Verlag: Limes Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Das Leuchten des Himmels E-Book

Nora Roberts

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E-Book-Beschreibung Das Leuchten des Himmels - Nora Roberts

Spannend und romantisch – Nora Roberts in Höchstform!Ausgerechnet Alaska! Nate Burke erhofft sich von seinem neuen Posten als Polizeichef von Lunacy, Alaska, viel Arbeit an der frischen Luft – und seine Ruhe. Doch als in einer Eishöhle eine mehr als zwanzig Jahre alte Leiche gefunden wird, hat Nate mehr Probleme, als ihm lieb ist: mit der Tochter des Toten, der ungestümen, attraktiven Pilotin Meg Galloway – und mit einem kaltblütigen Mörder, der sich hinter der Maske des wohlanständigen Bürgers bestens zu verbergen weiß …„Das Leuchten des Himmels“ ist glänzender Spannungsroman und fesselnde Liebesgeschichte zugleich – angesiedelt vor der faszinierenden Kulisse Alaskas.

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E-Book-Leseprobe Das Leuchten des Himmels - Nora Roberts

Inhaltsverzeichnis
 
Autorin
Widmung
 
DUNKEL
Prolog - Tagebucheintragung 12. Februar 1988
Kapitel 1 - Auf dem Weg nach Lunacy 28. Dezember 2003
Kapitel 2
 
Copyright
Buch
Ausgerechnet Alaska! Überraschend schnell gewöhnt sich der neue Polizeichef Nate Burke an die ungewöhnlichen zweibeinigen - und die wilden vierbeinigen - Einwohner des kleinen Städtchens Lunacy, Alaska. Vor allem die sternenklaren Nächte, in denen es sich so gut unter dem Farbenrausch des Nordlichts im Schlafsack kuscheln lässt, haben es ihm angetan: Denn Nate hat sich Hals über Kopf in die temperamentvolle, lebenslustige Pilotin Meg Gallowy verliebt, die allerdings stets eine mysteriöse Aura umgibt. Nur zu gern würde Nate ihr streng gehütetes Geheimnis lüften, doch Meg sucht nur eine leidenschaftliche Affäre mit Nate. Eines Tages machen drei Jugendliche bei einem Schneesturm in den Bergen eine entsetzliche Entdeckung: Sie finden eine ermordete Leiche eines Mannes. Bald schon ist klar, dass vor mehr als zwanzig Jahren eine Bergtour in einem tödlichen Zweikampf endete. Es gibt keinen Zweifel: Mitten unter den Bürgern von Lunacy lebt, seit Jahren unbehelligt, ein Mörder - und seine Spur führt direkt zu Megs Geheimnis. Bald hat Nate alle Hände voll zu tun, denn während seiner Ermittlungen auf Hochtouren laufen, stellt Meg dem Mörder eine riskante Falle...
Autorin
Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte 1979 ein eisiger Schneesturm sie in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück - denn inzwischen zählt Nora Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane. Auch in Deutschland sind ihre Bücher von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. www.noraroberts.com
Von Nora Roberts ist bereits erschienen:
Die Irland-Trilogie: Töchter des Feuers (35405) · Töchter des Windes (35013) · Töchter der See (35053)
Die Templeton-Trilogie: So hoch wie der Himmel (35091) · So hell wie der Mond (35207) · So fern wie ein Traum (35280)
Die Sturm-Trilogie: Insel des Sturms (35321) · Nächte des Sturms (35322) · Kinder des Sturm (35323)
Die Insel-Trilogie: Im Licht der Sterne (35560) · Im Licht der Sonne (35561) · Im Licht des Mondes (35562)
Die Zeit-Trilogie: Zeit der Träume (35858) · Zeit der Hoffnung (35859) · Zeit des Glücks (35860)
Mitten in der Nacht. Roman (36007)
Nora Roberts ist J. D. Robb: Ein gefährliches Geschenk (36384)
Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Northern Lights« bei G. P. Putnam’s Sons,
The Penguin Group Inc., New York.
Für Kathy Onorato,für mehr Dinge, als ich zählen kann
DUNKEL
Zu Ende denn! Der klare Tag ist hin, Im Dunkel bleiben wir.
WILLIAM SHAKESPEARE
 
 
O Dunkel, Dunkel, Dunkel im grellen Mittagslicht, Für immer dunkel, völlige Finsternis Ohne jede Hoffnung auf Tag.
JOHN MILTON
Prolog
Tagebucheintragung12. Februar 1988
Gegen Mittag auf dem Sun Glacier gelandet. Der Hinflug hat mir den Kater aus den Knochen gerüttelt und die erstickenden Wurzeln der Realität durchtrennt, von der die Welt unten beherrscht wird. Ein klarer Himmel, wie ein blauer Kristall. Ein Himmel, wie man ihn auf Postkarten klatscht, um die Touristen zu ködern, dazu eine kalte weiße Sonne komplett mit Nebensonne. Ich begreife das als günstiges Zeichen für unseren Aufstieg. Der Wind bläst mit über zehn Knoten. Es hat milde zweiundzwanzig Grad unter Null. Der Gletscher ist so breit wie die Taille der Hure Kate und eisig wie ihr Herz.
Aber sie hat uns gestern Abend doch ganz anständig verabschiedet. Und uns sogar eine Art Gruppenrabatt gewährt.
Ich weiß nicht, was zum Teufel wir hier zu suchen haben, aber irgendwo muss man ja sein und was machen. Und eine Winterbesteigung des No Name eignet sich dafür genauso wie alles andere, ist sogar noch besser als das meiste.
Ein Mann braucht hin und wieder eine Abenteuerwoche, ein Abenteuer ohne schlechten Schnaps und leichte Mädchen. Wie soll man auch sonst den Alkohol und die Frauen schätzen lernen, wenn man sich nicht eine Weile von ihnen fern hält?
Und weil ich ein paar Kumpels aus Lunatic traf, wendete sich bei mir nicht nur das Glück am Kartentisch, sondern die Stimmung ganz allgemein. Für mich gibt es kaum was Öderes als einen festen Job in der Tretmühle, aber die Frau schaffte es doch immer wieder, sie anzuwerfen. Mein Gewinn jedoch sollte meine Mädchen zufrieden stellen, und ich genehmige mir jetzt ein paar Tage ganz für mich mit ein paar Kumpels.
Ich brauche das einfach, muss mich den Elementen entgegenstemmen und in der Gesellschaft anderer Männer Kopf und Kragen riskieren, damit ich spüre, dass ich lebe. Etwas nicht für Geld oder aus Pflicht tun, und auch nicht, weil eine Frau dir damit auf den Sack geht, sondern aus reiner Idiotie - das belebt den Geist.
Dort unten wird es mir langsam zu voll. Straßen führen in Gegenden, wohin sie noch nie geführt haben, Menschen wohnen dort, wo noch nie einer gelebt hat. Als ich anfangs herkam, waren es noch nicht so viele, und die Bundesbehörden hatten auch nicht alles unter Kontrolle.
Eine Erlaubnis zur Besteigung? Um auf einen Berg zu gehen? Zum Teufel damit, und zum Teufel auch mit all den verklemmten Föderalisten, ihren Regeln und Vorschriften. Die Berge gab es schon lange, bevor irgend so ein Regierungsbürokrat dahinter kam, dass man daraus Kapital schlagen kann. Und sie werden ebenfalls noch da sein, wenn er schon längst sein rotes Absperrseil in der Hölle spannt.
Und jetzt bin ich hier, auf Grund und Boden, der keinem gehört. Heiliger Boden kann keinem gehören.
Gäbe es die Möglichkeit, auf dem Berg zu leben, würde ich mein Zelt aufschlagen und nie mehr weggehen. Aber heilig oder nicht, er wird dich umbringen, und zwar schneller als eine nörgelnde Ehefrau, und weitaus weniger gnädig.
Also genehmige ich mir meine Woche mit Gleichgesinnten und klettere auf diesen Gipfel, der keinen Namen hat und sich über die Stadt und den Fluss und die Seen erhebt und die Grenzen umgeht, welche die Föderalisten dem Land aufzwingen, und deren kläglichen Versuchen spottet, es zu bändigen und Schutzzonen einzurichten. Alaska gehört einzig sich selbst, egal mit wie vielen Straßen oder Schildern oder Regeln man es überzieht. Alaska wirkt wie die letzte der wilden Frauen, und Gott liebt diese Wildnis dafür. Ich jedenfalls tue es.
Wir haben unser Basislager aufgebaut, und schon ist die Sonne hinter dem hohen Gipfel untergegangen und hat uns in winterliche Dunkelheit getaucht. In unserem Zelt zusammengekauert, lassen wir es uns schmecken, ein Joint macht die Runde, und wir reden vom morgigen Tag.
Morgen steigen wir auf.
1
Auf dem Weg nach Lunacy28. Dezember 2003
Festgeschnallt in der flatternden Suppendose, die sich lächerlicherweise Flugzeug nannte, und auf der holprigen Luft durch das mickrige Lichtfenster, wie es der Winter zu bieten hat, durch die Lücken und Einschnitte schneebedeckter Berge ruckelnd und sich auf eine Stadt namens Lunacy zubewegend, hatte Ignatious Burke eine Erscheinung.
Er war auf den Tod bei weitem nicht so gut vorbereitet, wie er gedacht hatte.
Es war schon eine wahnsinnige Erfahrung, sich klar zu machen, dass sein Leben in den Händen eines Fremden lag, der in seinem kanariengelben Parka fast versank und dessen Gesicht sich unter einem ramponierten Lederhut verbarg, der auf einer violetten Schalmütze thronte.
