Der Bergdoktor 1971 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 1971 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Lonis seltene Gabe - Sah sie das Unglück voraus? Von Andreas Kufsteiner Auch wenn Loni Firner sich bei ihrem Treppensturz zum Glück keine größeren Verletzungen zugezogen hat, nimmt Dr. Burger die Siebzigjährige zur Sicherheit mit in die "Mini-Klinik". Als Zenzi, die gute Seele des Doktorhauses, davon erfährt, bekreuzigt sie sich unwillkürlich und flüstert: "Sie hat die Gabe." Tatsächlich scheint Loni über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen, denn oft genug sind ihre Vorhersagen eingetroffen. Die meisten Dörfler gehen der verschrobenen Alten deshalb am liebsten aus dem Weg, doch damit hat sich Loni längst abgefunden. Ihr Lebensinhalt ist ihre Enkeltochter Bianca, mit der sie zurückgezogen auf ihrem kleinen Hof lebt. Eines Tages aber sieht die Großmutter voraus, dass ein furchtbares Unglück über den Nachbarhof hereinbrechen wird. Und in dieses Ungemach wird auch Bianca, ihr Augenstern, mit hineingezogen, ohne dass Loni es verhindern kann ...

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Seitenzahl: 133

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Inhalt

Cover

Impressum

Lonis seltene Gabe

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Bastei Verlag / Wolf

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 9-783-7325-8011-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Lonis seltene Gabe

Sah sie das Unglück voraus?

Von Andreas Kufsteiner

Auch wenn Loni Firner sich bei ihrem Treppensturz zum Glück keine größeren Verletzungen zugezogen hat, nimmt Dr. Burger die Siebzigjährige zur Sicherheit mit in die „Mini-Klinik“. Als Zenzi, die gute Seele des Doktorhauses, davon erfährt, bekreuzigt sie sich unwillkürlich und flüstert: „Sie hat die Gabe.“

Tatsächlich scheint Loni über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen, denn oft genug sind ihre Vorhersagen eingetroffen. Die meisten Dörfler gehen der verschrobenen Alten deshalb am liebsten aus dem Weg, doch damit hat sich Loni längst abgefunden. Ihr Lebensinhalt ist ihre Enkeltochter Bianca, mit der sie zurückgezogen auf ihrem kleinen Hof lebt.

Eines Tages aber sieht die Großmutter voraus, dass ein furchtbares Unglück über den Nachbarhof hereinbrechen wird. Und in dieses Ungemach wird auch Bianca, ihr Augenstern, mit hineingezogen, ohne dass Loni es verhindern kann …

Dr. Burger hatte gerade die Tür des Sprechzimmers der Praxis hinter sich geschlossen und sich schon zum Gehen gewandt, als Bärbel Tannauer, seine Sprechstundenhilfe, ihn wieder zurückrief.

„Grad ist noch ein Anruf hereingekommen, es scheint ein Notfall zu sein“, verkündete sie.

Innerlich seufzte der Bergdoktor auf, denn er hatte sich sehr auf ein gemeinsames Abendessen mit seiner Familie gefreut. Dennoch ließ er sich seine Enttäuschung nicht anmerken.

„Wer ist es denn?“, fragte er sachlich. „Hoffentlich niemand vom ‚Berghotel’, dort werde ich dann immer noch aufgehalten …“

„Nein, nein. Und einer von den eingebildeten Kranken ist es auch net. Die Enkelin der Firner-Loni hat angerufen.“

„Ach so? Die Loni war doch immer pumperlgesund, und bis jetzt hat sie sich mit ihren Kräutern und Salben selber kuriert. Hat sie etwas Genaues gesagt?“

„Anscheinend ein Sturz …“

„Dann fahre ich mal besser.“

Geschickt lenkte der Bergdoktor seinen Wagen durch St. Christoph auf die Landstraße, die nach Mayrhofen führte. Dann bog er in einen schmalen, unbefestigten Weg ein, der zum Weiler Bergfelden führte. Er durchquerte vorsichtig die Ortschaft, bis er zur Zufahrt des kleinen Gehöfts kam, in dem Loni Firner und ihre Enkelin Bianca lebten.

Eigentlich konnte man kaum von einem Gehöft sprechen, denn die Firners hatten schon lange damit aufgehört, den kleinen Hof zu bewirtschaften. Die Stallungen waren abgerissen worden, jetzt waren nur noch das Wohnhaus und eine Scheune übrig, in der Bianca ihre Töpferei betrieb.

