Blutfluch - Kim Harrison - E-Book

Blutfluch E-Book

Kim Harrison

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Beschreibung

Die große Bestsellerserie

Sie hat gegen Vampire, Hexen, Dämonen und Banshees gekämpft. Sie ist ins Jenseits gereist und wieder zurückgekehrt. Sie hat jeden einzelnen Fall in ihrer Karriere als Kopfgeldjägerin gelöst. Und nun steht Rachel Morgan vor der größten Herausforderung ihres Lebens: Sie muss einen Weg finden, die Seelen der lebenden Vampire – namentlich die ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Ivy – vor der ewigen Verdammnis zu retten. Doch wenn sie den Fluch, der auf den Vampiren lastet, brechen will, muss Rachel mehr riskieren als jemals zuvor ...

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Seitenzahl: 975

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DAS BUCH

Sie hat gegen Vampire, Hexen, Dämonen und Banshees gekämpft. Sie ist ins Jenseits gereist und wieder zurückgekehrt. Sie hat jeden einzelnen Fall in ihrer Karriere als Kopfgeldjägerin gelöst. Und nun steht Rachel Morgan vor der größten Herausforderung ihres Lebens: Ihre beste Freundin Ivy wird von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Wenn Ivy stirbt, verliert sie ihre Seele und wird zu einem gefühllosen, manipulativen Vampirmeister – zu einem Wesen, das sich nicht mehr daran erinnern kann, was Liebe ist. Ein Schicksal, das nicht nur Ivy, sondern alle Vampire bedroht. Rachel ist fest entschlossen, Ivys Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten und den Fluch, der auf den Vampiren lastet, zu brechen. Doch dazu muss sie Magie anwenden, die dunkel, gefährlich und unkontrollierbar ist. Magie, die sie selbst das Leben kosten könnte. In ihrem persönlichsten Fall muss Rachel mehr riskieren als jemals zuvor ...

DIE AUTORIN

Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie spielt schlecht Billard und hat beim Würfeln meist Glück. Kim mag Actionfilme und Popcorn, hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond meist nicht auffindbar. Mehr Informationen unter: www.kimharrison.net

Alle Informationen zur Rachel-Morgan-Serie finden Sie hier.

KIM HARRISON

BLUTFLUCH

ROMAN

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

THE WITCH WITH NO NAME

Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Deutsche Erstausgabe 08/2015

Redaktion: Sabine Thiele

Copyright © 2014 by Kim Harrison

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

»Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin,

dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag

nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung

eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen

hat der Verlag keinerlei Einfluss.

Eine Haftung des Verlags für externe Links

ist stets ausgeschlossen.«

e-ISBN: 978-3-641-15909-2

www.heyne-fantastisch.de

www.twitter.com/HeyneFantasySF

Für Tim, den »Kerl in der Lederjacke«

1

Mit in den Nacken gelegtem Kopf spähte ich in die Schatten der Wohnhäuser. Hoch über uns reflektierten Libellenflügel die Strahlen der Sonne wie glitzerndes Seidenpapier. Der mäßige Verkehr am Ende der Gasse reichte aus, um das Geräusch von Jenks’ Flügeln zu übertönen, doch ich hörte es in meiner Erinnerung, während der Pixie vor einem schmutzigen Fenster schwebte.

Der erdige Duft feuchten Asphalts wurde fast von dem zunehmenden Geruch von verängstigtem Vampir verdrängt, der neben meinem Ellbogen aufstieg. Ich bezweifelte, dass Marsha ihre Meinung geändert hatte. Doch sich den Befehlen seines Meistervampirs zu widersetzen konnte tödliche Folgen haben.

Den Blick immer noch auf Jenks gerichtet, zog ich mich unauffällig ein wenig von Marsha zurück, die in ihrer Bürokleidung neben mir stand. Ihre hohen Schuhe entsprachen der neuesten Mode, doch rennen konnte sie darin sicher nicht. Ihre Haare fielen in mitternachtsschwarzen, sinnlichen Wellen auf ihren Rücken – und auch das machte sie in einem direkten Kampf zum einfachen Opfer. Ihre wohlgeformte Gestalt ließ keinen Zweifel daran, dass sie schön war. Doch als lebender Vampir war ihr Aussehen auch seit mindestens zwei Generationen perfektioniert worden. Und zwar nicht, um Luke zu gefallen – dem Mann, in den sie sich unglücklicherweise verliebt hatte. Immerhin wusste Marsha, wie verletzlich sie war. Deswegen waren Ivy, Jenks und ich ja hier.

Langsam wurde mein Nacken steif. Ich sah wieder auf die vorbeifahrenden Autos, zuversichtlich, dass die Entfernung und die Müllcontainer uns vor zufälligen Blicken verbargen. Ein tiefes Brummen ließ mich gerade wieder rechtzeitig den Kopf heben, um zu sehen, wie Jenks einem geflügelten Schatten auswich. Ein Blauhäher schrie, und die Spitzen von fünf Federn schwebten zwischen den Gebäuden zu Boden. Mit wilden Flügelschlägen schaffte der Vogel es noch über die Straße, bevor er unsanft auf dem Gehweg landete.

Jenks, der den Vogel bereits vergessen hatte, legte sich die Hände um die Augen und spähte durch das Fenster. Seine schwarze Kleidung – eine enge Hose und ein Strickhemd – halfen ihm, mit den Schatten zu verschmelzen, während die rote Kappe rivalisierenden Pixies signalisierte, dass er nicht wilderte. Das war wichtig so nahe am Eden Park. Bis jetzt hatte ihn niemand belästigt, doch die Vögel blieben eine ständige Bedrohung.

»Ich sollte das nicht tun müssen«, beschwerte sich die Frau hinter mir. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass ein Drittel des Teams, das dafür sorgen sollte, dass sie am Leben blieb, gerade fast erledigt worden wäre. »Das ist meine Wohnung!«

Ich atmete tief durch, als Jenks die Klappe am Entlüftungsschlitz zum Bad hob und nach drinnen verschwand. »Willst du riskieren, Luke zu begegnen?«, fragte ich. Sie stieß ein frustriertes Geräusch aus. Ja, sie wollte Luke begegnen, doch das hätte ihren Tod bedeutet.

Ich konnte das nagende Gefühl nicht abschütteln, dass etwas nicht stimmte, trotz – oder gerade wegen – der Tatsache, dass der Einsatz bis jetzt vollkommen glatt verlaufen war. Unruhig rückte ich meine Schultertasche zurecht. Ich sah auch nicht gerade schlecht aus, doch neben der makellosen Schönheit dieser Frau wirkten meine krausen roten Locken und flachen Stiefel unscheinbar.

Mein Magen verkrampfte sich, als ich Ivys selbstbewusste Schritte hörte. Auf der Straße herrschte für einen Moment Ruhe. Die Vampirin neben mir versteifte sich wegen meines schnelleren Pulsschlags, und ich warf Marsha einen strengen Blick zu. »Bleib hier«, befahl ich, weil mir überhaupt nicht gefiel, dass sich Jenks immer noch in der Wohnung aufhielt. »Jenks wird dir sagen, wenn die Luft rein ist.« Ich zog meine Schultertasche höher und ging Richtung Gehweg.

»Den Teufel werde ich tun«, sagte Marsha und machte Anstalten, mir zu folgen.

Ich wirbelte herum und verpasste ihr einen Stoß gegen die Schulter, der sie gegen die Wand stolpern ließ. Entsetzt starrte die Frau mich an, doch dank ihrer lebenslangen Konditionierung zeigte sie keinerlei Wut. »Zum Teufel, und ob du das tun wirst«, schnauzte ich. »Bleib hier, bis Jenks dir sagt, dass du kommen kannst, oder wir verschwinden einfach. Und zwar sofort.«

Erst jetzt zeigte sie ihre Wut. Ihre Pupillen erweiterten sich, und mir stieg der Duft von wütendem Vampir in die Nase. Nachdem ich diese Dominanzdemonstration im Keim ersticken wollte, streckte ich mein Bewusstsein und zapfte die nächstgelegene Kraftlinie an. Energie durchfloss mich und ließ meine Haare anfangen zu schweben, während mein Chi sich füllte. Meine Haut kribbelte. Ich schob das Gesicht direkt vor ihres und bewies damit, dass ich keine Angst vor ihren kleinen Reißzähnen oder ihrer überlegenen Stärke hatte. »Du stehst unter einer an Bedingungen geknüpften Todesdrohung, Süße«, hauchte ich. »Sobald ich sichergestellt habe, dass Luke nicht da drin ist, kannst du dir holen, was du willst. Aber wenn du nur nach einem Weg suchst, auf eine Art zu sterben, bei der deine Lebensversicherung trotzdem bezahlt, kannst du das auch ohne uns machen.«

Mürrisch senkte Marsha den Blick, und ihre Augen nahmen wieder die normale blaue Färbung an.

