Blutpakt - Kim Harrison - E-Book

Blutpakt E-Book

Kim Harrison

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Beschreibung

Jung, sexy, tough – Rachel Morgan rockt

Für Rachel Morgan kommt es richtig dick: Ihre Freundschaft zu Pixie Jenks liegt in Trümmern, ein Werwolfsrudel macht Ärger und ihr Exfreund Nick stiehlt ein wertvolles magisches Artefakt, wodurch er Rachel und ihre Freunde in tödliche Gefahr bringt ...

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Seitenzahl: 964

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Das Buch

Nach einer weltumspannenden Seuche hat sich das Leben auf der Erde grundlegend verändert. Die magischen Wesen sind aus dem Schatten getreten: Vampire, Kobolde und andere Untote machen die Straßen unsicher. Dies sind die Abenteuer der Hexe und Kopfgeldjägerin Rachel Morgan, deren Job es ist, diese finsteren Kreaturen zur Strecke zu bringen.

Rachel Morgan kommt nicht zur Ruhe. Gerade von ihrem menschlichen Liebhaber verlassen, könnte sie jetzt in ihrer Beziehung mit dem lebenden Vampir Kisten glücklich sein. Doch jemand will ihren Platz in dem Werwolfrudel, in dem sie die Leitwölfin ist. Und auch ihr Exfreund Nick bleibt nicht verschwunden, sondern verführt den Sohn ihres Pixie-Partners Jenks zu einem Diebeszug. So muss Rachel nach Michigan, um ihn zu retten, begleitet von Jenks, der Dank Dämonenmagie menschliche Größe annimmt. Doch dann stellt sich heraus, dass Nick ein unschätzbares Werwolf-Artefakt gestohlen hat und Rachel um ihr Leben und das all ihrer Freunde bangen muss …

DIE RACHEL-MORGAN-SERIE:

Bd. 1: Blutspur

Bd. 2: Blutspiel

Bd. 3: Blutjagd

Bd. 4: Blutpakt

Bd. 5: Blutlied

Die Autorin

Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond nicht auffindbar. Mit ihrer RACHEL-MORGAN-Serie hat sie einen internationalen Bestseller gelandet.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Copyright

Für den Mann,der immer sagt, »Wirklich? Okay«,statt »Was willst du?«

1

Das donnernde Geräusch von Davids zuschlagender Autotür hallte von der steinernen Fassade des achtstöckigen Gebäudes wider, neben dem wir geparkt hatten. Ich lehnte mich gegen den grauen Sportwagen, hielt mir die Hand über die Augen und blinzelte zu den architektonisch schönen Säulen und verzierten Fensterbrettern hinauf. Das oberste Stockwerk leuchtete in der untergehenden Sonne golden, aber hier auf Straßenhöhe war es schattig und kühl. In Cincinnati gab es eine Handvoll solcher charakteristischer Gebäude. Die meisten davon standen leer, und dieses hier schien eines davon zu sein.

»Bist du dir sicher, dass es hier ist?«, fragte ich und legte meine Unterarme auf das Dach des Autos. Der Fluss war nah; ich konnte das Öl-Gas-Gemisch der Schiffe riechen. Vom obersten Stockwerk aus hatte man wahrscheinlich eine fantastische Aussicht. Die Straßen waren zwar sauber, aber die Gegend war doch deutlich heruntergekommen. Aber mit ein bisschen Beachtung – und einer Menge Geld – konnte ich es mir gut als das neueste In-Viertel der Stadt vorstellen.

David stellte seine abgenutzte Lederaktentasche auf dem Boden ab und griff in die Innentasche seines Anzugjacketts. Er zog ein Bündel Papiere hervor, blätterte sie durch und warf dann einen Blick zum Ende der Straße und auf das Straßenschild. »Ja«, sagte er mit angespannter, aber nicht besorgter Stimme.

Ich zog meine kurze rote Lederjacke nach unten, schob mir den Riemen meiner Tasche höher auf die Schulter und ging mit klappernden Absätzen um das Auto herum zu ihm. Ich hätte gerne behauptet, dass ich meine heißen Stiefel deswegen trug, weil ich einen Auftrag hatte, aber die Wahrheit war, dass ich sie einfach mochte. Sie passten gut zu den Jeans mit schwarzem T-Shirt, die ich anhatte; und mit der dazu passenden Kappe fühlte ich mich verwegen und sah wahrscheinlich auch so aus.

David runzelte bei dem Klappern meiner Absätze die Stirn – oder vielleicht auch über die Wahl meiner Kleidung –, zwang sein Gesicht aber dann in eine Miene der desinteressierten Akzeptanz, als er sah, dass ich leise über ihn lachte. Er trug seine respektable Arbeitskleidung. Ihm gelang es irgendwie, die Mischung aus dreiteiligem Anzug und seinem schulterlangen, lockigen schwarzen Haar, das von einer unauffälligen Spange zurückgehalten wurde, gut aussehen zu lassen. Ich hatte ihn ein paar Mal in Laufkleidung gesehen, die seinen exzellent trainierten Mittdreißiger-Körper hervorhob  – lecker – und auch in einem knöchellangen Mantel mit Cowboyhut – Vorsicht, Van Helsing –, aber sein etwas kurz geratener Körper behielt seine Ausstrahlung auch, wenn er sich wie der Versicherungsvertreter anzog, der er war. David war ziemlich komplex für einen Tiermenschen.

Ich blieb zögernd neben ihm stehen, und zusammen starrten wir das Gebäude an. Drei Straßen weiter konnte ich Verkehrsgeräusche hören, aber hier bewegte sich überhaupt nichts. »Es ist wirklich ruhig«, merkte ich an und verschränkte die Arme, weil die Abende auch Mitte Mai noch kühl waren.

David kniff seine braunen Augen zusammen und strich sich über die glatt rasierten Wangen. »Es ist die richtige Adresse, Rachel«, sagte er und schielte zum obersten Stockwerk empor. »Ich kann nachschauen gehen, wenn du willst.«

»Nein, das ist cool.« Ich lächelte mit geschlossenen Lippen, hievte meine Tasche wieder hoch und fühlte das zusätzliche Gewicht meiner Splat Gun. Das war Davids Auftrag, nicht meiner, und so harmlos, wie etwas nur sein konnte – er sollte bei einer Erdhexe den Riss in einer Wand begutachten und dann den Schaden regeln. Ich würde die Gute-Nacht-Tränke in meiner umgebauten Splat Gun nicht brauchen, aber ich hatte mir meine Tasche geschnappt, als David mich gefragt hatte, ob ich mit ihm kommen könnte. Die Tasche war noch von meinem letzten Auftrag gepackt, bei dem ich das Hinterzimmer eines Internet-Spammers gestürmt hatte. Gott, ihn dingfest zu machen war befriedigend gewesen.

David setzte sich in Bewegung und bedeutete mir galant, dass ich vorgehen sollte. Er war ungefähr zehn Jahre älter als ich, aber das merkte man nur, wenn man sich seine Augen ansah. »Sie lebt wahrscheinlich in einer dieser neuen Wohnungen, die sie über alten Werkhallen bauen«, sagte er und hielt auf die kunstvoll gestaltete Treppe zu. Ich kicherte, und David schaute mich an.

»Was?«, fragte er und hob die dunklen Augenbrauen.

Ich ging vor ihm in das Gebäude und hielt die Tür auf, sodass er mir folgen konnte. »Ich habe nur gedacht, dass es immer noch eine Werkhalle wäre, wenn du darin leben würdest. Wer-khalle? Werwolf? Verstehst du?«

Er seufzte, und ich runzelte die Stirn. Jenks, mein alter Partner, hätte gelacht. Schuld übermannte mich, und ich wurde langsamer. Jenks war momentan desertiert und versteckte sich im Keller irgendeines Tiermenschen, weil ich ihm nicht vertraut hatte. Aber jetzt, wo der Frühling da war, konnte ich meine Versuche wieder aufnehmen, mich zu entschuldigen und ihn zur Rückkehr zu bewegen.

Die Eingangshalle war weitläufig und enthielt eine Menge grauen Marmor, aber sonst nicht viel. Meine Absätze hallten in dem Raum mit den hohen Decken. Es klang irgendwie gruselig, also hörte ich auf zu stampfen und ging vorsichtiger, um den Lärm zu verringern. Uns gegenüber gab es zwei Aufzüge, und wir hielten darauf zu. David drückte den Knopf nach oben und trat wieder einen Schritt zurück.

