Die falsche Tochter - Nora Roberts - E-Book

Die falsche Tochter E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Als die Archäologin Callie Dunbrook an den Fundort eines fünftausend Jahre alten menschlichen Schädels gerufen wird, ahnt sie nicht, dass dieses Projekt auch ihre eigene Vergangenheit heraufbeschwören wird. Zuerst muss sie erfahren, dass sie ausgerechnet mit ihrem Exmann Jake eng zusammenarbeiten soll, und dann sieht sie plötzlich ihre ganze Identität infrage gestellt. Denn eine fremde Frau, angeblich ihre leibliche Mutter, behauptet, dass Callies Eltern sie als Kind entführt haben. Heimlich stellt Callie Nachforschungen an — und fördert Erschreckendes zutage …

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Das Buch

Ein aufsehenerregender Fund in den Blue Ridge Mountains führt die junge Archäologin Callie Dunbrook in den verschlafenen Ort Woodsboro. Als sie dort erfährt, dass sie als Leiterin des Projekts eng mit ihrem Exmann, dem Anthropologen Jake Greystone, zusammenarbeiten soll, ist sie alles andere als begeistert. Noch dazu wird Callie das dumpfe Gefühl nicht los, dass in Woodsboro Gefahr auf sie lauert. Als eine Unbekannte am Ausgrabungsort auftaucht und Callie ein Geheimnis aus deren Kindheit anvertraut, sieht diese plötzlich ihre ganze Identität infrage gestellt. Denn die Frau behauptet, Callie sei ihre Tochter, die als Baby aus dem Kinderwagen entführt wurde. Die erfolgreiche Archäologin steht vor ihrer größten Herausforderung: der Suche nach der Wahrheit über ihre eigene Vergangenheit.

Die Autorin

Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren und gehört heute zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von weit über 400 Millionen Exemplaren. Auch in Deutschland erobert sie mit ihren Romanen regelmäßig die Bestsellerlisten. Zuletzt erschienen bei Diana Sommerflammen, Die Tochter des Magiers und Lockruf der Gefahr. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Keedysville/Maryland.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungPROLOGTEIL I - Die oberste Schicht
Kapitel 1Kapitel 2
Copyright

Für meinen geliebten Kayla, das neue Licht meines Le- bens. Meine Wünsche für dich lassen sich nicht zählen, also wünsche ich dir einfach Liebe. Sie bewirkt allen Zauber, alles Reale, alles, was wirklich zählt.

Schenk einem Kind ein Lächeln,Und im Himmel läuten die Freudenglocken.Gib einem Kind ein Heim,Und du baust himmlische Paläste.Bring ein Kind zur Welt,Und Jesus, unser Retter, wird wieder geboren.

JOHN MASEFIELD

Erkenne dich selbst.

INSCHRIFT AUF DEM TEMPEL DES APOLLO IN DELPHI

PROLOG

12. Dezember 1974

Douglas Edward Cullen musste dringend Pipi machen. Schuld daran waren seine Nervosität, die Aufregung und die Cola, die er bei McDonald’s bekommen hatte, damit er artig war, während Mama einkaufte.

Gequält trat er von einem Fuß auf den anderen. Wie gern wäre er jetzt einfach losgerannt, oder wie gern hätte er laut geschrien! Sein Herz klopfte so heftig, dass er fast das Gefühl hatte zu explodieren.

Er liebte es, wenn im Fernsehen etwas explodierte.

Aber Mama hatte zu ihm gesagt, er müsse artig sein. Wenn kleine Jungen nicht artig waren, steckte der Nikolaus statt Spielzeug Kohle in ihre Strümpfe. Douglas wusste nicht genau, was Kohle war, aber dass er lieber Spielzeug wollte, das wusste er. Also stellte er sich nur vor, dass er schreien und rennen würde – wie immer, wenn es wirklich wichtig war, leise zu sein, und so, wie es ihm sein Daddy beigebracht hatte.

Der große Schneemann neben ihm grinste. Er war sogar noch dicker als Douglas’ Tante Lucy. Douglas wusste nicht, wovon sich Schneemänner ernährten, aber dieser hier aß sicherlich immer eine Menge.

Die leuchtend rote Nase von Rudolf, dem Rentier, blinkte immerzu, bis alles vor Douglas’ Augen verschwamm. Er versuchte, sich dadurch abzulenken, dass er die roten Punkte zählte, die vor seinen Augen tanzten, so wie Graf Zahl es immer in der Sesamstraße tat.

Eins, zwei, drei! Drei rote Punkte! Hahaha!

Aber es half nichts. Es wurde ihm sogar ein bisschen übel dabei.

Im Einkaufszentrum war es laut, von überall her ertönte Weihnachtsmusik, die Douglas’ Ungeduld noch verstärkte, dazu das Schreien anderer Kinder, weinende Babys …

Seit er eine kleine Schwester hatte, kannte er sich aus mit Babys. Wenn sie weinten, musste man sie auf den Arm nehmen, mit ihnen umhergehen und ihnen dabei etwas vorsingen. Oder man musste sich mit ihnen in den Schaukelstuhl setzen und ihnen so lange vorsichtig auf den Rücken klopfen, bis sie ein Bäuerchen machten.

Wenn Babys ganz laut rülpsten, brauchten sie sich nicht dafür zu entschuldigen. Klar, Babys konnten ja noch gar nicht sprechen.

Im Moment weinte Jessica jedoch nicht. Sie schlief in ihrem Buggy und sah in ihrem roten Kleidchen mit den weißen Rüschen wie eine Babypuppe aus. So nannte Grandma Jessica immer: ihre kleine Babypuppe. Aber manchmal schrie seine Schwester auch und hörte gar nicht mehr auf. Dann wurde ihr Gesicht ganz rot und verschrumpelt, und nichts konnte sie vom Schreien abhalten, weder das Singen noch das Hinundhergehen und auch nicht der Schaukelstuhl.

Douglas fand, dass Jessica in solchen Momenten gar nicht mehr wie eine Babypuppe aussah, sondern eher gemein und böse. Mama war dann immer zu müde, um mit ihm zu spielen. Bevor Jessica in ihren Bauch gekommen war, war sie nie zu müde dazu gewesen.

Aber meistens war es ganz in Ordnung, eine kleine Schwester zu haben. Douglas beobachtete gern, wie sie mit den Beinen strampelte. Und wenn sie manchmal nach seinem Finger griff und ihn richtig fest umklammerte, musste Douglas immer lachen.

Grandma sagte oft, er müsse Jessica beschützen, weil er ihr großer Bruder sei. Er hatte sich schon so viele Gedanken darüber gemacht, dass er sich eines Nachts sogar neben Jessicas Wiege auf den Fußboden gelegt hatte, für den Fall, dass die Monster, die im Schrank lebten, herauskämen und sie im Schlaf auffressen wollten. Aber am nächsten Morgen war er in seinem eigenen Bett aufgewacht. Vielleicht hatte er ja auch nur geträumt, dass er in Jessicas Zimmer gegangen war, um sie zu beschützen.

In diesem Augenblick bewegte sich die Schlange der wartenden Kinder weiter vor, und Douglas schielte ein wenig unbehaglich zu den Elfen hinüber, die um den Stand herumtanzten. Obwohl sie lächelten, wirkten sie ein wenig böse und gemein – wie Jessica, wenn sie so richtig laut schrie.

Wenn seine Schwester nicht endlich aufwachte, würde sie nicht beim Nikolaus auf dem Schoß sitzen können. Aber irgendwie wäre es ja auch blöd für Jessie, so fein gemacht auf seinem Schoß zu sitzen, wo sie ihm doch nicht einmal sagen könnte, was sie sich zu Weihnachten wünschte. Aber Douglas konnte es. Er war schon dreieinhalb Jahre alt – ein großer Junge, das sagten alle.

Jetzt beugte sich seine Mama zu ihm herunter und fragte ihn leise, ob er Pipi machen müsse. Er schüttelte den Kopf. Mama sah schon wieder so müde aus, und Douglas hatte Angst, dass sie sich wieder hinten anstellen würden und er nicht zum Nikolaus auf den Schoß käme, wenn sie jetzt zur Toilette gingen. Lächelnd drückte seine Mama ihm die Hand und versicherte ihm, es würde jetzt nicht mehr lange dauern.