Ich richtete mich auf und steckte zufrieden die Daumen in die Hosentaschen. Sie würde warten. Es war ungewöhnlich, dass ein Vampir auf irgendjemanden außerhalb seiner eigenen Camarilla hörte, doch sie hatte sich schließlich an uns gewandt. Nickend sah ich auf und stieß einen scharfen Pfiff aus. Sofort spähte Jenks aus dem Lüftungsschlitz und zeigte mir den hochgereckten Daumen. »Los jetzt«, murmelte ich, und die Frau zog sich außer Sichtweite hinter die Container zurück.

Besänftigt ging ich zum Haupteingang. Der Auftrag hatte einfach genug geklungen, als Ivy ihn mir letzte Nacht bei Käsetoast und Tomatensuppe beschrieben hatte. Einer Frau dabei zu helfen, ihre Sachen aus ihrer Wohnung zu holen, sollte ein Kinderspiel sein – bis Ivy mir erzählt hatte, dass das Beziehungsende von zwei konkurrierenden Vampir-Camarillas erzwungen wurde und jemand den Tod finden würde, wenn Luke und Marsha sich den Befehlen nicht beugten. Auf keinen Fall konnte ich Ivy das allein durchziehen lassen.

Die ganze Geschichte verbesserte nicht im Geringsten meine sowieso schon schlechte Meinung über untote Vampire. Die Meister manipulierten jeden und alles in ihren Spielen, die sich über Jahrzehnte hinzogen. Sobald sie einen bemerkt hatten, konnte man einem Leben als Opfer nur noch entkommen, indem man starb und selbst zum Spieler wurde.

Aber nicht Ivy, dachte ich, als ich aus der Gasse trat und sie auf mich zukam. Ich würde nicht zulassen, dass auch ihr das passierte. Leider galt die Regel, dass die Untoten den Druck noch zusätzlich erhöhten, wenn man versuchte, sich zu wehren.

In Ivys Schritten lag eine Anspannung, die ich niemals bemerkt hätte, wenn ich nicht seit drei Jahren mit ihr zusammenleben würde. Elegant in eine schwarze Hose und ein schwarzes Top gekleidet, kam sie mit schwingenden Armen auf mich zu. Ihre langen schwarzen Haare waren zu einem schwer zu packenden Dutt gebunden, und selbst aus der Entfernung konnte ich den braunen Rand um ihre Pupillen deutlich erkennen. Allerdings zuckte sie zusammen, als zwei Häuser weiter eine Tür zugeknallt wurde. Auch ihr war aufgefallen, dass hier etwas nicht stimmte.

Ihre Schultern entspannten sich, als sie sich neben mir einreihte und wir zusammen die Stufen zum Gebäude hinaufstiegen. »Lukes Auto steht immer noch auf dem Parkplatz«, sagte sie, als ich die Tür aufzog und wir in den Eingang des alten Mietshauses gingen, als gehörten wir dort hin. »Dem Geruch nach wurde es seit zwei Tagen nicht benutzt.«

»Also tut er, was ihm befohlen wurde, und lebt noch.« Ich warf einen Blick zur Überwachungskamera. Jenks hatte alle Gemeinschaftsräume kontrolliert, und laut seiner Aussage waren diese Geräte nur Attrappen. Dreck klebte in den Ecken des angeschlagenen Fliesenbodens. Ich lehnte mich gegen das Treppengeländer, während Ivy Marshas Post durchsah und alles herausnahm, was sie vielleicht brauchen würde, bevor sie die restlichen Umschläge in den Briefkasten zurückstopfte.

»Sie werden nicht einen von ihnen sterben lassen, ohne auch den anderen umzubringen«, erklärte Ivy, während sie die Post ordnete. »Sonst wird der Tote den Überlebenden zu seinem Nachkommen erklären.«

Was einfach nicht geht, dachte ich, während ich durch das nur schwach beleuchtete Treppenhaus nach oben sah. Das Haus erinnerte mich ein wenig an das, in dem meine erste eigene Wohnung gelegen hatte. »Das gefällt mir alles nicht.«

Ivy lächelte eines ihrer seltenen Lächeln und schloss mit einem Klicken den Briefkasten. »Du machst dir zu viele Sorgen. Diese beiden sind nicht wichtig.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. Trotz meiner abwertenden Kommentare war Marsha einfach atemberaubend. Es fiele jedem Meister schwer, eine solche Schönheit aufzugeben. »Sorgen? Ich mache mir nur Sorgen um dich. Mir gefällt dieser Auftrag nicht.«

Ivy gab mir Marshas Post, und ich verstaute sie in meiner Tasche. »Du magst einfach die Untoten nicht«, sagte sie. Ich zog meine Splat Gun heraus und kontrollierte das Magazin.

»Verdammt, ich kann mir gar nicht vorstellen, warum das so ist.«

Mit einem zustimmenden Brummen machte Ivy sich daran, die Stufen nach oben zu steigen. Ich wusste, dass sie sich gar nicht für die Post interessiert hatte, doch die Briefe hatten uns einen Vorwand geliefert, um am Fuß der Treppe stehen zu bleiben, während sie die Luft witterte und feststellte, ob irgendwer oben auf uns wartete – egal, ob Jenks uns bereits grünes Licht gegeben hatte. »Entspann dich«, sagte sie, als ich hinter sie trat. »Sie haben zugestimmt, sich nicht mehr zu treffen. Wir gehen rein, holen ihre Sachen, verschwinden wieder. Ende der Geschichte.«

»Wieso hast du mich dann gebeten mitzukommen?«, fragte ich, als wir den nächsten Treppenabsatz umrundeten.

Ohne mich anzusehen, flüsterte sie: »Weil ich ihnen nicht vertraue.«

Ich genauso wenig. Die Tür im Erdgeschoss öffnete sich, und ich wirbelte herum. Kraftlinienenergie schoss in mich, doch es waren nur Jenks und Marsha. Ich legte einen Finger an die Lippen, und der lebende Vampir schloss leise die Tür, bis das Rauschen des Verkehrs abbrach. Selbst aus dem zweiten Stock konnte ich die frische, gesunde Angst in ihren Bewegungen erkennen. Vielleicht hatte Jenks ihr ein paar Takte erzählt.

Die Flügel des Pixies brummten leise, als er in weniger als einer Sekunde zu uns nach oben schoss. »Alles sauber«, sagte er, und der silberne Staub, der von ihm herunterrieselte, erleuchtete kurz meine Schulter.

Sauber, sicher. Doch er konnte keine Zauber aufspüren, die nicht aktiviert waren. »Halt sie im Flur zurück, bis ich ein Zeichen gebe«, bat ich ihn. »Und lass mich wissen, falls irgendwer vor dem Haus vorfährt.«

Jenks nickte und ließ sich wieder nach unten fallen, wo Marsha sich bemühte, die Treppe so leise wie möglich nach oben zu schleichen. Ivy wartete am Ende des Flurs auf mich. Schnell schloss ich die Lücke zwischen uns, während ich die neuen Zauber-Erkennungsamulette an meinem Armband musterte. Es war unglaublich mühsam gewesen, sie so klein anzufertigen, doch wenn sie an meinem Armband hingen, konnte ich sie jederzeit im Blick behalten und trotzdem gleichzeitig meine Waffe tragen. Der hölzerne Apfel erkannte tödliche Zauber, während das Kleeblatt aus Kupfer in der Gegenwart eines starken Zaubers aufleuchtete. Was nicht immer dasselbe bedeutete.

Ivy begann, wirklich gut zu riechen, eine Mischung aus vampirischem Räucherwerk und Leder. Ich versuchte, den Duft zu ignorieren. Stattdessen packte ich mit klappernden Amuletten meine Splat Gun fester. An Marshas Eingangstür hing eine Pinnwand aus Kork, die mit Papierblumen und einem Smiley-Gesicht mit Reißzähnen verziert war. Ich konnte die Absätze der Frau auf der Treppe hören und zog eine Grimasse. Es war Mittag, die Zeit, in der die meisten Tagaktiven in der Arbeit waren und die Nachtaktiven sich unter der Erde verstecken mussten – doch es gab auch Wege, diese Regel zu umgehen.

