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Mehr noch als die feindlichen Irokesen machen die Verräter in den eigenen Reihen La Salle und seinen Verbündeten zu schaffen. Mit Lug und Trug und auch heimtückischer Gewalt hintertreiben sie alle Bemühungen des Forschers, seinen Ziele zu erreichen. Als es ihnen auch noch gelint, den Greif – La Salles neu erbautes Segelschiff – zu entführen, scheint die Expedition gescheitert zu sein. Doch La Salle gibt nicht auf. Ein neues, packendes Abenteuer der aus achtzehn Bänden bestehenden Serie, in der die Abenteuer des französischen Entdeckers Sieur de La Salle im Nordamerika des siebzehnten Jahrhunderts in spannender Form geschildert werden. „Mörder und Verräter“ ist der fünfte Roman der Serie, die innerhalb der Bookworm Schmökerkiste erscheint.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Schmökerkiste – Band 13
Albert F. De Bary – Mörder und Verräter
La Salle, Teil 5
1. eBook-Auflage – Juli 2014
© vss-verlag Hermann Schladt
Titelbild: Armin Bappert unter Verwendung des Originalcovers der Romanheftserie
Lektorat: Hermann Schladt
Albert F. De Bary
Mörder und Verräter
An der äußersten Spitze einer schmalen, langgestreckten Seezunge, die der buchtenreiche Erie-See einige Meilen nördlich der Maumi-Mündung in die Wildnis hineinschob, hockten im ersten Morgengrauen eines jetzt schon brütende Hitze ankündigenden Frühsommertages zwei Männer auf einer vorspringenden Anhöhe und blickten über den schmalen Schilfgürtel hinweg in die dunstige, weißgraue Nebelschicht, die das träge fließende Wasser ihren Blicken, verbarg. Beide Männer waren waldmäßig gekleidet, jedem lag eine, lange Büchse über den Knien; der kleinere, ein untersetzter, breitschulteriger Mann, der in seinem Äußeren fast einem Indianer glich, hatte zudem einen kleinen Bogen über der Schulter und einen gut gespickten Köcher mit Pfeilen am Gürtel.
„Es hat keinen Sinn, dass wir auf diese Weise weitermachen“, sagte der zweite der Männer, ein langer, hagerer Geselle, „ich verlasse mich auch nicht länger auf dich, und mit den gottverdammten Irokesen will ich schon gar nichts mehr zu tun haben. Ich werde jetzt den »Greif nach Norden führen, und alles andere wird sich» finden.“
„Ich,muss Euch sagen, dass ich im Augenblick gar keine Lust habe, nach Norden zu gehen“, brummte der andere, „außerdem täuscht Ihr Euch wahrscheinlich sehr, wenn Ihr glaubt, dass La Salle Euch das Schiff anvertraut, wo sozusagen sein ganzer Plan davon abhängt, dass die Pelzausbeute sicher und rechtzeitig in Montreal ankommt.“ ‘
„Du hast ja einmal versprochen, dafür zu sorgen, dass der ,Greif seinen Bestimmungsort nicht erreicht“, sagte der Hagere, „aber was hast du mir nicht schon alles versprochen? Nein, Paul Caron, ich werde die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen. Du meinst, La Salle werde mir den Greif nicht anvertrauen? Wen soll er denn sonst schicken? Den Pater Hennepin etwa? Der ist ganz besessen von dem Gedanken, die Wyandots zu Christen zu machen. Hauptmann Brulart sitzt vorläufig im Fort Niagara fest, und von Bigot trennt er sich nicht. Außerdem: Bigot! Wenn er auch in den Burschen vernarrt ist: dass dem für eine solche Aufgabe alle Voraussetzungen fehlen, ist ja wohl klar.“
„Vielleicht schickt er Euch wirklich“, knurrte Caron; „warum auch nicht? Was riskiert er schließlich, da ja Roul Dessin der Schiffsführer ist?“
„Ja“, versetzte der andere lakonisch, „Roul Dessin ist Schiffsführer, aber das macht nichts.“
Caron warf ihm einen Seitenblick zu, der dem Langen wohl zu denken gegeben hätte, wäre er ihm sichtbar geworden. Er ergriff die Büchse und erhob sich.