Auch wenn sich bereits Spuren des Verfalls zeigten, so herrschte doch peinliche Ordnung. Es lagen keine verrosteten Geräte herum, der Hofplatz war gekehrt, und es gab kein Unkraut, das zwischen den Steinen spross.

Dafür grünte und blühte es reichlich. Von den Fenstersimsen wallten Geranien in allen Rot- und Rosatönen, vor der Haustür und dem Scheuneneingang standen Terrakottatöpfe und sonstige Gefäße, die mit den verschiedensten Blumen bepflanzt waren.

Diese üppige Farbenpracht, die sich in dem Bauerngarten fortsetzte, der sich seitlich und hinter dem Haus erstreckte, ließ das Anwesen sehr malerisch erscheinen. Auch der riesige Hausbaum, ein gewaltiger Ahorn auf der Rückseite, der im Herbst flammend rot erglühen würde, trug dazu bei.

Dr. Burger hatte kaum seinen Wagen abgestellt, als Bianca auch schon herbeieilte. Er hatte Mühe, sein Erstaunen bei ihrem Anblick zu verbergen. In den letzten Jahren hatte er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen, und in dieser Zeit hatte sie sich von einem linkischen Mädchen in eine schöne junge Frau verwandelt.

Braungoldene Locken umschmeichelten ihr zartes Gesicht mit den fein geschnittenen Zügen. Ihre blaugrünen Augen zogen jeden in ihren Bann, den sie anblickte, und der geschwungene Mund erinnerte an reife Waldbeeren.

„Der Großmutter geht es sehr schlecht“, sagte sie stockend, nachdem sie den Bergdoktor begrüßt hatte.

„Was ist denn vorgefallen?“

„Die Großmutter ist die Treppe hinuntergefallen und mit dem Oberkörper auf den Knauf unten am Geländer aufgeprallt“, gab Bianca Auskunft.

Das Mädchen war sichtlich erregt und hatte große Angst um die Großmutter, Tränen glänzten in den schönen Augen.

Dr. Burger fand Loni Firner – die nach ihrer Mutter Appolonia getauft worden war – auf dem Ecksofa in der Stube vor. Sie atmete stoßweise und hatte die Hand auf die schmerzende Brust gepresst.

Für ihr Alter, sie war über siebzig, wie der Bergdoktor wusste, machte Loni einen erstaunlich jugendlichen Eindruck. Ihre Haut war glatt und fast faltenlos, sodass man immer noch erkennen konnte, dass sie früher eine sehr schöne Frau gewesen sein musste.

Wahrscheinlich war das auf die Wundersalbe zurückzuführen, die sie selbst zusammenrührte, dachte der Landarzt leicht amüsiert. Dieser Überlegung hing er aber nicht länger nach, sondern richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Patientin.

„Kannst du richtig durchatmen, Loni?“, fragte er sie.

Sie nickte, und er ließ sie noch einmal ganz genau schildern, wie es zu dem Unfall gekommen war.

Es verhielt sich mit dem Unfall so, wie Bianca ihn geschildert hatte, und der Bergdoktor untersuchte Loni gründlich. Ihr Blutdruck war erhöht durch den Schrecken, den sie erlitten hatte, und auch ihr Puls raste.

„Hast du dich bei dem Sturz am Kopf verletzt? Oder kannst du dich nicht daran erinnern?“, fragte er nach.

„Nein, ich bin ja vornübergefallen, ich hab nur Schmerzen in der Brust, und die Seite tut halt weh, wo ich an das Geländer geprallt bin“, erklärte sie sofort.

„Am besten, du kommst mit und bleibst heute Nacht in der Mini-Klinik.“

„Nein. Ich will hierbleiben“, fiel ihm Loni verstockt ins Wort.

„Es ist besser, wenn du heute Nacht unter ärztlicher Aufsicht bist, falls sich dein Zustand verschlechtert. Ich glaub kaum, dass wir dich länger dort behalten müssen“, erklärte der Bergdoktor geduldig.

„Wer weiß. Am End kastelt ihr mich dort ein, und ich komm nie wieder heraus.“

Dr. Burger war an widerborstige Patienten gewöhnt, doch Loni Firner stellte eine besondere Herausforderung dar. Glücklicherweise kam ihm Bianca zu Hilfe.

„Ich richte schnell ein paar Sachen für dich zusammen, und dann geht es in die Mini-Klinik. Keine Widerrede, Großmutter“, sagte sie unerwartet streng.