Die Amulette leuchteten in gleichmäßigem Grün. Ich nickte und kauerte mich mit angelegter Splat Gun neben den Türrahmen. Ivy drehte den Schlüssel, dann schob sie die Tür auf und trat zur Seite. Jenks flog in die Wohnung, vollkommen davon überzeugt, dass seine erste Erkundung ausgereicht hatte. Doch ich lauschte, während Ivy die Luft testete und die Witterungen durch ihr unglaublich komplexes Gehirn filterte. »Hallo, Liebes. Ich bin zu Hause!«, sagte sie, dann folgte ich ihr in die Wohnung.

Ich musste direkt durch Ivys Duft treten. Selbst mit angehaltenem Atem überlief mich ein Schauer, als mich ihre Pheromone trafen – die wie schwarze Seide über meine Haut strichen. Obwohl wir immer noch gemeinsam auf dem Briefkopf unserer Firma standen, hatte sie sich in den letzten sechs Monaten oder so immer weiter von mir zurückgezogen. Ich hatte eine klare Vorstellung davon, woran es lag, aber auch wenn ich mich für sie freute, vermisste ich es doch, regelmäßig mit ihr zusammenzuarbeiten.

Meine alte Vampirnarbe kribbelte aufgrund des offensichtlichen Aromas verliebter Vampire, das die Luft in dem großzügig geschnittenen Apartment erfüllte. Vielleicht vermisse ich ja auch nur die berauschende Mischung aus sexueller Erregung und Adrenalin, die sie bei Anspannung in die Luft pumpt. Ich kommentierte meine eigene Oberflächlichkeit mit einem Stirnrunzeln, während ich mich in dem kleinen, gut eingerichteten, hellen Apartment umsah und die Hinweise auf die Liebe von Marsha und Luke in mich aufnahm. Ich wusste, wie es war, wenn jemand einem ständig sagte, in wen man sich nicht verlieben durfte. Meine Gedanken schossen zu Trent, bevor ich mich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrierte.

»Bleib da«, sagte ich zu Marsha, die inzwischen neben der Tür stand. Meine Amulette leuchteten immer noch grün, doch ich hatte die Wohnung auch kaum betreten. »Es könnte personalisierte Zauber geben.«

Personalisierte Zauber: ein netter Ausdruck für eine Kugel mit dem eigenen Namen darauf – und Jenks konnte sie nicht aufspüren. So etwas war nötig, um illegale, tödliche Zauber anzufertigen. Die Vampirpolitik würde dafür sorgen, dass der Anschlag geheim blieb, doch sollte der Zauber einen Unschuldigen töten, würden sie die schwarze Hexe, die ihn gefertigt hatte, aufspüren und einsperren.

Aufmerksam patrouillierte ich einmal durch das Wohnzimmer, bevor ich mich in der kleinen Küche umsah. Ivy war im Schlafzimmer verschwunden. Ich wurde langsamer und beäugte die Amulette. Es wäre einfach gewesen, etwas zwischen dem glänzenden Metall und den neuen Geräten zu verstecken, doch sollte hier ein Zauber lauern, hätten meine Amulette darauf reagiert.

»Hey!«, schrie Ivy, ihre Stimme durch die Wände gedämpft. Ich riss den Kopf herum und sprang vor Marsha. Dreck. Ich hatte recht gehabt.

»Jenks!«, rief Ivy wieder, diesmal eher genervt. »Warum hast du uns nichts von dem Hund gesagt?«

Schlitternd kam ich zum Stehen und beobachtete irritiert, wie Jenks’ Staub eine peinlich berührte rote Färbung annahm. Marsha war mit leuchtenden Augen in die Wohnung getreten, und ich bedeutete ihr, nicht weiterzugehen.

»Tut mir leid!«, sagte Jenks, während ich das leise Klappern eines Hundehalsbandes wahrnahm. »Es ist nur ein Hund.«

Seit zwei Tagen hatte niemand die Wohnung betreten? Aber hier roch es nach Duftkerzen, nicht nach Hundekacke.

»Buddy!«, rief Marsha glücklich, als sie sich an mir vorbeischob und auf die Knie fiel. Ich beäugte den kleinen, dreckigen Mischling, der mit langsamen Schritten aus dem Wohnzimmer kam, statt direkt auf sie zuzulaufen. »Komm her, Baby! Du musst ja am Verhungern sein. Ich dachte, Luke hätte dich mitgenommen!«

Ich kniff die Augen zusammen. Ich hatte noch nie einen Hund besessen, doch ich wusste, dass sie gewöhnlich vor Freude austickten, wenn ihr Besitzer nur vom Briefkasten zurückkam. Ganz zu schweigen von der ersten Begegnung nach zwei Tagen. »Ähm, Marsha?«, sagte ich, als der Hund einen weiteren zögernden Schritt machte, während sein Schwanz einfach nach unten hing.

»Ich glaube, es ist alles okay«, meinte Ivy, als sie aus dem Schlafzimmer kam. »Willst du auch noch mal mit deinen Zaubern checken?«

»Sicher«, sagte ich langsam. Irgendetwas stimmte hier nicht.

»Buddy?«, rief Marsha wieder. Der Hund warf mir einen schiefen Blick zu, als er in einer Mischung aus Aufregung und Zögern an mir vorbeischlich, die ich bei einem Tier nicht erwartet hätte.

Und ein Amulett an meinem Handgelenk strahlte plötzlich in Rot.

»Scheiße, es ist der Hund!«, schrie ich.

Marsha sah auf, ihr wunderschöner kleiner Mund zu einem überraschten O verzogen. Sie hatte die Hände vorgestreckt, und der Hund war schon fast bei ihr. Ich würde sie nie rechtzeitig erreichen.

»Rhombus!«, rief ich, während ich gleichzeitig an der Kraftlinie zog, sodass sie in fast schmerzhafter Intensität in mich schoss. Die Energie sammelte sich und floss über, und ich drängte sie wieder aus mir heraus. Mein Ausruf löste eine Reihe schwer erarbeiteter, mentaler Automatismen aus, welche die Energie in eine moleküldünne Barriere brachten. Sie nahm die natürlichste Form an – eine Kugel, in deren Mitte ich stand, der Hund mit mir eingeschlossen –, und vorhersehbarerweise lief das Tier dagegen.

Doch statt wie erwartet ein überraschtes Aufjaulen zu hören, schossen die Energielevel plötzlich durch die Decke.

Das war meine einzige Vorwarnung. Ich duckte mich, als ein heller Energieblitz innerhalb meines Kreises explodierte, mit dem Hund als Ursprung. Die freigegebene Energie wurde reflektiert, mein Kreis hallte wie eine Glocke mit einem Riss, und ich erstarrte. Gänsehaut bildete sich, als der illegale Tötungszauber über mich glitt, um in den Hund zurückzufallen, als er sein vorgesehenes Ziel nicht finden konnte.

»Buddy!«, kreischte Marsha, als Ivy sie gegen eine Wand stieß und mit ihrem eigenen Körper schützte.

»Schaff sie hier raus!«, schrie ich. Ich hatte Angst, mich zu bewegen. Der Zauber war aktiviert worden, doch er hatte sein zugedachtes Ziel nicht gefunden. Jetzt war er eine tickende Zeitbombe, die mit mir in meinem Schutzkreis eingeschlossen war.

»Das ist mein Hund!«, beteuerte die Frau voller Angst, als Ivy sie in den Flur schob. »Buddy! Buddy!«

Langsam erkannte ich, dass ich unverletzt war. Buddy allerdings … Ich verzog das Gesicht, als der liegende Hund anfing zu zittern. Er war nicht tot, und er war kein Hund. Es war Marshas Freund Luke.

Ich hasse Vampire, dachte ich, als mir klar wurde, was geschehen war. Jemand hatte Luke in Buddys Doppelgänger verwandelt und einen Sekundärzauber an ihm befestigt, der sie beide umbringen würde, wenn Marsha ihn berührte. Luke war quasi schon tot, doch der Zauber würde sich nicht voll aktivieren, bevor er Marsha gefunden hatte. Mir blieb noch eine Chance.

»Marsha!« Vorsichtig stand ich auf und beobachtete, wie die Energie in mich zurückfloss, als ich meinen Schutzkreis brach. »Wo bewahrst du dein Salz auf?«

»Bleib da«, knurrte Ivy. »Und sag es mir.«

»Im Schrank neben dem Herd!«, schluchzte die Frau aus dem Flur. »Was ist passiert? Buddy? Buddy!«

Ich rannte zurück in die Küche und drehte den Wasserhahn auf. »Das ist nicht dein Hund, das ist dein Freund.«

Das war vielleicht ein Fehler gewesen, denn jetzt flippte sie vollkommen aus. »Luke!«, kreischte sie. »Oh Gott, Luke!«

»Bleib im Flur!«, schrie Ivy, und ich hörte Kampfgeräusche.

