Die Tochter des Goldsuchers - Nora Roberts - E-Book

Die Tochter des Goldsuchers E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Ende des neunzehnten Jahrhunderts macht sich Sarah Conway auf den Weg zu ihrem Vater. Mutig reist sie zu ihm in das Niemandsland der Indianer und der Glückssucher, nach Arizona, wo ihr Vater nach Gold gräbt. Statt ihren Vater trifft sie auf den verwegenen Revolverhelden Jake Redman, der ihr in letzter Sekunde das Leben rettet - und ihr nicht mehr von der Seite weicht, bis sie beim Haus des Vaters angekommen ist. Doch die wahre Herausforderung erwartet die junge Frau erst noch: Immer heftiger knistert es zwischen Jake und ihr. Und ihr Vater ist nicht aufzufinden.

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Nora Roberts

Die Tochter des Goldsuchers

Roman

Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Seebohm

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Die Originalausgabe Lawlessist bei Silhouette Books, Toronto, erschienen.Die deutsche Erstausgabe ist im MIRA Taschenbuch erschienen.

1. AuflageWilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCopyright © 1989 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2008 by MIRA Taschenbuchin der Cora Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Covergestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Fotos von shutterstock/kiuiksonSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-12089-4V002

www.randomhouse.de/nora-roberts

1. KAPITEL

Er brauchte jetzt einen Drink. Billigen, warmen Whiskey. Und nach sechs Wochen auf Achse eine ebensolche Frau. Manche Männer bekamen meistens, was sie wollten. Er war einer von ihnen. Aber die Frau kann warten, entschied Jake, während er lässig am Tresen lehnte, der Whiskey nicht.

Noch neunzig Meilen bis nach Hause. Soweit man eine Bratpfanne wie Lone Bluff ein Zuhause nennen konnte. Einige tun es, dachte Jake und schnippte mit den Fingern nach dem Barkeeper. Gleich darauf ließ Jake den ersten Schluck die Kehle hinunterrinnen. Manche kannten gar nichts anderes.

Ihm selbst genügten die sechs Fuß Boden, auf die sein Schatten fiel, um sich wie zu Hause zu fühlen. Dennoch hatte er während der letzten Monate in Lone Bluff das gefunden, was ihm auch jeder andere Ort hätte bieten können: ein Zimmer, ein Bad und ein williges Weib. Alles zu einem vernünftigen Preis. Es war ein Platz, wo ein Mann Ärger aus dem Weg gehen – oder ihn herausfordern konnte, je nach Laune.

Jetzt, der Staub kratzte ihm noch in der Kehle, war Jake einfach zu müde für irgendwelchen Ärger. Er würde sich noch einen Drink gönnen, dann eine Kleinigkeit essen und sehen, dass er weiterkam.

Die Sonne schien über der Schwingtür des Saloons herein. Jemand hatte ein Plakat mit dem Bild einer Frau, die roten Federschmuck trug, an die Wand geheftet. Doch das war auch schon alles, was sich einem hier an weiblicher Gesellschaft bot. Ein Lokal wie dieses versorgte seine Kundschaft nicht mit Frauen. Schnaps und Karten, damit war es getan.

Selbst wenn die Gegend noch so abgelegen war, ein oder zwei Saloons gab es immer. Obwohl es erst auf Mittag zuging, war schon die Hälfte der Tische besetzt. Die Luft war zum Schneiden dick vom Rauch der Zigarren, die der Barkeeper verkaufte, zwei Stück für einen Penny. Ein Glas Whiskey kostete fünfundzwanzig Cent. Er brannte wie Feuer in der Kehle. Hätte der Besitzer eine Bardame angestellt, die so aussah wie die Frau auf dem Plakat, hätte er ohne Weiteres das Doppelte kassieren können, und keiner hätte sich beklagt.

Es stank nach Whiskey, Schweiß und Rauch. Aber Jake konnte sich denken, dass er selbst auch nicht allzu gut roch. Er hatte einen langen Ritt von New Mexico hinter sich. Hier hatte er Station gemacht, weil er seinem Pferd eine Ruhepause gönnen und seinen Magen mit etwas anderem als dem Dörrfleisch in seinen Satteltaschen füllen wollte.

Saloons machten nachts immer einen besseren Eindruck, und dieser bildete keine Ausnahme. Die Tresenplatte war fleckig von Hunderten von Händen und Ellbogen, stumpf von übergeschwappten Drinks. Der Fußboden bestand aus festgetrampelter Erde, die mit der Zeit Whiskey und Blut in sich aufgesogen hatte. Ich habe schon Schlimmeres gesehen, dachte Jake und überlegte, ob er sich gleich eine Zigarette drehen sollte oder erst nach dem Essen.

Später könnte er sich noch mehr Tabak kaufen. Schließlich hatte er genug Geld. In seiner Tasche steckte ein ganzer Monatslohn. Und er wollte verdammt sein, wenn er noch mal auf Viehtrieb ging. Das war ein Leben für die Jungen und die Dummen – oder vielleicht nur für die Dummen.

Sollte ihm das Geld knapp werden, könnte er sich als »Shotgun Messenger« verdingen – ein bewaffneter Postkutschen-Begleitschutz. Die Gesellschaft brauchte immer Männer, die gut mit der Waffe umgehen konnten. Und das war auf jeden Fall besser, als Ochsen nachzujagen.

Man schrieb das Jahr 1875, und immer noch kamen Scharen von Leuten aus dem Osten, die von Gold und Landbesitz träumten. Einige von ihnen blieben auf dem Treck nach Kalifornien im Arizona-Territorium hängen, weil ihnen das Geld, die Kraft oder die Zeit ausging.

Ihr Pech, dachte Jake, während er sein zweites Whiskeyglas leerte. Er war hier geboren, aber weit davon entfernt, es für das hübscheste Fleckchen auf der Erde zu halten. Es war eine öde Gegend, dennoch fühlte er sich hier wohl.

»Redman?«

Jake blickte hoch zu dem schmuddeligen Spiegel hinter der Bar und sah den Mann, der hinter ihm stand: jung, drahtig und nervös. Den braunen Hut hatte er tief in die Stirn gedrückt, und an seinem Hals glänzten Schweißperlen. Fast hätte Jake geseufzt. Er kannte den Typ nur allzu gut. Die Sorte Mensch, die alles tut, um sich Ärger einzuhandeln. Die Sorte, die noch nicht gelernt hat, dass sich Schwierigkeiten ganz von selbst einstellen, wenn man nur lange genug darauf wartet.

»Ja?«

»Jake Redman?«

»Und?«

»Ich heiße Barlow. Tom Barlow.« Er wischte sich die Hände an den Schenkeln ab. »Man nennt mich Slim.«

So wie der Junge das sagt, dachte Jake belustigt, erwartet er wohl, dass ich zusammenzucke. Der Whiskey war nicht so gut, als dass er, Jake, sich noch einen dritten Drink genehmigen mochte. Er ließ ein paar Münzen auf den Tresen fallen und achtete darauf, dass seine Hände den Revolvergriffen nicht zu nahe kamen.

»Kann man hier irgendwo ein Steak bekommen?«, fragte er den Barkeeper.

