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Karl Bausinger besitzt einen Teeladen in der Oberamteistraße. Er ist eine Institution in der Stadt, und das Geschäft läuft gut. Karl liebt den Umgang mit Tee, aber manchmal steht er in der Eingangstür, schaut den Leuten auf der Straße zu und wünscht sich, er könnte Psychologie studieren. Aber er ist an den Laden gebunden, auch aus familiären Gründen, und so gibt er sich mit seinem ruhigen, unentschlossenen Leben zufrieden. Da taucht eines Tages eine junge Journalistin im Laden auf und bringt sein friedliches Leben völlig durcheinander. Er verliebt sich in sie, führt sie in die japanische Teezeremonie ein und teilt mit ihr seinen Traum, den Traum eines kontemplativen Tee-Lebens. Doch die Dinge nehmen einen unerwarteten Verlauf, und bald erkennt Karl, dass sich sein beschauliches Leben grundlegend ändern wird.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Karl Bausinger besitzt einen Teeladen in der Oberamteistraße. Er ist eine Institution in der Stadt, und das Geschäft läuft gut. Karl liebt den Umgang mit Tee, aber manchmal steht er in der Eingangstür, schaut den Leuten auf der Straße zu und wünscht sich, er könnte Psychologie studieren. Aber er ist an den Laden gebunden, auch aus familiären Gründen, und so gibt er sich mit seinem ruhigen, unentschlossenen Leben zufrieden.
Da taucht eines Tages eine junge Journalistin im Laden auf und bringt sein friedliches Leben völlig durcheinander. Er verliebt sich in sie, führt sie in die japanische Teezeremonie ein und teilt mit ihr seinen Traum, den Traum eines kontemplativen Tee-Lebens.
Doch die Dinge nehmen einen unerwarteten Verlauf, und bald erkennt Karl, dass sich sein beschauliches Leben grundlegend ändern wird.
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet.
Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025); Das Turmzimmer (2025); Dies fremde Leben (2025).
Für Johnny
Ob ich morgen lebe, weiß ich freilich nicht. Aber dass ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiss.
GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
1 Oberamteistraße
2 Mauseloch
3 's Teelädle
4 Bibliothek
5 Spezialitäten
6 Aushilfe
7 Herbst
8 Ex
9 Krimi
10 Open City
11 Lyrik
12 Einladung zum Tee
13 Vorweihnachtszeit
14 Das Kabinett
15 Nebel
16 Chanoyu
17 Der Teemeister
18 Obendrüber, da schneit es
19 Schaumbad
20 Colmar ist wütend
21 Die vierte Ausgabe
22 Fix you
23 Weihnachtsmarkt
24 Heiligabend
25 Nachlese
26 Das Neue
27 Perspektiven
28 Truffaut
29 Klartext
30 In der Klause
31 Sensibilisierung
32 Die zarte Bitterkeit des Tees
33 Klopfet an
34 Wind of Change
Flugtee und Kräutermischungen, Früchtegarten, Feigen in Schokolade. Hier riecht’s gut, sagen die Kundinnen, wenn sie eintreten. Dann wollen sie einen Tee. Was für einen? Einen guten. Wir haben nur gute Tees!
Knirschend fährt meine Schaufel in das krü-melige Gemenge, die Waage pendelt aus, das Tütchen wird verschlossen und knistert.
»Ach, Joachim«, sage ich zu meiner Aushilfe, die an drei Tagen in der Woche kommt.
»Ach, Karl«, erwidert er dann.
Er nennt mich nicht, wie die anderen Aushilfen, »Johnny«, sondern bei meinem richtigen Vornamen.
Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. Dann Ware auspacken. Kartons mit chinesischen Kannen, Kandiszucker. Das Tackern der Etikettiermaschine. Umfüllen der Papiersäcke in die Teekanister: Bergamotte, Rosen, Jasmin, das Malzige des Frühstückstees. Den Ostfriesen-Sonntagstee mische ich immer selbst, indem ich in eine feine Ostfriesenmischung eine Vanilleschote schneide.
Ich stehe, wenn gerade nichts los ist, in der Tür und schaue dem Treiben auf der Straße zu.
