Blutkind - Kim Harrison - E-Book

Blutkind E-Book

Kim Harrison

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Beschreibung

Geliebt und gefürchtet – Vampirjägerin Rachel Morgan

Ihr Name: Rachel Morgan. Ihr Job: Kopfgeldjägerin. Ihre Aufgabe: Auf den Straßen von Cincinnati Vampire, Hexen und andere finstere Kreaturen zur Strecke zu bringen. Ihr Problem: Sie selbst hat eine düstere Vergangenheit ... Der Bestseller aus den USA: Mit ihrer Rachel-Morgan-Serie schreibt Kim Harrison Mystery-Thriller der neuen Generation!

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Seitenzahl: 1029

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Inhaltsverzeichnis
Das Buch
DIE RACHEL-MORGAN-SERIE:
Die Autorin
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Copyright
Das Buch
Nach einer weltumspannenden Seuche hat sich das Leben auf der Erde grundlegend verändert. Die magischen Wesen sind aus dem Schatten getreten. Vampire, Kobolde und andere Untote machen die Stadt unsicher. Dies sind die Abenteuer der Hexe und Kopfgeldjägerin Rachel Morgan, deren Job es ist, diese finsteren Kreaturen zur Strecke zu bringen.
Noch immer konnte der Mörder ihres Geliebten Kisten nicht gefasst werden. Zeit, um sich an die Fersen des Unbekannten zu heften, bleibt Rachel jedoch kaum, denn in Cincinnati häufen sich mysteriöse Überfälle auf die menschlichen Mitbürger. Ihrer Aura beraubt, überleben die Opfer die Angriffe nur schwer verletzt - oder gar nicht. Als Rachel an einem Tatort eine Banshee-Träne findet, wird ihr klar, dass die Bevölkerung Cincinnatis in allerhöchster Gefahr schwebt. Rachel nimmt die Verfolgung auf, doch schon bald gerät sie selbst ins Visier der Banshee …
DIE RACHEL-MORGAN-SERIE:
Bd. 1: Blutspur Bd. 2: Blutspiel Bd. 3: Blutjagd Bd. 4: Blutpakt Bd. 5: Blutlied Bd. 6: Blutnacht Bd. 7: Blutkind
Die Autorin
Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber - soweit sie sich erinnern kann - noch nie einem Vampir begegnet. Als einziges Mädchen in einer Großfamilie lernte sie rasch, ihre Barbies zur Selbstverteidigung einzusetzen. Sie spielt schlecht Billard und hat beim Würfeln meist Glück. Kim mag Actionfilme und Popcorn, hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond meist nicht auffindbar. Ihre Bestseller-Serie um die Abenteuer der schönen und tollkühnen Hexe Rachel Morgan ist in den USA längst Kult und begeistert auch hierzulande immer mehr Fans. Mehr Informationen unter: www.kimharrison.net
Für den Mann,der meine Sätze zu Ende spricht undmeine Witze versteht - sogar die schlechten.
1
Der blutige Handabdruck war verschwunden. Vom Fenster, wenn auch nicht aus meiner Erinnerung, und es machte mich wütend, dass jemand saubergemacht hatte. Als würden sie versuchen, mir das bisschen Erinnerung an die Nacht zu nehmen, in der er gestorben war. Wäre ich ehrlich zu mir selbst, müsste ich eingestehen, dass die Wut hauptsächlich projizierte Angst war. Aber ich war nicht ehrlich zu mir selbst. An den meisten Tagen war es auch besser so.
Ich unterdrückte ein Schaudern von der Dezemberkälte, die jetzt in dem verlassenen Schiff herrschte, das nicht länger auf dem Wasser lag, sondern im Trockendock. Ich stand in der winzigen Küche und starrte die milchige Plastikscheibe an, als könnte ich nur durch meinen Willen den verschmierten Fleck zurückholen. Nicht weit entfernt konnte ich einen Dieselzug hören, der über den Ohio fuhr. Fords Schuhe kratzten hart über die Metallleiter, und Sorge ließ mich die Stirn runzeln.
Das Federal Inderland Bureau hatte die Akte zu Kistens Mord offiziell geschlossen - die Inderland Security hatte nicht mal eine aufgemacht -, aber das FIB wollte mich trotzdem nicht ohne eine offizielle Begleitung auf ihr Gelände lassen. Nachdem Edden der Meinung war, ich bräuchte noch psychiatrische Beobachtung, ich aber nicht mehr zu weiteren Sitzungen kam, war das in diesem Fall der intelligente, unbeholfene Ford. Ich kam nicht mehr, seitdem ich auf der Couch eingeschlafen war und das gesamte Büro von Cincinnati mich schnarchen gehört hatte. Ich brauchte keine Beobachtung. Was ich brauchte, war etwas - irgendwas -, das mein Gedächtnis wiederherstellte. Wenn es dafür einen blutigen Handabdruck brauchte, dann sollte es wohl so sein.
»Rachel? Warte auf mich«, rief der FIB-Psychiater, was meine Sorge in Verdruss verwandelte. Als könnte ich nicht damit umgehen? Ich bin ein großes Mädchen. Außerdem gab es gar nichts mehr zu sehen; das FIB hatte alles saubergemacht. Ford war offensichtlich schon vor mir hier gewesen - zu schließen aus der Leiter und der unverschlossenen Tür - und hatte sichergestellt, dass vor unserer Verabredung alles angemessen aufgeräumt war.
Das Klappern von Ledersohlen auf Teak trieb mich vorwärts. Ich entschränkte meine Arme und streckte eine Hand nach dem kleinen Tisch aus, um mich abzustützen, während ich aufs Wohnzimmer zuhielt. Der Boden bewegte sich nicht, was sich seltsam anfühlte. Jenseits der kurzen grauen Vorhänge vor den jetzt sauberen Fenstern sah ich schmutzig graue und leuchtend blaue Abdeckplanen von Booten im Trockendock und den Boden fast zwei Meter unter uns.
»Würdest du bitte warten?«, fragte Ford wieder und verdunkelte den Eingang, als er eintrat. »Ich kann dir nicht helfen, wenn du einen Raum weiter bist.«
»Ich warte ja«, grummelte ich, blieb stehen und zog meine Schultertasche zurecht. Obwohl er versucht hatte, es zu verstecken, hatte Ford seine Schwierigkeiten damit gehabt, die Leiter zu erklimmen. Ich fand die Vorstellung von einem Psychiater mit Höhenangst witzig, bis das Amulett um seinen Hals sich leuchtend pink verfärbt hatte und sein Gesicht vor Scham rot angelaufen war. Er war ein guter Mensch, der seine eigenen Dämonen zu beherrschen hatte. Er hatte es nicht verdient, dass ich ihn aufzog.
Fords Atmung beruhigte sich in dem kühlen Schweigen. Bleich, aber entschlossen, griff er nach dem Tisch. Sein Gesicht war weißer als sonst, was seine kurzen schwarzen Haare und seine braunen, seelenvollen Augen noch betonte. Meinen Gefühlen zuzuhören war anstrengend, und ich wusste es zu schätzen, dass er durch meinen emotionalen Dreck watete, um mir dabei zu helfen, herauszufinden, was passiert war.
Ich schenkte ihm ein dünnes Lächeln, und Ford öffnete die ersten paar Knöpfe seines Mantels, um ein schlichtes Baumwollhemd und das Amulett freizulegen, das er immer bei der Arbeit trug. Der metallene Kraftlinienzauber war eine sichtbare Darstellung der Emotionen, die er empfing. Er spürte die Gefühle, egal, ob er den Zauber trug oder nicht, aber die Leute um ihn herum hatten zumindest eine Illusion von Privatsphäre, wenn er es abnahm. Ivy, meine Mitbewohnerin und Geschäftspartnerin, hielt es für dämlich, zu versuchen, Hexenmagie mit menschlicher Psychologie zu bekämpfen, um mein Gedächtnis wiederherzustellen, aber ich war verzweifelt. Ihre Versuche, herauszufinden, wer Kisten umgebracht hatte, führten zu nichts.
Fords Erleichterung, wieder von Wänden umgeben zu sein, war fast greifbar. Als ich sah, dass er seine Umklammerung am Tisch löste, ging ich auf die enge Tür zum Wohnzimmer und dem Rest des Bootes zu. Der entfernte Geruch von Vampir und Nudeln stieg mir in die Nase - eine Einbildung, ausgelöst von Erinnerungen. Es war fünf Monate her.
