Blutjagd - Kim Harrison - E-Book

Blutjagd E-Book

Kim Harrison

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Beschreibung

Ihr dritter Fall verlangt Rachel Morgan alles ab: Ein Dämon ist hinter ihrer Seele her, ein Werwolf möchte mit ihr ein Rudel gründen und der mächtigste Drogenboss Cincinnatis droht, in ihrer Heimatstadt einen Bürgerkrieg anzuzetteln. All das wäre noch zu ertragen, würde ihr nicht auch noch ein sexy Vampir den Schlaf rauben ...

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Seitenzahl: 930

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Das Buch

Nach einer weltumspannenden Seuche hat sich das Leben auf der Erde grundlegend verändert. Die magischen Wesen sind aus dem Schatten getreten: Vampire, Kobolde und andere Untote machen die Straßen unsicher. Dies sind die Abenteuer der Hexe und Kopfgeldjägerin Rachel Morgan, deren Job es ist, diese finsteren Kreaturen zur Strecke zu bringen.

Ein Dämon, der ihre Seele in Besitz nehmen will, ein Werwolf, der mit ihr ein Rudel gründen will und ein Vampir, der ihr den Schlaf raubt – Rachel Morgan hat jede Menge Probleme. Und neben diesen privaten Schwierigkeiten muss sie auch noch einen Krieg verhindern, der ihre Heimatstadt Cincinnati zu zerreißen droht. Denn ihr alter Bekannter Trent Kalamack wird von einem Feind bedrängt, der mächtige Verbündete auf seiner Seite hat – und er engagiert ausgerechnet Rachel als seine persönliche Leibwache. Doch der Gegner kämpft mit harten Bandagen, und plötzlich sieht sich Rachel in einen Kampf verwickelt, der nicht nur ihr Leben sondern auch das ihrer Freunde für immer verändern könnte.

DIE RACHEL-MORGAN-SERIE:

Bd. 1: Blutspur

Bd. 2: Blutspiel

Bd. 3: Blutjagd

Bd. 4: Blutpakt

Bd. 5: Blutlied

Bd. 6: Blutnacht

Bd. 7: Blutkind

Bd. 8: Bluteid

Bd. 9: Blutdämon

Sonderband: Blutwelten

Die Autorin

Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond nicht auffindbar.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Copyright

Für den Mann,der mir mein erstes Paar Handschellen schenkte.Danke, dass du für mich da warst.

1

Ich atmete zur Beruhigung noch einmal tief ein und zog meine Handschuhe hoch, um die bloße Haut an meinem Handgelenk zu verdecken. Meine Finger fühlten sich trotz der Fleecehandschuhe taub an, als ich meinen zweitgrößten Zauberkessel neben einem kleinen, angeschlagenen Grabstein abstellte, wobei ich darauf achtete, nichts vom Transfermedium zu verschütten. Die Luft war kalt, und mein Atem dampfte im Licht der billigen weißen Kerze, die ich letzte Woche im Ausverkauf erstanden hatte.

Ich tropfte ein bisschen Wachs auf den Grabstein, um die Kerze festzukleben. Mein Magen verkrampfte sich, als ich meine Aufmerksamkeit auf den hellen Schimmer am Horizont richtete, der sich kaum von den mich umgebenden Lichtern der Stadt abhob. Der Mond – noch fast voll aber abnehmend – würde bald aufgehen. Keine gute Zeit, um Dämonen zu beschwören, aber dieser Dämon würde auch kommen, wenn ich ihn nicht rief. Ich wollte Algaliarept lieber zu meinen Bedingungen begegnen – vor Mitternacht.

Ich verzog das Gesicht und schaute auf die hell erleuchtete Kirche hinter mir, in der Ivy und ich lebten. Ivy war einkaufen und sich nicht einmal bewusst, dass ich einen Pakt mit einem Dämon eingegangen war. Noch viel weniger war ihr klar, dass es nun an der Zeit war, für seine Dienste zu bezahlen. Wahrscheinlich konnte ich die ganze Veranstaltung genauso gut drinnen abhalten, wo es warm war, in meiner wunderbaren Küche mit meinen Zauberzutaten und allen modernen Annehmlichkeiten, aber in der Mitte eines Friedhofs Dämonen zu beschwören, fühlte sich einfach trotz des Schnees und der Kälte auf eine perverse Art richtig an.

Und ich wollte ihn hier rufen, damit Ivy nicht den gesamten morgigen Tag damit verbringen musste, Blut von der Decke zu wischen.

Ob es Dämonenblut sein würde oder mein eigenes war eine Frage, die ich hoffte, nicht beantworten zu müssen. Ich würde mich nicht ins Jenseits ziehen lassen, um dort Algaliarepts Familiaris zu werden. Ich konnte nicht. Einmal hatte ich ihn verletzt, und er hatte geblutet. Wenn er bluten konnte, konnte er auch sterben. Gott, hilf mir, das zu überleben. Hilf mir, einen Weg zu finden, dass alles gut wird.

Der Stoff meines Mantels kratzte, als ich die Arme um mich schlang. Ungeschickt zog ich mit dem Stiefelabsatz einen Kreis in den knöchelhohen Schnee, der die rote Zementplatte bedeckte, auf der ich bereits einen Kreis gesehen hatte. Die raumgroße, rechteckige Steinplatte war eine deutliche Markierung dafür, wo Gottes Gnade endete und die Herrschaft des Chaos begann. Die frühere Geistlichkeit hatte Zement über den entweihten Platz in der einst gesegneten Erde gegossen. Entweder wollten sie sicherstellen, dass dort nicht aus Versehen noch jemand zur Ruhe gebettet wurde, oder sie wollten den aufwendig gestalteten, halb knienden, kampfesmüden Engel unverrückbar im Boden verankern. Der Name auf dem massiven Grabstein war abgeschlagen worden, nur die Daten waren noch zu erkennen. Wer auch immer es gewesen war, war 1852 im Alter von 24 Jahren gestorben. Ich konnte nur hoffen, dass das kein Omen war.

Jemanden einzuzementieren konnte manchmal verhindern, dass dieser wiederkehrte – manchmal auch nicht –, aber auf jeden Fall war diese Stelle nicht mehr geweiht. Da die Platte jedoch noch immer von geheiligter Erde umgeben war, war es ein guter Ort, um einen Dämon zu beschwören. Wenn alles schieflief, konnte ich mich immer noch auf geheiligten Boden zurückziehen und war sicher, bis die Sonne aufging und Algaliarept zurück ins Jenseits gezogen wurde.

Meine Finger zitterten, als ich aus meiner Manteltasche den weißen Seidenbeutel mit dem Salz zog, das ich aus meinem Fünfundzwanzig-Pfund-Sack gekratzt hatte. Die Menge war vielleicht etwas übertrieben, aber ich wollte einen haltbaren Kreis, und einiges von dem Salz würde den Schnee schmelzen und sich so verdünnen. Ich warf einen Blick zum Himmel, um abzuschätzen, wo Norden war, und fand dann im eingelassenen Kreis genau da eine Markierung. Dass jemand diesen Kreis bereits dazu benutzt hatte, Dämonen zu beschwören, erfüllte mich nicht gerade mit Optimismus. Es war nicht illegal oder unmoralisch, Dämonen rufen – nur sehr, sehr dumm.

Von Norden aus folgte ich im Uhrzeigersinn langsam dem Kreis, und meine Fußabdrücke verliefen parallel zu der Salzspur, die ich zog. Sie umschloss das Engelsdenkmal und einen Großteil des unheiligen Bodens. Der Durchmesser des Kreises betrug fast fünf Meter. Das ergab einen ziemlich großen Schutzkreis, für dessen Errichtung und Aufrechterhaltung normalerweise mindestens drei Hexen nötig gewesen wären, aber ich war gut genug, um diese Menge an Kraftlinienenergie allein zu kanalisieren. Wenn ich darüber nachdachte, war das wohl der Grund, warum der Dämon so daran interessiert war, mich als seinen neuen Schutzgeist zu kriegen.

Heute Nacht würde ich herausfinden, ob der sorgfältig formulierte mündliche Vertrag, den ich drei Monate zuvor mit dem Dämon geschlossen hatte, mich am Leben und auf der richtigen Seite der Kraftlinien halten würde. Ich hatte eingewilligt, freiwillig Algaliarepts Familiaris zu werden, wenn er gegen Piscary aussagte, allerdings unter der Bedingung, dass ich meine Seele behalten durfte.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang war der Prozess offiziell zu Ende gegangen, womit der Dämon seine Seite der Abmachung erfüllt hatte und meine Seite des Handels vollstreckbar wurde. Jetzt schien es kaum noch eine Rolle zu spielen, dass der untote Vampir, der einen Großteil von Cincinnatis Unterwelt kontrollierte, für die Morde an den besten Kraftlinienhexen der Stadt zu fünf Jahrhunderten verurteilt worden war. Besonders, wenn man darauf wetten konnte, dass seine Anwälte ihn schon nach einem mageren Jahrhundert wieder freikriegen würden.