Er wünschte sich ein Hot Wheels und einen G. I. Joe, eine Garage von Fisher Price, ein paar Matchbox-Autos und einen großen, gelben Bulldozer, wie ihn sein Freund Mitch zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Jessica war noch zu klein, um mit richtigem Spielzeug zu spielen. Sie hatte nur hübsche Kleider und Plüschtiere, richtigen Mädchenkram eben. Mädchen waren ganz schön blöd, aber Babys eigentlich noch mehr.

Doch Douglas würde dem Nikolaus trotzdem von Jessica erzählen, damit er nicht vergaß, auch für sie Geschenke mitzubringen, wenn er durch den Kamin in ihr Haus kam.

Mama unterhielt sich jetzt mit jemandem, aber Douglas hörte nicht hin. Das Gerede der Erwachsenen interessierte ihn nicht. Dann bewegte sich die Schlange der Wartenden erneut weiter, und Douglas konnte durch eine Lücke zwischen den Leuten den Nikolaus sehen. Er war groß – viel größer als in den Zeichentrickfilmen oder den Bilderbüchern, schien es Douglas – und saß auf einem Thron. Zahlreiche Elfen, Rentiere und Schneemänner standen und tanzten um ihn herum und lächelten breit. Nikolaus’ Bart war so lang, dass Douglas sein Gesicht kaum erkennen konnte. Und als er ein dröhnendes »Ho, Ho, Ho!« ausstieß, hatte Douglas das Gefühl, als drückte es ihm direkt auf die Blase. Aber er war jetzt ein großer Junge, ganz bestimmt. Er hatte keine Angst vor Santa Claus.

In diesem Moment zog seine Mama ihn an der Hand und sagte, er sei jetzt an der Reihe und solle nach vorn gehen. Auch sie lächelte. Douglas trat einen Schritt vor, dann noch einen, und seine Beine begannen zu zittern. Der riesige Niklaus zog ihn auf den Schoß. Frohe Weihnachten! Warst du auch brav?

Vor Entsetzen wurde es Douglas eiskalt. Die Elfen kamen immer näher, Rudolfs rote Nase blinkte. Der Schneemann wandte seinen großen runden Kopf um und grinste Douglas höhnisch an. Der große Mann in dem roten Anzug hielt ihn fest umklammert und blickte ihn aus winzigen Knopfaugen an.

Schreiend und strampelnd rutschte Douglas vom Schoß des Nikolaus hinunter und landete unsanft auf dem Boden. Und dann konnte er das Pipi nicht mehr zurückhalten. Menschen umringten ihn und redeten auf ihn ein, aber er rollte sich zusammen und weinte jämmerlich. Dann war auf einmal Mama da, zog ihn an sich und sagte zu ihm, es sei alles in Ordnung. Sie wischte an ihm herum, weil er sich die Nase gestoßen hatte und blutete. Dann küsste sie ihn und schimpfte auch gar nicht, weil er sich in die Hose gemacht hatte. Schluchzend kuschelte Douglas sich an sie. Mama umarmte ihn fest und hob ihn hoch, sodass er sein Gesicht an ihrer Schulter verbergen konnte. Leise Trostworte murmelnd, drehte sie sich mit ihm zu Jessicas Buggy um. Und dann begann sie plötzlich zu schreien und rannte los.

Douglas klammerte sich an ihr fest und blickte nach unten. Der Buggy war leer.

TEIL I

Die oberste Schicht

Auf der Oberfläche der Dinge können wir gehen, wohin wir wollen; es war immer schon jemand vor uns da.

HENRY DAVID THOREAU

1

Das Bauvorhaben am Antietam Creek wurde abrupt gestoppt, als die Schaufel von Billy Youngers Bagger den ersten Schädel zutage förderte.

Für Billy, der schwitzend und fluchend in seiner Baggerkabine gehockt hatte, war es eine unliebsame Überraschung. Ihm war es vollkommen egal, was mit dem Gelände geschehen sollte, und selbst in dieser grauenhaft feuchten Julihitze gefiel ihm nichts besser, als mit der Baggerschaufel in das Erdreich zu fahren und große Brocken herauszuholen. Ein Job war nun einmal ein Job, und Dolan bezahlte gut, fast so viel, dass es Bill für die ständigen Tiraden seiner Frau entschädigte.

Missy war entschieden gegen die Bebauung des Grundstücks und hatte Billy an diesem Morgen bereits mit schriller Stimme einen Vortrag gehalten, während er versucht hatte, sein Spiegelei und die Würstchen zu essen. Mit ihrem verfluchten Nörgeln hatte sie ihm regelrecht das Frühstück verdorben, dabei musste ein Mann doch etwas Anständiges im Magen haben, wenn er den Rest des Tages schuften sollte. Den ganzen Vormittag hatten ihm die wenigen Bissen, die er herunterbekommen hatte, wie ein Stein im Magen gelegen. Und als ihn jetzt aus der dunklen, fruchtbaren Erde ein schmutziger Schädel mit leeren Augenhöhlen angrinste, schrie der 233 Pfund schwere Billy entsetzt auf, sprang behände wie ein Tänzer von seiner Maschine herunter und rannte so schnell quer über die Baustelle davon, wie er in seinen besten Tagen auf der Highschool rund um den Sportplatz gerannt war.

Ihm war klar, dass ihn seine Kollegen gnadenlos mit dieser schreckhaften Reaktion aufziehen würden. Wahrscheinlich würde er am Ende seinem besten Freund die Nase blutig schlagen müssen, um zu beweisen, dass er trotz allem ein Mann war. Es dauerte eine Weile, bis Billy wieder zu Atem gekommen war und die ersten zusammenhängenden Sätze hervorbringen konnte. Er erstattete dem Vorarbeiter Bericht, der daraufhin sofort Ronald Dolan und den Bezirkssheriff informierte.

Als der Bezirkssheriff eintraf, hatten neugierige Arbeiter bereits weitere Knochen freigelegt. Der Sheriff ließ den Gerichtsmediziner holen, und schon bald tauchte auch ein Reporter von der Lokalzeitung auf, um Billy, Dolan und weitere Personen zu befragen. In Windeseile verbreiteten sich die ersten Gerüchte. Es war die Rede von Mord, von Massengräbern und Serienkillern, und als die Untersuchung abgeschlossen war und sich herausgestellt hatte, dass die Knochen sehr alt waren, wussten einige Leute nicht, ob sie erfreut oder enttäuscht sein sollten.

Für Dolan jedoch, der gegen Petitionen, Protestkundgebungen und Einwände gekämpft hatte, um das Bauprojekt auf dem fruchtbaren Ackerland durchzusetzen, spielte das Alter der Knochen keine Rolle. Allein die Tatsache, dass sie gefunden worden waren, war ihm ein Ärgernis.

Und als zwei Tage später Lana Campbell, eine Anwältin aus der Stadt, die es aufs Land verschlagen hatte, ihre Beine übereinander schlug und Dolan spöttisch anlächelte, musste er sehr an sich halten, um ihr nicht in ihr hübsches Gesicht zu springen.

»Die gerichtliche Verfügung ist glasklar«, erklärte Lana. Sie hatte am schärfsten gegen die Bebauung protestiert und jetzt allen Grund zum Lächeln.

»Sie brauchen keine gerichtliche Verfügung. Ich habe die Arbeiten ohnehin einstellen lassen und arbeite mit der Polizei und der Planungskommission zusammen.«

»Es ist nur eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Die Bezirksplanungskommission gibt Ihnen sechzig Tage Zeit, um einen Bericht vorzulegen und sie davon zu überzeugen, dass Sie mit der Bebauung fortfahren können.«

»Ich kenne die Bestimmungen, Schätzchen. Meine Firma baut seit sechsundvierzig Jahren Häuser in dieser Gegend.«

Dolan nannte die Anwältin absichtlich »Schätzchen«, um sie zu ärgern, doch Lana grinste nur. »Die Umweltschutzorganisation und die historische Gesellschaft haben mich engagiert, ich tue nur meine Arbeit. Mitglieder der archäologischen und anthropologischen Fakultäten der Universität von Maryland wollen das Gelände besichtigen. In ihrem Namen bitte ich Sie um Erlaubnis, dass sie Proben mitnehmen und untersuchen dürfen.«

»Engagierte Anwältin, Vertreterin der Universität.« Dolan, ein kräftig gebauter Ire mit rötlichem Gesicht, lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. »Sie haben viel zu tun.«

Er hakte die Daumen in seine roten Hosenträger, die er immer über einem blauen Arbeitshemd trug. Er betrachtete sie als Teil seiner Uniform, die ihn als Mitglied der arbeitenden Klasse auswies, ohne die seine Stadt und das ganze Land nicht zu dem geworden wären, was sie waren. Wie auch immer sein Bankkonto aussehen mochte – und er kannte den Betrag bis auf den Penny genau –, er brauchte keine vornehmen Kleider oder schicke Autos, um etwas darzustellen. Im Unterschied zu der hübschen Anwältin aus der Stadt war er in Woodsboro geboren und aufgewachsen. Und niemand, weder sie noch sonst irgendjemand, musste ihm sagen, was seine Gemeinde brauchte. Er wusste besser als die meisten anderen Leute, was für Woodsboro gut war. Er war ein Mann, der nach vorn blickte und sich um seine Zukunft kümmerte.

