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Jannis Sieger, 35, Buchverkäufer, ist nach zehn Jahren in der Fremde in seine Geburtsstadt zurückgekehrt, um sich dort eine Heimat aufzubauen. Er will sich binden und verwurzeln. Er trifft alte Freunde, lebt sich ein, sieht Marie wieder, mit der er vor seinem Weggang zusammen war, und trifft seine alte Klassenkameradin Céline. Mit seinem Künstlerfreund Golo verbringt er kurzweilige Abende, ganz wie früher. Aber bald kehrt das Gefühl des Unheimischseins zurück. Er verliebt sich in Céline, kommt Marie wieder näher und muss erkennen, dass er in der Stadt nicht finden wird, was er wirklich sucht: seine endgültige Heimat.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Jannis Sieger, 35, Buchverkäufer, ist nach zehn Jahren in der Fremde in seine Geburtsstadt zurückgekehrt, um sich dort eine Heimat aufzubauen. Er will sich binden und verwurzeln. Er trifft alte Freunde, lebt sich ein, sieht Marie wieder, mit der er vor seinem Weggang zusammen war, und trifft seine alte Klassenkameradin Céline. Mit seinem Künstlerfreund Golo verbringt er kurzweilige Abende, ganz wie früher.
Aber bald kehrt das Gefühl des Unheimischseins zurück. Er verliebt sich in Céline, kommt Marie wieder näher und muss erkennen, dass er in der Stadt nicht finden wird, was er wirklich sucht: seine endgültige Heimat.
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet.
Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025); Das Turmzimmer (2025); Dies fremde Leben (2025); Farewell (2026); Der Teemeister (2026).
Heimat ist ein Ort, an dem
noch niemand gewesen ist.
ERNST BLOCH
1 Heimatstadt
2 Kalliope
3 Golo
4 Wiedersehen
5 Deutschstunde
6 Familienbande
7 Samstag
8 Präludium in C-Dur
9 Keemun
10 Unzuhause
11 Studienkabinett
12 Burzkat
13 Narzissen
14 Die Anwesenheit
15 Landfrieden
16 Seidenstraße
17 Ostern
18 Die künftige Stadt
19 Eine kleine Nachtmusik
20 Amber
21 Bauernhausmuseum
22 Erster Stock
23 Autobiografie
24 Grenzgänger
25 Heimweg
26 Märchenwald
27 Bratkartoffeln
Die Stadt hat sich kaum verändert in den zehn Jahren, die ich weg war. Der Fußgängersteg war schon weg, als ich ging, das Multiplexkino in der Planie schon gebaut, ebenso das Einkaufszentrum in der Oberen Wässere und die Stadthalle, diese Mischung aus Gralsburg und Gotham City, und der Markplatz und die Fußgängerzone in der Wilhelmstraße sind gleich geblieben. Das eine oder andere Altstadthaus wurde abgerissen und neu gebaut, und in der Wilhelmstraße, zwischen Juwelieren, Optikern, einem Backshop, einem Spielzeugladen und einem Sportgeschäft, hat die Kalliope-Buchhandlung ihre Pforten geöffnet. Dort arbeite ich jetzt.
Eigentlich sind es fünfzehn Jahre, seit ich nicht mehr in der Stadt lebe. Fünf Jahre war ich in Tübingen zum Studium, Deutsche Literatur, Geschichte und Philosophie auf Master. Aber während des Studiums fuhr ich öfter nach Reutlingen hinüber, sind ja nur knapp fünfzehn Kilometer über die Kraftfahrstraße, und besuchte Eltern und Freunde oder kaufte dort ein.
Aber die zehn Jahre in Hamburg war ich ganz weg. Einmal im Jahr, zu Weihnachten, fuhr ich in den Süden und besuchte meine Eltern, traf mich mit Golo und meinem Bruder, lebte aber sonst ganz hanseatisch im kühlen Norden. Hamburg ist eine vielseitige, kulturell interessante und inspirierende Stadt. Ich fühlte mich wohl, wenn auch fremd dort. Ich genoss die Nähe zum Meer, den Hafen, die Künstlerszene und arbeitete in der Kalliope-Buchhandlung in den Großen Bleichen.