Ich biss die Zähne zusammen und hielt meine Augen auf den Boden gerichtet, weil ich den zerbrochenen Türrahmen nicht sehen wollte. Auf dem Teppich waren Schmutzspuren, die vorher nicht da gewesen waren. Flecken, die nachlässige Leute hinterlassen hatten, die Kisten nicht gekannt hatten, ihn niemals lächeln gesehen hatten, nicht wussten, wie seine Augenwinkel kleine Falten warfen, wenn es ihm gelungen war, mich zu überraschen. Eigentlich lag ein Inderlander-Tod ohne menschliche Beteiligung außerhalb der Zuständigkeiten des FIB, aber nachdem es der I. S. völlig egal war, dass mein Freund in ein Blutgeschenk verwandelt worden war, hatte sich das FIB nur für mich die Mühe gemacht.
Mord verjährte nicht, aber die Ermittlung war offiziell abgeschlossen worden. Dies war die erste Chance, die ich hatte, hier rauszukommen und zu versuchen, mein Gedächtnis aufzufrischen. Jemand hatte meine Unterlippe angeschnitten, in dem Versuch, mich an ihn zu binden. Jemand hatte meinen Freund zweimal getötet. Jemand würde in einer Hölle von Schmerz leben, wenn ich herausfand, wer er war.
Mit einem flauen Gefühl im Magen schaute ich an Ford vorbei zu dem Fenster, wo der blutige Handabdruck gewesen war. Er war hinterlassen worden wie ein spöttisches Warnschild, ohne uns irgendwelche brauchbaren Fingerabdrücke zu geben. Feigling.
Das Amulett um Fords Hals kippte zu einem wütenden Schwarz. Er suchte meinen Blick, während er die Augenbrauen hochzog, und ich zwang meine Gefühle, sich zu beruhigen. Ich konnte mich an nichts erinnern. Jenks, meine Rückendeckung und ebenfalls mein Geschäftspartner, hatte mich mit einem Trank vergessen lassen, damit ich Kistens Mörder nicht verfolgte. Ich konnte es ihm nicht übelnehmen. Der Pixie war nur zehn Zentimeter groß, und es war für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, mich von einer Selbstmordmission abzuhalten. Ich war eine Hexe mit einer ungebundenen Vampirnarbe, und damit konnte ich mich keinem untoten Vampir entgegenstellen, egal, wie man es auch drehte und wendete.
»Bist du dir sicher, dass du dafür schon bereit bist?«, fragte Ford. Ich zwang meine Hand dazu, meinen Oberarm freizugeben. Wieder. Er pulsierte in einem längst vergangenen Schmerz, als eine Erinnerung sich bemühte, an die Oberfläche zu kommen. Angst breitete sich in mir aus. Die Erinnerung daran, dass ich auf der anderen Seite dieser Tür gestanden und versucht hatte, sie einzutreten, war alt. Es war fast die einzige Erinnerung, die ich an diese Nacht hatte.
»Ich will es wissen«, sagte ich, aber meine Stimme klang sogar in meinen eigenen Ohren unsicher. Ich hatte diese verfickte Tür eingetreten. Ich hatte den Fuß benutzt, weil mein Arm zu wehgetan hatte, um ihn zu bewegen. Ich hatte zu dieser Zeit geheult, und meine Haare hatten vor meinem Gesicht gehangen. Ich hatte die Tür eingetreten.
Eine weitere Erinnerung tauchte auf, und mein Puls raste, als etwas hinzugefügt wurde: Ich war rückwärts gefallen und gegen eine Wand geknallt. Mein Kopf war gegen eine Wand geschlagen. Ich hielt den Atem an und starrte durch das Wohnzimmer und auf die nichtssagende Wandverkleidung. Genau da. Ich erinnere mich.
Ford kam mir ungewöhnlich nah. »Du musst es nicht auf diese Art machen.«
In seinen Augen stand Mitleid. Mir gefiel nicht, dass er es meinetwegen empfand. Sein Amulett wurde silbern, als ich meinen Willen sammelte und durch den Türrahmen trat. »Doch«, sagte ich entschlossen. »Selbst wenn ich mich an nichts erinnere, könnten die FIB-Kerle etwas übersehen haben.«
Das FIB war fantastisch darin, Informationen zu sammeln, sogar besser als die I. S. Das mussten sie auch sein, weil die menschlich geführte Behörde sich darauf verlassen musste, Beweise zu finden, statt den Raum auf Gefühle zu untersuchen oder Hexenzauber zu verwenden, um festzustellen, wer das Verbrechen begangen hatte und warum. Aber jeder konnte einmal etwas übersehen, und das war einer der Gründe, warum ich hier war. Und um mein Gedächtnis wiederzufinden. Jetzt, wo ich hier war, hatte ich Angst. Mein Kopf war gegen die Wand geschlagen … genau da drüben.
Ford kam hinter mir in den Raum und beobachtete mich, während ich das Wohnzimmer mit der niedrigen Decke scannte, das sich von einer Seite des Bootes bis zur anderen zog. Es sah völlig normal aus, mal abgesehen von der Skyline von Cincy, die durch die schmalen Fenster sichtbar war. Ich legte eine Hand auf den Bauch, als mein Magen sich verkrampfte. Ich musste das tun, egal, woran ich mich erinnerte.
»Ich meinte«, sagte Ford, »dass es noch andere Wege gibt, sich zu erinnern.«
»Wie Meditation?«, fragte ich. Es war mir immer noch peinlich, dass ich in seinem Büro eingeschlafen war. Ich spürte die Anfänge von Stress-Kopfweh und stiefelte an der Couch vorbei, auf der Kisten und ich zu Abend gegessen hatten, an dem Fernseher mit dem lausigen Empfang - nicht, dass wir je wirklich hingesehen hätten - und an der Bar vorbei. Langsam legte ich eine Hand auf die Stelle, wo mein Kopf aufgeschlagen war und rollte die Finger ein, als meine Hand anfing zu zittern. Mein Kopf war gegen die Wand geknallt. Wer hat mich gestoßen? Kisten? Sein Killer? Aber die Erinnerung war nur bruchstückhaft. Mehr gab es nicht.
Ich wandte mich ab und steckte die Hand in die Tasche, um ihr Zittern zu verbergen. Mein Atem bildete eine fast unsichtbare Wolke vor meinem Gesicht, und ich zog den Mantel enger um mich. Der Zug war schon längst vorbei. Außer wehenden Planen bewegte sich nichts vor den Fenstern. Mein Instinkt sagte mir, dass Kisten nicht in diesem Raum gestorben war. Ich musste tiefer gehen.
Ford sagte nichts, als ich in den schmalen, dunklen Flur trat, fast blind, bis meine Augen sich anpassten. Mein Puls beschleunigte sich, als ich an dem winzigen Bad vorbeikam, in dem ich die Kappen anprobiert hatte, die Kisten mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich wurde langsamer, hörte auf meinen Körper und stellte fest, dass ich die Fingerspitzen aneinanderrieb, weil sie brannten.
Meine Haut kribbelte, und ich stoppte, starrte auf meine Hände und erkannte die Erinnerung von Teppich unter meinen Fingern, heiß von der Reibung. Ich hielt den Atem an, als neue Gedanken an die Oberfläche kamen, geboren aus der längst vergangenen Empfindung. Terror, Hilflosigkeit. Ich war diesen Flur entlanggeschleppt worden.
Erinnerte Panik stieg auf. Ich unterdrückte sie und zwang mich dazu, ruhig auszuatmen. Die Linien, die ich im Teppich hinterlassen hatte, waren verschwunden, als das FIB gesaugt hatte, um eventuelle Spuren zu finden, und sie waren aus meinem Gedächtnis getilgt durch einen Zauber. Nur mein Körper hatte sich erinnert und dadurch jetzt auch mein Bewusstsein.
Ford stand schweigend hinter mir. Er wusste, dass etwas in meinem Hirn vorging. Vor mir war die Tür zum Schlafzimmer, und meine Angst wurde stärker. Dort war es geschehen. Dort hatte Kisten gelegen, sein Körper verletzt und misshandelt, ans Bett gelehnt, seine Augen silbrig und wirklich tot. Was, wenn ich mich an alles erinnere? Hier vor Ford, und dann zusammenbreche?
»Rachel.«
Ich zuckte erschreckt zusammen, und Ford verzog das Gesicht. »Wir können es auch anders machen«, drängte er sanft. »Die Meditation hat nicht funktioniert, aber vielleicht klappt es mit Hypnose. Das verursacht weniger Stress.«
Ich schüttelte den Kopf, trat vor und griff nach der Klinke zu Kistens Zimmer. Meine Finger waren bleich und kalt. Sie sahen aus wie meine, aber gleichzeitig auch nicht. Hypnose war eine falsche Ruhe, welche die Panik fernhalten würde, bis ich mitten in der Nacht allein war. »Mir geht es gut«, sagte ich und schob die Tür auf. Mit einem tiefen Atemzug trat ich ein.
