geschenkt haben,

sowie allem, was noch daraus entstehen wird.

Die drachengrüne, phosphoreszierende, dunkle,

von Schlangen heimgesuchte See.

JAMES ELROY FLECKER

Dunkel

Die Mehrzahl der Menschen verbringt ihr Leben

in stiller Verzweiflung. Was wir Resignation nennen,

ist absolute Verzweiflung.

HENRY DAVID THOREAU

1

Hinter dem Eisregenschleier erhob sich die riesige Silhouette von Bluff House über Whiskey Beach. Das Herrenhaus trotzte dem kalten, aufgewühlten Atlantik, als wollte es sagen: Ich weiche dir nicht.

Mit seinen drei beeindruckenden Stockwerken thronte es über der rauen, zerklüfteten Küste und schaute aus augen-gleichen Fenstern auf die anbrandenden Wellen wie schon seit drei Jahrhunderten. Nur seine äußere Form hatte sich im Lauf der Zeit gewandelt.

Das kleine Steincottage, das heute Werkzeug und Gartengeräte beherbergte, erinnerte an die bescheidenen Ursprünge. Es erinnerte an diejenigen, die sich über den unberechenbaren Atlantik gewagt hatten, um auf dem steinigen Boden der Neuen Welt ein neues Leben zu beginnen. Die Grandezza des Haupthauses mit seinen goldenen Sandsteinmauern, geschwungenen Erkern und großzügigen Natursteinterrassen stellte diese Ursprünge in den Schatten und kündete von Wohlstand.

Bluff House hatte schon vieles überlebt – Stürme, Vernachlässigung, übertriebene Verschwendung, zweifelhaften Geschmack, Aufstieg und Niedergang.

Innerhalb seiner Mauern hatten bereits Generationen von Landons gelebt und gelitten, gefeiert und getrauert, Pläne geschmiedet, sie umgesetzt, triumphiert und gedarbt.

Es hatte mit dem Leuchtturm an der felsigen Nordküste von Massachusetts um die Wette gestrahlt und mit geschlossenen Fensterläden im Dunkeln verharrt.

Es stand schon so lange hoch über dem Meer, dem Strand und dem Dorf Whiskey Beach, dass es inzwischen einfach nur noch Bluff House war.

Für Eli Landon war es der einzig mögliche Rückzugs- oder, besser gesagt, Zufluchtsort. Er wollte alles hinter sich lassen, was sein Leben in den letzten elf Monaten so unerträglich gemacht hatte.

Er erkannte sich selbst kaum wieder.

Nachdem er von Boston zweieinhalb Stunden über vereiste Straßen hierhergefahren war, fühlte er sich erschöpft. Doch er musste zugeben, dass ihm diese Müdigkeit sehr willkommen war. Umgeben von Dunkelheit saß er da, während der Eisregen laut auf Windschutzscheibe und Dach prasselte, und wusste nicht, ob er sich mit letzter Kraft ins Haus schleppen oder einfach sitzen bleiben und im Auto schlafen sollte.

Quatsch! Natürlich würde er nicht sitzen bleiben und im Wagen schlafen, wenn das Haus nur wenige Meter vor ihm lag und über jede Menge bequemer Betten verfügte.

Andererseits konnte er sich einfach nicht aufraffen, das Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. Stattdessen griff er nach den zwei kleinen Taschen auf dem Beifahrersitz mit seinem Notebook und dem Allernotwendigsten.

Beim Aussteigen schlug ihm Graupel ins Gesicht, die Kälte und der pfeifende Atlantikwind rissen ihn aus seiner Lethargie. Unter fauchendem Gebrüll schlugen Wellen an die Felsen und brandeten über den Strand. Eli zog den Schlüsselbund aus der Jackentasche, trat in den Schutz des ausladenden, steinernen Vordachs und ging auf die massive Eingangstür zu, die vor mehr als einem Jahrhundert aus burmesischem Teakholz gezimmert worden war.

Zwei Jahre, nein, fast schon drei, war er nicht mehr da gewesen. Sein Leben, seine Arbeit, seine katastrophale Ehe hatten ihn so sehr in Anspruch genommen, dass er keine Zeit gefunden hatte, seine Großmutter für einen Kurzurlaub, ein Wochenende oder einen Sonntag zu besuchen.

Natürlich hatte er sich der unverwüstlichen Hester Hawkin Landon gewidmet, sobald sie nach Boston kam. Er hatte sie regelmäßig angerufen, ihr gemailt und über Facebook und Skype Kontakt gehalten. Hester ging zwar schon auf die achtzig zu, stand aber neuen Dingen seit jeher aufgeschlossen gegenüber.

Er hatte sie zum Essen ausgeführt, war mit ihr etwas trinken gegangen und konnte sich noch gut an die Blumen, Karten und Geschenke erinnern, die an Weihnachten und wichtigen Geburtstagen ausgetauscht worden waren.

Und all das nur, um nicht nach Whiskey Beach fahren zu müssen, den Ort, den sie über alles liebte, und wirklich Zeit mit ihr zu verbringen.

Er fand den richtigen Schlüssel, sperrte auf und machte das Licht an.

Ihm fiel auf, dass sie ein paar Dinge verändert hatte. Seine Gran liebte Veränderungen mindestens genauso wie Traditionen – vorausgesetzt, sie konnte etwas damit anfangen.

Er entdeckte ein paar neue Bilder. Seestücke und Landschaften setzten an den tiefbraunen Wänden sanfte Farbakzente. Er ließ seine Taschen gleich hinter der Eingangstür fallen und sah sich ausgiebig in der auf Hochglanz polierten Eingangshalle um.

Sein Blick huschte zur Treppe – über die mit grinsenden Fratzen verzierten Treppenpfosten hinweg, die ein exzentrischer Landon in Auftrag gegeben hatte – und weiter nach oben, wo sich die Stufen elegant nach rechts und links schwangen, um zum Nord- beziehungsweise Südflügel zu führen.

Zimmer in Hülle und Fülle, in denen er übernachten konnte. Er brauchte nur die Treppe hinaufzugehen und sich eines auszusuchen.

Aber nicht sofort.

Er ging weiter zum sogenannten Salon mit den hohen Bogenfenstern, die auf den Vorgarten hinausgingen – beziehungsweise auf das, was davon übrig blieb, wenn der Winter darüber herfiel.

Seine Großmutter war seit über zwei Monaten fort, trotzdem konnte er nirgendwo auch nur ein Staubkorn entdecken. Holzscheite lagen zum Anzünden bereit im Kamin, der von glänzendem Marmor eingefasst war. Frische Blumen standen auf dem Hepplewhite-Tisch, den sie so liebte. Kissen lagen aufgeschüttelt und einladend auf den drei Sofas. Das Kastanienparkett war frisch poliert.

Sie musste eine Putzfrau beauftragt haben. Eli rieb sich die Stirn, um den beginnenden Kopfschmerz zu verscheuchen.

Hatte sie nicht so etwas erwähnt? Dass sich jemand um das Haus kümmerte? Eine Nachbarin, die ihr auch sonst half, alles in Ordnung zu halten. Die Information war ihm nur vorübergehend entglitten, wie so vieles in letzter Zeit.

Nun war es seine Aufgabe, sich um Bluff House zu kümmern. Es zu pflegen, ihm neues Leben einzuhauchen, wie sich seine Großmutter das gewünscht hatte. Vielleicht würde das ja auch ihm neues Leben einhauchen, hatte ihre Bemerkung gelautet.

Er nahm seine Taschen, sah zur Treppe hinüber und erstarrte.

Dort, am Fuß dieser Treppe, war sie gefunden worden. Eine Nachbarin hatte sie entdeckt – dieselbe, die bei ihr putzte? Gott sei Dank hatte jemand nach ihr geschaut und sie bewusstlos, blutend, mit blauen Flecken, einem zertrümmerten Ellbogen, einer gebrochenen Hüfte, gebrochenen Rippen und einer Gehirnerschütterung dort gefunden.

Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre gestorben. Die Ärzte hatten gestaunt, wie zäh sie war. Keiner aus der Familie kümmerte sich regelmäßig um sie, keiner kam auf die Idee, täglich bei ihr anzurufen. Niemand, auch er nicht, hätte sich Sorgen gemacht, wenn sie ein, zwei Tage nicht ans Telefon gegangen wäre.

Hester Landon: unabhängig, unbesiegbar, unverwüstlich.

Trotzdem wäre der böse Sturz tödlich ausgegangen, wenn diese Nachbarin und Hesters eiserner Wille nicht gewesen wären.

Im Moment erholte sie sich bei seinen Eltern von ihren Verletzungen. Dort würde sie bleiben, bis sie wieder zu Kräften gekommen war und nach Bluff House zurückkehren konnte – oder für immer, wenn es nach seinen Eltern ging.

Er stellte sie sich lieber hier vor, in dem Haus, das sie so liebte. Draußen auf der Terrasse mit ihrem allabendlichen Martini, während sie aufs Meer hinausschaute. Oder im Garten, während sie dort herumwerkelte, ihre Staffelei aufstellte.

Er wollte sich an die lebenslustige Person erinnern, nicht an das hilflose Wesen am Boden. Vermutlich hatte er sich zu dieser Zeit gerade seine zweite Tasse Kaffee gegönnt.

Er würde sich bemühen, ihrem Haus neues Leben einzuhauchen. Und sich auch.

Eli nahm seine Taschen und ging langsam nach oben. Er beschloss, das Zimmer zu nehmen, in dem er immer schlief, wenn er auf Besuch kam, auch wenn diese Besuche selten geworden waren. Lindsay hatte Whiskey Beach gehasst. Sie hatte Bluff House gehasst und seine Großmutter bekriegt, die stur höflich blieb, während der Ton seiner Frau immer abfälliger wurde. Und er hatte zwischen den Stühlen gesessen.

Deshalb hatte er sich für die einfachste Lösung entschieden – etwas, das er genauso bereuen konnte wie seine ausbleibenden Besuche und die Ausreden dafür. Aber rückgängig machen ließ es sich nicht mehr.

Er betrat das Zimmer. Dort erwarteten ihn ebenfalls Blumen und die vertrauten hellgrünen Wände mit den zwei Aquarellen seiner Großmutter, die ihm ganz besonders gefielen.

Er stellte seine Taschen auf die Bank am Fußende des antiken Betts und legte seinen Mantel ab.

Alles war beim Alten geblieben: das Tischchen unter dem Fenster, die breiten Terrassentüren, der Ohrensessel und der kleine Hocker mit dem Polster, das seine Großmutter vor langer Zeit selbst bestickt hatte.

Ihm fiel auf, dass er sich zum ersten Mal seit Langem wieder heimisch fühlte, zumindest beinahe. Er öffnete seine Tasche, nahm seinen Kulturbeutel heraus und entdeckte frische Handtücher im Bad sowie niedliche kleine Seifen in Muschelform. Es duftete nach Zitronen.

Eli zog sich aus, ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen. Er hatte im letzten Jahr stark abgenommen und wollte daran nicht unbedingt erinnert werden. Er hoffte, unter der Dusche etwas von seiner Erschöpfung abwaschen zu können. Denn er wusste aus Erfahrung, dass er sonst unruhig schlafen und mit einem dicken Kopf aufwachen würde.

Nach dem Duschen rubbelte er sich die Haare mit einem Handtuch trocken. Sie ringelten sich feucht und dunkelblond im Nacken – seit seinem zwanzigsten Lebensjahr waren sie nicht mehr so lang gewesen. Kein Wunder, schließlich war er seit fast einem Jahr nicht mehr bei Enrique gewesen. Er hatte keinen Bedarf für einen Hundertfünfzig-Dollar-Haarschnitt gehabt, genauso wenig wie für seine inzwischen eingelagerten italienischen Anzüge und Schuhe.

Er war kein perfekt angezogener Strafverteidiger mehr, der in Kürze zum Partner aufsteigen würde. Dieser Mann war mit Lindsay gestorben, ohne dass er es bemerkt hätte.

Er schlug die Steppdecke zurück, schlüpfte darunter und löschte das Licht.

Im Dunkeln konnte er das Meer hören, ein ständiges Brausen, und den Eisregen, der gegen die Fenster schlug. Er schloss die Augen und sehnte sich wie jede Nacht danach, wenigstens für ein paar Stunden alles zu vergessen.

Mehr war ihm nicht vergönnt.

*

Meine Güte, war er sauer! Niemand, wirklich niemand, konnte ihn so zur Weißglut bringen wie Lindsay!

Schlampe, dachte er, während er durch den Graupelschauer fuhr.

Sie hatte wirklich höchst eigene Vorstellungen von Moral. Es war ihr doch glatt gelungen, sich, ihren Freunden, ihrer Mutter, ihrer Schwester und allen anderen weiszumachen, dass ausschließlich er für ihre Ehekrise verantwortlich war. Dass aus der Paartherapie erst eine Trennung auf Probe und dann ein Rosenkrieg geworden war.

Dass er daran schuld war, acht Monate von ihr betrogen worden zu sein: fünf Monate länger, als die probeweise Trennung dauerte, auf der sie so beharrt hatte. Und aus irgendeinem Grund war es auch seine Schuld, dass er sie beim Lügen und Betrügen erwischte, bevor er seine Unterschrift unter jene Vereinbarung gesetzt hatte, die ihr eine dicke Abfindung zusicherte.

Sie waren also beide sauer: er, weil er so ein Idiot gewesen war, und sie, weil er es endlich geschnallt hatte.

Sicherlich war er nicht unschuldig daran, dass sie am Nachmittag in der Kunstgalerie, in der sie halbtags arbeitete, eine erbitterte, lautstarke Auseinandersetzung wegen ihres Ehebruchs gehabt hatten. Schlechtes Timing und nicht ganz die feine Art von seiner Seite. Aber im Moment war ihm das egal.

Sie wollte ihm die Schuld daran geben, dass sie leichtsinnig geworden war. So leichtsinnig, dass seine Schwester seine Ehefrau dabei gesehen hatte, wie sie mit einem anderen Mann in einer Hotellobby in Cambridge herumknutschte. Danach waren die beiden in den Lift gestiegen.

Gut möglich, dass Tricia ein paar Tage gewartet hatte, bevor sie es ihm erzählte, aber das konnte er ihr schlecht vorwerfen. Solche Nachrichten überbringt man nicht gern. Er selbst hatte mehrere Tage gebraucht, bis er die Information verarbeitet und einen Detektiv beauftragt hatte.

Acht Monate, dachte er erneut, in denen sie mit dem anderen geschlafen hatte – in Hotels, Pensionen und wer weiß, wo noch. Immerhin war sie so klug gewesen, es nicht in ihrem gemeinsamen Haus zu tun. Was sollten sonst die Nachbarn denken?

Vielleicht hätte er nicht mit dem Bericht des Privatdetektivs wutentbrannt in die Galerie stürmen und sie damit konfrontieren sollen. Vielleicht hätten sie beide die Geistesgegenwart besitzen sollen, sich nicht gegenseitig in Grund und Boden zu brüllen, sodass man es bis auf die Straße hören konnte.

So peinlich das auch war, damit würden sie leben müssen.

Er wusste nur eines: Ihre Abfindung würde nicht mehr so üppig ausfallen. Von wegen fair sein und nicht auf dem Ehevertrag beharren! Die würde sich noch wundern, wenn sie von ihrer Wohltätigkeitsauktion zurückkam und entdeckte, was er alles mitgenommen hatte. Das Gemälde aus Florenz, den Art-déco-Ring, den er von seiner Urgroßmutter geerbt hatte, und das silberne Kaffeeservice, an dem sie kein Interesse gehabt hatte und das als Familienerbstück auf keinen Fall zum gemeinschaftlichen Hausrat gehörte.