Ich beobachtete ihn, und meine Mundwinkel hoben sich. Er versuchte es zu verstecken, aber ich konnte sehen, dass er sich auf den Auftrag freute. Ein Versicherungsvertreter zu sein bedeutete keineswegs den Schreibtischjob, nach dem es klang. Die meisten Klienten seiner Firma waren Inderlander  – Hexen, Tiermenschen, ab und zu ein Vampir –, und somit war es schwerer, herauszufinden, warum das Auto eines Klienten einen Totalschaden erlitten hatte, als man meinen sollte. Hatte der Teenager-Sohn ihn rückwärts gegen die Garagenwand gesetzt, oder hatte die Hexe von gegenüber es endlich sattgehabt, jedesmal das Piepen des Rückwärtsgangs zu hören, wenn er aus der Einfahrt setzte? Eines davon war abgedeckt, das andere nicht, und manchmal erforderte es – na ja – kreative Interviewtechniken, um die Wahrheit zu erfahren.

David bemerkte, dass ich über ihn schmunzelte, und die Ränder seiner Ohren verfärbten sich trotz seines dunklen Teints sichtbar. »Ich weiß zu schätzen, dass du mitkommst«, sagte er und bewegte sich nach vorne, als der Aufzug bimmelte und die Türen sich öffneten. »Ich schulde dir ein Abendessen, okay?«

»Kein Problem.« Ich gesellte mich zu ihm in den düsteren, verspiegelten Lift und betrachtete im bernsteinfarbenen Licht mein Spiegelbild, während sich die Türen wieder schlossen. Ich hatte ein Gespräch mit einem möglichen Klienten verschieben müssen, aber David hatte mir in der Vergangenheit sehr geholfen, und das war um einiges wichtiger.

Der durchtrainierte Tiermensch zuckte zusammen. »Das letzte Mal, als ich einen Schaden bei einer Erdhexe regulieren sollte, habe ich später herausgefunden, dass sie die Firma betrogen hatte. Mein Unwissen hat meine Firma Hunderttausende gekostet. Es ist mir wirklich viel wert, dass du mir Bescheid sagen kannst, wenn du glaubst, dass sie den Schaden durch Magie-Missbrauch verursacht haben könnte.«

Ich schob mir eine Haarsträhne hinters Ohr, die aus meinem geflochtenen Zopf entkommen war, und rückte meine lederne Kappe zurecht. »Wie ich schon sagte, kein Problem.«

David beobachtete, wie die Nummern auf der Anzeige nach oben zählten. »Ich glaube, mein Boss versucht, mich zu feuern«, sagte er leise. »Das ist die dritte Forderung diese Woche, die auf meinem Schreibtisch landet, mit der ich nicht vertraut bin.« Er veränderte seinen Griff um die Aktentasche. »Er wartet darauf, dass ich einen Fehler mache. Drängt förmlich darauf.«

Ich lehnte mich gegen den Spiegel an der hinteren Wand und lächelte ihn schwach an. »Das tut mir leid, ich weiß, wie sich das anfühlt.« Ich hatte meinen alten Job bei der Inderland Security, der I.S., vor fast einem Jahr gekündigt, um mich selbstständig zu machen. Obwohl es schwer gewesen war – und ab und zu immer noch war –, war es die beste Entscheidung, die ich je getroffen hatte.

»Trotzdem«, beharrte er. Sein nicht unangenehmer Moschusduft wurde stärker, als er sich mir zuwandte. »Das ist nicht dein Job. Ich schulde dir was.«

»David, hör auf«, sagte ich entnervt. »Ich komme gern mit dir hierher, um sicherzustellen, dass dich nicht irgendeine Hexe übers Ohr haut. Das ist keine große Sache. Ich tue so was jeden Tag. Im Dunkeln. Normalerweise allein. Und wenn ich Glück habe, beinhaltet es Rennen und Schreie und meinen Fuß in irgendeinem Unterleib.«

Der Werwolf lächelte und zeigte seine flachen, breiten Zähne. »Du magst deinen Job, oder?«

Ich grinste. »Darauf kannst du deinen Hintern verwetten.«

Der Boden ruckte, und die Türen öffneten sich. David wartete darauf, dass ich vor ihm ausstieg, und ich warf einen Blick in den riesigen Raum im obersten Stockwerk, der das gesamte Gebäude durchzog. Die sinkende Sonne ergoss sich durch Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, und beleuchtete die überall verstreuten Baumaterialien. Jenseits der Fenster sah ich den grünen Schein des Ohio. Wenn es fertig war, würde es ein wunderbares Apartment werden. Meine Nase prickelte vom Geruch von Kanthölzern und poliertem Gips, und ich musste niesen.

Davids Augen schossen überall durch den Raum. »Hallo? Mrs. Bryant?« Seine tiefe Stimme hallte in dem leeren Raum wider. »Ich bin David. David Hue von der Wer-Versicherung. Ich habe eine Assistentin dabei.« Er warf einen abfälligen Blick auf meine Kleidung aus Jeans, T-Shirt und roter Lederjacke. »Mrs. Bryant?«

Ich folgte ihm tiefer in den Raum und rümpfte die Nase. »Ich denke, dass der Riss in ihrer Wand daher stammen könnte, dass tragende Wände entfernt wurden«, sagte ich leise. »Wie ich gesagt habe, kein Problem.«

»Mrs. Bryant?«, rief David wieder.

Meine Gedanken wanderten zu der leeren Straße und zu dem Fakt, dass wir weit von zufälligen Beobachtern entfernt waren. Hinter mir schlossen sich die Aufzugtüren, und der Lift fuhr davon. Ein leises Geräusch vom anderen Ende des Raumes trieb mir das Adrenalin ins Blut, und ich wirbelte herum.

David war auch nervös, und gemeinsam lachten wir über uns selbst, als eine schmächtige Gestalt von einer Couch gegenüber der modernen Küche am Ende des langen Raums aufstand. In der Küche waren die Schränke immer noch in Folien verpackt.

»Mrs. Bryant? Ich bin David Hue.«

»So pünktlich wie Ihre Jahres-Abschlussberichte«, sagte eine männliche Stimme, die sanft durch den sich langsam verdunkelnden Raum klang. »Und es ist sehr umsichtig von Ihnen, eine Hexe mitzunehmen, die die Forderung des Klienten mit ihnen überprüft. Sagen Sie, ziehen Sie das von ihrer Steuersumme ab, oder reichen Sie es als Spesen ein?«

David riss die Augen auf. »Es sind Spesen, Sir.«

Ich schaute zwischen David und dem Mann hin und her. »Ähm, David? Ich gehe davon aus, dass das nicht Mrs. Bryant ist.«

David packte seine Aktentasche fester und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das ist der Präsident meiner Firma.«

»Oh.« Ich dachte darüber nach. Dann dachte ich noch ein bisschen angestrengter nach, und bekam langsam ein schlechtes Gefühl bei der Sache. »David?«

Er legte eine Hand auf meine Schulter und lehnte sich zu mir. »Ich glaube, du solltest gehen«, sagte er, und die Sorge in seinen Augen berührte mich.

Ich erinnerte mich daran, was er im Aufzug über seinen Boss gesagt hatte. Dass er es auf ihn abgesehen hatte. Mein Puls beschleunigte sich. »David, wenn du Probleme hast, gehe ich nicht.« Meine Stiefel klapperten, als er mich zum Lift schob.

Er schaute grimmig drein. »Ich kann damit umgehen.«

Ich versuchte, mich seinem Griff zu entwinden. »Dann bleibe ich und helfe dir zum Auto, wenn es vorbei ist.«

Er warf mir einen Seitenblick zu. »Eher nicht, Rachel. Aber danke.«

Die Lifttüren öffneten sich. Da ich immer noch protestierte, war ich nicht darauf vorbereitet, als David mich zurückriss. Mein Kopf schoss nach oben, und mein Gesicht wurde kalt. Mist. Der Lift war voller Tiermenschen in verschiedenen Eleganzstufen, die von Armani-Anzügen und feinen Röcken bis hin zu Jeans und Blusen reichten. Noch schlimmer war, dass sie alle den gefassten, selbstbewussten Stolz von Alpha-Wölfen ausstrahlten. Und sie lächelten.

Scheiße. David hatte ein riesiges Problem.

»Bitte sag mir, dass du heute Geburtstag hast und das hier die Überraschungsparty ist.«

Eine junge Werwölfin in einem hellroten Kleid stieg als Letzte aus dem Aufzug. Sie warf ihre dichten schwarzen Haare über die Schulter und musterte mich von oben bis unten. Obwohl sie sehr selbstsicher war, konnte ich an ihrer Haltung sehen, dass sie kein Alpha-Weibchen war. Langsam wurde es wirklich seltsam. Alphas kamen nie zusammen. Sie taten es einfach nicht. Besonders nicht ohne ihre jeweiligen Rudel hinter sich.

»Es ist zwar nicht sein Geburtstag«, sagte die Frau gehässig. »Aber ich gehe davon aus, dass er überrascht ist.«

Davids Griff an meinem Arm wurde kurz fester. »Hallo, Karen«, sagte er bissig.