Die Oberamteistraße, drüben die Stadtbibliothek und der ummauerte Museumsgarten mit der Kapelle, die Kanzleistraße hinunter zum Marktplatz.
Ich sehe eine Dame mit ihren Hündchen an der Leine, ein Mann mit seinem Fahrrad, zwei Jugendliche schlappen vorbei, die Hosen hängen bis zum Po, ein junges Paar, Hand in Hand, eine alte Frau zieht ihren Trolley mit Gemüse hinter sich her.
Das ist meistens nachmittags, wenn ich allein bin. Die Arbeit im Teelädle macht mir Spaß, das ist es nicht. Aber ich fühle mich manchmal wie eingesperrt. Der Laden ist mir ein Klotz am Bein. Ich kann kaum in Urlaub fahren, stehe von neun bis sieben hinter der Theke, wenn ich nicht unterwegs bin zu meinem Zwischenlager oder zum Großhändler in Albstadt, ich bin immer gebunden. Daran gefesselt. Lebenslang. Wenn ich nicht irgendwann die Klamotten hinschmeiße. Aber das kann ich meinem verstorbenen Vater nicht antun. Ich hab's versprochen.
Ich habe meine Wohnung direkt über dem Laden, und in der Innenstadt brauche ich kein Auto. Das Geschäft läuft gut, es ist alles in Ordnung.
Nur stehe ich dann am Eingang und wollte am liebsten hinter mir abschließen, mitten am Tag, mich ins Auto setzen und in den Süden fahren. Oder zum Flughafen, wo der Flieger nach Indien oder Japan auf mich warten würde.
»Ach, Joachim«, sage ich dann nach Ladenschluss. Joachim saugt den Teppichboden, und ich mache die Kasse. Nachdem ich alles abgeschlossen, die Alarmanlage eingeschaltet und die Lichter gelöscht habe, steige ich die Holztreppe hinauf in meinen Bau.
Die Wohnung über dem Laden ist praktisch. So habe ich keinen Arbeitsweg. Die Häuser in der Altstadt stammen größtenteils noch aus dem Mittelalter. Fachwerk, verputzt. Sie wurden restauriert, stehen aber nicht unter Denkmalschutz.
Die Wohnung ist klein und die Decken niedrig. Manchmal muss ich den Kopf einziehen. Helligkeit kommt eigentlich nur durch die Fenster im Wohnzimmer, die auf die Kanzleistraße hinaus gehen. In der Küche, im Bad und im Schlafzimmer gehen die Fenster auf die Nachbarhäusern, das sind kaum zwei Meter Abstand. Einmal habe ich in die Decke gebohrt, um eine Lampe aufzuhängen, und habe mit den alten Stromleitungen einen ganzen Schwung Weizenkörner zu Tage gefördert, die auf mich herab geregnet sind. Alte Füllungen zwischen dem Fachwerk, habe ich vermutet.
Früher wurde die Wohnung mit Ölofen geheizt, der bullig warm machte. Er entsprach nicht mehr den neuen Umweltbestimmungen, und ich musste eine Zentralheizung einbauen lassen. Das Wasser in der Altstadt ist besser geworden. Es war früher lokales Wasser, hart und voller Kalk, völlig unbrauchbar zum Teekochen. Jetzt haben viele Häuser Bodenseewasser, das ist wesentlich besser.
Abends, wenn ich den Laden abgeschlossen habe und die Treppe in den ersten Stock hinauf steige, freue ich mich immer schon darauf, mich in meiner Wohnung verkriechen zu können. Ein richtiges Mauseloch, klein und eng, aber gerade in der dunklen Jahreszeit passt das. Ich mache dann im Wohnzimmer gemütliche Beleuchtung, zünde Kerzen an, koche mir einen Tee in der Küche und setze mich vor den Fernseher. Irgendein Krimi läuft immer. Ich schaue gern Krimis, vor allem deutsche Produktionen. Einblick in fiktive Welten, unaufgeregte Spannung, und es ist immer befriedigend, hinterher die verborgene Wirklichkeit rekonstruiert zu bekommen.