»Wir haben beide viel zu tun, deshalb komme ich gleich auf den Punkt.« Lana war entschlossen, das siegessichere Grinsen von Dolans Gesicht zu wischen. »Sie können mit den Bauarbeiten erst fortfahren, wenn das Gelände vom Bezirk überprüft und freigegeben worden ist. Dazu müssen Proben entnommen werden. Falls Kunstgegenstände ausgegraben werden, nützen sie Ihnen sowieso nichts. Wenn Sie sich in dieser Angelegenheit kooperativ verhalten, können unsere PR-Probleme dadurch beigelegt werden.«

»Für mich sind es keine Probleme.« Dolan hob seine großen Arbeiterhände. »Menschen brauchen Häuser. Die Gemeinde braucht Jobs. Das Bauvorhaben am Antietam Creek schafft beides. So etwas nennt man Fortschritt.«

»Dreißig neue Häuser. Mehr Verkehr auf Straßen, die nicht dafür ausgelegt sind, Schulen, die bereits jetzt überfüllt sind, der Verlust von Freiflächen und Ackerland.«

Das »Schätzchen« hatte Lana nicht erschüttern können, doch jetzt spürte sie den alten Ärger wieder in sich aufsteigen. Sie holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. »Die Gemeinde hat sich gegen das Bauprojekt gewehrt. So etwas nennt man Verlust von Lebensqualität. Aber das ist ein anderes Thema«, fügte sie hinzu, bevor er etwas erwidern konnte. »Bis die Knochen überprüft worden sind, arbeiten Sie nicht weiter.« Sie tippte mit dem Finger auf die gerichtliche Verfügung. »Sie werden diesen Prozess sicher beschleunigen wollen, indem Sie die Tests bezahlen, nicht wahr? Radiokarbonmethode.«

»Bezahlen …«

Na, dachte sie, wer ist jetzt der Sieger? »Das Land gehört Ihnen, und damit gehören Ihnen auch die Fundstücke.« Lana hatte ihre Hausaufgaben gemacht. »Sie wissen, dass wir Sie mit Gerichtsbeschlüssen und einstweiligen Verfügungen überschütten werden, bis das alles geklärt ist. Bezahlen Sie die zwei Dollar, Mr Dolan«, erklärte sie und stand auf. »Ihre Anwälte werden Ihnen das Gleiche raten.«

Lana wartete, bis sie Dolans Bürotür hinter sich geschlossen hatte. Erst dann ließ sie es zu, dass sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Sie trat aus dem Gebäude und atmete die schwüle Sommerluft ein, während sie die Hauptstraße von Woodsboro entlangblickte. Beinahe wäre Lana wie eine Zehnjährige über den Gehweg gehüpft. Dies war jetzt ihre Stadt, ihr Zuhause. Sie hatte es schon so empfunden, als sie vor zwei Jahren von Baltimore nach Woodsboro gezogen war. Sie mochte diese kleine Stadt voller Tradition und Geschichte im Schatten der fernen Blue Ridge Mountains, die so weit vom großstädtischen Treiben Baltimores entfernt war.

Lana war in der Großstadt geboren und aufgewachsen und hatte sich mit der Entscheidung, nach Woodsboro zu ziehen, sehr schwer getan. Aber nachdem sie ihren Mann verloren hatte, konnte sie Baltimore, wo sie so viel an ihn erinnerte, nicht mehr ertragen. Steves Tod hatte sie völlig aus der Bahn geworfen, und es dauerte fast sechs Monate, bis sie die Trauer einigermaßen überwunden hatte und sich erneut dem Leben stellen konnte. Doch sie vermisste Steve noch immer schmerzlich. Er hatte eine große Lücke hinterlassen, die noch nicht wieder geschlossen war. Aber Lana musste funktionieren, schließlich hatte sie Tyler. Ihr Baby, ihren Jungen, ihren kleinen Schatz. Sie konnte ihm seinen Daddy nicht zurückbringen, aber sie konnte dafür sorgen, dass er eine schöne Kindheit hatte. In Woodsboro hatte Ty genug Platz zum Toben, er hatte einen Hund, Nachbarn und Freunde – und eine Mutter, die alles Menschenmögliche tat, um ihn sicher und glücklich aufwachsen zu lassen.

Im Gehen blickte Lana auf ihre Armbanduhr. Heute war Ty nach der Vorschule mit zu seinem Freund Brock gegangen. In einer Stunde würde sie bei Jo, Brocks Mutter, anrufen, um zu hören, ob alles in Ordnung war. An der Kreuzung blieb Lana stehen und wartete darauf, dass die Ampel grün wurde. Es herrschte nicht viel Verkehr, schließlich war Woodsboro eine Kleinstadt.

Lana sah allerdings nicht aus, als lebte sie in einer Kleinstadt. Ihre Garderobe stammte aus jenen Zeiten, als sie noch eine aufstrebende Anwältin in einer großen Kanzlei in der Stadt gewesen war. Jetzt hatte sie ihr Büro in einem Nest auf dem Land, das noch nicht einmal viertausend Einwohner hatte, aber das bedeutete nicht zwangsläufig, dass sie sich nicht weiterhin wie eine erfolgreiche Frau kleiden konnte. An diesem Tag trug sie einen hellblauen Anzug aus kühlem Leinen. Der klassische Schnitt betonte ihre zarte Gestalt. Die blonden Haare, die zu einem Bob geschnitten waren, umrahmten ihr hübsches, jugendliches Gesicht. Lana hatte runde, blaue Augen, weshalb sie irrtümlicherweise oft für arglos gehalten wurde, eine Stupsnase und einen großzügig geschwungenen Mund.

Als sie den »Treasured Pages«-Laden betrat, strahlte sie den Mann hinter der Theke an und tanzte einen kleinen Siegestanz. Roger Grogan nahm seine Lesebrille ab und zog die buschigen, weißen Augenbrauen hoch. Er war ein schlanker, agiler Mann von fünfundsiebzig, bei dessen Anblick Lana immer an einen verschmitzten Kobold denken musste. Er trug ein weißes, kurzärmeliges Hemd, und seine dichten, silberweißen Haare standen ihm wirr und ungezähmt vom Kopf ab.

»Du siehst ziemlich zufrieden aus«, sagte er. Seine Stimme klang wie ein Reibeisen. »Hast du Ron Dolan getroffen?«

»Ich komme gerade von ihm.« Lana wirbelte noch einmal um die eigene Achse und lehnte sich dann an die Theke. »Du hättest mitkommen sollen, Roger, nur um sein Gesicht zu sehen.«

»Du springst zu hart mit ihm um.« Roger tippte mit der Fingerspitze auf Lanas Nase. »Er tut nur das, was er für richtig hält.«

Als Lana den Kopf schief legte und Roger kühl anblickte, lachte er. »Ich sage ja gar nicht, dass ich einer Meinung mit ihm bin. Der Junge ist ein Dickkopf, genau wie sein alter Herr. Er besitzt nicht genug Verstand, um sein Vorhaben noch einmal zu überdenken, obwohl er sieht, dass es in der Stadt zwei verschiedene Lager gibt.«

»Jetzt wird er es noch mal überdenken müssen«, erklärte Lana. »Es wird eine ganze Weile dauern, bis die ausführliche Untersuchung der Knochen abgeschlossen ist. Und wenn wir Glück haben, sind sie alt genug, um eine Menge Aufmerksamkeit zu erregen – nationale Aufmerksamkeit. Wir können das Bauvorhaben monatelang verzögern, vielleicht sogar Jahre.«

»Dolan ist genauso stur wie du. Du hast ihn doch schon monatelang aufgehalten.«

»Er behauptet, das Bauprojekt bedeute Fortschritt für Woodsboro«, murmelte sie.