Der große Raum war kalt, weil die großen Fenster, die das Sonnenlicht hineinließen, wenig Schutz gegen die Kälte boten. Ich drückte den Arm gegen den Körper und schaute zu der Stelle, wo Kisten am Bett gelehnt hatte. Kisten. Da war nichts. Mein Herz schmerzte, weil ich ihn vermisste. Hinter mir begann Ford, seltsam gleichmäßig zu atmen, und versuchte so, meine Gefühle davon abzuhalten, ihn zu überwältigen.
Jemand hatte den Teppich an der Stelle gereinigt, an der Kisten zum zweiten Mal und damit endgültig gestorben war. Nicht, dass es viel Blut gegeben hatte. Das Fingerabdruckpulver war verschwunden, aber die einzigen Abdrücke, die sie gefunden hatten, waren von mir, Ivy und Kisten - über die Wohnung verstreut wie Wegweiser. Von seinem Mörder hatte es keine gegeben. Nicht einmal auf Kistens Leiche. Die I. S. hatte die Leiche wahrscheinlich zwischen dem Zeitpunkt gesäubert, als ich vom Schiff gestürmt war, um einen Vampir in den Arsch zu treten, und meiner verwirrten Rückkehr zusammen mit dem FIB, nachdem ich alles vergessen hatte.
Die I. S. wollte nicht, dass der Mord aufgeklärt wurde, ein Gefallen für den Vampir, dem Kistens letztes Blut als Geschenk gegeben worden war. Anscheinend kamen Inderlander-Traditionen vor Gesetzen. Genau die Leute, für die ich einmal gearbeitet hatte, vertuschten jetzt dieses Verbrechen, und das machte mich sauer.
Meine Stimmung schwankte zwischen rasender Wut und entkräftendem Herzschmerz. Ford keuchte, und ich versuchte, mich zu entspannen, und wenn auch nur für ihn. Ich blinzelte die drohenden Tränen zurück, starrte an die Decke und zählte langsam von zehn rückwärts, eine der sinnlosen Übungen, die Ford mir gezeigt hatte, um einen leichten Meditationszustand zu erreichen.
Zumindest war Kisten das Elend erspart geblieben, für das Vergnügen eines anderen ausgeblutet zu werden. Er war schnell hintereinander zweimal gestorben, wahrscheinlich beide Male, um mich vor dem Vampir zu retten, dem er geschenkt worden war. Seine Autopsie hatte auch nichts geholfen. Was auch immer ihn beim ersten Mal getötet hatte, war vom Vampirvirus geheilt worden, bevor er nochmal gestorben war. Und wenn das wahr war, was ich Jenks erzählt hatte, bevor ich mein Gedächtnis verloren hatte, dann war er beim zweiten Mal gestorben, weil er seinen Angreifer gebissen und ihr untotes Blut gemischt hatte, um sie beide umzubringen. Unglücklicherweise war Kisten noch nicht lange untot gewesen. Es hatte seinen älteren Angreifer vielleicht nur verletzt zurückgelassen. Ich wusste es einfach nicht.
Ich erreichte in meinem Kopf die Null und ging, jetzt ruhiger, zur Kommode. Darauf stand ein flacher Karton, und der Schmerz ließ mich fast zusammenklappen, als ich ihn erkannte.
»Oh, Gott«, flüsterte ich. Ich streckte die Hand aus, ballte sie zu einer Faust, nur um die Finger dann langsam wieder zu öffnen und ihn zu berühren. Es war das Spitzen-Negligé, das Kisten mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich hatte vergessen, dass es hier war.
»Es tut mir leid«, sagte Ford rau. Mein Blick war von Tränen verschleiert, als ich ihn ansah, wie er in sich zusammengesunken auf der Türschwelle stand.
Ich presste die Augen zu, um die Tränen herauszudrücken, und hielt den Atem an. Mein Herz klopfte wie wild, und ich holte einmal keuchend Luft, nur um sie dann in meinem Kampf um Kontrolle wieder anzuhalten. Verdammt nochmal, er hatte mich geliebt, und ich ihn. Es war nicht fair. Es war nicht richtig. Und es war wahrscheinlich meine Schuld.
Ein sanftes Geräusch von der Schwelle verriet mir, dass Ford um Beherrschung kämpfte, und ich zwang mich, zu atmen. Ich musste mich zusammenreißen. Ich tat Ford weh. Er fühlte alles, was ich fühlte, und ich schuldete ihm eine Menge. Ford war der Grund, warum ich nicht zur Befragung zum FIB geschleppt worden war, obwohl ich ab und zu für sie arbeitete. Er war menschlich, aber sein Fluch, die Gefühle anderer spüren zu können, war besser als ein Lügendetektortest oder ein Wahrheitszauber. Er wusste, dass ich Kisten geliebt hatte und panische Angst vor dem hatte, was hier passiert war. »Bist du in Ordnung?«, fragte ich, als sein Atem sich wieder etwas beruhigte.
»Prima. Und du?«
»Einfach super«, sagte ich und umklammerte die Platte der Kommode. »Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass es so schlimm werden würde.«
»Ich wusste, worauf ich mich einlasse, als ich zugestimmt habe, dich hier rauszubringen«, antwortete er und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, die ich für mich selbst nicht mehr weinen würde. »Ich kann ertragen, was du austeilst, Rachel.«
Ich wandte mich ab, voller Schuldgefühle. Ford blieb, wo er war, weil der Abstand ihm dabei half, mit der Überlastung fertigzuwerden. Er berührte niemals jemanden, außer aus Versehen. Es musste ein schreckliches Leben sein. Aber als ich mich von der Kommode abstieß, fühlte ich ein sanftes Ziehen an meinen Fingerspitzen, die an der Unterseite der Kommodendeckplatte lagen. Klebrig. Ich schnüffelte an meinen Fingern und roch einen leisen Hauch von Treibmittel.
Klebseide. Jemand hatte Klebseide benutzt und sie an der Unterseite der Kommode abgewischt. Ich? Kistens Mörder? Klebseide funktionierte nur bei Pixies und Fairys. Für jeden anderen war es nur irritierend, ein wenig wie Spinnweben. Jenks war nicht mitgekommen, weil es zu kalt war, aber vielleicht wusste er auch mehr, als er zugab.
Mein Herzschmerz ließ bei der Ablenkung ein wenig nach. Ich kniete mich hin, grub in meiner Tasche nach der Stiftlampe und leuchtete unter den Rand der Kommode. Ich würde darauf wetten, dass hier niemand nach Fingerabdrücken gesucht hatte. Ford kam näher. Ich schaltete die Lampe aus und stand auf. Ich wollte nicht die Gerechtigkeit des FIB: Ich wollte meine. Ivy und ich würden später nochmal kommen und selbst alles untersuchen. Die Decke nach Resten von Kohlenwasserstoffen absuchen. Und Jenks schütteln, um herauszufinden, wie lange er in dieser Nacht bei mir war.
Fords Missbilligung war fast greifbar, und ich wusste, dass sein Amulett leuchtend rot sein würde, weil er meinen Ärger fühlte. Mir war es egal. Ich war wütend, und das war besser, als in alle Einzelteile zu zerfallen. Mit neuer Entschlossenheit wandte ich mich dem Rest des Raumes zu. Ford hatte den verschmierten Fleck selbst gesehen. Das FIB würde die Akte wieder öffnen, wenn ich einen einzigen guten Abdruck fand - natürlich außer dem, den ich gerade hinterlassen hatte. Das konnte das letzte Mal sein, dass sie mich hier reinließen.
Ich lehnte mich mit verschränkten Armen gegen die Kommode und schloss die Augen in dem Versuch, mich zu erinnern. Nichts. Ich brauchte mehr. »Wo ist das Zeug?«, fragte ich, einerseits voller Erwartung und andererseits voller Angst vor dem, was in meinem Geist darauf wartete, aufzutauchen.