Ich habe mich einfach, aber behaglich eingerichtet, ohne viel Schnickschnack. Im Wohnzimmer steht mein CD-Regal und mein Regal mit den hundert Teedosen, im unteren Fach habe ich meine Kannen und Tassen untergebracht. An den Wänden Kunstdrucke, ein paar Impressionisten, eine Kalligrafie mit der Zeile eines Gedichts von Li Tai Bo, der Zen-Kreis mit Tusche dick und gebrochen gemalt. Mit Meditation habe ich nichts am Hut, aber mich beeindruckt die Zen-Kunst: Tuschzeichnungen, Keramik, Haikus, die Shakuhachi, gespielt von einem Japaner.
Ich habe eine ausrangierte Teekiste als Teetischchen in die Mitte gestellt, auf die ich mir selbst einen Deckel aus Holz gemacht habe. Das sieht schick aus und vermittelt ein bisschen weite Welt. Genauso wie das Teeplakat, das ich in der Küche hängen habe, aus Einzelaufnahmen selbst montiert und dann drucken lassen. Die bunte Vielfalt der Welt des Tees. Und im Wohnzimmer hängt über den Möbeln ein Panoramaposter mit der Ansicht von Darjeeling und dem Kangchendzönga im Hintergrund. Jedesmal, wenn ich darauf blicke, öffnet es mir das Herz.
Manchmal mache ich mir was zu essen, aber meist nur ein Vesper. Vom Mittag bin ich noch satt. Manchmal auch lese ich, bequem auf dem Sofa im Licht der Stehlampe, und manchmal höre ich Musik, über Kopfhörer, ganz versunken. Ich höre gern Klassik, besonders Barock, und Bands wie Queen, Scorpions oder Genesis. In den Nuller Jahren bin ich mit Eminem, Beyoncé und Rihanna aufgewachsen, mit Bands wie White Stripes, Coldplay und The Strikes, deren Garage Rock mich damals begeisterte. Mittlerweile bin ich etwas gesetzter geworden, mit fünfunddreißig darf man das, und höre gern Singer-Songwriter.
Ich lasse während der Öffnungszeiten auch Musik laufen im Laden. Ich habe mir eine HiFi-Anlage gekauft und zwei Zwanzig-Watt-Boxen, die habe ich oben an der Wand in den Ecken aufgehängt. Die Musik soll leise spielen, im Hintergrund. Leute kaufen ja bereitwilliger, wenn sie beim Einkaufen Musik hören, sagen die Werbestrategen. Ob das in meinem Laden der Fall ist, weiß ich nicht. Aber ich höre die Musik gern. Klassik, japanische Teemusik, Meditationsmusik, Kitaro, so was halt.
Selten gehe ich abends aus, wenn es mal dunkel geworden ist. Dann kriegt mich nichts aus meinem Mauseloch. Freunde habe ich keine außer Colmar, den Bibliothekar, und meine geschiedene Frau, die ich noch manchmal treffe und mit der ich mich gut verstehe. Das mit unserer Ehe war eine Sache für sich. Manchmal treffe ich mich mit Effi und Roland zwei meiner Aushilfen, zu einem Spieleabend.
In der Mittagspause gehe ich meist etwas essen. Ich sperre den Laden von halb eins bis zwei zu und gönne mir eine ausgiebige Mittagszeit. Ich esse beim Griechen oder beim Thai-Imbiss oder im Anker Mittagstisch oder setze mich bei schönem Wetter mit einem Döner in den Museumsgarten. Oft treffe ich mich mit Colmar, der in der Stadtbibliothek arbeitet, und wir verbringen die Pause gemeinsam.
Es ist ein geruhsames Leben, das ich führe. Durch den Laden bin ich sowieso gebunden, da fällt es mir nicht schwer, sesshaft zu sein. Ich mag dieses Leben, wenn ich auch manchmal denke, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Dann stehe ich, wie gesagt, in der Eingangstür, schaue den Leuten zu und wünsche mir, von hier fortgehen zu können. Eine Reise nach Japan zu machen. Die Kultur kennen lernen. Ich weiß ja viel über Japan, aber ich würde es gern selbst erleben.
Und dann überlege ich mir jedesmal, ob ich nicht noch studieren sollte. In Tübingen. Psychologie. Mich interessiert der Mensch und wie er funktioniert. Seine Seele. Seine Mechanismen. Dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist und so was.
