Die Zeitagentin - Ein Fall für Peri Reed - Kim Harrison - E-Book

Die Zeitagentin - Ein Fall für Peri Reed E-Book

Kim Harrison

3,9
11,99 €

Beschreibung

Vierzig Sekunden können den Lauf der Welt verändern

Peri Reed ist jung, sexy und tough. Doch das ist nicht das Beste an ihr! Was sie einzigartig macht, ist ihre Gabe: Peri kann vierzig Sekunden in der Zeit zurückspringen und die Vergangenheit verändern. Ein unschätzbarer Vorteil, wenn man für eine staatliche Geheimorganisation arbeitet, die Jagd auf die gefährlichsten Kriminellen der USA macht. Bis Peri eines Tages der Korruption verdächtigt wird und fliehen muss. Plötzlich zur Staatsfeindin Nummer eins geworden, ist sie fest entschlossen, ihre Unschuld zu beweisen und die Drahtzieher dieser Verschwörung ausfindig zu machen. Doch Peri kann niemandem mehr vertrauen – nicht einmal dem Mann, den sie liebt ...

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Seitenzahl: 871

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DAS BUCH

Detroit im Jahr 2030: Das gesellschaftliche Leben wird inzwischen von der Geheimorganisationen Opti beherrscht: Im Verborgenen regelt sie die wichtigsten Angelegenheiten der oberen Zehntausend der USA. Um ihre Aufträge so effektiv wie möglich zu erledigen, braucht die Organisation Zeitagenten – Menschen, die vierzig Sekunden in der Zeit zurückspringen und die Vergangenheit verändern können. Peri Reed ist so eine Zeitagentin, und sie ist die beste ihres Fachs. Der einzige Nachteil, den ihr Job mit sich bringt: Nach jedem Zeitsprung verliert Peri ihr Gedächtnis und ist darauf angewiesen, dass ihr Partner Jack diese Lücken wieder auffüllt. Als eines Tages eine von Peris und Jacks Missionen fehlschlägt, wird Peri plötzlich der Korruption verdächtigt und landet auf Optis schwarzer Liste. Allerdings kann sich sie an nichts mehr erinnern, und auch Jack verhält sich plötzlich merkwürdig. Peri beschließt zu fliehen und auf eigene Faust ihre Unschuld zu beweisen. Auf der Flucht begegnet sie dem geheimnisvollen Silas, der mehr über Peris Vergangenheit zu wissen scheint als sie selbst. Doch wem kann Peri eigentlich noch vertrauen? Silas? Jack? Oder nicht einmal sich selbst?

»Die Zeitagentin ist atemberaubend spannend!«

Diana Gabaldon

»Um nichts in der Welt würde ich ein Kim-Harrison-Buch verpassen wollen!«

Charlaine Harris

»Kim Harrison besitzt ein wahrhaft einzigartiges Erzähltalent!«

RT Book Reviews

DIE AUTORIN

Kim Harrison wurde in Detroit, USA, geboren. Als einziges Mädchen in einer Großfamilie lernte sie rasch, ihre Barbies zur Selbstverteidigung einzusetzen. Sie spielt schlecht Billard und hat beim Würfeln meist Glück. Wenn sie nicht gerade schreibt, verbringt sie ihre freie Zeit mit Gartenarbeit und pflegt ihre Vorliebe für gute Schokolade und exquisites Sushi. Seit ihrer internationalen Bestsellerserie Rachel Morgan zählt Kim Harrison zu den erfolgreichsten Fantasy-Autorinnen weltweit.

Mehr über Kim Harrison und ihre Romane erfahren Sie auf:

www.kimharrison.net

KIM HARRISON

DIE ZEITAGENTIN

EIN FALL FÜR PERI REED

Roman

Aus dem Amerikanischen übersetzt

von Frauke Meier

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Titel der amerikanischen Originalausgabe: THE DRAFTER
Redaktion: Ursula Kiausch Copyright © 2015 by Kim Harrison Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von shutterstock/zhu difeng Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach ISBN: 978-3-641-18048-5 V002
www.heyne.de
www.twitter.com/[email protected]

Für Tim, der immer noch meine Rohentwürfe liest –

und einige der überarbeiteten.

PROLOG

2025

Mit Ausnahme eines einzelnen Stuhls und des Tastfelds an der Tür, das sanft im Licht der in die Decke eingelassenen Lampen schimmerte, durchbrach nichts die Monotonie des quadratischen Raums. Die Wände waren hier nur zweieinhalb Meter lang. Peri richtete sich aus der Dehnung auf und unterdrückte ein Schaudern, während ein Gefühl wie von elektrischer Spannung über ihre Haut kroch und sich dort sammelte, wo der Übungsanzug zwickte.

Besorgt strich sie mit der Hand über das Spinnennetz weißer Spannungslinien auf dem schwarzen Leder. Als das elektrische Feld in dem Material stufenweise abebbte und sich wie mit Nadelstichen in ihre Hand bohrte, vertiefte sich ihr Stirnrunzeln. Meinen die das ernst? Der Slicksuit umhüllte sie vom Hals bis zum oberen Rand ihrer Stiefel, ließ ihre schmale Gestalt gefährlich und sexy erscheinen, aber eine Fehlfunktion des Anzugs würde sie behindern.

»Hey! Entschuldigung?«, rief sie in Richtung der Decke, und ihre hohe Stimme klang unverkennbar fordernd. »Ich bekomme ein unverhältnismäßiges Feedback von meinem Slicksuit.«

Ein leises Klingeln drang durch den winzigen Raum: Die Audioverbindung wurde aktiviert. »Tut mir leid«, sagte eine Männerstimme in leicht sarkastischem Ton, der ihr verriet, dass sie Bescheid wussten. »Mögliche Fehlfunktionen des Anzugs sind innerhalb der Parameter dieser Übung zulässig. Fangen Sie an.«

Wieder ertönte das Klingeln. Mit jedem hastigen Atemzug strömte Adrenalin durch ihren Körper. Sie konnte die Kameras nicht sehen, aber die Leute beobachteten sie, verglichen jede ihrer Bewegungen mit einer unerreichbar perfekten Idealvorstellung. Großspurig vergeudete sie drei Sekunden, um sich zu strecken und ihr Selbstvertrauen zusammen mit ihrem geschmeidigen Körper zur Schau zu stellen. Aufgabe eins: technisches Hindernis, dachte sie und musterte das Tastfeld an der verriegelten Tür.

Flink ergriff sie die Lehne des hölzernen Stuhls und schmetterte ihn an die Wand. Mit lautem Krachen barst das Holz beim Aufprall, und sie kniete sich hin, um die Einzelteile genauer in Augenschein zu nehmen. Von den Handschuhen des Slicksuits befreit, wühlte sie mit geschickten Fingern in den Überresten, bis sie einen Metallnagel gefunden hatte. Dann erhob sie sich, tapste zur Tür und benutzte den Nagel, um das Tastfeld aus der Wand zu hebeln.

Dieser Punkt ist so gut wie abgehakt. Sie zog das Tastfeld ab und konzentrierte sich auf das Kabelgewirr in der Wand, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte. Sie schloss die Faust um das Kabel, spannte die Muskeln, um es herauszureißen, zögerte dann aber. Wegen der »Fehlfunktion« in ihrem Anzug würde sie womöglich mit rauchendem Kopf auf dem Hinterteil landen, während sie sich daran zu erinnern versuchte, wie man fokussiert arbeitet. Das ist das Risiko nicht wert, überlegte sie und folgte dem Draht stattdessen zur Platine, um die Tür mithilfe des Nagels kurzzuschließen. Von der Decke meldete ein Klingeln ihren Erfolg. Als sich die Tür öffnete, salutierte Peri süffisant vor den unsichtbaren Kameras. Elf Sekunden.

Den Nagel fest zwischen die Finger geklemmt, tauchte sie in die kühlere Luft eines großen Raums mit einem elastischen Sportbodenbelag ein. Die Decke war hier höher, das Licht heller, und am anderen Ende lockte eine weitere Tür, an deren Verriegelung bereits ein Lämpchen in stetigem Grün leuchtete. Hinter dieser Tür lag alles, wofür sie gearbeitet hatte, alles, was man ihr versprochen hatte. Sie musste nur hinkommen.

Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch warnte sie. Peri duckte sich, trat nach hinten aus und traf einen Mann, der den Halt verlor und wild kreisend gegen die Wand geschleudert wurde. Scheiße, ist der groß!, dachte sie, als sein Slicksuit weiß aufblitzte. Aber der Anzug färbte sich schon wieder schwarz, während sie ihn musterte. Der Mann war nicht aus dem Spiel. Noch nicht.

»Ist nichts Persönliches, klar?«, sagte sie, und ihr Blick zuckte von der Waffe in seinem Holster zu den beiden Männern, die auf sie zuliefen. Drei gegen eine war unfair, aber wann war das Leben schon fair?

Sie griffen gemeinsam an. Peri ließ sich fallen, rollte sich ab und riss den Typen, der ihr am nächsten war, von den Füßen. Er fiel, und sie stürzte sich auf ihn und rammte ihm den Ellbogen an die Kehle. Ein dumpfer Laut verriet ihr, dass sie ein Schutzpolster getroffen hatte, aber sie hatte ihn hart genug erwischt, dass ihm die Luft wegblieb. Als sie wieder auf die Beine kam, färbte sich sein Slicksuit weiß. Einer erledigt.

