Bluteid - Kim Harrison - E-Book

Bluteid E-Book

Kim Harrison

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Beschreibung

Rachel Morgan ist zurück!

Ihr Name: Rachel Morgan. Ihr Job: Kopfgeldjägerin. Ihre Aufgabe: Auf den Straßen von Cincinnati Vampire, Hexen und andere finstere Kreaturen zur Strecke zu bringen. Ihr Problem: Sie selbst hat eine düstere Vergangenheit …
Der Bestseller aus den USA: Mit ihrer Rachel-Morgan-Serie schreibt Kim Harrison Mystery-Thriller der neuen Generation.

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Seitenzahl: 943

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Das Buch

Rachel Morgan hat ein Problem. Wegen ihres regelmäßigen Umgangs mit Dämonen (oder zumindest mit einem Dämon) hat der Hexenzirkel für ethische und moralische Standards, der das Sozialleben aller Hexen überwacht, sie gebannt. Nun lebt sie als Ausgestoßene außerhalb der Gesellschaft. Doch als wäre das noch nicht genug, muss Rachel nun auch noch um ihr Leben fürchten, denn der Hexenzirkel hetzt ihr plötzlich Killer auf den Hals. Und ehe sie sich versieht, ist Rachel der Spielball zwischen den Fronten: Da nun bekannt geworden ist, dass sie mit Dämonenmagie umgehen kann und eine Art Missing Link zwischen den Arten ist, haben es plötzlich alle auf sie abgesehen – entweder als Zielscheibe oder als Gebärmaschine. Aber Rachel wäre nicht Rachel, wenn sie nicht einen Plan entwickeln würde, wie sie sich aus diesem Dilemma befreien kann. Doch dazu braucht sie die Unterstützung ihres Erzfeindes Trent Kalamack. Und um die zu bekommen, muss sie nicht nur bei ihm einbrechen, sondern sie muss sich auch den düsteren Schatten ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen …

DIE RACHEL-MORGAN-SERIE:

Bd. 1: Blutspur

Bd. 2: Blutspiel

Bd. 3: Blutjagd

Bd. 4: Blutpakt

Bd. 5: Blutlied

Bd. 6: Blutnacht

Bd. 7: Blutkind

Bd. 8: Bluteid

Die Autorin

Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Als einziges Mädchen in einer Großfamilie lernte sie rasch, ihre Barbies zur Selbstverteidigung einzusetzen. Sie spielt schlecht Billard und hat beim Würfeln meist Glück. Kim mag Actionfilme und Popcorn, hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond meist nicht auffindbar. Ihre Bestseller-Serie um die Abenteuer der schönen und tollkühnen Hexe Rachel Morgan ist in den USA längst Kult und begeistert auch hierzulande immer mehr Fans. Mehr Informationen unter:

www.kimharrison.net

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDIE RACHEL-MORGAN-SERIE:Die AutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Copyright

Für den Kerl in der Lederjacke

1

Ich schob mir eine Strähne hinter das Ohr und starrte blinzelnd auf das Pergament, während ich mich bemühte, die seltsam kantigen Buchstaben möglichst gleichmäßig zu ziehen. Die Schreibflüssigkeit glitzerte feucht, aber es war keine rote Tinte, es war Blut – mein Blut. Das erklärte vielleicht auch das leichte Zittern meiner Hand, während ich den plump aussehenden Namen in Buchstaben schrieb, die nicht meiner Sprache entstammten. Neben mir lag ein Haufen Fehlversuche. Wenn ich es diesmal nicht perfekt hinbekam, würde ich nochmal bluten müssen. Gott helfe mir, ich saß an einem schwarzen Fluch. In der Küche eines Dämons. Am Wochenende. Wie zur Hölle war ich hierhergekommen?

Algaliarept stand selbstsicher zwischen dem Schiefertisch und der kleineren Feuerstelle, die Hände in den weißen Handschuhen hinter dem Rücken verschränkt. Er sah aus wie ein spießiger Brite in einem Krimi, und als er sich unruhig bewegte, spannte ich mich noch mehr an. »Das ist kein bisschen hilfreich«, sagte ich trocken. Er riss spöttisch seine roten Ziegenaugen auf und musterte mich über seine getönte Brille hinweg. Er brauchte sie nicht zum Lesen. Vom grünen Samt-Gehrock bis hin zur Spitze an seinen Ärmeln und dem korrekten englischen Akzent – bei dem Dämon drehte sich alles nur um die Show.

»Es muss exakt sein, Rachel, sonst wird er die Aura nicht einfangen«, sagte er und schaute zu der kleinen grünen Flasche auf dem Tisch. »Vertrau mir, du willst nicht, dass sie ungebunden herumtreibt.«

Ich richtete mich auf und fühlte etwas in meinem Rücken knacken. Mein Unbehagen wuchs, als ich den Federkiel an meine pulsierende Fingerspitze führte. Ich war eine weiße Hexe, verdammt, keine schwarze. Aber ich würde mich nicht von Dämonenmagie abwenden, nur weil sie als böse abgestempelt wurde. Ich hatte das Rezept gelesen; ich hatte die Anrufung studiert. Es musste nichts sterben, um die Zutaten zu liefern, und die Einzige, die darunter leiden würde, war ich selbst. Ich würde zwar mit einer weiteren Schicht Dämonenschmutz auf meiner Seele enden, aber ich wäre auch gegen Banshees geschützt. Nachdem mich letztes Silvester fast eine getötet hatte, war ich bereit, für diese Sicherheit ein wenig Schmutz in Kauf zu nehmen. Außerdem würde das vielleicht zu einem Weg führen, Ivys Seele zu retten, wenn sie ihren ersten Tod starb. Und dafür würde ich eine Menge riskieren.

Aber irgendwas fühlte sich einfach falsch an. Es beunruhigte mich, wie Al die Flasche anstarrte, und sein Akzent war heute Abend einfach zu glatt. Er war besorgt und versuchte es zu verstecken. Es konnte nicht an dem Fluch liegen. Der beeinflusste nur eine Aura, die gefangene Energie einer Seele. Zumindest behauptete er das.

Ich runzelte die Stirn und starrte auf Als handschriftliche Anweisungen. Ich wollte sie nochmal durchlesen, aber sein genervter Gesichtsausdruck und sein leises Knurren überzeugten mich davon, dass es auch warten konnte, bis ich mit der Schreibarbeit fertig war. Meine »Tinte« wurde langsam dünner. Ich tupfte mehr Blut von meinem Finger, um den Namen irgendeines armen Deppen fertig zu schreiben, der einem Dämon vertraut hatte … jemand wie ich. Nicht, dass ich Al wirklich vertraue, dachte ich und schaute noch einmal auf die Anweisungen.

Als Zauberküche schien direkt einem Fantasy-Streifen entsprungen zu sein. Sie war einer von vier Räumen, die er inzwischen zurückbekommen hatte, nachdem er fast alles verkauft hatte, um seinen dämonischen Arsch aus dem dämonischen Knast zu halten. Die grauen Steinwände umgaben einen runden Raum, und der Großteil war mit identischen, großen Holzvitrinen mit Glastüren eingerichtet. Hinter dem Bleiglas bewahrte Al seine Bücher und Kraftlinienmagie-Utensilien auf. Die biologischen Zutaten waren in einem Keller gelagert, den man über ein Loch im Boden erreichte. Verrußte Holzpfeiler erhoben sich gute neun Meter in die Höhe und trafen sich über der zentralen Feuerstelle. Die Feuerstelle selbst war rund und ein wenig erhöht, mit Belüftungslöchern, die die kühle Bodenluft durch simple Physik nach innen zogen. Wenn ein Feuer brannte, konnte man dort gemütlich lesen, und wenn ich vor Erschöpfung zusammenklappte, ließ Al mich auf den Bänken daneben ein wenig schlafen. Mr. Fish, mein Beta, schwamm in seinem kleinen Glas auf dem Sims des kleineren Kamins. Ich weiß gar nicht, warum ich ihn von zu Hause mitgebracht hatte. Es war Ivys Idee gewesen, und wenn ein besorgter Vampir einem sagt, dass man seinen Fisch mitnehmen soll, dann nimmt man eben seinen Fisch mit.

Al räusperte sich und ich zuckte zusammen. Glücklicherweise hatte ich meinen Federkiel gerade vom Pergament genommen. Fertig, Gott sei Dank. »Gut?«, fragte ich und hielt es zur Begutachtung hoch. Seine weiß verhüllten Hände mit den dicken Fingern fassten es am Rand, wo er nichts verschmieren würde.