Die würde Augen machen!

Vielleicht war das kleinlich, vielleicht dumm, vielleicht aber auch bloß fair. Er konnte in seiner Wut über den Betrug kaum einen klaren Gedanken fassen, was ihm aber ebenfalls egal war.

In dieser Verfassung hatte er in der Auffahrt seines Hauses in Boston gehalten. Das Haus, das er für ein solides Fundament einer Ehe gehalten hatte, die schon einige Risse bekommen hatte. Ein Haus, von dem er gehofft hatte, dass eines Tages Kinder darin aufwachsen würden. Das sie kurzfristig als Paar zusammengeschweißt hatte, als Lindsay und er es eingerichtet, über Möbel diskutiert und gestritten hatten, um sich letztlich zu einigen.

Nun würden sie es weit unter Wert verkaufen müssen. Und anstatt sich eine Wohnung zu mieten, was nur eine Übergangslösung hätte sein sollen, hatte er eine gekauft.

Ganz für mich allein, dachte er, als er aus dem Wagen stieg und in den Regen hinaustrat. Keine Streitereien und keine Kompromisse mehr.

Während er zur Haustür rannte, merkte er, welch eine Erleichterung das war. Schluss mit der Ungewissheit, der Illusion, seine Ehe wäre noch zu retten.

Vielleicht hatte sie ihm mit ihrem Lug und Betrug sogar einen Gefallen getan.

Jetzt konnte er gehen, ohne Schuld oder Bedauern zu empfinden.

Aber nicht ohne mitzunehmen, was ihm gehörte.

Er schloss die Haustür auf und betrat das elegante Foyer. Er gab den Alarmcode ein. Für den Fall, dass sie ihn geändert hatte, trug er seinen Personalausweis bei sich. Er hatte sich bereits zurechtgelegt, was er der Polizei oder Wachleuten sagen würde: Er würde einfach behaupten, seine Frau habe den Code geändert und er sei ihm entfallen. Das wäre nicht einmal gelogen.

Aber sie hatte ihn nicht geändert. Einerseits war er erleichtert, andererseits fast beleidigt. Sie glaubte, ihn zu kennen. Sie glaubte, dass er das Haus ohne ihre Erlaubnis niemals betreten würde, obwohl es zur Hälfte ihm gehörte. Er hatte eingewilligt auszuziehen, damit beide etwas auf Distanz gehen konnten. Und deshalb würde er bestimmt niemals einfach so eindringen.

Sie hatte geglaubt, dass er sich zivilisiert benehmen würde.

Schon bald würde sie merken, dass sie ihn kein bisschen kannte.

Er blieb kurz stehen und lauschte, ließ das Haus auf sich wirken. Neutrale Farben bildeten den Hintergrund für bunte Akzente. Eine stilvolle Mischung aus alt, neu und flippig.

Darin war sie gut, das musste man ihr lassen. Sie wusste, wie man repräsentiert und gelungene Partys gibt. Sie hatten auch schöne Zeiten gehabt: Momente des Glücks, Phasen der Zufriedenheit mit gutem Sex und faulen Sonntagvormittagen.

Wieso war das alles bloß so schiefgegangen?

»Vergiss es«, murmelte er.

Rein und schnell wieder raus. In diesem Haus zu sein deprimierte ihn. Er ging nach oben, ins Wohnzimmer, das vom Schlafzimmer abging, und entdeckte ihre halb gepackte Reisetasche.

Von ihm aus konnte sie sonst wohin fahren – mit oder ohne Lover.

Eli konzentrierte sich auf das, wofür er hergekommen war. Er gab die Zahlenkombination für den Safe ein, ignorierte das Bargeld, die Ausweise, die Schatullen mit dem Schmuck, den er ihr im Laufe der Jahre geschenkt oder den sie sich selbst gekauft hatte.

Nur den Ring, den Landon-Ring, ermahnte er sich. Er öffnete das Kästchen, sah ihn aufblitzen und steckte ihn in seine Jackentasche. Nachdem er den Safe wieder geschlossen hatte, fiel ihm ein, dass er Luftpolsterfolie oder etwas Ähnliches zum Schutz für das Gemälde hätte mitnehmen sollen.

Er würde es einfach ein paar Handtücher wickeln, um es vor dem Regen zu bewahren. Also nahm er welche aus dem Wäscheschrank und ging weiter.

Rein und schnell wieder raus, ermahnte er sich erneut. Ihm war gar nicht klar gewesen, wie dringend er wegwollte, um sowohl den schönen als auch den scheußlichen Erinnerungen zu entfliehen.

Im Wohnzimmer nahm er das Bild von der Wand. Er hatte es auf ihrer Hochzeitsreise gekauft, weil Lindsay so begeistert von dem Charme und der Schlichtheit der Sonnenblumen vor einem Olivenhain gewesen war.

Danach haben wir noch viele Kunstwerke gekauft, dachte er, als er es in die Handtücher einwickelte. Gemälde, Skulpturen, Keramik – alle deutlich wertvoller als das Bild. Aber die konnten beim gemeinsamen Hausrat bleiben, als Verhandlungsmasse sozusagen. Nur das Bild nicht.

Er legte das gut eingepackte Gemälde aufs Sofa und ging quer durchs Wohnzimmer, während draußen das Unwetter weitertobte. Ob sie wohl gerade nach Hause fuhr, um für ihren Romantiktrip zu packen?

»Genieß es, solang es noch geht«, murmelte er. Denn morgen früh würde er den Scheidungsanwalt anrufen und ihr auf den Hals hetzen.

Er betrat den Raum, aus dem sie eine Bibliothek gemacht hatten. Als er gerade den Lichtschalter betätigen wollte, sah er sie im hellen Blitzlicht daliegen.

Bis es donnerte, war sein Kopf einfach nur leer.

»Lindsay?«

Er betätigte den Lichtschalter und machte einen Satz nach vorn. Er traute seinen Augen nicht.

Sie lag auf dem Boden, direkt vor dem Kamin. Der weiße Marmor, der dunkle Boden – überall Blut.

Ihre schokoladenbraunen Augen, die ihn einst so betört hatten, schienen aus beschlagenem Glas zu sein.

»Lindsay.«

Er ließ sich neben sie fallen, griff nach ihrer Hand – und merkte, dass sie eiskalt war.

*

Eli erwachte in Bluff House. Es dauerte ein wenig, bis er sich von seinem blutrünstigen, entsetzlichen, ständig wiederkehrenden Albtraum befreit und an die Sonne gewöhnt hatte.

Desorientiert und leicht benebelt setzte er sich auf. Er sah sich um, und während sein Puls langsam zur Ruhe kam, fiel ihm alles wieder ein.

Bluff House. Er war nach Bluff House zurückgekehrt.

Lindsay war seit fast einem Jahr tot. Das Haus in Boston war endlich zum Verkauf freigegeben worden. Der Albtraum war vorbei, auch wenn er ihn nach wie vor verfolgte.

Am liebsten wäre er gleich wieder eingeschlafen, doch dann würde er sich erneut in der kleinen Bibliothek neben seiner ermordeten Frau wiederfinden.

Trotzdem fiel ihm kein Grund zum Aufstehen ein.

Er glaubte, Musik zu hören – ganz leise in der Ferne. Was zum Teufel sollte das?

Hatte er das Radio oder den Fernseher eingeschaltet und dann vergessen? Das wäre nicht das erste Mal, seit er sich in dieser Abwärtsspirale befand.

Gut, immerhin ein Grund aufzustehen.

Da er sein Gepäck nicht mitgenommen hatte, schlüpfte er in die Klamotten vom Vortag und verließ das Zimmer.

Nach Radio klingt das eigentlich nicht, dachte er, als er die Treppe erreichte. Zumindest nicht ganz. Als er das Erdgeschoss durchquerte, konnte er Adele ausmachen, aber auch eine zweite Frauenstimme, die lautstark mitsang.