Und dann beschloss ich, in meine Heimat zurückzukehren. Es war Zeit geworden. Ich wollte mich festlegen, wollte etwas haben für ein Leben lang.
Ja, begreife ich nun, da ich ein Jahr hier bin und mich eingelebt habe: Ich bin zurückgekommen mit dem klaren Vorsatz, mich in meiner Heimatstadt niederzulassen und fürs Lebensende einzurichten. Ich will dort meine Heimat finden, auch meine innere. Ich will mich verwurzeln. Ich will mich binden und festlegen. Das ist es, denke ich, was mir in meinem Leben bisher gefehlt hat: Bindung. Verbindlichkeit. Eine klare Zugehörigkeit. Auch weltanschaulich. Deshalb bin ich hier.
Ich habe in dem Jahr hier vieles unternommen, um heimisch – wieder heimisch – zu werden. Ich habe Restaurants ausprobiert, alte Freunde ausfindig gemacht, mein altes Gymnasium besucht, mich mit Golo getroffen und über mein Studium geklönt. Golo hat mir in all den Jahren die Treue gehalten; er hat mir regelmäßig gemailt und mich zweimal in Hamburg besucht, und die Abende, die wir in der Millionenstadt verbrachten, sind mittlerweile legendär.
Dann habe ich sämtliche Kirchen aufgesucht, das Kunstmuseum, mir die Stadthalle angesehen, die Altstadt erkundet mit ihren mittelalterlichen Zeugnissen, habe Kulturveranstaltungen, Lesungen, Konzerte und Kleinkunstabende besucht, ein Theaterabend in der Tonne, ein Kabarettabend im Jazz-Keller, mir die Reutlinger Musiknacht mit zahlreichen Bands in den Kneipen und Cafés der Stadt um die Ohren geschlagen, bei freiem Eintritt und einem lauen Septemberabend, habe für mich das Multiplexkino in der Planie eingeweiht und sämtliche Buchhandlungen und Musikläden in der Stadt angeschaut.
Ich habe wirklich eine Menge unternommen, und ich habe zur alten Vertrautheit mit meiner Heimatstadt zurückgefunden.
Von neun bis sieben verkaufe ich Bücher in der Kalliope-Filiale in der Wilhelmstraße, wie gesagt, und die Abende und Wochenenden mache ich Ausflüge auf die Alb, treffe mich mit Golo oder vergrabe mich in meiner kleinen Dachwohnung in der Kaiserstraße. Sie liegt fußläufig zur Altstadt und Innenstadt und hat eine kleine Dachterrasse, von der ich über die Dächer bis hinüber zu den Albbergen im Süden schauen kann. Mit meinem Bruder oder mit Golo gehe ich manchmal aus oder schaue einen der alten Siebziger-Filme oder diskutiere über Kunst.
Aber am liebsten bin ich immer noch zuhause, in meiner Wohnung mit den Dachschrägen, großes Wohnzimmer mit einer winzigen Küche, Bad und Schlafzimmer, höre Musik, lese oder schaue fern. Ich kann ganz gut mit mir allein sein und komme dabei zu mir selbst. Dann habe ich die besten Gedanken und Einsichten, und ich muss immer wieder feststellen, dass es mir hier sehr gut geht und ich zufrieden bin mit meinem derzeitigen Leben. So kann es bleiben.
Eine Buchhandlung wie jede andere? Nicht ganz, finde ich. Die Kalliope-Filiale in Reutlingen hat das Konzept der Hauptstelle in Hamburg übernommen.