In Anchorage hatte der Fremde noch einen recht kompetenten Eindruck gemacht und Nate mit herzhaftem Handschlag begrüßt, ehe er der Suppendose mit Propellern aufmunternd den Daumen entgegenstreckte.
Dann jedoch hatte er Nate gesagt, er solle ihn einfach Dussel nennen. Und von da an war ihm etwas mulmig zumute gewesen.
Welcher Idiot stieg in eine fliegende Blechdose, die von einem Typ namens Dussel gesteuert wurde?
Aber Fliegen war die einzig sichere Möglichkeit, so spät im Jahr nach Lunacy zu kommen. Das jedenfalls hatte Bürgermeisterin Hopp ihm mitgeteilt, als er mit ihr über die Reiseplanung verhandelt hatte.
Die Maschine kippte heftig nach rechts, und als Nates Magen ihr folgte, fragte er sich, was Bürgermeisterin Hopp genau unter sicher verstand.
Er war davon ausgegangen, dass ihm so oder so alles egal sei. Leben oder sterben, was bedeutete das schon für das große Ganze? Als er in Baltimore-Washington den großen Jet bestiegen hatte, hatte er dies in der festen Überzeugung getan, sein Weg werde ihn dem Ende seines Lebens näher bringen.
Der Seelenklempner des Reviers hatte ihn davor gewarnt, weitreichende Entscheidungen zu treffen, solange er unter Depressionen litt, aber er hatte sich um den Posten des Polizeichefs von Lunacy aus keinem anderen Grund als dem beworben, dass er den Ortsnamen - Wahnsinn - so passend fand.
Und er hatte den Posten mit einem Pfeif-drauf-Achselzucken angenommen.
Selbst jetzt, taumelig vor Übelkeit, zitternd wegen seiner Erscheinung, machte Nate sich klar, dass es nicht so sehr der Tod war, der ihn ängstigte, sondern die Methode. Er wollte einfach nicht, dass alles zu Ende ging, nur weil er in dieser verdammten Düsternis an einem Berg zerschellte.
Wäre er in Baltimore geblieben und hätte er sich dort gegenüber seinem Seelenklempner und seinem Chef umgänglicher gezeigt, dann hätte er dort wieder seiner Arbeit nachgehen können. Das wäre nicht so schlimm gewesen.
Aber nein, er hatte ihnen die Dienstmarke hingeschmissen, die Brücken hinter sich nicht nur abgebrochen, sondern zu Asche verbrannt. Und jetzt würde er irgendwo in der Weite Alaskas als blutige Spur enden.
»Hier durch wird’s jetzt ein bisschen heftig«, meinte Dussel mit dem schleppenden Tonfall des Texaners.
Nate schluckte Galle. »Wo bis jetzt doch alles so glatt lief.«
Dussel grinste und zwinkerte ihm zu. »Das ist doch gar nichts. Sie sollten erst mal erleben, wie’s ist, wenn man Gegenwind bekämpfen muss.«
»Nein, danke. Wie lang dauert es noch?«
»Nicht lang.«
Das Flugzeug bockte und schwankte.
Nate gab es auf und schloss die Augen. Er betete darum, seinen Tod nicht noch unwürdiger zu machen, indem er sich zuvor die Stiefel voll kotzte.
Nie wieder würde er in ein Flugzeug steigen. Wenn er es überlebte, dann würde er Alaska auf vier Rädern verlassen. Oder auf zwei Beinen. Oder auf allen vieren. Aber in die Luft würde er nie wieder gehen.
Das Flugzeug machte einen verrückten Satz, bei dem Nate die Augen aufriss. Und da sah er durch die Windschutzscheibe den triumphalen Sieg der Sonne, ein wunderbares Aufhellen der Düsternis, das der Welt unter dem perlfarbenen Himmel in langen Wogen aus Weiß und Blau, plötzlichen Erhebungen, schimmernden Schwärmen von Seen und schneebedeckten Bäumen, die sich kilometerweit auszudehnen schienen, Gestalt verlieh.
Nur im Osten versperrte das Massiv, das die Einheimischen Denali oder einfach The Mountain nannten, den Blick auf den Himmel. Selbst seine nur oberflächliche Recherche hatte Nate darüber informiert, dass nur Outsider ihn McKinley nannten.
Während sie weiterrumpelten galt sein einziger zusammenhängender Gedanke der Überlegung, dass nichts Echtes so massiv sein sollte. Als die Sonne ihre Gottesfingerstrahlen durch den dichten Himmel schob, der den Berg umgab, begannen die Schatten, sich zu verflüssigen und auszubreiten, Blau über Weiß, und sein eisiges Antlitz glitzerte.
Er verspürte eine Regung, und so vergaß er für einen Moment seinen nervösen Magen, das unablässige Dröhnen des Motors und selbst die Kälte, die wie Nebel in der Maschine hing.
»Großer Bursche, nicht wahr?«
»Ja.« Nate stieß die Luft aus. »Großer Bursche.«
Sie flogen nach Westen, aber er verlor den Berg nie aus den Augen. Jetzt erkannte er, dass das, was er für eine vereiste Straße gehalten hatte, ein gewundener, gefrorener Fluss war. Und an seinem Ufer eine menschliche Ansiedlung mit ihren Häusern und Gebäuden, Autos und Lastwagen.
Für ihn sah es aus wie das Innere einer Schneekugel, die noch geschüttelt werden musste, wo aber alles still und weiß darauf wartete.
Unter dem Boden klackte etwas. »Was war das?«
»Das Fahrgestell. Das ist Lunacy.«
Die Maschine röhrte sich in einen Sinkflug, der Nate dazu zwang, sich an seinem Sitz festzuhalten und die Beine in den Boden zu stemmen. »Was? Wir landen? Aber wo? Wo?«
»Auf dem Fluss. Um diese Zeit des Jahres ist er festgefroren. Keine Sorge.«
»Aber …«
»Wir nehmen die Kufen.«
»Kufen?« Nate erinnerte sich plötzlich, dass er Wintersport hasste. »Wie beim Schlitten, wären Schlittschuhe nicht sinnvoller?«
Dussel brach in wildes Gelächter aus, als das Flugzeug das Eisband anflog. »Das wäre ein schöner Mist. Schlittschuhflugzeug. Also nein.«
Das Flugzeug setzte holpernd auf und rutschte dann dahin. Nates Magen folgte erneut dieser Bewegung. Nachdem es anmutig gleitend zum Stehen gekommen war, schaltete Dussel die Triebwerke aus, und in der plötzlichen Stille konnte Nate sein eigenes Herz in den Ohren trommeln hören.
»Die können Ihnen gar nicht genug zahlen«, brachte Nate heraus. »Ihre Künste sind bestimmt unbezahlbar.«
»Ach zum Teufel.« Er schlug Nate auf den Arm. »Um die Bezahlung geht’s doch gar nicht. Willkommen in Lunacy, Chief.«
»Da haben Sie verdammt Recht.«
Er versagte es sich, den Boden zu küssen. Es sähe nicht nur lächerlich aus, vermutlich würde er auch festfrieren. Stattdessen schwang er seine schwachen Beine hinaus in die unvorstellbare Kälte und betete, sie mögen ihn aufrecht halten, bis er an einem warmen, ruhigen, vernünftigen Ort war.
Sein Hauptproblem bestand darin, das Eis zu überqueren, ohne sich das Bein oder seinen Hals zu brechen.
»Machen Sie sich um Ihr Gepäck keine Sorgen, Chief«, rief Dussel ihm zu. »Das bring ich für Sie rein.«
»Danke.«
Nachdem er festen Stand gefunden hatte, entdeckte Nate eine im Schnee stehende Gestalt. Sie war in einen braunen Kapuzenparka mit schwarzem Fellbesatz gehüllt. Und rauchte in kurzen, ungeduldigen Zügen. Nate nahm sie als Orientierungspunkt und eierte, so würdevoll es ihm möglich war, über das wellige Eis.
»Ignatious Burke.«
Die Stimme war rau und weiblich und erreichte ihn mit einer Atemwolke. Er rutschte, richtete sich jedoch wieder auf und schaffte es klopfenden Herzens auf das beschneite Ufer.
»Anastasia Hopp.« Sie streckte ihm eine behandschuhte Hand hin, bekam damit seine irgendwie zu fassen und schüttelte sie kräftig. »Noch ein wenig blass um die Nase. Haben Sie unserem Chief auf dem Weg von der Stadt hierher arg zugesetzt, Dussel?«
»Nein, Ma’am. Aber das Wetter.«
»Das ist ja nichts Neues. Sie sehen aber gut aus. Auch in dem Zustand. Da, nehmen Sie einen Schluck.«
Sie zog eine silberne Flasche aus ihrer Tasche und drückte sie ihm in die Hand.
»Ah …«
»Na los doch. Noch sind Sie nicht im Dienst. Ein Schluck Schnaps richtet Sie wieder auf.«
Nachdem er beschlossen hatte, dass es dadurch nicht schlimmer werden konnte, öffnete er die Flasche, nahm einen kleinen Schluck und spürte, wie dieser ihm direkt in den flatternden Magen traf. »Danke.«
»Wir werden Sie jetzt erst mal ins Lodge bringen, damit Sie wieder zu Kräften kommen.« Sie führte ihn einen festgetrampelten Pfad entlang. »Die Stadt zeige ich Ihnen später, wenn Sie wieder einen klaren Kopf haben. Ist ein langer Weg von Baltimore hierher.«
»Ja, kann man wohl sagen.«
Nate glaubte, sich in einer Filmkulisse zu bewegen. Die grünen und weißen Bäume, der Fluss, der Schnee, die Gebäude aus Blockbohlen, der aus Kaminen und Rohren aufsteigende Rauch. Er sah alles verschwommen, wie im Traum, und daran merkte er, dass er ebenso erschöpft wie elend war. Auf keinem der Flüge hatte er Schlaf gefunden, und seinen Berechnungen nach waren fast vierundzwanzig Stunden vergangen, seit er das letzte Mal in der Horizontalen verbracht hatte.