Ich hörte das Geräusch von raschelndem Plastik, dann gab Ford mir zögernd ein paar Beweismitteltüten und einen Stapel Fotos. »Rachel, wenn es einen verwendbaren Abdruck gibt, sollten wir gehen.«
»Das FIB hatte fünf Monate«, gab ich nervös zurück, als ich ihm die Sachen abnahm. »Jetzt bin ich dran. Und erzähl mir keinen Mist darüber, dass ich Beweismittel zerstören könnte. Die gesamte Abteilung war hier drin. Wenn es einen Abdruck gibt, gehört er wahrscheinlich einem von ihnen.«
Er seufzte, als ich mich zur Kommode umdrehte und die Plastiktüten ausbreitete, mit der beschrifteten Seite nach unten. Als Erstes griff ich nach den Fotos, und mein Blick hob sich zum Spiegelbild des Raumes hinter mir.
Ich steckte das Bild von dem verschmierten, blutigen Handabdruck auf dem Küchenfenster nach hinten, dann ordnete ich den Stapel, in dem ich ihn ein paarmal geschäftsmäßig auf die Platte fallen ließ. Vom Handabdruck empfing ich nichts außer dem Gefühl, dass er weder mir noch Kisten gehörte.
Das Bild von Kisten war Gott sei Dank nicht dabei. Ich durchquerte mit einem Foto von der Delle in der Wand den Raum. Ford schwieg, als ich die Verkleidung berührte, und ich beschloss, dass die Abwesenheit von Phantomschmerz sagte, dass ich sie nicht gemacht hatte. Hier drin hatte es noch einen anderen Kampf gegeben außer meinem. Um mich wahrscheinlich.
Ich schob das Foto hinter den Stapel. Darunter erschien eine Großaufnahme von einem Sohlenabdruck, der unter der Fensterreihe aufgenommen worden war. Mein Kopf begann zu pulsieren, und durch diese Warnung wusste ich, dass etwas da war, versteckt in meinem Geist. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang ich mich zu den Fenstern, kniete mich hin und ließ eine Hand über den glatten Teppich gleiten. Ich hoffte auf eine Erinnerung, obwohl ich sie gleichzeitig fürchtete. Der Abdruck stammte von Lederschuhen. Nicht Kistens. Dafür waren sie zu gewöhnlich. Kisten hatte in seinem Schrank nur die neueste Mode. War der Schuh schwarz oder braun?, dachte ich und versuchte, etwas an die Oberfläche zu zwingen.
Nichts. Frustriert schloss ich die Augen. In meinen Gedanken vermischte sich der Geruch nach vampirischem Räucherwerk mit einem unbekannten Aftershave. Ich zitterte innerlich und ohne mir darüber Gedanken zu machen, was Ford wohl dachte, drückte ich meine Nase gegen den Teppich, um tief den Geruch der Fasern einzuatmen. Etwas … irgendwas … Bitte …
Panik hob sich an den Rändern meines Bewusstseins, und ich zwang mich selbst, tiefer zu atmen. Während primitive Schalter in meinem Hirn sich umlegten und Gerüchen Namen gaben, war es mir egal, dass mein Hintern in die Luft stand. Moschusartige Schatten, die niemals Sonne sahen. Der süßliche Geruch von vermodertem Wasser. Das setzte sich zu Untoten zusammen. Wäre ich ein Vampir gewesen, hätte ich Kistens Killer vielleicht nur durch den Geruch finden können, aber ich war eine Hexe.
Angespannt atmete ich wieder ein, während ich mir das Hirn zermarterte und nichts fand. Langsam verebbte die Panik, und mein Kopfschmerz ließ nach. Ich atmete erleichtert auf. Falscher Alarm. Hier war nichts. Es war nur ein Teppich, und mein Geist hatte Gerüche erfunden, um mein Bedürfnis nach Antworten zu stillen. »Nichts«, murmelte ich in den Teppich und holte noch einmal tief Luft, bevor ich mich aufsetzte.
Terror durchzuckte mich, als ich den Geruch von Vampir witterte. Schockiert kämpfte ich mich auf die Beine und starrte auf den Teppich, als wäre ich verraten worden. Verdammt.
Kalter Schweiß überzog meine Haut, als ich mich abwandte. Ivy. Ich werde sie bitten, später hierherzukommen und am Teppich zu riechen, dachte ich, dann lachte ich fast auf. Ich unterdrückte es in einem Gurgeln und tat dann so, als müsste ich husten. Mit kalten Fingern wechselte ich zum nächsten Foto.
Oh, noch besser, dachte ich sarkastisch. Kratzspuren auf der Wandverkleidung. Ich atmete schnell, und als meine Fingerspitzen anfingen zu pulsieren, schoss mein Blick direkt zu der Wand neben dem winzigen Schrank. Fast hechelnd starrte ich, weigerte mich aber, hinüberzugehen und zu prüfen, ob meine Finger zu den Kratzern passten. Ich hatte genauso viel Angst, mich an etwas zu erinnern, wie ich es wollte. Ich hatte keine Erinnerung daran, diese Spuren hinterlassen zu haben, aber mein Körper offensichtlich schon.
Ich hatte der Angst schon öfter ins Gesicht geblickt. Ich kannte helle, leuchtende Angst, wenn der Tod auf einen zukommt und man nur reagieren kann. Ich kannte die Übelkeit erregende Mischung aus Angst und Hoffnung, wenn der Tod sich langsam anschleicht und man verzweifelt nach einem Weg sucht, zu entkommen. Ich war mit alter Angst aufgewachsen, die Art, die immer in der Nähe lauert, Tod am Horizont, so unausweichlich, dass sie ihre Macht verliert. Aber diese Panik ohne sichtbaren Grund war etwas Neues. Ich zitterte, während ich versuchte, einen Weg zu finden, damit umzugehen. Vielleicht kann ich sie ignorieren. Bei Ivy funktioniert es.
Ich räusperte mich und bemühte mich um den Eindruck von Unbekümmertheit, als ich die übrigen Bilder auf der Kommode ausbreitete, aber ich konnte niemanden täuschen.
Verschmiertes Blut - keine Tropfen, sondern verschmiert. Kistens, den FIB-Kerlen zufolge. Ein Bild von einer kaputten Schublade, die wieder geschlossen worden war. Noch ein nutzloser blutiger Handabdruck auf dem Deck, wo Kistens Mörder über die Reling gesprungen war. Nichts davon berührte mich wie die Kratzer oder der Teppich. Ich kämpfte mit dem Wunsch nach Gewissheit, hatte aber Angst, mich zu erinnern.
Langsam beruhigte sich mein Puls, und meine Schultern entspannten sich ein wenig. Ich legte die Bilder beiseite, überging die Tüten mit vom FIB aufgesaugtem Staub und Fusseln, in denen ich zwischen den Wollmäusen auch rote Haare sehen konnte. Ich beobachtete mich selbst im Spiegel, als ich den Haargummi in einer der durchsichtigen Beweismitteltüten berührte. Es war einer von meinen, und er hatte in dieser Nacht dabei geholfen, meinen Zopf geflochten zu halten. Ein dumpfes Pochen auf meiner Kopfhaut drang in mein Bewusstsein, und Ford bewegte sich unruhig.
Scheiße, der Gummi bedeutete irgendwas.
»Rede mit mir«, bat Ford. Ich drückte durch das Plastik meinen Daumen auf das Gummiband und versuchte, die Angst davon abzuhalten, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Die Beweise wiesen auf mich als Kistens Mörder hin, daher auch das nicht wirklich versteckte Misstrauen, das ich inzwischen im FIB spürte, aber ich war es nicht gewesen. Ich war hier gewesen, aber ich hatte die Tat nicht begangen. Zumindest Ford glaubte mir. Jemand hatte schließlich die verfickten blutigen Handabdrücke hinterlassen.
»Der gehört mir«, sagte ich leise, damit meine Stimme nicht zitterte. »Ich glaube … jemand hat meinen Zopf gelöst.« Ich fühlte mich unwirklich, als ich die Tüte umdrehte, um festzustellen, dass er im Schlafzimmer gefunden worden war, und eine Panikwelle erhob sich aus dem Nichts. Mein Herz raste, aber ich zwang mich dazu, ruhig zu atmen. Erinnerungen tröpfelten in meinen Kopf, aber nichts davon half mir weiter. Finger in meinem Haar. Mein Gesicht gegen die Wand gepresst. Kistens Mörder, der meine Haare aus dem Zopf löste. Kein Wunder, dass ich in den letzten fünf Monaten Jenks’ Kinder nicht an mein Haar gelassen hatte oder dass ich ausgetickt war, als Marshal mir eine Strähne hinters Ohr geschoben hatte.
Mit einem mulmigen Gefühl ließ ich die Tüte fallen, dann wurde mir schwindlig, und mein Blickfeld verengte sich. Wenn ich in Ohnmacht fiel, würde Ford jemanden rufen, und das wäre es dann. Ich wollte es wissen. Ich musste.