»Drüben bei Grody.« Der Mann trat vorsichtig zur Seite. »Bitte, wir wollen hier drinnen keinen Ärger.«

Jake warf ihm einen langen, kühlen Blick zu. »Ich mache ja keinen.«

»Ich rede mit Ihnen, Redman.« Barlow stellte sich breitbeinig hin und ließ die Hand dicht über dem Revolverknauf schweben. Eine hässliche Narbe zog sich vom Zeigefinger über den Handrücken.

Ruhig, ohne sich mehr als nötig zu bewegen, begegnete Jake seinem Blick. »Sie haben mir etwas zu sagen?«

»Sie genießen den Ruf, schnell zu sein. Hörte, Sie haben Freemont in Tombstone erledigt.«

Jetzt drehte sich Jake zu ihm herum. Dabei bemerkte er, wie ein Flügel der Saloontür zurückschwang. Anscheinend hatte es einer der Gäste vorgezogen, einen sicheren Ort aufzusuchen. Barlow trug einen vierundvierziger Colt, der Griff aus schwarzem Hartgummi wirkte gepflegt. Der Bursche sah aus wie jemand, der sich seiner Erfolge als Killer gern brüstete.

»Sie haben richtig gehört.«

Barlow ballte seine Hände zu Fäusten und streckte sie wieder.

Die beiden Männer, die in einer Ecke gepokert hatten, hielten einen Moment inne und schlossen eine freundschaftliche Wette auf den Ausgang des mit höherem Einsatz getätigten Spiels ab, das sich gerade vor ihren Augen entfaltete.

»Ich bin schneller. Schneller als Freemont«, behauptete Barlow. »Schneller als Sie. Ich bin der Boss in dieser Stadt.«

Jake ließ den Blick durch den Saloon schweifen, bevor er Barlow wieder musterte, der jetzt sichtlich nervös war. »Gratuliere.« Jake wollte gehen, doch Barlow stellte sich ihm in den Weg. Jake kniff die Augen zusammen und sah seinen Widersacher kalt an. »Wetzen Sie sich Ihre Zähne an jemand anders. Ich will nichts weiter als ein Steak und ein Bett.«

»Nicht in meiner Stadt.«

Geduld gehörte nicht zu Jakes Stärken. Außerdem war er nicht in der Stimmung, Zeit für einen Revolverhelden zu verschwenden, dem es darum ging, seinen Ruf aufzupolieren. »Wollen Sie wegen eines Stücks Fleisch ins Gras beißen?«

Barlow grinste.

Er glaubt nicht, dass er sterben wird, dachte Jake müde. Leute seines Schlages taten das nie. »Kommen Sie in fünf Jahren wieder«, sagte er. »Dann wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen eine Kugel zu verpassen.«

»Ich bin nun mal jetzt gekommen. Wenn ich Sie getötet habe, wird es keinen Menschen westlich des Mississippi mehr geben, der Slim Barlow nicht kennt.«

Für manche – für viele – hätte das gereicht, um zu ziehen und abzudrücken. »Machen Sie es uns beiden leichter.« Langsam ging Jake zur Tür. »Behaupten Sie einfach, Sie hätten mich getötet.«

»Wie man so hört, war Ihre Mutter eine Squaw.« Barlow grinste, als Jake unvermittelt stehen blieb und sich umdrehte. »Schätze, daher stammt auch der gewisse feige Zug an Ihnen.«

Jake spürte, wie die Wut in ihm aufstieg. Mühsam unterdrückte er sie. Wenn er schon kämpfen musste – und es sah ganz danach aus –, dann lieber mit kühlem Kopf.

»Meine Großmutter gehörte zum Volk der Apachen.«

Barlow grinste wieder, dann wischte er sich mit dem linken Handrücken über den Mund. »Also doch ein Halbblut, nicht wahr? Ein feiges Halbblut. Wir wollen hier keine Indianer. Werde wohl die Stadt ein bisschen aufräumen müssen.«

Barlow griff nach der Waffe, Jake zog seine, kalt und ohne Bedauern. Kaum dass er sich bewegte, schoss er aus der Hüfte, vertraute auf sein Gefühl und seine Erfahrung. Lässig steckte er den Revolver in das Holster zurück. Barlow lag ausgestreckt auf dem Fußboden des Saloons.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieß Jake die Schwingtür auf und ging hinaus zu seinem Pferd. Er wusste nicht, ob er den Mann getötet oder nur verwundet hatte. Es war ihm auch egal. Das ganze Theater hatte ihm gründlich den Appetit verdorben.

Sarah befürchtete, sie könnte das miserable Essen, das sie bei der letzten Station zu sich genommen hatte, nicht vertragen haben. Wie überhaupt jemand unter solch widerwärtigen Umständen leben konnte, würde ihr ewig ein Rätsel bleiben. Der Westen taugte, soweit sie es beurteilen konnte, allenfalls für Gesetzlose.

Sie schloss die Augen und hoffte, dass sie die nächsten Stunden überstehen möge. Wenigstens konnte sie Gott danken, dass sie nicht noch eine Nacht in einer dieser schrecklichen Poststationen verbringen musste. Sie hatte entsetzliche Angst gehabt, in ihrem Bett ermordet zu werden – falls jene elende, aus Stricken geflochtene und unbezogene Pritsche überhaupt die Bezeichnung »Bett« verdiente.

Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig, sagte sie sich. Fast hatte sie ihr Ziel erreicht. Nach zwölf langen Jahren würde sie ihren Vater wiedersehen und sich in dem hübschen Haus, das er sich außerhalb von Lone Bluff gebaut hatte, um sein leibliches Wohl kümmern.

Als sie sechs Jahre alt war, hatte er sie in der Obhut der Barmherzigen Schwestern gelassen und war auf und davon gegangen, um sein Glück zu machen. Manche Nacht hatte sich Sarah in den Schlaf geweint, so sehr hatte sie ihren Vater vermisst. Dann, im Laufe der Jahre, hatte sie immer wieder die vergilbte Fotografie hervorholen müssen, um sich sein Gesicht ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber er hatte ihr oft geschrieben. Zwar wirkte sein Stil angestrengt, doch Sarah spürte die Liebe, die sich hinter seinen Worten verbarg.

Einmal im Monat erhielt sie Nachricht von ihm, von einem Ort, wo er auf seinem Weg nach Westen jeweils gerade Station machte. Nach achtzehn Monaten – und achtzehn Briefen – hatte er dann vom Arizona-Territorium aus geschrieben, wo er sich angesiedelt hatte und wo er sein Vermögen machen wollte.

Er hatte sie davon überzeugt, dass er richtig gehandelt hatte, als er sie in die Klosterschule in Philadelphia steckte, damit sie die einer jungen Dame angemessene Erziehung genießen konnte. Jetzt war sie fast achtzehn und durfte allein durch das Land reisen. Bald würde sie ihren Vater wiedersehen. Sicher brauchte das Haus, wie groß es auch sein mochte, eine weibliche Hand.

Da er nicht wieder geheiratet hatte, stellte sich Sarah ihren Vater als brummigen Hagestolz vor, der niemals so recht wusste, wo er seine sauberen Hemdkragen aufbewahrte oder was die Köchin zum Abendessen zubereiten würde. Darum würde sie, Sarah, sich von nun an kümmern.