Aber dazu müsste ich den Laden aufgeben. Ihn verkaufen. Das geht nicht. So weit bin ich noch nicht, und obwohl ich diesen Plan seit Jahren treibe, kann ich mich nicht aufraffen, mein Leben wirklich zu ändern.
So ist das mit mir. Ich bin ganz zufrieden im Allgemeinen. Ich lebe Tag für Tag, das Leben ist für mich nichts als eine Reihe von Tagen, die ich hintereinander abhake, keine großen Ziele, keine Pläne, keine Ambitionen.
Es ist alles gut.
Das Teelädle gibt es schon fast vierzig Jahre. Mein Vater hat das Geschäft 1984 gegründet, da war er vierundzwanzig. Er hat es ein bisschen rummelig eingerichtet, inspiriert durch die Siebziger, die er noch miterlebt hat, eher eine Boutique als ein Teefachgeschäft. Er verkaufte neben Tee und Zubehör auch Bambusschirme, Kimonos, Recyclingpapier, Henna, Silberschmuck, Honig aus aller Welt, Speiseöle, Nüsse, Samoware, Liköre aus Hundertliter-Glasballons, alles, was man sich denken kann. Ein richtiger Kramladen. So wollte er das haben.
Ich arbeitete als Jugendlicher öfter im Laden und bekam Einblick in manche Geschäftsabläufe. Die Welt des Tees faszinierte mich, und ich ging gern mit den Kunden um. Vater hatte mich wohl als Nachfolger vorgesehen, aber nach dem Abitur wollte ich auf jeden Fall studieren. Wenn ich auch noch nicht wusste, was. Ich machte, um es mir zu überlegen, ein FSJ bei der Diakonischen Stiftung in der Stadt. Mit zwanzig, als ich gerade konkretere Studiumspläne fassen wollte, erkrankte Vater an Krebs. Bauchspeicheldrüsenkrebs, zu spät erkannt. Es ging ziemlich schnell mit ihm. Er konnte mich noch ein wenig ins Teegeschäft einführen, und quasi auf dem Sterbebett musste ich ihm versprechen, den Laden weiterzuführen. Das machte meine Studiumspläne zunichte. Aber ich habe Vater immer sehr geachtet und geliebt, ich fühlte mich für den Laden verantwortlich.
Als er gestorben war und ich den Laden übernahm, warf ich zuerst den ganzen Krempel hinaus. Nur einen japanischen Papierschirm behielt ich und hängte ihn mir ins Wohnzimmer. Ich kaufte eine neue Einrichtung, konzentrierte mich aufs Teegeschäft und baute das Grünteesortiment aus. Das hat sich gelohnt. Jetzt ist das Teelädle kein Rummelladen mehr, sondern ein seriöses Teefachgeschäft.
Die Kontakte, die Vater gepflegt hatte, konnte ich nur zum Teil für mich nutzen. Den Importeuer in Hamburg übernahm ich, den Großhändler in Albstadt auch. Den Aromatee beziehe ich nun direkt bei Florarom. Vater war oft in Hamburg gewesen und reiste auch einmal zu einer Teeauktion nach Darjeeling. Da wäre ich gern dabei gewesen, aber das ging damals nicht wegen der Schule.
Heute ist das noch immer mein Traum. Ich weiß nicht, ob ich dort Tee ersteigern würde, aber ich wäre gern mal dabei. Genauso gern würde ich eine längere Reise nach Japan machen, wie gesagt.
Auf solchen Auktionen werden die Spitzentees der Welt verhandelt. Die erstklassigen Darjeelings und Top-Gyokuros, die so gut wie nie auf den deutschen Markt gelangen.