Der letzte Beweis war vernichtend, und ich drehte mich um, damit ich mich mit dem Rücken an die Kommode lehnen konnte. Ich schüttelte eine kleine, intakte blaue Kugel aus einer Ecke ihrer Tüte. Die Kugel war mit einem jetzt nicht mehr wirksamen Gute-Nacht-Trank gefüllt. Es war das Einzige in meinem Arsenal, was einen untoten Vampir zu Fall bringen konnte.
Die Haare in meinem Nacken prickelten, als sich ein neuer Gedanke breitmachte und der Hauch einer Erinnerung mir das Herz zusammenpresste. Ich stieß gequält die Luft aus und senkte den Kopf. Ich weinte, fluchte. Zielte mit meiner Splat Gun und zog den Abzug. Und lachend fing er den Zauber aus der Luft.
»Er hat ihn gefangen«, flüsterte ich und schloss die Augen, damit sie nicht überliefen. »Ich habe versucht, auf ihn zu schießen, und er hat den Zauber gefangen, ohne die Kugel zu zerstören.« Mein Handgelenk klopfte vor Schmerz, und eine weitere Erinnerung tauchte auf. Dünne Finger umklammerten mein Handgelenk. Meine Hand wurde taub. Ein Knall, als meine Splat Gun auf den Boden fiel.
»Er hat meine Hand gequetscht, bis ich meine Splat Gun fallen gelassen habe. Ich glaube, dann bin ich geflohen.«
Ängstlich sah ich zu Ford und bemerkte, dass sein Amulett ein grelles Purpur angenommen hatte. Meine kleine rote Splat Gun hatte nie gefehlt. Es war nie vermerkt worden, dass sie hier gewesen war. Alle meine Zauber waren vorhanden gewesen. Jemand hatte offensichtlich die Waffe dorthin zurückgebracht, wo sie hingehörte. Ich erinnerte mich nicht einmal daran, die Gute-Nacht-Tränke angefertigt zu haben, aber das hier war klar erkenntlich einer von meinen. Es war eine gute Frage, wo die anderen sechs geblieben waren.
In einem Anfall von Wut trat ich gegen die Kommode. Die Erschütterung konnte ich bis in die Hüfte spüren, und das Möbelstück knallte gegen die Wand. Es war dämlich, aber es fühlte sich gut an.
»Ähm, Rachel?«, sagte Ford, und ich trat mit einem Grunzen noch einmal zu.
»Mir geht’s prima!«, schrie ich und kämpfte die Tränen zurück. »Mir geht’s einfach super!« Aber meine Lippe pulsierte, wo jemand mich gebissen hatte; mein Körper bemühte sich, dafür zu sorgen, dass mein Geist sich erinnern konnte, aber ich ließ es einfach nicht zu. War es Kisten gewesen, der mich gebissen hatte? Sein Angreifer? Ich war Gott sei Dank nicht gebunden worden. Ivy hatte es bestätigt, und sie würde es wissen.
»Yeah, du siehst auch prima aus«, meinte Ford trocken. Ich zog meinen Mantel zu und meine Tasche höher auf die Schulter. Er lächelte über meinen Wutausbruch, und das machte mich nur noch wütender.
»Hör auf, mich auszulachen«, sagte ich. Sein Lächeln wurde breiter, und er nahm sein Amulett ab und steckte es weg, als wären wir fertig. »Und damit bin ich noch nicht fertig«, erklärte ich, als er anfing, die Bilder einzusammeln.
»Doch, bist du«, antwortete er, und ich runzelte die Stirn über die untypische Sicherheit in seiner Stimme. »Du bist wütend. Das ist besser als verwirrt oder in Trauer. Ich benutze ungern Klischees, aber jetzt kannst du nach vorne schauen.«
»Popeliges Psychogeschwätz«, spottete ich und schnappte mir die Beweismitteltüten, bevor er auch die einsammeln konnte. Aber er hatte Recht. Ich fühlte mich besser. Ich hatte mich an etwas erinnert. Vielleicht war die menschliche Wissenschaft doch genauso stark wie Hexenmagie. Vielleicht.
Ford nahm mir die Tüten aus der Hand. »Rede mit mir«, sagte er und stand vor mir wie ein Felsen.
Meine gute Laune wurde verdrängt von dem Wunsch, zu fliehen. Ich schnappte mir den Karton von der Kommode und schob mich an ihm vorbei. Ich musste hier raus. Ich musste Abstand zwischen mich und die Kratzspuren an der Wand bringen. Ich konnte das Negligé, das Kisten mir geschenkt hatte, niemals tragen, aber ich konnte es auch nicht hierlassen. Ford sollte murren, so viel er wollte, dass ich Beweismittel vom Tatort entfernte. Beweise wofür? Dass Kisten mich geliebt hatte?
»Rachel«, sagte Ford, als er mir folgte. »Woran erinnerst du dich? Ich empfange nur Gefühle. Ich kann nicht zurückkommen und Edden erzählen, du hättest dich an nichts erinnert.«
»Klar kannst du das.« Ich ging mit schnellen Schritten und eingeschalteten Scheuklappen durch das Wohnzimmer.
»Nein, kann ich nicht«, sagte er und holte mich an der zerstörten Tür ein. »Ich bin ein grauenhafter Lügner.«
Mich schauderte, als ich über die Schwelle trat, aber vor mir lockte die kalte Helligkeit des Spätnachmittags, und ich schlurfte auf die Tür zu. »Lügen ist einfach«, meinte ich bitter. »Erfinde einfach was und tu so, als wäre es real. Mache ich ständig.«
»Rachel.«
Ford streckte die Hand aus und hielt mich an der Brücke auf. Ich war überrascht. Er trug Winterhandschuhe und hatte nur meinen Mantel berührt, aber es zeigte, wie aufgebracht er war. Die Sonne glitzerte auf seinem schwarzen Haar, und er blinzelte in das helle Licht. Der kalte Wind bewegte seinen Pony. Ich musterte sein Gesicht, weil ich einen Grund dafür finden wollte, ihm zu erzählen, woran ich mich erinnert hatte und dafür, die Sie-gegen-uns-Einstellung zwischen Menschen und Inderlandern zu ignorieren und einfach seine Hilfe anzunehmen. Hinter ihm erhob sich Cincinnati in all seiner abwechslungsreichen, gemütlichen Unordnung, die Straßen zu eng und die Hügel zu steil, und ich konnte die Sicherheit spüren, die so viele verbundene Leben ausstrahlten.
Ich senkte den Blick auf meine Füße und die zerfledderten Reste eines Blattes, das der Wind dort hatte fallen lassen. Fords Schultern entspannten sich, als er fühlte, wie meine Entschlossenheit ins Wanken kam. »Ich habe mich an dies und das erinnert«, erklärte ich schließlich. »Kistens Mörder hat meine Haare aus dem Zopf befreit, bevor ich die Tür aus dem Rahmen getreten habe. Ich bin diejenige, die die Kratzer neben dem Schrank hinterlassen hat, aber ich erinnere mich nur daran, dass ich sie gemacht habe, nicht vor wem ich … fliehen wollte.« Ich ballte eine Hand zur Faust und stopfte sie in die Manteltasche, den Karton unter den Arm geklemmt.
»Der Splat Ball gehört mir. Ich erinnere mich daran, ihn abgeschossen zu haben.« Mein Hals war eng, als ich kurz zu ihm schaute und sein Mitgefühl erkannte. »Ich habe auf den anderen Vampir gezielt, nicht auf Kisten. Er hat … große Hände.« Ein neuer Stich von Angst durchschoss mich, und ich verlor fast die Kontrolle, als ich mich an das sanfte Gefühl dünner Finger an meinem Kinn erinnerte.
»Ich will, dass du morgen vorbeikommst«, sagte Ford mit vor Sorge gerunzelter Stirn. »Jetzt, wo wir etwas haben, womit wir arbeiten können, glaube ich, dass Hypnose alles zusammensetzen kann.«
Alles zusammensetzen? Hat er irgendeine Ahnung, worum zur Hölle er mich da bittet? Mein Gesicht wurde bleich, und ich zog mich zurück. »Nein.« Wenn Ford mich hypnotisierte, hatte ich keine Ahnung, was dabei auftauchen würde.