Ein weites Foyer mit Schütten für preisreduzierte Bücher, Sitzgruppen mit Polstersesseln zum Sitzen und Schmökern, einen Kaffee- und Teeautomaten und im Sommer Kaltwasserspender, Raum zum Stöbern, Bummeln und Herumschauen, in den Regalen nicht die eintönigen Reihen der Buchrücken, sondern Zwischentitel, Abteilungen, Präsentationen und im Raum verteilt viele Thementische und Aufsteller.
Das Konzept zielt nicht mehr nur auf Verkauf, sondern auf Aufenthalt und Muße. Kauferlebnis ist das Schlagwort. Hinten im Eck habe ich meine kleine Regionalia-Abteilung, ich betreue den Bestsellertisch und die Hälfte der Belletristik-Taschenbücher.
Kalliope ist die Muse der epischen Dichtkunst, der Wissenschaft und Philosophie. Der Name ist Programm. Im ersten Stock die Reiseliteratur und die wissenschaftlichen Sachbücher, im zweiten Stock Diverses und das Café, in dem man nach dem Einkauf sitzen und entspannen kann.
In den Regionalia finden sich Bildbände und Historisches zu Reutlingen, Darstellungen des Landkreises, Bücher über die Schwäbische Alb, das Heimatbuch, Mundartliteratur, Possen und Schnurren und vieles mehr. Ich mag das.
Ich sortiere die Bücher nach der Bestsellerliste, ein neuer Dan Brown ist dabei und der neue Ken Follett mit seiner Stonehenge-Saga, und bei den Taschenbüchern ist weiterhin der neue Charlotte Link und die 22 Bahnen der Caroline Wahl vorn.
Eine Kundin kommt und fragt nach dem Buch einer amerikanischen Autorin, irgendetwas mit blauen Augen, sagt sie, ich lege den Lázar aus der Hand und schaue im Katalog, ob wir es vorrätig haben.
»Sie meinen sicher Sehr blaue Augen von Toni Morrisson«, sage ich. »Haben wir da.«
Und ich gehe zur Belletristik und ziehe das schmale Büchlein aus der Reihe.
Sie bedankt sich und bewundert, dass wir Fachpersonal solche Dinge wissen.
Zuhause in meiner Bücherwand habe ich eine ganze Abteilung zur deutschen Nachkriegsliteratur. War das Thema meiner Masterarbeit: Die Literatur im Nachkriegsdeutschland 1945 – 1960. Da sind sie alle versammelt, die großen Namen von damals: alle fünf Romane von Max Frisch, Alfred Andersch, Siegfried Lenz mit Deutschstunde und Es waren Habichte in der Luft, einige Titel von Böll nebst seinem Irischen Tagebuch, Günter Grass, dessen Werk viele Kritiker als diskreditiert sehen, weil er zeitweise Mitglied in der Waffen-SS war, was ich Quatsch finde, Martin Walser und seine Bodensee-Trilogie, Wolfgang Koeppens Tauben im Gras und Das Treibhaus und sogar Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob.
Dazu habe ich einige Bücher mit den Briefwechseln zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann, zwischen Wolfgang Koeppen und seinem Verleger Siegfried Unseld und zwischen Siegfried Lenz und Helmut und Loki Schmidt.
In einer zweiten Abteilung stehen die Romantiker, die Jenaer Romantik war mein Prüfungsthema. Novalis, Eichendorff, Tieck, die Gebrüder Schlegel, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Caroline Schlegel, Wilhelm Wackenroder.
Das sind so die Bereiche, in denen ich mich wirklich gut auskenne. Meine Spezialgebiete. Da macht mir niemand etwas vor. Ich lese die Bücher heute noch und habe die Nachkriegsautoren bis in die Gegenwart fortgesetzt. Leider werden diese Bücher nur selten verlangt.
Das Anliegen der Romantiker, die Universalpoesie, habe ich damals im Studium sofort verstanden. Die unstillbare Sehnsucht nach einer metaphysischen Verankerung.