Der zweite Mann packte sie und hielt ihr ein Glas-Messer an die Kehle, in dessen Innenraum sich schattenhaft elektronische Bauteile abzeichneten. Mit einem wütenden Aufschrei bohrte sie dem Mann den Nagel ins Ohr. Während er vor Schmerz aufheulte, warf sie ihn über die Schulter auf den ersten Mann, der sich inzwischen wieder erholt hatte.

Sie stürzte hinter den beiden her, schnappte sich das Glas-Messer und zog es beiden über die Kehle. Die leicht glimmende Klinge leuchtete hell auf, um die Eliminierung der Gegner zu signalisieren, und deren Slicksuits färbten sich weiß. Keuchend blieben sie wie gelähmt am Boden liegen. Aus dem Ohr eines der Männer tropfte echtes Blut, das auf dem Sportboden befremdlich aussah.

Peri richtete sich auf, hielt den Nagel weiter einsatzbereit in der Hand, kehrte den Männern den Rücken zu und stolzierte souverän zur Tür. Das war’s jetzt mit dem lahmen Vorgeplänkel. Der Adrenalinrausch, der sich immer noch in ihrem Organismus bemerkbar machte, vermittelte ihr nun ein Gefühl glühender Vorfreude. Dafür hatte sie monatelang gearbeitet. Wie oft musste sie noch beweisen, dass sie einsatzbereit war?

Mit einem dumpfen Geräusch flammten weitere Lampen im Raum auf. An der Tür wechselte das Licht von grün zu rot. Verriegelt.

Ruckartig blieb Peri stehen. »Was, bitte schön, soll das?«, rief sie in Richtung Decke, worauf die Audioverbindung mit leisem Klingeln wieder eingeschaltet wurde.

»Sie haben hier nicht Ihr Können mit Projektilwaffen demonstriert«, erklärte der Mann, allerdings konnte sie im Hintergrund eine Auseinandersetzung hören.

Peri schob die Hüfte vor, wohl wissend, dass die Uhr immer noch tickte und sie gerade ihren perfekten Punktestand aufs Spiel setzte. »Sie meinen, mit einer Schusswaffe?«, entgegnete sie verächtlich. »Handfeuerwaffen sind laut, außerdem leicht zu entwenden, und dann müsste ich noch mehr Schaden anrichten, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen.«

»Ihre Zeit läuft noch«, sagte der Mann in blasiertem Ton.

»Wie soll ich zeigen, was ich kann, wenn ihr dauernd die Regeln ändert«, murmelte sie und stapfte zurück zu den drei Männern, die in ihren weißen Slicksuits immer noch paralysiert am Boden lagen. Mit zusammengebissenen Zähnen entriss sie dem Mann, der ihr am nächsten war, die Waffe. »Ich habe euch bereits getötet«, sagte sie, als der sie aus geweiteten Augen anstarrte. Dann wirbelte sie um die eigene Achse und zerschoss stattdessen die Kameras in den Ecken: eins, zwei, drei.

»Reed!«, brüllte der Mann, der sie draußen beobachtete, als das Bild auf seinen Monitoren erlosch.

Peri ließ die Waffe fallen, wartete ab und schüttelte dabei ihre Finger, um die Nadelstiche zu lindern. Der Audiokanal war immer noch offen. Als sie die Worte »Beste, die wir haben« und »Gerade wegen ihrer beschissenen Einstellung ist sie perfekt« hörte, huschte ein Lächeln über ihre Lippen.

Peri warf einen Blick auf ihre Uhr und verlagerte ihr Gewicht. »Also, kann ich dann gehen, oder wollen Sie, dass ich es noch einmal mit Gefühl versuche? Ich habe heute noch was anderes zu tun.«

Stille. Dann übernahm ein jüngerer Mann das Mikrofon. »Sie melden sich morgen um neun in der medizinischen Abteilung. Glückwunsch, Agentin Reed. Sie haben es geschafft.«

Für einen Moment stockte ihr der Atem. Dann schnappte sie so heftig nach Luft, dass ihr Atem wie Feuer bis hinab zu ihren Rippen brannte, und sie rief sich zur Ruhe. »Freitag«, gab sie zurück, ohne auf die Männer zu achten, die hinter ihr aufstöhnten, während ihre Slicksuits sich wieder neutral schwarz färbten. »Ich möchte mich noch von meiner Mutter verabschieden.«

Wieder Stille, und Peris gute Laune erhielt einen Dämpfer, als sie ein geflüstertes »… erkennt sie wahrscheinlich nicht wieder, wenn sie zurückkommt« vernahm.

»Freitag«, meldete sich die junge Stimme zurück. Peri knirschte mit den Zähnen, als sie das Mitleid wahrnahm, das darin mitschwang. Ihre Mutter verdiente kein Mitleid, aber das bedeutete nicht, dass sie sich nicht von ihr verabschieden würde.

Immerhin leuchtete das Schloss an der Tür nun grün. Mit einem dumpfen Geräusch öffnete sie sich zu einem verlassenen weißen Korridor. Mit den Gedanken bereits bei einer Dusche und der Frage, was aus ihrem Kleiderschrank die Billigung ihrer Mutter finden könnte, schritt Peri ins Licht hinaus.

1

Fünf Jahre später

Peri Reed lehnte sich in dem dick gepolsterten Ledersessel gegenüber dem Schreibtisch des Geschäftsführers zurück, die Füße auf dem Kaffeetisch. Sie genoss das Adrenalin, das durch ihren Körper strömte, während sie im Dunkeln darauf wartete, dass Jack fand, was sie hergeführt hatte. Er war mies gelaunt, aber das war nicht ihre Schuld. Gelangweilt nahm sie sich ein in Folie gewickeltes Stück Importschokolade von einer Pralinenschale.

»Muss das sein, Peri?«, fragte Jack, als er ihr genüssliches Mmmm hörte.

»Dann beeil dich eben.« Sie leckte sich die Lippen und faltete die Folie zu einem winzigen Hut, den sie der Statuette einer nackten Frau, die die Schale hielt, übermütig auf den Kopf setzte. »Der Mann weiß, was gut ist.«

»Ich habe mich auf Glas-Technik vorbereitet. Wave ist bisher noch nicht mal auf dem Markt«, beklagte sich Jack, dessen gebräuntes Gesicht durch den Holo-Monitor blass und verzerrt aussah. Die Touchscreen-Projektion verschleierte Jacks athletischen Körperbau und seinen schwarzen Gucci-Anzug. Peri fragte sich, wem der Boss von Global Genetics wohl in den Arsch gekrochen war, um an die neueste holografische Touchscreen-Technik zu kommen.

»Meine guten Schuhe sind im Wagen und warten. Genau wie ich«, drängelte sie, und er zog die Schultern hoch. Während er hastig Dateien öffnete und schloss, huschten seine spitzen Finger schneller über den Bildschirm als die eines simsenden Vierzehnjährigen.

Ungeduldig stand Peri auf und strich sich mit der Hand durch das kurze, schwarze Haar. Ihre Mutter würde diese Frisur verabscheuen. Ihrer Meinung nach musste eine Frau, die etwas auf sich hielt, die Haare lang tragen, bis sie vierzig war. Erst dann war ein kürzerer Schnitt für sie akzeptabel. Peri ging zum Fenster und betrachtete unterwegs mit einem Gefühl perverser Befriedigung ihre Fingernägel. Die Farbe hätte ihre Mutter ebenfalls gehasst – was der Grund dafür sein mochte, dass Peri das kräftige Bordeauxrot besonders gut gefiel.

Sie schüttelte den Hosensaum, damit er über ihre flachen Stiefel reichte, atmete die Anspannung weg und konzentrierte sich auf die neblige Nacht. Der schwarze Diane-von-Fürstenberg-Overall war ihr zwar auf den Leib geschneidert worden und mit einer Seide gefüttert, die sich bei jeder Bewegung wie Eis auf ihrer Haut anfühlte, dennoch war er nicht ihr Lieblingsstück. Aber zusammen mit den Perlen, die derzeit bei ihren High Heels im Wagen lagen, würde sie damit in dem feinen Club, den sie für sich und Jack zum Entspannen nach Erledigung des Auftrags ausgewählt hatte, zweite und dritte Blicke auf sich ziehen.

Falls wir je hier rauskommen, dachte sie und seufzte so theatralisch, dass Jack rote Ohren bekam.

Der Holo-Monitor war die einzige Lichtquelle in dem weitläufigen Büro mit den schweren Möbeln und den Bildern früherer Geschäftsführer. In den umliegenden Gebäuden brannte nur eine gedämpfte Notbeleuchtung, um Strom zu sparen. Tief hängende Wolken reflektierten die mitternächtlichen Lichter von Charlotte, North Carolina. So hoch oben wusch der Gestank des Geldes den der Straße fort. Die Korruption ist hier schwerer zu verbergen, überlegte Peri, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte und den Arm ausstreckte, um mit dem Finger über den Türsturz zu fahren und dort mit voller Absicht einen Fingerabdruck zu hinterlassen.

»Irgendwann holt dich das ein«, bemerkte Jack, als sie sich wieder auf die Fersen sinken ließ. Ihr Fingerabdruck unterlag der Geheimhaltung, aber er würde Opti verraten, dass sie Erfolg gehabt hatten – oder zumindest gekommen und gegangen waren. Der Erfolg dieses Einsatzes schien nämlich zunehmend infrage zu stehen. Fünf Minuten drin, und Jack suchte immer noch nach der verschlüsselten Originaldatei zu dem neuesten Virus, das Global Genetics entwickelt hatte, einem getarnten, biogenen Erreger.