Er folgte ihr bis in die Küche.

Adeles Gesangspartnerin griff in eine der drei Jutetaschen auf der Küchentheke, holte Bananen heraus und legte sie zu Äpfeln und Birnen in eine Bambusschale.

Er verstand das alles nicht.

Sie sang aus voller Kehle, nicht mit Adeles fantastischer Stimme, aber durchaus gut.

Lange walnussbraune Locken fielen über ihre Schultern auf einen dunkelblauen Pulli. Ihr Gesicht sah ungewöhnlich aus, anders konnte man das nicht nennen: Die großen mandelförmigen Augen, die markante Nase und die hohen Wangenknochen, der Mund mit der vollen Oberlippe und dem Muttermal links davon wirkten zusammen wie aus einer anderen Welt.

Aber vielleicht lag das an seiner derzeitigen geistigen Verwirrung.

An ihren Fingern funkelten Ringe, an ihren Ohren baumelten Ohrringe. Sie trug eine Halskette mit einem mondförmigen Anhänger und eine Uhr mit einem weißen, runden Ziffernblatt.

Immer noch lauthals singend nahm sie Milch und Butter aus der Tasche und wollte sich gerade zum Kühlschrank umdrehen, als sie ihn sah.

Sie schrie nicht, taumelte aber nach hinten und hätte beinahe die Milch fallen lassen.

»Eli?« Sie fasste sich mit der beringten Hand ans Herz. »Meine Güte, haben Sie mich erschreckt.« Mit einem heiseren, atemlosen Lachen strich sie ihre Mähne aus dem Gesicht. »Sie sollten doch erst heute Nachmittag eintreffen. Ich habe Ihren Wagen gar nicht gesehen, aber ich habe auch die Hintertür genommen und Sie bestimmt den Haupteingang. Sind Sie nachts gefahren? Dann ist weniger Verkehr, aber bei dem Eisregen waren die Straßen sicherlich glatt. Wie dem auch sei, jetzt sind Sie da. Möchten Sie einen Kaffee?«

Sie sieht aus wie eine langbeinige Fee, dachte er und starrte sie einfach nur an. »Wer sind Sie?«

»Oh, entschuldigen Sie. Ich dachte, Hester hätte Ihnen Bescheid gesagt. Ich bin Abra, Abra Walsh. Hester hat mich gebeten, alles für Ihre Ankunft vorzubereiten. Ich fülle nur die Küchenvorräte auf. Wie geht es Hester? Ich habe seit Tagen nicht mehr mit ihr gesprochen, sondern nur per E-Mail und SMS mit ihr kommuniziert.«

»Abra Walsh«, wiederholte er. »Sie haben sie gefunden.«

»Ja.« Sie holte eine Packung mit Kaffeebohnen aus einer Jutetasche und schüttete den Kaffee in die Maschine, die genauso aussah wie die in seiner Kanzlei. »Sie war nicht zum Yoga gekommen, obwohl sie sonst nie eine Stunde versäumt hat. Ich habe angerufen, aber es ist niemand drangegangen. Also habe ich nach ihr geschaut. Ich habe einen Schlüssel, weil ich für sie putze.«

Während der Kaffee gemahlen wurde, fuhr sie damit fort, die Einkäufe zu verstauen. »Ich habe den Hintereingang genommen und nach ihr gerufen – keine Antwort. Da habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen. Was, wenn es ihr nicht gut ging? Deshalb bin ich zur Treppe geeilt, und da lag sie. Ich dachte schon, sie wäre … Aber ich konnte ihren Puls fühlen, und als ich ihren Namen gesagt habe, kam sie kurz zu sich. Ich habe den Krankenwagen gerufen, der im Nu da war, aber für mich hat es sich angefühlt, als hätte er Stunden gebraucht.«

Sie ließ den Kaffee durchlaufen, holte Sahne aus dem Kühlschrank und goss sie in den Becher.

»Frühstück an der Theke oder am Tisch?«

»Wie bitte?«

»Theke.« Sie stellte den Kaffee auf die Kücheninsel. »So können Sie sitzen und sich mit mir unterhalten.« Als er verdattert auf den Kaffee starrte, musste sie lächeln. »Das stimmt doch so, oder? Hester meinte, ein Schuss Sahne und kein Zucker.«

»Stimmt genau. Danke.« Wie ein Schlafwandler ging er zur Kücheninsel und nahm auf dem Barhocker Platz.

»Sie ist so stark, so intelligent – und wieder ganz die Alte. Ich verehre Ihre Großmutter. Als ich vor einigen Jahren hergezogen bin, war sie die Erste, mit der ich mich angefreundet habe.«

Sie redete einfach weiter, egal, ob er ihr zuhörte oder nicht. Manchmal war der Klang einer Stimme tröstlich, und er sah so aus, als könnte er Trost gebrauchen.

Sie dachte an die Fotos, die Hester ihr vor einigen Jahren gezeigt hatte. An das offene Lächeln, das Leuchten in seinen knallblauen Landon-Augen mit dem dunklen Ring um die Iris. Aber heute sah er erschöpft aus, traurig und viel zu dünn.

Sie würde sich bemühen, das zu ändern.

Deshalb nahm sie Eier, Käse und Schinken aus dem Kühlschrank.

»Sie ist so dankbar, dass Sie hierbleiben, denn sie macht sich Sorgen, wenn Bluff House leer steht. Sie hat mir erzählt, Sie arbeiten an einem Roman?«

»Ich … ähm …«

»Ich habe einige Ihrer Kurzgeschichten gelesen, sie haben mir gefallen.« Sie stellte eine Omelettpfanne auf den Herd und erhitzte sie. Währenddessen goss sie ein Glas Orangensaft ein, wusch Beeren in einem kleinen Sieb und steckte Brot in den Toaster. »Als Teenager habe ich peinliche Liebesgedichte geschrieben. Noch peinlicher wurde es, als ich sie vertonen wollte. Ich lese wahnsinnig gern und bewundere jeden, der eine gute Geschichte erzählen kann. Hester ist so stolz auf Sie.«

In diesem Moment sah er ihr direkt in die Augen. Sie waren meergrün und ebenso wenig von dieser Welt wie alles andere an ihr.

Vielleicht gab es sie gar nicht.

Doch dann legte sie ihre Hand auf seine, nur ganz kurz, und die fühlte sich sehr warm und wirklich an. »Ihr Kaffee wird kalt.«

»Stimmt.« Er hob den Becher, trank daraus und fühlte sich ein klitzekleines bisschen besser.

»Sie waren lang nicht mehr hier«, fuhr sie fort und goss die Eiermischung in die Pfanne. »Es hat ein nettes kleines Lokal im Ort aufgemacht, und die Pizzeria ist auch noch da. Sie dürften fürs Erste versorgt sein. Wenn Sie etwas brauchen, aber nicht in den Ort wollen, sagen Sie mir einfach Bescheid. Ich wohne im Laughing-Gull-Cottage. Kennen Sie das?«

»Ich … ja. Sie … arbeiten für meine Großmutter?«

»Ich komme ein- bis zweimal die Woche zum Putzen, je nach Bedarf. Ich putze für mehrere Leute im Ort. Fünfmal die Woche unterrichte ich Yoga im Gemeindehaus und einmal die Woche in meinem Cottage. Als ich Hester überredet habe, es mit Yoga zu probieren, war sie auf Anhieb begeistert. Ich mache auch Massagen.« Sie sah sich kurz um und grinste ihn an. »Medizinische natürlich, ich bin ausgebildete Masseurin. Ich mache alles Mögliche, weil mich alles Mögliche interessiert.«

Sie gab das Omelett, die frischen Beeren und den Toast auf einen Teller, stellte ihn vor ihn hin und legte eine rote Leinenserviette mit Besteck daneben.