Ein Mann von seiner Stellung musste Gäste bewirten. Dazu brauchte er eine Dame des Hauses. Sarah Conway wusste genau, wie man eine elegante Dinnerparty oder einen Ball ausrichtete.

Allerdings war das, was sie über das Arizona-Territorium gelesen hatte, nicht gerade ermutigend. Geschichten von schonungslosen Kämpfen mit wilden Indianern. Aber schließlich schrieb man das Jahr 1875. Für Sarah stand fest, dass auch ein so entlegenes Gebiet wie Arizona mittlerweile zivilisiert sein müsse. Bei den Berichten, die sie gelesen hatte, handelte es sich zweifellos um Übertreibungen, die dazu dienten, die Auflagen von Zeitungen und Groschenheften zu erhöhen.

Was das Klima betraf, hatten sie jedenfalls nicht übertrieben. In der engen, mit sieben Passagieren überbesetzten Postkutsche machte sich die Hitze besonders unangenehm bemerkbar. Und der Geruch! Sarah mochte ihr Taschentuch noch so oft mit Lavendelwasser besprenkeln, gegen den Gestank von Schweiß und billigem Schnaps, den der Mann ihr gegenüber fortwährend direkt aus der Flasche trank, kam sie nicht an. Zuerst hatte sie sein von Pockennarben entstelltes Gesicht noch einigermaßen fasziniert, doch als er ihr anbot, mit ihm zu trinken, hatte sie entrüstet abgelehnt.

Es war jedoch nicht ganz leicht, würdevoll auszusehen, wenn einem die Kleider am Leibe klebten und das Haar schlaff unter der Haube hervorquoll. Und fast unmöglich wurde es ihr, den gebührenden Anstand zu bewahren, als die wohlbeleibte Frau neben ihr auch noch anfing, an einem Hühnerbein herumzuknabbern. Trotzdem, wenn sich Sarah einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich durch nichts davon abbringen.

Von Arizonas Landschaft hatte sie bereits genug. Weit und breit sah sie nur ödes Land. Nun, die ersten Kakteen hatten sie immerhin noch beeindruckt. Sie hatte sogar daran gedacht, einige von ihnen zu zeichnen. Manche waren mannshoch, andere hingegen niedrig und mit unzähligen gefährlich aussehenden Stacheln bedeckt. Doch als sie einige Dutzend gesehen hatte und sonst kaum etwas, hatten sie den Reiz des Neuen rasch verloren.

Interessanter waren da schon die Felsen. Die steil aus dem Wüstensand aufragenden Buttes und die ausgedehnteren Mesas verliehen der Landschaft einen gewissen Charme, besonders, wenn sie sich gegen den tiefblauen Himmel abzeichneten. Trotzdem waren ihr die sauberen Straßen von Philadelphia mit den Läden und Teestuben allemal lieber.

Das Zusammensein mit ihrem Vater würde sie für alles entschädigen. Er würde stolz auf sie sein. Er musste stolz auf sie sein, denn dafür hatte sie die ganzen Jahre gearbeitet, gelernt und geübt, damit sie die tüchtige, wohlerzogene junge Lady wurde, die er sich wünschte.

Wird er mich wiedererkennen, fragte sie sich. Erst letztes Jahr zu Weihnachten hatte sie ihm ein kleines gerahmtes Selbstporträt geschickt, allerdings war sie sich nicht sicher, ob es ihr wirklich ähnlich sah. Schade, dass sie nicht so hübsch wie ihre Freundin Lucilla war. Immerhin hatte sie, Sarah, einen makellosen Teint, und das tröstete sie. Anders als Lucilla war sie niemals auf die Hilfe jener kleinen, bei den Schwestern so verpönten Rougetöpfchen angewiesen. Manchmal kam Sarah ihr Teint sogar etwas zu rosig vor. Nicht selten hatte sie ihre vollen Lippen beklagt und sich einen kleinen Kussmund gewünscht. Ihre Augen hatten zu ihrem Leidwesen ein unauffälliges Braun und waren nicht blau, wie es viel besser zu ihrem blonden Haar gepasst hätte. Immerhin war sie alles in allem eine adrette, gepflegte Erscheinung – oder war es jedenfalls gewesen, bis sie diese schauderhafte Reise antrat.

Doch bald würden alle Strapazen überstanden sein. Nicht mehr lange, und ihr Vater würde sie in die Arme schließen, und sie machten es sich in dem hübschen Haus, das er gebaut hatte, gemütlich. Vier Schlafzimmer hatte es. Und einen Salon mit den Fenstern nach Westen. Herrlich!

Wahrscheinlich würde sie einiges ändern müssen. Männer dachten doch nie an Feinheiten wie Gardinen und Zierdecken. Sie würde ihre Freude daran haben! Und wenn erst einmal die Fensterscheiben blitzten und frische Blumen in den Vasen standen, dann würde er schon merken, wie sehr er sie brauchte. Dann würden sich alle Anstrengungen der verflossenen Jahre gelohnt haben.

Sarah spürte, wie ihr der Schweiß den Rücken hinunterlief. Zuerst brauchte sie ein kühles Bad, das Wasser angereichert mit dem nach Flieder duftenden Badesalz, das ihr Lucilla zum Abschied geschenkt hatte. Sarah seufzte. Oh, wie sehnte sie sich danach, die beengenden Kleider auszuziehen!

Plötzlich machte die Kutsche einen Schlenker, sodass Sarah gegen die füllige Frau neben sich geschleudert wurde. Noch bevor Sarah sich wieder aufrichten konnte, hatte sich der restliche Inhalt der Schnapsflasche ihres Gegenübers über ihren Schoß ergossen.

»Sir!« Doch da hörte sie den Schuss und die Schreie.

»Indianer!« Der Hähnchenschenkel wirbelte durch die Luft. Entsetzt drückte die Frau Sarah an sich und rief: »Wir werden alle massakriert!«

»Beruhigen Sie sich doch!« Sarah versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien, wobei sie sich nicht so recht klar darüber war, ob sie sich mehr über das plötzliche riskante Eiltempo der Kutsche oder über den Fleck auf ihrem neuen Rock ärgern sollte.

Nachdem die Frau Sarah endlich losgelassen hatte, lehnte sie sich aus dem Fenster, um dem Fahrer etwas zuzurufen. Plötzlich sah sie, in nur wenigen Zentimetern Entfernung, das Gesicht des »Shotgun Riders«. Sekundenlang hing er kopfüber da, für Sarah lange genug, um den Pfeil zu registrieren, der in seinem Herzen steckte.

Noch während die Frau neben ihr aufschrie, fiel der Tote mit einem dumpfen Schlag zu Boden.

»Indianer! Gnade uns Gott! Wir werden skalpiert! Jeder Einzelne von uns!«

»Apachen«, bemerkte der Mann mit der jetzt leeren Schnapsflasche. »Es muss den Kutscher erwischt haben. Denn anscheinend sind die Pferde durchgegangen.« Mit diesen Worten zog er seinen Revolver, trat an das gegenüberliegende Fenster und begann zu schießen.