Salz, Salz … Mein Puls raste, als ich eine Schüssel fand und in die Spüle stellte. »Lass nicht zu, dass sie ihn berührt! Wenn sie das tut, sterben sie beide!«

»Luke!«, schluchzte die Frau, während ich triumphierend das Salz fand und die Packung öffnete. Mit zitternden Händen kippte ich das gesamte Salz in die Schüssel.

»Wird er sich erholen?«, fragte Jenks, während sein Staub sich auf der Arbeitsfläche sammelte, um wie Quecksilber davonzufließen. Ich wusste es nicht.

»Oh Gott. Beeil dich!«, bettelte Marsha. Ich rührte das Salzwasser einmal schnell um und kostete, bevor ich die Schüssel packte. Die Frau stand vollkommen verängstigt neben dem Hund. Sie hatte mein volles Mitgefühl. Vampirmeister waren wirklich Hurensöhne. Jeder einzelne von ihnen. »Hilf ihm!«, schrie sie, ihr perfektes Gesicht vor Entsetzen verzerrt. Ivy hielt sie fest, während ich mit der Schüssel nach vorne eilte.

»Bleib zurück«, warnte ich, als ich über dem kleinen weißen Hund stand und das Wasser über ihm auskippte. Marsha wich atemlos und bleich zurück. Ich hatte keine Ahnung, ob die Konzentration ausreichte, um Erdzauber zu brechen, doch es musste eigentlich genug Salz gewesen sein, um ihn nicht nur zurück in einen Menschen zu verwandeln, sondern auch, um den tödlichen Zauber zu brechen.

Wie erwartet verschwand der Hund in einer dicken Wolke aus braunblauer, auraverunreinigter Energie. »Luke!«, schrie Marsha. Jenks runzelte die Stirn. Er hatte genug Zauber brechen sehen, um zu wissen, dass das vollkommen normal war. Ich wich angespannt zurück und beobachtete, wie die Wolke menschliche Größe annahm. Langsam hob sich der Dunst und gab den Blick frei auf einen nackten, zusammengeschlagenen Mann, der zusammengerollt auf dem nassen weißen Teppich lag.

Luke schnappte schluchzend nach Luft. Er würde es schaffen – für den Moment. Ich ließ mich auf die weiche Couch sinken, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und stützte den Kopf in die Hände. Die Amulette an meinem Armband klapperten, und ich seufzte. Das Salzwasser hatte sie ruiniert. Ich hätte sie ja auf Marshas Rechnung gesetzt, doch ich ging nicht davon aus, dass sie genug Geld hatte. Außerdem wäre sie in nächster Zeit sicherlich zu sehr mit Überleben beschäftigt.

»Du kannst ihn jetzt anfassen«, sagte ich, als mir auffiel, dass Marsha sich immer noch verzweifelt zurückhielt.

Panisch ließ sie sich auf die Knie fallen. Der Teppich gab ein feucht schmatzendes Geräusch von sich, als sie ihren Freund an sich zog. »Oh, Baby!«, jammerte sie, ohne darauf zu achten, dass er mit Salzwasser überzogen war. »Hat er dir wehgetan?«

Nach seinen Prellungen zu schließen, hatte das jemand – wahrscheinlich sein eigener Meistervampir – tatsächlich getan, doch er hob die Hand und strich ihr über die Wange. »Es geht mir gut«, keuchte er. Bei dem Anblick, wie er mit im Gesicht klebenden schwarzen Haaren und nur halb geöffneten Augen dalag, stieg eine hässliche Erinnerung in mir auf. Es tat schrecklich weh, sich mit Erdmagie zu verwandeln, doch sein durchtrainierter, athletischer, aber gleichzeitig schwer angeschlagener Körper war mit leicht zu versteckenden Narben überzogen. Es sah aus, als wäre er Schmerzen gewohnt.

Weinend drückte Marsha seinen Kopf an ihre Brust und wiegte ihn sanft, während ich mich fragte, wie viele Narben sich wohl unter ihrer teuren Kleidung verbargen. Das stank. Vampire sahen aus, als besäßen sie die Welt, doch es war eine Lüge. Mein Blick huschte zu Ivy, und ich erkannte ihren inneren Kampf. Eine riesige, hässliche Lüge.

Das Klappern von Jenks’ Flügeln warnte mich, kurz bevor er auf meiner Schulter landete. »Für mich sah er aus wie ein Hund.«

»Weil er ein Hund war.« Ich zupfte an meinem Hemd herum, das unangenehm feucht an meiner Haut klebte. Die Frage lautete nicht wie, sondern warum. Warum hatten zwei kleinere Vampir-Camarillas so viel Geld auf einen doppelten, heftigen Zauber verwendet, um eine einfache Romeo-und-Julia-Romanze zu verhindern? Solche Zauber waren sehr, sehr teuer.

Ivy stand inzwischen im Flur und versuchte die Nachbarn davon zu überzeugen, dass nichts Besonderes passiert war. Es kostete sie nicht viel Mühe. Offensichtlich wussten sie um die Ausgangslage. Nicht gerade glücklich, schloss Ivy die Tür und ging in die Küche, um den Wasserhahn abzudrehen.

»Es tut mir leid, Marsha«, sagte Luke gerade, während die weinende Frau sich nach einer Decke streckte, um seinen nackten Körper einzuhüllen. »Als sie mir gesagt haben, dass ich dich nie wiedersehen darf, bin ich zu einer Hexe gegangen. Sie hat erklärt, sie könnte mich in einen Hund verwandeln, damit ich bei dir sein könnte. Niemand würde je erfahren, dass ich es bin.«

Ich beobachtete Ivy, wie sie die Jalousien im Wohnzimmer schloss. Ihr Gesicht war ausdruckslos, denn sie hörte viel mehr als nur die Worte des Mannes. Als nur noch dämmriges Licht den Raum erhellte, setzte sie sich mir gegenüber. Sie wirkte besorgt.

»Es hätte mich nicht gestört, ein Hund zu sein«, fuhr Luke fort, die Augen immer noch geschlossen, während er Marshas Hand umklammerte. »Ich wusste, dass du Buddy nicht zurücklassen würdest.« Endlich öffnete er die Augen, und ich konnte nur starren. Sie zeigten das klarste Blau, das ich je gesehen hatte. »Ich liebe dich, Marsha. Ich würde alles für dich tun. Alles!« Weinend rollte er sich in ihren Armen zu einem Ball zusammen. »Es tut mir so leid.«

Mein Gott, sie hatten ihn durch eine List dazu gebracht, den Zauber, der sie beide töten sollte, selbst zu kaufen. Ivy und ich wechselten besorgte Blicke. Das war übel. Aber wir konnten nicht einfach gehen. Auch Jenks wirkte immer noch angeschlagen, als er auf der Zierschale voller Kiefernzapfen auf dem Couchtisch landete. Er hatte tiefer geliebt und mehr verloren als Ivy und ich zusammen, und die ganze Sache ging auch ihm gegen den Strich. Doch wir müssten nicht nur einem Meistervampir ein Schnippchen schlagen, sondern gleich zweien.

Ivy schwieg, während ich schlecht gelaunt an meinen Kontostand dachte. »Du findest, wir sollten ihnen helfen?«, fragte ich leise. Sofort wechselte Jenks’ Staub zu einem hoffnungsvollen Rosagelb.

Ivy sah mich nicht an. Auch das Pärchen auf dem Boden schwieg.

Dann hob Ivy den Blick. Ich konnte darin den unglaublichen Drang erkennen, den beiden zu helfen und diese Sache in Ordnung zu bringen. Sie hatte so viel falsch gemacht, und das verfolgte sie. Ihre falsche Selbstsicht sorgte dafür, dass ich mit ihr fühlte, und ich wünschte mir, sie könnte sich so sehen, wie ich sie sah. Das würde die Schuldgefühle vertreiben – zumindest für eine Weile.

»Okay, wir werden ihnen helfen«, sagte ich. Marsha keuchte, und in ihren tränengeröteten Augen leuchtete plötzlich Hoffnung, wo bis gerade eben nur Verzweiflung gestanden hatte. Jenks klapperte zustimmend mit den Flügeln. Ich setzte mich auf und wedelte schwach mit der Hand. »Aber ich weiß nicht, wie wir das anstellen sollen.«

»Ihr könnt nichts tun«, sagte Marsha mit harter Stimme, Luke immer noch in ihren Armen. »Sie wissen alles.«

Unglücklicherweise hatte sie damit recht. Wir konnten die beiden nicht einfach in einem netten Haus außerhalb der Stadt unterbringen und hoffen, dass man sie nicht finden und ein noch deutlicheres Exempel an ihnen statuieren würde. Ivy versuchte schon ihr gesamtes Leben, sich von ihrem Meister zu lösen, nur um immer tiefer hineingezogen zu werden – so tief, dass auch ich inzwischen in die Sache verwickelt war. Und Trent vielleicht auch?, dachte ich, doch der war im Moment hauptsächlich damit beschäftigt, sich gegen die unzähligen politischen Angriffe zu schützen.