Metaphysische Verankerung, denke ich dort am Bestsellertisch mit dem neuen Krimi von Ellen Sandberg in der Hand: Das suche ich jetzt im Grunde auch.
Was mir in der Regionalia-Abteilung aufgefallen ist, sind die schmalen Albbändchen von Reiner Schmeichle, Skizzen, Geschichten und Erlebnisberichte von dessen Streifzügen auf der Schwäbischen Alb. Erzählende Texte mit einer Sprache wie äugiges Holz, Wissenswertes über Geologie, Geschichte und Brauchtum der Alb eingearbeitet, eine Ortskunde im besten Sinne mit vielen Winkeln und Schauplätzen abseits der bekannten Wege.
Ich habe mir diese Bändchen gekauft, alle fünf, und bin gespannt, ob weitere nachfolgen. Der Autor ist laut Vita 65 Jahre alt und pensionierter freikirchlicher Pastor, hat Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte und dann Theologie studiert, in Tübingen, aber lange vor meiner Zeit. Er war zehn Jahre in Hamburg, wie ich. Er ist gläubiger Christ und veröffentlicht neben den Albbändchen christliche Romane in einem Print-on-Demand-Verlag.
Ich habe in unserem VLB nachgeschaut und entdeckt, dass es eine ganze Reihe von Büchern von ihm gibt. Auf gut Glück habe ich mir seinen letzten gekauft, Der leere Himmel heißt er, und habe ihn zuhause gelesen, abends beim Tee, statt Musik zu hören oder fernzusehen. Ich muss sagen, ich war sehr angetan. Es wird die Geschichte von einem ehemaligen Prediger erzählt, der in einer Glaubenskrise steckt und in seinem Wochenendhaus auf Sylt eine junge todkranke Frau kennen lernt. Er verliebt sich in sie, obwohl das keine Zukunft haben wird, und findet aus seiner Krise heraus.
Ich erinnere mich an meine damaligen Besuche in der christlichen Buchhandlung Philadelphia in der Altstadt gegenüber dem Teeladen. Die gibt es leider nicht mehr, das Einzige, was während meiner Abwesenheit verschwunden ist und einen beklagenswerten Verlust darstellt. Der alte Inhaber, dessen Tochter zu mir auf die Grundschule ging, fand keinen Nachfolger. Das ist schade. Ich halte eine christliche Buchhandlung in einer Stadt für notwendig. Sie setzt unverwechselbare Akzente und bietet literarische Perspektiven, die man auf dem Büchermarkt selten findet.
Dort, in der Philadelphia, habe ich damals immer nach ernstzunehmender, anspruchsvoller christlicher Belletristik gesucht. Romane, die von Gott und vom Glauben handeln in einer zufriedenstellenden literarischen Qualität. Aber ich fand nur Bibelgeschichten und Frauenromane à la Rosamunde Pilcher, die Frömmigkeit darin oberflächlich und seicht.
Und wenn ich nun den Leeren Himmel anschaue, habe ich den Eindruck, das gefunden zu haben, was ich damals suchte: eine anspruchsvolle christliche Literatur, die den Namen verdient.
Ich würde den Mann gerne einmal kennen lernen. Er scheint ein hiesiger Autor zu sein, denn Gisela, meine Kollegin, hat mir von einem Autor erzählt, der immer kommt und sein eigenes Buch bestellt. Sie hat die Adresse und den Namen des Kunden, und tatsächlich ist es Reiner Schmeichle.
Gisela wundert sich darüber, dass er sein eigenes Buch kauft, aber ich erkläre ihr, dass diese Print-on-Demand-Verlage keine Autorenexemplare verschicken. So besorgt er sich selbst eins.
Ich habe Gisela gebeten, mir Bescheid zu geben, wenn er das nächste Mal kommt. Ich möchte ihn ansprechen und fragen, ob wir uns einmal in Ruhe über ihn und seinen Glauben unterhalten können. Ich könnte mich auch an seine Adresse wenden, die er bei der Bestellung hinterlassen hat, eine Straße am Südhang der Achalm, aber ich möchte das persönlich machen. Das gehört sich so.