Er beäugte es und meine Anspannung ließ nach, als er es mir zurückgab. »Passabel. Jetzt die Schale.«

Passabel. Besser wurde es gewöhnlich nicht. Ich legte das mühevoll beschriebene Stück Pergament neben die unangezündete Kerze und die grüne Flasche mit der Aura, dann nahm ich Als Lieblingsritzmesser und die handtellergroße Tonschale. Das Messer war hässlich und die sich windende Frau auf dem Knauf wirkte wie ein Dämonenporno. Al wusste, dass ich es hasste, weshalb er auch darauf bestand, dass ich es benutzte.

Die graue Schale lag rau in meiner Hand. Ihr Inneres war mit abgekratzten Machtworten übersät. Nur der neue Name, den ich einritzen würde, würde reagieren. Der Theorie zufolge würde ich das Papier verbrennen und so den Namen des Mannes über die Luft aufnehmen, dann würde ich Wasser aus der Schale trinken und seinen Namen über das Wasser aufnehmen. Damit wären alle vier Elemente abgedeckt: Erde und Wasser über die Schale, Luft und Feuer über das brennende Pergament. Himmel und Erde, mit mir in der Mitte. Jippijajei.

Die fremdartig aussehenden Buchstaben fielen mir jetzt leichter, da ich schon auf dem Pergament geübt hatte, und ich kratzte den Namen auf eine winzige freie Stelle, bevor Al mehr als zweimal seufzen konnte. Er hatte die Flasche mit der Aura genommen und starrte in das wabernde Grün.

»Was?«, fragte ich und versuchte, nicht verärgert zu klingen. Ich war seine Studentin, sicher, aber er würde trotzdem versuchen, mich zu ohrfeigen, wenn ich frech wurde.

Al runzelte die Stirn, was mich noch unruhiger machte. »Mir gefällt der Nachklang dieser Aura nicht«, sagte er leise und musterte das Glas in seiner Hand.

Ich verlagerte mein Gewicht auf dem Polsterstuhl und versuchte, die Beine auszustrecken. »Und?«

Als Augen glitten über die Brille zu mir. »Sie kommt von Newt.«

»Newt? Seit wann brauchst du eine Aura von Newt?«, fragte ich. Niemand mochte den wahnsinnigen Dämon, aber sie war sozusagen die herrschende Königin der verlorenen Jungen, und sie wusste alles – wenn sie sich gerade daran erinnern konnte.

»Nicht dein Bier«, sagte er und ich verzog peinlich berührt das Gesicht. Al hatte fast alles verloren, als er versucht hatte, mich als seinen Vertrauten zu bekommen. Es hatte damit geendet, dass er jetzt etwas um einiges Wertvolleres besaß, aber trotzdem pleite war. Ich war eine Hexe, aber ein häufiger, normalerweise tödlicher genetischer Defekt hatte dafür gesorgt, dass ich ihre Magie entzünden konnte. Als Status war gesichert, solange ich seine Studentin war, aber sein Leben war trotzdem trostlos.

»Ich spring mal rüber und finde raus, wer das ist, bevor wir es zu Ende bringen«, sagte er betont lässig und stellte mit einem scharfen Klicken die Flasche ab.

Ich schaute auf die vorbereiteten Materialien. »Jetzt? Warum hast du sie nicht schon früher gefragt?«

»Vorher erschien es mir nicht wichtig«, sagte er leicht betreten. »Pierce!«, schrie er, und der Ruf nach seinem Vertrauten verhallte unter den hohen, von Staub und Schatten verborgenen Decken. Griesgrämig drehte er sich zu mir um. »Fass nichts an, während ich weg bin.«

»Sicher«, sagte ich geistesabwesend und beäugte das grüne Wabern in der Flasche. Er musste sich eine Aura von Newt leihen. Verdammt, vielleicht war er noch schlechter dran, als ich gedacht hatte.

»Das verrückte Flittchen hat für alles einen Grund, auch wenn sie sich nicht daran erinnert«, sagte Al und zog seine Ärmel über den Spitzenmanschetten nach unten. Er ließ den Blick über die Zauberzutaten gleiten und zögerte. »Füll schon mal die Schale. Und achte darauf, dass das Wasser den Namen bedeckt.« Er schaute auf das Abbild eines wütenden, schreienden Gesichts, das in den Marmorboden geritzt war. Das war seine Version einer Tür in dem türlosen Raum. »Gordian Nathaniel Pierce!«

Ich rutschte vom Tisch weg, als die Hexe auf dem grotesken Gesicht in der Küche erschien, ein Küchentuch über einer Schulter und die Ärmel aufgerollt. »Ich wäre gesonnen zu wissen, woher die allmächtige Eile stammt«, sagte der Mann aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert, während er sich die Haare aus den Augen schüttelte und seine Ärmel nach unten rollte. »Meiner Treu, sobald ich etwas beginne, regst du dich sinnlos auf.«

»Halt den Mund, Schwächling«, murmelte Al, der wusste, dass ihn zu schlagen nur in einen Wettkampf ausarten würde, an dessen Ende Pierce bewusstlos und jede Menge Chaos aufzuräumen war. Es war einfacher, ihn zu ignorieren. Al hatte die clevere Hexe schon eine Stunde nach seiner ersten Flucht wieder eingefangen. Danach hatte er sich sehr bemüht, uns während meines wöchentlichen Unterrichts voneinander fernzuhalten, bis Al aufging, dass ich sauer auf Pierce war, weil er sich freiwillig auf eine Partnerschaft mit Al eingelassen hatte. Partnerschaft? Zur Hölle, man sollte es als das bezeichnen, was es war: Sklaverei.

Oh, ich war immer noch beeindruckt von Pierces magischen Fähigkeiten, die meine bei weitem übertrafen. Und die frechen Kommentare, die er in seinem seltsamen Akzent gegen Al abschoss, wenn der Dämon ihn nicht hören konnte, zauberten immer noch ein Grinsen auf mein Gesicht. Aber ich schaute nicht auf sein langes, lockiges Haar oder seinen schlaksigen Körper und noch weniger auf seinen Knackarsch, verdammt nochmal. Irgendwann, kurz nachdem ich ihn unter dem Carew-Tower-Restaurant nackt gesehen hatte, war ich aus der jugendlichen Schwärmerei für ihn aufgewacht. Es mochte an seinem unerträglichen Selbstbewusstsein liegen oder daran, dass er sich weigerte zuzugeben, wie tief er in der Scheiße saß, oder dass er ein wenig zu gut in Dämonenmagie war. Aus welchem Grund auch immer, dieses teuflische Lächeln, das mich früher zum Zerfließen gebracht hatte, versagte jetzt völlig.

»Ich bin mal kurz weg«, sagte Al, während er seinen Gehrock zuknöpfte. »Kontrolliere nur etwas. Ein ordentlicher Fluch ist ein gut gewundener Fluch! Pierce, mach dich nützlich und hilf ihr bei ihrem Latein, während ich weg bin. Ihre Syntax stinkt zum Himmel.«

»Na, danke.« Die modernen Ausdrücke klangen in Als Akzent irgendwie seltsam.

»Und lass sie nichts Dummes tun«, fügte er hinzu und rückte seine Brille zurecht.

»Hey!«, rief ich, aber meine Augen schossen zu dem unheimlichen Wandteppich, auf dem sich die Figuren zu bewegen schienen, wenn ich nicht hinsah. In Als Küche gab es Dinge, mit denen man besser nicht allein war, und ich war dankbar für die Gesellschaft. Selbst wenn es Pierce war.

»Wie der allmächtige Al es wünscht«, erklärte Pierce trocken und erntete eine mahnend hochgezogene Augenbraue, bevor Al verschwand und sich der Kraftlinien bediente, um in Newts Behausung zu gelangen.

Sofort verloschen die Lichter, aber bevor ich mich bewegen konnte, gingen sie wieder an, jetzt um einiges heller, da Pierce den Zauber übernahm und mir damit zeigte, dass es nicht der dämonische Lichtzauber war, den ich kannte. Allein. Wie … nett. Ich beobachtete, wie er sorgfältig sein feuchtes Trockentuch über die gepolsterte Bank an der zentralen Feuerstelle hängte, dann biss ich die Zähne zusammen und wandte den Blick ab. Als Pierce den Raum mit der Eleganz eines anderen Zeitalters durchquerte, stand ich auf und ging um den Schiefertisch herum, um ihn zwischen uns zu bringen.