»Ein schöner, klarer Tag«, sagte sie. »Die Berge wie zum Vorzeigen. Ein Bild, wie geschaffen, um Touristen anzulocken.«
Es war postkartentauglich und auch ein wenig überwältigend. Er glaubte, sich in einen Film oder den Traum eines anderen verirrt zu haben.
»Freut mich, Sie so gut ausgerüstet zu sehen.« Sie musterte ihn, während sie das sagte.
»Die meisten Besucher aus den übrigen USA, den Lower 48 kreuzen hier in komischen Übermänteln und eleganten Schuhen auf und frieren sich dann die Ärsche ab.«
Er hatte alles, was er anhatte, einschließlich der Thermounterwäsche und beinah des gesamten Inhalts seines Koffers, übers Internet bei Eddie Bauer erstanden, nachdem er die E-Mailliste mit den Vorschlägen von Bürgermeisterin Hopp erhalten hatte.
»Sie waren aber auch sehr genau in Ihren Angaben dessen, was ich brauche.«
Sie nickte. »Auch sehr genau darin, was wir brauchen. Enttäuschen Sie mich nicht, Ignatious.«
»Nate. Das habe ich auch nicht vor, Mayor Hopp.«
»Einfach Hopp. So nennt man mich hier.«
Sie betrat eine lang gezogene Holzveranda. »Das ist The Lodge. Hotel, Bar, Lokal, sozialer Treffpunkt. Sie haben hier ein Zimmer, als Teil Ihres Gehalts. Sollten Sie beschließen, anderswo wohnen zu wollen, liegt das bei Ihnen. Das hier gehört Charlene Hidel. Es gibt bei ihr gutes Essen, und sie macht sauber. Sie wird sich um Sie kümmern. Sie wird aber auch versuchen, Ihnen an die Wäsche zu gehen.«
»Wie bitte?«
Nate traute seinen Ohren kaum.
»Sie sind ein gut aussehender Mann, und Charlene hat dafür eine Schwäche. Sie ist zu alt für Sie, aber das wird sie nicht so sehen. Was Sie daraus machen, ist Ihre Sache.«
Dann lächelte sie, und er sah, dass unter ihrer Kapuze ein Gesicht so rot wie ein Apfel und ebenso geformt steckte. Ihre Augen waren nussbraun und lebhaft, ihr Mund lang und schmal und in den Mundwinkeln gebogen.
»Wir haben einen Männerüberschuss, wie fast überall in Alaska. Aber das heißt nicht, dass die weibliche Population vor Ort nicht zum Schnüffeln kommen wird. Sie sind frisches Fleisch, und nicht wenige werden es kosten wollen. In Ihrer Freizeit können Sie machen, was Sie wollen, Ignatious. Nur sollten Sie die Mädchen nicht in der Zeit bumsen, für die die Stadt Sie zahlt.«
»Das werde ich mir aufschreiben.«
Ihr Lachen klang wie ein Nebelhorn - zweimaliges rasches Tuten. Zur Unterstreichung gab sie ihm einen Klaps auf den Arm. »Machen Sie das.«
Sie riss die Tür auf und führte ihn in wohlige Wärme.
Er sog den Duft von Holzrauch und Kaffee ein, gemischt mit gebratenen Zwiebeln und dem Ich-bin-zu-haben-Parfüm einer Frau.
Es war ein großer Raum, zwanglos unterteilt in einen Restaurantbereich mit Zweier- und Vierertischen, fünf Nischen und einer Bar mit einer Reihe von Stühlen, deren rote Sitze in der Mitte vom jahrelangen Sitzen abgewetzt waren.
Zur Rechten lag ein Durchgang zu einem weiteren Raum, in dem er einen Billardtisch und etwas, das nach einem Kicker aussah, sowie die Sternenlichter einer Juke-Box ausmachen konnte.
Links führte ein weiterer Durchgang zu einer Art Lobby. Er sah ein Stück Theke und mit Schlüsseln gefüllte Fächer, ein paar Briefe oder Notizzettel.
Ein Holzfeuer loderte, und die Fenster waren geschrägt, um die spektakuläre Bergsicht einzufangen.
Bedient wurden die Gäste von einer Hochschwangeren, die ihr Haar in langen, glänzenden schwarzen Zöpfen trug. Ihr Gesicht war so markant und von so gelassener Schönheit, dass er blinzeln musste. Mit ihren weichen dunklen Augen und der goldenen Haut erinnerte sie ihn an die Madonna in der Eingeborenenversion Alaskas.
Sie schenkte zwei Männern in einer Nische Kaffee nach. Ein etwa dreijähriger Junge saß an einem Tisch und malte in einem Buch. An der Bar saß ein Mann im Tweedjackett, rauchte und las in einer zerfledderten Ausgabe des Ulysses.
An einem der hinteren Tische schien ein Mann mit braunem Bart, der sich über die Brust seines verblichenen karierten Flanellhemds ergoss, ein wütendes Selbstgespräch zu führen.
Köpfe drehten sich in ihre Richtung, und Begrüßungsworte wurden an Hopp gerichtet, als diese ihre Kapuze abschüttelte und eine federnde Silbermähne freilegte. Blicke richteten sich auf Nate, sie reichten von Neugier über Spekulation zu offener Feindschaft vonseiten des Bärtigen.
»Das hier ist Ignatious Burke, unser neuer Polizeichef«, verkündete Hopp, als sie den Reißverschluss ihres Parkas aufzog. »Hier in der Nische sehen Sie Dex Trilby und Hans Finkle, und dort drüben haben wir Bing Karlovski mit dem mürrischen Gesicht, sofern man es erkennen kann. Rose Itu bedient hier. Was macht das Baby heute, Rose?«
»Es ist unruhig. Willkommen, Chief Burke.«
»Danke.«
»Das hier ist Der Professor.« Hopp tippte Tweedjackett auf die Schulter, als sie zur Bar ging. »Hat sich in dem Buch was verändert, seit Sie es das letzte Mal gelesen haben?«
»Immer.« Er zog seine metallgefasste Lesebrille ein Stück weit herunter, um Nate besser sehen zu können. »Lange Reise.«
»Kann man wohl sagen«, stimmte Nate ihm zu.
»Und noch nicht vorbei.« Der Professor schob die Brille zurück an ihren Platz und widmete sich wieder seinem Buch.
»Und dieses hübsche Teufelchen hier ist Jesse, Roses Junge.«
Der Junge hielt seinen Kopf über das Malbuch gebeugt, hob aber seinen Blick, sodass seine großen dunklen Augen unter den dichten Stirnfransen hervorguckten. Er streckte die Hand aus und zupfte an Hopps Parka, sodass sie sich zu ihm beugte, um sein Flüstern zu verstehen.
»Keine Sorge. Wir suchen ihm eine.«
Die Tür hinter der Bar schwang auf, und ein großer schwarzer Koloss mit riesiger weißer Schürze kam heraus. »Big Mike«, verkündete Hopp. »Er ist der Koch. War bei der Marine, bis eins unserer Mädchen hier ihm schöne Augen machte, als sie unten in Kodiak war.«
»Die hat mich gefangen wie eine Forelle«, sagte Big Mike mit einem Grinsen. »Willkommen in Lunacy.«
»Danke.«
»Wir wollen für unseren neuen Polizeichef was Leckeres und Heißes.«
»Die Fischsuppe ist heute gut«, meinte Big Mike zu ihr. »Die sollte helfen. Es sei denn, Sie beißen lieber in rotes Fleisch, Chief.«
Es dauerte ein wenig, bis Nate sich als chief angesprochen fühlte. Ein Moment, in dem er spürte, dass sich jedes Auge im Raum auf ihn konzentrierte. »Fischsuppe ist okay. Hört sich gut an.«
»Die machen wir gleich fertig für Sie.« Er kehrte durch die Schwingtür zurück in die Küche, und Nate hörte seinen voll tönenden Bariton Baby, It’s Cold Outside schmettern.
Filmkulisse, Postkarte, fand er. Oder ein Theaterstück. Wie man es auch sah, er fühlte sich wie eine verstaubte Requisite.
Mit erhobenem Finger ließ Hopp Nate wissen, dass er warten solle, ehe sie in die Lobby davonmarschierte. Er sah sie um die Ecke verschwinden und aus einem der Fächer einen Schlüssel ziehen.
Während sie das tat, schwang hinter der Theke die Tür auf. Und der Superbomber kam heraus.
Sie war blond - was zu Superbombern am besten passte, wie Nate fand -, mit einer welligen Masse leuchtenden Haars, dessen Spitzen beeindruckende Brüste berührten, die im tiefen Ausschnitt ihres gut sitzenden blauen Pullovers zur Schau gestellt wurden. Er brauchte eine Minute, bis er das Gesicht dazu wahrnahm, denn der Pullover steckte in so engen Jeans, dass mehrere innere Organe gequetscht sein mussten.
Worüber er sich allerdings nicht beklagte.
Das Gesicht wurde von strahlend blauen Augen beherrscht, deren Unschuld in direktem Gegensatz zu den plumpen roten Lippen stand. Im Umgang mit Farbe war sie sehr großzügig gewesen, und bei ihm stellte sich sofort die Verbindung zu einer Barbiepuppe her.
Einer Männer mordenden Barbie.
Trotz der einzwängenden Bekleidung wackelte alles, was wackeln konnte, als sie auf dünnen hochhackigen Pantoffeln ins Restaurant stöckelte. Und lässig an der Bar posierte.