»Vielleicht«, sagte ich, als Luke sich aufsetzte, weil seine Muskeln langsam wieder funktionierten. »Es war eine tolle Idee, sich in einen Hund zu verwandeln.« Tatsächlich war es eine lausige Idee gewesen, doch wenn man selbst kein Praktizierender war, wusste man wahrscheinlich nicht, wie leicht sich solche Zauber umgehen ließen. Mein Blick schoss zu dem durchweichten Teppich. Offensichtlich.

»Wir werden fliehen«, sagte Marsha und wirkte, als wollte sie sofort aufspringen und aus der Wohnung rennen.

Ivy schüttelte den Kopf. »Ihr würdet es nicht mal bis zur Stadtgrenze schaffen.«

»Marsha, Süße«, flüsterte Luke. »Du weißt, dass das nicht funktionieren kann.«

Doch ich hatte ihre Hoffnung geweckt, und die Frau wollte sie einfach nicht wieder aufgeben. »Wir können die Tunnel benutzen!«

Draußen hupte jemand, und Ivy sah zu den abgedunkelten Fenstern. »Die Meister haben die Tunnel gebaut.«

»Ich kann nicht ohne dich leben. Ich will nicht ohne dich leben!«, weinte die verzweifelte Frau, und ich fragte mich, ob diese Wohnung wohl verwanzt war. Doch wäre es so gewesen, hätte Jenks das elektronische Summen gehört und die Wanzen außer Gefecht gesetzt. Wir konnten einen Moment durchatmen, doch dann mussten wir etwas unternehmen.

»Okay«, sagte ich, weil auch ich langsam unruhig wurde. Wir waren schon zu lange hier. »Vielleicht gibt es irgendein Gesetz, das wir uns zunutze machen können. Ivy wird jedes Dokument brauchen, auf dem eure Namen stehen. Geburtsurkunden, Besitzurkunden, Versicherungsverträge, Strafzettel, Steuererklärungen. Alles.«

Marsha nickte, und das hoffnungsvolle Leuchten in ihren Augen traf mich tief. Das würde auf keinen Fall funktionieren, doch wir mussten es versuchen.

Ivy stand auf, um durch einen Schlitz in den Jalousien zu spähen. »Kennt einer von euch ein sicheres Haus?«

»Keines, dem wir noch vertrauen würden«, erwiderte Luke. Ivy ließ die Jalousie wieder fallen.

»Ich weiß eines«, sagte sie und kam herüber, um Luke auf die Beine zu helfen. »Dort solltet ihr für ein paar Tage sicher sein. Besonders, wenn ihr ein wenig mit den anderen Gästen helft.«

Eingewickelt in die Decke, stand Luke mühsam auf. Er war bleich und zitterte. »Sicher. Ja. Danke.«

Jenks hob ab und schoss durch den Spalt unter der Tür, um den Flur zu kontrollieren. Er tauchte fast sofort wieder auf und streckte die Daumen nach oben.

»Wir können nicht einfach mit ihnen nach draußen wandern«, sagte ich, und Ivy lächelte niedergeschlagen.

»Sie werden vor Sonnenuntergang nichts versuchen«, erklärte sie. Sie schnappte sich Marshas Arm, bevor die Frau ins Schlafzimmer gehen konnte, und bedeutete mit einem Kopfschütteln, dass sie alles zurücklassen sollte. »Beim nächsten Mal werden sie dabei sein wollen.«

Gott helfe mir. Ich hasste Vampire. »Okay. Dann los.«

»Aber er braucht seine Kleidung«, sagte Marsha, als ich nach meiner Splat Gun auf der Arbeitsfläche griff. Ivy trug Luke förmlich zur Tür, und wieder liefen Tränen über Marshas Wangen. Ich verstand sie. Die gesamte Wohnung war der perfekte Ausdruck ihrer Liebe. Es stank zum Himmel, wenn Glück so teuer erkauft werden musste. Doch wenn sie so hart darum kämpfte, würde es wahrscheinlich auch ein Leben lang halten. Ich konnte nur hoffen, dass dieses Leben noch länger dauern würde als eine Woche.

Im Flur war es ruhig, es roch nach Staub und altem Teppich. Augen beobachteten uns durch Türspione, und das machte mich unruhig. Marsha nahm Lukes Ellbogen, um ihm in seiner Decke über die Stufen zu helfen, während Ivy sich zurückfallen ließ, um mit mir zu reden.

»Jenks, du gehst mit Ivy, richtig?«, fragte ich, weil ich genau wusste, dass sie mir die Adresse ihres sicheren Hauses niemals verraten würde, geschweige denn mich dorthin mitnehmen. Jenks allerdings …

Jenks’ Flügel schlugen so schnell, dass sie unsichtbar wurden, und er hob eine Handbreit ab. »Sicher.«

»Nein«, antwortete Ivy mit einem Stirnrunzeln, und Jenks zog eine Grimasse. »Du kommst nicht mit, Pixie.«

»Tink ist eine Disneyhure! Als könntest du mich aufhalten!«, schoss er zurück.

Lächelnd schob ich mich um Ivy herum, um Marsha und Luke davon abzuhalten, ohne uns auf die Straße zu treten. »Ich lasse mein Handy eingeschaltet«, meinte ich, während ich die beiden an die Briefkästen zurückdrängte, damit ich mich auf der Straße umsehen konnte.

»Ich komme schon klar. Wir sehen uns zu Hause«, sagte Ivy, wobei sie Jenks und sein auf ihre Nase gerichtetes Schwert vollkommen ignorierte. »Hey, hast du heute Abend schon was vor?«

»Hör mir zu, du reißzahnverkümmerte, moosgewischte Ausrede einer abgelaufenen Blutkonserve!«, keifte Jenks, während roter Staub mit silbernem Rand von ihm herunterrieselte.

Ich sah von der Straße zu den beiden zurück. Dieser Einsatz war schön gewesen, trotz der Gefahr. Ich mochte es, mit Ivy zu arbeiten. Hatte es schon immer gemocht. Wir arbeiteten gut miteinander – selbst wenn es schieflief. »Ich spiele den Bodyguard für Trent«, sagte ich, dann zuckten meine Lippen, als ich sah, wie sie sich innerlich quasi die Hand vor den Kopf schlug. »Soll ich dir was mitbringen? Es endet wahrscheinlich damit, dass es irgendwo etwas zu essen gibt.«

»Sicher. Das wäre toll«, antwortete sie, dann wandte sie sich an Marsha und Luke, um ihnen noch ein paar letzte Anweisungen zu geben, wie sie lebend von hier nach dort kommen sollten. »Ich werde anrufen, falls ich Hilfe brauche.«

Ich berührte sie kurz am Arm, und ihr knapper Blick war ihre einzige Verabschiedung. Als ich mich umdrehte, erinnerte ich mich an etwas, was Kisten mal gesagt hatte: Ich war da, wenn sie morgens ihren Kaffee trank, ich war da, wenn sie das Licht ausschaltete. Ich war ihre Freundin, und für Ivy bedeutete das alles.

»Jenks, ich komme klar!«, hörte ich, dann ließ ich die Tür hinter mir zufallen und ging mit schnellen Schritten zu meinem Auto. Ivy würde sicher nach Hause kommen. Sie hatte recht mit der Annahme, dass die Meister dabei sein wollen würden, wenn ihre Kinder zur Ordnung gerufen wurden. Außerdem kannte in Cincinnati jeder mit Reißzähnen Ivy Tamwood.

Mit hocherhobenem Kopf wanderte ich weiter, während ich die wenigen Fußgänger beäugte. Langsam sackte meine gute Laune in sich zusammen. Liebe starb in den Schatten, und die Kosten, sie am Leben zu erhalten, sollten nicht so hoch sein. Doch wie Trent gesagt hätte, alles, was zu einfach war, würde nicht halten – also musste man tun, was eben nötig war, um glücklich zu sein, und mit den Konsequenzen klarkommen. Wäre Liebe einfach, würde jeder sie finden.