Benommen blickte Sarah aus dem Fenster auf ihrer Seite. Sie hörte Kampfgebrüll und das Donnern von Pferdehufen. Wie Bestien, ging es ihr durch den Kopf. Aber das, was dort draußen geschah, war doch völlig absurd. Die Vereinigten Staaten waren nahezu ein Jahrhundert alt, Ulysses S. Grant war ihr Präsident. Dampfschiffe überquerten den Atlantik in weniger als zwei Wochen. In dieses Zeitalter passten Indianerkämpfe nicht mehr.

Im nächsten Moment sah sie einen der Angreifer. Er ritt mit nacktem Oberkörper auf einem Pony, und seine Haarmähne flog im Wind. Sarah blickte ihm geradewegs in die Augen, die deutlich seine Erregung widerspiegelten. Als er den Bogen spannte, hätte sie die Federn am Schaft des Pfeils zählen können. Plötzlich stürzte er vom Pferd.

Wie ein böser Traum, dachte Sarah und musste sich heftig kneifen, um nicht in Ohnmacht zu fallen.

Ein weiterer Reiter kam in ihr Blickfeld, tief über den Hals seines Ponys gebeugt, einen Revolver in beiden Händen. Er war kein Indianer, obwohl er Sarah genauso wild vorkam. Sein schwarzes Haar war halb unter einem grauen Hut verborgen, und seine Haut war fast so dunkel wie die des Apachen. Seine Augen blickten jedoch eiskalt.

Er schoss nicht auf sie, wie sie schon befürchtet hatte, sondern feuerte über seine Schulter nach hinten, erst mit der rechten, dann, während ein Pfeil an seinem Kopf vorbeizischte, mit der linken Hand.

Erstaunlich, dachte Sarah, und ihr anfängliches Entsetzen wich einer seltsamen Erregung. Er war großartig, sein muskulöser, angespannter Körper schien eins mit dem dahingaloppierenden Pferd zu sein. In diesem Moment fasste die Dame neben ihr sie wiederum an den Armen und jammerte.

Während Jake hinter sich feuerte, hielt er sich ebenso leicht durch den Druck seiner Knie im Sattel wie ein Apache. Er hatte einen Blick auf die Passagiere erhascht, besonders auf ein blasses, dunkeläugiges Mädchen mit einer blauen Haube. Die Apachen hätten ihren Spaß an ihr, dachte er leidenschaftslos, während er seine Revolver in die Holster zurückgleiten ließ.

Jetzt bemerkte er den Kutscher, der, die Schulter von einem Pfeil durchbohrt, seine Pferde wieder unter Kontrolle zu bekommen versuchte. Er gab sein Bestes, trotz aller Schmerzen, aber er war zu geschwächt, um den Bremshebel herunterzudrücken. Fluchend trieb Jake sein Pferd vorwärts, bis er nahe genug an der rasenden Kutsche war. Jetzt versuchte er, mit den Händen einen Halt zu finden.

Ein paar scheinbar endlos dauernde Sekunden hing er mit seinem ganzen Gewicht nur an seinen Fingern. Sarah erhaschte einen Blick auf sein staubiges Hemd, den muskulösen Unterarm, ein lederbehostes Bein und einen zerkratzten Stiefel. Gleich darauf war er oben, arbeitete sich über das Dach der Kutsche nach vorn. Die Frau neben ihr schrie jetzt wie am Spieß und fiel prompt in Ohnmacht, sobald der Wagen zum Stehen kam. Sarah war zu aufgeregt, um still sitzen bleiben zu können. Eilig stieß sie die Wagentür auf und kletterte hinaus.

Der Mann mit dem grauen Hut stieg bereits vom Bock. »Ma’am«, sagte er, als er an Sarah vorbeiging.

Sie presste die Hand auf ihr klopfendes Herz. Nie hatte sich jemand so heldenhaft verhalten! »Sie haben uns das Leben gerettet«, brachte sie mühsam heraus, doch er blickte nicht einmal in ihre Richtung.

»Redman.« Der Fahrgast mit der Whiskeyflasche war ebenfalls ausgestiegen. »Ein Glück, dass Sie uns zu Hilfe gekommen sind.«

»Lucius.« Jake ergriff die Zügel seines Pferdes und klopfte ihm beruhigend auf den Hals. »Es waren nur sechs.«

»Die machen sich ja aus dem Staub«, platzte Sarah heraus. »Sie lassen sie so einfach davonkommen?«

Jakes Blick folgte der kleiner werdenden Staubwolke und wandte sich dann Sarah zu. Jetzt hatte er endlich Zeit, sie genauer zu betrachten. Sie war zierlich, und ihre Herkunft von der Ostküste stand ihr deutlich ins hübsche Gesicht geschrieben. Honigfarbenes Haar quoll ihr unter der Haube hervor. Sie sah aus, als sei sie soeben dem Klassenzimmer entsprungen. Unwillkürlich musste er schmunzeln.

»Tja.«

»Aber das können Sie doch nicht!« Ihr Bild von einem Helden begann rasch zu zerbröckeln. »Die Indianer haben einen Mann getötet.«

»Er kannte das Risiko. Dafür wurde er auch gut bezahlt.«

»Sie haben ihn ermordet«, begann Sarah von Neuem, als spräche sie zu einem begriffsstutzigen Schüler. »Er liegt dort hinten mit einem Pfeil in der Brust.« Als Jake, ohne darauf einzugehen, sein Pferd hinter die Kutsche führte, folgte sie ihm. »Sie könnten wenigstens zurückreiten und die Leiche des armen Mannes holen. Wir dürfen ihn doch nicht einfach dort liegen lassen.«

»Wenn wir ihn holen, macht ihn das auch nicht wieder lebendig.«

»So redet man nicht von einem Toten.« Sarah fühlte sich elend und nahm ihre Haube ab, um sich damit Luft zuzufächeln. »Der Mann verdient eine anständige Beerdigung. Ich kann doch nicht … Was machen Sie denn da?«

Jake musterte sie abschätzend. Ungewöhnlich hübsch, lautete sein Urteil. Sogar noch hübscher, wenn sie das Haar nicht unter der Haube verstecken würde. »Ich binde mein Pferd an.«

Sarah ließ die Hand, in der sie die Haube hielt, sinken. Ihr war nun nicht mehr übel. Und jegliche Bewunderung für den Helden war verschwunden. Empört wandte sie sich an Jake. »Sir, Ihnen scheint das Pferd mehr zu bedeuten als der Mann.«

Jake ging gebückt unter den Zügeln hindurch. Einen Moment lang standen sie sich nur wenige Zentimeter entfernt gegenüber, während die Sonne gnadenlos auf sie herunterbrannte. »Stimmt genau. Schließlich ist der Mann tot und das Pferd nicht. Ich würde wieder einsteigen, Miss. Es wäre nicht recht, wenn Sie immer noch hier stünden, falls sich die Apachen entschließen würden zurückzukommen.«

Jetzt blickte sie ein wenig ängstlich um sich. Es war still bis auf das Kreischen eines Geiers. »Ich werde selbst gehen und ihn holen«, stieß sie hervor.