»Hallo, Hübscher.«
Das kehlige Schnurren ihrer Stimme - offenbar hatte sie das geübt - zielte ganz darauf ab, einem Mann das Blut aus dem Kopf zu ziehen und seinen IQ auf den einer Steckrübe abstürzen zu lassen.
»Benehmen Sie sich, Charlene.« Hopp klimperte mit dem Schlüssel. »Dieser Junge hier ist müde und halb krank. Er verfügt nicht über die nötigen Kraftreserven, um es jetzt mit Ihnen aufnehmen zu können. Chief Burke, Charlene Hidel. Diese Herberge hier gehört ihr. Die Stadt übernimmt die Kosten für Ihr Zimmer und Ihre Verpflegung als Teil Ihres Gehalts, also haben Sie keinerlei Verpflichtung zu einer Gegenleistung.«
»Sie sind so gemein, Hopp.« Aber Charlene lächelte wie ein gestreicheltes Kätzchen, als sie das sagte. »Ich könnte Sie doch nach oben bringen, Chief, damit Sie es sich bequem machen können? Dann bringen wir Ihnen was Heißes zum Essen hoch.«
»Ich werde ihn nach oben bringen.« Mit Absicht schloss Hopp die Faust um den Schlüssel und ließ den großen schwarzen Anhänger mit der Zimmernummer baumeln. »Dussel bringt sein Gepäck rein. Kann nicht schaden, wenn Rose ihm die Fischsuppe bringt, die Mike gerade für ihn fertig macht. Kommen Sie, Ignatious. Für Geselligkeit ist Zeit, wenn Sie nicht kurz vor dem Umfallen sind.«
Er hätte auch für sich selbst sprechen können, sah aber keine Veranlassung. Gehorsam wie ein Hündchen, das seinem Herrn folgt, schloss er sich Hopp an, als diese durch die Tür und dann eine Treppe nach oben ging.
Er hörte jemanden cheechako murmeln, und zwar in einem Ton, mit dem man sonst nur schlechtes Fleisch ausspuckt. Er interpretierte es als eine Beleidigung, ließ es aber dabei bewenden.
»Charlene will keinem wehtun«, erklärte Hopp. »Aber wenn sie eine Chance sieht, reizt sie einen Mann zu Tode.«
»Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Mama.«
Sie stieß wieder ihr Nebelhornlachen aus und steckte den Schlüssel in das Schloss von Zimmer Nummer 203.
»Ihr Mann hat sie vor fünfzehn Jahren sitzen lassen, und sie musste ihre Tochter allein großziehen. Sie hat das bei Meg aber ganz gut hingekriegt, obwohl sie einander fast die meiste Zeit anfauchen. Seitdem hat sie jede Menge Männer gehabt - und mit jedem Jahr werden sie jünger. Ich sagte vorhin, sie sei zu alt für Sie.« Hopp warf einen Blick über die Schulter. »Tatsächlich aber sind Sie angesichts ihrer Vorlieben zu alt für sie. Zweiunddreißig sind Sie, oder?«
»Das war ich, als ich von Baltimore losfuhr. Vor wie vielen Jahren war das?«
Hopp schüttelte den Kopf und stieß die Tür auf. »Charlene hat mehr als ein Dutzend Jahre mehr als Sie. Und eine erwachsene Tochter, fast so alt wie Sie. Das sollten Sie vielleicht in Erinnerung behalten.«
»Ich dachte immer, ihr Frauen flippt aus vor Freude, wenn sich eine von euch einen Jüngeren schnappt.«
»Da sieht man mal, was Sie über Frauen wissen. Wir ärgern uns schwarz, weil wir ihn uns nicht als Erste geschnappt haben. So ist das nämlich.«
Er betrat den mit Holz verkleideten Raum, in dem ein Eisenbett, eine Kommode und ein Spiegel auf der einen Seite und auf der anderen ein kleiner runder Tisch, zwei Stühle und ein kleiner Schreibtisch standen.
Das Zimmer war sauber, beschränkte sich auf das Notwendigste und war so interessant wie eine Tüte weißer Reis.
»Hier gibt es noch eine kleine Küche.« Hopp zog einen blauen Vorhang zur Seite und gab den Blick auf einen Zweiliter-Kühlschrank, einen Zweiplattenherd und eine Spüle in der Größe von Nates gewölbter Innenhand frei. »Sofern Kochen nicht zu Ihren Hobbys gehört, würde ich meine Mahlzeiten unten einnehmen. Das Essen ist gut hier. Es ist zwar nicht das Ritz, und es gibt auch schönere Zimmer, aber unser Budget ist begrenzt.« Sie lief zur anderen Seite und stieß eine Tür auf. »Das Badezimmer. Es gehört dazu.«
»Ist ja toll.« Er steckte seinen Kopf rein.
Das Waschbecken war größer als das in der Küche, aber nicht viel. Eine Wanne gab es nicht, aber die Dusche reichte ihm.
»Hier sind Ihre Sachen, Chief.« Dussel trug die beiden Koffer und die Reisetasche herein, als wären sie leer. Er ließ sie auf das Bett fallen, wo die Matratze unter ihrem Gewicht durchsackte. »Wenn Sie mich noch brauchen, ich bin unten und gönne mir was zu essen. Ich schlafe heute Nacht hier, morgen Früh fliege ich dann zurück nach Talkeetna.«
Er tippte sich zum Gruß an die Stirn und stapfte hinaus. »Scheiße. Warten Sie.« Nate fing an, in seiner Tasche zu kramen.
»Ich kümmere mich darum, dass er sein Trinkgeld bekommt«, sagte Hopp. »Bis Sie mit der Arbeit anfangen, sind Sie Gast des Stadtrats von Lunacy.«
»Ich weiß das zu schätzen.«
»Ich möchte Sie dafür arbeiten sehen, damit wir sehen, wie’s klappt.«
»Zimmerservice!«, trällerte Charlene, als sie ein Tablett ins Zimmer trug. Ihre Hüften pendelten wie ein Metronom, als sie den Tisch ansteuerte, um es abzusetzen. »Ich habe Ihnen leckere Fischsuppe hochgebracht, Chief, und ein ordentliches Sandwich dazu. Der Kaffee ist heiß.«
»Riecht fantastisch. Ich bin Ihnen dankbar dafür, Ms. Hidel.«
»Aber nicht doch, für Sie bin ich Charlene.« Sie klimperte mit ihren babyblauen Augen, und Nate fühlte sich bestätigt: Jawohl, das war einstudiert. »Wir sind hier eine große, glückliche Familie.«
»Wenn das der Fall wäre, bräuchten wir keinen Polizeichef.«
»Ach, jetzt verängstigen Sie ihn doch nicht, Hopp. Sind Sie mit dem Zimmer einverstanden, Ignatious?«
»Nate. Ja, danke. Es ist schön.«
»Sehen Sie zu, dass Sie was zu essen in den Magen kriegen und ein wenig zur Ruhe kommen«, riet Hopp. »Wenn Sie Ihren toten Punkt überwunden haben, rufen Sie mich an. Dann zeig ich Ihnen alles. Ihre erste offizielle Aufgabe wird die Teilnahme an der Sitzung morgen Nachmittag in der Stadthalle sein, wo wir Sie allen vorstellen werden, die daran teilnehmen werden. Davor werden Sie sicherlich die Polizeistation sehen und Ihre beiden Stellvertreter und Peach kennen lernen wollen. Und wir geben Ihnen den Stern.«
»Stern?«
»Jesse wollte, dass Sie einen Stern bekommen. Los, Charlene. Wir lassen den Mann jetzt allein.«
»Sie sagen unten Bescheid, wenn es Ihnen auch nur am Geringsten fehlt.« Charlene bedachte ihn mit einem einladenden Lächeln. »Egal was.«
Hinter Charlenes Rücken verdrehte Hopp ihre Augen gen Decke. Um die Sache zu beenden, packte sie mit fester Hand Charlenes Arm und zog sie zur Tür. Es folgten Absatzgeklapper auf Holz, ein weibliches Quieksen, dann die Tür, die hinter ihnen zuschlug.
Dazwischen verstand Nate Charlenes gedämpftes und beleidigtes: »Was ist denn mit Ihnen los, Hopp? Ich war doch nur freundlich.«
»Es gibt eine Wirtinnenfreundlichkeit und eine Bordellfreundlichkeit. Irgendwann werden Sie womöglich den Unterschied herausfinden.«
Er wartete, bis er sich sicher sein konnte, dass sie gegangen waren, dann verriegelte er die Tür. Er zog seinen Parka aus, ließ ihn zu Boden fallen, streifte seine Mütze ab und ließ sie fallen. Wickelte seinen Schal ab und ließ diesen fallen. Öffnete den Reißverschluss seiner gefütterten Weste und warf auch diese auf den Haufen.
In Hemd, Hose, Thermounterwäsche und Stiefeln setzte er sich an den Tisch, nahm die Suppe und einen Löffel und trug beides vor die dunklen Fenster.
Halb vier Uhr nachmittags, so zeigte es die Uhr neben dem Bett - und dunkel wie um Mitternacht. Die Straßenlampen brannten, wie ihm beim Löffeln seiner Suppe auffiel, und er konnte die Umrisse der Gebäude erkennen. Weihnachtsdekorationen in Form von bunten Lichtern, auf Kamine kletternden Santas und Rentieren aus Pappe.
Aber keine Menschen, kein Leben, keine Bewegung.
Er aß mechanisch, war zu müde und zu hungrig, um auf den Geschmack zu achten.