„Die jungen Leut heutzutage! Wissen alles besser. Aber du kommst doch mit, Bianca?“, vergewisserte sich Loni.

„Hab ich dich schon jemals im Stich gelassen?“, fragte Bianca leicht gekränkt zurück.

„Net, dass ich wüsste“, gab Loni zu.

„Deine Enkelin ist eine vernünftige junge Frau, das muss man sagen“, fand der Bergdoktor, als Bianca die Stube verlassen hatte, um in der Schlafkammer im oberen Stockwerk das Nötigste für ihre Großmutter zusammenzupacken.

Trotz ihrer Schmerzen ging ein Strahlen über Lonis Gesicht.

„Ja, sie ist mein Augenstern, das Licht in meinem Leben. Wie ihre Mutter, Gott hab sie selig“, fügte sie hinzu und bekreuzigte sich.

Biancas Mutter war bei der schweren Geburt ihrer Tochter gestorben. Lange hatte Loni nicht darüber hinwegkommen können, doch dann hatte sie sich des verwaisten Kindes angenommen und Trost darin gefunden.

Der Transport Lonis verlief ohne Schwierigkeiten. Sie litt zwar unter starken Schmerzen, doch sie klagte nicht und setzte ihrer Unterbringung in einem der Krankenzimmer der „Mini-Klinik“ auch keine Widerstände mehr entgegen.

„Morgen früh machen wir dann die Röntgenaufnahmen und eine Gesamtuntersuchung. Die Bianca bleibt ja bei dir.“

Loni bedankte sich und schloss ergeben die Augen. Sie hatte ein Schmerzmittel bekommen, sodass sie hoffentlich Schlaf finden würde. Für Bianca war eine Liege aufgestellt worden, denn in der „Mini-Klinik“ war man auf derlei vorbereitet.

„So, dann wünsch ich eine Gute Nacht.“

***

Nachdem Dr. Burger sich verabschiedet hatte, konnte er endlich zu seiner Familie hinübergehen, um wenigstens noch den restlichen Abend mit ihr verbringen zu können. Doch im Doktorhaus hatte man mit dem Abendessen auf ihn gewartet, und man setzte sich gemeinsam an den gedeckten Tisch. Nur die zweijährige Laura, das jüngste Kind der Burgers, war schon zur gewohnten Zeit zu Bett gebracht worden.

Martin beugte sich zu seiner Frau Sabine hinüber und küsste sie liebevoll auf die Wange. Und natürlich wollte auch die achtjährige Tessa, die wegen ihrer schwarzen Locken oft „Schneckerl“ genannt wurde, dann einen Kuss haben.

Ihr jüngerer Bruder Philipp, der Filli genannt werden wollte, bekam von seinem Vater die blonden Haare, die er von seiner Mutter geerbt hatte, verwuschelt. Das mochte er eigentlich überhaupt nicht, denn er war ja kein kleines Kind mehr, sondern er würde bald in die Schule kommen. Aber wenn sein Vater ihm diese Liebkosung angedeihen ließ, dann lächelte Filli glücklich.

Zenzi Bachhuber, die gute Seele des Doktorhauses, kam mit einer großen Terrine ins Esszimmer, aus der es verlockend duftete. Wahrscheinlich hatte sie wieder einen ihrer unwiderstehlichen Eintöpfe zubereitet, zu denen es immer selbst gebackenes Brot gab.

Sie war eine hagere Frau Anfang sechzig, an deren Hinterkopf unverrückbar ein straffer Knoten festgesteckt war. Die Wirtschafterin wirkte streng, besonders was ihre Ansichten über Kindererziehung anbelangte, die sie aber glücklicherweise nie in die Tat umsetzte.

Denn sie liebte „ihre“ Familie innig.

Ihr Wort galt etwas im Haus, in dem sie nun schon seit vierzig Jahren tätig war. Nach dem frühen Tod seiner Mutter hatte Zenzi mehr oder weniger den kleinen Martin aufgezogen und sich um den verwitweten Vater gekümmert. So war eine tiefe Verbundenheit entstanden und Zenzi zum Familienmitglied geworden.

Unter dem Tisch hervor erklang plötzlich ein Bellen, und Dr. Pankraz Burger, sein Herrchen, lachte auf.

„Der Poldi weiß schon, dass in dem Eintopf auch Würstln sind, oder täusch ich mich?“

„Das stimmt“, bestätigte Zenzi.