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.« Jake ging wieder nach vorn. »Schaff dieses törichte Weib in die Kutsche«, forderte er Lucius auf. »Und gib ihr nichts mehr zu trinken.«

Bevor sie etwas entgegnen konnte, hatte Lucius sie am Arm gepackt. »Kümmern Sie sich nicht um Jake, Miss. Der vergisst manchmal seine Manieren. Aber er hat recht. Diese Apachen könnten es sich anders überlegen. Falls das passiert, wollen wir nicht mehr hier herumsitzen.«

So würdevoll wie möglich stieg Sarah in den Wagen. Die korpulente Frau hatte sich gegen einen Mann mit Bowler-Hut gelehnt und schluchzte. Sarah zwängte sich in ihre Ecke. Kurz darauf fuhr die Kutsche mit einem Ruck wieder an. Nachdem sie sich die Haube wieder aufgesetzt hatte, sah Sarah Lucius stirnrunzelnd an.

»Wer ist dieser schreckliche Mann?«, wollte sie wissen.

»Jake?« Lucius lehnte sich zurück. Nichts genoss er mehr als einen ordentlichen Kampf. »Er heißt Jake Redman, Miss. Es war unser Glück, dass er zufällig des Weges kam, das kann ich ruhig sagen. Jake trifft immer, worauf er zielt.«

»Ach, wirklich!« Es sollte hochnäsig klingen, was ihr jedoch nicht gelang. Nur zu gut erinnerte sie sich an den hasserfüllten Ausdruck in den Augen des Apachen, der an ihrem Fenster vorbeigeritten war. »Dann schulden wir ihm wohl unseren Dank, aber er machte so einen kaltherzigen Eindruck.«

»Viele sagen, er hätte Eis in den Adern. Zusammen mit einer kräftigen Portion Apachenblut.«

»Sie meinen … er ist Indianer?«

»Großmütterlicherseits, wie man hört.« Weil seine Flasche leer war, begnügte sich Lucius mit einem Priem Kautabak, den er in einem Winkel seiner Wange verstaute. »Möchte ihm nicht gern in die Quere kommen.«

Was für ein Mensch mochte das sein, der auf seine eigenen Leute schoss? Schaudernd verdrängte Sarah diese Frage. Sie wollte nicht darüber nachdenken.

Oben auf dem Bock lenkte Jake das Gespann, das jetzt gleichmäßig dahintrabte. Ihm waren die Freiheit und Beweglichkeit, die man auf dem Rücken eines Pferdes genoss, allemal lieber. Der Kutscher neben ihm betastete vorsichtig seine verwundete Schulter. Er hatte auf den zweifelhaften Komfort, den Rest der Reise im Inneren der Kutsche zurückzulegen, freiwillig verzichtet.

»Wir hätten im Liniendienst Verwendung für einen Mann wie Sie«, sagte er zu Jake.

»Ich denk drüber nach.« Doch momentan weilten seine Gedanken bei der zierlichen jungen Dame mit den großen braunen Augen und dem honigfarbenen Haar. »Wer ist die hübsche Lady?«

»Miss Conway. Aus Philadelphia.« Der Kutscher wagte nur langsam und vorsichtig zu atmen, wegen des Schmerzes. »Sie sagt, sie sei Matt Conways Tochter.«

»So?« Miss Conway war gewiss nicht nach ihrem alten Herrn geraten. Jake erinnerte sich, dass Matt gelegentlich mit seiner Tochter im Osten geprahlt hatte. Besonders, wenn er mal wieder eine Flasche geköpft hatte. »Kommt sie ihren Vater besuchen?«

»Angeblich will sie ganz bei ihm bleiben.«

Jake lachte kurz. »Sie wird’s keine Woche aushalten. Nicht eine Frau, wie sie es ist.«

»Sie hat sich jedenfalls drauf eingestellt.« Mit dem Daumen wies der Kutscher auf die Koffer, die auf dem Dach des Wagens festgezurrt waren. »Das meiste davon gehört ihr.«

Amüsiert rückte Jake seinen Hut zurecht. »Typisch.«

Sarah schaute aus dem Kutschenfenster und verschaffte sich einen ersten Eindruck von Lone Bluff. Der Anblick der wild zerklüfteten Berge ließ sie schaudern.

Den Kopf zum Fenster hinausgestreckt, spähte sie nun zu Jake Redman hinauf. Vergeblich. Um ihn zu sehen, hätte sie sich gefährlich weit hinauslehnen müssen. Nein, zu solch einem waghalsigen Unternehmen würde sie sich nicht hinreißen lassen. Außerdem hatte sie keinerlei Interesse an ihm, versuchte sie sich einzureden. Wenn sie Lucilla und ihren Schwestern schrieb, wollte sie wenigstens imstande sein, all die erlebten Kuriositäten wahrheitsgetreu zu berichten.

Wirklich, dieser Redman war ein seltsamer Mensch. Erst spielte er den tapferen Krieger, der sein Leben für ein paar Fremde riskierte, und im nächsten Augenblick vergaß er seine Christenpflicht und ließ einen Toten einfach in der Einöde liegen. Zudem hatte er sie, Sarah, verrückt genannt.

Nie im Leben hatte jemand Sarah Conway als verrückt bezeichnet. Ganz im Gegenteil, ihre Klugheit und ihre Bildung waren immer Gegenstand allgemeiner Bewunderung gewesen. Sie war belesen, sprach fließend Französisch, und ihr Talent am Pianoforte war mehr als bloße Fingerfertigkeit.

Während sie ihre Haube wieder festband, ermahnte sich Sarah, dass sie wohl kaum auf die Anerkennung durch einen Mann wie Jake Redman angewiesen war. Wenn sie erst bei ihrem Vater war und den ihr zustehenden Platz in der Gesellschaft des Ortes eingenommen hatte, würde sie Redman wahrscheinlich nie wieder zu Gesicht bekommen.

Natürlich würde sie sich angemessen bei ihm bedanken. Sarah zog ein frisches Tuch aus ihrem Beutel und tupfte sich die Schläfen damit ab. Die Tatsache, dass er keinerlei Anstand hatte, war kein Grund, ihrerseits die guten Manieren zu vergessen. Vielleicht könnte sie sogar ihren Vater bitten, ihm eine finanzielle Anerkennung zukommen zu lassen.

Von diesem Gedanken recht angetan, blickte Sarah nochmals aus dem Fenster. Unwillkürlich musste sie blinzeln. Das durfte doch nicht wahr sein! Niemals hätte sich ihr Vater in so einer schmuddeligen Gegend niedergelassen. Wie heruntergekommen die Häuser aussahen!

Gerade fuhren sie an zwei aneinandergrenzenden Saloons vorbei, einem Kurzwarenladen und einem Gasthaus. Müde Gäule, an Pfosten angebunden, schlugen träge mit den Schwänzen nach dicken schwarzen Fliegen. Eine Horde Jungen mit schmutzigen Gesichtern lief schreiend neben der Kutsche her. Sarah bemerkte zwei Frauen in ausgeblichenen blau-weißen Baumwollkleidern Arm in Arm über Holzplanken flanieren.