Einstweilen empfehle ich seine Albbändchen jedem heimatkundlich Interessierten, der sich bei den Regionalia umschaut.
Dann helfe ich Gisela, die neue Lieferung auszupacken und zu katalogisieren. Die Zeit vergeht schnell in der Kalliope.
Golo kenne ich seit dem Studium. Ich habe ihn in Tübingen auf einer Vernissage in der Galerie Wolf im Ammerviertel kennen gelernt. Golo ist Künstler, hat sich über die Region hinaus einen Namen gemacht. Er ist Grafiker und Bildhauer, macht Holzschnitte, Lithographien und kleine Bronzeskulpturen, bizarre Menschenfiguren à la Giacometti.
Wir haben uns gleich verstanden damals, und erkannt, dass wir auf derselben Wellenlänge funken. Ich war oft bei ihm in seiner Atelierwohnung am Stadtpark in Reutlingen und habe mit ihm nächtelang über Kunst und Wahrheit diskutiert.
Golo hat ein eigenwilliges Konzept für sein künstlerisches Schaffen. Einmal fragte ich ihn, ob er sich nicht einmal an japanischen Farbholzschnitten versuchen will, die Ukiyo-e von Hiroshige und Hokusai als Vorbild, aber er hat nur den Kopf geschüttelt.
»Ich halte nichts von Farbe«, hat er gesagt. »Farbe lenkt ab. Farbe ist Gefühl, Stimmung, Psychologie. Ich portraitiere nicht die bunte, vergängliche Tautropfenwelt wie die Japaner. Ich versuche, das Grundmuster darzustellen, die Matrix der Wirklichkeit. Ich brauche den Schwarzweißkontrast, das Hell und Dunkel, das Yin und Yang, die klare Linie, den Umriss.«
Das sieht man in seinem Werk. Seine Drucke faszinieren mich. Sie sind expressiv und rau, zugleich aber bezwingend plausibel und ästhetisch. Keine Dekoration für Wohnzimmerwände, aber ein ikonischer Blickfang, der berührt und zum Innehalten bewegt.
Golo hat eine Reihe von Holzschnitten zu den Hexagrammen des I Ging heraus gebracht, bei denen er intuitiv und meditativ die Bedeutung der Bilder zu erfassen versuchte, sagt er.
Er schreibt auch eigenwillige Kurzgedichte und hat schon Bände mit Gedichten zu seinen Lithographien veröffentlicht. Besonders der Formengang der Schwäbischen Alb hat es ihm angetan, und wie HAP Grieshaber portraitiert er die Landschaft fast abstrakt, als Verteilung von Hell- und Dunkelflächen und als Konstellation von Linien.
Er liebt die Alb, ihren Formenschatz, sagt er, der vom Karst und vom Kalkstein geprägt ist. Der Lauf der Jahrmillionen spiegelt sich in ihr wider, und ihre herbe Schönheit hat es ihm angetan.
Golo hat das Werk von Grieshaber, der 1981 gestorben ist, eingehend studiert. Vor unserer Zeit.. Golo nennt seine Alblithographien Wacholderstunden nach dem Gedicht der einstigen Lebensgefährtin Grieshabers, Margarete Hannsmann. Mit ihr zusammen veröffentlichte Grieshaber 1968 das Werk Die rauhe Alb mit zwölf Holzschnitten und Gedichten.
Ich verfolge Golos Schaffen jetzt schon über zehn Jahre. Er ist einige Jahre älter als ich, Mitte vierzig, und lebt mit Amber zusammen, einer exquisiten jungen Frau, die immer in Grün gekleidet ist. Amber von Weyrauch ist von niederem Adel, aber in ihrer Familie ist davon nichts mehr übrig. Sie hat Modedesign in Reutlingen studiert und arbeitet als selbständige Modedesignerin, besitzt ein eigenes Modelabel. Wie viel ihres Vermögens auf geschäftlichen Erfolg und wie viel auf Familienerbe zurückzuführen ist, bleibt unbekannt.