»Damit steht er nicht allein.«

»Allein oder nicht – es stimmt nun einmal nicht. Man kann Häuser nicht wie Mais pflanzen. Unsere Untersuchungen zeigen …«

Roger hob abwehrend die Hände. »Das brauchst du mir nicht zu erzählen.«

»Ich weiß.« Lana stieß die Luft aus. »Nach der archäologischen Auswertung werden wir mehr wissen. Ich kann es kaum abwarten. Und je länger das Bauvorhaben aufgehalten wird, desto mehr Geld verliert Dolan. Dafür haben wir umso mehr Zeit, Geld zusammenzubekommen. Vielleicht überlegt er sich ja doch noch, das Gelände an die Umweltschutzorganisation zu verkaufen.«

Sie schob sich die Haare aus der Stirn. »Lässt du dich von mir zum Mittagessen einladen? Wir können den Etappensieg feiern.«

»Warum lässt du dich nicht von einem jungen, gut aussehenden Mann zum Mittagessen einladen?«

»Weil ich mein Herz an dich verloren habe, Roger, vom ersten Moment an.« Das war noch nicht einmal besonders weit von der Wahrheit entfernt. »Weißt du was, vergessen wir das Mittagessen. Wir hauen einfach zusammen nach Aruba ab.«

Roger schmunzelte. Er hatte seine Frau im gleichen Jahr verloren wie Lana ihren Mann, und er fragte sich oft, ob das wohl der Grund war, warum so schnell eine tiefe Bindung zwischen ihnen entstanden war. Roger bewunderte Lanas scharfen Verstand, ihren Eigensinn, ihre tiefe Liebe zu ihrem Sohn. Manchmal ging ihm durch den Kopf, dass er irgendwo eine Enkeltochter in demselben Alter haben musste.

»Das würde aber die Gerüchteküche zum Kochen bringen, was?«, sagte er schließlich. »Das wäre der größte Skandal, seit man damals diesen Methodistenpfarrer mit der Chorleiterin erwischt hat. Aber leider muss ich Bücher katalogisieren, die gerade hereingekommen sind. Ich habe keine Zeit für Mittagessen oder tropische Inseln.«

»Ich wusste gar nicht, dass du eine neue Lieferung bekommen hast. Gehört das dazu?« Lana nahm ein Buch in die Hand, und als er nickte, drehte sie es vorsichtig um.

Roger handelte mit seltenen Büchern, und sein winziger Laden glich einer kleinen Kathedrale. Es roch nach altem Leder, altem Papier und nach Old Spice, jenem Rasierwasser, das Roger jetzt schon seit sechzig Jahren benutzte. Ein Antiquariat war nicht gerade die Art von Laden, die man in einem Ort wie Woodsboro erwartete, aber Lana wusste, dass Rogers Kunden – wie seine Bücher – von weither kamen.

»Es ist wunderschön.« Sie fuhr mit dem Finger über den Ledereinband. »Woher stammt es?«

»Aus einem Besitz in Chicago.« In diesem Moment ertönte hinten aus dem Laden ein Geräusch. »Aber es ist mit etwas noch Wertvollerem gekommen.«

Lana sah, wie sich Rogers Gesicht vor Freude erhellte, und drehte sich um. In der Tür, die vom Laden zu der Wohnung im ersten Stock führte, stand ein junger Mann.

Er hatte ein markantes Gesicht, und seine dichten Haare, die bis zum Hemdkragen reichten, waren tiefbraun mit goldenen Lichtern darin. Die Augen waren ebenfalls dunkelbraun und wirkten im Moment ein wenig verdrießlich, ebenso wie der Mund des Mannes. Klug und eigensinnig, dachte Lana als Erstes. Aber vielleicht lag es auch nur daran, dass Roger seinen Enkel oft so beschrieben hatte. Die Tatsache, dass er so aussah, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen und habe sich im letzten Moment noch eine Jeans angezogen, ließ ihn sexy wirken, und zum ersten Mal seit langem verspürte Lana ein gewisses Ziehen in der Magengegend.

»Doug!« Stolz und Liebe schwangen in Rogers Stimme mit. »Ich habe mich schon gefragt, wann du endlich herunterkommst. Das nenne ich perfektes Timing – gerade ist auch Lana gekommen. Ich habe dir ja schon von ihr erzählt. Lana Campbell, mein Enkel, Doug Cullen.«

»Nett, Sie kennen zu lernen.« Sie reichte ihm die Hand. »Seit ich nach Woodsboro gezogen bin, haben wir uns immer verpasst, wenn Sie zufällig mal zu Hause waren.«

Er schüttelte ihr die Hand und musterte sie neugierig. »Sie sind also die Anwältin.«

»So ist es. Ich bin nur kurz vorbeigekommen, um Ihrem Großvater die Neuigkeiten über das Dolan-Bauprojekt zu erzählen. Wie lange bleiben Sie?«

»Ich weiß noch nicht genau.«

»Sie reisen sicher viel, wenn Sie antiquarische Bücher kaufen und verkaufen. Das muss faszinierend sein.«

»Mir gefällt es.«

»Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Doug machen sollte«, warf Roger ein. »Schließlich kann ich nicht mehr so durch die Gegend fahren wie früher. Er hat ein Händchen fürs Geschäft, den richtigen Instinkt sozusagen. Wenn er nicht ständig für mich unterwegs wäre, hätte ich mich schon längst zur Ruhe setzen können – und würde mich wahrscheinlich zu Tode langweilen.«

»Es muss sehr befriedigend sein, wenn man die gleichen Interessen hat und das Familienunternehmen gemeinsam führen kann.« Da Douglas von dieser Unterhaltung offenbar gelangweilt war, wandte sich Lana an seinen Großvater: »Nun, Roger, da du mir einen Korb gegeben hast, mache ich mich wohl wieder an die Arbeit. Sehen wir uns morgen Abend bei der Versammlung?«

»Ja, sicher.«

»Es war nett, Sie kennen zu lernen, Doug.«

»Ja. Bis dann.«

Als Lana die Tür hinter sich geschlossen hatte, stieß Roger einen schweren Seufzer aus. »Bis dann? Fällt dir nichts Besseres ein, wenn du mit einer hübschen Frau redest? Du brichst mir das Herz, Junge.«

»Ich hatte noch keinen Kaffee, und ohne Kaffee kann ich nicht klar denken. Ich bin ja schon froh, wenn ich überhaupt einen einfachen Satz herausbringe.«

»Im Hinterzimmer steht eine Kanne Kaffee«, erwiderte Roger kopfschüttelnd und wies mit dem Daumen in die Richtung. »Das Mädchen ist klug, hübsch, interessant, und«, rief er Doug hinterher, »sie ist zu haben.«

»Ich bin nicht auf der Suche nach einer Frau.«

Der verlockende Duft des Kaffees stieg Doug in die Nase. Er schenkte sich eine Tasse ein und verbrannte sich prompt die Zunge, als er daran nippte.

Er trank noch einen Schluck und blickte dabei seinen Großvater an. »Sie ist ganz schön elegant für Woodsboro.«

»Ich dachte, du hättest gar nicht hingeschaut.«

Doug grinste und sah auf einmal gar nicht mehr so verdrießlich aus. »Sehen und hinschauen ist nicht dasselbe.«

»Sie weiß sich eben zu kleiden. Das bedeutet noch lange nicht, dass sie eingebildet ist.«

»Ich habe es nicht als Beleidigung gemeint«, erwiderte Douglas amüsiert über den brummigen Tonfall seines Großvaters. »Ich wusste ja nicht, dass sie deine Freundin ist.«

»Wenn ich in deinem Alter wäre, wäre sie es bestimmt.«

»Ach, Grandpa!« Vom Kaffee wiederbelebt schlang Douglas Roger den Arm um die Schultern. »Das Alter ist doch völlig unwichtig. Ist es okay, wenn ich mit dem Kaffee nach oben gehe? Ich muss noch aufräumen und will dann Mom besuchen.«

»Ja, ja, bis dann.« Roger wedelte ungeduldig mit der Hand. »Jämmerlich«, murmelte er, als Doug den Laden verlassen hatte.

Callie Dunbrook trank den letzten Schluck aus ihrer Dose Diät-Pepsi, während sie sich durch den Verkehr von Baltimore kämpfte. Sie war zu spät losgefahren, um rechtzeitig in Philadelphia zu sein, wo sie ein dreimonatiges Sabbatical antreten sollte. Als sie der Anruf mit der Bitte um eine Konsultation erreicht hatte, hatte sie weder an die Uhrzeit noch an den üblichen Wahnsinn auf dem Baltimore Beltway um Viertel nach vier an einem Mittwochnachmittag gedacht. Sie hupte und zwängte ihren geliebten alten Landrover in eine Lücke, die eher für ein Spielzeugauto geeignet gewesen wäre. Die finstere Miene des Fahrers, den sie schnitt, bekümmerte sie nicht im Geringsten. Seit sieben Wochen war sie nicht mehr draußen gewesen, und die Aussicht auf die bevorstehende Feldforschung beflügelte sie so sehr, dass sie ihren Wagen rücksichtslos durch den Verkehr lenkte.