Kaum dass der Wagen hielt, rief Jake nach einem Arzt. Beinahe fluchtartig verließen die Fahrgäste durch beide Türen das Reisegefährt. Resigniert trat auch Sarah hinaus und zupfte erst einmal ihre Kleider zurecht.

»Mr Redman.« Der Rand ihrer Haube bot keinen Schutz gegen die blendende Sonne, sodass sie gezwungen war, die Augen mit einer Hand zu beschatten. »Warum halten wir hier an?«

»Endstation, Ma’am.« Ein paar Männer hoben bereits den verletzten Fahrer vom Bock. Jetzt machte sich Jake daran, das Gepäck auf dem Wagendach loszuschnallen.

»Endstation? Aber wo sind wir denn?«

Er hielt einen Moment inne und blickte zu Sarah hinunter. »Willkommen in Lone Bluff.«

Sarah schaute sich seufzend um. Der grelle Sonnenschein hob unbarmherzig den Schmutz und die Zeichen des Verfalls hervor.

Meine Güte, hier also war sie am Ziel. Welch ein Glück, dass sie nicht in der Stadt selbst wohnte. Und gewiss würde die Goldmine ihres Vaters bald mehr Menschen herbeilocken, wodurch es zu größerem Fortschritt käme. Sarah straffte die Schultern. Das Einzige, worauf es ankam, war, dass sie ihren Vater wiedersah.

Sie wandte sich zu Jake um, der gerade einen ihrer Koffer zu Lucius hinunterwarf. »Mr Redman, kümmern Sie sich bitte um mein Gepäck.«

Jake hob eine Reisetasche hoch und ließ sie in Lucius’ auffangbereite Arme fallen. »Jawohl, Ma’am.«

Sarah wartete, bis Jake von der Kutsche heruntergesprungen war. »Mr Redman, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie uns geholfen haben. Sie waren sehr tapfer. Mein Vater wird sich Ihnen gewiss erkenntlich zeigen, dass Sie für meine sichere Ankunft Sorge getragen haben.«

Mit zwei Fingern schob er sich den Hut zurück und musterte Sarah so eingehend, dass sie rot wurde. »Vergessen Sie’s!«

Vergessen soll ich es, dachte Sarah, als er ihr den Rücken zuwandte und davonging. Nun, wenn er es so wollte, konnte er es haben. Sie hob den Saum ihres Gewands und schritt zum Straßenrand, um auf ihren Vater zu warten.

Die Satteltaschen über die Schulter gehängt, betrat Jake den Gasthof. Drinnen war es nicht besonders sauber. Und es roch nach Zwiebeln. In der Wand waren ein paar Schusslöcher zu sehen, eines davon stammte von ihm selbst. Durch die offen stehende Tür surrten die Fliegen herein und heraus.

»Maggie.« Jake tippte an seinen Hut und begrüßte so die Frau, die am Fuß der Treppe stand. »Hast du ein Zimmer?«

Maggie O’Rourke hatte das graue Haar straff zurückgesteckt. Ihr Gesicht war von unzähligen Falten durchzogen. Sie leitete ihr Geschäft mit strenger Hand und hatte schon manchen Schurken mithilfe eines Winchester-Repetiergewehrs in die Flucht geschlagen.

Sie warf einen Blick auf Jake und verbarg ihre Freude, ihn wiederzusehen. »Schau an, was die Katze hereingeschleppt hat«, sagte sie, wobei der irische Akzent aus ihrer dünnen Stimme immer noch deutlich herausklang. »Ist dir das Gesetz auf den Fersen, Jake, oder ist es eine Frau?«

»Weder noch.« Mit dem Stiefel stieß er die Tür hinter sich zu und fragte sich, warum er immer wieder hierherkam. Maggie ließ ihn keinen Augenblick in Frieden, und ihre Kocherei ging ihm manchmal richtig auf die Nerven. »Hast du ein Zimmer, Maggie?«, wiederholte er seine Frage. »Und heißes Wasser?«

»Hast du einen Dollar?« Sie hielt ihm die geöffnete Hand entgegen. Als Jake eine Münze hineinfallen ließ, prüfte sie sie mit den wenigen gesunden Zähnen, die ihr noch verblieben waren. Nicht, dass sie Jake nicht traute. Das tat sie. Wem sie nicht traute, das war die Regierung der Vereinigten Staaten. »Du kannst dasselbe haben wie beim letzten Mal. Ist keiner drin.«

»Fein.« Er wandte sich der Treppe zu.

»War nicht viel los, seit du fort warst. Ein paar Kerle haben drüben im ›Bird Cage‹ aufeinander geschossen. Unnützes Volk. Einer ist tot. Den andern hat der Sheriff aus der Stadt geworfen, nachdem der Doc ihn wieder zusammengeflickt hatte. Die kleine Mary Sue Brody hat sich vom jungen Mitchell rumkriegen lassen. Hab ja immer gesagt, das ist ein flinkes Luder, diese Mary Sue. Hatten aber noch ’ne richtige anständige Hochzeit, die beiden. Erst letzten Monat.«

Jake stieg die Stufen hoch, aber Maggie war nicht zu bremsen. »Wie schade um den alten Matt Conway.«

Unvermittelt blieb Jake stehen und drehte sich um. Maggie, die sich nicht von der Stelle gerührt hatte, benutzte den unteren Rand ihrer Schürze, um halbherzig den Staub vom Treppengeländer zu wischen.

»Was ist mit Matt Conway?«, fragte Jake ungeduldig.

»Ist in seiner wertlosen Mine verunglückt. Einsturz. Vorgestern haben sie ihn beerdigt.«

2. KAPITEL

Die Hitze war mörderisch. Jedes Mal, wenn jemand vorbeiritt, wirbelte eine Staubwolke auf. Und nur allmählich löste sie sich in der unbewegten Luft auf. Sarah sehnte sich nach einem Plätzchen im Schatten und einem großen Glas eiskalter Limonade. Doch wie es aussah, gab es in der ganzen Stadt keinen Ort, wo eine Dame solche Annehmlichkeiten finden konnte. Und selbst wenn, so hätte sie sich doch gefürchtet, ihr Gepäck am Straßenrand stehen zu lassen und womöglich ihren Vater zu verfehlen.

Sie war sich so sicher gewesen, dass er sie erwarten würde. Aber andererseits konnte ein Mann seiner Stellung durch tausend Dinge aufgehalten worden sein: Arbeit in der Mine, Probleme mit Angestellten, vielleicht die letzten Vorbereitungen für ihre Ankunft.

Ich habe zwölf Jahre gewartet, ermahnte sie sich und widerstand der Versuchung, ihren Kragen zu lockern. Sie konnte sich auch noch ein wenig länger gedulden.

Ein Buckboard, ein vierrädriger Kastenwagen, fuhr vorbei und hüllte sie in eine Staubwolke ein. Rasch presste sie ihr Taschentuch an den Mund. Ihr dunkelblauer Reiserock und die hübsche dazu passende Jacke mit der eleganten Borte waren staubbedeckt. Seufzend blickte sie auf ihre ehemals gestärkte Bluse herab, die nun schlaff herunterhing und einen gelblichen Schimmer hatte.