Auch Charles Denon, der Hagere, stand auf. „Willst du Wildenten schießen?“ sagte er, „nimm mich mit!“ Caron war bereits die niedrige Böschung hinuntergeklettert und stand schon in dem leichten Kanu, das zwischen den hohen Schilfhalmen hin- und her schwankte. „Es ist besser, Ihr jagt Eure Enten allein und kehrt auch allein zum Schiff zurück“, knurrte er, „wenn auch die spürnasigen Miamis augenblicklich nicht hier sind, um hinter uns her schnüffeln zu können.“ Er ergriff eines der im Kanu liegenden Ruder und stieß das schmale Fahrzeug vom Ufer ab, ohne eine Antwort abzuwarten.
Denon sah ihm finster nach. „Warte nur, mein Junge“, knurrte er hinter ihm her, „du hast mir schon ein bisschen zu tief in meine Karten geguckt und mich zu lange an der Nase herumgeführt.“ Damit schulterte er die lange Büchse und schickte sich an, in die grüne Wildnis hinabzusteigen, welche die kleine Halbinsel mit allerlei Schlinggewächsen durchwucherte.
Caron hatte sein Fahrzeug inzwischen längst ins freie Wasser der flussartigen Einbuchtung gebracht und trieb nun mit der sanften Strömung dem offenen Wasser des gewaltigen Sees zu.
Eine Viertelstunde etwa mochte er am Seeufer entlang gerudert sein, als der Schilfgürtel in fast rechtwinkliger Biegung nach links abbog. Was sich dem Auge nun darbot, war eine weite Bucht vom Umfange eines mittleren Sees, so groß immerhin, dass das westliche und das nördliche Ufer im langsam steigenden Nebel verschwammen, Dem scharfen Auge Carons, der tief in den Schilfgürtel hinein gerudert war und von der Bucht aus unmöglich erblickt werden konnte, zeichneten sich die äußeren Umrisse eines Schiffes ab, das, nahe dem nördlichen Ufer, seinem Standort schräg gegenüber, mit dem Schnabel zum See, vor Anker lag. Die etwa der Breite der Bucht entsprechende Entfernung zwischen Kanu und Schiff mochte an die dreihundert Meter betragen.
Caron stand aufrecht in dem leise schaukelnden Gefährt und blickte aufmerksam zu dem Schiff hinüber. Das war ein ziemlich langes, etwas plump gebautes, einem Kutter ähnliches Fahrzeug mit hohem, schnabelförmigem Bug und fast ebenso hohem Hintersteven. Seine Bordwände befanden sich kaum drei Fuß über dem Wasserspiegel, doch schien es seiner ganzen Bauart nach einigen Tiefgang zu haben. Es hatte alle Segel gerefft und machte, völlig verlassen, wie es schien, zwischen den dünnen Nebelschleiern einen fast gespenstigen Eindruck.
Nun aber wurde es auf dem Schiff lebendig. Rufe und Kommandos ertönten, geschäftige Schatten liefen hin und her, lautes Hundegebell wurde vernehmbar, ein Mann sprang an Steuerbord über die Reling in ein größeres Boot, das Caron jetzt erst sichtbar wurde, ein anderer reichte einen großen Packen herunter, dann folgten nacheinander drei Männer, deren einer schwierigen Abstieg hatte, weil ein langes, bis auf die Füße reichendes Gewand ihn behinderte. Caron, in seinem Kanu stehend, grinste, da er es sah. Jetzt erschienen zwei große, plumpe Köpfe über der Reling; an dem jaulenden Gebell, das die Morgenstille durchbrach, erkannte man, dass es zwei riesige Hunde waren, die offenbar auch in das Boot sollten, denn einer der unten stehenden Männer rief ihnen leise Lockrufe zu. „Gut, dass die Bestien mitgehen“, knurrte Caron vor sich hin.