Im Moment stellte man sich auf beiden Seiten der Kraftlinien die Frage, ob Kisten, Piscarys ehemaliger Nachkomme, alles zusammenhalten konnte, bis der untote Vampir wieder freikam. Ivy würde es nicht tun, Nachkomme oder nicht. Wenn es mir gelang, diese Nacht zu überleben und meine Seele zu behalten, würde ich mir ein bisschen weniger Sorgen um mich und ein paar mehr um meine Mitbewohnerin machen. Aber erst einmal musste ich meine Schulden bei dem Dämon begleichen.

Meine Schultern waren so verkrampft, dass sie schmerzten, als ich die milchig grünen Kerzen aus meiner Manteltasche holte und sie auf dem Kreis verteilte. Sie sollten die Spitzen des Pentagramms symbolisieren, das ich nicht zeichnen würde. Ich zündete sie mit der weißen Kerze an, die ich bei der Herstellung des Transfermediums verwendet hatte. Die kleinen Flammen flackerten, und ich beobachtete sie einen Moment, um sicherzugehen, dass sie nicht ausgingen, bevor ich die weiße Kerze wieder auf den zerbrochenen Grabstein außerhalb des Kreises stellte.

Das gedämpfte Geräusch eines Autos lenkte meine Aufmerksamkeit kurz auf die hohen Mauern, die den Friedhof von der Nachbarschaft trennten. Während ich mich darauf vorbereitete, die Kraftlinie anzuzapfen, zog ich meine Wollmütze tiefer ins Gesicht, schüttelte den Schnee von den Aufschlägen meiner Jeans und kontrollierte ein letztes Mal, ob ich alles hatte. Aber es gab nichts mehr zu tun, um mein Vorhaben hinauszuzögern.

Noch ein tiefer Atemzug, dann berührte ich mit meinem Willen die winzige Kraftlinie, die durch den Friedhof der Kirche verlief. Mein Atem pfiff durch die Nase, und ich versteifte mich, verlor das Gleichgewicht und fiel fast um. Die Kraftlinie schien im Winterfrost an Kraft gewonnen zu haben. Sie durchschnitt mich mit ungewöhnlicher Kälte. Mit einer Hand stützte ich mich an dem von Kerzenschein erleuchteten Grabstein ab, während die in mich fließenden Energien sich weiter aufbauten.

Wenn sich die Kräfte einmal ausgeglichen hatten, würde die überschüssige Kraft zurück in die Linie fließen. Bis dahin musste ich die Zähne zusammenbeißen und ertragen, dass die imaginären Gliedmaßen in meinem Kopf von einem Kribbeln durchzogen wurden. Jedes Mal war es schlimmer. Jedes Mal geschah es schneller. Jedes Mal erschien es mir mehr wie ein Angriff.

Obwohl es mir wie eine Ewigkeit vorkam, glichen sich die Kräfte in kaum einem Herzschlag aus. Meine Hände begannen zu schwitzen, und ich fühlte mich auf einmal gleichzeitig kalt und heiß, so als hätte ich Fieber. Ich zog meine Handschuhe aus und stopfte sie in die Tasche. Die Amulette an meinem Armband klingelten laut in der winterstillen Luft. Sie würden mir nicht helfen können. Nicht einmal das Kreuz.

Ich wollte den Schutzkreis schnell errichten. Auf irgendeine Weise wusste Algaliarept, wenn ich eine Linie anzapfte, und ich musste ihn beschwören, bevor er von selbst auftauchte und mir das bisschen Macht nahm, das ich als sein Beschwörer über ihn hatte. Der kupferne Zauberkessel mit dem Transfermedium war kalt, als ich ihn aufhob und dann etwas tat, was keine Hexe je getan und es überlebt hatte, um davon zu erzählen: Ich trat nach vorne und damit in denselben Kreis, in den ich Algaliarept rufen würde.

Ich stand vor dem menschengroßen, einzementierten Monument und atmete tief aus. Der Monolith war durch Bakterien und städtische Luftverschmutzung mit einer schwarzen Schmiere überzogen und glich einem gefallenen Engel. Das unheimliche Gefühl wurde noch davon verstärkt, dass die Figur sich weinend über ein Schwert beugte, das sie wie eine Sühnegabe quer vor sich hielt. Ein Vogelnest war in die Höhlung gebaut, welche die Flügel am Rücken der Figur bildeten, und das Gesicht sah einfach falsch aus. Auch die Arme waren viel zu lang, um einem Inderlander oder Menschen zu gehören. Sogar Jenks ließ seine Kinder nicht um den Engel herum spielen.

»Bitte lass mich recht haben«, flüsterte ich der Statue zu, als ich die weiße Salzrille durch die Kraft meines Geistes aus der Realität ins Jenseits verschob. Ich stolperte, als ein Großteil der Energie, die in meinem innersten Zentrum gelagert war, herausgerissen wurde, um die Verschiebung zu erzwingen. Das Transfermedium im Topf schwappte, und da ich mein Gleichgewicht noch nicht wiedergefunden hatte, stellte ich den Topf im Schnee ab, bevor etwas verschüttet wurde. Mein Blick fiel auf die grünen Kerzen. Sie waren auf schaurige Art durchsichtig, da sie mit dem Salz ins Jenseits verschoben worden waren. Die Flammen existierten allerdings in beiden Welten und erhellten die Nacht.

Die Kraft aus der Linie begann sich wieder aufzubauen, der langsame Anstieg war genauso unangenehm wie das erste schnelle Einströmen beim Berühren der Linie, aber das Band aus Salz war durch eine gleiche Menge an jenseitiger Energie ersetzt worden, die sich nun hochwölbte, um sich über meinem Kopf zu schließen. Nichts, das mehr Substanz hatte als Luft, konnte die sich bewegenden Bänder der Realitäten durchdringen. Und da ich es war, die den Kreis geschlossen hatte, konnte auch nur ich ihn wieder brechen – vorausgesetzt, ich hatte grundsätzlich alles richtig gemacht.

»Algaliarept, ich beschwöre dich«, flüsterte ich mit klopfendem Herzen. Die meisten Menschen verwendeten allen möglichen Schnickschnack, um einen Dämon zu beschwören und zu halten, aber da ich bereits eine Abmachung mit ihm hatte, würde auch die Nennung seines Namens und der Wunsch seiner Anwesenheit ihn auf diese Seite der Kraftlinien ziehen. Was war ich doch für ein Glückspilz.

Mein Magen verkrampfte sich, als der Schnee zwischen dem Engelskrieger und mir zu schmelzen begann. Der Boden dampfte, und die rötliche Wolke wogte nach oben, wo sie die Umrisse eines Körpers bildete, der sich noch nicht ganz für eine Form entschieden hatte. Ich wartete mit steigender Anspannung. Algaliarept veränderte seine Form, während er, ohne dass ich es auch nur bemerkte, meinen Geist nach dem durchkämmte, was mir am meisten Angst machte. Früher einmal war es Ivy gewesen. Dann Kisten – bis ich ihn in einem verrückten Moment von vampirisch ausgelöster Leidenschaft in einem Aufzug festgenagelt hatte. Es ist schwer, sich vor jemandem zu fürchten, mit dem man leidenschaftliche Zungenküsse ausgetauscht hat. Nick, mein Freund, bekam immer einen geifernden Hund von der Größe eines Ponys präsentiert.

Dieses Mal bildete der Nebel allerdings ganz klar eine menschliche Gestalt, und ich vermutete, dass der Dämon entweder als Piscary erscheinen würde – der Vampir, den ich gerade ins Gefängnis gebracht hatte –, oder vielleicht in seiner typischeren Erscheinungsform eines jungen britischen Gentleman in grünem Samtanzug.

»Keiner davon macht dir noch Angst«, erklang eine Stimme aus dem Nebel, die mich herumwirbeln ließ.

Es war meine Stimme. »Ach, verdammt«, fluchte ich, hob meinen Zauberkessel hoch und wich zurück, bis ich fast meinen Kreis brach. Er würde in meiner Gestalt erscheinen, und das hasste ich. »Ich habe keine Angst vor mir selbst!«, schrie ich, noch bevor die Form sich verfestigt hatte.