Das leise Knacken und Brummen des Fahrstuhls jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Sie drehte den Kopf zu der aufgebrochenen Tür und erschrak beinahe über die Süße, die immer noch an ihren Lippen klebte. Wäre die Etage nicht verlassen gewesen, hätte sie das Geräusch gar nicht wahrgenommen, aber in der Stille dieses halblegalen, staatlich sanktionierten Einbruchs …

»Bleib in Sichtweite«, verlangte Jack, während er den Lederthron von einem Bürostuhl mit dem Fuß zu sich zog, um sich zu setzen. Seine Finger zögerten kurz, stachen nach dem Holo-Monitor und wischten danach das ganze Feld in den Papierkorb. Er hatte die Stirn gerunzelt. Im schimmernden Licht der Projektion sah sein Gesicht ausgezehrt aus, und die blauen Augen wirkten beinahe schwarz. Übermütig tänzelte Peri in Richtung Tür. Es gefiel ihr, für etwas bezahlt zu werden, für das andere in den Knast wandern würden. Jack war eigentlich viel zu sexy für jemanden, der sich in dem Computerkram auskannte, aber fairerweise musste sie ihm zugestehen, dass er sogar Angriffe und Fluchtmanöver genauso geschickt handhabte wie sie. Weshalb wir auch so lange überlebt haben, dachte sie, während sie die flexible, handtellergroße Glas-Tafel aus der Tasche zog und sie einschaltete. Ihr Optiphone war ein Produkt der Glas-Technologie mit stark erweitertem Funktionsumfang. Bis sie die Wave-Technik des Firmenchefs gesehen hatte, war sie davon ausgegangen, dass es das Beste war, was derzeit auf dem Markt zu haben war. Sie aktivierte die App, mit deren Hilfe sie Zugriff auf die Gebäudesicherheit bekam, und rief die Bewegungssensoren auf.

Der Schirm leuchtete grell auf. Sie dämpfte das Licht und kauerte sich zusammen, um einen Blick in das Sekretariat zu werfen. Eine Wand des Vorzimmers war verglast und gestattete einen freien Blick auf das dahinter liegende Großraumbüro. Laut Intel drehte der Nachtwächter nur sporadisch seine Runden, aber Intel hatte sich in letzter Zeit ziemlich oft geirrt.

Die App hatte den Scan abgeschlossen und verlangte vibrierend nach ihrer Aufmerksamkeit. Nichts rührt sich, dachte sie, während sie den leeren Schirm misstrauisch beäugte. »Von hier aus kann ich meine Arbeit nicht machen«, flüsterte sie und spannte sich an, als das Summen des Fahrstuhls verstummte und ein Lichtstrahl auf die Decke fiel. Schlüssel klirrten. Ein heller Punkt erschien auf dem durchsichtigen Schirm in ihrer Hand. Scheiße.

»Und ich kann meine Arbeit nicht machen, wenn ich dich nicht sehen kann«, mahnte Jack. »Bleib, wo du bist, Peri. Ich meine es ernst.«

Jetzt wanderte ein scharf abgegrenzter Lichtbogen über die Zimmerdecke und kam näher und näher. Erneut strömte Adrenalin durch Peris Körper, und in ihren Fußsohlen juckte es förmlich. »Fang«, sagte sie, rollte das Telefon zu einem kleinen Röhrchen zusammen und warf es Jack zu, der es sich schnappte. Vor den Lichtern der Stadt zeichnete sich seine Silhouette ab, die angespannt vor Ärger wirkte.

»Gib mir Bescheid, wenn da mehr als einer ist«, sagte sie, während sie an der Kette um ihren Hals zerrte und den daran befestigten kleinen Filzstift aus seiner Kappe löste. »Davon abgesehen, mach einfach weiter.«

»Geh da nicht ohne mich raus!«, forderte er, offenbar höchst beunruhigt davon, dass sie den Stift hörbar aus der Kappe gezogen hatte. So beunruhigt, dass sie zusammenzuckte.

»Such du einfach die Dateien. Ich bin gleich wieder da.« J. IM BÜRO schrieb sie auf die Handfläche. Während sie darüberpustete, damit die Farbe trocknete, die Kappe wieder aufsetzte und den Stift in ihrem Ausschnitt verschwinden ließ, wich sie seinem Blick aus.

»Peri …«

»Hab eine Notiz geschrieben«, sagte sie. Seine Angst machte sie nervös. Als sie hinausschlüpfte, ließ sie die Tür leicht angelehnt. Flach auf dem Teppich robbte sie durch das Büro der Empfangsdame und lugte um deren Schreibtisch herum. Dann stützte sie sich auf die Unterarme und wartete darauf, dass der Nachtwächter in Sicht kam. Jack war zu Recht besorgt. Er musste den Zeitsprung miterleben, um sie verankern zu können. Aber falls sie versagten, würde das tödliche biogene Virus möglicherweise in das jetzt schon bevölkerungsarme Asien gelangen.

Darum waren sie hier: um die Dateien, die dieses Virus betrafen, zu finden und zu löschen, ehe eine zweite Todeswelle die Regionen überschwemmte, in denen früher einmal fast zwei Drittel der Erdbevölkerung gelebt hatten. Die erste Welle hatte Opti vor drei Jahren autorisiert, als die politische Kaste Asiens als Reaktion auf die von den Vereinten Nationen erlassenen neuen CO2-Grenzwerte der Welt eine lange Nase gedreht hatte. Damit hatten Asiens politische Führer die ganze Erde mit weiter ansteigenden Temperaturen bedroht. Aber diese zweite Welle einer taktischen, biotechnologischen Bevölkerungsreduktion war illegal, bezahlt von dem Milliardär-mit-dreißig-Club, dessen Ziel einzig und allein die verstärkte Durchsetzung seiner finanziellen Interessen in Europa war. Peri fand es irgendwie witzig, dass sie und Jack fast der Hälfte der Mitglieder zur Aufnahme in diesen Club verholfen hatten.

Jetzt bündelte sich das Licht an der Zimmerdecke, der Bogen wanderte nicht mehr herum. Peris Haut begann warnend zu prickeln. Gleich darauf wurde das Klimpern von Schlüsseln lauter, und ein Uniformierter tauchte zwischen den Schreibtischen auf.

Peri runzelte die Stirn, denn es war nicht der Nachtwächter, den Bill, Jacks und Peris Führungsperson beim Geheimdienst Opti, ihnen angekündigt hatte. Dieser Mann war jünger und schlanker und sang auch nicht Karaoke zu Melodien seiner Apps. Während Peri ihn beobachtete, klemmte er sich die Taschenlampe unter den Arm, öffnete mit seiner Zugangskarte eines der abgeschlossenen Büros rund um das Großraumbüro und trat ein. Mit zusammengepressten Lippen wartete sie, bis er mit einer viereckigen Flasche zurückkam, in der eine Flüssigkeit schwappte.

Verdammt. Er war ein Dieb; er kannte jedes Büro und behandelte das Gebäude ganz sorglos wie sein persönliches, kostenfreies Einkaufszentrum. Im für Jack und sie günstigsten Fall würde er, darauf bedacht, nicht erwischt zu werden, nur auf irgendetwas Außergewöhnliches achten. Im schlimmsten Fall würde er auch noch das Büro des Geschäftsführers heimsuchen und sich dort an dessen Schokolade vergreifen.

Mit angehaltenem Atem kroch Peri zurück zu Jack. Als sie die Tür leise zuzog, blickte er von ihrem Telefon auf. Während das Schloss klickte und in der Dunkelheit ein rotes Licht am Tastenfeld aufleuchtete, runzelte er die Stirn. »Bleib in Sichtweite!«, flüsterte er. Im Grunde brüllte er sie auf sehr leise Weise an.

»Wir haben einen Dieb da draußen«, erklärte sie. Jacks Finger verharrten unentschlossen.

»Will er hier rein?«

»Gib mir eine Sekunde, dann frage ich ihn.«

Mit finsterer Miene widmete er sich wieder der Holo-Projektion. Peri ging zu ihm hinüber, um sich ihr Telefon zu holen. Als sie es einsteckte, atmete sie den schwachen Geruch seines Schweißes ein. Während seine flinken Finger Ordner und Dateien durchsuchten, musste sie daran denken, wie sich diese Finger auf ihrer Haut anfühlten. »Vielleicht haben die Daten einen biometrischen Zugangscode«, meinte sie.

»Nein. Ich glaube, sie sind schlicht nicht hier. Wir müssen vielleicht in eines der Labors weiter unten«, knurrte Jack und stutzte, als er merkte, dass ihre Lippen nur Zentimeter von seinem Ohr entfernt waren. »Halt dich zurück, Peri. Ich kann nicht arbeiten, wenn du so an mir klebst.«

»In die Labors? Lieber Himmel, hoffentlich nicht.« Peri beugte sich vor, um ihm die Arme über die Schultern zu legen. Ihre Tasche – vollgestopft mit allerlei interessanten Dingen, die an den Leuten von der staatlichen Transportüberwachung vorbeizuschmuggeln eine wahre Kunst war – lag auf dem Schreibtisch, und sie fragte sich, ob sie eines dieser interessanten Dinge herausholen sollte. Aber sie machten alle ziemlich viel Lärm. »Warum schaltest du nicht aus? Er ist nur auf Beutetour, und wir haben die ganze Nacht Zeit.«

»Es ist nicht hier«, murrte er. Sie stieß sich von seinen Schultern ab und ging zur Tür, um dort zu lauschen. Als sie ein Klappern hörte, als würde jemand etwas aufschieben, gab sie Jack ein Zeichen, das Licht auszuschalten. Erbittert stand Jack auf, schob jedoch weiterhin Dateien auf dem Bildschirm hin und her. »Ich dachte, Wave hätte einen Schlafmodus«, flüsterte er.