Ich muss fürchterlich aussehen, dachte Sarah, während sie die Schleife unter ihrem Kinn festband. Aber heute zum Abendessen würde sie ihr neues Musselinkleid anziehen, dessen Rock mit zierlichen Rosenknospen bestickt war. Ihr Vater sollte stolz auf sie sein. Wenn er nur käme und sie von hier fortbrächte!

Jake überquerte die Straße, nachdem er einen inneren Kampf ausgefochten hatte. Die letzten zehn Minuten hatte er damit verbracht, die junge Dame zu beobachten. Nur zu deutlich hatte er wahrgenommen, wie sich ihr Blick hoffnungsvoll auf jeden ankommenden Reiter oder Wagen gerichtet hatte. Irgendjemand musste ihr sagen, dass sie vergeblich wartete.

Sarah sah ihn kommen. Seine Schritte waren leicht, trotz der Revolver, die tief an seinen Hüften saßen und jeder seiner Bewegungen folgten. Jake hielt seinen Blick in einer Weise auf sie gerichtet, wie, so empfand sie es, ein Mann dies nicht tun sollte – es sei denn, es handelte sich um seine eigene Frau. Als sie spürte, wie ihr Herz zu klopfen begann, versteifte sie sich.

»Ma’am.« Jake war überrascht, dass sie die Hitze so gut vertrug. Vielleicht war sie viel zäher, als sie aussah, doch er bezweifelte es.

»Mr Redman.« Entschlossen, sich liebenswürdig zu zeigen, lächelte sie ihn flüchtig an.

Jake hakte die Daumen in seine Hosentaschen. »Ich habe Nachricht von Ihrem Vater.«

Jetzt strahlte sie über das ganze Gesicht, ihre Augen funkelten im Sonnenlicht. »Oh, er hat eine Nachricht für mich hinterlassen? Vielen Dank, dass Sie mir Bescheid gesagt haben. Ich hätte ja Stunden hier warten können.«

»Ma’am …«

»Ist es eine schriftliche Botschaft?«

»Nein.« Jake wollte es hinter sich bringen, und zwar schnell. »Ihr Vater ist tot. Er ist in seiner Mine verunglückt.« Jake war auf Weinen gefasst, auf hysterisches Jammern, aber ihre Augen füllten sich nicht mit Tränen, sondern blitzten vor Wut.

»Wie können Sie es wagen, mich so gemein anzulügen?«

Sie wollte an ihm vorbei davoneilen, doch Jake packte sie am Arm und hielt sie zurück. Sarahs erste Reaktion, ihm ihre Entrüstung entgegenzuschleudern, unterblieb, nachdem sie Jake in die Augen gesehen hatte.

»Er wurde vor zwei Tagen beerdigt.« Jake merkte, wie sie zusammenschrak. Ihr Zorn schwand, und sie wurde blass. »Werden Sie mir nicht ohnmächtig.«

Sarah erkannte, dass er die Wahrheit sagte. Sie spürte, welches Unbehagen es ihm bereitete, der Überbringer der Todesnachricht zu sein. »Ein Unfall?«, brachte sie mühsam heraus.

»Ja. Ein Stollen ist verschüttet worden.« Jake war erleichtert, dass sie nicht in seinen Armen zusammengebrochen war, aber ihr glasiger Blick gefiel ihm gar nicht. »Am besten, Sie sprechen mit dem Sheriff.«

»Mit dem Sheriff?«, wiederholte sie dumpf.

»Sein Büro ist auf der anderen Straßenseite.«

Sie sah Jake bloß an und schüttelte den Kopf.

Ihre Augen sind goldbraun, stellte Jake fest. Wie der Brandy, den er manchmal im »Silver Star« trank. Im Moment drückten sie großen Kummer aus. Er sah, wie sie sich auf die Unterlippe biss, um nicht von den Gefühlen überwältigt zu werden, die sich in ihren Augen so deutlich widerspiegelten.

Wäre sie in Ohnmacht gefallen, hätte er sie vermutlich gleich in die Obhut der erstbesten Frau gegeben, die des Weges gekommen wäre. Aber die junge Dame hielt sich tapfer aufrecht, und das rührte etwas in ihm an.

Jetzt löste Jake seinen Griff von ihrem Arm und führte sie am Ellbogen über die Straße. Dabei konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er dazu kam, sich für sie verantwortlich zu fühlen.

Sheriff Barker saß an seinem Schreibtisch, der mit Papieren übersät war, und trank gerade einen Kaffee. Sein Haar lichtete sich zusehends. Jeden Morgen nahm er sich viel Zeit, die noch verbliebenen Strähnen über die sich stetig vergrößernde Glatze zu verteilen. Den Bauchansatz hatte er seiner Vorliebe für Naschereien zu verdanken, was seine Frau durch ihre Backkünste noch förderte. Barker vertrat das Gesetz in Lone Bluff – um die Ordnung kümmerte er sich nicht allzu sehr. Er war nicht korrupt, aber faul.

Barker seufzte leise, als er Jake eintreten sah. Wenn Redman in der Gegend war, ging das gewöhnlich nicht ohne Arbeit für ihn ab. »Du bist also zurück. Ich dachte schon, New Mexico hätte es dir angetan.« Seine Brauen schossen in die Höhe, denn jetzt bemerkte er Sarah. Immerhin hatte er genügend Anstand, sich bei ihrem Anblick zu erheben. »Ma’am.«

»Das ist Matt Conways Tochter.«

»Also, da soll mich doch … Entschuldigen Sie, Ma’am. Ich war gerade dabei, Ihnen zu schreiben.«

»Sheriff …« Sarah hielt einen Augenblick inne, um sich zu sammeln. Sie wollte nicht die Haltung verlieren, nicht hier vor fremden Leuten.

»Barker, Ma’am.« Er kam hinter dem Schreibtisch hervor und rückte ihr einen Stuhl zurecht. »Bitte nehmen Sie Platz.«

»Sheriff Barker.« Sarah setzte sich. »Mr Redman hat mir soeben mitgeteilt, dass mein Vater …« Sie konnte es nicht aussprechen. Egal, wie schwach sie dadurch erscheinen mochte, sie brachte es einfach nicht übers Herz.

»Jawohl, Ma’am. Tut mir aufrichtig leid. Ein paar spielende Kinder haben ihn gefunden. Anscheinend hat er in der Mine gearbeitet, als einer der Stützbalken nachgab.«

Als Sarah nichts sagte, räusperte Barker sich und öffnete die oberste Schublade des Schreibtischs. »Er hatte seine Taschenuhr dabei und seinen Tabak.« Auch seine Pfeife hatte man bei ihm gefunden, da sie jedoch zerbrochen war, war Barker davon ausgegangen, dass niemand sich dafür interessierte. »Wir nahmen an, dass er seinen Ehering gern mit ins Grab genommen hätte.«

»Ich danke Ihnen.« Mühsam beherrscht, nahm sie die Uhr und den Tabaksbeutel entgegen. Wie gut erinnerte sie sich an die Taschenuhr! Rasch unterdrückte sie die aufsteigenden Tränen. »Ich möchte sehen, wo er begraben liegt. Mein Gepäck müsste zu seinem Haus hinausgebracht werden.«

»Miss Conway, wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, lassen Sie sich nicht dort draußen nieder. Das ist nichts für eine junge Dame wie Sie. Meine Frau wird sich glücklich schätzen, Sie einige Tage bei uns aufzunehmen, bis die Postkutsche wieder nach Osten fährt.«

»Vielen Dank für das freundliche Angebot.« Indem sie sich auf die Stuhllehne stützte, gelang es Sarah, wieder aufzustehen. »Aber ich würde heute Nacht lieber im Haus meines Vaters schlafen.« Sie schluckte und merkte, dass ihre Kehle so trocken war, dass es wehtat. »Gibt es … Schulde ich Ihnen irgendetwas für die Beerdigung?«

»Nein, Ma’am. Hierzulande kümmern wir uns um unsere Leute noch selber.«

»Ich danke Ihnen nochmals.« Sarah spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Die Uhr ihres Vaters umklammernd, stürzte sie nach draußen und holte, an einen Pfosten gelehnt, tief Luft.