»Oh, und ob du die hast.«

Die Stimme hatte den richtigen Klang, aber die Kadenzen und der Akzent waren falsch. Ich starrte wie gebannt, als Algaliarept meinen Körper ausformte und seine Hände anzüglich an sich herabgleiten ließ. Seine Brust flachte zu meiner lahmen Entschuldigung von Weiblichkeit ab, und er gab mir Hüften, die vielleicht etwas kurviger waren als ich sie verdiente. Er kleidete sich in eine schwarze Lederhose, ein rotes Trägeroberteil und hochhackige schwarze Sandalen, die mitten auf einem verschneiten Friedhof einfach lächerlich aussahen.

Mit geschlossenen Augen und geöffneten Lippen schüttelte der Dämon seinen Kopf, um aus den Resten des Dunstschleiers der Jenseitsenergie meine krausen, schulterlangen roten Locken zu erschaffen. Er verpasste mir mehr Sommersprossen als ich jemals haben konnte, und meine Augen waren nicht rot wie seine, wenn er sie öffnete, sondern grün. Meine Pupillen waren auch nicht geschlitzt wie die einer Ziege.

»Die Augen stimmen nicht«, sagte ich abweisend und setzte den Zauberkessel am Rande des Kreises ab. Ich biss die Zähne zusammen, weil ich es verabscheute, dass meine Stimme gebebt hatte.

Mit eingeknickter Hüfte stellte der Dämon ein Bein nach vorne und schnippte mit den Fingern. Eine schwarze Sonnenbrille materialisierte sich in seiner Hand, und er setzte sie auf, um seine unnatürlichen Augen zu verdecken. »Jetzt sind sie richtig«, sagte er, und ich erschauerte, weil seine Stimme meiner so ähnlich war.

»Du siehst kein bisschen aus wie ich«, log ich. Mir war nicht klar gewesen, dass ich so viel abgenommen hatte, und ich beschloss, dass ich ruhig zu meiner Ernährungsweise aus Milchshakes und Pommes zurückkehren konnte.

Algaliarept lächelte. »Vielleicht, wenn ich mein Haar hochnehme ?«, spottete er gespielt scheu, als er die ungezähmte Masse zusammenfasste und auf meinem, äh, seinem Kopf drapierte. Er biss sich auf die Lippen und wand sich stöhnend, als wären seine Hände über dem Kopf zusammengebunden und er mitten in einem Fesselspielchen. Dann ließ er sich auf das Schwert des Engels zurückfallen und posierte wie eine Hure.

Ich verkroch mich tiefer in meinem Mantel mit dem unechten Pelzbesatz am Kragen. Von der entfernten Straße hörte ich gedämpft das Geräusch eines langsam vorbeifahrenden Autos. »Können wir jetzt mal weitermachen? Meine Füße werden kalt.«

Er hob den Kopf und lächelte. »Du bist so eine Spaßbremse, Rachel Mariana Morgan«, sagte er mit meiner Stimme, aber jetzt mit seinem üblichen britischen Intellektuellenakzent. »Aber so ein guter Verlierer. Mich nicht zu zwingen, dich ins Jenseits zu zerren, zeigt wirklich Charakterstärke. Es wird mir Spaß machen, dich zu brechen.«

Ich zuckte zusammen, als plötzlich Jenseitsenergie seine Umrisse hinabrann. Er veränderte wieder die Gestalt, und meine Schultern entspannten sich, als er seine übliche Erscheinung aus Spitze und grünem Samt annahm. Dunkle, lange Haare und runde getönte Brillengläser entstanden. Helle Haut und ein starkes Gesicht erschienen, perfekt passend zur Eleganz der durchtrainierten, schmalhüftigen Gestalt. Hochhackige Stiefel und ein maßgeschneiderter Anzug vervollständigten das Ensemble und ließen den Dämon als einen charismatischen jungen Geschäftsmann des achtzehnten Jahrhunderts auftreten, ausgestattet mit Reichtum und für Höheres bestimmt.

Meine Gedanken schweiften kurz zu dem schrecklichen Tatort, den ich letzten Herbst verunreinigt hatte in dem Versuch, die Morde an Cincinnatis besten Kraftlinienhexen Trent Kalamack anzuhängen. Al hatte sie in Piscarys Namen hingerichtet. Und jede von ihnen war unter Qualen gestorben, um ihm Freude zu bereiten. Al war ein Sadist, egal wie gut der Dämon aussah.

»Ja, lass uns weitermachen«, sagte er, als er eine Dose mit schwarzem Staub hervorzog, der nach Brimstone roch, und eine Prise nahm. Er massierte seine Nase und bewegte sich, um mit einem Stiefel gegen meinen Kreis zu treten. »Schön und sicher. Aber es ist kalt hier. Ceri mag es warm.«

Ceri?, fragte ich mich gerade, als der gesamte Schnee innerhalb des Kreises in einer Dampfwolke verschwand. Der Geruch von nassem Asphalt stieg mir in die Nase, nur um zu verschwinden, als der Zement trocknete und sein übliches fahles Rot annahm.

»Ceri«, sagte Algaliarept mit einer Stimme, die mich durch ihren sanften, gleichzeitig schmeichelnden und doch fordernden Tonfall schockierte. »Komm.«

Ich konnte nur starren, als eine Frau aus dem Nichts hinter Algaliarept heraustrat. Sie war dünn und hatte ein herzförmiges Gesicht, in dem die Wangenknochen zu deutlich hervortraten. Dadurch, dass sie ein gutes Stück kleiner war als ich, wirkte sie so zierlich, dass sie etwas Kindliches an sich hatte. Ihr Kopf war gesenkt, und ihr fahles, fast durchscheinendes Haar fiel glatt über ihre Schultern bis zur Mitte ihres Rückens. Sie trug ein fantastisches Kleid, das bis auf ihre nackten Füße reichte. Es war wunderschön – reiche Seide gefärbt in vollen Tönen von Purpur, Grün und Gold – und passte sich ihrem kurvenreichen Körper an, als wäre es daraufgemalt. Trotz ihrer geringen Größe war sie wohlproportioniert, wenn auch vielleicht ein wenig zu zerbrechlich.

»Ceri«, sagte Algaliarept und streckte eine Hand aus, um ihren Kopf zu heben. Ihre Augen waren grün, weit geöffnet und leer. »Was habe ich dir über das Barfußlaufen gesagt?«

Ein kurzer Schimmer von Ärger, weit entfernt und versteckt hinter dem betäubten Zustand, in dem sie sich befand, glitt über ihr Gesicht. Meine Aufmerksamkeit glitt nach unten, als ein passendes Paar bestickter Schuhe sich um ihre Füße schloss.

»Das ist besser.« Algaliarept wandte sich von ihr ab, und ich bemerkte plötzlich, dass sie in ihrer Aufmachung wie das perfekte Paar aussahen. Sie war entzückend in ihrem Kleid, aber ihr Geist war so leer wie sie schön war. Sie war verrückt geworden durch die rohe Magie, die sie für den Dämon halten musste. Er filterte die Kraftlinienmagie durch ihren Geist, um sich selbst zu schützen. Furcht verkrampfte meine Eingeweide.

»Töte sie nicht«, flüsterte ich mit trockenem Mund. »Du brauchst sie nicht mehr. Lass sie leben.«

Algaliarept schob seine getönte Sonnenbrille nach unten, um mich mit seinen roten Augen über ihren Rand hinweg anzustarren. »Du magst sie?«, fragte er. »Sie ist hübsch, oder? Über eintausend Jahre alt und keinen Moment gealtert seit dem Tag, an dem ich ihr die Seele nahm. Um ehrlich zu sein, sie war der Grund, warum ich zu den meisten Partys eingeladen wurde. Sie gibt, ohne Ärger zu machen. Obwohl sie natürlich die ersten hundert Jahre nur geweint und gejammert hat. Auch ganz lustig, aber irgendwann wird es langweilig. Du wirst gegen mich kämpfen, oder?«

Mein Kiefer verkrampfte sich. »Gib ihr ihre Seele zurück, jetzt, wo du mit ihr fertig bist.«

Algaliarept lachte. »Oh, du bist wirklich wunderbar!«, sagte er und klatschte in die weiß behandschuhten Hände. »Die gebe ich ihr sowieso zurück. Ich habe sie weit über jede Säuberung hinaus verschmutzt und so meine relativ sauber gehalten. Und ich werde sie töten, bevor sie die Chance hat, bei ihrem Gott um Erlösung zu betteln.« Seine vollen Lippen öffneten sich zu einem bösartigen Grinsen. »Weißt du, das ist sowieso alles Lüge.«

Mir wurde kalt, als die Frau plötzlich in einem kleinen Haufen aus Purpur, Grün und Gold zu seinen Füßen zusammenbrach. Ich würde eher sterben als zuzulassen, dass er mich ins Jenseits verschleppte, um so … um so zu enden. »Bastard«, flüsterte ich.