»Wie lautet die heutige Anrufung?«, fragte er und ich zeigte auf den Tisch. Ich wollte selbst noch einmal auf den Zettel schauen, hielt mich aber zurück. Ihm fielen die Haare über die Augen, als er die Anrufung studierte.

»Sunt qui discessum animi a corpore putent esse mortem. Sunt eras«, sagte er leise und seine Augen waren fast erschreckend blau, als er zu mir aufsah. »Du arbeitest mit Seelen?«

»Auren«, korrigierte ich ihn, aber er blieb skeptisch. Es gibt diejenigen, die glauben, dass der Aufbruch der Seele aus dem Körper der Tod ist. Sie haben Unrecht, übersetzte ich im Stillen, dann nahm ich ihm das Blatt ab und legte es neben die Flasche mit der Aura, die Schale und den Namen, den ich mit meinem Blut geschrieben hatte. »Hey, wenn man einem Dämon nicht vertrauen kann, wem dann?«, fragte ich sarkastisch, sammelte die missglückten Schreibversuche ein und legte sie auf den Kaminsims. Aber ich vertraute Al nicht und ich wollte mir den Fluch nochmal ansehen. Aber nicht, solange Pierce hier war. Er würde mir bei meinem Latein helfen wollen.

Die Anspannung im Raum stieg, als ich weiterhin schwieg. Pierce setzte sich halb auf den Schiefertisch und ließ ein langes Bein baumeln. Er beobachtete mich, als ich die beschriebene Schale aus einem Krug füllte. Es war einfaches Wasser, aber trotzdem roch es leicht nach verbranntem Bernstein. Kein Wunder, dass ich immer mit Kopfweh heimkomme, dachte ich und verzog das Gesicht, als ich die Schale zu voll machte und Wasser über den Rand schwappte.

»Ich kümmere mich darum«, sagte Pierce, sprang vom Tisch und griff nach seinem Küchentuch.

»Danke, alles okay«, blaffte ich, riss ihm das Tuch aus den Händen und wischte selbst auf.

Er zog sich zur Feuerstelle zurück und wirkte verletzt. »Ich gestehe ein, dass ich mich in eine mächtige Bredouille gebracht habe, Rachel, aber was habe ich getan, um dich so kühl werden zu lassen?«

Ich hörte auf zu wischen und drehte mich mit einem Seufzen zu ihm um. Die Wahrheit war, dass ich mir da selbst nicht sicher war. Ich wusste nur, dass die Dinge, die mich einst angezogen hatten, mir jetzt kindisch und hirnverbrannt vorkamen. Er war ein Geist gewesen und hatte zugestimmt, Als Vertrauter zu werden, wenn der Dämon ihm einen Körper geben konnte. Al hatte seine Seele in eine tote Hexe gezwungen, bevor die Leiche auch nur die Chance gehabt hatte, einen Herzstillstand zu erleiden. Es half auch nicht, dass ich den Kerl gekannt hatte, in den Al Pierces Seele gesteckt hatte. Ich glaubte nicht, dass ich den Körper eines anderen übernehmen könnte, nur um mich selbst zu retten. Aber ich war auch noch nie tot gewesen.

Jetzt schaute ich Pierce an und sah dieselbe waghalsige Entschlossenheit und dieselbe Kurzsichtigkeit, die dafür gesorgt hatte, dass ich zu Recht gebannt worden war, und ich wusste nur, dass ich nichts damit zu tun haben wollte. Ich atmete tief ein und wieder aus, weil ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Aber bei dem Gedanken an seine Berührung, die Jahre zurücklag und in meiner Erinnerung doch so frisch war, glitt ein Schaudern über meinen Rücken. Al hatte Recht. Ich war ein Idiot.

»Es wird nicht funktionieren, Pierce«, sagte ich ausdruckslos und wandte mich ab.

Mein Ton war grob gewesen und Pierces Stimme verlor ihr Strahlen. »Rachel. Wahrhaft. Was stimmt nicht? Ich habe diese Stellung übernommen, um dir näher zu sein.«

»Genau das ist es!«, rief ich und er blinzelte verwirrt. »Das ist keine Stellung!«, sagte ich und wedelte mit dem Geschirrtuch. »Es ist Sklaverei. Du gehörst ihm, mit Leib und Seele. Und du hast es absichtlich getan! Wir hätten einen anderen Weg finden können, um dir einen Körper zu geben. Vielleicht deinen eigenen! Aber nein. Du bist Hals über Kopf in einen Dämonenpakt gesprungen, statt um Hilfe zu bitten!«

Er kam um den Tisch herum und stellte sich neben mich, aber ohne mich zu berühren. »Meiner Treu, ein Dämonenfluch ist der einzige Weg, wieder lebend zu werden«, sagte er und berührte seine Brust. »Ich weiß, was ich tue. Das ist nicht für immer. Wenn ich kann, werde ich die Dämonenbrut töten, und dann werde ich frei sein.«

»Al töten?«, hauchte ich und konnte nicht glauben, dass er immer noch glaubte, dazu fähig zu sein.

»Ich werde frei von ihm sein und einen Körper haben.« Er nahm meine Hände und mir ging auf, wie kalt mir war. »Vertrau mir, Rachel. Ich weiß, was ich tue.«

Oh mein Gott. Er ist genauso schlimm wie ich. Früher war. »Du bist verrückt!«, rief ich und entzog ihm meine Hände. »Du hältst dich für mächtiger, als du bist, mit deiner schwarzen Magie und was auch immer! Al ist ein Dämon, und ich glaube nicht, dass du wirklich verstehst, was er alles tun kann. Er spielt mit dir!«

Pierce lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Tisch und das Licht spielte über das farbenfrohe Muster seiner Weste. »Sprich! Du bist der Meinung, ich wüsste nicht, was ich tue?«

»Ich bin der Meinung, dass du es nicht weißt!«, spottete ich, indem ich ihm seine eigenen Worte entgegen schleuderte. Seine Haltung machte mich wahnsinnig, und ich schaute zu der Schale hinter ihm, ein Überbleibsel von anderen, die dachten, sie wären klüger als ein Dämon – jetzt nur noch Namen auf einer Schale, Flaschen auf einem Regal.

»Schön und gut.« Pierce kratzte sich am Kinn und richtete sich auf. »Ich nehme an, ein jeder braucht Beweise.«

Ich versteifte mich. Beweise? »Hey, wart mal kurz«, sagte ich und ließ das Tuch auf den Tisch fallen. »Was hast du vor? Al hat dich zurückgebracht, aber er kann dich auch wieder töten.«

Pierce legte verschmitzt einen Finger an die Nase. »Vielleicht. Aber erst muss er mich fangen.«

Meine Augen schossen zu dem Band aus verzaubertem Silber an seinem Handgelenk. Pierce konnte durch Kraftlinien springen, was ich nicht konnte, aber verzaubertes Silber verhinderte seinen Kontakt mit ihnen. Er konnte nicht verschwinden.

»Was, das hier?«, meinte er selbstbewusst. Fassungslos beobachtete ich, wie er seinen Finger unter das Band schob und das Metall sich zu dehnen schien, bis er es abstreifen konnte.

»W-wie«, stammelte ich, als er es auf einem Finger herumwirbelte. Dreck auf Toast, dafür würde Al mich verantwortlich machen. Ich wusste es!

»Es wurde verfälscht, damit ich mich hier von Raum zu Raum bewegen kann. Ich habe es nur noch ein wenig mehr verfälscht«, erklärte Pierce und steckte den Silberring in seine hintere Hosentasche. Seine Augen leuchteten. »Ich hatte seit ewig langer Zeit keinen Bissen Nahrung mehr, der nicht nach verbranntem Bernstein schmeckte. Ich werde etwas holen, was dein kaltes Herz erwärmt.«

Ich trat panisch einen Schritt vor. »Leg es wieder an. Wenn Al erfährt, dass du fliehen kannst, wird er …«

»Mich um die Ecke bringen. Ja, Ja.« Der moderne Ausdruck klang einstudiert. Er ließ die Hand in eine andere Tasche gleiten und musterte eine Handvoll Münzen. »Al wird mindestens fünfzehn Minuten bei Newt verweilen. Ich bin gleich zurück.«

Sein Akzent wurde schwächer. Offensichtlich konnte er ihn nach Wunsch ein- und ausschalten – was mir noch mehr Sorgen machte. Was versteckte er noch? »Du wirst mich in Schwierigkeiten bringen!«, sagte ich, aber er verschwand mit einem hinterhältigen Lächeln. Die Lichter, um die er sich gekümmert hatte, gingen aus, und das silberne Band, das er in seine Hosentasche gesteckt hatte, fiel klappernd auf den Boden. Mein Herz raste in der plötzlichen Dunkelheit, die nur von den Feuern in der Feuerstelle und dem Kamin erhellt wurde. Er war weg und wir würden beide tief in der Scheiße stecken, wenn Al das rausfand.