„Aber es gibt für ihn nicht mehr als eines“, mahnte Sabine streng. „Und du, lieber Schwiegervater, hältst dich auch zurück.“

Dr. Sabine Burger missbilligte es sehr, dass Pankraz so wenig auf seine Gesundheit achtete, obwohl er es eigentlich besser hätte wissen müssen. Und dass er ihrer Meinung nach Poldi, den Rauhaardackel, überfütterte, warf sie ihm ebenfalls häufig vor.

„Du bist nämlich in der Mitte ausgelaufen, Opa“, ließ sich Tessa altklug vernehmen.

Das kränkte Pankraz.

„Früher hätte man so jemanden wie mich als ein stattliches Mannsbild bezeichnet. In der Mitte ausgelaufen! Woher die Kinder immer diese Ausdrücke haben.“

„Das hab ich mir selbst ausgedacht“, sagte Tessa lachend und funkelte ihn aus ihren dunklen Brombeeraugen so schelmisch an, dass er ihr nicht böse sein konnte.

Pankraz schnaubte. „Gut, ein Würstl für den Poldi und eine Portion Eintopf für mich.“

„Aber eine ziemlich große Portion, sonst fällst du uns am Ende noch vom Fleisch, Vater“, spöttelte Martin.

Diese Plänkelei wäre noch weitergeführt worden, wenn Zenzi nicht jeden mit ihrem köstlichen Eintopf versorgt hätte, sodass Ruhe am Tisch herrschte. Auch Poldi, der eng neben seinem Herrchen saß, gab nicht mehr Laut, denn Pankraz hatte ihm sein Würstl hinuntergereicht, mit dem er eingehend beschäftigt war.

Da es aber ein spätes Abendessen gewesen war, mussten die Kinder bald danach zu Bett gehen, was nicht ohne Schmollen und Widerspruch erfolgte.

„Ich lese euch auch eine ganz schaurige Geschichte vor“, versprach ihr Großvater, was bei ihnen sofort Jubel auslöste.

Pankraz Burger, der im Kabinettl wohnte, das an das Wohnzimmer angrenzte, schrieb an einer Chronik des Zillertals. Dafür sammelte er alte Legenden und Geschichten, die er in Archiven und Kirchenbüchern fand. Manche dieser Überlieferungen waren sehr grausam. So hatte die Legende vom „Schwarzen Jager“ die beiden älteren Kinder der Burgers so in Angst versetzt, dass sie nachts oft aufgewacht waren, wenn es stürmisch war und ein Ast an ihr Fenster pochte.

Vor allem der kleine Filli war außer sich vor Furcht, dass der Schwarze Jager kommen und ihn holen würde. Seitdem las Pankraz nur noch Geschichten vor, die gut ausgingen, sodass am Ende alle glücklich waren.

„Hast du etwas ganz Gruseliges?“, wollte Tessa wissen und richtete den Blick ihrer dunklen Augen gespannt auf ihren Großvater.

„Ihr werdet schon sehen“, gab er unbestimmt zurück und begann mit halblauter Stimme aus seinem Manuskript vorzulesen.

Und da die Kinder sowieso schon übermüdet waren, schliefen sie ein, bevor die Geschichte zu Ende war, und Pankraz konnte sich wieder leise nach unten zu den anderen begeben. Dort saß man inzwischen gemütlich auf dem Sofa im Wohnzimmer bei einem Glaserl Wein. Pankraz ließ sich aufseufzend in den Sessel sinken und berichtete, dass Tessa und Filli bereits eingeschlafen seien.

„Auch das Laura-Mauserl schläft wie ein Engerl“, schloss er.

Zenzi war mit der Küchenarbeit fertig und hatte sich ebenfalls zu den Burgers gesellt. Sie hatte sich zuerst geziert, aber jetzt trank sie ebenfalls mit Wohlbehagen ihren Wein.

„Was war das denn für ein Notfall vorhin? Hoffentlich ist nicht wieder einer von der Leiter gefallen“, wollte Pankraz wissen, der immer noch großen Anteil an allem nahm, was die Arztpraxis betraf.

„Die Firner-Loni ist die Treppe hinuntergestürzt“, gab sein Sohn Auskunft.

„Die Firner-Loni“, rief Zenzi erschrocken aus und bekreuzigte sich. „Und die ist am End jetzt in der Mini-Klinik?“

„Wo soll ich sie denn sonst röntgen lassen?“, erwiderte der Bergdoktor etwas ungehalten und nahm einen großen Schluck Wein.