Algaliarept machte eine Geste, die wohl so etwas wie »Und?« bedeuten sollte. Er wandte sich Ceri zu, fand in der Masse des Stoffes ihre kleine Hand und half ihr, aufzustehen. Sie war wieder barfuß. »Ceri«, schmeichelte der Dämon und warf mir dann einen Seitenblick zu. »Ich hätte sie schon vor vierzig Jahren ersetzen sollen, aber der Wandel hat alles verkompliziert. Sie regiert nicht einmal mehr, wenn man nicht vorher ihren Namen ausspricht.« Dann wandte er sich wieder der Frau zu: »Ceri, sei so lieb und hol das Transfermedium, das du heute bei Sonnenuntergang gemacht hast.«

Mein Magen tat weh. »Ich habe welches hier«, wandte ich ein. Ceri blinzelte und zeigte damit das erste Zeichen von Verständnis. Mit ihren großen Augen schaute sie mich ernst an, als sähe sie mich zum ersten Mal. Dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf den Zauberkessel zu meinen Füßen und die milchig grünen Kerzen um uns herum. Panik glühte in ihren Augen, als sie vor dem Engelsmonument stand. Ich hatte das Gefühl, dass sie gerade erst verstanden hatte, was hier vorging.

»Wunderbar«, sagte Algaliarept. »Du machst dich schon nützlich. Aber ich will Ceris.« Er sah Ceri an, die mit offenem Mund dastand und dabei kleine weiße Zähne zeigte. »Ja, Liebes. Zeit für deinen Ruhestand. Bring mir meinen Zauberkessel und das Transfermedium.«

Angespannt und fast ausweichend vollführte Ceri eine Geste, und ein spielzeuggroßer Kessel mit Kupferwänden, die dicker waren als mein Handgelenk, erschien zwischen uns. Er war bereits mit einer gelartigen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt, auf der Tupfen von Geranien lagen.

Der Geruch von Ozon breitete sich aus, während es immer wärmer wurde. Ich machte meinen Mantel auf. Algaliarept summte vor sich hin, offensichtlich in fantastischer Stimmung. Er winkte mich näher heran, und ich trat einen Schritt vor, meine Hand an dem silbernen Messer, das in meinem Ärmel versteckt war. Mein Puls beschleunigte sich, und ich fragte mich, ob mein Vertrag mich tatsächlich retten könnte. Ein Messer wäre wahrscheinlich keine große Hilfe.

Der Dämon grinste und zeigte mir flache, gleichmäßige Zähne, als er Ceri einen Wink gab. »Mein Spiegel«, erinnerte er sie, und die zierliche Frau bückte sich, um einen Wahrsagespiegel aufzuheben, der einen Moment zuvor noch nicht dort gewesen war. Sie hielt ihn wie einen Tisch vor Algaliarept.

Ich schluckte, als ich mich an das widerliche Gefühl erinnerte, das ich beim Abstreifen meiner Aura in meinen Wahrsagespiegel gehabt hatte. Der Dämon zog seine Handschuhe aus, einen nach dem anderen, und legte seine rötlichen Hände mit den dicken Gelenken auf das Glas, die langen Finger gespreizt. Er schauderte und schloss die Augen, während seine Aura in den Spiegel rann. Sie tropfte von seinen Händen wie Tinte, um auf der Reflexion im Spiegel umherzuwirbeln und schließlich zusammenzulaufen. »In das Medium, Ceri, Liebes. Beeil dich.«

Sie keuchte fast, als sie den Spiegel mit Algaliarepts Aura zum Zauberkessel trug. Es war nicht das Gewicht des Glases; es war die Gewichtigkeit dessen, was gerade geschah. Ich stellte mir vor, dass sie gerade die Nacht wieder durchlebte, als sie an meiner Stelle stand und ihren Vorgänger beobachtet hatte, wie ich nun sie beobachtete. Sie musste gewusst haben, was passieren würde, aber sie war innerlich schon so tot, dass sie nur noch tun konnte, was von ihr erwartet wurde. Und durch ihre offensichtliche, hilflose Panik wusste ich, dass es in ihr noch etwas gab, das es wert war, gerettet zu werden.

»Gib sie frei«, sagte ich, tief in meinen Mantel verkrochen, als meine Augen von Ceri zum Kessel und dann zu Algaliarept huschten. »Gib sie erst frei.«

»Warum?« Er inspizierte gelangweilt seine Nägel, bevor er die Handschuhe wieder anzog.

»Ich werde dich eher töten, als dir zu erlauben mich ins Jenseits zu verschleppen, und ich will sie vorher frei sehen.«

Darüber lachte Algaliarept, lang und herzlich. Er stützte sich mit einer Hand auf dem Engel ab und krümmte sich vor Heiterkeit. Ein gedämpfter Schlag ließ meine Beine zittern, und das steinerne Fundament zerbrach mit einem Geräusch wie ein Schuss. Ceri starrte mit schlaffen Lippen, doch ihre Augen glitten schnell über mich hinweg. In ihr schien sich etwas zu regen, lange unterdrückte Erinnerungen und Gedanken.

»Du wirst kämpfen«, stellte Algaliarept entzückt fest. »Umwerfend. Ich habe so darauf gehofft.« Er sah mir in die Augen, grinste affektiert und berührte den Rand seiner Sonnenbrille. »Adsimulo calefacio.«

Das Messer in meinem Ärmel ging in Flammen auf. Mit einem Schrei warf ich meinen Mantel ab, der gegen meine Barriere prallte und dort zu Boden glitt. Der Dämon musterte mich. »Strapazier nicht länger meine Geduld, Rachel Mariana Morgan. Komm hierher und rezitiere die verdammte Beschwörungsformel.«

Ich hatte keine Wahl. Wenn ich es nicht tat, würde er unseren Deal für geplatzt erklären, meine Seele als Bußgeld nehmen und mich ins Jenseits ziehen. Meine einzige Chance bestand darin, mich peinlich genau an die Abmachung zu halten. Ich warf einen Blick auf Ceri und wünschte mir, sie würde von Algaliarept zurücktreten, aber sie ließ nur ihre Finger über die in den Grabstein gemeißelten Daten gleiten. Ihr sonnenentwöhnter Teint war nun noch bleicher.

»Erinnerst du dich an den Fluch?«, fragte Algaliarept, als ich auf Höhe des kniehohen Kessels stand.

Ich warf einen Blick hinein und war nicht überrascht, dass die Aura des Dämons schwarz war. Ich nickte und fühlte mich schwach, als meine Gedanken unwillkürlich zu dem Tag zurückwanderten, an dem ich aus Versehen meinen Freund Nick zu meinem Schutzgeist gemacht hatte. War das erst drei Monate her? »Ich kann ihn auf Englisch sprechen«, flüsterte ich. Nick. Oh Gott, ich hatte nicht Auf Wiedersehen gesagt. Er war in der letzten Zeit so distanziert gewesen, dass ich nicht den Mut gefunden hatte, es ihm zu sagen. Ich hatte es niemandem gesagt.

»Das genügt.« Seine Sonnenbrille verschwand, und seine verdammten Augen mit den ziegenartigen Pupillen richteten sich auf mich. Mein Herz raste, aber ich hatte meine Wahl getroffen. Sie würde mich am Leben halten oder töten.

Tief und dröhnend erklang Algaliarepts Stimme und schien mein gesamtes Inneres zu erschüttern. Er sprach Latein, die Worte gleichzeitig vertraut und auch wieder nicht, wie die Erinnerung an einen Traum. »Pars tibi, totum mihi. Vinctus vinculis, prece fractis.«

»Etwas für dich«, sprach ich die Worte aus dem Gedächtnis nach, »aber alles für mich. Verbunden sei mit mir, das erbitte ich von dir.«

Das Lächeln des Dämons wurde breiter und erschütterte mich durch seine Zuversicht. »Luna servata, lux sanata. Chaos statutum, pejus minutum.«

Ich schluckte schwer. »Mondschein gefeit, altes Licht geheilt«, flüsterte ich. »Das Chaos verfügt, bringt im Sturze Verderben.«

An Algaliarepts Händen, mit denen er in freudiger Erwartung den Rand des Kessels umklammerte, traten die Knöchel weiß hervor. »Mentem tegens, malum ferens. Semper servus dum duret mundus«, sagte er, und Ceri schluchzte auf, ein schnell unterdrücktes Geräusch wie von einem Kätzchen. »Los«, ermunterte mich Algaliarept, und die Aufregung ließ seine Ränder verschwimmen. »Sag es und steck deine Hände hinein.«

Ich zögerte, meine Augen auf Ceris zusammengesunkene Gestalt vor dem Grabstein gerichtet, die in den Falten ihres Kleides kauerte wie in einer farbigen Pfütze. »Nimm erst eine Schuld zurück, die ich bei dir offen habe.«

»Du bist ein unersättliches Flittchen, Rachel Mariana Morgan.«

»Tu es!«, forderte ich. »Du hast gesagt, dass du es tun würdest. Nimm wie vereinbart eines deiner Zeichen von mir.«

Er lehnte sich über den Topf, bis ich in den Gläsern seiner Sonnenbrille mein Spiegelbild sehen konnte. »Es macht keinen Unterschied. Beende den Fluch und bring es hinter dich.«

»Sagst du damit, dass du dich nicht an deine Seite des Handels hältst?«, forderte ich ihn heraus, und er lachte.