»Ich muss los, ich bin spät dran.«

Sie faltete die Jutetaschen zusammen und legte sie in eine riesige rote Umhängetasche, schlüpfte in einen dunkelvioletten Mantel, schlang sich einen bunt gestreiften Schal um den Hals und setzte eine lila Wollmütze auf.

»Wir sehen uns übermorgen, so gegen neun.«

»Übermorgen?«

»Dann komme ich zum Putzen. Wenn Sie vorher irgendetwas brauchen: Meine Telefonnummern für Festnetz und Handy hängen am Schwarzen Brett. Und wenn Sie Lust auf einen Spaziergang haben, dürfen Sie gern bei mir vorbeischauen. Also dann, willkommen in Whiskey Beach, Eli.«

Sie nahm die Tür zum Innenhof und drehte sich noch einmal lächelnd um. »Essen Sie Ihr Frühstück«, befahl sie und verschwand.

Er starrte erst auf die Tür und dann auf seinen Teller. Weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, griff er zur Gabel und aß.

2

Eli machte eine Runde durchs Haus, in der Hoffnung, so etwas wie eine Orientierung zu finden. Er hasste es, kein richtiges Ziel zu haben, sich einfach nur treiben zu lassen, entwurzelt zu sein. Früher hatte sein Leben eine feste Struktur gehabt, ein Ziel. Selbst als diese Struktur nach Lindsays Tod zusammengebrochen war, hatte er ein Ziel gehabt.

Wenn man gegen eine lebenslängliche Haftstrafe ankämpft, kann man das durchaus als Ziel begreifen.

Aber jetzt war die Bedrohung nicht mehr so unmittelbar. Welches Ziel verfolgte er nun? Seinen Roman fertig zu schreiben, rief er sich ins Gedächtnis. Er ertappte sich oft bei dem Gedanken, dass ihm das Schreiben half, der Realität zu entfliehen, und ihn so davor bewahrte, wahnsinnig zu werden.

Seine Wurzeln, wo lagen die? In Bluff House? War das wirklich so einfach?

Als Kind und junger Mann hatte er viel Zeit hier verbracht. Sommer um Sommer, denn der Strand war verführerisch nah. Aber auch viele Wintertage, an denen er zusah, wie der Sand langsam unter dem Schnee verschwand, bis nur noch die Felsspitzen herausragten.

Unbeschwerte Zeiten? Oder vielleicht doch nicht? Sandburgen bauen und Muscheln mit der Familie, mit Freunden essen. Segelausflüge mit seinem Großvater, mit der hübschen Schaluppe, die seine Großmutter nach wie vor im Hafen von Whiskey Bay liegen hatte. Und die lebhaften, geselligen Weihnachtsessen am knisternden Kaminfeuer.

Nie hätte er sich träumen lassen, wie ein Schatten seiner selbst durch diese Zimmer zu streifen und sich angestrengt die verblassten Bilder aus besseren Zeiten vor Augen zu rufen.

Im Schlafzimmer seiner Großmutter fiel ihm auf, dass sie ein paar Veränderungen vorgenommen hatte – die Wandfarbe, die Bettwäsche. Im Großen und Ganzen war jedoch alles beim Alten geblieben. Sein Blick fiel auf das große Himmelbett, in dem sein Vater wegen vorzeitiger Wehen inmitten eines Schneesturms zur Welt gekommen war. Das Hochzeitsfoto seiner Großeltern, auf dem sie jung und lebenslustig wirkten, stand wie immer in seinem silbernen Rahmen auf dem Schreibtisch. Auch der Blick aufs Meer, auf den Strand und die zerklüfteten Felsen der Bucht war noch derselbe.

Eli ging auf die Terrassentür zu, öffnete den Riegel und trat ins Freie.

Die Wellen schlugen hoch, aufgepeitscht von unerbittlichem Wind, der nach Schnee schmeckte. An der äußersten Spitze des Festlands erhob sich auf einem kleinen Felsvorsprung der jungfräulich weiße Leuchtturm. Weit draußen auf dem Atlantik entdeckte Eli einen Punkt, ein Schiff, das sich seinen Weg durch die aufgewühlten Wassermassen bahnte.

Wohin wollte es? Was hatte es geladen?

Eli musste an ein Spiel aus Kinderzeiten denken. Es fährt nach Armenien, dachte er, und hat Artischocken an Bord.

Nach langer Zeit lächelte er erstmals wieder und zog die Schultern hoch, um sich vor der Kälte zu schützen.

Es fährt mit Bonbons beladen nach Brasilien. Nach China mit Cognac. Nach Dänemark mit Deodorant. Der Punkt verschwand, und Eli kehrte ins Warme zurück.

Er musste etwas tun. Am besten, er ging seine Sachen holen, packte aus, kam richtig an.

Später vielleicht.

Wieder lief er durchs Haus, bis ganz nach oben in den dritten Stock, der vor seiner Zeit Dienstboten beherbergt hatte.

Heute diente er als Abstellraum für alte, von Laken bedeckte Möbel und Kartons. Zumindest die großen Zimmer. Die Kammern, in denen Hausmädchen und Köche geschlafen hatten, standen leer. Nach wie vor ziellos lief er zur Fensterfront mit Meerblick und betrat das Erkerzimmer.

Das Zimmer der Hauswirtschafterin, dachte er. Oder hatte es dem Butler gehört? Er wusste es nicht, aber derjenige, der darin geschlafen hatte, war privilegiert gewesen. Er hatte sogar einen separaten Eingang und einen eigenen Balkon besessen.

Heute brauchte man nicht mehr so viel Personal und keinen dritten Stock. Er wurde weder gepflegt noch geheizt. Seine pragmatische Großmutter hatte ihn bereits vor Jahren abgeriegelt.

Vielleicht würde ihn eines Tages jemand einer neuen Bestimmung zuführen, ihn zu neuem Leben erwecken und die gespenstischen Laken abnehmen, ihm seinen alten Glanz zurückgeben.

Aber im Moment war er genauso kalt und leer wie Eli.

Er ging wieder nach unten und stellte weitere Veränderungen fest.

Was früher ein großes Schlafzimmer im zweiten Stock gewesen war, war zu einem gemütlichen Arbeitszimmer geworden, mit einem Computer auf dem antiken Schreibtisch, einem Lesesessel und einem Sofa, das zum Nachmittagsnickerchen einlud. Er entdeckte weitere Kunstwerke seiner Großmutter: rosa Pfingstrosen in einer kobaltblauen Vase, Nebelschwaden über windgepeitschten Dünen.

Und dann natürlich die Aussicht, die sich ihm darbot wie ein festliches Bankett einem halb Verhungerten.

Er ging zum Schreibtisch und zog die Haftnotiz vom Bildschirm.

Hester sagt:

»Setz dich hin und schreib, worauf wartest du noch?«

Abra

Stirnrunzelnd starrte er auf die Notiz und wusste nicht recht, was er davon halten sollte, dass seine Großmutter ihm über ihre Nachbarin Befehle erteilte. Er sah sich im Raum um, ließ die Fenster, das kleine Bad, den Schrank auf sich wirken, der sowohl Büromaterial als auch Bettwäsche, Decken und Kissen enthielt. Anscheinend konnte man das Sofa ausziehen.

Wie praktisch. Das Haus beherbergte zwar mindestens ein Dutzend Zimmer, wie viele genau, wusste er nicht mehr. Doch wozu Platz verschwenden, wenn man ihn mehrfach nutzen kann?

Kopfschüttelnd warf er einen Blick auf den kleinen Kühlschrank mit der Glastür, der mit Mineralwasser und Mountain-Dew-Limonade gefüllt war, für die er seit Studientagen eine Schwäche hatte.

Setz dich hin und schreib.

Kein schlechter Ort zum Schreiben, dachte er, und die Vorstellung, an seinem Roman weiterzuarbeiten, war deutlich verlockender als die, seine Koffer auszupacken.