Ich bekam Gänsehaut, und meine Muskeln spannten sich an, als die Werwölfe uns umringten. Ich dachte an die Splat Gun in meiner Tasche und suchte dann nach einer Kraftlinie, allerdings noch ohne sie anzuzapfen. Nicht mal, wenn David mich dafür bezahlen würde, könnte ich jetzt gehen. Das sah aus wie ein Mob auf dem Weg zur Lynchjustiz.

»Hi, David«, erwiderte die Frau in Rot, und ihre Befriedigung war sowohl an ihrem Tonfall als auch an ihrer Haltung abzulesen, mit der sie hinter den Alpha-Männchen stand. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie überglücklich ich war, als ich herausgefunden habe, dass du ein Rudel gegründet hast.«

Jetzt war auch Davids Boss da und trat mit schnellen und selbstsicheren Schritten zwischen uns und den Aufzug. Die Spannung im Raum nahm zu, als Karen hinter ihm verschwand.

Ich kannte David noch nicht lange, und die Mischung aus Ärger, Stolz und Verdruss, den er jetzt zeigte, hatte ich noch nie gesehen. Angst war nicht dabei. David war ein Einzelgänger, und daher gegenüber der persönlichen Macht eines Alpha-Männchens relativ unempfindlich. Aber es waren acht, und einer davon war sein Boss.

»Das betrifft sie nicht, Sir«, sagte David ärgerlich, aber trotzdem respektvoll. »Lassen Sie sie gehen.«

Davids Boss hob eine Augenbraue. »Tatsächlich hat das Ganze nichts mit Ihnen zu tun, Mr. Hue.«

Mein Atem stockte. Okay, vielleicht war ich diejenige mit dem Problem.

»Danke, dass Sie gekommen sind, David. Ihre Anwesenheit ist aber nicht länger erforderlich«, sagte der elegante Werwolf. Er drehte sich zu den anderen um und befahl: »Schafft ihn hier weg.«

Ich atmete tief ein. Mit dem zweiten Gesicht streckte ich mich einer Kraftlinie entgegen und berührte diejenige, die unter der Universität verlief. Meine Konzentration wurde gestört, als zwei Männer sich meine Arme griffen. »Hey!«, schrie ich, als einer mir meine Tasche wegriss und sie hinter sich warf, wo sie an einen Holzstapel knallte. »Lasst mich los!«, forderte ich, weil ich mich nicht ohne Probleme aus dem Griff der beiden befreien konnte.

David grunzte schmerzerfüllt. Als ich auf den Fuß von irgendwem trampelte, schubsten sie mich zu Boden. Gipsstaub wirbelte auf und nahm mir den Atem. Dann verschwand die restliche Luft aus meinen Lungen, als sich jemand auf mich setzte. Meine Hände wurden hinter meinen Rücken gezogen, und ich hörte auf zu zappeln. »Au!«, beschwerte ich mich. Dann pustete ich eine Strähne aus meinen Augen und wand mich ein wenig. Mist, David wurde zum Lift gezerrt.

Er kämpfte noch gegen sie. Mit vor Zorn gerötetem Gesicht schlug er mit den Fäusten um sich, die scheußliche Geräusche verursachten, wo immer sie trafen. Er hätte sich verwandeln können, um noch bösartiger kämpfen zu können, aber davor hätten fünf Minuten gelegen, in denen er völlig hilflos gewesen wäre.

»Schafft ihn hier raus!«, schrie Davids Boss ungeduldig, und die Türen schlossen sich. Ich hörte ein Knallen, als etwas von innen gegen die Türen flog, aber dann ließ die Mechanik den Lift langsam abwärtsgleiten. Ich hörte einen Schrei, dann wurden die Kampfgeräusche langsam immer leiser.

Angst durchfuhr mich, und ich wand mich noch einmal. Davids Boss wandte sich zu mir und schaute mich an. »Schnallt sie an«, sagte er leichtfertig.

Ich holte verzweifelt Luft, streckte meine Gedanken zu der Kraftlinie aus und zapfte sie an. Jenseitsenergie floss durch mich, füllte mein Chi und dann das zweite Behältnis, das ich in meinem Kopf errichtet hatte. Schmerz durchschoss mich, als jemand meinen Arm zu weit nach hinten zog. Das kühle Plastik eines Kabelbinders wurde um mein Handgelenk gelegt und mit einem schnellen Zug, begleitet von dem üblichen ratschenden Geräusch, so festgezogen, dass das Ende überstand. Mein Gesicht wurde kalt, als jeder kleinste Tropfen von Jenseitsenergie aus meinem Körper floss. Auf meinen Lippen schmeckte ich den bitteren Geschmack von Löwenzahn. Dumme, dumme Hexe!

»Hurensohn!«, schrie ich, und der Werwolf, der auf mir saß, verschwand.

Ich kämpfte mich auf die Füße und versuchte ohne Erfolg, das biegsame Plastikband von meinem Handgelenk zu schieben. Sein Kern war aus verzaubertem Silber, genauso wie in meinen schon lang verschwundenen I.S.-Handschellen. Ich konnte keine Linie anzapfen. Ich konnte überhaupt nichts. Ich setzte meine neu gelernten Kraftlinienfähigkeiten nur selten zur Verteidigung ein und hatte nicht daran gedacht, wie leicht sie außer Kraft gesetzt werden konnten.

Absolut jeder Magie beraubt, stand ich in dem bernsteinfarbenen Licht, das durch die hohen Fenster fiel. Ich war allein mit einem Rudel voller Alphas. Meine Gedanken schossen zu Mr. Rays Rudel und dem Wunschfisch, den ich aus Versehen von ihm gestohlen hatte, und dann zu den Besitzern des Howlers-Baseball-Teams, die ich dafür hatte zahlen lassen. Oh … Mist. Ich musste hier raus.

Davids Boss verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Licht ergoss sich über ihn und ließ den Staub auf seinen Lederschuhen leuchten. »Ms. Morgan, richtig?«, fragte er freundlich.

Ich nickte und wischte mir die Handflächen an der Jeans ab. Gipsstaub klebte an mir. Ich wandte meine Augen nicht einen Moment von ihm ab, in dem Wissen, dass das eine unverhohlene Zurschaustellung von Dominanz war. Ich hatte bisher nur wenig mit Tiermenschen zu tun gehabt, und außer David schien mich keiner von ihnen zu mögen. Ich wusste nicht, warum.

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen«, sagte er, kam näher und zog eine Brille mit Metallgestell aus der Innentasche seines Anzugs. »Ich bin Davids Vorgesetzter. Sie können mich Mr. Finley nennen.«

Er schob die Brille auf seine schmale Nase und griff nach den gehefteten Papieren, die Karen ihm selbstgefällig übergab. »Vergeben Sie mir, wenn ich ein wenig langsam bin«, sagte er und starrte die Papiere an. »Normalerweise macht so etwas meine Sekretärin.« Er schaute mich über die Dokumente hinweg an und öffnete seinen Stift. »Wie ist Ihre Rudelnummer?«

»Hä?«, fragte ich höchst intelligent und versteifte mich dann, als der Kreis der Tiermenschen sich zu verengen schien. Karen kicherte, und mein Gesicht wurde warm.

Mr. Finleys kleine Stirnfalten wurden tiefer, als er die Stirn runzelte. »Sie sind Davids Alpha-Wölfin. Karen fordert Sie wegen dieser Stellung heraus. Wie lautet also Ihre Rudelnummer?«

Mir fiel das Kinn nach unten. Hier ging es nicht um die Rays oder die Howlers. Ich war das einzige Mitglied von Davids Rudel, ja. Aber es war nur eine Verbindung auf dem Papier, die darauf ausgerichtet war, dass ich meine Versicherung billig, billig, billig haben und David seinen Job behalten konnte, sich dem System widersetzen und weiter allein und ohne Partner arbeiten. Er wollte kein richtiges Rudel, da er ein überzeugter Einzelgänger war und gut darin. Aber es war quasi unmöglich, einen Alpha zu feuern, und deswegen hatte er mich gefragt, ob ich ein Rudel mit ihm gründen würde.

Mein Blick schoss zu Karen, die lächelte wie die Königin des Nils, dunkel und exotisch wie eine ägyptische Hure. Sie wollte sich wegen meiner Stellung duellieren?

»Oh, zur Hölle, nein!«, sagte ich, und Karen schnaubte abfällig, weil sie offensichtlich glaubte, dass ich Angst hatte. »Ich kämpfe nicht gegen sie. David will kein richtiges Rudel!«

»Offensichtlich«, sagte Karen verächtlich. »Ich erhebe Anspruch auf Aufstieg. Ich erhebe den Anspruch vor acht Rudeln.«

Es waren keine acht Alphas mehr anwesend, aber ich ging davon aus, dass die fünf, die noch da waren, mehr als genug waren, um eine Entscheidung zu erzwingen.