Peri verkrampfte sich. Schritte. Auf dem Gang. Näher kommend. »Mach aus. Jetzt!«

In dem fahlen Licht sah Jacks Gesicht zerknittert aus. »Ich versuch’s ja.«

Der Wachmann war inzwischen im Vorzimmer, und sie hielt sich an der Tür bereit. Er würde hereinkommen – das wusste sie genau dank dem Kribbeln in ihrem Daumen und dem stechenden Schmerz in ihren Füßen. »Verdammt, Jack, ich bin seit sechs Monaten nicht gesprungen. Zwing mich nicht, es jetzt zu tun.«

»Ich hab’s!«, flüsterte er. Seine Finger beschrieben eine Wellenlinie über den Monitor, als er den Schalter zum Herunterfahren des Geräts fand.

Doch das nützte nichts: Nach einem leisen Piepen des elektronischen Schlosses öffnete sich die Tür mit einem schwachen Klicken, und der Wachmann kam herein. Suchend schwenkte er die Taschenlampe.

Er war, so viel musste sie zugeben, ein cooler Typ, wirklich dreist. Wortlos musterte er Jack, der wie ein schuldbewusster Teenager, den man mit Daddys Pornosammlung erwischt hat, hinter dem Schreibtisch stand. Dann veränderte sich die Mimik des Wachmanns. Er ließ die Flasche fallen und griff nach der Pistole an seinem Gürtel.

Als die Flasche mit einem dumpfen Geräusch auf dem Teppich aufschlug, setzte sich Peri in Bewegung. Der Mann schrie erschrocken auf, als ihr Fuß schwungvoll aus dem Dunkel flog, sein Handgelenk erwischte und die Waffe in das Vorzimmer beförderte. Der Mann riss die Hand an den Körper und zuckte zurück, doch als er Peris schlanke Gestalt in dem schicken Schwarz erblickte, wich der Schrecken einem Ausdruck des Zorns. Sicher, hier, im Dunkeln und in einem der Büros auf der oberen Etage, in dem sie nichts zu suchen hatte, musste sie verdächtig wirken. Aber mit ein bisschen Schmuck und Schuhen von Louboutin wäre sie passend ausstaffiert für ein Fünf-Sterne-Restaurant gewesen. »Du bist ja nur ein kleines Mädchen«, stellte er fest und wollte nach ihr greifen.

»Klein und gemein trifft es besser.«

Grinsend ließ Peri zu, dass er sie packte, ehe sie sich um die eigene Achse drehte und ihn über ihre Schulter zog. Entweder er folgte der Richtung, in die sie ihn schicken wollte, oder er kugelte sich den Arm aus. Er folgte und kam mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Teppich auf.

»Auuuaaaa!«, ächzte der Wachmann und zog die immer noch unversehrte Whiskeyflasche unter seinem Körper hervor. Die Taschenlampe rollte über den Boden und schickte flackernde Lichtpunkte über die dunklen Glasscheiben.

Jack arbeitete hektisch weiter am Computer, den Kopf gesenkt, die Augen hinter dem blonden Haar verborgen.

Erfreut über die Gelegenheit, den großen Mann umzuhauen, machte sich Peri bereit, sich auf ihn zu stürzen. Mit geweiteten Augen rollte sich der Wachmann zur Seite. Daraufhin wandelte sie ihren Vorstoß ab, trat erfolglos mit dem Absatz nach ihm und baute sich schließlich kampfbereit zwischen ihm und seiner Waffe auf. Wir müssen hier raus, vorzugsweise jetzt.

Der Wachmann sprang auf und fummelte an dem Funkgerät an seinem Gürtel herum. »Leg mal einen Zahn zu, Jack!«, rief sie, versetzte ihrem Gegner einen Vertikaltritt, gefolgt von einem Vorwärtstritt und einem tiefen Schlag gegen das Knie, während sie ihn immer weiter zurücktrieb und tat, was sie konnte, um ihn von dem Funkgerät abzulenken. Sie liebte das Adrenalin, die Aufregung und die Gewissheit, dass sie alles hatte, was sie brauchte, um entgegen aller Wahrscheinlichkeit unbehelligt davonzuspazieren.

Der Mann ließ sich nicht unterkriegen. Sie schlug nach seinem Ohr und geriet ins Stolpern, als sie stattdessen sein Kinn erwischte. Ein heftiger Stoß gegen ihre rechte Schulter schickte sie rückwärts durch den Raum. Peri strauchelte, spürte den bevorstehenden Bluterguss und steckte ihre ganze Wut in ein böses Lächeln. Er war gut und hatte Spaß daran, anderen Schmerzen zuzufügen. Sollte er einen sauberen Treffer landen, wäre sie erledigt – ihn trotzdem niederzuringen würde ihr den Sieg nur noch mehr versüßen.

»Hör auf, mit ihm zu spielen!«, brüllte Jack.

»Ich muss ein paar Kalorien verbrennen, wenn ich heute Abend noch Torte essen will«, gab sie zurück. Der Wachmann betastete seine Lippe, und es gab ihm sichtlich zu denken, dass seine Finger anschließend mit Blut befleckt waren. Plötzlich rannte er zur Tür und zu seiner Waffe.

»Es gibt Kuchen, keine Torte, und bleib gefälligst da, wo ich dich sehen kann«, rief Jack. »Peri!«

Sie sprang auf den Mann zu und stellte ihm ein Bein, ehe er die Tür erreichen konnte. Er ging zu Boden und zog sie mit sich über den Teppich. Mit brennendem Kinn und geschlossenen Augen ließ sie ihn los, als er nach ihr trat, wich ruckartig zurück und keuchte auf, als der Wachmann plötzlich mit erhobener Faust über ihr aufragte.

»Nein!«, schrie Jack, als der Wächter ihr direkt ins Gesicht schlug und ihr Kopf nach hinten geschleudert wurde. Benommen saß Peri da und schwankte leicht hin und her.

»Keine Bewegung! Oder ich erschieße sie!«, brüllte der Wachmann.

Sie konnte nicht klar sehen. Konnte die auf sie gerichtete Waffe nicht einordnen, als sie nachzuvollziehen versuchte, was passiert war. Benebelt betastete sie ihr Gesicht und zuckte zusammen, als der Schmerz unter ihren Fingern explodierte. Aber das brachte sie wieder zu Sinnen, und sie sah sich zu Jack um, der immer noch hinter dem Schreibtisch saß. Ihre Blicke trafen sich, und sie erwogen wortlos ihre Möglichkeiten. Jack hatte eine Handfeuerwaffe dabei und sie ein Messer im Stiefel. In ihren drei gemeinsamen Jahren hatten sie nie Hilfe dabei gebraucht, sich den örtlichen Behörden zu entziehen. Sie hatte nicht vor, jetzt etwas daran zu ändern, und sie würde sich ganz bestimmt nicht von so einem dreckigen Nachtwächter betatschen lassen.

»Du da am Schreibtisch!«, bellte der Wachmann, während Peri aus zusammengekniffenen Augen die Waffe musterte und die Entfernung abschätzte. »Komm hierher, wo ich dich sehen kann«, fuhr er fort und tastete mit einer Hand hinter dem Rücken nach seinen Handschellen. »Hände hoch. Wenn du sie auch nur ein bisschen sinken lässt, erschieße ich sie.«

Die Hände in die Luft gereckt, trat Jack hinter dem Schreibtisch vor. Er hustete, und der Lauf der Waffe in der Hand des Wächters schwang herum und folgte ihm. Peri, immer noch sitzend, spannte die Muskeln, sammelte sich, um nach seinem Handgelenk zu treten.

»Bravo!«, rief eine klare, maskuline Stimme von der Tür.

Erschrocken fuhr der Wächter herum. Peri riss das Bein hoch und trat zu. Der Zusammenstoß mit der Hand des Wächters vibrierte durch ihren Körper, als sie sich in eine kauernde Stellung katapultierte und dem Wächter beim Hochkommen die Seite ihres Fußes an den Schädel rammte.

Speichel und Blut spritzten durch den Raum, und der Wächter knallte auf den Kaffeetisch. Die Waffe fiel ihm aus der Hand, und sie trat sie zum Fenster. Jack griff den Mann an der Tür an. Peri, die wusste, dass er ihr den Rücken freihielt, folgte dem Wachmann, die Faust geballt, um ihn an einer Stelle zu treffen, die besonders zu schmerzen versprach.

Aber der Wachmann war bereits bewusstlos. Das Gesicht war blutverschmiert, die Augen waren geschlossen. Also unterdrückte sie das Verlangen, ihm trotzdem noch eine zu verpassen, und blickte auf, als Jack einen älteren Mann, der einen Anzug trug, mit vorgehaltener Pistole in das Büro scheuchte.

»Beeindruckend«, bemerkte der Mann und deutete mit dem Kinn auf den Wächter. »Ist er tot?«

»Nein.« Peri erhob sich. Was zum Henker ist hier los? Sie beäugte Jacks angespannte Miene, konnte sie aber nicht deuten. Ein Test konnte das nicht sein. Sie hatten ihre alljährliche »überraschende« Testaufgabe bereits hinter sich.