Ich floh. Ich tauchte unter der Reling hindurch und schwang meinen Körper auf die Leiter. Marshal wartete unten in seinem riesigen SUV, und ich wollte da drin sein, in heizungswarmer Luft, und versuchen, der Kälte davonzufahren, die Fords Worte in mir ausgelöst hatten. Ich zögerte, um darüber nachzudenken, ob ich den Karton fallen lassen oder weiter unter dem Arm halten sollte.
»Rachel, warte.«
Ich hörte das Klappern eines Schlosses, das wieder eingehängt wurde. Ich behielt den Karton unter dem Arm, stieg nach unten und schaute währenddessen auf die Seite des Bootes. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, die Leiter wegzunehmen, um ihn dort stranden zu lassen, aber das würde er wahrscheinlich in seinen Bericht schreiben. Außerdem hatte er sein Handy dabei.
Endlich erreichte ich den Boden. Mit gesenktem Kopf hielt ich auf Marshals Wagen zu, der in dem Labyrinth aus beschlagnahmten Booten hinter Fords stand. Marshal hatte angeboten, mich hier rauszubringen, nachdem ich mich darüber beschwert hatte, dass mein kleines rotes Auto in den Spurrillen und dem Schnee hier draußen stecken bleiben würde. Und da mein Auto wirklich nicht für Schnee gemacht war, hatte ich das Angebot angenommen.
Ich hatte Schuldgefühle, weil ich Fords Hilfe auswich. Ich wollte rausfinden, wer Kisten umgebracht und versucht hatte, mich zu seinem Schatten zu machen. Aber es gab ein paar Dinge, die ich für mich behalten wollte, wie zum Beispiel, wie ich eine ziemlich weit verbreitete, aber tödliche Krankheit überlebt hatte, die auch dafür verantwortlich war, dass ich Dämonenmagie entzünden konnte, oder was mein Dad in seiner Freizeit gemacht hatte, oder warum meine Mutter fast wahnsinnig geworden war in dem Versuch, mir zu verheimlichen, dass mein leiblicher Vater nicht der Mann gewesen war, der mich aufgezogen hatte.
Marshal wirkte besorgt, als ich in seinen SUV einstieg und die Tür zuknallte. Vor zwei Monaten war der Mann auf meiner Türschwelle erschienen, wieder zurück in Cincinnati, nachdem die Mackinaw Werwölfe sein Geschäft niedergebrannt hatten. Glücklicherweise hatte er sowohl sein Haus gerettet als auch das Boot, das sein Lebensunterhalt gewesen war - jetzt verkauft, um mit dem Geld seinen Master an der Universität von Cincy zu bezahlen. Wir hatten uns letztes Frühjahr kennengelernt, als ich oben im Norden war, um Jenks’ ältesten Sohn und Nick, meinen Exfreund, zu retten.
Wider besseres Wissen war ich ein paarmal mit ihm ausgegangen und hatte festgestellt, dass wir genug gemeinsam hatten, damit es vielleicht ganz gut funktionieren konnte - wenn ich nicht die Angewohnheit hätte, jeden in meiner Nähe umzubringen. Gar nicht zu reden von der Tatsache, dass er sich gerade erst von einer Psycho-Freundin getrennt hatte und nicht nach etwas Ernstem suchte. Das Problem war, dass wir uns beide gerne entspannten, indem wir etwas Sportliches machten, vom Joggen im Zoo bis zu Schlittschuhlaufen auf dem Fountain Square. Wir hielten es jetzt schon zwei Monate nett und platonisch, was meine Mitbewohner bis ins Mark erschütterte. Das Fehlen der stressigen Überlegung »Werden wir oder werden wir nicht?« war ein Segen. Meine normale Veranlagung zu ignorieren und unsere Beziehung stattdessen unverfänglich zu halten, war mir leichtgefallen. Ich hätte es nicht ertragen können, wäre er verletzt worden. Kisten hatte mich von dummen Träumen geheilt. Träume konnten Leute umbringen. Zumindest konnten meine das. Und taten es auch.
»Bist du okay?«, fragte Marshal, und in seiner tiefen Stimme mit dem nordischen Akzent lag echte Sorge.
»Super«, murmelte ich, als ich den Karton mit dem Negligé auf den Rücksitz warf und mir mit einem kalten Finger ein Auge wischte. Als ich sonst nichts mehr sagte, seufzte er und rollte das Fenster nach unten, um mit Ford zu sprechen. Ich war fast so weit, Ford zu beschuldigen, dass er Marshal gebeten hätte, mich hierher- und zurückzufahren, weil er gewusst hatte, dass ich eine Schulter zum Ausweinen brauchen würde. Obwohl er nicht mein Freund war, war Marshal die hundert Prozent bessere Lösung, als meine rohe Unruhe zurück nach Hause zu Ivy zu tragen.
Ford hielt auf meine Tür zu, und nicht auf Marshals. Der große Mann am Lenkrad drückte schweigend einen Knopf, um auch mein Fenster runterzulassen. Ich versuchte, es wieder zu schließen, aber er schaltete den Knopf aus. Ich warf ihm einen bösen Blick zu.
»Rachel«, sagte Ford, sobald er vor meinem Fenster stand. »Du wirst nicht für eine Minute die Kontrolle verlieren. So läuft das nicht ab.«
Verdammt, er hatte erraten, wovor ich Angst hatte. Ich runzelte die Stirn, peinlich berührt, weil er vor Marshal darüber sprach. »Wir müssen es auch nicht in meinem Büro machen, wenn dir da unbehaglich zumute ist«, fügte er hinzu. »Niemand muss es wissen.«
Mir war es egal, ob das FIB wusste, dass ich ihren Psychiater besuchte. Zur Hölle, wenn irgendwer in Behandlung musste, dann war das ich. Aber trotzdem … »Ich bin nicht verrückt«, murmelte ich, während ich die Lüftung auf mich ausrichtete.
Ford legte sanft eine Hand ins Fenster. »Du bist wahrscheinlich die geistig gesündeste Person, die ich kenne. Du wirkst nur verrückt, weil du mit einer Menge schräger Sachen klarkommen musst. Wenn du willst, dann gebe ich dir, sobald du entspannt bist, eine Möglichkeit, über alles, was du willst, zu schweigen, egal, unter welchen Umständen. Absolut vertraulich, nur zwischen dir und deinem Unterbewusstsein.« Überrascht starrte ich ihn an, und er fuhr fort: »Nicht mal ich muss wissen, was du für dich behältst.«
»Vor dir habe ich keine Angst«, meinte ich, aber meine Knie fühlten sich seltsam an. Was hat er über mich herausgefunden, was er nicht sagt?
Ford zuckte mit den Schultern. »Doch, hast du. Ich finde es süß.« Er warf einen Seitenblick auf Marshal und lächelte. »Großer böser Runner, der schwarze Hexen und Vampire zu Fall bringen kann, hat Angst vor meinem kleinen, hilflosen Selbst.«
»Ich habe keine Angst vor dir. Und du bist nicht hilflos!«, rief ich, während Marshal leise lachte.
»Dann wirst du es tun«, sagte Ford entschieden, und ich gab ein frustriertes Geräusch von mir.
»Yeah, was auch immer«, murmelte ich und spielte wieder an der Heizung herum. Ich wollte hier verschwinden, bevor er wirklich verstand, was in meinem Kopf vorging - und es mir dann mitteilte.
»Ich muss Edden von der Klebseide erzählen«, sagte Ford, »aber ich werde bis morgen warten.«
Meine Augen schossen zu der Leiter, die immer noch am Boot lehnte. »Danke.« Er nickte und reagierte auf die tiefe Dankbarkeit, von der ich wusste, dass er sie empfangen konnte. Meine Mitbewohnerin würde Zeit haben, hierherzukommen. Mit ihrem Spielzeug-Detektiv-Set, das sie wahrscheinlich irgendwo in ihren ordentlich beschrifteten Schrankfächern hatte, und mit dem sie jeden Fingerabdruck nehmen konnte, den sie brauchte. Und dann konnte sie auch am Teppich riechen.