Vater hatte bei seinem Importeur ein einziges Mal so einen Spitzendarjeeling ergattert, einen 1990er Second Flush Jungpana. Einige hundert Kilo hatten es auf den deutschen Markt geschafft, und unser Importeur hatte sich eine Charge gesichert. Vater leierte ihm eine Kiste mit fünf Kilo aus dem Kreuz, das Kilo für tausend Mark, und verkaufte ihn im Laden zehngrammweise für zehn Mark. Er hatte den Tee natürlich selbst verkostet. So eine Fülle der Aromen, erzählte er mir später, habe er noch nie erlebt. Der Tee schmeckte typisch nach Walnüssen, aber auch nach feuchtem Laub mit einer deutlichen Rosennote im Abgang. Ein einzigartiger Geschmack. So einen Tee, schwärmte er mir vor, hatte er noch nie getrunken und auch seither nirgends mehr gefunden.
Heute gehen solche Top-Tees für tausend oder mehr Dollars über den Auktionstisch, sofort aufgekauft von Japanern und Arabern. Die Kuweitis zum Beispiel stehen an Platz zwei des weltweiten Teeverbrauchs. Übertroffen werden solche Preise nur durch die höchstklassigen Gyokuros aus Japan.
Schade, denke ich oft, dass man da nicht heran kommt. Dass die besten Tees von einer superreichen Minderheit abgeschöpft werden. Ich würde gern einmal einen solchen Tee zehngrammweis anbieten, und ich bin sicher, er würde seine Kennerschaft finden.
In der Mittagspause bin ich gern in der Stadtbibliothek. Um Colmar abzuholen, aber auch einfach zum Durchschlendern und nach Büchern Schauen.
Ich habe zuhause nicht viele Bücher. Fachliteratur zum Tee hauptsächlich und ein paar Romane, über Tee natürlich. Im Wohnzimmer auf einem Bord an der Wand habe ich mir eine kleine Tee-Sammlung eingerichtet, mit dem Okakura, kleinen Broschüren vom Schrader Teeversand, Büchern wie Das Geheimnis des Tees, Zum Beispiel Tee, das kritisch die Ausbeutung der Plantagenarbeiter beleuchtet, oder Zen in einer Schale Tee – Eine Einführung in die japanische Teezeremonie.
Ich habe auch einige Romane über Tee dort stehen. Ich habe sämtliche Tee-Romane gelesen und die besten behalten. Die meisten sind kitschige Frauenromane von Autorinnen, die wahrscheinlich nie in Indien oder China waren. Was ich behalten habe, ist Darjeeling von Dominique Marny und Die Teemeisterin von Ellis Avery.
Wenn ich Colmar abhole und er noch nicht Mittagspause machen kann, stöbere ich in der Abteilung Psychologie herum. Jede Menge Ratgeber und Finde-dich-selbst-Anleitungen, aber auch die Schriften von C.G. Jung und Sigmund Freud und moderne Psychologen. In manche lese ich hinein. Daher habe ich den Spruch von dem Ich, das nicht Herr im eigenen Haus ist.
Das denke ich auch. Wir wissen meist nicht, woher die Antriebe für unser Handeln kommen. Gefühle, Stimmungen, Lust oder Unlust, aber in Wahrheit Strukturen unseres Unbewussten oder Diktate des Über-Ich, die uns bestimmen. Ich würde mal gerne eine Psychoanalyse mitmachen, um zu erfahren, wer ich wirklich bin. Das Buch von Precht Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? habe ich mit Gewinn gelesen. Wenn ich einmal als Psychotherapeut arbeiten wollte, müsste ich sowieso eine Analyse über mich ergehen lassen.
Mit Colmar gehe ich in der Pause essen, manchmal reicht auch ein Leberkäswecken, und wir sitzen in einer Kabine des Studienkabinetts und plaudern, bis die Zeit herum ist. Wir unterhalten uns über alles Mögliche, über Kunst und Religionen und Musik. Colmar ist ein Ästhet und Kunstliebhaber, er kennt sich in der Malerei ebenso aus wie in der Bildhauerei und erzählt mir manches über die Kunstepochen in Europa.
Ich habe schon überlegt, ob ich ihn mal zu einem der Spieleabende mit Effi und Roland einladen soll, aber Colmar spielt nicht gern. Er nimmt es zu ernst, denkt immer strategisch, muss immer Höchstleistung bringen.
Heute erzähle ich vom letzten Spieleabend und dem Spiel Original und Fälschung, bei dem man Gemälde kauft und mittels einer Folie heraus finden muss, ob sie echt oder gefälscht sind.
