0,99 €
La Salle bricht nach Norden auf, um in Quebec die Intrigen zu beenden, die dort gegen ihm im Gange sind. Zunächst will er aber noch das Schicksal von vier seiner Soldaten klären, die seit Wochen verschollen sind. Dabei trifft er auf die Gruppe der „Stammlosen“ um den ehemaligen Seneca Teharon, und ein gnadenloser Kampf beginnt.
Mit Band 18 „Die Stammlosen“ geht die Serie „La Salle“ (vorläufig?) zu Ende.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2015
Schmökerkiste – Band 26
Albert F. De Bary – Die Stammlosen
La Salle, Teil 18
1. eBook-Auflage – August 2015
© vss-verlag Hermann Schladt – 60389 Frankfurt – [email protected]
Titelbild: Armin Bappert unter Verwendung des Originalcovers der Romanheftserie
Lektorat: Hermann Schladt
DIE STAMMLOSEN
Alfred F. De Bary
„Das ist doch nicht möglich, Berthier! Seid Ihr es wirklich!“ Hauptmann de Tonty, der Kommandant von Fort Illinois, lief wie ein witternder Hund um den vagabundenhaft abgerissenen Kerl herum, der vor ihm in der Wachstube stand. „Seht Euch das an, Mathieu“, stöhnte er, „Ihr kanntet ihn doch auch. Sah er nicht aus wie ein junger Gott, als er in Quebec umherstolzierte?“ Sein Blick glitt ab, streifte die in der Stube herumstehenden Soldaten, die sich an ihren Waffen zu schaffen machten, und die an der Erde liegenden Menschenbündel und wandte sich wieder dem Mann zu, der vor ihm stand und sich offensichtlich alle Mühe gab, soldatische Haltung zu bewahren, Die Lederkleidung hing dem Mann in Fetzen am Körper, Füße und Waden waren mit Streifen frischer Hirschhaut umwickelt; das Gesicht unter dem monatelang ungeschorenen, üppig wuchernden Bart war von schlecht verheilten Wunden und Frostbeulen entstellt; die Augen glosten unter verquollenen, rot entzündeten Lidern.
„Zu Befehl, Euer Gnaden: Leutnant Berthier mit vier Mann auf Befehl von Hauptmann Brulart von Fort Niagara eingetroffen“, wiederholte der Mann die schon einmal erstattete Meldung.
„Er ist es, Herr Hauptmann“, sagte Leutnant Mathieu leise und geleitete den Schwankenden, der sich kaum aufrecht halten konnte, zu einem der für die Wachmannschaft aufgestellten Feldbetten. Aber der Mann wollte sich nicht setzen, er entwand sich den Armen Mathieus und blieb, sich mit einer Hand rückwärts am Bettpfosten haltend, aufrecht stehen. Er fürchtete wohl, auch noch die letzte Widerstandskraft einbüßen, wenn er erst einmal läge.
„Mein Gott!“ stöhnte Tonty, der raue Tonty, den so leicht nichts erschüttern konnte, „das ist furchtbar! Und Ihr seid über zwei Monate unterwegs?“
„Am 24. August sind wir mit zwei Booten und sechzehn Mann in Fort Niagara aufgebrochen“, begann Berthier, wollte weitersprechen, bekam das Wort aber nicht mehr heraus, griff mit den Händen um sich, als suche er einen Halt, und sank widerstandslos auf dem Bett zusammen. Gleich darauf schlief er schon, ebenso wie die vier Lumpenbündel in der Ecke, die gleich zusammengefallen waren und sich noch nicht wieder gerührt hatten, seit sie die Wachstube betraten.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und La Salle, von dem Miamihäuptling Wenonga begleitet, betrat den engen, dunstigen Raum. Unruhe stand auf dem sonst so beherrschten Gesicht, Unruhe funkelte in den brennenden dunklen Augen, die mit einem Blick den Raum überflogen, sekundenlang auf den zusammengesunkenen Körpern der Ankömmlinge hafteten und dann Tonty suchten, den immer Getreuen, immer Zuverlässigen, Tonty, den Mann mit der Eisenfaust.
„Es ist wirklich Berthier, Leutnant Michel Berthier, von Brulart vor über zwei Monaten mit zwei Booten, Waffen und Baumaterial und sechzehn Männern in Marsch gesetzt“, sagte Tonty. „Angekommen ist er auf einem behelfsmäßig zusammengeschlagenen Floß, mit drei, gebrauchsfähigen und zwei unbrauchbaren Musketen, zwei stumpfen Äxten und vier Mann; alle fünf in einem nicht mehr ganz menschenähnlichen Zustand.“
La Salle biss, wie er manchmal tat, die Zähne in die Unterlippe und starrte vor sich hin.
„Indianer?“ fragte er.
„Unter anderem auch Indianer“, versetzte Tonty. „Es ist wohl allerlei zusammengekommen. Berthier hat gleich, als er kam, alles herausgesprudelt; er fürchtete wohl, von den Kräften verlassen zu werden. Alles ist auf diese Weise nicht klar geworden. Übrigens: für Berthier bürge ich. Er ist absolut zuverlässig, auch nicht unerfahren und nicht ungeschickt. Brulart wusste schon, wem er das Kommando anvertraute. Die Männer sind schon im Norden, noch zu sommerlicher Zeit, in Kämpfe mit Irokesen verwickelt worden, die anscheinend wieder einmal auf dem Kriegszug sind; sie haben dort ein paar Leute verloren; dann sind sie von der sehr früh und überraschend einsetzenden Kältewelle erfasst worden. Die Flüsse froren über Nacht, aber natürlich nicht so hart, dass man mit Schlittenkufen weitergekonnt hätte; sie blieben hängen. Sie mussten die Boote zurücklassen, wollten sich natürlich nicht von dem Material trennen und schleppten es mit. Sie haben sich wochenlang durch den Urwald gekämpft, haben ein paar Männer durch Krankheit verloren, haben tagelang gehungert, da sich kein jagdbares Wild blicken ließ und auch die Indianersiedlungen, die sie passierten, verlassen waren, und sind vor etwa drei Wochen noch mit elf Mann und dem gesamten Material am Kankakee angekommen, überzeugt, nun das Schwierigste hinter sich zu haben. Aber hier fing nun die eigentliche Schweinerei erst an. Von jetzt an wird Berthiers Bericht verworren.“
„Dass die Gegend vom Kankakee bis zur großen Illinoisschleife neuerdings nicht ganz geheuer ist, wissen wir ja schon. Wir haben ja einige Kostproben bekommen.“ La Salle lächelte grimmig. „Blanc und Jean Nicolas hat Berthier nicht getroffen?“
„Nein“, versetzte Tonty. „Ich kriege langsam wirklich Sorge ihretwegen. Und vor allem der beiden anderen wegen. Die einen sind jetzt bald vier Wochen, Blanc und Nicolas an die zwei Wochen verschwunden.“
La Salle und Wenonga wechselten einen Blick; in den Augen des Miami flammte es auf.
„Die Pelzflotte - -“, begann La Salle langsam, „hat der Mann etwas gesagt? Nein, lasst ihn schlafen.“
„Ich wollte ihn gar nicht wecken. Ich brauche ihn nicht zu wecken“, versetzte Tonty und atmete schwer. „Es war das erste, was Berthier überhaupt sagte. Die Flotte ist leider - -“; er zuckte die Achseln; sein Gesicht war ganz starr.