Mr. Finley ließ die Hand sinken, in der er die Papiere hielt. »Hat irgendwer einen Katalog? Sie weiß ihre Rudelnummer nicht.«

»Ich habe einen«, meldete sich eine Frau und zog etwas aus ihrer Tasche, das wie ein kleines Adressbuch aussah. »Neueste Ausgabe«, fügte sie hinzu und öffnete es.

»Es ist nichts Persönliches«, sagte Mr. Finley. »Ihr Alpha ist zum Gesprächsthema am Wasserspender geworden, und das ist der einfachste Weg, David wieder auf den richtigen Weg zu führen und die verstörenden Gerüchte zu unterbinden, die mir zu Ohren gekommen sind. Ich habe die Hauptaktionäre der Firma als Zeugen eingeladen.« Er lächelte ohne jede Wärme. »Das wird gesetzlich bindend sein.«

»Das ist doch Mist!«, fauchte ich bösartig. Die umgebenden Tiermenschen lachten entweder, oder sie keuchten, weil ich die Frechheit besaß, ihn zu beschimpfen. Mit zusammengepressten Lippen schaute ich zu meiner Tasche mit der Splat Gun darin. Meine Hand berührte mein Kreuz, auf der Suche nach den nicht vorhandenen Handschellen, die ich schon seit meinem letzten I.S.-Gehaltsscheck nicht mehr hatte. Gott, ich vermisste meine Handschellen.

»Hier ist es«, sagte die Frau mit gesenktem Kopf. »Rachel Morgan. O-C(H) 93 AF.«

»Sie sind in Cincinnati registriert?«, fragte Davids Boss träge und schrieb die Nummer auf. Dann blätterte er um und sah mir in die Augen. »David ist nicht der Erste, der ein Rudel mit jemandem gründet, der … ähm … nicht von Werwölfen abstammt«, erklärte er schließlich. »Aber er ist der Erste, der einzig und allein deswegen ein Rudel gründet, um seinen Job zu behalten. Das ist kein guter Trend.«

»Der Herausforderer darf wählen«, sagte Karen und griff nach dem Gürtel ihres Kleides. »Ich entscheide mich dafür, mich zuerst zu verwandeln.«

Davids Boss schloss seinen Stift. »Dann lassen Sie uns anfangen.«

Jemand griff sich meine Arme, und ich erstarrte für drei Herzschläge. Der Herausforderer darf wählen, beim Arsch meiner Großmutter. Ich hatte fünf Minuten Zeit, um sie zu unterwerfen, während sie sich verwandelte, oder ich würde diesen Kampf verlieren.

Lautlos wand ich mich, ließ mich fallen und rollte ab. Es ertönten einige Schreie, als ich denen, die mich hielten, die Beine unter dem Körper wegriss. Dann wurde mir die Luft aus den Lungen gepresst, als jemand auf mich fiel. Adrenalin durchschoss mich fast schmerzhaft. Jemand fixierte meine Beine, ein anderer presste meinen Kopf gegen das staubbedeckte Sperrholz auf dem Boden.

Sie werden mich nicht töten, versuchte ich mich zu beruhigen, als ich eine Haarsträhne ausspuckte und versuchte, einmal richtig einzuatmen. Das ist irgend so ein dämliches Werwolf-Machtding, und sie werden mich nicht töten.

Das sagte ich mir selbst, aber es war schwer, meine zitternden Muskeln davon zu überzeugen.

Ein leises Knurren, das um einiges tiefer war, als es sein dürfte, grollte durch das Stockwerk, und die drei Männer, die mich auf dem Boden festhielten, ließen mich aufstehen.

Was zur Hölle?, dachte ich, als ich auf die Füße stolperte, und starrte dann nur. Karen hatte sich verwandelt. Sie hatte sich in gerade mal dreißig Sekunden verwandelt.

»Wie …«, stammelte ich, weil ich es nicht glauben konnte.

Karen war ein eindrucksvoller Wolf. Als Person war sie winzig und wog vielleicht 55 Kilo. Aber wenn man dieselben 55 Kilo in ein knurrendes Tier verwandelt, kriegt man einen Wolf von der Größe eines Ponys. Verdammt.

Sie gab ein beständiges, unzufriedenes Grollen von sich. Ihre Lefzen waren weit zurückgezogen, um in einer Warnung die Zähne zu fletschen, die älter war als Dreck. Seidiges Fell, das an ihr schwarzes Haar erinnerte, überzog ihren ganzen Körper bis auf ihre Ohren, die einen weißen Rand aufwiesen. Jenseits des Kreises lagen in einem Haufen ihre Kleider auf dem Sperrholzboden. Die Mienen der mich umgebenden Alphas waren ernst. Das war keine Straßenprügelei, sondern eine wichtige Angelegenheit, die so bindend sein würde wie jedes rechtliche Dokument.

Um mich herum traten die Werwölfe langsam zurück und vergrößerten den Kreis. Verdammt, verdammt.

Mr. Finley lächelte mich wissend an, und mein Blick schoss von ihm zu den anderen Alphas in ihren hübschen Klamotten und den fünfhundert-Dollar-Schuhen. Mein Herz raste, und ich reimte es mir zusammen. Ich saß tief in der Scheiße. Sie hatten sich zu einer Runde verbunden.

Verängstigt duckte ich mich in eine Kampfhaltung. Wenn Tiermenschen sich außerhalb ihrer normalen Rudel verbanden, passierten seltsame Dinge. Ich hatte das schon einmal bei einem Howlers-Spiel gesehen, als sich mehrere Alphas verbunden hatten, um einen verletzten Spieler zu unterstützen und seinen Schmerz zu übernehmen, damit der weitermachen und das Spiel gewinnen konnte. Illegal, aber verdammt schwer zu beweisen, da es quasi unmöglich war, die verantwortlichen Alphas in einem riesigen Stadion zu finden. Der Effekt war vorübergehend, da Tiermenschen, besonders Alphas, nicht lange zusammenarbeiten konnten. Aber sie hätten sicherlich kein Problem, die Runde lang genug aufrechtzuerhalten, damit Karen mir wirklich, wirklich wehtun konnte.

Ich schob meine Füße fester in die Stiefel und spürte, wie meine Hände anfingen zu schwitzen. Das war nicht fair, verdammt! Sie hatten mir meine Magie weggenommen, also konnte ich nur versuchen, sie abzuwehren, aber sie würde es überhaupt nicht spüren! Ich war Toast. Ich war Hundefutter. Ich würde morgen früh richtig wund sein. Aber ich würde nicht ohne Kampf aufgeben.

Karen legte die Ohren an. Das war die einzige Warnung, die ich bekam.

Instinkt überkam mein Training, und ich wich zurück, als sie sprang. Ihre Zähne knallten aufeinander, genau an der Stelle, an der ich gestanden hätte, und wir fielen mit ihren Pfoten auf meiner Brust zu Boden. Heißer Hundeatem traf mein Gesicht, und ich rammte ihr mein Knie in den Körper in dem Versuch, ihr den Atem zu nehmen. Ich hörte ein überraschtes Aufjaulen, und stumpfe Krallen kratzten über meine Seite, als sie auf die Füße kam und zurückwich.

Ich blieb unten und rollte mich auf die Knie, damit sie mich nicht wieder umwerfen konnte. Ohne Zögern sprang sie.

Ich schrie auf und schlug zu. Panik breitete sich in mir aus, als meine Faust geradewegs in ihrem Maul landete. Ihre Pfoten, die so groß waren wie meine Hände, traten mich, als sie hektisch zurückwich, und ich fiel nach hinten. Ich hatte Glück gehabt, dass sie nicht einfach den Kopf gedreht und mir ein Stück aus dem Arm gerissen hatte. So, wie es jetzt war, blutete ich aus einer scheußlichen Wunde.

Karens widerhallendes, quälendes Husten verwandelte sich in ein aggressives Knurren. »Was ist los, Großmutter?«, keuchte ich und warf meinen Zopf aus dem Weg. »Passt Rotkäppchen nicht durch deine Kehle?«

Mit angelegten Ohren, aufgestelltem Nackenfell und gefletschten Zähnen stürmte sie auf mich los.

Okay. Vielleicht war das nicht der klügste Kommentar gewesen. Karen rammte gegen mich wie eine zuschlagende Tür und warf mich zu Boden. Ihre Zähne schlossen sich um meinen Hals und drückten langsam zu. Ich schnappte mir die Pfote, die mich auf den Boden drückte, und grub meine Nägel hinein. Sie biss fester, und ich keuchte.

Ich ballte die Faust und schlug ihr zweimal in die Rippen. Mein Knie schnellte hoch und erwischte sie irgendwo. Ich hatte seidiges Fell im Mund, griff nach oben und zog an ihrem Ohr. Ihre Zähne packten noch fester zu und schnitten mir die Luft ab. Schwärze drohte mich zu überwältigen. Panisch attackierte ich ihre Augen.