»Meine Mannschaft«, erzähle ich weiter, »hat mir einmal zum Geburtstag ein Tee-Spiel geschenkt. Ganz hübsch aufgemacht und ziemlich auf dem neuesten Stand.
Die Teeanbaugebiete in Afrika und Vietnam sind schon auf der Weltkarte eingezeichnet. Was noch nicht eingezeichnet ist, ist der australische Tee und der Darjeeling von den Azoren, das einzige Teeanbaugebiet in Europa.«
»Ah ja«, sagt er.
»Ich habe ihn mir gleich zugelegt und verkostet. Überraschende Qualität und Geschmack, muss ich sagen. Ich habe ihn im Laden zu den Spezialitäten getan und trinke ihn privat ganz gern.«
Colmar hört höflich zu, aber er interessiert sich nicht für Tee. Er ist Kaffeetrinker und lässt sich nur für mich zu einer Tasse Tee überreden. Manchmal veranstalten wir richtige Literaturund Kunstabende bei ihm zuhause, und dazu gehört einfach Tee.
Colmar ist ein alter Junggeselle. Er hat einige unglückliche Beziehungen hinter sich und ist ständig auf der Suche. Neuerdings hat er sich bei einem Treff namens Meet five eingeklinkt, bei dem man sich gegenseitig zu Veranstaltungen einlädt, zum Grillen, zu einer Wanderung, zu einem Konzertbesuch.
Colmar ist nicht mehr jung. Er ist ein paar Jahre älter als ich, Anfang vierzig. Für Frauen ist er sicher ein Langweiler. Er ist korrekt, zuverlässig und wortkarg. Man muss ihn näher kennen, um seine versteckten Qualitäten zu entdecken.
Er kocht vorzüglich. Manchmal lädt er mich zum Essen abends bei sich zuhause ein. Neulich gab es ein Kartoffelgratin mit Spinat und Champignons und einen hervorragenden Weißwein dazu. Mir zuliebe hat Colmar auf meine Hälfte des Gratins Speckwürfel getan; er selbst ist Vegetarier.
Ein stiller Mann, mit Schnurrbart und Brille und Seitenscheitel. Sieht aus wie ein Antiquar: ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber ich mag ihn sehr.
Wir haben uns kennen gelernt in Hamburg, als er gerade den Job wechselte und nach Reutlingen zog. Weil die Reutlinger Stadtbibliothek vorbildlich ist für ganz Deutschland, im Service, im Raumkonzept und im Bestand, sagte er. Der umfasst über 220 000 physikalische Medien, die digitalen nicht mitgerechnet.
Das Gebäude ist in verschiedene offene Bereiche unterteilt, auf verschiedenen Zwischenstockwerken und durch Treppen miteinander verbunden. Die verschiedenen Bereiche dienen klar und eindeutig verschiedenen Kundenbedürfnissen.
Das hat Colmar in den Süden gezogen, weg von den Hamburger Bücherhallen, von Hafen und Fernweh und dem Duft der großen, weiten Welt. Aber Colmar ist nicht sentimental. Er handelt nach Vernunftkriterien. Würde gern mal wissen, welche Rolle sein Unbewusstes dabei spielt.
Heute sitzen wir beim Italiener am Burgplatz, drinnen, weil es zu kalt zum Draußensitzen ist, essen Pizza und Pasta, unterhalten uns und sind jeder froh, dass uns jemand zuhört.
»Denkst du«, fragt er plötzlich, »dass es das schon war in deinem Leben?«, fragt er mich plötzlich.
»Wie meinst du das?«, frage ich.
»Denkst du, da kommt noch etwas? Ein Umbruch, eine Wende, ein neues Leben?«
»Schwer zu sagen«, meine ich. »Einerseits hoffe ich, dass da noch was kommt. Etwas Großes, Erfüllendes. Andererseits bin ich froh, wenn alles weiter seinen Gang geht, friedlich und ruhig.
Und du?«
Er seufzt resigniert. »Ich fürchte, bei mir war's das. Ich werde hier im Süden als alter Junggeselle sterben. Mit meinen Büchern begraben werden.«
Einer seiner seltenen Anflüge von Ironie, das klingt nicht gut.