»Nein. Absolut nicht, und wenn du gehofft hast, dass du unsere Abmachung deswegen für ungültig erklären kannst, dann bist du ein bemitleidenswerter Dummkopf. Ich nehme eines meiner Zeichen von dir, aber du schuldest mir immer noch einen Gefallen.« Er leckte sich über die Lippen. »Und als mein Familiaris gehörst du – mir.«

Eine verstörende Mischung aus Furcht und Erleichterung ergriff mich, und ich hielt die Luft an, um mich nicht zu übergeben. Aber ich musste meine Seite des Vertrags vollständig erfüllen, bevor ich erfahren würde, ob meine Überlegungen richtig waren und ich der Falle des Dämons durch eine kleine Spitzfindigkeit namens freie Wahl entkommen konnte.

»Den Schutz sich erinnern«, sagte ich zitternd, »den Träger des Wahren. An mich gebunden, bevor die Welt neu an Jahren.«

Algaliarept gab ein zufriedenes Geräusch von sich, und mit verkrampftem Kiefer senkte ich meine Hände in den Kessel. Kälte ergriff und betäubte meine Hände. Ich riss sie heraus und starrte voller Entsetzen darauf, ohne an meinen rotlackierten Fingern einen Unterschied zu sehen.

Und dann drang Algaliarepts Aura tiefer in mich ein und berührte mein Chi.

Meine Augen schienen vor Schmerz aus ihren Höhlen treten zu wollen. Ich atmete tief ein, um zu schreien, konnte aber nicht. Für einen kurzen Moment sah ich Ceri, in deren Augen furchtbare Erinnerung flackerten. Auf der anderen Seite des Zauberkessels grinste Algaliarept mich an. Mit zusammengeschnürter Kehle kämpfte ich um einen Atemzug, doch die Luft schien sich in Öl verwandelt zu haben. Ich fiel auf Hände und Knie und schlug sie mir auf dem Beton auf. Meine Haare bedeckten mein Gesicht, und ich versuchte, nicht zu würgen. Ich konnte nicht atmen. Ich konnte nicht denken!

Die Aura des Dämons war wie eine nasse Decke, tropfend vor Säure, die mich erstickte. Sie überzog mich, innen wie außen, und meine Stärke wurde von seiner Macht erdrosselt. Sie zerquetschte meinen Willen. Ich hörte, wie mein Herz einmal schlug, dann ein weiteres Mal. Mir gelang ein bebender Atemzug, und ich schluckte den scharfen Geschmack von Erbrochenem hinunter. Ich würde leben. Seine Aura konnte mich nicht töten. Ich konnte das durchziehen. Ich konnte es schaffen.

Zitternd schaute ich auf, als der Schock langsam nachließ und sich in etwas verwandelte, mit dem ich umgehen konnte. Der Kessel war verschwunden, und Ceri kauerte neben Algaliarept hinter dem riesigen Grabstein. Ich atmete tief ein, unfähig, die Luft durch die Aura des Dämons zu schmecken. Ich bewegte mich und konnte den rauen Beton, der meine Fingerspitzen aufschürfte, nicht spüren. Alles war taub. Alles war gedämpft, als wäre ich in Watte gepackt.

Alles, außer der Energie der nahe liegenden Kraftlinie. Ich konnte sie dreißig Yards entfernt vibrieren fühlen, als wäre sie eine Starkstromleitung. Keuchend stolperte ich auf die Füße, schockiert, als mir auffiel, dass ich die Kraftlinie sehen konnte. Ich sah alles so, als würde ich mit meinem zweiten Gesicht darauf blicken – was ich nicht tat. Mein Magen drehte sich um, als ich bemerkte, dass mein Kreis, einst von meiner Aura in fröhlichem Gold eingefärbt, jetzt von Schwarz überzogen war.

Ich wandte mich dem Dämon zu, sah die schwarze Aura, die ihn umgab, und wusste, dass ein guter Teil davon nun auch meine Aura bedeckte. Dann schaute ich Ceri an und konnte kaum ihr Gesicht erkennen, so dicht schloss Algaliarepts Schwärze sie ein. Sie hatte keine eigene Aura, um sich gegen die des Dämons zu wehren, da sie ihre Seele an ihn verloren hatte. Und genau darauf hatte ich meine gesamte Hoffnung gesetzt.

Wenn ich meine Seele noch hatte, verfügte ich auch noch über eine Aura, auch wenn sie unter Algaliarepts verborgen war. Und mit meiner Seele hatte ich einen freien Willen. Anders als Ceri konnte ich Nein sagen. Langsam erinnerte ich mich daran, wie.

»Befrei sie«, presste ich hervor. »Ich habe deine verdammte Aura angenommen. Jetzt befrei sie.«

»Oh, warum nicht?«, kicherte der Dämon und rieb sich die behandschuhten Hände. »Sie zu töten wird ein wirklich fantastischer Anfang für deine Lehrzeit sein. Ceri?«

Die schlanke Frau kam auf die Füße, den Kopf hoch erhoben. Panik stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Ceridwen Merriam Duciate«, sagte Algaliarept. »Ich gebe dir deine Seele zurück, bevor ich dich töte. Dafür kannst du Rachel danken.«

Ich zuckte zusammen. Rachel? Bis jetzt war ich immer Rachel Mariana Morgan gewesen. Anscheinend war ich als Familiaris nicht mehr meinen vollen Namen wert. Das brachte mich auf die Palme.

Ceri gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich und stolperte. Ich beobachtete mit meiner neuen Sicht, wie Algaliarepts Knechtschaft von ihr abfiel. Ein winziger, sehr schwacher Schimmer von klarem Blau umgab sie. Ihre wiederbelebte Seele versuchte, sie in ihrem Schutz zu baden – und ging dann in den tausend Jahren Dunkelheit unter, mit denen der Dämon ihre Seele verschmutzt hatte, während er sie kontrolliert hatte. Ihr Mund bewegte sich, aber sie konnte nicht sprechen. Ihre Augen wurden glasig, als sie keuchte, fast hyperventilierte, und ich sprang auf sie zu, um sie aufzufangen, als sie fiel. Mühsam schleppte ich sie auf meine Seite des Kreises.

Algaliarept streckte die Hand nach ihr aus, und Adrenalin überschwemmte meinen Körper. Ich ließ Ceri fallen, richtete mich auf und griff nach der Kraftlinie. »Rhombus!«, rief ich, das Wort der Anrufung, um einen Kreis zu errichten, ohne ihn vorher zu ziehen. Um das zu schaffen, hatte ich drei Monate lang geübt.

Mit einer Macht, die mich taumeln ließ, explodierte der Kreis um mich herum und schloss Ceri und mich in einen zweiten, kleineren Schutzkreis innerhalb des ersten ein. Meinem Schutzkreis fehlte ein physisches Bezugsobjekt, und so floss die überschüssige Energie überallhin statt zurück in die Kraftlinie, wo sie hingehörte. Der Dämon fluchte, als er mit Macht zurückgeworfen wurde, bis er gegen die Barriere des ersten Kreises prallte, der immer noch aktiv war. Mit einem Pfeifen, das mir noch lange in den Ohren klang, brach der erste Schutzkreis, und Algaliarept fiel zu Boden.

Schwer atmend kauerte ich mich mit den Händen auf den Knien zusammen. Algaliarept blinzelte mich vom Betonboden aus an und lächelte dann verschlagen. »Wir teilen eine Aura, Liebes«, sagte er. »Dein Schutzkreis kann mich nicht mehr aufhalten.« Sein Grinsen wurde breiter. »Überraschung«, sang er fröhlich, als er aufstand und in aller Ruhe den Staub von seinem Samtmantel klopfte.

Oh Gott. Wenn mein erster Schutzkreis ihn jetzt nicht mehr halten konnte, konnte es mein zweiter genauso wenig. Ich hatte mir schon gedacht, dass so etwas passieren würde. »Ceri?«, flüsterte ich. »Steh auf. Wir müssen hier weg.«

Algaliarepts Augen wandten sich von mir ab und wanderten über den heiligen Boden, der uns umgab. Meine Muskeln spannten sich an.