Vor dem Fenster war nichts weiter als eine Filmkulisse, überlegte er. Die Gebäude hätten auch nur aus Fassaden bestehen können, die Hand voll Leute, denen er unten begegnet war, könnten genauso gut Schauspieler gewesen sein.
Vielleicht war das alles ja eine ausgeklügelte Halluzination, entstanden aus Depression, Trauer, Wut - und welche hässliche Mischung sonst noch dazu beigetragen hatte, ihn ins Leere trudeln zu lassen.
Bestimmt wachte er bei sich zu Hause in Baltimore auf und würde alle Kraft zusammennehmen, den nächsten Tag einigermaßen zu überstehen.
Er holte sich das Sandwich, aß es ebenfalls im Stehen am Fenster und sah hinaus in die leere schwarz-weiße Welt mit ihrer komischen Festbeleuchtung.
Vielleicht sollte er dort hinausgehen in diese leere Welt. Dann würde er ein Darsteller dieser seltsamen Illusion. Am Ende würde er schwarz ausgeblendet, wie in der letzten Spule eines alten Films. Und dann wäre es vorbei.
Während er dastand, halb überlegend, dass es vorbei sein könnte, und halb wünschend, dem wäre so, trat eine Gestalt ins Bild. Sie trug ein Rot - leuchtend und kräftig -, das aus dieser farblosen Szenerie heraussprang und Bewegung hineinbrachte.
Diese Bewegungen waren gezielt und forsch. Leben, das eine Mission verfolgte, zweckgerichtete Bewegung. Rasche, feste Schritte über das Weiß, die den Schatten von Fußabdrücken im Schnee hinterließen.
Ich bin hier. Ich lebe, und ich bin hier.
Er hätte nicht sagen können, ob es sich dabei um einen Mann oder um eine Frau oder um ein Kind handelte, aber dieser Farbfetzen und die Zuversicht des Schritts hatten was, das seine Aufmerksamkeit und sein Interesse weckten.
Als würde sie die Beobachtung spüren, blieb die Gestalt stehen und blickte hoch.
Wieder hatte Nate den Eindruck von Weiß und Schwarz. Weißes Gesicht, schwarzes Haar. Aber selbst das verschwamm wegen der Dunkelheit und der Entfernung.
Ein langer Augenblick der Stille und des Schweigens. Dann fing die Gestalt wieder zu laufen an, schritt auf The Lodge zu und verschwand aus dem Sichtfeld.
Nate zog die Vorhänge zu und trat vom Fenster zurück. Nach kurzem innerem Kampf schleifte er seine Koffer vom Bett und ließ sie unausgepackt auf den Boden plumpsen. Er zog sich aus, ohne auf die Kälte im Zimmer zu achten, die sich auf seine nackte Haut legte, und kroch unter den Deckenberg wie ein Bär in seine Winterhöhle.
Dort lag er dann, ein Mann von zweiunddreißig mit einem dichten Gewühl kastanienbraunen Haars, das sich um ein langes, schmales, vor Erschöpfung und Verzweiflung schlaff gewordenes Gesicht mit verschleierten rauchgrauen Augen wellte. Unter seinen Bartstoppeln war seine Haut blass vor Müdigkeit. Obwohl das Essen das Brennen in seinem Magen gelindert hatte, blieb sein Kreislauf träge, wie der eines Menschen, der eine lähmende Grippe nicht abzuschütteln vermochte.
Er wünschte, Barbie - Charlene - hätte ihm anstatt des Kaffees eine Flasche hochgebracht. Er trank nicht viel, und das hatte ihn wohl auch davor bewahrt, dass er mit allem anderen nicht auch noch in den Strudel des Alkoholismus geriet. Doch ein paar Schlucke aus der Pulle würden helfen, das Gehirn abzuschalten und ihn schlafen zu lassen.
Jetzt konnte er den Wind hören. Vorher war er nicht da gewesen, aber jetzt stöhnte er vor den Fenstern. Dazu hörte er das Knacken des Gebäudes und das Geräusch seines Atems.
Drei einsame Geräusche, nur dass sie verlorener klangen als ein Trio.
Stell sie ab, sagte er sich. Stell sie alle ab.
Er würde ein paar Stunden schlafen, nahm er sich vor. Dann würde er sich den Schmutz von der Reise abduschen und sich mit Kaffee voll pumpen.
Und danach würde er dann entscheiden, was er tun würde. Er knipste das Licht aus, und der Raum tauchte ab in Dunkelheit.
Binnen Sekunden erging es ihm ebenso.
2
Dunkelheit hüllte ihn ein und sog ihn auf wie Schlamm, als der Traum ihn aus dem Schlaf warf. Sein Atem ging heftig, als er die Oberfläche durchbrach und strampelnd nach Luft rang. Seine Haut war klamm von Schweiß, als er sich aus den Decken kämpfte.
Der in der Luft liegende Geruch war ihm fremd - Zeder, abgestandener Kaffee, ein Unterton von Zitrone. Dann fiel ihm ein, dass er nicht in seiner Wohnung in Baltimore war.
Er war verrückt geworden, und er war in Alaska.
Das Leuchtzifferblatt des Weckers zeigte fünf Uhr achtundvierzig.
Dann hatte er also doch etwas Schlaf gefunden, ehe der Traum ihn zurück in die Wirklichkeit jagte.
Auch im Traum war es immer dunkel gewesen. Schwarze Nacht, fahler, schmutziger Regen. Der Geruch von Pulver und Blut.
Mein Gott, Nate, mein Gott. Mich hat’s erwischt.
Kalter Regen, der ihm übers Gesicht lief, warmes Blut, das durch seine Finger sickerte. Sein Blut und Jacks Blut.
Er hatte das Blut nicht mehr stoppen können, genauso wenig wie den Regen. Beides lag nun hinter ihm und hatte das von ihm weggewaschen, was in dieser Gasse von Baltimore zurückgeblieben war.
Es hätte mich treffen sollen, fand er. Nicht Jack. Er hätte daheim bei seiner Frau, bei seinen Kindern sein und ich derjenige sein sollen, der in dieser schmutzigen Gasse im schmutzigen Regen starb.
Aber er war mit einer Kugel im Bein davongekommen, und mit einer zweiten, einem Durchschuss in der Seite, gleich unterhalb der Taille - gerade so heftig, um ihn zu Boden zu werfen, ihn zurückzuhalten, sodass Jack als Erster reinging.
Sekunden, kleine Fehler, und ein guter Mann war tot.
Er würde damit leben müssen. Er hatte überlegt, seinem Leben ein Ende zu setzen, aber es wäre eine selbstsüchtige Lösung und würde seinem Freund und Partner nicht zur Ehre gereichen. Damit zu leben, war schwerer als sterben.
Leben war die schwerere Strafe.
Er stand auf und ging ins Badezimmer. Auf fast pathetische Weise dankte er für den dünnen Strahl heißen Wassers aus dem Duschkopf. Es würde zwar eine Weile dauern, bis dieses Rinnsal die Schichten aus Ruß und Schweiß aufgeweicht und weggespült hatte, aber das war ganz in Ordnung so. Zeit war nicht das Problem.
Er würde sich anziehen, nach unten gehen, Kaffee trinken. Vielleicht würde er Bürgermeisterin Hopp anrufen und zur Polizeistation gehen, um sie sich anzusehen. Mal sehen, ob es ihm nicht gelang, sich ein wenig entschlossener zu präsentieren und den ersten Eindruck eines verschlafenen Trottels wegzuwischen.
Als er sich geduscht und rasiert hatte, fühlte er sich gleich wohler in seiner Haut. Er kramte frische Kleidung heraus und zog sich an.
Als er seine Kleidung für draußen aufhob, warf er einen verstohlenen Blick in den Spiegel. »Polizeichef Ignatious Burke, Lunacy, Alaska.« Er schüttelte den Kopf und lächelte fast. »Also gut, Chief, dann hol dir deinen Stern ab.«
Er ging nach unten und war überrascht, dass alles so ruhig war. Aus seiner Lektüre wusste er, dass Orte wie The Lodge die Treffpunkte der Einheimischen waren. Winternächte waren lang, dunkel und einsam, und er rechnete damit, Thekenlärm zu hören, vielleicht auch das Klacken der Billardbälle oder einen alten Countrysong aus der Jukebox.
Aber als er eintrat, schenkte die zauberhafte Alaska-Rose Kaffee nach, wie sie das vorhin ebenfalls getan hatte. Vielleicht galt es auch denselben beiden Männern, Nate war sich nicht sicher. Ihr Junge saß am Tisch und malte fleißig.
Nate sah auf die Uhr, die er auf Ortszeit gestellt hatte. Zehn nach sieben.
Rose wandte sich vom Tisch ab und lächelte ihn an. »Chief.«
»Ist ruhig heute Abend.«
Ihr Gesicht erstrahlte zu einem Lächeln. »Es ist Morgen.«
»Wie bitte?«
»Es ist sieben Uhr morgens. Sie können jetzt gewiss ein Frühstück vertragen.«
»Ich …«
»Es dauert eine Weile, bis man sich daran gewöhnt.« Sie nickte in Richtung der dunklen Fenster. »In ein paar Stunden wird es für eine Weile aufhellen. Nehmen Sie doch Platz. Ich bringe Ihnen Kaffee, damit Sie wach werden.«
Er hatte rund um die Uhr geschlafen, wusste aber nicht, ob ihm das peinlich sein oder ob er sich freuen sollte. An mehr als vier oder fünf lückenhafte Stunden Schlaf konnte er sich schon lange nicht mehr erinnern.