Ich dachte nur ans Überleben, als ich meine Fingernägel in ihre Lider grub. Das spürte sie endlich, und mit einem Jaulen ließ sie mich los. Ich atmete keuchend ein und schob mich auf einen Ellbogen hoch. Meine andere Hand fuhr an meinen Hals. Als ich sie wieder wegzog, war sie blutverschmiert.

»Das ist nicht fair!«, schrie ich wutentbrannt, als ich mich auf die Füße kämpfte. Meine Knöchel bluteten, meine Seite tat weh, und ich zitterte von Adrenalin und Angst. Ich konnte Mr. Finleys Aufregung sehen – und roch den zunehmenden Geruch von Moschus. Sie hatten alle Spaß daran, einen der Ihren dabei zu beobachten, wie er »legal« eine Person verletzte.

»Niemand hat gesagt, dass es fair sein würde«, sagte er leise und machte dann eine Geste in Richtung Karen.

Aber ihre Angriffslust ließ nach, als der Lift bimmelte.

Die Türen öffneten sich und gaben den Blick auf David frei, der an der hinteren Wand lehnte. Er hatte eine Prellung im Gesicht, die sich wahrscheinlich in ein blaues Auge verwandeln würde, und sein Mantel war zerrissen und dreckig. Langsam hob er den Kopf. In seinen Augen lag ein mörderischer Ausdruck.

»Verschwinden Sie!«, sagte sein Boss scharf.

»Ich habe meine Aktentasche vergessen«, erwiderte er und humpelte nach vorne. Er erfasste die Situation mit einem Blick, immer noch keuchend von der Anstrengung, den drei Werwölfen zu entkommen, die ihn weggeschleppt hatten. »Wenn Sie meine Alpha herausfordern, werde ich verdammt noch mal anwesend sein, um zu überwachen, ob es ein fairer Kampf ist.« Er ging zu seiner Aktentasche, hob sie auf, staubte sie ab und drehte sich zu mir. »Rachel, bei dir alles okay?«

Mich ergriff eine Welle der Dankbarkeit. Er war nicht gekommen, um mich zu retten, er wollte nur sicherstellen, dass sie fair spielten. »Bei mir alles so weit okay«, sagte ich mit brechender Stimme. »Aber dieses Biest spürt keine Schmerzen, und sie haben mir meine Magie genommen.« Ich würde diesen Kampf verlieren. Ich würde so dermaßen verlieren. Tut mir leid, David.

Die mich umgebenden Werwölfe schauten sich unangenehm berührt an, jetzt, wo es einen Zeugen gab, und Mr. Finley wurde rot. »Bring es zu Ende«, sagte er rau, und Karen stürzte sich auf mich.

Ihre Krallen kratzten über den Sperrholzboden, als sie nach Halt suchten. Schwer atmend ließ ich mich auf den Rücken fallen, bevor sie mich zu Boden werfen konnte. Ich zog die Knie an die Brust, drückte meine Füße gegen sie, als sie auf mir landete, und warf sie über meinen Kopf.

Ich hörte ein überraschtes Aufjaulen, einen Knall, und dass David etwas schrie. Es waren zwei Kämpfe am Laufen.

Ich wirbelte auf meinem Hintern herum, um sie anzusehen. Meine Augen weiteten sich, und ich warf einen Arm nach oben.

Karen knallte gegen mich und presste mich auf den Boden. Sie bedeckte mich völlig, und Angst machte sich tief in mir breit. Ich musste sie davon abhalten, wieder meine Kehle zu erwischen, und schrie auf, als sie mich in den Arm biss.

Jetzt hatte ich genug.

Ich ballte die Faust und hämmerte sie gegen ihren Kopf. Sie riss ihre Schnauze hoch, schlug gegen meinen Arm und jagte eine Welle des Schmerzes durch mich hindurch. Sofort war sie wieder da, knurrend und noch wilder. Aber ich spürte einen Hoffnungsschimmer und biss die Zähne zusammen. Sie hatte es gespürt.

Im Hintergrund konnte ich Schreie und Kampfgeräusche hören. David mischte sich ein und brach ihre Konzentration. Die Runde löste sich auf. Ich konnte Karen nicht überwältigen, aber, zur Hölle, sie würde hier nicht verschwinden, ohne sich an mich zu erinnern.

Die Wut und das übermäßige Adrenalin suchten nach einem Ventil. »Du dämlicher Hund!«, schrie ich und schlug ein weiteres Mal meine Faust gegen ihr Ohr, sodass sie aufjaulte. »Du stinkender Misthaufen von einem Zwergpudel! Wie gefällt dir das? Da!« Ich schlug sie wieder und konnte durch meine Tränen kaum etwas sehen. »Willst du mehr? Wie wär’s damit?«

Sie biss in meine Schulter und hob mich hoch, anscheinend um mich zu schütteln. Ein seidiges Ohr landete in meinem Mund und nachdem es mir nicht gelang, es auszuspucken, biss ich hart zu.

Karen bellte und war verschwunden. Ich holte tief Luft und rollte mich auf alle viere, um sie anschauen zu können.

»Rachel!«, schrie David und meine Splat Gun rutschte in Griffnähe.

Ich packte die kirschrote Waffe und zielte noch auf den Knien auf Karen. Sie setzte sich, und ihre Vorderpfoten arbeiteten hektisch, um ihre Vorwärtsbewegung zu stoppen. »Game over, Biest«, sagte ich und schoss.

Das Ploppen meiner Luftpistole ging fast im frustrierten Schrei von jemand anderem unter.

Mein Schuss traf sie genau auf der Nase und bedeckte ihr Gesicht mit einem Gute-Nacht-Trank, dem aggressivsten, was eine weiße Hexe benutzen konnte. Karen fiel in sich zusammen wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten worden waren. Sie rutschte noch ein Stück, bis sie knapp einen Meter vor mir liegen blieb.

Ich stand zitternd auf und konnte kaum stehen. Mit steifen Armen zielte ich mit der Waffe auf Mr. Finley. Die Sonne war hinter die Hügel jenseits des Flusses gesunken, und sein Gesicht lag im Schatten. Aber seine Haltung war einfach genug zu lesen. »Ich gewinne«, sagte ich, um dann nach David zu schlagen, der eine Hand auf meine Schulter gelegt hatte.

»Ruhig, Rachel«, ermahnte mich David.

»Mir geht es gut!«, schrie ich und zielte wieder auf seinen Boss, bevor der sich bewegen konnte. »Wenn Sie meinen Titel herausfordern wollen, okay! Aber ich mache das als Hexe, nicht, wenn meine Kraft aus mir rausgesogen wurde! Das war nicht fair, und das wissen Sie!«

»Komm, Rachel. Lass uns gehen.«

Ich zielte immer noch auf seinen Boss. Ich wollte wirklich, wirklich auf ihn schießen. Aber mit etwas, das ich als riesiges Zeichen von Klasse sah, senkte ich meine Pistole und schnappte mir die Tasche, die David mir hinhielt. Um mich herum fühlte ich, wie ein Teil der Spannung aus den anderen Alphas wich.

Mit seiner Aktentasche in der Hand geleitete David mich zum Aufzug. Ich zitterte immer noch, aber ich wandte ihnen den Rücken zu, weil ich wusste, dass es ihnen deutlicher als mit Worten sagen würde, dass ich keine Angst hatte.

Aber ich hatte Angst. Wenn Karen versucht hätte, mich zu töten, statt mich nur zu unterwerfen, wäre es in den ersten dreißig Sekunden vorbei gewesen.

David drückte den Knopf nach unten, und wir drehten uns gemeinsam um. »Das war kein fairer Wettkampf«, sagte er und wischte sich über den Mund. Als er seine Hand wegzog, war sie rot von Blut. »Ich hatte das Recht, hier zu sein.«

Mr. Finley schüttelte den Kopf. »Entweder ist der Alpha des Weibchens anwesend, oder, im Fall seiner Abwesenheit, sind sechs Alphas als Zeugen ausreichend, um …« Er lächelte. »… Betrug zu verhindern.«

»Zur Zeit des Kampfes waren keinen sechs Alphas anwesend«, sagte David. »Ich erwarte, dass dies als Sieg für Rachel vermerkt wird. Diese Frau ist nicht meine Alpha.«

Ich folgte seinem Blick zu Karen, die vergessen auf dem Boden lag, und fragte mich, ob wohl jemand Salzwasser über sie kippen würde, um den Zauber zu brechen, oder ob sie sie einfach bewusstlos vor der Tür ihres Rudels ablegen würden. Es war mir egal, und ich hatte nicht vor zu fragen.