»Gut«, sagte er. »Von mir aus.«

Er ging in sein Zimmer, holte sein Notebook, schob Bildschirm und Tastatur ganz nach links, um Platz für sein eigenes Gerät zu machen. Und da sie nun mal vorrätig war, nahm er sich eine gekühlte Flasche Mountain Dew.

»Gut«, wiederholte er. »Wo waren wir stehen geblieben?«

Nach einem letzten Blick aus dem Fenster vertiefte er sich in seinen Text.

Und entfloh der Realität.

Seit dem College hatte er hobbymäßig geschrieben – es machte ihm einfach Spaß. Als er eine Handvoll Kurzgeschichten verkauft hatte, erfüllte ihn das durchaus mit Stolz.

In den letzten anderthalb Jahren, in denen ihm sein Leben weitgehend entglitten war, hatte er gemerkt, dass das Schreiben ihm mehr half als jede Sitzung beim Psychologen.

Damit konnte er in eine Welt entfliehen, die er selbst geschaffen hatte und bis zu einem gewissen Grad kontrollieren konnte. Und fühlte sich seltsamerweise mehr bei sich als im wirklichen Leben.

Er schrieb über Dinge, die er kannte – zumindest im weitesten Sinne. In seinen Kurzgeschichten und diesem ersten Roman konnte er mit dem Recht spielen, es je nach Romanfigur manipulieren. Er konnte Konflikte und Lösungen auf dem schmalen Grat zwischen Recht und Gerechtigkeit ersinnen.

Er war Anwalt geworden, weil ihn die Rechtsprechung trotz ihrer Schwächen, ihrer Komplexität und ihres Interpretationsspielraums faszinierte. Und weil das Familienunternehmen Landon Whiskey nicht so gut zu ihm passte wie zu seinem Vater, seiner Schwester oder seinem Schwager.

Er hatte sich fürs Strafrecht entschieden und sein Ziel, Anwalt zu werden, hartnäckig verfolgt. Doch jetzt, wo sich das Recht gegen ihn verschworen zu haben schien, schrieb er, um sich lebendig zu fühlen und sich wieder in Erinnerung zu rufen, dass die Wahrheit manchmal triumphiert und die Gerechtigkeit obsiegt.

Als er wieder aus seiner Welt auftauchte, dämmerte es bereits, und das Meer verblasste. Erstaunt stellte er fest, dass es schon nach drei war. Er hatte fast vier Stunden durchgeschrieben.

»Hester hat wie immer recht«, murmelte er.

Er speicherte seine Arbeit und kontrollierte seine E-Mails. Jede Menge Spam für den Papierkorb.

Er schrieb eine beinahe identische Nachricht an seine Eltern und seine Schwester: Die Fahrt verlief ohne Probleme, das Haus ist super in Schuss, es tut gut, hier zu sein, sich einzuleben.

Die wiederkehrenden Albträume, die Depressionen oder die gesprächige Nachbarin, die Omeletts briet, erwähnte er mit keinem Wort.

Dann schrieb er noch eine Mail an seine Großmutter.

Ich sitze hier und schreibe wie befohlen. Danke. Das Meer hat eine Oberfläche wie aus gekräuseltem Stahl, die Gischt erinnert an weiße Rennpferde. Schnee liegt in der Luft. Das Haus macht einen guten Eindruck, es tut mir gut. Ich hatte ganz vergessen, wie gut es mir immer getan hat. Das tut mir leid. Bitte sag nicht, dass ich aufhören soll, mich zu entschuldigen. Es tut mir leid, Gran, dass ich nicht häufiger zu Besuch gekommen bin. Inzwischen nicht nur deinet-, sondern auch meinetwegen.

Wäre ich zu dir nach Bluff House gekommen, hätte ich vielleicht vieles klarer gesehen und anders gehandelt. Wäre dann auch alles dermaßen schiefgegangen?

Das werde ich nie erfahren. Ich weiß nur, dass es guttut, wieder hier zu sein. Ich werde mich ums Haus kümmern, bis du zurückkommst. Ich werde Strandspaziergänge machen und anschließend Feuer im Kamin, damit ich das Haus genießen kann, wenn es draußen schneit.

In Liebe

dein Eli

PS: Ich bin übrigens Abra Walsh begegnet. Sie ist interessant. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich ihr schon dafür gedankt habe, dass sie die Liebe meines Lebens gerettet hat. Aber ich werde es nachholen, wenn ich sie das nächste Mal sehe.

Nachdem er die E-Mail abgeschickt hatte, fiel ihm etwas ein. Er konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, ihr gedankt zu haben, wusste aber sehr wohl, dass er die Lebensmittel nicht bezahlt hatte.

Er machte sich einen Vermerk auf dem Block mit Haftnotizen, den er in der Schreibtischschublade gefunden hatte, und klebte ihn auf den Bildschirm. In letzter Zeit war er sehr vergesslich.

Das Kofferauspacken ließ sich nicht länger hinausschieben. Er musste dringend etwas anderes anziehen und durfte sich nicht mehr so gehen lassen.

Er nutzte den Energieschub vom Schreiben und holte seine Koffer.

Beim Auspacken stellte er fest, dass er nicht sehr intelligent gepackt hatte. Er brauchte weder drei Anzüge noch vier Paar Ausgehschuhe und erst recht keine fünfzehn Krawatten.

Die Macht der Gewohnheit, sagte er sich. Er hatte gepackt, ohne nachzudenken.

Kaum hatte er alles verstaut, stellte er fest, dass er sich heimischer fühlte.

Als Nächstes würde er einen Spaziergang machen, sich etwas die Beine vertreten und frische Luft schnappen. Das war gesund und produktiv. Von nun an würde er jeden Tag vor die Tür gehen, und sei es nur für einen Strandspaziergang, statt in Selbstmitleid zu zerfließen und trüben Gedanken nachzuhängen. Er zog seinen Parka an, steckte die Schlüssel ein und stemmtesich gegen den starken Wind.

Eine Viertelstunde, beschloss er, während er mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern die Stufen zum Strand ansteuerte. Er würde siebeneinhalb Minuten in die eine Richtung gehen und dann umkehren.

Anschließend würde er Feuer im Kamin machen, sich davorsetzen und nachdenken, eventuell mit einem Glas Whiskey in der Hand.

Dünensand wirbelte auf, während der vom Meer kommende Wind dem Strandhafer zusetzte. Die »weißen Pferde«, von denen er seiner Großmutter berichtet hatte, gingen auf die Hinterbeine und galoppierten über das eisgraue Wasser. Der Sturm verschlug ihm förmlich den Atem.

Der Winter hatte Whiskey Beach fest im Griff und erinnerte ihn daran, dass er vergessen hatte, Handschuhe und Mütze mitzunehmen.

Morgen könnte er eine halbe Stunde spazieren gehen. Oder einmal die Woche eine Stunde. Wer sagt denn, dass es jeden Tag sein muss? Wer bestimmt denn die Regeln?, dachte er. Es war verdammt kalt, und jeder Idiot konnte sehen, dass es bald schneien würde. Und nur Idioten gehen bei Schneesturm am Strand spazieren.

Nachdem er die mit Sand bedeckten Stufen genommen hatte, wurde er von Wasser und Wind schier überwältigt. Das hat keinen Sinn, dachte er und wollte bereits kehrtmachen, als er den Kopf hob.

Wellen brandeten wütend an den Strand und ließen bei jedem Vorstoß tosenden Donner ertönen. Die zerklüfteten Felsen trotzten ihnen tapfer in einem Krieg, den keine Seite je gewinnen würde. Und über all dem spannte sich ein dunkler Himmel, der zu überlegen schien, wann er seine Waffen einsetzen sollte.

Eli war wie hypnotisiert von diesem Naturschauspiel. Und während der Krieg weitertobte, marschierte er los.