Golo hat mich in Hamburg zweimal besucht, sogar einmal von Schweden aus, wo er einige Jahre lebte. Ansonsten haben wir immer Mailkontakt gehalten und telefoniert. Wir freuen uns beide, dass ich jetzt wieder hier bin und wir uns sehen können, wann wir wollen.
Golo und ich diskutieren oft die Nächte durch, bei Unmengen des schwedischen Kaffees in der lila Packung, den Golo sich seit seiner Zeit in Schweden von einem Onlinehandel schicken lässt.
Weil er ein Albliebhaber ist, habe ich ihm die Albbändchen von Schmeichle gezeigt. Er war sehr interessiert, vor allem die kurzen Landschaftsskizzen darin haben ihn inspiriert. Er hat mich gebeten, ihm Schmeichles Adresse zu geben, damit er Kontakt mit ihm aufnehmen kann. Ihm schwebt ein Band mit Holzschnitten und Albtexten von Schmeichle vor. Ob er ihn inzwischen angerufen hat, weiß ich nicht.
Von seinem verstorbenen Vater hat Golo dessen Bibliothek geerbt. Der war Deutschlehrer und hinterließ ihm zahlreiche Bücher von namhaften Autoren. Golo ist froh über dieses väterliche Andenken und hat die Bücher einstweilen, bis er Platz findet, in Kartons eingelagert.
Darum beneide ich ihn ein wenig, ehrlich gesagt.. Ich wäre auch gern Erbe einer solchen Bibliothek, aber bei meinem Vater gibt's nichts zu vererben. Seine »Bibliothek« besteht aus einem Regalbrett voller Simmel und Konsalik.
Mein Vater ist ein einfacher Mann. In den Sechzigern geboren, Ausbildung zum Industrie-Werkmeister, war angestellt beim Bosch hier in der Stadt, dann hat er ungesattelt auf Krankenpfleger und lange in der Diakonischen Stiftung gearbeitet, wie meine Mutter auch. Ich kokettiere manchmal damit, ein Arbeiterkind zu sein, mich hochgearbeitet zu haben. Meine Eltern haben mir ermöglicht zu studieren. Dafür bin ich ihnen dankbar.
Aber das stimmt ja nicht. Ich habe mich nicht hochgearbeitet. Ich bin Master of Arts, aber das ist auch schon alles. Ich habe es zu nichts weiter gebracht als zum Buchverkäufer. Für diesen Job bin ich sicherlich überqualifiziert, aber ich habe damals nichts anderes gefunden und hatte die erfolglose Bewerberei satt. Außerdem macht mir die Arbeit Spaß, und ich habe mit Literatur zu tun.
Heute ist Krämermarkt. Er erstreckt sich über den ganzen Marktplatz und ein Stück die Wilhelmstraße hinauf. Alles Fußgängerzone. Gediegene Buden mit Kleiderhändlern, Lederwaren, Haushaltsgegenständen, Süßigkeiten, ein Imbiss, an dem es die lange Saftwurst gibt, die ich schon als Kind geliebt habe, und wenn ich über den Markt bummle, versetzt mich der rotweiße Pfefferminzbruch in den gestreiften Tüten tatsächlich in meine Kindheit zurück.
Ja, ich fühle mich aufgehoben hier, in meiner Heimat- und Geburtsstadt. Ich schaue mir das Angebot der Fliegenden Händler an und treffe manchmal Bekannte und Freunde von früher.
Als ich weitergehe, sehe ich eine Frau in meinem Alter an einem Stand für Holzmodels stehen. Ich schaue noch einmal hin und bin mir sicher: Es ist Marie!