»Falsch oder nicht, es ist das Gesetz«, sagte Mr. Finley, und die Alphas bewegten sich, um ihm den Rücken zu stärken. »Und es ist dazu da, um eine sanfte Korrektur zu ermöglichen, wenn ein Alpha auf die falsche Bahn gerät.« Er atmete tief ein und dachte offensichtlich intensiv nach. »Der Kampf wird als Sieg für Ihre Alpha vermerkt werden«, erklärte er dann in einem Ton, als wäre es ihm egal, »vorausgesetzt, dass Sie keine Beschwerde einreichen. Aber, David, sie ist kein Tiermensch. Wenn sie mit ihrer körperlichen Kraft keinen Gegner unterwerfen kann, verdient sie keinen Alpha-Titel und wird unterworfen.«

Angst durchfuhr mich scharf, als ich mich an Karens Gewicht auf mir erinnerte.

»Ein Zweibeiner kann nicht gegen einen Wolf bestehen«, sagte Mr. Finley. »Sie müsste sich verwandeln, um überhaupt eine Chance zu haben, und Hexen können sich nicht verwandeln.«

Die Augen des Mannes suchten meine, und obwohl ich nicht wegsah, spürte ich Furcht in meinen Eingeweiden. Der Aufzug klingelte, und ich ging rückwärts hinein. Es war mir egal, ob er wusste, dass ich Angst hatte. David schloss sich mir an, und ich umklammerte meine Splat Gun und meine Tasche, als würde ich ohne sie zusammenbrechen.

Davids Boss trat nach vorne. Seine Ausstrahlung war bedrohlich und sein Gesicht völlig im Schatten. »Sie sind ein Alpha«, sagte er, als würde er ein Kind ermahnen. »Hören Sie auf, mit Hexen zu spielen und beginnen Sie, Ihren Beitrag zu leisten.«

Die Türen schlossen sich, und ich ließ mich gegen den Spiegel fallen. Seinen Beitrag leisten? Was sollte das denn heißen?

Langsam fuhr der Lift nach unten, und meine Spannung ließ mit jedem Stockwerk, das wir zwischen uns und die anderen brachten, nach. Im Aufzug roch es nach wütenden Tiermenschen, und ich warf einen Seitenblick auf David. Einer der Spiegel war gesprungen, und mein Spiegelbild sah furchtbar aus: Mein Zopf löste sich auf und war voller Gipsstaub, an meinem Hals war eine Bisswunde, wo Karens Zähne meine Haut aufgerissen hatten, meine Knöchel waren aufgeschürft, weil ich sie ihr ins Maul gesteckt hatte. Mein Rücken tat weh, mein Fuß schmerzte und, verdammt, einer meiner Ohrringe war weg. Und es waren auch noch meine Lieblingscreolen.

Ich erinnerte mich an das weiche Gefühl von Karens Ohr in meinem Mund und wie es nachgegeben hatte, als ich zugebissen hatte. Jemanden an einer so intimen Stelle zu verletzen war schrecklich gewesen. Aber ich war in Ordnung. Ich war nicht tot. Nichts hatte sich geändert. Ich hatte noch nie zuvor in einem solchen Nahkampf versucht, meine Kraftlinienmagie einzusetzen, und jetzt wusste ich, dass ich auf Manschetten achten musste. Gott helfe mir, ich war erwischt worden wie ein Teenager beim Ladendiebstahl.

Ich leckte meinen Daumen an und wischte mir einen Streifen Gipsstaub von der Stirn. Die Manschette war hässlich, aber ich würde Ivys Seitenschneider brauchen, um sie abzukriegen. Ich nahm meinen übrig gebliebenen Ohrring ab und ließ ihn in meine Tasche fallen. David lehnte in der Ecke und hielt sich die Rippen, aber er sah nicht so aus, als würde er sich Sorgen machen, dass wir in die drei Werwölfe laufen könnten, die er fertiggemacht hatte, also steckte ich meine Splat Gun weg. Einzelgänger waren wie Alphas, die den Rückhalt des Rudels nicht für ihr Selbstbewusstsein brauchten. Wenn man mal darüber nachdachte, eigentlich ziemlich gefährlich.

David lachte leise. Ich schaute ihn an und zog eine Grimasse, worauf er richtig anfing zu lachen, nur um wieder aufzuhören und vor Schmerzen das Gesicht zu verziehen. Sein mit feinen Falten übersätes Gesicht zeigte, dass er immer noch amüsiert war, als er kurz auf die nach unten zählenden Nummern auf der Liftanzeige schaute, sich dann aufrichtete und seinen zerrissenen Mantel zurechtrückte. »Wir wär’s jetzt mit Abendessen?«, fragte er, und ich schnaubte.

»Ich besorge den Hummer«, sagte ich und fügte hinzu: »Tiermenschen arbeiten niemals außerhalb ihrer Rudel zusammen. Ich muss sie wirklich angepisst haben. Gott! Was ist ihr Problem?«

»Es bist nicht du, sondern ich«, sagte er unangenehm berührt. »Es gefällt ihnen nicht, dass ich ein Rudel mit dir gegründet habe. Nein, das stimmt so nicht. Es gefällt ihnen nicht, dass ich nicht zur Werwolf-Population beitrage.«

Mein Adrenalinspiegel sank langsam wieder, und ich hatte am ganzen Körper Schmerzen. Ich hatte ein Schmerzamulett in meiner Tasche, aber ich würde es nicht benutzen, wenn David nichts hatte. Kritisch legte ich den Kopf schräg und begutachtete in dem dämmrigen Licht die roten Krallenspuren, die sich knapp vor meinem Ohr entlangzogen, um mich dann zu David umzudrehen, als seine Worte einsanken. »Entschuldige?«, fragte ich verwirrt. »Was meinst du mit ›nicht zur Werwolf-Population beitragen‹?«

David senkte den Blick. »Ich habe ein Rudel mit dir gegründet.«

Ich versuchte, mich aufrecht hinzustellen, aber es tat weh. »Yeah, den ›Keine Kinder‹-Teil sehe ich da schon. Was interessiert es sie?«

»Weil ich auch kein, ähm, informelles Verhältnis mit irgendeiner Werwolf-Frau habe.«

Weil sie, wenn er das täte, irgendwann erwarten würde, in sein Rudel aufgenommen zu werden. »Und …«, ermunterte ich ihn.

Er trat von einem Fuß auf den anderen. »Die einzige Art, mehr Tiermenschen zu bekommen, ist durch Geburt. Nicht wie bei Vampiren, die Menschen verwandeln können, wenn sie sich die Mühe machen. An der Anzahl hängt Stärke und Macht …« Seine Stimme wurde leiser und verklang, aber ich hatte verstanden.

»Ach, du Schande«, beschwerte ich mich und hielt mir die Schulter. »Das war politisch?«

Der Aufzug bimmelte, und die Türen öffneten sich. »Ich fürchte, ja«, sagte er. »Sie lassen untergeordnete Werwölfe tun, was sie wollen, aber als Einzelgänger ist es wichtig, was ich tue.«

Ich stiefelte vor ihm aus dem Lift und hielt nach Ärger Ausschau, aber in der verlassenen Lobby war es ruhig, wenn man von den drei Werwölfen absah, die in einer Ecke lagen. David hatte verbittert geklungen, und deswegen berührte ich in einer unterstützenden Geste sanft seinen Arm, als er mir die Tür nach draußen aufhielt. Offensichtlich überrascht sah er mich an. »Ähm, wegen dieses Abendessens«, sagte er und schaute auf seine Kleider. »Sollen wir es verschieben?«

Meine Stiefel klapperten auf dem Pflaster, und der Schall sagte mir, dass ich humpelte. Es war ruhig, aber die Ruhe schien eine neue Bedrohung zu enthalten. Mr. Finley hatte mit einer Sache recht. Das würde wieder passieren, es sei denn, ich machte meinen Anspruch in einer Art und Weise deutlich, die sie verstanden.

Ich atmete tief die kalte Luft ein und steuerte auf Davids Auto zu. »Auf keinen Fall, Mann. Du schuldest mir ein Abendessen. Wie wäre es mit einem Skyline-Chili?«, sagte ich, und er zögerte unschlüssig. »Ich meine, warum fahren wir nicht durch den Drive-in? Ich muss heute Abend noch was recherchieren.«

»Rachel«, protestierte er in dem Moment, als sein Auto ein fröhliches Piepen von sich gab und sich öffnete. »Ich denke, du verdienst wenigstens einen freien Abend.« Seine Augen verengten sich, und er schaute mich über das Autodach hinweg an. »Das alles tut mir wirklich leid. Vielleicht … sollten wir den Rudelvertrag annullieren.«

Ich schaute auf. »Wag es nicht!«, sagte ich laut, falls jemand aus dem obersten Stockwerk zuhörte. Dann verzog ich kleinlaut das Gesicht. »Ich kann mir den Zusatzvertrag zu meiner Versicherung nicht leisten, den ich bei jedem anderen abschließen müsste.«

David lachte leise, aber ich merkte, dass er keineswegs zufrieden war. Wir schoben uns in sein Auto und bewegten uns beide langsam, weil wir immer wieder neue schmerzhafte Stellen an uns entdeckten und erst einmal nach einer angenehmen Sitzhaltung suchen mussten. Oh, Gott, mir tut alles weh.