Mit klopfendem Herzen beobachtete ich den Wandteppich auf der anderen Seite des Raums. Mein Mund war trocken und die Schatten flackerten, als die Figuren darauf sich im Feuerschein zu bewegen schienen. Hurensohn!, dachte ich, als ich hinüberging, um den Silberreif aufzuheben und das belastende Beweisstück in einer Tasche verschwinden zu lassen. Al würde mich dafür verantwortlich machen. Er würde denken, dass ich das verzauberte Silber von Pierces Handgelenk entfernt hatte.

Ich zog mich wieder zu dem kleinen Kamin zurück und griff ungeschickt nach der Kerze auf dem Sims. Dann schob ich mir ein wenig Wachs als Bezugsobjekt unter den Fingernagel, umfasste den Docht und zapfte eine Kraftlinie an, um den Zauber durchzuführen. »Consimilis calefacio«, sagte ich und meine Stimme zitterte, als ein dünner Faden Kraftlinienenergie durch mich hindurchfloss und die Moleküle im Docht anregte, bis er in Flammen aufging. Aber genau in diesem Moment strahlten die von Kraftlinien getriebenen Lichter wieder auf. Ich zuckte zusammen und die Kerze fiel um.

»Ich kann alles erklären!«, rief ich, während ich nach der Kerze angelte, die jetzt auf Mr. Fish zurollte. Aber es war Pierce, der sich gerade die Haare aus den Augen schüttelte und zwei große Latte in den Händen hielt. »Du Idiot!«, zischte ich, als die Kerze auf die Pergamentstücke traf und sie in Brand steckte.

»Schnell wie der Blitz, Mistress Hexe«, sagte Pierce und hielt mir lachend einen Kaffee entgegen.

Gott, ich wünschte mir, er würde normales Englisch sprechen. Panisch wischte ich die Papierasche vom Sims und trat einmal drauf, als sie auf den schwarzen Marmorboden fiel. Der Gestank von brennendem Plastik breitete sich aus und ich griff mir die Wasserschale und schüttete sie aus. Schwarzer Rauch stieg auf und brannte in meinen Augen. Aber der Gestank von brennendem Schuh ließ nach, also war es vielleicht nicht so schlimm.

»Du Arsch!«, schrie ich. »Ist dir eigentlich klar, was passiert wäre, wenn Al zurückgekommen wäre und festgestellt hätte, dass du weg bist? Bist du so rücksichtslos oder einfach nur dumm? Leg das wieder an!«

Wütend warf ich das verzauberte Silberband nach ihm. Er hatte die Hände voll, also wich er aus. Mit einem dumpfen Geräusch knallte es gegen den Wandteppich und dann auf den Boden. Pierce senkte den Arm, mit dem er mir den Kaffee entgegengestreckt hatte, und sein Enthusiasmus verschwand. »Ich würde nie etwas tun, um euch zu verletzen, Mistress Hexe.«

»Ich bin nicht deine Mistress Hexe!« Ich ignorierte den Kaffee und schaute stattdessen auf die verbrannten Pergamentfetzen, die feucht auf dem Boden klebten. Dann ging ich auf die Knie und schnappte mir das Tuch vom Tisch, um alles aufzuwischen. Ich konnte mit Himbeer verfeinerte italienische Bohne riechen und mein Magen knurrte.

»Rachel«, lockte Pierce.

Ich war sauer und schaute ihn nicht an, als ich den Boden aufwischte. Dann stand ich auf und warf genervt das Tuch auf den Tisch, bevor ich erstarrte. Die Aura-Flasche war nicht mehr grün.

»Rachel?«

Diesmal war der Ton fragend. Ich hielt eine Hand hoch und schmeckte die Luft. Meine Augen brannten. Scheiße, ich hatte den Namen verbrannt und das aufgeladene Wasser überall auf mir verteilt. »Ich glaube, ich habe ein Problem«, flüsterte ich, dann zuckte ich zusammen, weil meine Haut sich plötzlich anfühlte, als stünde sie in Flammen. Ich schrie auf und schlug auf meine Kleidung ein. Panik stieg auf, als eine fremde Aura durch meine glitt, in mich einzog und meine Seele fand – um dann zuzudrücken.

Oh Scheiße. Oh Scheiße. Oh Scheiße. Ich hatte den Fluch entzündet. Ich saß sooo tief im Dreck. Aber das fühlte sich nicht richtig an; der Fluch brannte! Dämonen waren Feiglinge. Ihre Magie war immer schmerzlos, außer man machte etwas falsch. Oh Gott. Ich hatte es falsch gemacht!

»Rachel?« Pierce berührte meine Schulter. Ich suchte seinen Blick, dann krümmte ich mich vor Schmerzen.

»Rachel!«, schrie er, aber ich rang um Luft. Es war der Tote, derjenige, dessen Namen ich mit meinem eigenen Blut geschrieben hatte. Das in der Flasche war nicht seine Aura gewesen, sondern seine Seele. Und jetzt wollte diese Seele einen neuen Körper. Meinen. Verdammte Scheiße, Al hatte mich angelogen. Ich wusste, ich hätte meinem Bauchgefühl vertrauen und ihn genauer befragen sollen. Er hatte gesagt, es wäre eine Aura, aber es war eine Seele, und die Seele aus dieser Flasche war sauer!

Meins, hallte es durch unsere verbundenen Gedanken. Ich biss die Zähne zusammen und zapfte eine Kraftlinie an. Newt hatte einmal versucht, mich in Besitz zu nehmen, und ich hatte sie mit einem Energieschub ausgebrannt. Ich keuchte, als ein glänzender Strom mit dem Geschmack brennender Alufolie in mich glitt, aber das in mir lachte nur und hieß die Flut willkommen. Meins!, verkündete die Seele erfreut, und ich fühlte, wie meine Verbindung zur Kraftlinie getrennt wurde. Ich stolperte und fiel auf ein Knie. Sie hatte die Kontrolle übernommen und mich ausgestoßen!

Nein!, dachte ich und suchte in meinem Kopf verzweifelt nach der Linie, ohne etwas zu finden. Meine Brust tat weh, als mein Herz anfing, in einem neuen, schnelleren Rhythmus zu schlagen. Was zur Hölle war dieses Ding? Was für eine Art von Geist konnte eine so entschlossene Seele hervorbringen? Ich konnte es … nicht aufhalten!

»Rachel!«

Mit tränenden Augen sah ich zu Pierce auf und musste darum kämpfen, meine Augen scharfzustellen. »Schaff. Das. Aus mir raus!«

Er wirbelte herum und entdeckte das noch nicht verbrannte letzte Pergament auf dem Tisch. In der Schale war noch ein Schluck Wasser übrig. Es musste reichen.

Ich bin Rachel Morgan, dachte ich und biss die Zähne zusammen, als die Seele sich durch meine Erinnerungen grub wie manche Leute Gerümpel im Keller durchsuchen. Ich lebe mit einem Vampir und einer Pixiefamilie in einer Kirche. Ich kämpfe gegen die Bösen. Und ich werde dir meinen Körper nicht geben!

Du kannst mich nicht aufhalten.

Der Gedanke war ölig, wie Hysterie, die zu disharmonischer Musik geworden war. Es war nicht mein Gedanke gewesen und ich verfiel in Panik. Aber was auch immer es war, es hatte Recht. Ich war völlig machtlos und konnte es nicht stoppen. Sobald es sich alles angeschaut und genommen hatte, was es wollte, würde ich entsorgt werden.

»Verschwinde!«, schrie ich, aber seine Finger griffen in meinem Herzen und meinem Hirn nach mehr und ich stöhnte, als ich fühlte, wie ich die Kontrolle über meinen Körper verlor. »Pierce, schaff es aus mir raus!«, bettelte ich, zusammengesunken auf dem kalten schwarzen Boden. Alles, worauf ich mich nicht konzentrierte, verschwand. In dem Moment, wo ich versagte, wäre ich verloren.