»Gut. Belassen Sie es dabei«, forderte der Mann, als hätte er das Sagen, obwohl er, sofern Jack nichts übersehen hatte, als er ihn hastig abgetastet hatte, nicht im Besitz einer Waffe sein konnte. »Ich hatte so oder so vor, ihn von der Gehaltsliste zu streichen, aber ich entlasse ihn lieber in die Arbeitslosigkeit, als seiner Frau ein Sterbegeld zu zahlen.«

So arbeiten wir nicht, dachte Peri, als Jack den Mann auf einen der Polstersessel schubste, worauf er erzürnt seine Krawatte zurechtrückte. Peris Blick wanderte von dem leicht übergewichtigen Mann zu dem Foto auf dem Schreibtisch, auf dem er mit einer steif wirkenden Frau mit zu viel Make-up posierte. Dies war sein Büro. Verdammt. Bill kriegt einen Anfall, wenn ich einen Geschäftsführer kaltmache.

»Ich habe, was Sie suchen«, verkündete der penibel manikürte Mann mit dem grau melierten Haar und griff mit seinen weichen Fingern in die Innentasche seiner Jacke.

Peri griff an. Ihr Knie landete zwischen seinen Beinen. Gerade noch davongekommen, keuchte er erschrocken auf. Mit einer Hand drückte sie seinen Kopf zurück, mit der anderen nagelte sie seine tastenden Finger an der Armlehne des Sessels fest. »Keine Bewegung«, flüsterte sie, und seine Miene spiegelte jetzt Ärger statt Bestürzung und Schmerz.

Er zappelte und zuckte zusammen, als sie ihr Knie fester in seinen Schritt presste. »Hätte ich Ihren Tod gewollt, wäre ich nicht persönlich hergekommen«, sagte der Mann in einem angespannten, aber auch gereizten Tonfall. »Runter von mir.«

»Nein.« Warnend grub sie ihre Finger in seinen Hals und rief: »Jack?«

Jack kam näher, und der vertraute Duft seines Aftershaves drang ihr in die Nase, als er in den Mantel des Mannes griff und einen Umschlag herausholte. Jacks Name stand darauf, und Peri erstarrte innerlich. Der Mann hat gewusst, dass wir hier sind?

»Runter«, verlangte der Mann erneut, und dieses Mal wich Peri verunsichert zurück.

Jack gab ihr seine Waffe, und sie zog sich weit genug zurück, um beide, den Geschäftsführer und den bewusstlosen Wächter, im Auge zu behalten. Das Knistern des Umschlags hörte sich viel zu laut an. Der ältere Mann nahm Haltung an und musterte Peri mit finsterem Blick. »Was ist das?«, fragte Peri, als Jack den Bogen Papier auseinanderfaltete und sich einen Chip, so groß wie der Fingernagel an ihrem kleinen Finger, in die Hand schüttelte. »Sind das die Dateien?«

Ihre Aufmerksamkeit kehrte zu dem Firmenchef zurück, der seine Weichteile betastete, als wollte er den von Peri angerichteten Schaden taxieren. »Nein. Die Highlights habe ich ausgedruckt, um meiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Ihr könnt Bill ausrichten, dass das, was ich entdeckt habe, mehr wert ist als jämmerliche drei Prozent«, erklärte er und schüttelte den Arm, um seine Jacke zu richten. »Drei Prozent! Ich habe ihm gerade den Arsch gerettet, und er bildet sich ein, ich bin mit drei Prozent zufrieden?«

»Jack?«, flüsterte Peri, der die eigene Unsicherheit gar nicht behagte. Er kennt Bill? Was geht hier vor?

Mit blassem Gesicht hielt Jack das Papier in das schwache Licht, das zum Fenster hereindrang. Dann fummelte er an seinem Glas-Phone herum, um den Chip einzusetzen. Es leuchtete auf, als die Daten heruntergeladen wurden. Jack verglich die beiden Datensätze und erbleichte noch mehr.

Der Mann beugte sich zum Beistelltisch. Sein Blick blieb an dem Folienhut hängen, ehe er ein Stück Schokolade aus der Schale nahm. »Du bist ziemlich gut, kleines Fräulein. Wenn man dir so zusieht … Darauf hätte selbst ich hereinfallen können.« Als er lächelte, glänzten seine weißen Zähne in dem trüben Licht.

Jack sah eher verärgert als verwundert aus. Peris Magen krampfte sich zusammen. Dieser Geschäftsführer kannte Bill. Wollte er etwa einen Handel vorschlagen?

»Sie haben einen Fehler gemacht«, stellte Jack fest, wickelte den Chip in den Papierbogen und steckte ihn zusammen mit seinem Telefon weg.

Der Mann schnaubte verächtlich und schlug die Beine lässig übereinander. »Der Einzige, der hier einen Fehler gemacht hat, ist Bill, der sich einbildet, er könne etwas umsonst haben. Er sollte es besser wissen. Ich will nur einen fairen Preis für das, was ich zu bieten habe.«

Scheiße, dachte Peri, deren Furcht sich langsam in Zorn verwandelte. Er wollte sie kaufen. Sie waren Opti-Agenten. Zeitagenten und ihre Anker mussten absolut vertrauenswürdig sein, oder die Regierung, die sie ausgebildet hatte, würde sie umbringen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die Manipulation der Zeit verlieh so viel Macht, dass man sie nicht an den Höchstbietenden verhökern durfte. Schon gar nicht in der jetzigen Situation.

Als Jack den Kopf schräg legte, wie er es immer tat, wenn er angestrengt nachdachte, und seine Augen seltsam aufleuchteten, wurde ihr vor Angst eiskalt.

»Jack?«, sagte sie, erfüllt von plötzlichem Argwohn. »Was enthält diese Liste?«

Er setzte eine neutrale Miene auf. »Lügen«, erwiderte er ohne erkennbare Regung. »Nichts als Lügen.«

Der Geschäftsführer schob sich eine Praline in den Mund. »Die Wahrheit ist viel vernichtender als alles, was ich mir hätte ausdenken können. Das, meine Schöne, ist eine Liste korrupter Opti-Agenten«, informierte er sie mit vollem Mund. »Ihr Name steht auch darauf.«

2

Peris Hand spannte sich um die Waffe, aber sie zwang sich, den Finger vom Abzug fernzuhalten. Der Schock raste durch sie hindurch, dicht gefolgt von Zweifel und Zorn. »Lügner!«, schrie sie und stürzte sich auf ihn.

»Tu das nicht!«, rief Jack, doch da landete sie schon auf dem Mann, nagelte ihn auf dem Sessel fest und klemmte ihm die Mündung der Waffe unter das Kinn.

»Die Liste haben Sie sich ausgedacht!«, schrie sie. Der Kopf des Mannes zuckte zurück, als sie die Waffe härter gegen seinen Kiefer presste. »Sagen Sie es ihm! Sagen Sie es ihm!«

»Peri, geh runter von ihm!«, rief Jack. Als der explosive Knall einer in kurzer Distanz abgefeuerten Waffe durch den Raum hallte, keuchte Peri auf. In ihrer Brust breitete sich ein solcher Schmerz aus, als wäre sie von einem Eisenpfahl getroffen worden. Sie blickte zu dem Mann unter sich hinab, dessen Augen sie fixierten. Sein Gesicht war unversehrt. Sie hatte ihn nicht erschossen.

Peri schnappte nach Luft, weil sie erneut einen stechenden Schmerz wahrnahm. Oh Scheiße, dachte sie und ließ sich nach hinten fallen, als Jack sie auf den Teppich zog. Der Wächter, den sie bewusstlos geschlagen hatte, hatte auf sie geschossen. Verdammt, sie verreckte, die Kugel steckte in ihrem Körper, und sie bekam kaum noch Luft. Blutiger Schaum sammelte sich an ihren Lippen, während der Schmerz ihr das Atmen zur Qual machte.

»Was zum Teufel haben Sie getan!«, brüllte Jack, der Peris Kopf in seinem Schoß hielt, den Firmenchef an.

Der Mann stand auf, und sie konnte nichts tun, lag nur da mit einem Tausend-Pfund-Gewicht auf der Brust. Oh Gott, tut das weh. Aber Jack war da. Alles würde wieder gut werden, wenn sie nur lange genug durchhielt, um … zu springen.

»Sie steht auf der Liste«, erklärte der Mann und zeigte wie ein Racheengel Gottes auf sie. »Sie kann nicht mit dem Wissen, dass sie aufgeflogen ist, hier rausspazieren. Ich tue euch einen Gefallen. Bill schuldet mir was. Er schuldet mir viel.«

»Sie Volltrottel«, knurrte Jack. »In dreißig Sekunden wird sie sich an nichts von alldem erinnern. Bilden Sie sich ein, wir wüssten nicht Bescheid über ihre Vergangenheit? Wir wüssten nicht, wer sie ist? Das macht sie nicht weniger nützlich. Sie ist eine gottverdammte Zeitagentin! Haben Sie eine Ahnung, wie viel sie wert ist? Wie selten Leute wie sie sind?«

Was … was redet er da? Er hielt sie für … korrupt? Dachte, sie verkaufe ihr Talent an den Höchstbietenden? Oh Gott. Ihr Name stand auf der Liste?

Und dann wurde der Schmerz zu heftig. Das konzentrierte Adrenalin in ihren Adern gab ihr den Rest und versetzte die Synapsen in ihrem Hirn in einen Zustand der Hyperaktivität. Sie würde springen. Sie konnte nichts dagegen tun – und es würde ihr das Leben retten. Wieder einmal.