»Ich meine es ernst, Rachel«, sagte er, und seine tiefe Stimme füllte das kleine Auto. »Es ist nicht fair, dich zu bitten, dich mit dieser ganzen Scheiße auseinanderzusetzen.«

Lächelnd schaute ich ihn an. »Mach dir keine Sorgen, David. Es gefällt mir, ein Alpha zu sein. Alles, was ich brauche, ist der richtige Zauber, um mich damit zu verwandeln.«

Er seufzte tief, und sein ganzer Körper bewegte sich dabei, dann schnaubte er.

»Was?«, fragte ich, während ich mich anschnallte und er das Auto anließ.

»Der richtige Zauber, um dich zu verwandeln?«, fragte er, legte den Gang ein und fuhr aus der Parklücke. »Verstehst du? Du willst mein Alpha-Weibchen sein, aber du bist einfach nicht wandelbar genug?«

Ich legte mir eine Hand an den Kopf und stützte den Ellbogen gegen die Tür. »Das ist nicht witzig«, sagte ich, aber er lachte nur, auch wenn es ihm wehtat.

2

Die Nachmittagssonne wärmte meine Hände in ihren Gartenhandschuhen, als ich auf dem grünen Schaumpolster kniete und mich über das Blumenbeet beugte. Ich rupfte am hinteren Rand das Gras, das dort hervorgeschossen war, obwohl die Stelle im Schatten der alten Eiche lag. Von der Straße hörte ich leise Motorengeräusche. Ein Blauhäher ließ seinen Ruf erklingen und bekam Antwort. Samstag in den Hollows war der Inbegriff von Freizeit.

Ich richtete mich auf, streckte meinen Rücken durch und fiel wieder in mich zusammen, als das Schmerzamulett den Kontakt zu meiner Haut verlor und ich einen schmerzhaften Stich spürte. Ich wusste, dass ich nicht unter dem Einfluss eines Schmerzamuletts hier draußen arbeiten sollte, weil ich mich verletzen konnte, ohne es überhaupt zu merken, aber nach gestern brauchte ich ein wenig »Erdzeit«, um mein Unterbewusstsein davon zu überzeugen, dass ich noch am Leben war. Außerdem sah der Garten chaotisch aus, nachdem Jenks und seine Familie sich nun nicht mehr darum kümmerten.

Der Geruch von frischem Kaffee drang aus dem Küchenfenster und in den Frieden des kühlen Frühlingsnachmittags, und ich wusste, dass Ivy wach war. Ich stand auf und ließ meinen Blick von dem gelben, schindelgedeckten Anbau hinter der gemieteten Kirche zu dem von einer Mauer umgebenen Friedhof hinter dem Hexengarten wandern. Das gesamte Grundstück umfasste eine Fläche von vier normalen Stadtgrundstücken und erstreckte sich von einer Straße bis zur Parallelstraße dahinter. Und obwohl hier seit fast dreißig Jahren niemand mehr beerdigt worden war, war der Rasen von meiner Wenigkeit ordentlich gemäht. Ich war der Meinung, dass ein ordentlicher Friedhof ein glücklicher Friedhof war.

Ich fragte mich, ob Ivy mir wohl Kaffee bringen würde, wenn ich danach schrie, und verschob meine Kniematte in die Sonne neben ein Beet mit schwarzen Veilchen. Jenks hatte das Beet letzten Herbst angelegt, und ich wollte sie ausdünnen, bevor sie vor lauter Konkurrenzkampf schwächlich wurden. Ich kniete mich vor die kleinen Pflanzen und bewegte mich langsam um das Beet, ging dem Rosenstrauch aus dem Weg und rupfte ungefähr ein Drittel der Blumen aus.

Sorgen hatten mich bereits vor Mittag geweckt und inzwischen war ich lange genug hier draußen, dass mir vor Anstrengung warm war. Einzuschlafen war auch nicht einfach gewesen. Ich hatte bis nach Sonnenaufgang mit meinen Zauberbüchern dagesessen, um nach einem Zauber zu suchen, mit dem ich mich in einen Wolf verwandeln konnte. Es war eine Aufgabe, deren Aussicht auf Erfolg selbst im besten Fall gering war; es gab keine Zauber, die einen in ein denkendes Wesen verwandeln konnten – zumindest keine legalen. Und es musste ein Erdzauber sein, denn die Kraftlinienzauber bestanden hauptsächlich aus Illusion oder physischen Energieschüben. Ich besaß eine kleine, aber einzigartige Bibliothek, doch trotz all meiner Zauber und Amulette hatte ich nichts, was mich verwandeln konnte.

Während ich meine Matte langsam das Blumenbeet entlangschob, fühlte ich, wie diese Sorge meinen Magen zusammenzog. Wie David gesagt hatte – der einzige Weg, wie man ein Werwolf sein konnte, war, als einer geboren zu werden. Die Zahnabdrücke von Karen an meinen Knöcheln und meinem Hals würden bald verschwinden, ohne bleibende Auswirkungen außer denen in meinem Kopf. Vielleicht gab es einen Zauber in der schwarzen Abteilung der Bibliothek, aber schwarze Erdmagie verwendete eklige Zutaten – wie unentbehrliche Körperteile –, und so tief würde ich nicht sinken.

Das eine Mal, als ich darüber nachgedacht hatte, schwarze Erdmagie anzuwenden, hatte mich mit einem Dämonenmal zurückgelassen, gefolgt von einem zweiten, und letztendlich hatte ich mich als Vertrauter ebenjenes Dämons wiedergefunden. Glücklicherweise hatte ich dabei meine Seele behalten, und die Abmachung war für nicht vollstreckbar erklärt worden. Ich war frei und sauber, mal abgesehen von Big Als erstem Dämonenmal, das ich zusammen mit Newts Mal tragen würde, bis ich einen Weg fand, beide zu bezahlen. Aber nachdem unsere Vertrauten-Verbindung nicht mehr bestand, tauchte Al zumindest nicht mehr jedes Mal auf, wenn ich eine Kraftlinie anzapfte.

Ich kniff die Augen zusammen, um mich gegen die Sonne zu schützen, und schmierte Dreck über mein Handgelenk und damit über Als Dämonenmal. Die Erde war kühl und versteckte das wulstige Kreis-mit-Strich-Muster zuverlässiger als mein Amulett. Es bedeckte auch die rote Schwiele, die der Kabelbinder der Tiermenschen hinterlassen hatte. Gott, war ich dämlich gewesen.

Eine Brise verschob eine Haarsträhne, sodass sie mich im Gesicht kitzelte, und ich schob sie weg, während mein Blick zum hinteren Ende des Blumenbeetes wanderte. Meine Lippen öffneten sich bestürzt. Es war zertrampelt worden.

Eine ganze Ecke war kurz über dem Boden gebrochen worden, und die Pflanzen lagen nun welkend auf der Erde. Winzige Fußstapfen bewiesen klar, wer die Täter waren. Wütend sammelte ich eine Handvoll der welkenden Blumen ein und fühlte die weiche Schlaffheit des unvermeidbaren Todes. Verdammte Garten-Fairys.

»Hey!«, schrie ich und kämpfte mich auf die Füße, um in das Laub der nahe stehenden Esche zu starren. Mein Gesicht war warm, als ich hinüberstampfte und mich darunter aufstellte. Die sterbenden Pflanzen hielt ich anklagend in der Hand. Ich kämpfte gegen sie, seitdem sie letzte Woche aus Mexiko eingewandert waren, aber ich stand auf verlorenem Posten. Fairys aßen Insekten, nicht Nektar wie Pixies, und es war ihnen egal, ob sie auf ihrer Suche nach Essen einen Garten vernichteten. In dieser Hinsicht waren sie wie Menschen und zerstörten auf der Suche nach kurzfristigen Ressourcen letztendlich das, was sie auf lange Sicht gesehen am Leben hielt. Es waren nur sechs, aber sie hatten vor absolut nichts Respekt.