Ford lächelte unergründlich. »Nachdem du nicht vorbeikommen wirst, wie wäre es, wenn ich heute Abend gegen … sechs komme? Irgendwo zwischen meinem Abendessen und deinem Mittagessen?«
Ich starrte ihn böse an - was für eine Unverfrorenheit. »Ich habe viel zu tun. Wie wäre es mit nächstem Monat?«
Er zog den Kopf ein, als wäre ihm etwas peinlich, aber er lächelte immer noch, als er meinen Blick erwiderte. »Ich will mit dir reden, bevor ich mit Edden spreche. Morgen. Drei Uhr.«
»Ich hole um drei meinen Bruder vom Flughafen ab«, sagte ich schnell. »Den Rest des Tages verbringe ich mit ihm und meiner Mutter. Tut mir leid.«
»Dann sehe ich dich um sechs.« Seine Stimme war fest. »Bis dahin bist du zu Hause, weil du deiner Mom und deinem Bruder entkommen wolltest und bereit bist für ein wenig Entspannung. Dafür kann ich dir auch einen Trick beibringen.«
»Gott! Ich hasse es, wenn du das tust.« Ich spielte an meinem Sicherheitsgurt herum, damit er endlich die Message schnallte und ging. Ich war eher peinlich als sauer darüber, dass er mich dabei erwischt hatte, wie ich versuchte, ihm auszuweichen. »Hey!« Als er sich umdrehte, um zu gehen, lehnte ich mich aus dem Fenster. »Erzähl niemandem, dass ich mein Gesicht in den Teppich gepresst habe, okay?«
Neben mir gab Marshal ein verwundertes Geräusch von sich, und ich drehte mich zu ihm um. »Und du auch nicht.«
»Kein Problem«, meinte er, legte den Gang ein und rollte ein paar Meter nach vorne. Mein Fenster wurde hochgefahren, und ich löste meinen Schal, als das Auto sich aufwärmte. Ford schaffte es im Schneematsch schließlich zurück zu seinem Auto und zog noch im Gehen sein Handy aus der Tasche. Das erinnerte mich an mein eigenes, das auf Vibration gestellt war, und ich holte mein Telefon aus meiner Tasche. Während ich es wieder laut stellte, fragte ich mich, wie ich Ivy erzählen sollte, woran ich mich erinnert hatte, ohne dass wir beide austickten.
Mit einem besorgten Geräusch kuppelte Marshall wieder aus, und ich hob den Kopf. Ford stand mit dem Telefon am Ohr neben seiner offenen Autotür. Ich bekam ein schlechtes Gefühl, als er wieder auf uns zukam. Es wurde schlimmer, als Marshal sein Fenster runterfuhr und Ford daneben stehen blieb. In den Augen des Psychiaters lag tiefe Sorge.
»Das war Edden«, sagte Ford, schloss sein Telefon und schob es zurück in seine Hosentasche. »Glenn ist verletzt worden.«
»Glenn!« Ich lehnte mich über die Mittelkonsole zu ihm und bekam dabei einen guten Schwung des Rotholzgeruches in die Nase, der von Marshall aufstieg. Der FIB-Detective war Eddens Sohn und ein guter Freund. Und jetzt war er verletzt. Meinetwegen? »Ist er in Ordnung?«
Marshal versteifte sich, und ich zog mich zurück. Ford schüttelte den Kopf und schaute über den nahen Fluss. »Er war außer Dienst und hat etwas untersucht, was er besser gelassen hätte. Sie haben ihn bewusstlos aufgefunden. Ich werde ins Krankenhaus fahren, um rauszufinden, wie viel Schaden sein Kopf genommen hat.«
Sein Kopf. Ford meinte sein Gehirn. Jemand hatte ihn zusammengeschlagen. »Ich komme mit«, sagte ich und griff nach dem Gurt.
»Ich kann dich rausfahren«, bot Marshal an, aber ich wickelte mir bereits den Schal wieder um den Hals und griff nach meiner Tasche.
»Nein danke, Marshal«, antwortete ich mit galoppierendem Puls und berührte ihn kurz an der Schulter. »Ford fährt sowieso hin. Ich … ähm, rufe dich später an, okay?«
Sorge stand in Marshals braunen Augen, aber er nickte. Sein schwarzes, sehr kurz geschnittenes Haar bewegte sich kaum. Es wuchs erst seit ein paar Monaten wieder, aber immerhin hatte er inzwischen wieder Augenbrauen. »Okay.« Er machte keinen Ärger, weil ich ihn so abservierte. »Pass auf dich auf.«
Ich atmete auf, schaute kurz zu Ford, der ungeduldig auf mich wartete, dann drehte ich mich wieder zu Marshal. »Danke«, sagte ich leise und küsste ihn impulsiv auf die Wange. »Du bist ein toller Kerl.«
Ich stieg aus und folgte mit schnellen Schritten Ford zu seinem Auto. Meine Gedanken rasten, und ich hatte ein mulmiges Gefühl, als ich darüber nachdachte, was wir im Krankenhaus vielleicht vorfinden würden. Jemand hatte Glenn verletzt. Sicher, er war ein FIB-Officer und ständig in der Gefahr, verletzt zu werden, aber ich hatte so ein Gefühl, dass ich irgendwas damit zu tun hatte. Es musste so sein. Ich war ein Albatros, ein Unglücksbringer.
Fragt nur Kisten.
2
»Wir nehmen den nächsten Aufzug«, sagte die penibel gekleidete Frau mit einem überfreundlichen Lächeln und zog ihre verwirrte Freundin zurück in den Flur. Die silbernen Türen schlossen sich vor Ford und mir.
Verwirrt schaute ich mich in dem riesigen Lift um. Das Ding war groß genug für eine Bahre. Ford und ich waren die einzigen Leute hier drin. Aber dann, kurz bevor die Türen sich endgültig schlossen, hörte ich sie noch flüstern: »Schwarze Hexe«. Das verriet mir alles, was ich wissen musste.
»Zum Wandel damit«, murmelte ich und zog meine Tasche höher auf die Schulter.
Neben mir brachte Ford Abstand zwischen sich und mich, weil er meine Wut spürte. Ich war keine schwarze Hexe. Okay, dann war meine Aura eben mit Dämonenschmutz überzogen. Und ja, ich war letztes Jahr gefilmt worden, als mich ein Dämon auf dem Arsch über die Straße zog. Und es half wahrscheinlich auch nicht, dass die ganze Welt wusste, dass ich einen Dämon in einen I. S.-Gerichtssaal beschworen hatte, um gegen Piscary auszusagen, Cincinnatis höchsten Vampir und den ehemaligen Meister meiner Mitbewohnerin. Aber ich war eine weiße Hexe. Oder?
Deprimiert starrte ich auf die matt silbernen Wände des Krankenhausaufzugs. Ford war eine dunkle Silhouette neben mir. Er hielt den Kopf gesenkt, während ich vor mich hin kochte. Ich war kein Dämon, der zurückgezogen wurde ins Jenseits, sobald die Sonne aufging, aber meine Kinder würden es sein - das hatte ich der illegalen Genmanipulation des inzwischen toten Kalamack senior zu verdanken. Er hatte, ohne es zu wissen, die Dämpfer und Ausgleichsmechanismen durchbrochen, welche die Elfen vor Jahrtausenden in das Genom der Dämonen gezaubert hatten, sodass letztendlich nur magisch behinderte Kinder überleben konnten. Die Elfen tauften die neue Spezies Hexen, erzählten uns Lügen und überzeugten uns, in dem großen Krieg auf ihrer Seite gegen die Dämonen zu kämpfen. Als wir die Wahrheit herausfanden, ließen wir sowohl die Elfen als auch die Dämonen im Stich, wanderten aus dem Jenseits aus und taten unser Bestes, unsere Ursprünge zu vergessen. Was uns hervorragend gelungen war, bis zu einem Punkt, wo ich die einzige Hexe war, die die Wahrheit kannte.
Ceri hatte die Lücken ergänzt, die ich aus Mr. Hastons Geschichtsunterricht in der sechsten Klasse behalten hatte. Sie war die Vertraute eines Dämons gewesen, bevor ich sie gerettet hatte, und hatte sich zwischen ihren Aufgaben, Dämonenflüche zu winden und Orgien zu organisieren, alles angelesen.
Niemand außer mir und meinen Partnern kannte die Wahrheit. Und Al, der Dämon, mit dem ich jeden Samstag eine feststehende Verabredung hatte. Und Newt, dem mächtigsten Dämon im Jenseits. Und dann war da noch Als Bewährungshelfer, Dali. Ich durfte auch Trent nicht vergessen und wem auch immer er es erzählt hatte, auch wenn das wahrscheinlich niemand war, nachdem es ziemlich dämlich von seinem Dad war, die genetische Straßensperre aufzulösen. Kein Wunder, dass sie im Wandel alle Gentechniker getötet hatten. Zu dumm nur, dass sie Trents Dad übersehen hatten.
Ford tänzelte nervös, dann zog er verschämt einen schwarzen Flachmann aus der Tasche, öffnete ihn, kippte den Kopf nach hinten und nahm einen Schluck.