Ich roch den Geruch von verbranntem Papier und hörte sanftes lateinisches Gemurmel. »Sunt qui discessum animi a copore putent esse mortem«, sagte Pierce und seine Hand zitterte, als er mir die Haare aus dem Gesicht strich. Neben ihm stand die leere Schale. »Sunt erras.«

»Es gehört mir!«, schrie ich vergnügt, aber nicht ich schrie. Es war die Seele, die herausgefunden hatte, dass mein Blut Dämonenmagie entzünden konnte, und dieses Wissen hochhielt wie ein Juwel. Ich konnte einmal tief Luft holen, als die Seele abgelenkt war, und öffnete die Augen. »Pierce …«, flüsterte ich verzweifelt, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber dann würgte ich, als die Seele erkannte, dass ich noch einen Rest Kontrolle hatte.

»Meins!«, knurrte die Seele mit meiner Kehle und ich schlug Pierce mit dem Handrücken ins Gesicht.

Oh Gott, ich hatte verloren. Ich fühlte, wie ich die Beine unter mich zog, um vor dem Feuer zu kauern wie ein Tier. Ich hatte meinen Körper an eine tausend Jahre alte Seele verloren! Ich zog die Lippen zurück und grinste über Pierces Entsetzen, während ich gleichzeitig versuchte, wieder die Kontrolle zu erlangen. Aber selbst die Verbindung zur Kraftlinie gehörte jetzt der Seele.

»Weg von ihr!«, hörte ich Al rufen, und plötzlich rutschte Pierce nach hinten gegen den Wandteppich. Al.

Zischend wirbelte ich zu ihm herum, gebückt und die Hände zu Klauen geformt. Es ist ein Dämon, hörte ich in meinen Gedanken und Hass kochte hoch, tausend Jahre Hass, die nach Rache schrien.

Kreischend sprang ich ihn an und Al packte mich am Hals. Ich kratzte nach ihm und beiläufig schlug er meinen Kopf gegen die Wand. Schmerz füllte den Raum zwischen Verstand und Schädel, und in diesem Nebel waren meine Reaktionen schneller als die der Seele. Ich übernahm die Kontrolle, griff nach der Kraftlinie und errichtete einen Schutzkreis um die Seele in mir. Sie war immer noch betäubt von dem Schlag auf den Kopf und ich hatte die Oberhand. Aber für wie lange?

Meine Augen wollten nicht gehorchen, als ich Als Hand um meinen Hals ergriff. Gott, ich war noch nie so froh gewesen, ihn zu sehen. »Rachel?«, fragte er. An diesem Punkt eine sehr verständliche Frage.

»Eine Weile noch, du Hurensohn«, keuchte ich, starr vor Angst, weil ich fühlen konnte, wie die Seele in mir sich erholte. »Du hast gesagt, es wäre eine Aura. Es ist eine gottverdammte Seele! Du hast mich angelogen! Du hast mich angelogen, Al! Und sie … übernimmt mich, du Hurensohn!«

Er kniff die Augen zusammen und schaute Pierce an. »Ich habe dir gesagt, du sollst auf sie aufpassen!«

»Unfall«, sagte Pierce, als er seine Beine unter sich schob. »Sie hat eine Kerze umgeworfen. Die Anfangsversuche sind verbrannt und sie hat sie mit dem Wasser gelöscht. Die Seele war nicht von der Anrufung gebunden, als sie entkam. Ich habe den Fluch gewunden, um sie aus ihr rauszuholen. Ich verstehe nicht, warum es nicht funktioniert hat!«

Al ließ meinen Hals los und schwang mich herum, bis ich in seinen Armen lag. »Du bist kein Dämon, Schwächling«, sagte er abwesend. Er sprach mit Pierce, während er mir ins Gesicht sah. »Du kannst keine Seele halten außer deiner eigenen.«

Aber Al dachte, ich könnte es? Ich holte Luft, während ich in Als rote Augen starrte und fühlte, wie die Seele in mir anfing, gegen den Schutzkreis zu drücken und nach einem Weg zu suchen, die Kontrolle zurückzugewinnen. Ich zuckte zusammen, als in meinem Kopf langsam eine Flamme wuchs. Sie brandete gegen das Innere meines Schädels und meine Hände zuckten. »Hol es … raus!«, zwang ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ich konnte nicht ewig kämpfen.

In Als Ziegenaugen blitzte kurz Panik auf und ich fühlte, wie er sich vor das Feuer setzte, direkt auf den Boden. »Lass mich rein, Rachel. In deine Gedanken. Du hast Krathion da drin. Ich kann ihn von dir trennen, aber du musst mich einlassen. Lass los und hör auf zu kämpfen, damit ich reinkommen kann!«

Er wollte, dass ich aufhörte zu kämpfen? »Er wird mich übernehmen!«, keuchte ich und umklammerte seinen Arm, als eine neue Welle von Wut mich überschwemmte. »Er wird mich umbringen! Al, diese Seele ist verrückt!«

Al schüttelte den Kopf. »Ich werde dich nicht sterben lassen. Ich habe zu viel in dich investiert.« Der Blick in seinen Augen machte mir Angst – es war keine Liebe, aber es war auch nicht nur die Angst davor, eine Investition zu verlieren. »Lass mich rein!«, verlangte er, während ich mich vor Schmerzen wand. Scheiße, ich sabberte. Er sagte nicht, ich solle ihm vertrauen, aber ich konnte es in seinen Augen lesen.

In mir fühlte ich die Befriedigung, als das Feuer sich stetig ausbreitete. Ich war nicht fanatisch genug, um das zu überleben. Wenn ich Tausende Jahre in der Hölle geschwebt wäre, vielleicht, aber nicht im Moment. Entweder ich ließ Al ein oder die Seele würde gewinnen. Ich musste ihm vertrauen. »Okay«, hauchte ich, und als Al die Augen aufriss, hörte ich auf zu kämpfen.

Die Seele schrie siegessicher auf und mein Körper erschauerte. Und dann … war ich nirgendwo. Ich war nicht in der widerhallenden Schwärze des Dämonenkollektivs, und ich war nicht in der fließenden, summenden Stärke einer Kraftlinie. Ich war … nirgendwo und überall. Zum ersten Mal in meinem Leben in meiner Mitte, allein und voll umfassendem Verständnis. Es gab keine Eile, keine Gedanken, und ich schwebte in einem glückseligen Zustand ohne Fragen. Bis sich doch eine in mir rührte. War das der Ort, an den Kisten gegangen war?

Ich fragte mich plötzlich, ob Kist hier war. Mein Dad? Roch ich da sein Aftershave?

»Rachel?«, rief jemand, und ich sammelte mich und versuchte, mich zu konzentrieren.

»Dad?«, flüsterte ich ungläubig.

»Rachel!« Die Stimme wurde lauter und plötzlich spürte ich Schmerzen.

Keuchend saugte ich Luft in meine Lunge. Die Welt stand auf dem Kopf, aber dann ging mir auf, dass ich auf Händen und Knien lag und zwischen trockenem Würgen nach Luft schnappte. Der saure Geschmack in meinem Mund passte zu dem Gestank von verbranntem Bernstein, der von mir aufstieg. Mein Gesicht pochte bei jeder Bewegung schmerzhaft und mit zitternden Fingern befühlte ich es. Jemand hatte mich geschlagen. Aber ich war hier, allein in meinem Körper. Die pervertierte Seele war verschwunden.

Ich schaute hoch und mein Blick fiel auf aufwändig bestickte Pantoffeln. Ich ließ meine Augen höher wandern und fand eine geschlechtsneutrale Robe, die entfernt an Kampfsport denken ließ, und darüber Newts spöttisches Gesicht. Der Dämon war wieder kahl. Selbst ihre Augenbrauen waren verschwunden.

Ihr Gesicht legte sich in Falten, als sie bemerkte, dass ich sie ansah. »Ehrlich, Al, du wirst dich mehr anstrengen müssen«, sagte sie schleppend. »Du hast fast zugelassen, dass sie sich umbringt. Schon wieder.«

Al? Das muss die Hand sein, die ich auf meinem Rücken spüre.

»Rachel!«, sagte Al wieder, ganz nah und extrem angespannt. Ich erkannte die Stimme von diesem Zwischenort, an dem ich gewesen war. Seine Hand verschwand und ich setzte mich, um die Beine an den Körper zu ziehen. Ich legte die Stirn auf die Knie und versteckte mich vor allen. »Was tut sie hier?«, murmelte ich und meinte Newt. Ich zitterte vor Kälte.