Sie kannte Leo Greenbaum gut und hatte seiner Stimme angehört, wie aufgeregt er war. Er war definitiv nicht der Mann, der sie nach Baltimore holte, um ihr ein paar Knochen zu zeigen, wenn diese Knochen nicht sehr interessant waren. Callie brauchte weiß Gott ein weiteres Projekt. Es langweilte sie zu Tode, Vorträge zu halten, Berichte für Magazine zu schreiben oder Berichte zu lesen, die ihre Kollegen für die gleichen Magazine geschrieben hatten. Archäologie hatte für Callie nichts mit Unterrichten oder Veröffentlichungen zu tun. Für sie lag der Reiz dieses Berufes darin, dass sie in der Erde wühlen konnte, in der Sonne braten, im Regen ertrinken, im Schlamm versinken und bei lebendigem Leib von Insekten aufgefressen werden. Das war für sie der Himmel.

Als die Nachrichten aus dem Autoradio tönten, schaltete sie den CD-Player ein. Diesen starken Autoverkehr konnte sie nur mit lauter, harter Rockmusik ertragen – zu viel Gerede störte sie nur. Die ersten Klänge eines Songs von Metallica ertönten, und sofort hob sich ihre Stimmung. Sie tippte im Takt mit den Fingern auf das Lenkrad, dann riss sie es herum und scherte erneut in eine Lücke auf der Nebenspur ein. Ihre goldbraunen Augen funkelten hinter der Sonnenbrille.

Callie trug ihre Haare lang, weil sie sie so leichter zusammenbinden oder unter einem Hut aufstecken konnte, wie sie es auch an diesem Tag getan hatte. So brauchte sie sich keine Gedanken über den Schnitt oder die Frisur zu machen. Außerdem war sie eitel genug, um zu wissen, dass ihr die glatten langen honigblonden Haare gut standen. Sie hatte große Augen mit Brauen, die fast gerade waren. Jetzt, mit beinahe dreißig, wirkte ihr Gesicht nicht mehr so niedlich wie früher, aber sehr attraktiv. Wenn sie lächelte, entstanden drei Grübchen auf ihrem Gesicht, eins auf jeder gebräunten Wange und das dritte genau über dem rechten Mundwinkel. Das sanft geschwungene Kinn verriet nichts von jener Eigenschaft, die ihr Ex-Mann als grenzenlose Sturheit bezeichnet hatte. Allerdings konnte sie dasselbe von ihm behaupten, was sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit tat.

Callie tippte leicht auf die Bremse und bog schwungvoll auf einen Parkplatz ein. Leonard G. Greenbaum and Associates war in einem schmucklosen Stahlgebäude mit zehn Stockwerken untergebracht, das nach Callies Meinung keinen besonderen ästhetischen Wert hatte. Aber das Labor und die Techniker der Firma gehörten zu den besten im ganzen Land. Callie parkte den Landrover auf dem Besucherparkplatz ein und stieg aus. Sofort umfing sie die grauenhaft schwüle Hitze des Tages, und ihre Füße schwitzten bereits, bevor sie bis zum Eingang des Gebäudes gelangt war.

Die Empfangsdame lächelte die Frau mit dem athletischen Körper, dem hässlichen Strohhut und der schicken Sonnenbrille freundlich an.

»Dr. Dunbrook für Dr. Greenbaum.«

»Tragen Sie sich bitte hier ein.«

Die Frau reichte Callie einen Besucherausweis. »Dritter Stock.«

Als sie zu den Aufzügen ging, blickte Callie auf ihre Armbanduhr. Sie war nur eine Dreiviertelstunde zu spät. Aber die Wirkung des Hamburgers, den sie während der Fahrt hinuntergeschlungen hatte, ließ bereits langsam nach. Sie überlegte, ob sie Leo wohl dazu überreden konnte, mit ihr zum Mittagessen zu gehen. Im dritten Stock traf sie auf eine weitere Empfangsdame. Dieses Mal wurde sie gebeten, sich einen Moment zu gedulden. Es machte ihr nichts aus zu warten. Nun ja, jedenfalls weniger als früher, gestand Callie sich ein, als sie sich auf einen Stuhl sinken ließ. Aber ihre Arbeit erforderte nun einmal äußerste Geduld, sodass für andere Bereiche nicht mehr viel davon übrig blieb.

Zum Glück ließ Leo sie nicht lange warten. Sein rascher Gang erinnerte Callie immer an einen Welsh Corgi – Leo hatte kurze, stämmige Beine, die sich für den Rest des Körpers viel zu schnell bewegten. Er war kleiner als Callie und hatte braune Augen und walnussbraun getöntes Haar, das er glatt zurückgekämmt trug. Sein schmales Gesicht war wettergegerbt und sonnengebräunt, und seine braunen Augen blitzten hinter einer randlosen eckigen Brille. Wie gewöhnlich trug er eine ausgebeulte braune Hose und ein zerknittertes Baumwollhemd. Aus sämtlichen Taschen lugten irgendwelche Papiere hervor. Er trat auf Callie zu und küsste sie – er war der einzige, nicht mit ihr verwandte Mann, dem sie es erlaubte.

»Du siehst gut aus, Blondie.«

»Du siehst auch nicht gerade schlecht aus.«

»Wie war die Fahrt?«

»Grauenhaft. Hoffentlich hat es sich gelohnt, Leo.«

»Oh, ich glaube schon. Wie geht es deiner Familie?«, fragte er, während sie den Flur entlanggingen.

»Sehr gut. Mom und Dad kommen endlich mal für ein paar Wochen aus Dodge heraus und wollen Maine unsicher machen. Wie geht es Clara?«

Bei dem Gedanken an seine Frau schüttelte Leo den Kopf. »Sie hat angefangen zu töpfern. Du kannst dich schon einmal auf eine sehr hässliche Vase als Weihnachtsgeschenk einstellen.«

»Und die Kinder?«

»Ben spielt mit Aktien und Fonds herum und Melissa versucht, Mutterschaft und Zahnarztpraxis unter einen Hut zu bringen. Wie ist so ein alter Goldgräber wie ich nur an so normale Kinder gekommen?«

»Das liegt nur an Clara«, erklärte Callie.

Leo öffnete eine Tür und ließ sie eintreten.

Eigentlich hatte sie erwartet, dass er mit ihr in eines der Labors gehen würde, aber stattdessen fand sie sich in seinem sonnigen, gut eingerichteten Büro wieder. »Ich hatte ganz vergessen, wie schick dein Büro ist, Leo«, sagte sie. »Verspürst du nicht trotzdem manchmal den brennenden Wunsch, wieder aufs Feld zu gehen und zu graben?«

»Oh, ab und zu überkommt es mich schon. Für gewöhnlich lege ich mich dann ein bisschen hin und warte, bis der Anfall vorbei ist. Aber dieses Mal … Komm, sieh dir das mal an.«

Er trat hinter seinen Schreibtisch, schloss eine Schublade auf und nahm eine versiegelte Plastiktüte mit einem Knochenfragment heraus.

Callie hängte ihre Sonnenbrille mit einem Bügel in den Ausschnitt ihres T-Shirts, nahm die Tüte entgegen und musterte das Knochenstück. »Sieht aus wie der Teil eines Schienbeins. Der Größe und Beschaffenheit nach zu urteilen, stammt es wahrscheinlich von einer jungen Frau. Sehr gut erhalten.«

»Was schätzt du, wie alt er ist?«

»Es stammt aus dem westlichen Maryland, nicht wahr? Aus der Nähe eines Baches. Du weißt doch, dass ich nicht gerne schätze. Hast du Erdproben und den stratigraphischen Bericht?«

»Ach komm, Blondie, du sollst es ja nur ungefähr schätzen.«

»Du liebe Güte!« Stirnrunzelnd drehte Callie die Tüte um. Sie hätte den Knochen gerne angefasst. Ungeduldig wippte sie mit dem Fuß. »Ich kenne den Boden nicht. Von der rein visuellen Schätzung her würde ich sagen, er ist ungefähr drei- bis fünfhundert Jahre alt. Könnte auch älter sein, je nach den Schlammablagerungen und dem Grundwasser.«

Als sie den Knochen erneut umdrehte, meldete sich ihr Instinkt. »In der Gegend hat doch der Bürgerkrieg getobt, oder? Aber der Knochen ist älter. Er stammt nicht von einem Soldaten der Rebellen.«

»Er ist allerdings älter, als du glaubst«, stimmte Leo zu. »Um ungefähr fünftausend Jahre.«

Callie blickte überrascht auf und sah, dass Leo sie angrinste. »Bestimmt mit der Radiokarbonmethode«, sagte er und reichte ihr eine Aktenmappe.