Sie riss die Augen weit auf und spürte tausend Funken am Rande ihres Sichtfelds aufglühen. Sie atmete die Flut der Funken ein, die durch sie hindurchströmte, und ließ sie durch ihr Inneres wirbeln, bis sie wieder ausatmete. Mit der sanften Ruhe neu gewonnener Energie sprang sie in den blauen Nebel der jüngsten Vergangenheit.

Ein blaues Licht blitzte vor Peris innerem Auge auf und setzte sich in ihr fest, während ihr klar wurde, was gerade geschah. Sie konnte wieder frei atmen und erkannte, welch ein Segen das war. Sie war im Sprung, und nun stand sie vor dem CEO und sah zu, wie er nach der Schokolade griff. Furcht verschleierte das Ziel vor ihren Augen. Ihr Name war auf Jacks Liste? Aber wieso? Sie wusste, wer sie war, und sie war keine Verräterin.

Peri sah Jack an. Mit angespannter Miene hielt er die verdammte Liste in der Hand. Er war wütend und frustriert, aber das galt dem Firmenchef, nicht ihr. Als Anker wusste er, dass sie die letzten dreißig Sekunden neu schreiben würden, während alle anderen nicht einmal die kleinste Unregelmäßigkeit bemerken würden, abgesehen vielleicht von einem vagen Gefühl des Déjà-vu. Bis die Zeit vernetzt war, würde sie sich an alles erinnern. Danach würden alle Erinnerungen fortgewischt sein, bis Jack bei ihr die letztendlich gültige Zeitlinie wiederherstellte – doch nun hegte sie Zweifel daran.

»Jack?«, flüsterte sie voller Angst vor dem, was das Bauchgefühl ihr sagte. Er war wütend, nicht schockiert – so, als hätte er es schon die ganze Zeit über gewusst. Aber wie konnte sie etwas sein, von dem sie genau wusste, dass sie es nicht war?

Als Jack sich von ihr abwandte, bekam sie noch größere Angst.

»Die Wahrheit ist viel vernichtender als alles, was ich mir hätte ausdenken können«, sagte der ältere Mann und biss in seine Schokolade, ohne sich der Zeitlinie bewusst zu sein, die sich gerade entwickelte. »Das, meine Schöne, ist eine Liste korrupter Opti-Agenten. Ihr Name steht auch darauf.«

Sie war nicht bestechlich. Ein Feuer loderte in ihr auf. Vor Wut brüllend, schwenkte sie zu dem Wächter herum, der langsam zum Fenster und seiner vergessenen Waffe kroch.

»Warte, Peri!« Jack stürzte voran und schlug ihr die Waffe aus der Hand.

Voller Panik robbte der Wachmann auf seine Waffe zu. Peri stieß Jack zur Seite. Als der Wachmann seine Glock aufhob, trat sie ihn gegen das Fenster. Knurrend legte er auf sie an, und sie versetzte ihm einen Vorwärtstritt gegen die Hand, worauf die Waffe durch die Luft segelte.

Mit scheußlich verzerrtem Gesicht packte der Wachmann ihren Hals und riss sie zu Boden. Peris Augen traten aus den Höhlen, während sie um Atem rang. Mit einer Hand versuchte sie, sich von seinem Würgegriff zu befreien, während die andere nach dem Messer in ihrem Stiefel griff. Sie sah nur noch Sterne, als sie es ihm in den Leib rammte, es unter seine Rippen trieb. Falls sie umkam, während sie eine neue Abfolge der Ereignisse schrieb, würde sie nie wieder zum Leben erwachen, wäre für alle Zeiten tot. Es hieß er oder sie.

An seinem eigenen Blut würgend, rollte der Wachmann zur Seite, die Finger wie Klauen in die eigene Brust geschlagen.

Aus der Umklammerung befreit, setzte sich Peri auf, rang um Atem und legte die Hände an den Hals. Von dem Wachmann stieg ein starker Whiskeygeruch auf. Würgend nahm sie den bitteren, galleverseuchten Schokoladengeschmack in ihrer Kehle wahr.

»Wie soll ich das plausibel erklären!«, brüllte der Geschäftsführer. Er hatte sich über dem Wachmann aufgebaut, aus dessen Mund schaumiges Blut sickerte, während er panisch nach Luft schnappte.

Jack stapfte zurück zum Schreibtisch und griff nach Peris Tasche. »Haben Sie je den Begriff Befehlskette gehört? Wir wissen, wer sie ist. Das wussten wir immer. Sie haben es wirklich versaut.«

»Ich?«, rief der Mann mit erhobener Stimme. »Ich bin nicht derjenige, der ihn ermordet hat.«

»Ich töte niemanden, der mich nicht zuerst tötet«, schnaufte Peri. Neben ihr gab der Wachmann ein gurgelndes Geräusch von sich. Noch war er nicht an seinem eigenen Blut erstickt – aber viel fehlte nicht mehr.

Der Firmenchef wirbelte um die eigene Achse und starrte sie an. »Was?«

»Raus hier«, befahl Jack, und Peri zuckte zurück, als er ihr die Hand reichen wollte, um ihr auf die Beine zu helfen. »Verstecken Sie sich unter dem Schreibtisch Ihrer Sekretärin. Ich möchte Ihre Anwesenheit nicht erklären müssen, wenn sie es hinter sich hat.«

»Wenn sie was hinter sich hat?« Dann weiteten sich seine Augen. »Dann ist es also wahr? Sie kann die Vergangenheit verändern? Sind wir in einem Zeitsprung? In diesem Moment? Aber es fühlt sich alles real an.«

»Das liegt daran, dass es real ist.« Angepisst hob Jack die Waffe auf – die, die sie getötet hatte. »Es ist der erste Zeitablauf, der falsch ist – oder falsch sein wird, wenn sie diesen fertiggeschrieben hat.«

»Sie wissen, wer sie ist, und Sie vertrauen ihr trotzdem?«, fragte der CEO staunend, beugte sich vor und stützte sich mit den Händen auf den Knien ab, um sie zu betrachten. Sie verabscheute seinen verblüfften Blick, sein Erschrecken. Aber wenn er über Zeitagenten Bescheid wusste, dann war er so oder so tot.

»Voll und ganz.« Jack überprüfte die Pistole und ließ die Trommel zuschnappen. »In ungefähr zehn Sekunden wird sie sich an nichts anderes mehr erinnern als an das, was ich ihr erzähle. Würden Sie sich also jetzt endlich verstecken? Ich möchte ihr Ihre Anwesenheit nicht erklären müssen.«

Peri saß zitternd am Boden, die Hände in den Teppich gekrallt. Sie hielt sich für fähig. Sie hielt sich für stark. Aber sie war verwundbar. Menschen waren das Resultat ihrer Erinnerungen, und wie es schien, waren ihre Erinnerungen, was immer Jack ihr erzählte. Sie waren nicht hergekommen, um die Virusdateien zu suchen. Sie waren hergekommen, um eine Liste korrupter Opti-Agenten sicherzustellen – und Jack hatte kein Problem damit, dass ihr Name darauf stand. Vielleicht war sie tatsächlich bestechlich? Wie lange schon? Wie lange ging das schon so?

»Wer kennt die Liste sonst noch?«, fragte Jack und sah auf die Armbanduhr.

»Niemand. Ich hatte angenommen, Bill sei … ein vernünftiger Mann«, sagte der Geschäftsführer mit brüchiger Stimme, und Peris Blick huschte zu ihm, denn ihr war klar, was nun geschehen würde. Er wusste von den Zeitagenten, und das war nicht hinnehmbar. Jack würde die Information schützen – koste es, was es wolle.

Die Augen des Mannes weiteten sich, als Jack mit der Pistole des Wachmanns auf ihn anlegte. Peri sah wie betäubt zu, wie der alte Mann zur Tür stürzte, sie beinahe erreichte. Das Geräusch des Schusses erschütterte sie. Sie schnappte nach Luft. Die Sauerstoffexplosion klärte ihren Kopf, und ihre Hand fuhr zur Körpermitte. Mit sonderbar abgewinkelten Beinen und stechender Lunge lehnte sie am Schreibtisch. In der ursprünglichen Zeitlinie war sie erschossen worden, aber das war nicht die Ursache für den Schmerz in ihrer Brust. Sie hielten sie für korrupt? Sie hatte alles für Opti gegeben.

Jack verschwand im Vorzimmer. Sie konnte hören, wie er den Mann im Anzug fortschleifte, blieb jedoch sitzen. »Dieser Idiot hat den Tod verdient«, sagte Jack wütend. Gleich darauf war er wieder da, wich ihrem Blick jedoch aus, während er ihren Fingerabdruck vom Türsturz wischte. Als Nächstes war die Waffe dran, die er dem Wachmann sorgsam in die ausgestreckte Hand drückte, nachdem er sie abgewischt hatte.

Als Jack ihr eine Hand entgegenstreckte, um ihr beim Aufstehen zu helfen, blickte sie auf. Verängstigt schrak sie vor ihm zurück. Falls sie wirklich Verrat begangen hatte, musste sie es doch selbst wissen – oder nicht? »Jack«, flüsterte sie, beseelt von dem Wunsch nach einer anderen Erklärung. »Ich bin nicht käuflich. Er hat gelogen.«

Jack sank neben ihr auf die Knie und umarmte sie, als wollte er ihr tröstend etwas versprechen. »Natürlich nicht, Babe. Darum habe ich ihn getötet. Du bist in Sicherheit. Niemand wird etwas erfahren. Ich bringe das in Ordnung.«

Geschockt starrte sie ihm in die Augen, als sie spürte, wie sich die Zeitlinien überlappten und anfingen, miteinander zu verschmelzen. Für einen Moment sah sie sich selbst am Boden, wie sie in der ursprünglichen Zeitlinie verblutete. Der Wachmann war auf den Beinen, und der Mann im Anzug beobachtete alles, während Jack ihren Kopf in seinem Schoß barg.