Ich warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Es ist medizinisch«, erklärte er mit charmant gerötetem Gesicht, während er mit dem Schraubverschluss kämpfte, um die Flasche wieder zu verschließen.
»Na ja, wir sind in einem Krankenhaus«, meinte ich trocken, dann griff ich sie mir. Ford protestierte, als ich daran roch und sie dann vorsichtig an die Lippen führte. Ich riss die Augen auf. »Wodka?«
Der schmale Mann blickte noch betretener drein, nahm mir den Flachmann ab, verschloss ihn und steckte ihn wieder weg. Der Aufzug bimmelte, und die Türen öffneten sich. Vor uns lag ein Flur wie jeder andere im Gebäude, mit einem billigen Teppich und weißen Wänden mit einem Handlauf daran.
Meine Sorge um Glenn kam zurück, und ich schlurfte vorwärts. Ford und ich stießen beim Aussteigen aneinander, und ich wurde verlegen. Ich wusste, dass er nicht gerne andere berührte. »Kann ich mich an deinem Arm abstützen?«, fragte er, und ich schaute auf die Tasche, in die er die Flasche hatte verschwinden lassen.
»Dünnbrettbohrer«, sagte ich und streckte die Hand aus, wobei ich sorgfältig darauf achtete, nur seinen Mantel zu berühren.
»Ich bin nicht betrunken«, meinte er schlecht gelaunt und hängte seinen Arm in meinen ein, mit einer Bewegung, die absolut nicht romantisch war, eher verzweifelt. »Die Gefühle hier sind scharf. Der Alkohol hilft. Ich bin nah an der Überlastung, und da spüre ich lieber deine Gefühle als die von allen anderen.«
»Oh.« Ich fühlte mich geehrt, als ich mit ihm am Arm an zwei Pflegern vorbeiging, die einen Wäschekorb schoben. Meine gute Laune verschwand sofort wieder, als einer von ihnen flüsterte: »Sollen wir den Sicherheitsdienst rufen?«
Ford verfestigte seinen Griff, als ich herumwirbelte, um ihnen was zu erzählen. Die zwei eilten davon, als wäre ich der schwarze Mann. »Sie haben nur Angst«, erklärte Ford.
Wir gingen weiter den Flur entlang, und ich fragte mich, ob sie mich wohl rauswerfen konnten. Ich spürte die Anfänge einer Migräne. »Ich bin eine weiße Hexe, verdammt nochmal«, sagte ich zu niemand Besonderem, und der Kerl im Laborkittel, der gerade an uns vorbeiging, warf uns einen raschen Blick zu.
Ford war bleich, und ich versuchte hastig, mich zu beruhigen, bevor sie ihn einliefern mussten. Ich sollte meine Versuche, einen Dämpfer für ihn zu finden, verstärken - einen anderen Dämpfer als Alkohol jedenfalls.
»Danke«, flüsterte er, als er meine Sorge empfing, dann fügte er mit stärkerer Stimme hinzu: »Rachel, du beschwörst Dämonen. Du bist gut darin. Komm drüber weg und dann finde einen Weg, der für dich funktioniert. Es wird nicht einfach so verschwinden.«
Ich schnaubte, bereit ihm zu erklären, dass er kein Recht hatte, so herablassend zu klingen, aber er hatte genau das mit seiner »Gabe« getan: eine Bürde in einen Vorteil verwandelt. Ich drückte kurz seinen Arm, dann zuckte ich zusammen, als ich meine Mitbewohnerin Ivy entdeckte, die sich über den Schwesternschreibtisch beugte. Es war ihr völlig egal, dass gerade ein männlicher Sicherheitsbeamter in den Raum gekommen war und sie beobachtete. Ihre schwarzen Jeans waren eng und saßen tief, aber sie hatte den Körper eines Models und konnte es sich leisten. Der passende Baumwollpullover war hochgeschnitten und legte ihr Kreuz frei, als sie sich streckte, um zu sehen, was auf dem Computerbildschirm stand. Ihr Ledermantel lag auf dem Schreibtisch. Ivy war ein lebender Vampir, und so sah sie auch aus: anmutig, düster und launisch. Das machte es schwer, mit ihr zusammenzuleben, aber ich war auch nicht gerade ein Wonneproppen, und wir kannten die Eigenheiten des anderen.
»Ivy!«, rief ich, und sie drehte den Kopf. Ihr kurzes, beneidenswert glattes Haar mit den goldenen Spitzen wippte, als sie sich aufrichtete. »Wie hast du von Glenn erfahren?«
Fords Schultern sackten nach unten, und alle Anspannung verließ seinen Körper. Er sah glücklich aus. Aber das war auch zu erwarten, nachdem er meine Gefühle aufnahm und ich glücklich war, Ivy zu sehen. Vielleicht sollte ich mal ein wenig über Ivy reden, wenn Ford und ich uns das nächste Mal trafen. Ich konnte ein wenig tiefere Einsicht in unsere unsichere Beziehung brauchen.
Ich war nicht Ivys Blutschatten, sondern ihre Freundin. Dass ein Vampir mit irgendwem befreundet sein konnte, ohne auch Blut zu teilen, war ungewöhnlich, aber bei uns gab es noch eine zusätzliche Komplikation. Ivy mochte sowohl Männer als auch Frauen und mischte Blut und Sex zu einem einzigen Komplex. Sie hatte deutlich klargemacht, dass sie mich wollte, auf jede Art, aber ich war hetero, mal abgesehen von dem einen Jahr, wo ich mich bemüht hatte, Blutekstase von geschlechtlichen Vorlieben zu trennen. Dass sie mich mehr als einmal gebissen hatte, hatte auch nicht geholfen. Damals schien es eine gute Idee zu sein. Das Hoch eines Vampirbisses war zu nah an sexueller Ekstase, um es einfach sein zu lassen. Ich hatte erst glauben müssen, Kistens Mörder habe mich gebunden, um aufzuwachen. Das Risiko, zum Schatten zu werden, war einfach zu groß. Ich vertraute Ivy. Aber ihre Blutlust machte mir Sorgen.
Also lebten wir zusammen in der Kirche, die gleichzeitig unsere Runner-Firma war, schliefen auf verschiedenen Seiten des Flurs und taten unser Bestes, den anderen nicht über die Kante zu treiben. Man sollte denken, dass Ivy wütend gewesen wäre, nachdem sie ein Jahr damit verbracht hatte, mich zu jagen, aber sie hatte darin ein ruhiges Glück gefunden, das Vampire nicht oft erlebten. Anscheinend war meine Aussage, dass ich niemals wieder zulassen würde, dass sie ihre Zähne in mir versenkte, der einzige Weg, wie sie glauben konnte, dass ich sie wirklich ihretwegen mochte und nicht wegen der Gefühle, die sie in mir auslösen konnte. Ich bewunderte einfach jeden, der so hart zu sich selbst und trotzdem so unglaublich stark sein konnte. Und ich liebte sie. Ich wollte nicht mit ihr schlafen, aber trotzdem liebte ich sie.
Ivy kam zu uns, ihre schmalen Lippen geschlossen und ihre schicken Stiefel lautlos. Sie bewegte sich mit bewundernswerter Grazie, und ihr sonst friedliches Gesicht war leicht verzerrt. Mit ihrem herzförmigen Gesicht, der kleinen Nase und dem vollen Mund wirkte sie leicht asiatisch. Sie lächelte selten, weil sie Angst hatte, dass Gefühle ihre Selbstkontrolle durchbrechen könnten. Ich glaube, das war der Grund dafür, dass wir befreundet waren - ich lachte genug für uns beide. Das, und die Tatsache, dass sie dachte, ich könne einen Weg finden, ihre Seele zu retten, wenn sie starb und untot wurde. Im Moment versuchte ich eher, die Miete aufzutreiben. Um die Seele meiner Mitbewohnerin würde ich mich später kümmern.
»Edden hat zuerst in der Kirche angerufen«, sagte sie zur Begrüßung. Sie zog die schmalen Augenbrauen hoch, als sie Fords Arm unter meinem sah. »Hi, Ford.«
Der Mann lief bei ihrem Tonfall rot an, aber ich ließ nicht zu, dass er seinen Arm zurückzog. Ich mochte es, gebraucht zu werden. »Er hat Probleme mit den Hintergrundgefühlen«, erklärte ich.
Titel der amerikanischen Originalausgabe WHITE WITCH, BLACK CURSE Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch
Deutsche Erstausgabe 06/2010 Redaktion: Charlotte Lungstrass
Copyright © 2009 by Kim Harrison
Copyright © 2010 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN : 978-3-641-03965-3
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