Sie überflog die Seiten, wobei sie feststellte, dass Leo den Test zwei Mal mit drei verschiedenen Geländeproben hatte machen lassen.

Als sie den Kopf wieder hob, grinste sie genauso breit wie er. »Heiße Sache«, sagte sie.

2

Auf dem Weg nach Woodsboro verfuhr sich Callie. Leo hatte ihr zwar den Weg erklärt, aber als sie danach die Karte studiert hatte, war ihr eine Abkürzung aufgefallen. Jedenfalls hätte es eine Abkürzung sein sollen, dachte sie, jeder logisch denkende Mensch hätte es als solche betrachtet, und die Kartografen sollten eigentlich logisch denken können. Callie stand mit Kartografen auf Kriegsfuß. Es machte ihr jedoch nichts aus, dass sie sich verirrt hatte, denn durch den Umweg lernte sie zumindest die Gegend kennen.

Sie fuhr an Kornfeldern vorbei, aus denen hier und da silberfarbene Felsen wie verkrüppelte Finger ragten. In einiger Entfernung konnte man die zerklüfteten Umrisse der Berge erkennen. Beim Anblick der Landschaft stellte sich Callie vor, wie die Bauern in längst vergangenen Zeiten mit ihren primitiven Werkzeugen diesen felsigen Grund bearbeitet hatten, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Die Sonne lugte über die Hügel und warf einen goldenen Schein über die Felder, auf denen der Mais bereits hüfthoch stand. Hier und da standen vereinzelte Häuser und Gehöfte aus Stein oder Holz, neben denen Kühe auf eingezäunten Weiden grasten. Nach einer Weile gingen die Felder in ein Waldgebiet über, in dem wilde Mimosen und Sumach wucherten. Jetzt schlängelte sich die Straße an einem Bach entlang, und die Bäume, die auf beiden Seiten standen, bildeten ein schattiges Dach.

Callie fuhr zehn Meilen, ohne einem anderen Auto zu begegnen. Ab und zu entdeckte sie weitere Häuser, und manche standen so nahe an der Straße, dass sie das Gefühl hatte, es müsse jeden Moment jemand heraustreten, um sie zu begrüßen. Die Gärten waren eine einzige Sommerpracht, voller üppig blühender Blumen.

Eine Schlange, so dick wie ein Handgelenk, kroch über den Asphalt, und ein Stück weiter sah Callie eine gelbe Katze, die im Gebüsch am Straßenrand lauerte. Während sie im Takt zu Dave Matthews und seiner Band mit den Fingern auf das Lenkrad klopfte, versuchte sie sich vorzustellen, was geschähe, wenn die Katze auf die Schlange träfe. Wahrscheinlich würde die Katze als Siegerin aus der Begegnung hervorgehen.

Als Callie um eine Kurve bog, erblickte sie eine Frau, die gerade ihre Post aus einem grauen Briefkasten holte, der am Straßenrand stand. Obwohl sie den Landrover kaum eines Blickes würdigte, hob sie geistesabwesend die Hand zum Gruß. Callie winkte zurück. Während sie weiter die Straße entlangfuhr, sang sie laut den Text des Songs mit. Nach einer Weile endete das Waldgebiet, und Callie erhöhte das Tempo und fuhr auf die Berge zu, vorbei an Äckern, einem Motel und ein paar verstreuten Häusern. Als sie sich schließlich Woodsboro näherte, wurden die Häuser zahlreicher und kleiner.

Sie hielt vor einer Ampel und entdeckte erfreut, dass es an der Ecke von Laurel Mountain und Main Street eine Pizzeria gab. Gegenüber befand sich ein Laden mit alkoholischen Getränken. Callie erinnerte sich an Leos Wegbeschreibung und bog in westlicher Richtung auf die Main Street ab.

Entlang der Straße standen hübsche alte Häuser aus Holz oder Ziegelsteinen mit blumengeschmückten Veranden. Es waren nur wenige Fußgänger unterwegs, und auch der Verkehr war mäßig. Genau wie man sich eine Kleinstadt vorstellt, dachte Callie. Im Vorbeifahren registrierte sie ein Café, einen Eisenwarenladen, eine kleine Bücherei und einen noch kleineren Buchladen, einige Kirchen, zwei Banken und verschiedene Handwerksbetriebe, die auf schlichten Schildern für ihre Dienste warben.

Callie musste erneut vor einer Ampel halten, und als sich kurz darauf die Straße gabelte, fuhr sie rechts und folgte einem gewundenen Weg, der wieder durch einen Wald führte. Sie kam über eine Anhöhe und sah vor sich die Berge liegen. Und dann entdeckte sie die Baustelle. Sie hielt an einem Schild und las:

Wohnen am Antietam Creek

Ein Bauvorhaben von Dolan & Sohn

Callie griff nach ihrer Schultertasche und der Kamera und stieg aus. Dann blickte sie sich in Ruhe um. Ringsum erstreckte sich das Bauland, und es war offenbar ziemlich morastig, wie sie an den bereits aufgeworfenen Erdhügeln sah. Am Ufer eines Baches standen dicht an dicht alte Eichen, hoch aufragende Pappeln und Krüppelweiden. Ein Teil des Geländes war abgesperrt; dort staute sich der Bach zu einem kleinen Teich. Nach der kleinen Skizze, die Leo für sie gemacht hatte, hieß er Simon’s Hole. Wer mochte dieser Simon wohl gewesen sein und warum war der Teich nach ihm benannt?

Auf der anderen Seite der Straße entdeckte Callie ein paar verwitterte Stallgebäude, ein altes Steinhaus und einige verrostete Landmaschinen. Im Schatten des Hauses lag ein großer, brauner Hund. Er schaute zu Callie herüber und wedelte zwei Mal träge mit dem Schwanz.

»Steh bloß nicht auf«, sagte sie. »Es ist viel zu heiß für den Austausch von Höflichkeiten.«

In der Tat summte die Luft förmlich vor Hitze, Insekten und Einsamkeit.

Callie schoss ein paar Fotos und wollte gerade über den Bauzaun klettern, als sie hörte, dass sich ein Auto näherte. Es war ebenfalls ein Geländewagen, eines jener kleinen, schicken Modelle, die eher für Frauen gebaut wurden und in den Vorstädten langsam, aber sicher die Kombis ersetzten. Dieser hier war leuchtend rot und so blitzblank wie ein Vorführmodell. Die Frau, die ausstieg, wirkte auf Callie ebenso elegant und perfekt wie ihr Wagen. Mit ihren glatten blonden Haaren und der hellgelben Hose mit passendem Top wirkte sie wie ein personifizierter Sonnenstrahl.

»Dr. Dunbrook?« Lana lächelte zögernd.