Der Dämon sprang. Kreischend riss ich mich und Ceri nach hinten. Ich bemerkte kaum den Stoß des Jenseits, der in mich floss, als ich den Kreis brach. Der Aufprall auf dem Boden, mit Ceri auf mir, ließ mich atemlos zurück. Ohne Luft zu holen, grub ich meine Absätze in den Schnee und stieß uns noch weiter nach hinten. Der goldene Besatz an Ceris Ballkleid fühlte sich rau an, als ich an ihr zerrte, bis ich mir absolut sicher war, dass wir beide auf heiligem Boden waren.

»Zur Hölle mit euch!« Algaliarept stand wutentbrannt am äußersten Rand der Betonplatte und brüllte.

Zitternd stand ich auf und starrte den frustrierten Dämon an.

»Ceri!«, forderte er herrisch, und der Geruch von verbranntem Bernstein stieg auf, als er einen Fuß über die unsichtbare Grenze setzte. Sofort riss er ihn zurück. »Stoß sie zu mir! Oder ich werde deine Seele so sehr verschmutzen, dass dein hochgeschätzter Gott dich niemals reinlässt, egal, wie sehr du bettelst!«

Ceri stöhnte und klammerte sich ängstlich an mein Bein, ihr Gesicht versteckt, als sie versuchte, eine tausendjährige Konditionierung zu durchbrechen. Mein Gesicht verhärtete sich vor Wut. Das hätte ich sein können. Das könnte ich immer noch sein. »Ich werde nicht zulassen, dass er dich weiterhin verletzt«, sagte ich und ließ eine Hand auf ihre Schulter sinken. »Wenn ich verhindern kann, dass er dir wehtut, dann werde ich es tun.«

Ihr Griff an meinem Bein zitterte, und ich fand, dass sie aussah wie ein geschlagenes Kind.

»Du bist mein Familiaris! Mein Schutzgeist! Mein Vertrauter!« , schrie der Dämon, und Spucke flog aus seinem Mund. »Rachel, komm hierher.«

Ich schüttelte den Kopf und fühlte mich um einiges kälter, als der Schnee um mich herum es rechtfertigte. »Nein«, sagte ich schlicht. »Ich werde nicht ins Jenseits gehen. Du kannst mich nicht dazu zwingen.«

Algaliarept starrte mich ungläubig an. »Du wirst kommen«, donnerte er, und Ceri umklammerte mein Bein noch fester. »Du gehörst mir! Du bist mein verdammter Vertrauter. Ich habe dir meine Aura gegeben. Dein Wille gehört mir!«

»Nein, tut er nicht«, widersprach ich bestimmt, während ich innerlich bebte. Es funktioniert. Gott sei mir gnädig, es funktioniert. Mir wurde warm, und ich merkte, dass mir vor Erleichterung fast die Tränen kamen. Er konnte mich nicht in Besitz nehmen. Ich mochte sein Schutzgeist sein, sein Vertrauter, wie er sagte, aber er hatte keinen Zugriff auf meine Seele. Ich konnte Nein sagen.

»Du bist mein Familiaris! Mein Vertrauter!«, wütete er wieder. Sowohl Ceri als auch ich schrien auf, als er versuchte, den heiligen Boden zu betreten, und dann wieder zurückwich.

»Ich bin dein Familiaris!«, schrie ich angsterfüllt. »Und ich sage Nein! Ich habe mich bereiterklärt, dein Schutzgeist zu werden, und ich bin es, aber ich gehe nicht mit dir ins Jenseits, und du kannst mich nicht dazu zwingen!«

Algaliarepts ziegenartige Augen verengten sich. Ich trat einen Schritt zurück und versteifte mich, als seine Wut abkühlte. »Du hast zugestimmt, mein Familiaris zu sein«, sagte er sanft, und von seinen glänzenden, mit Schnallen verzierten Stiefeln stieg Rauch auf, als er am Rand des entweihten Grundes balancierte. »Komm jetzt her, oder ich erkläre unseren Pakt als gebrochen, und deine Seele gehört aufgrund des Vertragsbruches mir.«

Doppelter Einsatz. Ich hatte gewusst, dass es dazu kommen würde. »Ich habe deine stinkende Aura überall«, sagte ich, während Ceri bebte. »Ich bin dein Familiaris, dein Schutzgeist, dein Vertrauter, wie immer du es auch nennen willst. Wenn du denkst, dass es einen Vertragsbruch gegeben hat, dann hol vor Sonnenaufgang jemanden her, der darüber richten kann. Und nimm eines dieser verdammten Dämonenmale von mir!«, forderte ich und hielt ihm mein Handgelenk entgegen.

Mein Arm zitterte, und Algaliarept gab ein schreckliches, tief aus der Kehle kommendes Geräusch von sich, das meine Eingeweide zum Erbeben brachte. Ceri wagte es, einen Blick auf den Dämon zu werfen. »Ich kann dich nicht als Familiaris benutzen, wenn du auf der falschen Seite der Kraftlinien bist«, sagte er. Offensichtlich dachte er laut nach. »Die Bindung ist nicht stark genug …«

»Das ist nicht mein Problem«, unterbrach ich ihn mit zitternden Knien.

»Nein«, stimmte Algaliarept mir zu. Er faltete die Hände hinter dem Rücken, und sein Blick fiel auf Ceri. Der brodelnde Zorn in seinen Augen jagte mir eine beschissene Angst ein. »Aber ich mache es zu deinem Problem. Du hast meinen Vertrauten gestohlen und mich mit nichts zurückgelassen. Du hast mich überlistet und so die Bezahlung für einen Dienst umgangen. Wenn ich dich nicht ins Jenseits ziehen kann, werde ich einen Weg finden, dich durch die Kraftlinien zu benutzen. Und ich werde dich niemals sterben lassen. Frag sie. Frag sie, wie die immerwährende Hölle so ist. Sie wartet auf dich, Rachel. Und ich bin kein geduldiger Dämon. Du kannst dich nicht ewig auf heiligem Boden verstecken.«

»Geh weg«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Ich habe dich gerufen. Jetzt befehle ich dir, zu gehen. Nimm eines dieser Male von mir und verschwinde. Sofort.« Ich hatte ihn beschworen, und somit unterlag er den Regeln der Beschwörung  – selbst wenn ich sein Schutzgeist war.

Er atmete langsam aus, und ich glaubte zu spüren, dass der Boden sich bewegte. Seine Augen wurden schwarz. Schwarz, schwarz, immer schwärzer. Oh verdammt.

»Ich werde einen Weg finden, durch die Kraftlinien eine Bindung zu erschaffen, die stark genug ist««, verkündete er. »Und dann werde ich dich durch sie nach unten ziehen, mit unbeschädigter Seele. Deine Zeit auf dieser Seite der Linien ist nur geliehen.«

»Ich war schon früher so gut wie tot«, sagte ich. »Und mein Name ist Rachel Mariana Morgan. Benutz ihn. Und nimm eines dieser Male von mir, oder du verwirkst alles.«

Ich komme damit durch. Ich habe einen Dämon übers Ohr gehauen. Das Wissen war berauschend, aber ich hatte noch zu viel Angst, als dass es momentan viel bedeutet hätte.

Algaliarept schenkte mir einen eisigen Blick, sah kurz Ceri an und verschwand.

Mein Handgelenk brannte plötzlich, und ich schrie auf, aber es war ein willkommener Schmerz, als ich mich zusammenkauerte und mein dämonengezeichnetes Gelenk mit der anderen Hand umklammerte. Es tat weh – es tat so weh, als würden Höllenhunde darauf herumkauen –, aber als mein verschwommener Blick wieder klar wurde, durchzog nur noch eine gerade Narbe den schwieligen Kreis, nicht zwei.

Von den letzten Wellen des Schmerzes ausgelaugt sackte ich in mich zusammen. Mein gesamter Körper schien den Halt zu verlieren. Ich hob den Kopf und atmete tief ein in dem Versuch, meinen Bauch zu entkrampfen. Er konnte mich nicht benutzen, wenn wir auf verschiedenen Seiten der Kraftlinien waren. Ich war immer noch ich selbst, auch wenn ich mit Algaliarepts Aura überzogen war. Langsam ließ das zweite Gesicht nach, und die rote Linie der Kraftlinie verschwand. Algaliarepts Aura war leichter zu tragen, ihre Existenz fast nicht mehr zu spüren, jetzt, da der Dämon fort war.

Ceri ließ mich los und machte dadurch wieder auf sich aufmerksam. Ich beugte mich zu ihr, um ihr eine helfende Hand anzubieten. Sie starrte sie verwundert an und beobachtete sich selbst, als sie eine dünne, bleiche Hand in die meine legte. Immer noch zu meinen Füßen, küsste sie meinen Handrücken in einer ritualisierten Geste der Dankbarkeit.