Marie, mit der ich zusammen war, bevor ich nach Hamburg ging. Während des Studiums. Sie wohnte in Reutlingen, wir besuchten uns regelmäßig. Sie arbeitete als Erzieherin in einer Kita draußen in Orschel-Hagen.
Haben wir uns geliebt? Schwer zu sagen. Ich hätte mir vorstellen können, mein weiteres Leben mit ihr zu verbringen, aber nach dem Studium bekam ich keine Stelle.
Dann fand ich per Zufall eine Anzeige als Buchverkäufer und Abteilungsleiter in der Kalliope-Buchhandlung in Hamburg, bewarb mich als Quereinsteiger und bekam die Stelle.
Ich überlegte damals nicht lange. Die Beziehung mit Marie schien mir kein Hindernis. Vielleicht bildete ich mir ein, ich könnte sie als Fernbeziehung weiterführen, aber das verlief rasch im Sande. Wir haben uns dann irgendwann nicht mehr geschrieben, aber als klar war, dass ich in meine Heimatstadt zurückkehren würde, kam mir schon der Gedanke, dann auch Marie wiederzusehen.
Ich googelte nach ihrer Adresse, nach ihrem Namen, fand aber nichts. Vielleicht hat sie geheiratet und ihren Namen geändert?
Ich werde es gleich wissen, sage ich mir, trete hinter sie und sage:
»Hallo, Marie!«
Sie dreht sich überrascht um und stutzt.
»Jannis!«, entfährt es ihr. »Was machst du denn hier?«
»Ich wohne wieder hier. Ich bin aus Hamburg zurück. Wie schön, dich wiederzusehen!«
Sie verzieht den Mund und bezahlt die Springerform, die sie ausgesucht hat. Der Händler verpackt sie in einer Papiertüte.
Ich begleite sie auf ihrem Gang über den Markt. Mit ihr an meiner Seite ist es fast wie früher, als Kind. Am Imbiss brutzeln die Riesensaftwürste wieder auf dem Blech, eine Lange bitte, sage ich, aber bitte nicht brechen! Ich bekomme sie am Stück in einem Brötchen, streiche Senf darauf und knabbere sie Bissen für Bissen von den Enden her.
»Dort oben unterm Dach war die Schneiderei meiner Oma«, erzähle ich. »Und in der schmalen Gasse das Kino. Jugendfilmclub. Das waren noch Zeiten!«
Wir schieben uns durch das Gedränge,
Sie hört schweigend zu, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Sie ist wohl ziemlich überrascht von unserem Wiedersehen und scheint nicht zu wissen, was sie damit anfangen soll.
»Weißt du noch«, erzähle ich, »damals im Studium? Als wir mit meinem alten Polo an den Bodensee gefahren sind?«
»Und dann bist du nach Hamburg gegangen«, sagt Marie lakonisch und schaut mich nicht an dabei.
»Ja«, gestehe ich, »es hat mich damals in die Großstadt gezogen. Und es war die erste Stelle, die ich bekam. Ich musste zugreifen.«
Rechtfertige ich mich? Wirft mir Marie das vor?
»Und jetzt bist du wieder hier«, stellt sie fest.
»Ja, es hat mich zurück in die Heimat gezogen«, sage ich. »Ich will mich endlich verwurzeln«, sage ich. »Sesshaft werden, auch innerlich.«
»So so«, sagt sie nur.
Dann steigen wir ins Obergeschoss des Cafés am Markt, setzen uns in den Erker und schauen hinab auf das Marktgewühl. Sie nimmt einen Latte, ich bestelle einen Irish Coffee.
»Was willst du jetzt machen?,« fragt sie nebenhin.
»Um deine Hand anhalten«, scherze ich und lache.
»Ich bin geschieden und habe ein Kind«, sagt sie ernst. »Du gehst für zehn Jahre nach Hamburg und kommst zurück und denkst, es ist alles beim Alten. Du machst es dir ganz schön einfach, Jannis!«