»Das ist gar nicht gut für mein Asthma«, flüsterten sie und ihr Schattenselbst zugleich, ein Teil sterbend vor Bestürzung, der andere einfach bestürzt sterbend.

Und dann war das Loch in der Zeit geflickt, und alles erstrahlte in einem herrlichen Rot, das keine frühere Spur zurückließ.

Peri schob sich weiter nach hinten. Ihr Herz pochte heftig, als ihre Schulter gegen das Bein des Schreibtischs prallte. Jack kniete vor ihr, und sie sah sich zur Tür und dem grünen Licht an der Konsole um. Sie kauerte in einem nachtfinsteren Eckbüro auf dem Boden. Ihr Kinn schmerzte, und das Gesicht noch mehr. Ein blutiges Messer lag neben ihr, und ein Mann in der Uniform eines Sicherheitsbediensteten zuckte keinen Meter entfernt am Boden. Sein Blut tränkte den Teppich.

»Alles in Ordnung, Peri«, beruhigte Jack sie. Sie sprang auf, ehe das Blut sie erreichen konnte, bewegte sich aber gleich wieder langsamer, als sie erkannte, dass ihr einfach alles wehtat. »Wir haben es geschafft.«

Ich bin gesprungen, dachte sie und las J. IM BÜRO auf ihrer Handfläche. Sie hatte ihn allein gelassen? Mit klopfendem Herzen hob sie ihr klebriges Messer auf. Jacks plötzlicher Argwohn entging ihr nicht. Sie hatte ihn allein gelassen, aber sie hatte es offensichtlich zu ihm zurück geschafft, und er würde ihr die Erinnerung an die Ereignisse der Nacht wiedergeben.

Ein Sicherheitsmann war tot. Ihr Messerstich hatte ihn umgebracht – sie erkannte die Eintrittswunde als etwas, das sie schon gesehen hatte. Ein Handfunkgerät rauschte leise, und in der Hand des Wachmanns lag eine Glock. Sie roch Schießpulver. Sie befanden sich in einem Hochhaus, mindestens im dreißigsten Stock. Es war Nacht. Sie führten einen Auftrag aus. Sie war gesprungen, um einen Fehler auszumerzen, und dabei hatte sie vergessen, was passiert war. Charlotte?, überlegte sie, als sie das markante Crown-Gebäude vor dem Fenster sah.

»Bin ich schon wieder gestorben, Jack?«, flüsterte sie.

»Beinahe. Wir müssen los«, sagte er. Sie zuckte zusammen, als er ihren Ellbogen berührte. Die Tasche, die sie für Einsätze von kurzer Dauer zu benutzen pflegte, klemmte unter seinem Arm. Als sie die Tasche an sich nahm, fühlte sie sich irgendwie nicht real.

»Haben wir gefunden, was wir hier gesucht haben? Wie lange hat mein Sprung gedauert?«, fragte Peri und starrte wie betäubt den toten Mann an. Sie tötete nur, wenn sie zuerst getötet wurde. Zum Henker mit alldem, sie hasste es, wenn sie springen musste.

»Nicht lange, und das Gesuchte ist auf meinem Telefon gespeichert.« Jack kniff die Augen zusammen und steckte den Kopf zur Tür hinaus, um sich umzusehen. In dem Vorraum herrschte Stille. »Woran erinnerst du dich?«

An weniger, als mir lieb ist. »Warte.« Neben dem toten Wachmann ging Peri in die Knie und schnitt ihm mit dem Messer, an dem immer noch sein Blut klebte, einen Knopf von der Uniform. Nicht, um ihn als Trophäe zu behalten. Die Nachbildung einer Erinnerung ging nur leichter vonstatten, wenn sie einen Talisman hatte, auf den sie sich konzentrieren konnte: Blut, die klebrige Klinge, der Geruch von Schießpulver und der Geschmack von … Schokolade?

»Du hast reserviert, stimmt’s?«, fragte Jack, der in seiner Besorgnis unbeholfen aussah. »Hast du die Adresse aufgeschrieben? Ich weiß nicht, warum du immer so ein Geheimnis um unser Post-Auftrags-Date machen musst.«

»Weil es mir Spaß macht zuzusehen, wie du dich windest«, sagte sie leise, immer noch damit beschäftigt, sich selbst zu finden. Er war übertrieben besorgt, wollte sofort weiter und immer weiterziehen, aber als sie den toten Mann betrachtete, fragte sie nicht nach dem Warum. Ihr Puls hatte sich beruhigt, aber sie spürte, wie sich neue Schmerzen bemerkbar machten, während sie orientierungslos aus den großen Fenstern auf die dunkle Stadt blickte. »Welcher Tag ist heute?«, erkundigte sie sich. Auf Jacks attraktivem Gesicht zeichnete sich Kummer ab, als er merkte, wie weit ihr Gedächtnisverlust ging.

»Wir sollten auf deinem Telefon nachsehen. Ich wette, du hast die Adresse notiert«, sagte Jack und wich ihrer Frage aus, während er ihren Ellbogen umfasste und ihr vorsichtig durch das Vorzimmer und durch ein Gewirr aus mit niedrigen Trennwänden abgeteilten Arbeitsplätzen half. »Weißt du noch, wo die Fahrstühle sind? Ich habe einen miesen Orientierungssinn.«

»Ich erinnere mich nicht einmal an unseren verdammten Auftrag, Jack. Welcher Tag ist heute?!«, blaffte sie ihn an.

Er blieb stehen, wandte sich ihr zu und drehte ihre rechte Hand, um ihr eine Armbanduhr zu zeigen. Sie trug keine Uhr. Niemals. »Siebzehnter Februar. Tut mir leid, Peri. Das ist mies gelaufen.«

Peri starrte die Uhr an. Sie sah aus wie etwas, das Jack ihr gegeben haben konnte – schwarz, mit Chrom und mehr Funktionen, als eine schulische Elternvertreterin mit Zwillingen ausüben mochte, aber sie konnte sich nicht an sie erinnern. »Februar?« Ihre letzte Erinnerung stammte von Ende Dezember. »Ich habe sechs Wochen verloren! Wie weit bin ich gesprungen?«

Widerstreitende Gefühle spiegelten sich in Jacks Gesichtszügen: erst Erleichterung, dann Kummer. »Dreißig Sekunden?«, sagte er und legte ihr die Hand ins Kreuz, um sie zum Weitergehen zu bewegen. »Aber du hast eine schwere Potenzialverschiebung geschaffen. Du lagst im Sterben. Und dieser Wachmann? Er hat dir das angetan.«

Und nun lebte sie, und er war tot. Das war schon eine heftige Veränderung. Sie konnte von Glück reden, dass sie in diesen gerade mal dreißig Sekunden nur sechs Wochen verloren hatte. Einmal war sie fünfundvierzig Sekunden gesprungen, aber die Veränderung war so minimal gewesen, dass sie nur die Zeit verloren hatte, die ihr Sprung verändert hatte. Es gab Regeln, aber auch so viele Einflüsse, dass die Einschätzung der verlorenen Zeit anhand der neu geschaffenen bestenfalls wackelig war.

»Der Wagen steht draußen«, sagte Jack, als er sie durch die Dunkelheit zu den Fahrstühlen führte. Jack ging nur eine Spur schneller als sie, fiel in die gut einstudierte Rolle desjenigen, der die Lücken auf eine Art auszufüllen hatte, die ihr nicht das Gefühl vermittelte, völlig dämlich zu sein. Solange sie nicht zu schnell ausschritt, konnte sie zumindest den Anschein erwecken, als wüsste sie, wohin sie gingen. Das war eine Kunst, und sie hatten beide genug Zeit gehabt, sich darin zu üben. »Um die Kamera in dem Lift auf der Südseite haben wir uns gekümmert, oder?«, fragte er, als er den Knopf für die Fahrt nach unten drückte.

Sein nervöses Geplapper fing an, ihr auf die Nerven zu gehen, aber sein Gerede lag nur daran, dass er so besorgt war. Also verkniff sie sich eine scharfe Bemerkung, weil sie nicht wollte, dass Jack sich noch mieser fühlte. Ihr Körper schmerzte von Schlägen, an die sie sich nicht erinnern konnte, und ihr Gesicht fühlte sich an, als stünde es in Flammen. Tanzen fiel aus, aber sie konnten immer noch Billard spielen und sich ein bisschen entspannen, ehe sie sich der Aufgabe widmeten, ihr Gedächtnis wiederherzustellen. Das war eine Tradition, die beinahe bis zu ihrem Kennenlernen zurückreichte.

Gemeinsam betraten sie die Kabine. Sie zuckte zusammen, als Jack plötzlich ganz nah war, die Arme um sie schlang und die Lippen an ihr Ohr legte. »Es tut mir leid. Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht dein Anker. Zuzusehen, wie du verprügelt wirst, ist schlimm genug, aber der Einzige zu sein, der sich daran erinnert, das ist die Hölle.«

Er rückte von ihr ab, und beide lächelten schwach. Peri wappnete sich gegen die Woge der Gefühle, die über sie hinwegrauschte. Weinen konnte sie später noch. Aber das würde sie nicht tun. Die Welt zusammenzuhalten, während eine neue Zeitlinie entstand, war ihr Job. Zeuge zu sein und ihr Gedächtnis wiederaufzubauen war seiner – schon seit drei Jahren.