»Nein. Lass das«, sagte ich und drehte meine Hand, um ihre fester zu fassen und sie auf die Beine und aus dem Schnee zu ziehen.

Ceris Augen füllten sich und flossen über, als sie stumm über ihre Freiheit weinte. Die gut gekleidete, missbrauchte Frau war in ihrer tränenreichen, stillen Freude wunderschön. Ich legte meinen Arm um sie, um ihr ein wenig Trost zu spenden. Ceri krümmte sich und zitterte nur noch stärker.

Ich ließ alles, wo es war – die Kerzen konnten von alleine ausgehen – und stolperte zur Kirche. Mein Blick war auf den Schnee zu meinen Füßen gerichtet und auf die eine Fährte, die nach draußen führte, die wir jetzt mit unseren zwei Spuren zerstörten. Ich fragte mich, was um Himmels willen ich mit ihr anstellen sollte.

2

Wir hatten bereits den halben Weg zur Kirche zurückgelegt, als mir auffiel, dass Ceri barfuß durch den Schnee lief. »Ceri«, sagte ich entsetzt. »Wo sind deine Schuhe?«

Die weinende Frau verschluckte sich fast. Sie wischte sich die Augen und blickte nach unten. Ein roter Schein von Jenseits wirbelte um ihre Zehen, und verbrannte Tanzschuhe erschienen an ihren Füßen. Überraschung glitt über ihre delikaten Gesichtszüge, die im Schein der Verandalichter klar zu erkennen waren.

»Sie sind verbrannt«, sagte ich, als sie die Schuhe abschüttelte. Kleine Kohlestücke blieben an ihren Füßen hängen und sahen aus wie schwarze Wunden. »Vielleicht hat Big Al gerade einen Tobsuchtsanfall und verbrennt deine Sachen.«

Ceri nickte still, und die kleinste Spur eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, als sie den beleidigenden Spitznamen hörte, den ich verwendete, um den Namen des Dämons nicht vor jemandem auszusprechen, der ihn noch nicht wusste.

Ich setzte mich wieder in Bewegung. »Na ja, ich habe noch ein Paar Pantoffeln, das du anziehen kannst. Und wie wäre es mit Kaffee? Ich bin völlig durchgefroren.« Wir sind gerade einem Dämon entkommen, und ich biete ihr Kaffee an?

Sie sagte nichts, aber ihre Augen wanderten zu der hölzernen Veranda, die zu den Wohnräumen im hinteren Teil der Kirche führte. Dann ließ sie den Blick weiterschweifen zum Altarraum dahinter und dem Kirchturm mit seinem Glockenhaus. »Priester?«, flüsterte sie und ihre Stimme passte zu dem eisüberzogenen Garten, kristallklar und rein.

»Nein«, sagte ich, während ich mich bemühte, nicht auf den Stufen auszurutschen. »Ich lebe hier nur. Es ist keine wirkliche Kirche mehr.« Ceri blinzelte, und ich fügte hinzu: »Es ist ein bisschen schwer zu erklären. Komm erst mal rein.«

Ich öffnete die Hintertür und ging zuerst hinein, da Ceri nur den Kopf senkte und keine Anstalten dazu machte. Die Wärme des Wohnzimmers strich wie eine wohltuende Welle über mein kaltes Gesicht. Ceri blieb stocksteif auf der Schwelle stehen, als eine Handvoll Pixiemädchen sich kreischend vom Sims des kalten Kamins erhoben, um vor der Kälte zu fliehen. Zwei halbwüchsige Pixiejungs warfen Ceri vielsagende Blicke zu, bevor sie den Mädchen folgten.

»Pixies?«, sagte ich fragend und erinnerte mich daran, dass sie über tausend Jahre alt war. Wenn sie kein Inderlander war, hatte sie so etwas vorher noch nie gesehen und würde wahrscheinlich glauben, sie wären, äh, Märchenwesen. »Weißt du von Pixies?«, fragte ich und stampfte den Schnee von meinen Stiefeln.

Sie nickte und schloss die Tür hinter sich, und ich fühlte mich besser. Die Anpassung an das moderne Leben war um einiges einfacher, wenn sie nicht Tiermenschen, Pixies, Vampire und Ähnliches zusätzlich zu Fernsehern, Handys und allem anderen begreifen musste. Und als ihre Augen lediglich mit mildem Interesse über Ivys teure elektronische Ausrüstung glitten, hätte ich wetten können, dass die andere Seite der Kraftlinien technisch genauso fortgeschritten war wie unsere.

»Jenks!«, rief ich in den vorderen Teil der Kirche, wo er und seine Familie für die Dauer der Wintermonate lebten. »Kann ich dich kurz sprechen?«

Das Geräusch von Libellenflügeln erklang leise in der warmen Luft. »Hey, Rache«, sagte der kleine Pixie, als er hereingeflogen kam. »Was sagen meine Kinder da über einen Engel?« Abrupt kam er in der Luft zum Stehen, die Augen weit aufgerissen. Sein kurzes blondes Haar wehte, als er hinter mich sah.

Engel, hm?, dachte ich, als ich mich zu Ceri umdrehte, um sie vorzustellen. »Oh Gott, nein«, sagte ich und richtete sie wieder auf. Sie hatte den Schnee aufgesammelt, den ich von meinen Stiefeln geschüttelt hatte, und hielt ihn in der Hand. Der Anblick, wie das zierliche Mädchen in dem feinen Kleid meinen Dreck aufräumte, war zu viel. »Bitte, Ceri«, sagte ich, nahm ihr den Schnee ab und ließ ihn auf den Teppich fallen. »Lass das.«

Ein Ausdruck von Selbsthass glitt über das Gesicht der kleinen Frau. Mit einem Seufzen verzog sie entschuldigend den Mund. Ich glaube nicht, dass sie begriffen hatte, was sie tat, bis ich sie davon abgehalten hatte.

Ich drehte mich wieder zu Jenks um und sah, dass seine Flügel leicht rötlich eingefärbt waren, weil seine Blutzirkulation sich erhöht hatte. »Was zur Hölle?«, murmelte er, als seine Augen auf ihre Füße fielen. Vor Überraschung versprühte er Pixiestaub und hinterließ auf dem grauen Teppich einen glitzernden Sonnenfleck. Er hatte seine gemütlichen Gärtnerklamotten aus eng anliegender grüner Seide an und sah aus wie ein winziger Peter Pan, allerdings ohne den Hut.

»Jenks«, sagte ich, als ich eine Hand auf Ceris Schulter legte und sie nach vorne zog. »Das ist Ceri. Sie wird eine Weile bei uns bleiben. Ceri, das ist Jenks, mein Partner.«

Jenks flog vor und zurück. Ceri machte ein erstauntes Gesicht und blickte von ihm zu mir. »Partner?«, fragte sie und studierte meine linke Hand.

Plötzlich verstand ich, und mir wurde warm. »Mein Geschäftspartner«, erwiderte ich und erkannte, dass sie glaubte, wir wären verheiratet. Wie um Himmels willen könnte ich einen Pixie heiraten? Und warum um Himmels willen sollte jemand das wollen? »Wir arbeiten zusammen als Runner.« Ich nahm meine Mütze ab und warf die Kopfbedeckung aus roter Wolle Richtung Heizung, wo sie auf dem Steinboden trocknen konnte. Dann schüttelte ich meine zusammengedrückten Haare aus. Ich hatte meinen Mantel draußen liegen gelassen, aber ich würde ihn jetzt auch bestimmt nicht holen gehen.

Verwirrt biss sich Ceri auf die Lippen. Die Wärme des Raumes hatte sie gerötet, und auch ihre Wangen bekamen langsam wieder Farbe. Mit einem trockenen Rasseln schwebte Jenks so nah an mich heran, dass meine Locken sich im Luftzug seiner Flügel bewegten. »Scheint nicht allzu helle zu sein, oder?«, merkte er an, und als ich ihn genervt wegscheuchte, stemmte er die Hände in die Hüften. Dann schwebte er vor Ceri und sagte laut und langsam, als wäre sie schwerhörig: »Wir – sind – die – Guten. Wir – stoppen – die – Bösen.«

»Krieger«, sagte Ceri und sah dabei nicht auf ihn, sondern auf Ivys lederne Vorhänge, die gemütlichen Wildledersessel und das dazu passende Sofa. Der Raum war eine Offenbarung der Gemütlichkeit, und alles darin war aus Ivys Tasche bezahlt worden und nicht aus meiner. Jenks lachte und klang dabei wie ein Windspiel. »Krieger«, sagte er grinsend. »Jawohl. Wir sind Krieger. Ich bin sofort zurück – den muss ich Matalina erzählen.«