»Sie ist es«, sagte er voller Erleichterung und stand auf. »Danke.«

»Dank mir nicht. Das war nicht kostenlos.« Das leise Schlurfen ihrer Pantoffeln erschien mir laut, aber ich sah nicht auf. Ich war am Leben. Ich war allein in meinem Kopf. Al war da drin gewesen. Niemand konnte sagen, was er gesehen hatte.

»Ich sollte dich wegen außergewöhnlicher Dummheit anzeigen, weil du zugelassen hast, dass sie das allein probiert«, sagte Newt trocken und ich holte tief Luft. Anscheinend sind wir noch nicht aus der Sache raus.

»Sie wäre nicht allein gewesen, wenn du mir eine passende Seele gegeben hättest«, sagte Al und ich zuckte zusammen, als eine nach verbranntem Bernstein riechende Decke auf meine Schultern fiel. »Krathion? Bist du wahnsinnig? Er war ein Irrer!«

»Eine Einzelmeinung«, erklärte Newt selbstgefällig, und ich hob den Kopf. »Und eine typisch männliche Reaktion«, fügte sie mit einem Blick auf mich hinzu. »Gib allen die Schuld außer dir selbst. Du hast Rachel mitten in der Vorbereitung eines höchst heiklen Fluches verlassen. Du hättest sie mitnehmen können. Die Flasche mitnehmen können. Aber du hast sie allein gelassen. Machen wir uns nichts vor, Al. Du bist einfach nicht clever genug, um ein Kind zu erziehen.«

»Das hast du absichtlich gemacht!«, wütete Al und klang wie ein kleines Kind. Newt wirkte selbstgefällig und Al wandte sich frustriert ab.

Zitternd zog ich die Decke höher. Das waren meine Hände. Meine Hände. Tränen traten mir in die Augen, als ich zu der kleinen Flasche auf dem Tisch sah, jetzt wieder grün und mit Wirbeln gefüllt. Ich wollte lachen. Weinen. Kotzen. Schreien. »Was tut sie hier?«, fragte ich wieder, diesmal kräftiger.

»Krathion ist wahnsinnig«, sagte Al. »Es hat zwei von uns gebraucht, um ihn zurück in die Flasche zu bringen.«

Ich spielte besorgt mit der Wolldecke. Ich hatte das üble Gefühl, dass Newt versucht hatte, mich umzubringen. »Du warst in meinem Kopf?«, fragte ich sie, jetzt voller Angst.

Newt gab ein bedauerndes Geräusch von sich und durchquerte lautlos den Raum. »Nein«, sagte sie verdrießlich, als sie neben Pierce stehen blieb, der zusammengesunken neben dem leeren Wandteppich saß. Selbst die unheimlichen Figuren auf dem Stoff hatten sich aus Angst vor ihr versteckt. Pierce befühlte missmutig, vielleicht sogar verängstigt, seine geschwollene Lippe. Ich war überrascht, ihn überhaupt hier zu sehen.

»Al hat sich auf das Vorrecht des Lehrers berufen«, sagte sie und strich über sein Haar. Pierce versteifte sich und ich konnte erkennen, wie er wütend die Lippen aufeinanderpresste. »Ich habe nur die Seele zurück in die Flasche getan, nachdem Al sie aus dir raushatte. Gally, wenn du nicht bald beweist, dass du dazu in der Lage bist, sie am Leben zu halten, werde ich ihre Betreuung übernehmen und du bekommst stattdessen einen Hund.«

Ich riss die Augen auf. Angst brachte mich auf die Beine, aber ich schwankte, bis ich mich am Tisch abstützte. »Es war mein Fehler, nicht Als. Mir geht’s prima. Wirklich. Siehst du? Schon viel besser.«

Al versteifte sich. »Ich habe sie nicht allein gelassen. Ich habe sie unter der Aufsicht meines vertrauenswürdigen Vertrauten zurückgelassen. Der Fluch wurde aus Versehen aktiviert. Ein Versehen, das du wahrscheinlich geplant hast.«

Vertrauenswürdiger Vertrauter? Ich schaute zu Pierce und wusste genau, dass jedes Lachen momentan hysterisch klingen würde.

»Ausreden, Ausreden«, grummelte Newt und durchschaute die Sache offensichtlich. »Er hat versucht, ihr Leben zu retten. Ich kann es in seinen Gedanken sehen.« Sie rückte eine Strähne an Pierces Kopf zurecht. »Es waren seine Fähigkeiten, die versagt haben, nicht sein Geist. Er war hier. Du nicht.« Lächelnd drehte sie sich zu Al um. »Denk daran, bevor du ihn umbringst.«

»Umbringen?«, stieß Al hervor. »Wieso sollte ich ihn umbringen? «

Ja genau, wo er doch Als vertrauenswürdiger Vertrauter war … Aber als Newt auf die Pappbecher schaute, die vergessen auf dem Boden lagen, versteifte sich Al. Sein Blick glitt zu Pierce, dann zu mir. Dort blieb er hängen, was mir Angst machte. Al dachte, ich hätte Pierce befreit. Der Kaffee war von irgendwoher gekommen, und ich konnte nicht durch die Linien springen.

»Keine weiteren Warnungen, Al«, sagte Newt, und sowohl Al als auch ich richteten unsere Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Deine Fehler fangen an, Auswirkungen auf uns alle zu haben. Noch ein Fehler, und ich übernehme sie.«

»Du hast das geplant. Du hast mir eine schlechte Seele gegeben. Dieser Fluch hätte Krathion nicht kontrollieren können, selbst wenn sie es richtig gemacht hätte.« Al kochte vor Wut, aber nicht der Hauch von Macht lag um seine Hände, was mir verriet, dass er es besser wusste, als Newt offen zu bedrohen.

Meine Haut prickelte, als die Anspannung stieg. Newt war verrückt, aber Al würde verlieren. Ich wollte nicht ihr gehören. Al und ich hatten eine Abmachung, aber Newt würde nur Meister und Sklave sehen. »Mir geht’s prima. Wirklich!«, wiederholte ich, während ich leicht schwankte und fühlte, wie mein Ellbogen pulsierte. Ich war gegen etwas gestoßen. Hart. Al vielleicht? Ich konnte mich an nichts erinnern.

Die Lippen zu etwas verzogen, was vielleicht ein Lächeln war, schnüffelte Newt, als röche sie etwas Verdorbenes. »Ich verstehe diese Loyalität nicht. Er verschwendet deine Zeit, Rachel. Du wirst sehr wenig davon haben, wenn du nicht vorsichtig bist. Du könntest so viel mehr sein, so viel schneller. Beeil dich besser, bevor ich mich an etwas erinnere und entscheide, dass du eine Bedrohung bist.«

Und dann war sie verschwunden, ohne dass die Luft sich genug bewegte, um die Kerzen zum Flackern zu bringen. Al seufzte tief und drehte sich zu mir um. »Du dummes Flittchen.«

Er setzte sich in Bewegung und ich sprang nach hinten, nur um auf dem schwarzen Boden auszurutschen und hinzufallen. Seine Hand schwang durch die Luft und ich krabbelte rückwärts, bis ich am Kamin anstieß.

»Du hast ihn befreit! Für eine Tasse Kaffee!«, wütete Al.

»Habe ich nicht!«, widersprach ich und spannte mich an, weil ich einen Schlag erwartete. Mich wehren? Ja, tolle Idee. Ich würde mich bestrafen lassen. Und dann würde ich es später Pierce heimzahlen.

»Algaliarept!«, schrie Pierce und Al zögerte. Der Klang seines Beschwörungsnamens war genug, um ihn innehalten zu lassen. Aber es war das klare Klimpern von Metall auf Marmor, das mich zusammenzucken ließ, nicht Als Handrücken. Ich beobachtete, wie das Band aus verzaubertem Silber auf uns zurollte und vor Als Füßen liegen blieb.

»Ich brauche sie nicht, um deiner Leine zu entkommen, Dämonenbrut«, sagte Pierce finster, und etwas in seiner Stimme erschütterte mich. Sie war bedrohlich, entschieden und völlig frei von Angst. Mir wurde kalt, als ich sah, wie ein schwarzes Aufflackern an seinen ausgestreckten Fingern verschwand, als er sie zur Faust ballte. In seinen Augen stand reine Aggression.

»Ich war frei, seitdem du mich gefangen hast«, prahlte er, und es war gleichzeitig eine Drohung. »Ich bin hier, um sie in eurem widerlichen Gestank am Leben zu erhalten, nicht um dein Geschirr zu waschen und deine Flüche zu winden. Eine wichtige Stellung, wenn du seelenstehlende Flüche als Aura-Ergänzung ausgibst.«

Gott helfe mir, ich glaube, mir wird schlecht. »Ich brauche keinen Babysitter«, sagte ich.