»Sie sollten das Angebot des Sheriffs annehmen.«

Sarah wandte den Kopf und blickte Jake ruhig an. Bisher hatte er kein Wort des Mitleids geäußert. Kein einziges. Nun, sie war froh darüber. »Ich werde im Haus meines Vaters wohnen. Werden Sie mich hinbringen?«

Nachdenklich rieb Jake sich das Kinn. Seit einer Woche hatte er sich nicht rasiert. »Ich hab zu tun.«

»Natürlich werde ich Sie bezahlen«, sagte sie schnell, als er sich zum Gehen wandte.

Jake blieb stehen und sah über die Schulter zurück. Sarah Conway war also fest entschlossen. Er wollte wissen, wie fest. »Wie viel?«

»Zwei Dollar.«

Jake schwieg.

»Also fünf.«

»Haben Sie fünf?«

Angewidert wühlte Sarah in ihrem Beutel. »Da!«

Jake blickte auf die Fünf-Dollar-Banknote in ihrer Hand. »Was ist das?«

»Das sind fünf Dollar.«

»Nicht hier. Bei uns ist das ein Fetzen Papier.«

Sarah stopfte den Schein in den Beutel zurück und zog eine Münze hervor. »Wie steht’s damit?«

Jake nahm die Münze, drehte sie in seiner Hand herum, bevor er sie einsteckte. »In Ordnung. Ich besorge einen Wagen.«

Kleinlicher Mensch, dachte Sarah. Sie hasste ihn. Noch mehr missfiel ihr die Tatsache, dass sie ohne seine Hilfe nicht zurechtzukommen schien.

Während der langen Fahrt im offenen Wagen sprach Sarah kein Wort. Weder die Trostlosigkeit ihrer Lage noch die Hitze und die Kaltschnäuzigkeit des Mannes neben ihr bedeuteten ihr noch etwas. Sie empfand nur eine ungeheure Leere.

Jake Redman legte keinen Wert auf Unterhaltung. Schweigend lenkte er das Gespann. Zusätzlich zu den Revolvern war er jetzt mit einem Gewehr bewaffnet, das auf seinem Schoß lag. Hier draußen hatte es zwar seit Längerem keinen Ärger gegeben, doch hatte ihm der Indianerüberfall deutlich gemacht, dass sich dies leicht ändern konnte.

Er hatte Strong Wolf in dem Trupp erkannt, der die Postkutsche angegriffen hatte. Wenn sich der Apache diese Gegend für seine Raubzüge ausgesucht hatte, würde er früher oder später auch zur Conway-Ranch kommen.

Sie begegneten niemandem, sahen nur Sand, Felsen und einen Falken auf Beutefang.

Jetzt zügelte Jake die Pferde vor einem kleinen Haus, das aus Lehmziegeln gebaut war, und ein paar heruntergekommenen Hütten.

»Warum halten wir hier an?«, fragte Sarah verwundert.

Jake sprang vom Wagen. »Das ist Matt Conways Besitz.«

»Machen Sie sich doch nicht lächerlich.« Da Jake keine Anstalten machte, ihr zu Hilfe zu kommen, mühte sich Sarah selber herunter. »Mr Redman, ich habe Sie dafür bezahlt, dass Sie mich zum Haus meines Vaters bringen, und darf wohl erwarten, dass Sie sich an unsere Abmachung halten.«

Bevor sie ihn daran hindern konnte, stellte er einen ihrer Koffer auf den steinigen Boden. »Was tun Sie da?«

»Ich liefere Ihr Gepäck ab.«

»Unterstehen Sie sich, auch nur noch ein Stück abzuladen!« Zu Jakes Überraschung packte sie ihn am Hemd und zog ihn zu sich herum. »Ich bestehe darauf, dass Sie mich umgehend zum Haus meines Vaters bringen!«

Sie ist nicht nur naiv, dachte Jake. Sie ist obendrein auch noch lästig. »Na schön.« Er umfasste ihre Taille, hob Sarah hoch und warf sie sich über die Schulter.

Zuerst war sie zu schockiert, um sich zu rühren. Kein Mann hatte sie je zuvor so respektlos behandelt. Und sie war ganz allein mit dem Rüpel. Als er die Tür der Hütte aufstieß, strampelte Sarah wie wild. Bevor sie jedoch Luft holen konnte, um loszuschreien, ließ er sie hinunter.

»Genügt Ihnen das?«

Sie blickte ihn ängstlich an. Schreckliche Vorstellungen, was einer wehrlosen Frau alles zustoßen könnte, tauchten in ihrer Fantasie auf. »Mr Redman, ich besitze nur wenig Geld, also dürfte es sich kaum lohnen, mich zu berauben.«

Ein kalter Ausdruck trat in seine Augen. »Ich stehle nicht.«

Sarah befeuchtete sich die Lippen. »Werden Sie mich umbringen?«

Jake hätte beinahe laut herausgelacht. Stattdessen lehnte er sich schweigend gegen die Wand. Sarah hatte irgendetwas an sich, was ihm zu schaffen machte. Er wusste nicht genau, was es war, aber es gefiel ihm nicht. Nicht im Geringsten.

»Wahrscheinlich nicht«, antwortete er, ohne eine Miene zu verziehen. »Wollen Sie sich nicht mal umsehen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Man sagte mir, er sei hinter dem Haus beerdigt worden, nahe dem Eingang zur Mine. Ich schaue mal nach Matts Pferden und tränke das Gespann.«

Auch nachdem Jake gegangen war, rührte sich Sarah nicht von der Stelle. Nein, das konnte nicht wahr sein. Hier hatte ihr Vater nicht gelebt. Sie besaß Briefe, Dutzende Briefe, in denen er ihr von seinem geräumigen Haus geschrieben hatte.

Die Mine. Wenn die Mine in der Nähe war, dann traf sie dort vielleicht jemanden, mit dem sie reden konnte. Nachdem sie vorsichtig einen Blick durch die Tür riskiert hatte, eilte Sarah hinaus und ging um das Haus herum.

Sie kam an einem Gemüsegarten vorbei, der jedoch unter der brennenden Sonne vertrocknet war, an einer leeren Koppel, umzäunt von einem einfachen Gatter. Jetzt stieg sie einen Hang hinauf.