Ich bog um die Ecke, dann drehte ich den Kopf, als ich das Geräusch von Pixieflügeln hörte. »Sie hat Nein gesagt, hm?«, fragte ich, als Jenks auf meiner Schulter landete. Seine Flügel kitzelten mich am Hals, als er sich hinsetzte.

»Tinks kleine rosa Rosenknospen«, murmelte er. »Sie hat damit gedroht, Insektizid auf meine Sommerhütte zu kippen. Außerdem kommt sie klar. Gott! Verliebte Vampire. Schlimmer ist nur, wenn du Trent anhimmelst.«

Mein Lächeln wurde breiter. Vielleicht würde ich Cookies backen. Der Mann liebte Cookies.

Jenks stieß ein unhöfliches Geräusch aus, das mir genauso wie sein Schweigen verriet, dass er unglücklich war. »Das mit dem Hund tut mir leid.«

Ich hob eine Schulter und ließ sie wieder sinken. »Du wusstest es nicht.«

»Ich hätte es wissen müssen.«

Ich antwortete nicht, weil ich an meine Verabredung mit Trent am Abend dachte. Naja, eigentlich war es keine Verabredung, aber ich musste mich rausputzen, als wäre es eine. Ich versuchte immer noch, mich zu entscheiden, ob ich meine Haare hochstecken oder offen lassen sollte. Am liebsten mag er Chocolate Chip Cookies.

»Oh Gott«, stöhnte Jenks. »Du denkst an ihn. Ich merke das. Deine Aura hat sich verschoben.«

Verlegen hielt ich an einer Fußgängerampel an. »Hat sie nicht.«

»Hat sie wohl«, beschwerte sich der Pixie. Ich wusste, dass er nur so rummoserte, weil er mir nicht sagen durfte, dass er sich für mich freute, um die Sache nicht zu beschreien. »Also, es sind jetzt, was? Drei Monate? Durchfährt dich sein Anblick immer noch wie ein Blitz?«

»Absolut«, antwortete ich, und als ich selig lächelte, stieß er wieder dieses unhöfliche Geräusch aus. »Er ist ein lebender Blitzschlag.«

»Oh, das ist süßer als Pixiepisse«, erklärte Jenks mit aufgesetztem Sarkasmus. »All meine Mädchen sind glücklich. Ich weiß gar nicht mehr, wann das das letzte Mal der Fall war.«

Mein Lächeln wurde noch breiter, und ich drückte den Knopf an der Ampel, damit sie schneller schaltete. »Ich glaube, das war, als …«

Das unverwechselbare Geräusch von quietschenden Reifen auf Asphalt erklang. Mein Atem stockte, und ich drehte mich um. Jenks war weg. Sein Staub schien eine Spur in die Luft zu brennen. Sie führte in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Eine Frau schrie um Hilfe, und ich sprang zurück, als eine schwarze Limousine mit verbeulter Motorhaube an mir vorbeiraste. Irgendwie wusste ich es, als wäre eine Uhr stehen geblieben oder ein Bild von der Wand gefallen.

»Ivy«, flüsterte ich, dann drehte ich mich um und rannte los.

2

Jeder schnelle Schritt erschütterte meine Wirbelsäule, als ich Jenks’ Spur folgte und dabei Gaffern auswich. Mein Herz schien stehen zu bleiben, als ich um die Ecke bog und Ivy zusammengesunken auf der Straße entdeckte. Marsha und Luke standen wie betäubt neben ihr und starrten auf sie herunter. Noch während ich näher kam, hielt ein Auto an. Ein Mann stieg mit bleichem Gesicht aus, das Handy in der Hand.

»Rufen Sie 911!«, schrie ich, als ich schlitternd neben Ivy zum Stehen kam. Scheiße. Ivy. Sie musste noch leben. Ich hätte dich nicht allein lassen dürfen.

Jenks schoss panisch über ihr hin und her, während er Staub auf die Wunde an ihrem Kopf rieseln ließ. Sie hatte sich den Kopf angeschlagen. Ihre Brust hob und senkte sich nur schwach, und ihre Beine lagen in einem unnatürlichen Winkel. Ich hatte Angst, sie zu berühren. Meine Hand schwebte über ihrem Körper in einer Parodie der Haltung, die Marsha vorhin über Luke eingenommen hatte.

Schmerzamulett!, dachte ich panisch, während ich in meiner Tasche herumwühlte. Mit zitternden Fingern legte ich ihr den Zauber um den Hals. Ich behandelte eine Gehirnerschütterung mit einem Pflaster, doch trotzdem atmete Ivy sofort ruhiger.

»Haben Sie 911 angerufen?«, rief ich, als ein Paar teure Lederschuhe vor uns anhielt.

»Kein Krankenhaus.«

Die Stimme war leise, fast unhörbar. Sowohl Jenks als auch ich sahen zu Ivy. Sie war bleich, und ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Ihre Augen waren geschlossen. Das war gut, richtig? Sie war nicht bewusstlos, auch wenn sie die Augen geschlossen hatte. Verdammt, ich hätte lernen müssen, wie man einen Heilungsfluch windet! Aber Al war weg, und jetzt war es zu spät.

»Ivy.« Ich schob ihr vorsichtig die Haare aus dem Gesicht. Als ich meine Finger zurückzog, waren sie warm und rot, und meine Angst verstärkte sich noch. Sie hatte sich den Kopf übel genug verletzt, dass Jenks’ Staub die Blutung nicht stoppen konnte. »Ivy!«, rief ich, als sie die Augen nicht öffnete. Immer mehr Leute umringten uns. »Schau mich an, verdammt noch mal! Schau mich an! Kannst du Finger und Zehen bewegen?«

»Ich glaube schon.«

Sie öffnete die Augen, als ich ihre kalte Hand ergriff. Die Pupillen waren voll erweitert, und das machte mir Angst. Ich war mir nicht sicher, ob es an der Verletzung lag oder an meiner Furcht. Die Leute um uns herum flüsterten, und als trotz ihrer Schmerzen ein befriedigtes Lächeln über ihr Gesicht huschte, stieg Panik in mir auf. »Ivy?«

Sie drückte meine Hand, dann bewegte sie ihre Beine, um sie auszustrecken, auch wenn sie dabei eine Grimasse zog. Sie konnte sich bewegen und ich endlich wieder atmen.

»Marsha und Luke sind weg«, flüsterte Jenks neben meinem Ohr.

Als würde mich das interessieren.

Ivy versuchte, sich aufzusetzen. Vorsichtig half ich ihr hoch, während das Auto im Leerlauf neben uns Hitze ausstrahlte. »Kleine Fische«, sagte Ivy. Ihre Haare lösten sich aus ihrem Dutt, und sie schlang die Arme um den Bauch. »Sie waren nicht hinter ihnen her. Oh Gott, ich glaube, ich habe mir eine Rippe angebrochen.«

»Beweg dich nicht«, sagte ich und versteifte mich, als eine Sirene die Luft durchschnitt. »Der Krankenwagen kommt.«

»Kein Krankenhaus.« Ihr schwarzer Blick suchte meinen, und sie wurde noch bleicher, als sie versuchte, tief durchzuatmen. »Kein sicheres Haus. Ich wurde markiert.«

Markiert? Ihr Blick senkte sich auf das Schmerzamulett um ihren Hals, und sie umschloss es mit den Fingern. Das entsetzte mich. Sie benutzte meine Magie nie. Ging ihr geradezu aus dem Weg. »Du musst ins Krankenhaus«, sagte ich. Schmerzerfüllt stieß sie den Atem aus, als sie versuchte, den Kopf zu bewegen.

»Nein.«

»Ivy, du wurdest von einem Auto angefahren!« Jenks hatte genug Staub auf ihre Verletzungen rieseln lassen, dass sie nur noch langsam bluteten – doch ihre Pupillen waren erweitert, und sie drückte den zweiten Arm immer noch an ihren Bauch.

»Cormel«, flüsterte sie, und für einen Moment schien ihr Hass stärker als ihre Schmerzen. »Ich habe dir doch gesagt, dass Marsha und Luke das alles nicht wert sind. Ich sollte diese Wohnung nicht lebend verlassen. Dieser Zauber war auch gegen mich gerichtet. Er will mich tot sehen … damit du … einen Weg findest, die Seelen der Untoten zu retten. Das Auto war ihre letzte Chance, ihren Plan doch noch umzusetzen und nicht als Versager zu ihm zurückkehren zu müssen.«

Mein Herzschlag stockte, dann fing mein Puls an zu rasen, während ich mich unter den Umstehenden nach jemandem umsah, der uns zu genau beobachtete – doch in ihren Augen stand allgemein Angst. Ivy stöhnte, als sie meine Besorgnis witterte, doch ich konnte mich nicht davon befreien. Ich konnte das Ganze nicht distanziert betrachten. Dieser tödliche Zauber war gegen alle drei Vampire gerichtet gewesen. Wäre ich nicht dort gewesen, um ihn zu brechen, wäre Ivy schon tot, und ich hätte einen Anruf von der Halle des zweiten Lebens erhalten.