Pierce sah mich ernst an. »Meiner Treu, du brauchst einen«, sagte er und ich kniff die Augen zusammen.

Al brummte missbilligend. Seine Hand, vorher erhoben, um mich zu schlagen, hatte sich gedreht und war jetzt ausgestreckt, um mir aufzuhelfen. »Wie lange weißt du schon, dass er verzaubertem Silber entkommen kann?«, fragte er.

»Erst seit vorhin, als er es plötzlich tat«, antwortete ich ehrlich, während er mich nach oben zog. Er ließ mich los und ich schaute zu Pierce. »Du musst aufhören, ihn zu unterschätzen, Al«, sagte ich, weil ich nicht wieder zwischen ihnen landen wollte. »Du hast Recht. Er wird mich umbringen.« Mein Blick glitt von Al zu Pierce. »Durch seine Arroganz.«

Pierce zog die Augenbrauen hoch, als er den Stich meiner Worte spürte, aber er senkte nicht den Blick, da er immer noch wütend war. Al allerdings hätte nicht glücklicher sein können. »Wahrhaftig«, knurrte er fast. Er hatte offensichtlich mehr aus meinen Worten herausgehört, als ich gesagt hatte. »Ich glaube, für heute haben wir genug Fortschritte gemacht, Rachel. Geh nach Hause. Ruh dich aus.«

Fassungslos ließ ich die Decke auf meiner Schulter los. Ich schien das Zittern meines Körpers nicht stoppen zu können. »Jetzt? Ich bin gerade erst gekommen. Ähm, nicht, dass ich mich beschweren will.«

Al warf einen kurzen Blick zu Pierce und es schien, als würde er in Gedanken bereits seine Fingergelenke knacken lassen. Pierce starrte direkt zurück, mit grimmiger und entschlossener Miene. Idiot. Sobald ich weg war, würden sie ein »Gespräch zwischen Dämon und Vertrautem« führen. Ich wäre allerdings nicht diejenige, die danach aufräumen musste.

»Komm«, sagte Al und griff nach meinem Ellbogen, nur um sofort wieder loszulassen, als ich schmerzerfüllt zischte.

»Du kommst mit mir?«, fragte ich, und Al griff stattdessen nach meinem anderen, unverletzten Arm.

»Wenn du nicht hier bist, wenn ich zurückkomme«, sagte der Dämon zu Pierce, »werde ich dich umbringen. Ich mag ja unfähig sein, dich zu fesseln, aber finden kann ich dich leicht. Klar?«

Pierce nickte und neue, grimmige Falten erschienen auf seinem Gesicht.

Ich öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Al hatte bereits seinen Geist ausgestreckt und eine Linie angezapft. Sofort löste ich mich in einen Gedanken auf und wurde in die nächstgelegene Kraftlinie gezogen – Bänder aus Energie, die sich wie Fäden zwischen der Realität und dem Jenseits erstreckten. Instinktiv errichtete ich einen Schutzkreis um meine Gedanken, aber Al war schneller gewesen.

Al?, fragte ich, überrascht, dass er bei mir war, da das die Kosten mehr als verdoppelte.

Ich habe dir gesagt, dass du nichts tun sollst. Dann komme ich zurück und stelle fest, dass du besessen bist? Ich musste Newt um Hilfe bitten. Weißt du, wie peinlich das ist? Was es mich kosten wird, das abzuzahlen?

Unsere Gedanken waren zusammen in einem Raum, und obwohl ich nichts hören konnte, von dem er es nicht wollte, konnte er doch seine Wut auf mich und seine plötzliche Sorge wegen Pierce nicht vor mir verstecken. Al empfing ebenfalls meine Wut auf den Mann. Vielleicht brachte Al mich deswegen nach Hause, obwohl er mich genauso gut einfach nur im Friedhof der Kirche hätte absetzen können. Er wollte Einblick in meine Gefühle.

Die Erinnerung meiner Lunge tat weh, aber ich fühlte, wie er etwas nach seitwärts verschob, und dann stolperte ich, als wir wieder in der Welt erschienen. Der Nebel, der schon in der Luft gehangen hatte, als ich gegangen war, war jetzt noch dichter. Die Lampe auf der hinteren Veranda war nur ein entfernter gelber Fleck. Ich sog die feuchte, frühlingshafte Nachtluft tief in mich ein. Vier Stunden, und schon war ich wieder zu Hause.

»Studentin?«, fragte Al, jetzt ein wenig sanfter, nachdem er meine Wut auf Pierce gesehen hatte. Ich drehte mich zu ihm um und dachte, dass er aussah, als würde er in Nebel gehören, in seinem eleganten Gehrock, den gewienerten Stiefeln und der getönten Brille. »Hast du irgendeine Vorstellung von dem Druck, unter dem ich stehe?«, fügte er hinzu. »Die Beschuldigungen, von denen du nie etwas mitbekommst, die Drohungen? Warum glaubst du, habe ich die Flasche, die Newt mir gegeben hat, noch einmal kontrolliert? Sie will dich, Rachel, und du lieferst ihr Ausreden, dich in jeder Form zu nehmen, in der sie dich bekommen kann!«

»Ich habe die Kerze angezündet, weil ich nicht vorhatte, im Dunkeln zu sitzen, als dein Vertrauter verschwunden ist und die Lichter ausgingen!«, sagte ich, weil ich das nicht einfach widerspruchslos auf mir sitzenlassen wollte. »Ich hatte nicht vor, sie umzustoßen. Das Papier hat Feuer gefangen und ich habe das Wasser darüber geschüttet, um es zu löschen. Die Seele wurde befreit. Die Seele, Al, du Bastard. Du wusstest, dass ich es mit einer Seele nicht gemacht hätte.«

Er senkte den Kopf und der Nebel verhüllte sein Gesicht. »Deswegen habe ich es dir nicht erzählt.«

»Lüg mich nicht mehr an«, verlangte ich, mutiger, da ich wieder in meiner eigenen Realität war. »Ich meine es ernst, Al. Wenn ich schon zu den Bösen überlaufe, dann lass mich bitte mein eigenes Grab schaufeln, okay?«

Ich hatte es eigentlich sarkastisch gemeint, aber es klang furchterregend. Al runzelte die Stirn, wollte sich abwenden, zögerte … und kam zurück. »Rachel, du scheinst nicht zu verstehen. Newt ist es egal, ob du oder jemand anders fähig ist, Dämonenmagie zu entzünden und eine neue Generation von Dämonen in die Welt zu setzen. Sie will nur denjenigen kontrollieren, der es kann. Wenn Krathion deinen Körper übernommen hätte, hätte sie dich in Gewahrsam genommen, um den Rest von uns zu schützen, weil ich sicherlich keinen Irren beaufsichtigen kann, der Dämonenmagie entzünden kann und je nach Wunsch zwischen der Realität und dem Jenseits hin und her springt.« Er zögerte und sah mich durchdringend an. »Du bist ihr völlig egal, Rachel. Sie interessiert sich nur für das, was dein Körper kann, und das will sie kontrollieren. Lass das nicht zu.«

Meine Füße wurden im hohen Gras langsam nass. Kein Wunder, dass der Hexenzirkel für ethische und moralische Standards mich gebannt und Trent meinen Kopf gegen einen Grabstein geschlagen hatte. Ich benahm mich nicht gerade clever. Ein einfacher Fluch wie Besessenheit konnte mich vernichten – und jemandem, der weniger moralische Standhaftigkeit hatte als ich, alles geben, wozu ich das Potential hatte. Und das hatte ich ignoriert.

Ich atmete tief aus, weil ich endlich verstand. Ich stand in meinem vertrauten Friedhof und fühlte neues, frostiges Misstrauen in mir. Hurensöhne von Dämonen.

Al sah es und grunzte, scheinbar zufrieden. »Bis nächste Woche«, sagte er und wandte sich ab.

»Al?«, rief ich hinter ihm her, aber er ging weiter. »Danke«, platzte ich heraus. Das ließ ihn innehalten. »Dafür, dass du dieses Ding aus mir geholt hast. Und es tut mir leid.« Meine Gedanken wanderten zu Pierce und ich zog eine Grimasse. »Ich werde vorsichtiger sein.«

Die Tür zur Kirche öffnete sich mit einem Quietschen und das schrille Geschrei von Pixiekindern drang in die feuchte Luft. Al drehte sich um und sein Blick glitt an mir vorbei zu Ivys schwarzer Silhouette, die auf der Türschwelle wartete. Ich hatte mich bedankt. Und mich entschuldigt. Das war mehr, als ich je zu tun geglaubt hätte. »Gern geschehen«, sagte er in den Schatten. »Ich werde sehen, was ich in Bezug auf die Nicht-Lügen … Sache tun kann.« Und mit einem kurzen Nicken verschwand er.