»Na ja«, sage ich und beiße in meine Pizza, »das kommt darauf an, was man vom Leben will.«
»Ich weiß nicht, ob ich vom Leben etwas will. Aber irgendwie sollte es mehr sein als das, was ich bisher hatte. Etwas, das mehr Sinn ergibt.«
»Joachim, meine Aushilfe, würde jetzt sagen, dass du auf der Suche nach Gott bist«, scherze ich.
»Da sagt du was!«, meint Colmar ernst. »Ich meine, ich suche nach einer Frau. Ich möchte nicht mehr allein durchs Leben gehen. Aber Gott …!
Da sind wir bei den letzten Fragen. Beim großen Sinn. Was kommt danach? Vielleicht kommt das Beste ja noch!«
Ich wundere mich ein wenig. Sonst ist Colmar eigentlich kein Träumer.
»Vielleicht sollte ich mal wieder in eine Kirche gehen«, sagt er nachdenklich.
»Wenn dir der übliche Gottesdienst nicht gefällt«, empfehle ich ihm, »dann geh doch einmal in eine Freikirche. Was Joachim da so erzählt, klingt, als ob es da ziemlich lustig und locker zugeht. Vielleicht sagt dir das mehr zu.«
»In welcher Gemeinde ist dein Joachim denn?«
»In der Freien Christengemeinde in Betzingen. Aber es gibt noch andere Freikirchen.«
Ich bin sonst keiner, der anderen zu einer Religion rät. Aber Colmar muss geholfen werden. Vielleicht ist es ja das, was ihm im Leben tatsächlich fehlt.
»Weißt du«, sinniert er weiter, »so ein Violinkonzert von Bach, oder ein Gemäße von Paul Klee oder Caspar David Friedrich, oder die Skulptur Amor und Psyche von Canova – das sind Dinge, die das Leben lebenswert machen. Von mir aus auch ein Comic von David Wenzel. Der Hobbit, du weißt ja.«
Colmar ist auch Comic-Liebhaber. Erwachsenencomics. Fantasy, Historisches, Sciencefiction. Fremde Welten. Das ist die andere Seite in seinem Wesen.
Er hat zuhause eine große Sammlung, hat auch angeregt, dass die Stadtbibliothek ihren Bestand auffüllt und für die Jugendlichen eine Leseecke einrichtet. Graphic Novels sind gerade der Hit, hat er erzählt. Comic-Versionen von berühmten Romanen. Er hat mir besonders die Bücher eines japanischen Zeichners nahe gelegt, eines gewissen Jirô Taniguchi, dessen Stil mich beeindruckt hat. Ruhig, klar, detailreich. Eine Graphic Novel von ihm habe ich mir zugelegt, die handelt von dem Spaziergang eines japanischen Geschäftsmanns durch verschiedene Stadtviertel Tokyos. Der wandernde Mann heißt es. Zwar sind die Zeichnungen schwarzweiß, aber das Buch zieht hinein durch seine leise, unaufdringliche Besinnung. Nichts passiert, aber alles erscheint. Ein wundervolles Buch!
»Hast du denn einen Traum für dein Leben?«, frage ich ihn.
Er zuckt die Schultern, nimmt die letzte Gabel von seinen Pasta und meint.
»Keinen, den ich greifen könnte.«
»Eine Sache des Unbewussten«, sage ich altklug.
»Ach, du immer mit deiner Psychologie! Ist das denn dein Traum? Ein Psychologiestudium?«
»Ja, das ist mein Traum«, gebe ich zu. »Oder eine Reise nach Darjeeling oder nach Japan.«
»Na, das ist ja noch zu verwirklichen«, sagt er.
Höre ich da ein bisschen Neid heraus?
Wir müssen mal in Ruhe über Träume reden, denke ich. Bei ihm zuhause. Unsere Mittagspause ist leider zu Ende, wir bezahlen und gehen zurück zu unseren Wirkstätten. An der Kreuzung Oberamtei- und Kanzleistraße trennen wir uns.
»Mach's gut, alter Freund!«
»Du auch, Karl. Ich zwischen meinen Büchern und du zwischen deinen Teedosen.«