Er warf sein Überzeug auf die Bank in einer Nische und beschloss dann, den Kontakt zur Bevölkerung aufzunehmen. Er ging hinüber an Jesses Tisch und tippte auf eine Stuhllehne. »Ist der Platz hier besetzt?«
Der Junge schielte unter seinen Stirnfransen hervor und schüttelte den Kopf. Die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, setzte er sein Ausmalwerk fort, als Nate sich setzte.
»Eine wirklich tolle purpurrote Kuh«, bemerkte Nate, als er das in Arbeit befindliche Werk studierte.
»Es gibt keine purpurroten Kühe, es sei denn, man malt sie so.«
»Das habe ich auch schon gehört. Hast du Kunst auf der Highschool?«
Jesses Augen wurden rund. »Ich gehe noch nicht zur Schule, bin ja auch erst vier.«
»Das soll wohl ein Scherz sein. Vier? Ich hätte dich für sechzehn gehalten.« Nate lehnte sich zurück und zwinkerte Rose zu, als diese ihm eine dicke weiße Tasse brachte und ihm Kaffee einschenkte.
»Ich hatte Geburtstag, und es gab Kuchen und eine Million Luftballons. Stimmt’s, Mama?«
»Das stimmt, Jesse.« Sie legte eine Speisekarte neben Nates Ellbogen.
»Und wir bekommen bald schon ein Baby. Und ich habe zwei Hunde und...«
»Jesse, lass doch Chief Burke erst mal einen Blick in die Speisekarte werfen.«
»Eigentlich wollte ich Jesse bitten, mir was zu empfehlen. Was schmeckt gut zum Frühstück, Jesse?«
»Pfannkuchen!«
»Gut, dann bitte Pfannkuchen.« Er gab Rose die Karte zurück. »Das ist genau richtig.«
»Wenn es was anderes sein soll, lassen Sie es mich wissen.« Aber ihre Wangen waren rosa vor Freude.
»Was denn für Hunde?«, hakte Nate nach und wurde während des ganzen Frühstücks mit den Heldentaten von Jesses Haustieren unterhalten.
Ein Teller Pfannkuchen und ein reizender kleiner Junge waren ein viel besserer Start in den Tag als ein immer wiederkehrender Albtraum. Seine Stimmung besserte sich, und Nate wollte gerade Hopp anrufen, als sie schon zur Tür hereinkam.
»Ich hörte, dass Sie auf sind«, sagte sie und warf ihre Kapuze ab. Schnee stiebte von ihrem Parka. »Sie sehen sehr viel robuster aus als gestern.«
»Tut mir Leid, dass ich so kraftlos gewirkt habe.«
»Kein Problem. Jetzt haben Sie lang geschlafen, ein anständiges Frühstück und gute Gesellschaft gehabt«, fügte sie mit einem Grinsen für Jesse hinzu. »Sind Sie bereit für eine Tour?«
»Aber sicher.« Er stand auf, um sich seine Sachen für draußen anzuziehen.
»Knochiger, als ich gedacht habe.«
Er sah hinüber zu Hopp. Er wusste, dass er ausgemergelt aussah. Ein Mann, der bei seiner Größe und Gestalt mehr als zehn Pfund verlor, konnte nur noch hager aussehen. »Nicht mehr lang, wenn ich immer Pfannkuchen esse.«
»Viele Haare.«
Er setzte seine Mütze auf. »Die wachsen mir einfach so aus dem Kopf.«
»Ich mag Haare an einem Mann.« Sie riss die Tür auf. »Auch rote.«
»Sie sind braun«, korrigierte er sie automatisch und zog sich die Mütze tiefer ins Gesicht.
»Also gut. Legen Sie Ihre Füße mal eine Weile hoch, Rose«, rief sie zurück und trottete dann hinaus in Wind und Schnee.
Die Kälte traf ihn wie ein vorbeirasender Zug. »Herrje. Da gefrieren einem ja die Augäpfel.«
Er sprang in den Ford Explorer, den sie am Straßenrand geparkt hatte. »Ihr Blut ist noch zu dünn.«
»Selbst wenn’s dick wie Paste wäre, wäre es noch immer saukalt. Entschuldigung.«
»Ich werde nicht rot, wenn sich einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Natürlich ist es saukalt, wir haben Dezember.« Begleitet von ihrem explosiven Lachen, startete sie den Motor. »Wir beginnen unsere Runde im Wagen. Was sollen wir in der Dunkelheit herumstolpern.«
»Wie viele Menschen verlieren Sie im Jahr wegen Erfrierung und Überhitzung?«
»An die Berge haben wir schon mehr als einen verloren, aber das sind vorwiegend verrückte Touristen. Ein Mann namens Teek hat sich vor drei Jahren an einem Januarabend mal richtig voll laufen lassen, der ist in seinem eigenen Klo über der Lektüre eines Playboy-Magazins erfroren. Aber der war ein Blödmann. Die Leute, die hier leben, wissen, was man zu tun hat, und cheechakos, die einen Winter hier überstehen, lernen es oder gehen wieder.«
»Cheechakos?«
»Neuankömmlinge. Auch wenn man der Natur gegenüber gleichgültig ist, wird man lernen, mit ihr zu leben - und wenn man klug ist, lässt man sich darauf ein. Geht raus zum Skifahren, Schneeschuhfahren, Eislaufen auf dem Fluss, Eisfischen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vorsorge treffen und genießen, denn das geht nicht überall.«
Sie fuhr sicher und geschickt auf der beschneiten Straße. »Dort ist unsere Klinik. Wir haben einen Arzt und eine Operationsschwester.«
Nate studierte das kleine quadratische Gebäude. »Und wenn die nicht mehr weiterkommen?«
»Fliegt man nach Anchorage. Am Stadtrand lebt eine Buschpilotin. Meg Galloway.«
»Eine Frau?«
»Sind Sie Sexist, Ignatious?«
»Nein.« Vielleicht doch. »Wollte es nur wissen.«
»Meg ist Charlenes Tochter. Eine verdammt gute Pilotin. Ein bisschen verrückt, aber das muss ein guter Buschpilot meiner Meinung nach auch sein. Sie hätte Sie von Anchorage hergebracht, aber Sie kamen einen Tag später, als wir erwartet hatten, und sie war anderweitig verpflichtet, also riefen wir Dussel in Talkeetna an. Wahrscheinlich lernen Sie Meg später auf der Gemeindesitzung kennen.«
Das kann ja heiter werden, überlegte Nate.
»Der Corner Store - hier kriegen Sie alles, was Sie brauchen, oder man setzt alles dran, es wenn nötig zu beschaffen. Das älteste Gebäude von Lunacy. Wurde Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von den Trappern erbaut, aber Harry und Deb haben es erweitert, seit sie es 1983 gekauft haben.«
Der Laden war doppelt so groß wie das Krankenhaus und zweigeschossig. Die Fenster waren bereits beleuchtet.
»Das Postamt befindet sich derzeit in den Räumen der Bank, aber wir werden diesen Sommer noch einen Platz dafür erschließen. Und das schmale Ding daneben ist das italienische Restaurant. Gute Pizza. Hat keinen Lieferservice nach außerhalb der Stadt.«
»Pizzeria.«
»Ein Italiener aus New York, der vor drei Jahren auf einem Jagdausflug hierher kam. Hat sich in den Ort verliebt und ging nie wieder weg. Johnny Trivani. Anfangs hat er es Trivani’s genannt, aber alle nannten es Zum Italiener, und so beließ er es dabei. Er hat vor, noch eine Bäckerei anzuschließen. Sagt, er werde sich eine dieser russischen Bräute holen, wie sie im Internet angeboten werden. Vielleicht macht er das ja.«
»Gibt es dann auch frische Blinis?«
»Wir wollen hoffen. Die Stadtzeitung wird in diesem Laden hier gemacht«, sie deutete darauf, »das Paar, das sie macht, ist gerade nicht in der Stadt. Sie sind gleich nach Weihnachten mit den Kindern nach San Diego gefahren, um dort die Schulferien zu verbringen. KLUN - der lokale Radiosender - sendet von hier. Mitch Dauber unterhält ihn fast allein. Er ist meist ein sehr unterhaltsamer Kerl.«
»Ich werde mal reinhören.«
Sie wendete und fuhr den Weg zurück, den sie gekommen waren. »Etwa einen Kilometer westlich der Stadt sind Kindergarten und Schule bis zur zwölften Klasse. Wir haben jetzt achtundsiebzig Schüler. Auch Erwachsene können dort Kurse belegen. Gymnastik, Kunstkurse, diese Schiene. Vom Eisbrechen bis zum Frieren halten wir sie in den Abendstunden ab. Ansonsten tagsüber.«
»Eisbrechen? Frieren?«
»Wenn auf dem Fluss das Eis bricht, kommt der Frühling. Wenn der Fluss zufriert, holen wir die langen Unterhosen raus.«
»Verstanden.«
»Wir haben hier fünfhundertsechs Seelen innerhalb dessen, was wir die Stadtgrenzen nennen, und mehr oder weniger weitere hundertzehn, die außerhalb, aber noch in unserem Gebiet leben. Von jetzt an Ihrem Gebiet.«
Auf Nate machte es noch immer den Eindruck einer Filmkulisse, weit entfernt von jeglicher Realität. Von seiner ganz zu schweigen.