Am Strand konnte er keine Menschenseele entdecken und hörte nichts als den Sturm und die Brandung. Die Fenster der Häuser und Cottages oberhalb der Dünen waren verriegelt, um die Kälte abzuhalten. Niemand stand auf den Klippen, und niemand schaute vom wellenumtosten Pier aus aufs Meer.

Im Moment war er so allein wie Robinson Crusoe. Aber nicht einsam. Es war unmöglich, sich hier einsam zu fühlen, in direktem Kontakt mit den Naturgewalten. Dieses Gefühl musste er sich merken, wenn er das nächste Mal nach Ausreden suchte, nicht vor die Tür zu müssen.

Er liebte den Strand, vor allem diesen Abschnitt. Er liebte ihn, egal zu welcher Jahreszeit.

Warum hatte er sich das so lang vorenthalten? Die Umstände allein konnte er nicht dafür verantwortlich machen, auch nicht Lindsay. Er hätte herkommen müssen – seiner Großmutter, aber auch sich selbst zuliebe. Doch er hatte sich für die einfachste Lösung entschieden. Er hatte sich Ausreden ausgedacht, statt zu erklären, warum seine Frau nicht mitgekommen war. Statt mit Lindsay zu streiten, wenn sie auf Cape Cod, Martha’s Vineyard oder einem längeren Urlaub an der Côte d’Azur beharrte.

Die vorgeblich einfache Lösung hatte sich als trügerisch erwiesen, und er hatte etwas verpasst, das ihm wichtig war.

Wenn er sich das nicht zurückeroberte, war nur er dafür verantwortlich. Also ging er bis zum Pier und dachte an das Mädchen, mit dem er einen prickelnden Sommerflirt gehabt hatte, bevor sein Studium begann. Daran, wie er mit seinem Vater geangelt hatte, wozu keiner von beiden auch nur das geringste Talent besaß. Und an seine Kindheit, in der er mit verschiedenen Freunden bei Ebbe nach Piratenschätzen gebuddelt hatte.

Er dachte an die alte, nach wie vor unvergessene Legende von dem Schatz, Esmeraldas Mitgift, die bei einer wilden Seeschlacht von Piraten geraubt und verloren gegangen war. Das Piratenschiff, die berüchtigte Calypso, war an den Felsen von Whiskey Beach zerschellt und direkt zu Füßen von Bluff House von den Wellen verschlungen worden, die ihr Geheimnis bis heute bewahrten.

Über die Jahre hatte er unzählige Varianten dieser Legende zu hören bekommen und als Kind mit seinen Freunden Jagd auf diesen Schatz gemacht. Sie wollten ihn heben, sich mit seinen Golddukaten, Juwelen und Silbermünzen in zeitgemäße Piraten verwandeln.

Doch wie alle anderen Schatzsucher hatten sie nichts als Muscheln und Krabben gefunden. Aber sie hatten ihre Abenteuer genossen, in diesen längst vergangenen Sommern.

Whiskey Beach hatte ihm gutgetan. Während er dastand und die Gischt spritzte, sagte er sich, dass es ihm auch heute guttun würde.

Er war weiter gelaufen und länger geblieben als geplant. Auf dem Rückweg freute er sich auf sein Glas Whiskey am Kamin. Aber als Belohnung und weniger als Möglichkeit, der Realität zu entfliehen.

Vermutlich sollte er sich auch etwas zu essen machen, da er seit dem Frühstück nichts zu sich genommen hatte. Damit hatte er gegen ein weiteres Versprechen verstoßen, das er sich gegeben hatte, nämlich wieder zuzunehmen und ein gesünderes Leben zu führen.

Er würde also ein anständiges Abendessen zubereiten und sofort mit diesem gesünderen Leben beginnen. Irgendwas würde ihm schon einfallen. Die Nachbarin hatte die Küchenvorräte aufgefüllt, und …

Bei dem Gedanken schaute er auf und sah das Laughing-Gull-Cottage hinter den Dünen. Das kräftige Sommerblau seiner Schindeln hob sich deutlich von den Pastell- und Weißtönen der Nachbarhäuser ab. Soweit er sich erinnern konnte, waren sie einmal hellgrau gewesen. Der spitze Dachgiebel, die großzügige Dachterrasse und der Wintergarten machten seine Silhouette unverwechselbar.

Er sah, dass Lampen brannten, um die düstere Stimmung zu vertreiben.

Am besten, er ging gleich zu ihr und gab ihr das Geld in bar. Dann war das erledigt. Er würde von dort aus den Rückweg antreten und dabei die Erinnerungen an die anderen Häuser und ihre jetzigen sowie einstigen Bewohner auffrischen.

Außerdem konnte er dann etwas Positives nach Hause berichten, ohne zu lügen: Habe einen Strandspaziergang gemacht, auf dem Rückweg bei Abra Walsh vorbeigeschaut, bla, bla, bla, die neue Farbe ihres Cottages gefällt mir. Wie ihr seht, isoliere ich mich nicht. Ich gehe aus und knüpfe Kontakte. Alles ganz normal.

In Gedanken formulierte er schon die E-Mail, während er den Aufstieg bewältigte. Ein gepflasterter Weg führte oben zwischen einem kleinen Innenhof mit Sträuchern und Figuren hindurch. Es gab eine lustige Meerjungfrau, die auf ihrem Fischschwanz saß, einen Frosch, der Banjo spielte, und eine kleine Steinbank, deren Füße aus geflügelten Feen bestanden. Er war von der originellen Gartengestaltung fasziniert. Sie passte perfekt zum Cottage. Erst als er bereits mit einem Fuß auf der Schwelle stand, bemerkte er, dass sich im Wintergarten etwas bewegte.

Frauen auf Yogamatten erhoben sich mehr oder weniger geschmeidig in die Stellung, die er als Herabschauender Hund erkannte.

Die meisten trugen bunte Tops und Leggins wie die Frauen in dem Fitnessstudio, in dem er einst Mitglied gewesen war. Ein paar bevorzugten Jogginghosen oder Shorts.

Alle machten einen Ausfallschritt nach vorn und kamen dann ziemlich wackelig nach oben. Das vordere Bein war gebeugt, das hintere gestreckt, ein Arm zeigte nach vorn, der andere nach hinten.

Peinlich berührt wollte Eli sich schon zurückziehen, als er merkte, dass die Gruppe Abras Bewegungen nachahmte.

Sie verharrte in der Kriegerstellung, hatte ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Das dunkelviolette Oberteil ließ sehnige Arme frei, die graue Hose umschloss schmale Hüften und lange Beine, aus der zierliche Füße hervorragten, deren Nägel in der Farbe von Abras Oberteil lackiert waren.

Fasziniert sah er zu, wie sie sich nach hinten beugte, den angewinkelten Arm über dem Kopf, den Oberkörper gedreht, das Kinn gehoben. Die anderen Frauen folgten ihrer Bewegung.

Dann streckte sie das vordere Bein, beugte sich vor, bis ihr Kopf neben dem vorderen Fuß den Boden berührte und der andere Arm zur Decke zeigte. Wieder drehte sie den Oberkörper. Bevor er verschwinden konnte, wandte sie auch den Kopf. Als sie aufsah, trafen sich ihre Blicke.

Sie lächelte, als hätte sie ihn erwartet.

Jetzt wich er tatsächlich zurück und machte eine entschuldigende Geste. Aber sie richtete sich bereits auf. Er sah, wie sie einer Frau ein Zeichen gab, bevor sie die Matten und Leiber umrundete.

Was nun?

Die Haustür ging auf, und sie lächelte ihn erneut an. »Hallo, Eli.«

»Entschuldigung, ich wusste nicht, dass …«

»Meine Güte, es ist eiskalt. Kommen Sie doch herein.«

»Nein, Sie sind beschäftigt. Ich habe nur einen Spaziergang gemacht und dachte …«

»Bitte, kommen Sie herein, bevor ich erfriere.« Sie machte barfuß einen großen Schritt nach vorn und packte seine Hand.