„Was ist denn so schlimm daran, dass diese Loni nun in der Mini-Klinik untergebracht ist?“, fragte Sabine erstaunt.

Sabine Burger stammte nicht aus dem Zillertal, und obwohl sie die Leute hier inzwischen schon gut kannte, gab es doch immer wieder neue Überraschungen.

„Sie hat die Gabe“, flüsterte Zenzi und bekreuzigte sich erneut.

„Was für eine Gabe?“, fragte Sabine nicht begreifend.

„Sie sieht Dinge, die niemand sonst sieht.“

„Eine selbst ernannte Hellseherin also“, erwiderte Sabine spöttisch, die dem Aberglauben, dem die Gebirgler anhingen, nichts abgewinnen konnte.

„Sie hat tatsächlich hellseherische Fähigkeiten“, kam Pankraz Zenzi zu Hilfe und erntete einen dankbaren Blick von ihr. „Es gibt etliche Beispiele dafür.“

„Ja?“, meinte Sabine und zog kritisch die Brauen hoch.

Nun war Zenzi Bachhuber ganz in ihrem Element und begann zu berichten.

„Als damals dieses Lawinenunglück war, da hat sie es vorausgewusst und die Leut gewarnt. Die waren ihr dankbar. Aber sie weiß halt auch, wenn jemand im Haus sterben wird, daher bekreuzigen sich alle, wenn sie ihr begegnen. Man versucht überhaupt, ihr aus dem Weg zu gehen, daher lebt sie auch ganz allein mit ihrer Enkelin auf dem Gütl.“

Sabine empfand unvermittelt Mitgefühl mit dieser einsamen Frau.

„Sie hat eine Enkelin? Dann muss sie doch bestimmt einmal verheiratet gewesen sein“, vermutete sie.

„Ja, aber sie hat erst spät geheiratet. Das seltsame Madel mit dem abwesenden Blick wollt keiner haben, obwohl die Loni sehr schön gewesen ist. Doch der Firner-Anton hat sie genommen, der war ja selber ein Sonderling. Immer ist er in den Bergen umeinand gestiegen, aber sie waren trotzdem ein glückliches Paar. Bis er dann abgestürzt ist …“

Zenzi hielt inne und seufzte.

„Hat sie das nicht auch vorausgesehen?“, fragte Sabine, die das Schicksal von Loni Firner immer mehr gefangen nahm.

„Ja. Aber er hat net auf sie hören wollen und ist trotzdem aufgebrochen, obwohl ein Wetterumschwung angekündigt worden ist. Er war halt ein Hiesiger, der Anton, und genauso ein Sturschädel wie die meisten Gebirgler.“

„Aber sie hatte doch wohl ein Kind, sodass sie nicht ganz allein zurückgeblieben ist.“

„Ja, eine Tochter, die mehr nach ihrem Vater geraten war. Die Loni konnte sich lang net mit dem Tod von ihrem Anton abfinden und zog sich noch mehr zurück. Aber das war nicht der letzte Schicksalsschlag, der sie getroffen hat. Ihre Tochter Magdalena wurde schwanger, und niemand, angeblich auch die Mutter net, hat erfahren, wer der Vater war. Das war schon eine sonderbare Sach. Sonst weiß man ja doch immer, wer es sein könnt. Wie bei der Niederhofer-Ursel, die …“

„Was war denn nun mit der Tochter von der Loni?“, fiel Sabine ihr ins Wort, ehe Zenzi zu einer weitschweifigen Schilderung ansetzte, die in endlose Verstrickungen und Nebenhandlungen mündete.

„Die Tochter, ein blutjunges Madel, ist bei der Geburt gestorben. Loni hat fast den Verstand darüber verloren. Erst ihr geliebter Toni, und dann auch noch das einzige Kind. Aber dann hat sie sich um die Bianca, die Enkelin, gekümmert, das Einzige, was ihr noch geblieben ist. Und mit der lebt sie seitdem auf dem kleinen Gütl zusammen.“

„Und diese Gabe, hat sie die weitervererbt?“

Zenzi schüttelte den Kopf.

„Nein, und das ist auch ganz gut so. Die Loni ist halt dadurch immer eine Außenseiterin gewesen. Sie hat nur ihre Schönheit an die Bianca vererbt, heißt es.“

„Die Bianca ist wirklich zu einer schönen jungen Frau erblüht“, warf der Bergdoktor ein.

Sabine warf ihm einen scharfen Blick zu.

„So? Das hast du gleich festgestellt?“