Er flitzte in Kopfhöhe aus dem Raum, und meine Schultern entspannten sich. »Entschuldigung«, sagte ich. »Ich habe Jenks gebeten, im Winter zu uns nach drinnen zu ziehen, nachdem er zugegeben hatte, dass er jedes Frühjahr zwei seiner Kinder an die Überwinterungskrankheit verliert. Sie treiben mich und Ivy in den Wahnsinn, aber ich habe lieber für vier Monate keine Privatsphäre als dass Jenks seinen Frühling mit zwei winzigen Särgen beginnt.«

Ceri nickte. »Ivy«, sagte sie leise. »Ist sie dein Partner?«

»Jup. Genau wie Jenks«, sagte ich beiläufig, um sicherzustellen, dass sie es richtig verstand. Ihre unruhigen Augen katalogisierten alles und jedes. Langsam bewegte ich mich in den Flur. »Ähm, Ceri?«, sagte ich und zögerte, bis sie mir folgte. »Wäre es dir lieber, wenn ich dich Ceridwen nenne?«

Sie spähte den dunklen Korridor entlang zum erleuchteten Altarraum, wobei ihr Blick anscheinend den Geräuschen der Pixiekinder folgte. Sie sollten eigentlich im hinteren Bereich der Kirche bleiben, aber sie steckten ihre Nase einfach überallhin, und ihr Schreien und Quietschen war Normalität geworden. »Ceri, bitte.«

Ihre Persönlichkeit kehrte viel schneller zurück als ich es für möglich gehalten hätte, von Schweigen zu kurzen Sätzen in wenigen Momenten. Ihre Sprache war eine seltsame Mischung aus moderner Aussprache und charmanter Altertümlichkeit, was wahrscheinlich davon kam, dass sie so lange unter Dämonen gelebt hatte. Sie hielt auf der Türschwelle zu meiner Küche an und blickte mit großen Augen um sich. Ich nahm nicht an, dass es der Kulturschock war – viele Leute zeigten diese Reaktion, wenn sie meine Küche sahen.

Sie war riesig und sowohl mit einem Gasherd als auch einem Elektroherd ausgestattet, sodass ich auf dem einen kochen und auf dem anderen Zauber zubereiten konnte. Der Kühlschrank war aus Edelstahl und groß genug, um eine ganze Kuh darin zu verstauen. Es gab ein großes Schiebefenster, das den verschneiten Garten und Friedhof überblickte, und auf dem Fensterbrett schwamm glücklich mein Beta, Mr. Fish, in einem Cognacschwenker. Leuchtstoffröhren beschienen edles Chrom und weitläufige Arbeitsflächen, die auch in einer Fernseh-Kochshow nicht aus dem Rahmen gefallen wären.

Eine zentrale Arbeitsfläche in der Mitte des Raums nahm den meisten Platz ein. Darüber hing ein Regal mit meinen Zauberzutaten und getrockneten Kräutern, die Jenks und seine Familie gesammelt hatten. Ivys massiver antiker Tisch füllte den Rest. Eine Hälfte des Tisches war akribisch als ihr Büro eingerichtet, mit ihrem Computer, der schneller und stärker war als eine Familienpackung Abführmittel sowie farbcodierten Unterlagen, Straßenkarten und den Leuchtmarkern, die sie verwendete, um ihre Fälle zu organisieren. Die andere Hälfte des Tisches gehörte mir und war leer. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass dieser Fakt meiner Ordnungsliebe entsprang, aber wenn ich einen Auftrag hatte, erledigte ich ihn einfach. Ich analysierte ihn nicht zuerst zu Tode.

»Nimm dir einen Stuhl«, sagte ich beiläufig. »Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee?« Kaffee?, dachte ich, als ich zur Maschine hinüberging und den alten Kaffeesatz entfernte. Was sollte ich nur mit ihr tun? Sie war ja kein streunendes Kätzchen. Sie brauchte Hilfe. Professionelle Hilfe.

Ceri starrte mich an, und ihre Miene sah wieder wie betäubt aus. »Ich …«, stotterte sie und sah in ihrer prunkvollen Kleidung ängstlich und klein aus. Ich schaute auf meine Jeans herunter und auf den roten Pullover, den ich trug. Ich hatte immer noch meine Schneestiefel an und fühlte mich wie ein Trottel.

»Hier«, sagte ich und schob ihr einen Stuhl hin. »Ich mache dir einen Tee.« Drei Schritte vorwärts, einer zurück, dachte ich, als sie den Stuhl verschmähte, den ich ihr angeboten hatte, und sich stattdessen auf den vor Ivys Computer setzte. Tee war wahrscheinlich angemessener, wenn man daran dachte, dass sie über tausend Jahre alt war. Kannte man im Mittelalter überhaupt Kaffee?

Ich starrte gerade in meine Schränke und versuchte mich daran zu erinnern, wo ich meine Teekanne aufbewahrte, als Jenks und ungefähr fünfzehn seiner Kinder in den Raum geflogen kamen und alle gleichzeitig zu reden begannen. Die Stimmen waren so hoch, und sie sprachen so schnell, dass ich davon Kopfweh bekam. »Jenks«, bettelte ich mit einem Seitenblick auf Ceri. Sie sah schon jetzt überwältigt genug aus.

»Sie werden nichts tun«, wehrte er kampfeslustig ab. »Außerdem will ich, dass sie ihren Geruch einmal tief einatmen. Ich kann einfach nicht sagen, was sie ist, weil sie so heftig nach verbranntem Bernstein riecht. Wer ist sie überhaupt, und was hat sie barfuß in unserem Garten gemacht?«

»Ähm«, sagte ich, auf einmal wachsam. Pixies hatten einen ausgezeichneten Geruchssinn und konnten jederzeit erschnüffeln, was jemand war. Ich hatte eine böse Vermutung zu Ceris Spezies, und ich wollte wirklich nicht, dass Jenks es herausfand.

Ceri hob ihre Hand und lächelte engelsgleich, als prompt zwei Pixiemädchen darauf landeten. Ihre pink-grünen Seidenkleider bewegten sich in dem Luftzug, den ihre Libellenflügel verursachten. Sie plapperten glücklich vor sich hin, wie es Pixiemädchen so tun, scheinbar gedankenlos, während sie sich in Wirklichkeit ihrer gesamten Umgebung, bis hin zu der Maus hinter dem Kühlschrank, bewusst waren. Offensichtlich hatte Ceri schon früher Pixies gesehen, was sie zumindest zu einem Inderlander machte, wenn sie wirklich tausend Jahre alt war. Der Wandel, also die Zeit, als wir alle aus unseren Verstecken gekommen waren, um offen mit den Menschen zu leben, war erst vierzig Jahre her.

»Hey«, protestierte Jenks, als er sah, dass seine Kinder einen alleinigen Anspruch auf Ceri erhoben, und sie wirbelten hastig in einem Kaleidoskop von Farben und Geräuschen in die Luft und aus der Küche. Sofort nahm er ihren Platz ein und winkte seinen ältesten Sohn, Jax, heran, damit er sich auf dem Computerbildschirm vor ihr niederließ.

»Du riechst wie Trent Kalamack«, erklärte er undiplomatisch. »Was bist du?«

Eine Woge existenzieller Angst überkam mich, und ich wandte ihnen den Rücken zu. Verdammt, ich hatte recht. Sie war eine Elfe. Wenn Jenks das erfuhr, würde er es, sobald die Temperaturen über den Nullpunkt stiegen und er die Kirche wieder verlassen konnte, ganz Cincinnati erzählen. Trent wollte nicht, dass die Welt wusste, dass die Elfen den Wandel überlebt hatten, und er würde ohne zu zögern den gesamten Block mit Agent Orange besprühen lassen, um Jenks zum Schweigen zu bringen.

Ich drehte mich um, winkte Ceri panisch mit dem Finger und zog meinen Mund pantomimisch wie einen Reißverschluss zu. Dann fiel mir auf, dass sie wahrscheinlich keine Ahnung hatte, was das heißen sollte, und hielt einen Finger vor die Lippen. Sie warf mir einen fragenden Blick zu und sah dann Jenks an. »Ceri«, sagte sie ernst.

»Ja, ja«, erwiderte Jenks ungeduldig und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich weiß. Du Ceri. Ich Jenks. Aber was bist du? Bist du eine Hexe? Rachel ist eine Hexe.«

Ceri ließ ihren Blick kurz über mich gleiten. »Ich bin Ceri.«

Jenks’ Flügel verschwommen, und der Schein, den sie in der Luft hinterließen, wechselte von Blau zu Rot. »Jaaa«,

Titel der amerikanischen OriginalausgabeEVERY WHICH WAY BUT DEAD Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Taschenbuchausgabe 10/2011 Copyright © 2005 by Kim Harrison Copyright © 2011 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, Münchenin der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Satz: Leingärtner, Nabburg

eISBN: 978-3-641-09170-5

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