»Ihre Finger sind eiskalt.« Sie zog hartnäckig daran. »Ich will nicht, dass der Übungsraum auskühlt.«

Da ihm keine andere Wahl blieb, trat er ein, damit sie die Tür hinter ihm schließen konnte. New-Age-Musik plätscherte durch den Raum. Er konnte sehen, dass die Frau in der letzten Reihe wieder diesen Ausfallschritt machte.

»Entschuldigung«, wiederholte er. »Ich störe.«

»Das macht nichts. Maureen vertritt mich solang. Die Stunde ist sowieso gleich zu Ende. Wieso gehen Sie nicht in die Küche und trinken ein Glas Wein, bis ich fertig bin?«

»Nein, danke.« Er wünschte sich fast verzweifelt, diesen spontanen Abstecher nicht gemacht zu haben. »Ich war nur – ich war nur spazieren und bin auf dem Rückweg am Haus vorbeigekommen. Da ist mir eingefallen, dass ich Sie noch gar nicht für die Lebensmittel bezahlt habe.«

»Das hat Hester bereits erledigt.«

»Oh, das hätte ich mir denken können.«

Eine gerahmte Bleistiftzeichnung im Flur erregte seine Aufmerksamkeit. Er erkannte den Stil seiner Großmutter, auch ohne dass er auf die Signatur H. H. Landon in der unteren Ecke sehen musste.

Er erkannte auch Abra auf Anhieb wieder, die dort gertenschlank in Baumstellung stand, die Arme über den Kopf gestreckt, das Gesicht zu einem Lachen verzogen.

»Hester hat sie mir letztes Jahr geschenkt«, sagte Abra.

»Was?«

»Die Zeichnung. Ich habe sie überredet, Skizzen zu machen. Das war nur ein Vorwand, um sie zum Mitmachen zu bewegen. Nachdem sie sich in Yoga verliebt hatte, hat sie mir die Zeichnung zum Dank geschenkt.«

»Sie ist toll.«

Er merkte erst, dass Abra nach wie vor seine Hand hielt, als sie einen Schritt rückwärts machte und ihn zwang, ihr zu folgen. »Schultern nach unten und hinten ziehen, Leah. Sehr gut. Entspann die Kiefermuskeln, Heather. Gut, sehr gut. Entschuldigen Sie«, sagte sie zu Eli.

»Nein, ich muss mich entschuldigen. Ich überlasse Sie lieber wieder Ihrem Unterricht.«

»Sind Sie sicher, dass Sie kein Glas Wein möchten? Oder bei dem Wetter heute«, sie schloss ihre andere Hand um seine und rubbelte sie, »vielleicht lieber eine heiße Schokolade?«

»Nein, nein, trotzdem danke. Ich muss wieder nach Hause.« Die Reibung ihrer Hände sorgte kurz für eine fast schmerzhafte Wärme, die ihm erst bewusst machte, wie durchgefroren er war. »Es … Es wird schneien.«

»Ein idealer Moment, um den Abend mit einem guten Buch am Kamin zu verbringen. Also, dann.« Sie ließ seine Hand los, um erneut die Tür zu öffnen. »Wir sehen uns in ein paar Tagen. Rufen Sie mich an oder schauen Sie vorbei, wenn Sie etwas brauchen.«

»Danke.« Er entfernte sich rasch, damit sie die Tür schließen konnte, bevor allzu viel Wärme entwich.

Doch sie blieb in der offenen Tür stehen und sah ihm nach.

Sie, über die man oft sagte, sie habe ein zu weiches Herz, empfand Mitleid.

Wie lang es wohl her war, seit ihn jemand außerhalb seiner Familie aus der Kälte geholt hatte?

Sie schloss die Tür, kehrte in den Wintergarten zurück, nickte ihrer Freundin Maureen zu und übernahm erneut den Unterricht.

Als die letzte Entspannungsübung endete, sah sie, wie der Schnee, den Eli angekündigt hatte, dicht und weich herabfiel. In ihrem gemütlichen Wintergarten fühlte man sich dadurch wie in einer überdimensionalen Schneekugel.

Sie fand das perfekt.

»Vergesst nicht, genug zu trinken.« Sie setzte ihre Wasserflasche an den Mund, und die Frauen rollten ihre Matten auf. »Übrigens gibt es noch freie Plätze in unserem East-Meets-West-Kurs um Viertel nach neun im Gemeindesaal der Unitarier.«

»Ich liebe diesen Kurs.« Heather Lockaby schüttelte ihre Kurzhaarfrisur. »Winnie, ich kann dich mitnehmen, wenn du Lust hast.«

»Ruf mich vorher an. Ich würde es gern mal ausprobieren.«

»Aber jetzt möchte ich wissen, wer das vorhin war«, sagte Heather und rieb sich die Hände. »Ich habe da nämlich so eine Vermutung.«

»Wie bitte?« Abra antwortete mit einer Gegenfrage.

»Der Mann, der während des Unterrichts reingekommen ist, war das Eli Landon?«

Der Name sorgte sofort für ein Raunen. Abra spürte, wie sich die positiven Auswirkungen ihrer Yogastunde verflüchtigten, so sehr verspannten sich ihre Schultern. »Ja, das war Eli.«

»Hab ich’s dir doch gesagt.« Heather versetzte Winnie einen Stoß zwischen die Rippen. »Ich habe gehört, dass er in Bluff House eingezogen ist. Putzt du wirklich weiter, obwohl er dort wohnt?«

»Es gibt nicht viel zu putzen.«

»Aber, Abra, bist du nicht nervös? Ich meine, er ist des Mordes angeklagt. Er soll seine eigene Frau ermordet haben.«

»Er wurde freigesprochen, Heather, schon vergessen?«

»Aber nur aus Mangel an Beweisen. Das heißt noch lang nicht, dass er unschuldig ist. Du solltest nicht allein mit ihm in diesem Haus sein.«

»Die Medien lieben Skandalgeschichten. Erst recht, wenn es dabei um Sex, Geld und bedeutende Familien aus Neuengland geht. Das bedeutet nicht, dass er schuldig ist.« Maureen zog ihre feuerroten Brauen hoch. »Du weißt doch, Heather: Im Zweifel für den Angeklagten.«

»Ich weiß nur, dass er seinen Job verloren hat – und er war Strafverteidiger. Ein bisschen seltsam ist das schon, dass man ihn feuert, wenn er unschuldig ist. Außerdem galt er als Hauptverdächtiger. Zeugen haben gehört, wie er seiner Frau am Tag des Mordes gedroht hat. Bei einer Scheidung hätte ihr viel Geld zugestanden. Außerdem hatte er nichts in dem Haus zu suchen, oder?«

»Es war auch sein Haus«, rief Abra ihr wieder ins Gedächtnis.

»Aber er war ausgezogen. Ich meine ja nur: Wo Rauch ist, da ist auch …«

»Wo Rauch ist, kann auch ein anderer Feuer gelegt haben.«

»Du bist so vertrauensselig.« Heather legte den Arm um Abra, eine ebenso gut gemeinte wie bevormundende Geste. »Ich mache mir Sorgen um dich.«

»Ich glaube, Abra hat eine gute Menschenkenntnis und kann auf sich selbst aufpassen.«

Greta Parrish, mit zweiundsiebzig die Älteste im Kurs, zog ihren warmen Wollmantel an. »Und Hester Landon hätte Eli, der übrigens immer ein sehr wohlerzogener junger Mann gewesen ist, Bluff House nicht überlassen, wenn sie auch nur den geringsten Zweifel an seiner Unschuld hätte.«

»Oh, ich empfinde nichts als Zuneigung und Hochachtung für Mrs. Landon«, hob Heather an. »Jeder von uns hofft und betet darum, dass sie sich so bald wie möglich erholt und nach Hause zurückkehrt. Aber …«

ENDE DER LESEPROBE