»Die Feuerwehr - alles Freiwillige - hat hier ihren Sitz. Und da ist das Rathaus.« Sie brachte den Wagen vor einem großen Blockhaus zum Stehen. »Mein Mann hat vor dreizehn Jahren mitgeholfen, dieses Gebäude zu errichten. Er war der erste Bürgermeister von Lunacy und hatte diesen Posten bis zu seinem Tod inne, im nächsten Februar sind es vier Jahre.«
»Wie ist er gestorben?«
»Herzschlag. Er hat draußen auf dem See Hockey gespielt. Machte ein Tor, klappte zusammen und starb. Typisch für ihn.«
Nate wartete einen Augenblick. »Wer hat gewonnen?«
Hopp prustete los. »Sein Tor sorgte für den Ausgleich. Sie haben dieses Spiel nie beendet.« Sie fuhr weiter. »Hier arbeiten Sie.«
Nate starrte hinaus durch Dunkelheit und Schneegestöber. Es war ein gepflegter Bau aus Holz und offenbar neuer als seine Nachbarschaft. Im Bungalowstil gebaut, war er mit einer geschlossenen Veranda und zwei Fenstern beidseits der Tür versehen, beide von grünen Blendläden gerahmt.
Von der Straße zur Tür führte ein freigeschaufelter oder getrampelter Pfad. Die kurze Auffahrt, die offenbar erst kürzlich geräumt worden war, lag schon wieder ein paar Zentimeter tief unter Schnee. Darauf parkte ein blauer Kleintransporter, und ein weiterer schmaler Gehweg schlängelte sich daran vorbei zur Tür.
In beiden Fenstern brannte Licht, und aus dem schwarzen Schornsteinsteinrohr auf dem Dach stieg eine Rauchwolke.
»Haben wir geöffnet?«
»Das habt ihr. Man weiß, dass Sie heute kommen.« Sie parkte hinter dem Kleinlaster. »Sind Sie bereit, Ihr Team kennen zu lernen?«
»Mehr als bereit.«
Er stieg aus, und wieder schockte ihn die Kälte, selbst um diese Zeit. Während er hinter Hopp den schmalen Pfad bis zur Außentür herlief, atmete er durch seine Zähne.
»Das hier nennen wir einen arktischen Eingang.« Sie betrat den Vorbau, heraus aus Wind und Wetter. »Das hilft, den Wärmeverlust im Hauptgebäude gering zu halten. Ein guter Platz, um Ihren Parka abzulegen.«
Sie zog ihren aus und hängte ihn neben einen anderen auf einen Haken. Nate tat es ihr nach und zog dann seine Handschuhe aus, um sie in die Taschen seines Parkas zu stecken. Darauf folgten Mütze und Schal. Er fragte sich, ob er sich wohl daran gewöhnte, sich jedes Mal, wenn er vor die Tür trat, wie ein Polarforscher auszustaffieren.
Hopp stieß die nächste Tür auf, und sie traten ein in den Duft von Holzrauch und Kaffee.
Die Wände waren in zweckdienlichem Beige gestrichen, die Fußböden aus gesprenkeltem Linoleum. Ein breiter Holzofen stand hinten in der rechten Ecke. Darauf stand ein großer Eisenkessel, der blubbernd Dampf ausspuckte.
Zwei aneinander stoßende Eisentische nahmen die rechte Seite des Raums ein, in der anderen standen eine Reihe Plastikstühle und ein kleiner Tisch mit Zeitschriften. Entlang der rückwärtigen Wand zog sich ein Tisch mit einem Funksprechgerät darauf, einem Computer und einem Weihnachtsbaum aus Keramik, dessen Grün so in der Natur niemals vorkam.
Er bemerkte die beiden Türen rechts und links davon, das schwarze Brett, auf dem Notizen und Nachrichten steckten.
Der Jüngere war ein Einheimischer aus Alaska, mit schwarzen bleistiftgeraden Haaren, die ihm fast bis auf die Schultern fielen, tief liegenden mandelförmigen Augen, dunkel wie die Nacht, und einem ergreifend jungen, unschuldigen Ausdruck in seinem fein geschnittenen Gesicht.
Der Ältere war wettergegerbt, kurz geschoren, hatte Hängebacken und blinzelte aus blassblauen Augen, von denen sich fächerartig Furchen ausbreiteten. Seine massige Gestalt stand im Kontrast zur Feingliedrigkeit seines Gegenparts. Nate hatte die Vermutung, dass er früher beim Militär gewesen war.
Die Frau war rund wie eine Beere, mit plumpen rosa Wangen und einem gewaltigen Busen unter einem rosa Pullover, der mit weißen Schneeflocken bestickt war. Ihr Salz-und-Pfeffer-Haar war zu einem Haarkranz geflochten. Darin steckte ein Bleistift, und in ihren Händen hielt sie einen Teller mit süßen Krapfen.
»Nun, Ihre Meute ist vollständig versammelt. Chief Ignatious Burke, das sind Ihre Leute. Deputy Otto Gruber.«
Der kurz Geschorene trat vor und streckte seine Hand aus. »Chief.«
»Deputy Gruber.«
»Deputy Peter Notti.«
»Chief Burke.«
Angesichts seines zögernden Lächelns klingelte etwas in ihm. »Sind Sie und Rose verwandt, Deputy?«
»Ja, Sir. Sie ist meine Schwester.«
»Und zu guter Letzt Ihre Protokollantin, Ihre Sekretärin und Trägerin der Zimtkrapfen - Marietta Peach.«
»Wir sind froh, dass Sie hier sind, Chief Burke.« Ihre Stimme erinnerte so sehr an den Süden, wie ein auf der Veranda getrunkener Whisky mit Eis und frischer Minze. »Ich hoffe, Sie haben sich etwas erholt.«
»Ja danke. Besten Dank, Ms Peach.«
»Ich werde eurem Chef den Rest der Station zeigen, dann gehe ich, damit ihr euch bekannt machen könnt. Wollen Sie sich vielleicht Ihre... Gästezimmer ansehen, Ignatious?«
Sie führte ihn durch die Tür zur Rechten. Dahinter lagen zwei Zellen, beide mit Schlafkojen. Die Wände wirkten frisch gestrichen, der Boden frisch geschrubbt. Es roch nach Lysol.
Bewohner gab es keine.
»Werden die oft benutzt?«, erkundigte sich Nate.
»Vor allem wegen Trunkenheit und ungebührlichen Benehmens. Um in Lunacy die Nacht über eingesperrt zu werden, muss man schon ziemlich betrunken sein oder sich arg danebenbenommen haben. Es kommt zu Körperverletzungen, gelegentlich zu Vandalismus, aber das sind meistens gelangweilte Jugendliche. Ihre Mitarbeiter werden Ihnen die Informationen über die Kriminalität in Lunacy geben. Wir haben keinen Anwalt, wenn einer also einem anderen was am Zeug flicken will, muss er schon in Anchorage oder in Fairbanks vorstellig werden, sofern er sonst keinen kennt. Wir haben einen Richter im Ruhestand, aber den findet man eher beim Eisfischen, als dass er sich mit Gesetzesfragen befasst.«
»Du meine Güte, so genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen.«
»Ich habe nie gelernt, meinen Mund zu halten.« Und mit einem Kichern schüttelte sie den Kopf. »Kommen Sie, wir besichtigen Ihr Büro.«
Sie kamen wieder durch den Hauptraum, wo sich alle beschäftigt gaben. Gegenüber von Ms Peachs Schreibtisch, gleich hinter der Tür, stand der Waffenschrank. Er zählte sechs Schrotflinten, fünf Gewehre, acht Handfeuerwaffen und vier ziemlich fies aussehende Messer.
Er steckte seine Hände in die Taschen und schob die Lippen vor. »Was? Kein Säbel?«
»Ist noch in der Mache.«
»Ja. Für die nächste Invasion.«
Sie lächelte nur und ging durch die Tür neben dem Schrank. »Das hier ist Ihr Büro.«
Es war etwa drei Meter im Quadrat, mit einem Fenster hinter einem grauen Metallschreibtisch. Der Schreibtisch war mit einem Computer, einem Telefon und einer schwarzen Bogenleuchte ausgestattet. Zwischen zwei an die Wand geschobenen Aktenschränken stand ein Ablagetisch. Darauf eine bereits gefüllte Kaffeemaschine und zwei braune Keramiktassen, ein Korb mit abgepackter Kaffeesahne und Zucker. Außerdem gab es eine Korkwand - leer -, zwei Klappstühle für Besucher und Haken zum Aufhängen der Mäntel.
Die sich im schwarzen Fensterglas spiegelnden Lichter machten alles nur noch unpersönlicher und fremder.
»Peach hat sich um die Bestückung Ihres Schreibtischs gekümmert, aber wenn Sie noch was brauchen, im Flur steht ein Materialschrank. Gegenüber ist das WC.«
»Okay.«
»Noch Fragen?«
»Ich habe jede Menge Fragen.«
»Dann stellen Sie die doch.«
»Na gut. Ich werde eine stellen, der Rest erübrigt sich dann ohnehin von selbst. Warum haben Sie mich eingestellt?«
»Gute Frage. Haben Sie was dagegen?«, sagte sie und deutete auf die Kaffeekanne.