»Ich will kein totes Ding werden«, flüsterte sie, dann verkrampfte sie sich vor Schmerz. »Rachel?«

Ich schloss die Augen. Ivy stöhnte. Ihre Schmerzen verstärkten sich, als meine Panik sie durchfuhr und ihre Instinkte ansprach, obwohl sie mit dem Tod kämpfte. Ich konnte das nicht tun. Ich konnte nicht ihr Nachkomme werden. Doch ich wusste, dass ich es tun würde, wenn es so weit kommen sollte. Cormel war es müde geworden, auf seine Seele zu warten. Wenn Ivy tot war, würde die Aufgabe, einen Weg zu finden, den Untoten ihre Seelen zurückzugeben, endlich auf meiner To-Do-Liste landen.

Wir mussten hier verschwinden. Selbst in den sicheren Häusern lauerte der Tod. Und ein Krankenhaus würde nur dafür sorgen, dass ihr Tod nach Desinfektionsmittel roch. Warum habe ich mich so bemüht, die jämmerliche Existenz der Untoten zu retten?, fragte ich mich, als ich nach meiner Tasche griff und mir den Riemen über den Kopf zog. Doch als ich letzten Juli die Mythen befreit hatte, war es nicht nur um die Untoten gegangen, sondern um die Quelle jeglicher Magie.

Jenks ließ sich nach unten sinken, während ich meinen Mut sammelte. »Sie sind überall, Rache«, flüsterte er. Ich konnte seine Angst mühelos aus seinem angespannten Gesicht lesen. Ivy nickte. Uns blieb ein wenig Platz zum Atmen, weil wir von Gaffern umringt waren, doch wir konnten hier nicht bleiben.

Langsam fing ich an zu denken. Trent. Er hatte einen Operationssaal, der nicht von käuflichen Leuten besetzt war. Ich war mir nicht sicher, wo er sich gerade aufhielt, doch ich konnte ihm eine SMS schreiben. Ivy saß. Vielleicht konnte sie sich auch bewegen. »Ivy«, sagte ich und wurde bleich, als ich sah, wie schwarz ihre Augen waren. »Kannst du dich bewegen?«

Ihre Stiefel scharrten über den Boden, als sie die Füße unter den Körper zog. »Wenn ich das nicht mehr kann, bin ich tot.«

Ein paar Leute in der Menge protestierten, doch dann wichen sie zurück, als Jenks abhob. Seine Wendigkeit und das scharfe Schwert in seiner Hand machten ihn zu einer echten Bedrohung. Mein Magen hob sich, weil jeder Versuch, Ivy zu helfen, ihr nur zusätzliche Schmerzen verursachte. Mit zusammengebissenen Zähnen schob ich meine Schulter unter ihren Arm und stand auf. Für einen Moment schwankten wir unsicher, dann fanden wir unser Gleichgewicht. Ivy schloss die Augen. Einen Augenblick standen wir unbeweglich da, um zu warten, ob sie in Ohnmacht fiel. Die Sirene kam immer näher – doch sie brachte den Tod, kein Leben.

»Okay, immer schön langsam«, sagte ich. Jenks hielt alle zurück, während wir auf den Randstein zuhielten. Ivy ließ den Kopf hängen und bewegte sich abgehackt und schwerfällig. Ein Schritt. Pause. Ein Schritt. Pause. Ihr Gewicht lag schwer auf meiner Schulter, und ihr Geruch hatte etwas Säuerliches. Tränen brannten in meinen Augen, doch ich ignorierte sie. Ich konnte nicht leben, wenn Ivy tot war. Ich konnte nicht ihr Nachkomme sein. Doch ich wusste, dass ich es tun würde, selbst wenn es mich umbrachte. Ich würde versuchen, Ivys geistige Gesundheit zu retten, obwohl ich genau wusste, dass das unmöglich war. Ich konnte sie nicht zum zweiten Mal töten, wie sie es von mir verlangen würde. Ich war eine schlechte Freundin.

»Es tut mir leid«, sagte Ivy, als wir den Gehweg erreichten und sie den Arm gerade lang genug von ihrem Bauch löste, um sich an einem Lampenpfosten über die Bordsteinkante zu ziehen.

»Das ist nicht deine Schuld«, blaffte ich, um nicht zu weinen. »Wir werden dich zu Trent bringen, und dann wird das schon wieder.« Sein Anwesen war fast leer, seitdem die ernsthaften Durchsuchungen auf illegale Gentechnik-Labore begonnen hatten, doch wahrscheinlich gab es einen Chirurgen in Rufbereitschaft.

Als sie wieder anhielt, um Luft zu schnappen, suchte ich in meiner Tasche nach meinem Handy. »Könntest du das halten?«, fragte ich und drückte ihr meine Splat Gun in die Hand. Meine Finger zitterten, als ich Trents Nummer suchte. Er war die letzte Person, die ich angerufen hatte. Ich wusste, dass er vielleicht nicht ans Telefon gehen würde, SMS aber immer kontrollierte, also schrieb ich 911 Eden Park und schickte den Text ab.

Mein Magen war ein harter Knoten, als ich das Handy in meine hintere Hosentasche schob. Mehr konnte ich nicht tun. Aber wir konnten auch nicht hierbleiben. Ivy schien mit jedem Moment schwächer zu werden. Sie entglitt mir. Das gesamte Durchhaltevermögen eines lebenden Vampirs würde nichts mehr bedeuten, wenn sie aufgab.

»Du kannst nicht zum Auto gehen, Rache.« Jenks schwebte vor uns, womit er gleichzeitig uns im Blick behalten und unseren Rücken decken konnte. »Sie werden dich nur auch überfahren.«

Scheiße. Er hatte recht. Fast hätte ich vor Frust geweint, während Ivy sich gegen den Laternenpfahl sinken ließ. Hinter ihr wandten sich die Leute ab und überließen uns unserem Tod.

»Wo soll ich sonst hin, Jenks?«, schrie ich frustriert. »Wir sind an keinem Ort der Erde vor ihnen sicher.«

Er zuckte, während sein Staub trübe wurde. Doch hinter ihm lag Eden Park, und ein Stich der Hoffnung durchfuhr mich. Ivy spürte es, und sie öffnete ihre schmerzverschleierten Augen.

»Der Park.« Wieder schob ich meine Schulter unter ihren Arm, und wir setzten uns in Bewegung. »Ivy, halt durch.«

»Der Park«, wiederholte Jenks ungläubig, doch dann nickte er und sauste höher, um über uns zu wachen.

Der Park. In ihm gab es eine Kraftlinie. Sie war dünn und gebrochen, aber sie war da. Ich konnte ohne Bis nicht durch die Linien springen, und der Gargoyle würde erst aufwachen, wenn die Sonne unterging. Doch ich konnte zwischen den Realitäten wechseln, wenn ich in einer Kraftlinie stand. Das Jenseits war kein guter Ort, doch niemand konnte uns dorthin folgen. Vielleicht könnten wir bis zur Kraftlinie an der Kirche wandern und dann wieder in die Realität überwechseln.

Ivy stolperte, als wir auf das Gras traten, und fast wären wir gefallen. Ihr Stöhnen klang fast sinnlich. Alte Toxine stiegen aus ihrem Gewebe auf, um den Schmerz zu dämpfen, während ihr Körper darum kämpfte, am Leben zu bleiben. Doch diesmal war es kein Meister, der sie umbrachte, um seinen Blutdurst zu befriedigen. Ihr Atem beschleunigte sich, als meine Angst ihre lange verdrängten Begierden ansprach.

»Wir sind fast da.« Ich schwankte unter ihrem Gewicht, während ich die offene Grasfläche zwischen uns und der Brücke musterte. Dort wären wir vollkommen ungeschützt. Doch wahrscheinlich würden unsere Feinde es nicht riskieren, auf Ivy zu schießen und aus Versehen mich zu treffen. Cormel brauchte mich lebendig und Ivy tot. Sie mussten nur warten.

Das war zum Teil meine Schuld. Ich fühlte, wie mir Tränen der Hilflosigkeit in die Augen stiegen, als ich noch mehr von Ivys Gewicht auf meine Schulter nahm. Es gab keine Möglichkeit, die Seele eines Vampirs an seinen Körper zu binden, sobald er gestorben war. Während wir langsam über die grüne Fläche Richtung Brücke und gebrochene Kraftlinie stolperten, spürte ich, wie eine warme Träne über meine Wange rann.