2

»Ich bin da drüben« sagte Ivy zu mir, als wäre ich eine Dreijährige. Sie schaute zur Fleischtheke und zeigte zur Sicherheit auch noch darauf.

»Oh, um Wandels willen«, protestierte ich entnervt. »Al hat mir einen Tag frei gegeben, weil er Pierce zusammenschlagen wollte, nicht weil ich meine Aura beschädigt habe. Mir geht’s gut! Geh einfach und … hol uns was für den Grill, okay?«

Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch. Ich konnte auch verstehen, warum. Al gab mir selten eine Nacht frei, und ich hatte das Gefühl, dass meine verfrühte Rückkehr ihre Pläne durchkreuzt hatte. Obwohl ich dafür keine Beweise hatte, war ich mir sicher, dass der lebende Vampir meine wöchentliche vierundzwanzigstündige Abwesenheit dazu nutzte, ihren »anderen« Hunger zu befriedigen – den, für den man nicht im Supermarkt die richtige Flasche finden konnte.

»Ich habe gesagt, dass es mir gutgeht«, knurrte ich und zog den umweltfreundlichen Stoffbeutel, mit dem ich ihretwegen einkaufen gehen musste, höher auf die Schulter. »Geh einfach.«

Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu, drehte sich auf dem Absatz um und wanderte durch die Frischeabteilung. Sie sah in ihren Jeans und der kurzen schwarz-grünen Jacke aus wie ein Model. Die hohen Absätze ihrer Stiefel ließen sie noch größer wirken. Ihr leichter Stoffmantel war etwas völlig anderes als ihr normaler Ledermantel, aber der goldene Saum ließ ihn edel wirken. Momentan ließ sie ihre Haare wieder wachsen und die schwarze Pracht hing ihr mal wieder fast bis auf die Schultern. Ivy hätte ein Model werden können. Zur Hölle, Ivy konnte alles sein, was sie wollte. Außer glücklich. Ivy hatte so ihre Probleme.

»Guter Gott«, murmelte ich. »Was für eine Nervensäge.«

»Das habe ich gehört«, sagte Ivy, ohne sich umzudrehen.

Als ich endlich das erste Mal seit ein paar Stunden allein war, ließ meine Anspannung ein wenig nach. Der heutige Tag hatte keinen Spaß gemacht. Ich hatte nicht gut geschlafen, nachdem ich wieder in der Kirche angekommen war. Das bisschen Vertrauen, das ich in Al gesetzt hatte, stand ernsthaft zur Debatte. Nicht, dass ich ihm je wirklich vertraut hätte, aber ich hatte gedacht, unsere Abmachung hätte für ein gewisses Maß an Ehrlichkeit zwischen uns gesorgt. Anscheinend nicht. Ich war auch nicht glücklich mit Pierce. Er war ein Jugendschwarm aus einer Zeit, als sich das Leben noch lang und vielversprechend vor mir erstreckt hatte und jegliche Konsequenzen nur bis Freitag gereicht hatten, bis zum Date-Abend. Ich war fertig mit Schwärmereien und wütend auf Pierce, weil er alles riskiert hatte, nur um mich zu beeindrucken. Doch ich war nicht beeindruckt, und wenn es nach mir ging, konnte er einfach in einen Vulkankrater fallen.

Es war fast eine Erleichterung gewesen, nach einer unruhigen Nacht zur unchristlichen Zeit von zehn Uhr morgens geweckt zu werden, weil Jenks’ Katze Rex auf der Jagd nach Pixiekindern gegen Wände rannte. Ivy hatte mir Frühstück gemacht und hatte dann in der Küche herumgehangen und an ihrem Computer gesessen, während ich eine Ladung Gute-Nacht-Zauber anrührte. Dann hatte sie mir Mittagessen gemacht. Ich hatte schließlich nur verkündet, dass ich einkaufen gehen würde, um mal ein wenig Zeit für mich zu haben. Ich hatte gedacht, sie würde zu Hause bleiben, aber Nee-ei-in. Jenks hatte sich fast die Flügel lose gelacht und verkündet, dass er auf die Kirche aufpassen würde. Kluger Mann.

Anscheinend hatte ich Ivy gerade genug von Als Hinterhältigkeit erzählt, dass sie sich Sorgen machte. Sie wusste genug über Hexenmagie, um zu verstehen, dass Experimente mit Auren mir vielleicht Einsichten verschaffen konnten, wie ich ihre Seele retten konnte. Vielleicht war das ihr Problem. Ich war mir sicher, dass meine »Fortschritte« auch bis zu Rynn Cormel vordringen würden, ihrem Meistervampir, der uns beide vor anderen Vampiren beschützte. Ich sollte dankbar sein, aber ich verabscheute den toten Vampir von Herzen.

Plötzlich kribbelte meine Haut. Ich drehte mich um, nur um Ivy vor der Fleischtheke zu entdecken. Sie stand mit dem Rücken zu mir, während sie mit dem Metzger flirtete. Die einzige andere Kundin war eine winzige Frau in einem konservativen Business-Kostüm, die gerade den Kopf schieflegte, um die Preisschilder der Kekse zu lesen. Sie wirkte ziemlich nichtssagend, aber irgendetwas hatte meine Warnglocken ausgelöst.

Ich schob mir eine Strähne hinters Ohr und schaute durch den Laden, aus den großen Schaufenstern und auf den Parkplatz. Es war dämmrig – ungefähr die Zeit, wenn Menschen anfingen, die gemischten Bereiche der Stadt zu meiden und sich an ihre eigenen Straßen zu halten, weil die Inderlander auftauchten –, aber die Sonne war noch zu sehen, was bedeutete, dass die Frau kein toter Vampir sein konnte. Es war unwahrscheinlich, dass ein lebender Vampir allein so tief in die menschlichen Viertel vordrang. Aus demselben Grund war sie wahrscheinlich kein Tiermensch. Damit blieb nur ein Mensch auf der Suche nach magischer Unterstützung übrig – sehr unwahrscheinlich – oder eine Hexe mit demselben Ziel.

Sie konnte keine Hexe sein. Ich war gebannt, und Cincys gesamte Hexenpopulation wusste das.

Ich driftete zu einem Stand mit frühen Erdbeeren und ging in Gedanken die kurze Liste der Leute durch, die mir so tief in traditionell menschliches Revier folgen würden. Dann verzog ich das Gesicht, als ich die noch kürzere Liste von Gründen aufzählte, warum sie das tun könnten.

Ich warf ihr einen verstohlenen Blick zu und musterte ihre vernünftigen braunen Schuhe, ihre Nylonstrumpfhose und den dreckbraunen Rock, der gleichzeitig von Klasse und mangelnder Fantasie sprach. Die Frau war dünn wie eine Schaufensterpuppe, aber bei weitem nicht so groß, und ihre blonden Haare waren streng nach hinten gebunden, als wollte sie in dieser männerdominierten Welt jeden Eindruck von Weichheit verstecken.

Sie schaute auf und ich erstarrte, als unsere Blicke sich aus Versehen trafen. Verdammt, dachte ich, als die Frau blinzelte, die blauen Augen weit aufriss, und dann langsam lächelte – was mich fast zu Tode erschreckte. Zweimal verdammt. Sie hatte mich mit Ivy reinkommen sehen und checkte mich ab!

Mein Gesicht wurde heiß. Ich wandte den Blick ab und ging weiter, bis die Erdbeeren eine Barriere zwischen uns bildeten. Ich war hetero, aber nachdem ich in den letzten zwei Jahren drei Freunde verloren hatte – einen an illegale Aktivitäten; einen an das Grab; und einen dritten, Nochnicht-wirklich Freund, weil ich gebannt worden war –, wollte ich das nicht einer nett wirkenden Frau erklären müssen,

Titel der amerikanischen Originalausgabe BLACK MAGIC SANCTION Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Deutsche Erstausgabe 11/2010 Redaktion: Charlotte Lungstrass

Copyright © 2010 by Kim Harrison

Copyright © 2010 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Leingärtner, Nabburg

eISBN 978-3-641-06253-8

www.heyne-magische-bestseller.de

www.randomhouse.de

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