Langsam holte sie tief Luft, als die Kabine mit einem fröhlichen Klingeln zum Stehen kam. Ihre Reservierung hatte sie bestimmt notiert. Der Abend war noch nicht völlig im Eimer. Jedenfalls würde sie das befreiende Gefühl genießen, bei einem guten Wein mit Jack zu flirten. »Was wollten wir da überhaupt?«, fragte sie.

Augenblicklich entspannte sich Jack. »Erinnerst du dich an das Virus, das Opti vor drei Jahren benutzt hat, um die Luftverschmutzungsgrenzen der Vereinten Nationen durchzusetzen? Es hatte eine hässliche Stiefschwester«, berichtete er. »Tut mir wirklich leid, Peri. Wenigstens hast du den Sommer nicht verloren.«

Ein schwaches Lächeln milderte ihre Besorgnis, und sie verschränkte ihre Finger mit seinen, als sie den Fahrstuhl verließen. Nein, den Sommer hatte sie nicht verloren, aber selbst wenn es so gewesen wäre – sie wusste, dass sie sich vermutlich erneut in ihn verliebt hätte.

3

Auf der Treppe, die von winzigen, blinkenden Lämpchen beleuchtet und mit glänzenden Bannern voller Herzen und Rosen geschmückt war, die jemand für die Valentinsparty in der kommenden Woche aufgehängt hatte, herrschte dichtes Gedränge. Peri musste in ihren High Heels beinahe seitwärts hinaufsteigen. Die Musik, die durch die Wände dröhnte, schien sie mehr oder weniger hinauf zu dem Loft zu drängen, in dem die Billardtische standen. Jack war immer noch unten und tat so, als wollte er eine Zahlung veranlassen, während er in Wirklichkeit mit ihrem Vorgesetzten Bill sprach, und Peri musste die aufkeimende Eifersucht unterdrücken. Konnten sie nicht einmal einen Moment zusammen entspannen, ohne dass Bill dazwischenfunkte?

Doch ihr finsterer Blick wich einem völlig leeren Ausdruck, als die Erinnerung an den Wächter hochkam, der einen Schnitt von der Größe ihrer Messerklinge im Leib hatte. Sie verdrängte den Gedanken und ging weiter hinauf, erpicht darauf, das vage – und zugegebenermaßen lächerliche – Gefühl loszuwerden, irgendetwas müsse faul an dieser Geschichte sein.

Das wird helfen, dachte sie befriedigt, als sie im Obergeschoss angelangt war und die sechs Tische betrachtete, an denen ausschließlich Männer saßen – anscheinend allesamt gute Kumpels, jedenfalls für diesen Abend. Gemeinsam genossen sie ihr Bier und Chicken Wings. Ihr gefiel das breite Spektrum der Bekleidung, die von Jeans und karierten Holzfällerhemden bis zu Anzügen mit Krawatte reichte. Die Liebe zum Spiel lockte all diese Leute hierher und löschte persönliche Unterschiede so schnell aus, wie die blaue Kreide an der Spitze des Billardqueues im Laufe eines Spiels verfliegt. Als Peri den schwachen Rauchgeruch wahrnahm, der an dem grünen Filz der Pooltische haftete, kam sie endlich zur Ruhe.

Doch jemand wurde auf sie aufmerksam und stieß seinen Kumpel mit dem Ellbogen an. Ein anderer Mann räusperte sich vernehmlich, und bald darauf sahen alle Männer zu ihr herüber, taxierten sie mit anerkennenden Blicken und registrierten verwundert das blau geschlagene Auge. Nach gründlicher Musterung ihrer Kurven wandten sie ihre Aufmerksamkeit schließlich Peris – von der Transportaufsicht genehmigtem – Queue-Koffer zu. Drei Pooltische waren frei, aber es war der in der hintersten Ecke, der ihr ins Auge sprang. Sie stolzierte zum Gestell mit dem Spielzubehör hinüber, nahm sich einen Lappen und ein gebrauchtes Stück Kreide.

Während sie sich umwandte, kam Jack herein. Als er sah, dass sämtliche Blicke auf ihr ruhten, grinste er. »Ich darf dich wirklich keine Sekunde lang allein lassen«, bemerkte er und zog sie an sich, um sie zu küssen.

Sie erwiderte den Kuss und schmiegte sich an ihn. Der Funke sprang über und entzündete ein Verlangen, das im Laufe des Abends nur noch wachsen konnte. Der sinnliche Rhythmus der Musik tat ein Übriges, außerdem hatte der plötzliche Abbau des Adrenalins sie in eine wohlig-erotische Stimmung versetzt. Ihre Lippen öffneten sich, und sie seufzte leise, glücklich darüber, dass Jack fester Bestandteil ihres Lebens war.

»Das sind nur die Klamotten, glaub mir«, sagte sie, als sie sich voneinander lösten, doch er schüttelte den Kopf.

»Es ist das, was drinsteckt«, widersprach er, einen Arm immer noch um sie gelegt, und sah sich im Raum um. »Welcher sieht gut aus? Der Ecktisch?«

Sie nickte und ging voran. Als seine Hand sich von ihr löste, erschauerte sie kurz. Immer noch von Blicken verfolgt, durchquerte sie den Raum bis zur hinteren Ecke, die im Schatten lag. Als das elektronische Wimmern eines phasenverschobenen Holo-Tisches ihre Ohren nervte, verzog sie das Gesicht. Sie war froh, dass es hier nur diesen einen gab. Niemand spielte an ihm, wahrscheinlich, weil er nicht synchron arbeitete und die Grafiken wackelten.

Der Boden unter Peris Füßen erbebte im Takt der Musik. Sie stellte ihre Handtasche auf einem kleinen Stehtisch ab und kletterte auf einen Barhocker. Im Herzschlag elektronischer Tanzmusik schienen die bunten Lichter bis in die letzten Winkel des exklusiven zweigeschossigen Clubs zu dringen, aber in der Umgebung der hellen Lampen über den Billardtischen waren die wirbelnden Stroboskoplichter kaum wahrnehmbar. Die Atmosphäre war hier selbst an einem Donnerstagabend aufgedreht und elektrisierend, der Raum eine schwindelerregende Mischung aus Winkeln und Vektoren, durchbrochen von chaotischen Bewegungen und purem Leben.

Genau das, was ich jetzt brauche, dachte sie, als Jack die Karte einführte, um die Kugeln freizusetzen. Lächelnd widmete sie sich dem in den Tisch integrierten Menüsystem des Clubs und bestellte wie gewöhnlich eine Schale Chicken Wings und zwei Gläser Rotwein. Die Tradition verlangte, dass der Gewinner den Nachtisch wählte – und der Gewinner würde, wenn es nach ihr ging, sie sein.

»Mein Break?«, fragte sie, als Jack die Triangel entfernte. Es machte ihr zu schaffen, dass sie nicht mehr wusste, wie ihr letztes Spiel ausgegangen war.

»Soweit ich mich erinnere«, sagte er und reichte Peri ihr Queue.

Sie glitt von ihrem Hocker, beugte sich vor und stützte sich mit dem Unterarm auf die glatte Umrandung des Billardtisches. Ihr geschwollenes Auge pulsierte, als sie die Luft anhielt und das Queue ausrichtete. Wie Seide glitt es zwischen ihren Fingern hin und her, einmal, zweimal, dann stieß sie zu … und richtete sich auf, als sie das vertraute Knallen und Klackern hörte.

Lächelnd sah sie zu, wie sich die Kugeln verteilten und die Neun in einer Tasche versank. Bei dem ganzen Lärm von unten war davon kaum etwas zu hören, dennoch empfand sie Genugtuung. Um sie herum flaute das Interesse der anderen Männer allmählich ab, nachdem ihr exzellenter Anstoß allen gezeigt hatte, dass sie dazugehörte.

Jack seufzte. »Das dürfte schwer werden«, bemerkte er und tat dabei ganz bedrückt.

»Ich könnte danebentreffen«, lockte sie ihn, atmete aus und setzte zum nächsten Stoß an.

»Das bezweifle ich«, knurrte er. Die dünne Glas-Tafel in seiner Hand leuchtete auf: Er rief seine Nachrichten ab.

»Zehn über Bande in die Ecke«, flüsterte sie. Schon jetzt fühlte sie sich besser. Das Queue prallte auf die Weiße, und sie richtete sich auf, während die Zehn in der Tasche verschwand. Den nächsten Stoß vermasselte sie, aber sowieso war mittlerweile ihr Wein eingetroffen. Sie beschloss, das Dessert zu bestellen, wenn Jack gerade nicht hinschaute. Er würde nicht gewinnen, auch wenn sie dafür ein bisschen schummeln musste.

»Dein Stoß«, sagte sie, als sie wieder an den Tisch trat und sein Gesicht berührte, nur um die kleinen Bartstoppeln zu spüren. Ich liebe es, wenn er so entspannt ist, dachte sie und wünschte, sie könnte sich an mehr solche Abende erinnern. »Ich habe zwei versenkt.«

»Du bist nicht in Form«, bemerkte er und ergriff sein Queue. »Sieht aus, als gäbe es heute Apfelkuchen.«