»Wein nicht«, lallte Ivy. »Das wird schon wieder.«

Ich wischte mir schnell über die Wange, während mein Magen sich hob. »Wir sind fast da.«

Jenks ließ sich mit besorgter Miene fallen. »Ihre Aura sieht nicht gut aus, Rache.«

»Ich weiß!«, schrie ich. »Ich weiß«, wiederholte ich leiser.

»Es tut weh«, sagte Ivy, als ich noch mehr von ihrem Gewicht auf mich nahm. »Es soll doch nicht wehtun, oder?«

Oh Gott. Ich wusste, dass das Amulett gegen Windmühlen kämpfte, doch dass die Schmerzen sogar für die Vampirtoxine zu stark waren, machte mir richtig Angst. »Wir sind fast da. Halt durch«, flüsterte ich, den Blick unverwandt auf die Statue von Romulus und Remus gerichtet. »Wir können uns ausruhen, wenn wir die Linie erreicht haben.«

Doch ich fürchtete, dass wir es nicht schaffen würden, besonders als Jenks’ Staub ein wütendes Rot annahm. »Da stehen zwei Blutkonserven auf der Brücke«, knurrte er. Seine Klinge glänzte im Licht. »Geht weiter. Haltet nicht an, egal, was ihr hört. Ich werde mich um sie kümmern.«

»Jenks!«, schrie ich, als er davonschoss. Neben mir keuchte Ivy. Ihre Finger hoben sich an ihren Mund, und als sie sie zurückzog, waren sie rot von Blut. Sofort ballte sie die Hand zur Faust, um es zu verstecken. Angst durchfuhr mich. Innere Verletzungen. Meine Splat Gun war auch weg. Sie lag verloren irgendwo auf dem von der Sommersonne ausgetrockneten Gras.

»Wir sind fast da«, sagte ich wieder, als wir ein paar Schritte geschafft hatten, doch mich drohte die Verzweiflung zu überwältigen. Es gab keine Krankenhäuser im Jenseits, nur Dämonen, denen alles egal war. Ich glaubte nicht, dass wir es bis zur Kirche schaffen würden. Wenn Trent nicht auftauchte, könnte das bedeuten, dass ich Ivy mit meinem Versuch einer Rettung umgebracht hatte.

Ivys Atem wurde schwerer, dann zogen plötzliche Schreie auf der Brücke meine Aufmerksamkeit auf sich. Eine Frau schlug nach Jenks und fiel dabei über die Brüstung ins Wasser. Der Pixie verfolgte sie sogar auf ihrem Sturz. Plötzlich fing sie an zu schreien, als Sharps auftauchte, der ansässige Brückentroll, um sie nach unten zu ziehen.

Ohne einen Blick zurück kam der zweite Vampir weiter auf uns zu und überließ es seiner Partnerin, sich selbst zu retten. Er war ein Vampirkind, wunderschön, elegant und selbstsicher – und ein Schauder überlief mich, als er mich ansah.

Jenks schoss vor ihn und lenkte ihn ab.

»Beweg dich schneller, Ivy«, flehte ich, weil ich genau wusste, dass Jenks einen entschlossenen Vampir nicht lange zurückhalten konnte. Den Blick auf die Statuen von Romulus und Remus gerichtet, hob ich mein zweites Gesicht. Ein leichter Nebel, dünn und fetzengleich, hing auf Brusthöhe der Figuren. Das war Als Linie, halbtot, weil jemand einen flachen Teich darunter gegraben hatte, doch unfähig zu versiegen, weil die andere Hälfte im trockenen, wüsten Jenseits verankert war. Diese Linie erinnerte mich an den Dämon selbst, der jede Hoffnung hatte fahren lassen, sich jedoch gleichzeitig so sehr an die Erinnerung eines verlorenen Lebens klammerte, dass er jetzt weder leben noch sterben konnte.

Er würde mir niemals helfen. Nicht jetzt. Alte Schuldgefühle verengten meine Brust noch mehr.

Aus dem Wasser hörte ich einen blubbernden Schrei, als die Frau versuchte, Sharps zu entkommen. Ivy stöhnte, und ich ließ mein zweites Gesicht fallen. Mein Blick zuckte zu der kontrollierten Wut und Eleganz, die trotz Jenks’ blutigem Schwert und schnellen Angriffen auf uns zustrebte. Der Vampir wusste genau, dass es die Kraftlinie gab, und versuchte, uns den Weg abzuschneiden.

Ivy lag fast leblos auf meiner Schulter, als ich abrupt stoppte. Ihr Kopf hing nach unten, und ihr Atem war erschreckend rau. Zwischen mir und der Kraftlinie lagen lausige fünf Meter. Der aalglatte Kerl lächelte, als er schweigend vor uns anhielt. Er stand vielleicht zweieinhalb Meter vor uns. Seine Haare bewegten sich in der leichten Brise, während er meine Entschlossenheit abschätzte und sich an meiner Furcht ergötzte. Ich straffte die Schultern. Zweieinhalb Meter. Er hatte schon gegen Magiewirkende gekämpft. Das war gerade weit genug, dass er jedem Zauber ausweichen konnte, den ich vielleicht auf ihn warf.

Schön. Er stand zwischen mir und der Kraftlinie, aber ich konnte sie immer noch anzapfen. Ich erlaubte der Energie der Linie, in meine Hand zu fließen, und sammelte sie dort in einem frustrierten Ball. Der Kerl sah in seinem schwarzen Anzug atemberaubend aus, doch es ging um mehr als seine sorgfältig gezüchtete Schönheit. Er schien keine Angst zu haben. Er trug eine Sonnenbrille, und die alte Narbe an seinem Hals verriet mir, dass er der Liebling eines Meisters war. Hinter ihm fluchte die Frau sowohl auf Jenks als auch auf Sharps, während sie versuchte, dem Wasser zu entkommen.

»Morgan«, sagte der lebende Vampir. Verschiedene Gefühle schwangen in seiner Stimme mit. Ivy bewegte sich, ins Bewusstsein zurückgerufen entweder von den Schreien am Teich oder dem Sog seiner Stimme.

»Fahr zur Hölle!«, stieß Ivy mühsam hervor. Jenks schloss sich mir an. Zusammen standen wir ihm gegenüber. Meine Knie zitterten, während Jenks’ Flügel bedrohlich klapperten.

Die Augen des Mannes huschten zu Ivy, dann zurück zu mir. »Gib auf.«

Auf keinen Fall. Ich packte Ivy fester, während mein Ball aus Jenseitsenergie auf einen Befehl wartete. »Komm und hol mich«, spottete ich, um ihn herauszufordern, auch nur einen Schritt näher zu kommen.

»Nicht du bist es, für die ich mich interessiere. Sie ist fast tot. Ich muss nur warten.«

Hurensohn … Das war nicht das ursprüngliche Team, das ausgeschickt worden war, um Ivy umzubringen. Er und seine Freundin waren wahrscheinlich diejenigen, die ihre Leiche einsammeln sollten. Und jetzt verzehrten sie sich nach dem Ansehen, das es ihnen bringen würde, sie selbst zu töten. Hinter mir schlug eine Autotür zu. Ich wagte es nicht, mich umzusehen, doch im Augenwinkel nahm ich drei weitere Männer in Anzügen wahr, die sich über das Gras bewegten. Verdammt, ich konnte nicht vier von ihnen abwehren und dabei Ivy beschützen, selbst mit Jenks an meiner Seite.

Die wunderschönen braunen Augen des lebenden Vampirs wurden schwarz, als er meine Angst in sich aufsaugte. »Lass uns den Job zu Ende bringen, oder wir schlagen dich zusammen und töten sie dann doch. Sie wird ihren ersten Tod sterben, bevor die Sonne untergegangen ist.«

»Nur über meine Leiche.« Die Sonne näherte sich dem Horizont, doch bis zum Einbruch der Nacht würden noch Stunden vergehen.

»Und meine gebrochenen Flügel«, fügte Jenks hinzu, während er erneut Ivys Kopf einstaubte, der wieder stärker blutete.

Sie hatten uns fast erreicht. Ich musste etwas tun, ob ich nun treffen würde oder nicht. Ich dachte an Trent. Hatte er meine SMS bekommen? War er unterwegs?

»Leiche?«, fragte der Vampir und zog damit meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Nein, er will dich lebend. Für den Moment.«

ENDE DER LESEPROBE