»Ja, genau. Sind Sie Ms Campbell?«

»Ja, Lana Campbell.« Sie ergriff Callies Hand und schüttelte sie begeistert. »Ich freue mich so, Sie kennen zu lernen. Es tut mir Leid, dass ich Sie habe warten lassen. Ich hatte Schwierigkeiten mit der Tagesmutter meines Sohnes.«

»Kein Problem. Ich bin auch gerade erst gekommen.«

»Wir freuen uns so, dass jemand mit Ihrem Ruf und Ihrer Erfahrung Interesse an dem Fund zeigt.« Als Callie die Augenbrauen hochzog, fügte Lana rasch hinzu: »Ich hatte vorher natürlich noch nie von Ihnen gehört – ich verstehe nichts von Archäologie –, aber man hat Sie wärmstens empfohlen.«

Lana blickte zu dem abgesperrten Gelände. »Als wir gehört haben, dass die Knochen tausende von Jahren alt sind …«

»Ich vermute, ›wir‹ ist die Natur- und Denkmalschutzorganisation, die Sie vertreten?«

»Ja. Hier in der Gegend gibt es zahlreiche Orte, die von signifikanter historischer Bedeutung sind. Bürgerkrieg, Revolution, Indianer und so weiter.« Lana schob sich eine Haarsträhne aus der Stirn, und Callie sah, dass sie einen Ehering trug. »Die Gesellschaft zur Erhaltung historisch wertvoller Anlagen und zahlreiche Einwohner von Woodsboro und der umliegenden Gemeinden haben sich zusammengeschlossen, um gegen dieses Bauprojekt zu protestieren. Die Probleme, die entstehen, wenn hier fünfundzwanzig bis dreißig Häuser gebaut werden – zirka fünfzig weitere Autos, fünfzig weitere Kinder, die zur Schule gehen müssen, die …«

Callie hob die Hand. »Bitte verschonen Sie mich! Kommunalpolitik ist nicht mein Gebiet. Ich bin lediglich hier, um mir einen ersten Eindruck von dem Gelände zu verschaffen – mit Dolans Erlaubnis übrigens«, fügte sie hinzu. »Bis jetzt hat er sich äußerst kooperativ gezeigt.«

»Das wird mit Sicherheit nicht so bleiben.« Lana presste die Lippen zusammen. »Er will dieses Bauvorhaben unbedingt durchführen. Er hat bereits viel Geld hineingesteckt, und drei der Häuser sind schon verkauft.«

»Auch das ist nicht mein Problem. Damit wird er sich auseinander setzen müssen, wenn er versucht, die Grabungen zu verhindern.« Callie kletterte über den Zaun und blickte sich nach Lana um. »Vielleicht warten Sie lieber hier. Der Boden ist ganz schön schlammig, Sie ruinieren sich nur die Schuhe.«

Lana zögerte einen Moment lang, dann blickte sie seufzend auf ihre Lieblingssandalen und kletterte ebenfalls über den Zaun.

»Können Sie mir etwas über Ihr Vorgehen erzählen? Was werden Sie als Erstes tun?«

»Zuerst einmal schaue ich mich um, mache Fotos und nehme ein paar Bodenproben. Auch dazu habe ich die Genehmigung des Grundstücksbesitzers.« Sie warf Lana einen Seitenblick zu. »Weiß Dolan, dass Sie auch hier draußen sind?«

»Nein. Das würde ihm sicher nicht gefallen.« Lana trippelte vorsichtig durch den Schlamm, wobei sie versuchte, mit Callie Schritt zu halten.

»Oh, du meine Güte, wie viele Leute sind denn hier schon herumgetrampelt? Sehen Sie sich diesen Mist an!« Callie bückte sich, um eine leere Zigarettenschachtel aufzuheben. Sie steckte sie in die Tasche.

Je näher sie dem Teich kamen, desto tiefer sank sie mit ihren Stiefeln in dem weichen Boden ein. »Der Bach tritt über die Ufer«, sagte sie wie zu sich selbst. »Das macht er schon seit tausenden von Jahren. Der Schlamm steckt wahrscheinlich in allen Schichten.«

Sie hockte sich hin und spähte in eine bereits ausgehobene Grube. Beim Anblick der Fußspuren, die kreuz und quer hindurchführten, schüttelte sie den Kopf. »Als ob das hier eine verfluchte Touristenattraktion wäre!«

Sie fotografierte die Grube, dann reichte sie Lana geistesabwesend die Kamera. »Wir müssen auf dem ganzen Gelände Schaufelproben machen, die Stratigraphie …«

»Damit untersucht man die Ablagerungsschichten im Boden, nicht wahr? Das habe ich schon nachgeschlagen«, warf Lana ein.

»Gut. Na, ich könnte eigentlich hier schon mal nachschauen.« Callie holte eine kleine Handschaufel aus ihrem Rucksack und rutschte in das ein Meter fünfzig tiefe Loch hinunter.

Langsam und methodisch begann sie zu graben, während Lana oben am Rand der Grube stehen blieb, nach den Mücken schlug und sich fragte, was sie jetzt tun sollte.

Sie hatte eine ältere, wettergegerbte Frau erwartet, die in ihrem Beruf aufging und lauter faszinierende Geschichten zu erzählen hatte. Auf jeden Fall jemanden, der sie uneingeschränkt in dem Protest gegen das Bauvorhaben unterstützen würde. Stattdessen kam eine junge, attraktive Frau daher, die der Sache offenbar gleichgültig gegenüberzustehen schien.

»Gibt es eigentlich häufig solche zufälligen Funde?«, fragte Lana schließlich.

»Nun, es gibt auch andere Ursachen, ein Erdbeben zum Beispiel. Oder man sucht systematisch mithilfe von Luftaufnahmen und Bodenproben. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Methoden, um einen Fundort zu entdecken. Aber der Zufall ist natürlich so gut wie jede andere.«

»Also ist das hier nicht so ungewöhnlich?«

Callie hielt mit dem Graben inne und blickte Lana an. »Wenn Sie hoffen, mit diesem Fund auf so viel Interesse zu stoßen, dass Sie den großen, bösen Bauunternehmer fern halten können, dann werden Sie wohl eine Enttäuschung erleben. Je mehr Bauland erschlossen und je mehr Städte gebaut werden, desto häufiger finden wir Überreste anderer Zivilisationen darunter.«

»Aber wenn der Fundort von bedeutendem wissenschaftlichem Interesse ist, könnte es doch etwas nützen, oder?«

»Höchstwahrscheinlich.« Callie grub vorsichtig weiter. »Kommt eigentlich noch ein Team hierher? Ich habe aus meinem Gespräch mit Dr. Greenbaum geschlossen …«

»Teams kosten Geld und erfordern eine Menge Papierkram. Das ist Leos Sache. Im Moment bezahlt Dolan nur die Voruntersuchungen und die Arbeit im Labor.« Sie blickte noch nicht einmal auf. »Glauben Sie etwa, er gibt uns freiwillig das Geld für eine komplette Mannschaft einschließlich Ausrüstung und Unterkunft?«

»Nein.« Lana stieß die Luft aus. »Nein, das glaube ich nicht. Das dürfte nicht in seinem Interesse sein. Aber wir haben Geld gesammelt, und wir bemühen uns, noch mehr zusammenzubekommen.«

»Ich bin gerade durch Ihre Stadt gefahren, Ms Campbell. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass Sie mehr als ein paar Studenten mit Schaufeln und Notizblöcken finanzieren könnten.«

Lana runzelte verärgert die Stirn. »Ich nahm an, dass jemand mit Ihrem Beruf bereit sei, Zeit und Energie auf einen solchen Fund zu verwenden und hart dafür zu arbeiten, dass er nicht zerstört wird.«

»Ich habe ja gar nicht behauptet, dass das nicht der Fall ist. Geben Sie mir die Kamera.«

Lana trat einen Schritt näher an den Rand der Grube und spürte, wie ihre Sandalen tiefer in den Schlamm sanken. »Ich bitte Sie ja nur darum … Oh Gott, ist das noch ein Knochen? Ist das …«

»Der Oberschenkelknochen eines Erwachsenen«, erwiderte Callie, und Lana hörte ihrer Stimme an, wie aufgeregt sie war. Sie ergriff die Kamera und machte Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln.

»Nehmen Sie ihn mit ins Labor?«

»Nein. Ich lasse ihn hier. Ich nehme ihn nur aus dem nassen Boden heraus, damit er trocknen kann. Bevor ich die Knochen ausgrabe, brauche ich geeignete Behälter. Aber das hier nehme ich mit.« Vorsichtig zog Callie einen flachen, spitzen Stein aus der feuchten Erde. »Helfen Sie mir bitte hinauf.«

Lana zuckte ein wenig zusammen, griff dann jedoch beherzt nach Callies schmutziger Hand. »Was ist das?«

»Eine Speerspitze.« Callie hockte sich hin, holte eine Tüte aus ihrem Rucksack, legte den Stein hinein und beschriftete die Tüte. »Vor ein paar Tagen wusste ich noch gar nichts über diese Gegend hier und ihre geologische Geschichte. Aber auch ich lerne schnell.«

Sie wischte sich die Hände an der Jeans ab und richtete sich auf. »In den Bergen gab es viel Rhyolith. Dies hier« – sie drehte die versiegelte Tüte mit dem Stein in der Hand – »sieht mir ganz nach Rhyolith aus. Möglicherweise war das hier ein Lagerplatz im Neolithikum. Aber vielleicht war es auch mehr – schließlich begannen die Menschen in dieser Zeit, sesshaft zu werden, Ackerbau zu betreiben und Tiere zu domestizieren.«