»Bedienen Sie sich.«
Sie schenkte für jeden einen Becher ein, reichte ihm einen und setzte sich dann auf einen der Klappstühle. »Wir brauchten einen Polizeichef.«
»Mag sein.«
»Wir sind klein, wir liegen weit ab, und wir machen ziemlich viel unter uns aus, aber das bedeutet nicht, dass wir keine Struktur brauchen, Ignatious. Dass wir keine Linie zwischen richtig und falsch benötigen und jemanden, der für diese Linie steht. Mein Mann hat sich dafür viele Jahre eingesetzt, bevor er seinen letzten Puck geschlagen hat.«
»Und jetzt tun Sie’s.«
»Das ist richtig. Jetzt mache ich das. Hinzu kommt noch, dass die Tatsache, unsere eigene Polizeistation zu haben, auch bedeutet, dass wir unsere Angelegenheiten selbst regeln. Das hält uns die Föderalisten und den Staat vom Hals. Eine Stadt wie diese kann leicht in Vergessenheit geraten. Aber wir haben hier eine Polizei und eine Feuerwehr. Wir haben eine gute Schule, gute Unterkünfte, eine wöchentlich erscheinende Zeitung, eine Radiostation. Wenn wir wegen der Witterungsverhältnisse abgeschnitten sind, wissen wir, wie wir uns helfen können. Aber wir brauchen Ordnung, und dieses Gebäude und die Leute darin sind Symbole dieser Ordnung.«
»Dann haben Sie ein Symbol angeheuert.«
»Das ist der eine Aspekt dessen, was ich getan habe.« Ihre nussbraunen Augen hielten die seinen fest. »Die Menschen fühlen sich sicherer mit Symbolen. Darüber hinaus erwarte ich aber von Ihnen, dass Sie Ihren Job machen, und zu diesem Job gehört außer für Ordnung sorgen vor allem der soziale Kontakt zur Gemeinschaft - aus diesem Grund habe ich mir auch Zeit genommen, Ihnen einige der Geschäfte dieser Stadt zu zeigen und die Namen derer zu nennen, die sie führen. Es gibt noch mehr. Bing hat eine Werkstatt, die jeden Motor repariert, den man dort hinbringt, und er verfügt auch über schweres Gerät. Schneepflug, Abschleppwagen. Lunatic Air transportiert Fracht und Passagiere, bringt Nahrungsmittel in die Stadt und versorgt die Leute in der Wildnis.«
»Lunatic Air?«
»Das ist Meg«, sagte Hopp mit einem Anflug von Lächeln. »Wir befinden uns hier am Rand des Landesinneren und haben uns selbst aus einer Ansiedlung von Glücksrittern, Hippies und Tunichtguten zu einer anständigen Stadt hochgearbeitet. Sie werden die Menschen dieser Stadt kennen lernen, ihre Beziehungen, die Animositäten und die Verbindlichkeiten. Dann werden Sie auch wissen, wie man mit ihnen umgehen muss.«
»Und das bringt mich zu meiner Eingangsfrage zurück. Warum haben Sie mich eingestellt? Warum nicht jemanden, der das alles bereits kennt?«
»Meiner Meinung nach würde jemand, der das alles bereits kennt, diesen Job womöglich mit einer ganzen Reihe eigener Vorhaben antreten. Den ihm eigenen Abneigungen und Vorlieben. Holt man sich jemand von außen, ist er ein unbeschriebenes Blatt. Sie sind jung, das sprach für Sie. Sie haben weder Frau noch Kinder, die womöglich dem Leben hier nicht gewachsen wären und Sie bedrängten, wieder in die Lower 48 zurückzukehren. Sie haben über zehn Jahre Erfahrung in der Polizeiarbeit. Sie haben die Qualifikationen, die mir wichtig sind - und Sie haben nicht um das Gehalt gefeilscht.«
»Ich verstehe, was Sie meinen, aber es gibt noch einen Aspekt. Ich weiß nicht, was ich hier überhaupt tun soll.«
»Hm.« Sie trank ihren Kaffee aus. »Ich halte Sie für einen klugen jungen Mann. Sie werden das schon herausfinden. Aber jetzt«, sie stand auf, »jetzt gehe ich, damit Sie anfangen können. Das Treffen findet um zwei Uhr statt, im Rathaus. Sie werden sicher ein paar Worte sprechen wollen.«
»O Mann.«
»Noch eins.« Sie kramte in ihrer Tasche und zog eine Schachtel heraus. »Das werden Sie brauchen.« Sie öffnete sie und holte einen silbernen Stern heraus, den sie ihm an sein Hemd heftete. »Wir sehen uns um zwei, Chief.«
Er blieb stehen, wo er stand, mitten im Raum, und brütete über seinem Kaffee, während er von draußen gedämpfte Stimmen hörte. Er wusste nicht, was tun - das war die reine Wahrheit -, deshalb schien es ihm das Beste zu sein, einen Anfang zu markieren und von da an weiterzumachen.
Hopp hatte Recht. Er hatte keine Frau, keine Kinder. Er hatte niemanden und nichts, was ihn zurück in die Lower 48 zog. In die Welt. Wenn er hier bleiben würde, dann musste er es gut machen. Wenn er das vermasselte, diese seltsame Chance am Ende des Universums verspielte, gab es nichts mehr, wohin er gehen konnte. Nichts mehr zu tun.
Sein Magen rebellierte auf die gleiche nervöse Art, wie er das bereits aus dem Flugzeug kannte, und so nahm er seinen Kaffee mit hinaus in den Gemeinschaftsraum.
»Äh, hätten Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit für mich?«
Er wusste nicht recht, wo er sich hinstellen sollte, bis ihm klar wurde, dass er am besten überhaupt nicht stand. Er stellte seinen Kaffee ab und holte zwei Plastikstühle. Nachdem er sie zu den Schreibtischen getragen hatte, holte er seinen Kaffee und lächelte Peach an.
»Ms Peach? Würden Sie bitte rüberkommen und hier Platz nehmen?« Und obwohl ihm die Pfannkuchen noch auf den Magen drückten, setzte er ein Lächeln auf. »Vielleicht könnten Sie diese Zimtkrapfen mitbringen. Die riechen wirklich ganz verführerisch.«
Offenbar hocherfreut, brachte sie den Teller und einen Stapel Servietten mit. »Nehmt euch, Jungs.«
»Ich könnte mir vorstellen, dass dies alles für Sie mindestens genauso komisch ist wie für mich«, begann Nate und ließ einen Krapfen auf die Serviette plumpsen. »Sie kennen mich nicht. Wissen nicht, was für ein Polizist ich bin, was für ein Mensch ich bin. Ich bin nicht von hier, und ich weiß über diesen Teil der Welt so gut wie gar nichts. Und Sie sollen jetzt von mir Anweisungen entgegennehmen. Sie werden jetzt Anweisungen von mir entgegennehmen«, korrigierte er sich und biss in den Krapfen.
»Das ist die reinste Sünde, Ms Peach.«
»Das liegt am Fett.«
»Das glaube ich gern.« Er stellte sich bereits vor, wie jede einzelne seiner Arterien sich verschloss. »Es ist nicht leicht, Anweisungen von jemandem entgegenzunehmen, den man nicht kennt, dem man nicht vertraut. Sie haben keinerlei Grund, mir zu vertrauen. Noch nicht. Ich werde Fehler machen. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mich auf diese aufmerksam machen - solange das unter vier Augen geschieht. Ich werde mich auf Sie verlassen, auf Sie alle, dass Sie mir auf die Sprünge helfen. Dinge, die ich wissen sollte, Leute, die ich kennen sollte. Aber für den Augenblick werde ich Sie fragen, ob irgendjemand von Ihnen ein Problem mit mir hat. Wir sollten ganz offen darüber reden und damit umgehen.«
Otto trank einen Schluck Kaffee. »Ich wüsste nicht, was ich für ein Problem haben sollte, solange ich nicht weiß, wie Sie gestrickt sind.«
»Sehr richtig. Wenn Sie glauben, eins zu sehen, dann sagen Sie’s mir. Vielleicht bin ich ja mit Ihnen einer Meinung, aber vielleicht sage ich Ihnen auch, Sie sollen sich damit zum Teufel scheren. Aber wir sollten wissen, wo wir stehen.«
»Chief Burke?«
Nate wandte sich an Peter. »Sagen Sie Nate. Ich kann nur hoffen, dass sich keiner von Ihnen an Mayor Hopp orientiert und mich ständig Ignatious nennt.«
»Nun, ich habe mir gerade überlegt, dass Sie anfangs von mir oder von Otto begleitet werden sollten, wenn wir gerufen werden oder auf Streife gehen. Bis Sie wissen, wie es hier läuft.«
»Das ist eine gute Idee. Ms Peach und ich werden einen Dienstplan ausarbeiten, von Woche zu Woche.«
»Sie können mich ruhig Peach nennen. Ich möchte nur noch anführen, dass ich es hier gern sauber habe und dass die entsprechenden Arbeiten, wozu auch das Saubermachen der Toilette gehört, Otto, wie alles andere auf den Dienstplan gehören. Wischmopps, Eimer und Besen sind nicht nur Werkzeuge für Frauen.«
»Ich bin als Deputy eingestellt worden, nicht als Putzfrau.«
Sie hatte ein weiches, mütterliches Gesicht. Und wie jede Mutter, die diesen Namen verdient hatte, konnte sie mit einem strengen Blick ein Loch in Stahl brennen. »Und ich werde als Protokollführerin und Sekretärin bezahlt, und nicht um die Toiletten zu schrubben. Aber was getan werden muss, muss getan werden.«
»Was halten Sie davon, diese Aufgaben erst einmal reihum zu verteilen?«, unterbrach Nate sie, da er in beider Gesichter Streitlust aufflammen sah. »Und ich werde mit Mayor Hopp über unser Budget sprechen. Eventuell können wir ja so viel rausschlagen, dass wir jemanden anstellen können, der einmal die Woche zu uns kommt und putzt. Wer hat die Schlüssel zum Waffenschrank?«
»Die sind in meiner Schublade eingeschlossen«, teilte ihm Peach mit.
»Ich hätte sie gern. Außerdem möchte ich wissen, für welche der Waffen meine Stellvertreter qualifiziert sind.«
»Ich kann mit jeder Waffe schießen«, entgegnete Otto.
»Das mag ja sein, aber wir tragen Dienstmarken.« Er kippte auf seinem Stuhl zurück, sodass er die Waffe erkennen konnte, die Otto in seiner Gürteltasche trug. »Wollen Sie als Dienstwaffe bei Ihrem.38er Revolver bleiben?«