Wenn Callie in diesem Moment allein gewesen wäre, hätte sie nur die Augen zu schließen brauchen, um es vor sich zu sehen. »Sie zogen gar nicht so viel umher, wie wir früher angenommen haben. Auf jeden Fall kann ich Ihnen schon nach dieser flüchtigen Prüfung sagen, Ms Campbell, dass das hier eine kleine Sensation ist.«

»Sensationell genug, um eine richtige Ausgrabung zu finanzieren?«

»Oh ja.« Callie ließ ihren Blick prüfend über das Gelände schweifen und begann es im Geiste schon aufzuteilen. »In der nächsten Zeit wird hier mit Sicherheit niemand Häuser bauen. Gibt es hier irgendwelche Lokalmedien?«

Lanas Augen glänzten. »Eine kleine Wochenzeitung in Woodsboro und eine Tageszeitung in Hagerstown. Dort gibt es auch einen Radiosender. Sie haben die Geschichte bereits aufgegriffen.«

»Wir werden ihnen weitere Informationen geben, und dann sehen wir zu, dass die Sache landesweit in die Presse kommt.« Callie betrachtete die hübsche Anwältin prüfend, während sie den versiegelten Beutel in ihren Rucksack packte. »Ich wette, Sie kommen im Fernsehen richtig gut rüber.«

»Ja, das stimmt«, erwiderte Lana grinsend. »Und Sie?«

»Ich schlage ein wie eine Bombe.« Callie schaute sich noch einmal um. »Dolan weiß es noch nicht, aber sein Bauvorhaben ist bereits vor fünftausend Jahren abgeschmettert worden.«

»Er wird sich wehren.«

»Diesen Kampf wird er verlieren, Ms Campbell.«

Wieder streckte Lana die Hand aus. »Ich heiße Lana. Wie schnell wollen Sie die Presse informieren, Doktor?«

»Nennen Sie mich doch Callie.« Nachdenklich schürzte sie die Lippen. »Nun, zuerst einmal werde ich mit Leo reden und mir eine Unterkunft suchen. Wie ist das Motel vor der Stadt?«

»Nun ja, sagen wir, es passt zu Woodsboro.«

»Ich habe schon in den schlimmsten Behausungen gewohnt. Für den Anfang wird das Motel in Ordnung sein. Kann ich Sie irgendwie erreichen?«

»Über Handy.« Lana zog eine Karte aus der Tasche und kritzelte eine Nummer darauf. »Tag und Nacht.«

»Wann laufen hier die Abendnachrichten?«

»Um halb sechs.«

Callie blickte auf ihre Armbanduhr und rechnete. »Das sollte reichen. Ich werde Sie um drei anrufen.«

Sie ging auf ihr Auto zu, während Lana neben ihr herstolperte. »Wären Sie bereit, auf einer Gemeindeversammlung zu sprechen?«, fragte sie.

»Das sollten wir lieber Leo überlassen. Er kann besser mit Menschen umgehen als ich.«

»Ich könnte mir denken, dass die Leute eher an einer jungen, attraktiven Archäologin interessiert sind als an einem älteren Mann, der hauptsächlich im Labor arbeitet.«

»Deshalb übernehme ich ja auch das Fernsehen.« Callie schwang sich über den Zaun. »Und unterschätzen Sie Leos Wirkung nicht. Er hat schon Ausgrabungen geleitet, als wir beide noch am Daumen gelutscht haben. Seine Leidenschaft für die Archäologie reißt die Menschen mit.«

»Meinen Sie, er hat Lust, aus Baltimore hierher zu kommen?«

Callie ließ ihren Blick noch einmal über die Landschaft schweifen. Fruchtbare Felder, grüne, geheimnisvolle Wälder, ein plätschernder Bach und die glitzernde Oberfläche des Teiches  – ja, sie konnte verstehen, warum Menschen hier Häuser bauen und sich niederlassen wollten. Und genauso hatten sie wahrscheinlich schon vor vielen tausend Jahren gedacht.

»Er wird es kaum erwarten können. Um drei«, sagte sie schließlich und setzte sich in ihren Landrover.

Als sie davonfuhr, hatte sie bereits ihr Handy hervorgeholt und wählte Leos Nummer.

»Leo!« Sie klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, damit sie mit der freien Hand die Klimaanlage höher stellen konnte. »Wir sind auf eine Goldader gestoßen.«

»Ist das deine wissenschaftliche Meinung?«

»Mir sind ein Oberschenkelknochen und eine Speerspitze praktisch in den Schoß gefallen. Und das in einer Baggergrube, durch die ständig Leute getrampelt sind. Wir brauchen dringend eine ganze Mannschaft hier, einschließlich Sicherheitskräften. Und zwar so schnell wie möglich.«

»Die Mittel sind bereits ausgereizt, Callie. Hol dir ein paar Studenten von der University of Maryland.«

»Graduierte oder Erstsemester?«

»Darüber wird noch diskutiert. Die Universität möchte den ersten Zugriff auf einige der Artefakte haben. Ich werde so schnell wie möglich mit dem Museum für Naturgeschichte reden. Hier läuft schon einiges, Blondie, aber ich brauche noch wesentlich mehr als ein paar Knochen und eine Speerspitze, um etwas zu erreichen.«

»Das wirst du alles bekommen. Es ist eine Siedlung, Leo, ich spüre es. Was die Bodenbedingungen angeht, so könnten sie besser sein. Außerdem werden wir wahrscheinlich mit diesem Dolan Ärger bekommen. Aber diese Anwältin macht ihm bereits die Hölle heiß. Die Angelegenheit ist ein Politikum, und wir werden schwere Geschütze auffahren müssen, damit Dolan kooperiert. Campbell möchte eine Gemeindeversammlung einberufen.«

Im Vorbeifahren warf Callie einen sehnsüchtigen Blick auf die Pizzeria, bog jedoch tapfer in Richtung Motel ab. »Ich habe dich dafür eingeplant.«

»Wann?«

»Je eher, desto besser. Ich möchte übrigens dem lokalen Fernsehsender heute am Spätnachmittag ein Interview geben.«

»Für die Medien ist es noch zu früh, Callie. Wir sammeln doch erst Munition. Du kannst doch noch nicht die Story preisgeben, bevor wir uns über die Strategie einig sind.«

»Leo, es ist Hochsommer. Uns bleiben nur noch ein paar Monate, bevor wir alles für den Winter abdecken müssen. Und wenn die Medien es bringen, gerät Dolan unter Druck. Wenn er uns nicht unsere Arbeit machen lässt, wenn er sich weigert, uns die Funde zu überlassen, und um jeden Preis sein Bauvorhaben zu Ende bringen will, wird er in aller Öffentlichkeit wie ein Arschloch dastehen, das keinen Respekt vor der Wissenschaft hat.«

Callie lenkte den Wagen auf den Parkplatz des Motels, stellte den Motor ab und griff nach ihrem Rucksack.

»Aber du kannst ihnen doch noch gar nicht viel erzählen«, sagte Leo.

»Ich kann ja das Wenige, was ich schon weiß, ein bisschen aufbauschen«, erwiderte sie, während sie ausstieg und zum Kofferraum ging, um ihre Reisetasche herauszuholen.

Sie schlang sich den Trageriemen über die Schulter und griff nach ihrem Cellokasten. »Vertrau mir, und besorg mir ein Team. Von mir aus nehme ich auch die Studenten. Ich kann sie ja für Basisarbeiten einsetzen, bis ich weiß, was sie drauf haben.«

Sie trat in die Lobby und ging zur Rezeption. »Ich hätte gerne ein Zimmer. Das größte Bett, das Sie haben, in der ruhigsten Ecke. Besorg mir Rosie«, fuhr sie an Leo gewandt fort. »Und Nick Long, wenn er verfügbar ist.« Sie zog ihre Kreditkarte heraus und legte sie auf die Theke. »Sie können auch in dem Motel vor der Stadt wohnen. Ich checke gerade ein.«

»Wie heißt das Motel?«

»Himmel, das weiß ich doch nicht! Wie heißt der Laden hier?«, fragte sie die Angestellte an der Rezeption.

»The Hummingbird Inn.«

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Birthright bei G. P. Putnam’s Sons, New York

Vollständige deutsche Taschenbuchneuausgabe 02/2012

Copyright © 2003 by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder Copyright © der deutschen Ausgabe by Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin 2004 / Marion von Schröder Verlag Copyright © dieser Ausgabe 2012 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen Umschlagmotiv: © plainpicture/Tine Butter Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München Satz: Franzis print & media, München

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-641-09182-8

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