»Ich habe Hey gesagt!«, rief ich lauter und streckte meinen Hals, um etwas anzustarren, was ungefähr auf halber Höhe des Stammes hing und aussah wie ein Eichhörnchennest. »Ich habe euch gesagt, dass ihr aus meinem Garten raus bleiben sollt, wenn ihr es nicht lassen könnt, ihn zu zerstören! Was werdet ihr deswegen jetzt unternehmen?«

Während ich unter dem Baum herumtobte, hörte ich ein Rascheln, und ein totes Blatt trudelte an mir vorbei zu Boden. Ein bleicher Fairy steckte seinen Kopf aus dem Nest. Er war offensichtlich der Anführer des kleinen Junggesellen-Clans und konzentrierte sich sofort auf mich. »Das ist nicht dein Garten«, sagte er laut. »Das ist mein Garten, und es interessiert mich nicht die Bohne, ob du einen langen Spaziergang in einer kurzen Kraftlinie machst.«

Mir fiel die Kinnlade runter. Hinter mir hörte ich das Geräusch eines Fensters, das geschlossen wurde. Ivy wollte mit dem, was jetzt folgte, nichts zu tun haben. Ich nahm es ihr nicht übel, aber es war Jenks’ Garten, und wenn es mir nicht gelang, sie zu vertreiben, würde nicht mehr viel davon übrig sein, wenn ich es endlich schaffte, ihn davon zu überzeugen, zurückzukommen. Ich war ein Runner, verdammt. Wenn ich nicht mal Jenks’ Garten beschützen konnte, hatte ich diesen Namen nicht verdient. Aber es wurde mit jedem Mal schwerer und in dem Moment, wo ich nach drinnen ging, kamen sie sowieso wieder.

»Ignorier mich nicht!«, schrie ich, als der Fairy wieder ins Innere des gemeinschaftlichen Nests verschwand. »Du mieser kleiner Schwachkopf!« Ich schrie wütend auf, als ein kleiner nackter Arsch statt des Gesichts erschien und der Fairy mir damit zuwinkte. Sie dachten, sie wären dort oben sicher, außerhalb meiner Reichweite.

Angewidert ließ ich die Blumen fallen und stampfte zur Gartenhütte. Sie würden nicht zu mir kommen, also würde ich zu ihnen kommen. Ich hatte eine Leiter.

Die Blauhäher vom Friedhof riefen, weil es ihnen gefiel, etwas Neues zum Lästern zu haben, während ich mit der vier Meter langen Metallleiter kämpfte. Sie knallte gegen die unteren Äste, als ich sie in die Nähe des Stammes schob. Mit einem protestierenden Kreischen leerte sich das Nest in einer Explosion aus orangefarbenen und blauen Schmetterlingsflügeln. Ich stellte einen Fuß auf die unterste Sprosse und pustete mir die Haare aus den Augen. Ich hasste es, das zu tun, aber wenn sie den Garten ruinierten, würden Jenks’ Kinder verhungern.

»Jetzt«, hörte ich einen lauten Befehl und schrie auf, als scharfe Stiche meinen Rücken trafen.

Ich duckte mich und wirbelte herum. Die Leiter rutschte ab und fiel genau auf das Beet, das sie zerstört hatten. Genervt schaute ich hoch. Sie warfen mit Eicheln aus dem letzten Jahr nach mir und mit ihren spitzen Enden waren sie scharf genug, um wehzutun. »Ihr kleinen Fürze!«, rief ich und war froh, dass ich ein Schmerzamulett trug.

»Nochmal!«, schrie der Anführer.

Ich riss die Augen auf, als eine Handvoll Eicheln auf mich zuschoss. »Rhombus«, sagte ich, das Wort, das in fast reflexartiger Weise eine Reihe von mühsam erlernten mentalen Vorgängen auslöste. Schneller als ich denken konnte, berührte mein Bewusstsein die kleine Kraftlinie auf dem Friedhof. Energie füllte mich und glich sich aus, bevor Aktion Erinnerung wurde. Ich wirbelte herum und hielt den Fuß ausgestreckt, sodass mein Zeh einen groben Kreis zeichnete. Die Kraftlinienenergie füllte und schloss ihn. Das hätte ich auch gestern Abend tun können, um mich vor den Schlägen zu bewahren, aber sie hatten mir ja das verzauberte Silber angelegt.

Ein schimmerndes Band aus Jenseits erhob sich. Die Wand aus alternativer Energie, die nicht dicker war als ein Molekül, wölbte sich hoch über meinen Kopf und auch zwei Meter unter meinen Füßen und bildete so eine längliche Blase, die alles aufhielt, was lästiger war als ein Lufthauch. Es war ein schlampiger Kreis und würde gegen Dämonen niemals halten, aber die Eicheln prallten davon ab. Genauso wirkte es auch bei Kugeln.

Als er sah, dass ich zwar sicher, aber auch gefangen war, ließ sich der größte Fairy auf seinen mottenähnlichen Flügeln nach unten sinken. Seine Hände waren in die schmale Taille gestemmt, und seine dünnen, unordentlichen Haare ließen ihn aussehen wie das fünfzehn Zentimeter große Gegenteil von Gevatter Tod. In seinem blassen Gesicht leuchteten rote Lippen, und seine fein geschnittenen Gesichtszüge zeigten eine entschlossene Miene. Seine raue Schönheit ließ ihn unglaublich zerbrechlich wirken, aber er war zäher als eine Sehne. Er war ein Garten-Fairy, nicht einer der Assassinen, die mich letzten Herbst fast umgebracht hatten, aber trotzdem war er es gewöhnt, um sein Recht auf Leben zu kämpfen. »Geh rein und wir werden dir nichts tun«, sagte er und starrte mich anzüglich an.

Ich kicherte. Was wollten sie tun? Mich mit Schmetterlingsküssen in den Selbstmord treiben?

Ein aufgeregtes Flüstern ließ mich zur Friedhofsmauer schauen und damit auf eine Reihe von Nachbarskindern, die mich beobachteten. Ihre Augen waren weit aufgerissen, während ich versuchte, die Oberhand über kleine fliegende Kerle zu gewinnen, was, wie jeder Inderlander wusste, unmöglich war. Mist, ich benahm mich wie ein unwissender Mensch. Aber es war Jenks’ Garten, und ich musste sie aufhalten, solange ich konnte.

Entschlossen schob ich mich aus meinem Kreis. Ich zuckte zusammen, als die Energie, die daraus in mich zurückfloss, mein Chi zum Überlaufen brachte und dann in die Kraftlinie zurückkehrte. Ich hörte einen schrillen Schrei, der ankündigte, dass die Pfeile bereit gemacht werden sollten.

Pfeile? Oh, super. Mein Puls beschleunigte sich, als ich zur weit entfernten Küchenecke rannte, um an den Gartenschlauch zu kommen.

»Ich habe versucht, nett zu sein. Ich habe versucht, vernünftig zu sein«, murmelte ich, während ich den Hahn aufdrehte und das Wasser aus dem Sprühaufsatz zu tropfen begann. Die Blauhäher schrien wieder, und ich kämpfte mit dem Schlauch und kam abrupt zum Stehen, als er an der Küchenecke hängen blieb. Ich zog meine Handschuhe aus und schüttelte den Schlauch in eine Sinuskurve. Er löste sich, und ich stolperte rückwärts. Aus der Esche hörte ich hochfrequente, koordinierende Schreie. Ich hatte sie noch nicht mit dem Schlauch bearbeitet. Vielleicht würde es funktionieren. Fairyflügel funktionierten nicht besonders gut, wenn sie nass wurden.

»Schnappt sie!« Ich hörte den Schrei und riss den Kopf hoch. Die Dornen, die sie hielten, sahen in ihren Händen aus wie Schwerter, als sie genau auf mich zuschossen.

Keuchend zielte ich mit dem Schlauch und drückte. Sie schossen nach oben. Ich folgte ihnen und riss verblüfft den Mund auf, als der Wasserstrahl auf einmal nur noch ein Tropfen war, bis er schließlich ganz verschwand. Was zur Hölle? Ich schoss herum, als ich hinter mir Wasserrauschen hörte. Sie hatten den Schlauch durchgeschnitten!

»Dieser Schlauch hat mich zwanzig Dollar gekostet!«, schrie ich und fühlte dann, wie ich bleich wurde, als sich der ganze Clan mit ihren Speeren, die wahrscheinlich mit Giftsumach präpariert waren, vor mir aufbaute. »Ähm, können wir vielleicht drüber reden?«, stammelte ich.

Ich ließ den Schlauch fallen, und der Fairy mit den orangefarbenen Flügeln grinste wie ein Vampir-Stripper auf einer Junggesellinnenparty. Mein Herz klopfte, und ich fragte mich, ob ich in die Kirche fliehen und mich Ivys Lachen ausliefern sollte, oder stark bleiben und ein gute Portion Giftsumach abkriegen.

Das Geräusch von Pixieflügeln hob mein Herz. »Jenks!«, rief ich und drehte mich um, um den besorgten Blicken der Fairys über meine Schulter zu folgen. Aber es war nicht Jenks, es waren seine Frau Matalina und seine älteste Tochter Jih.

»Zieht euch zurück«, drohte Matalina und schwebte auf Kopfhöhe neben mich. Das harte Klappern ihrer Libellenflügel, die sie um einiges wendiger machten, erzeugte einen Luftstrom, der mir die feuchten Haare ins Gesicht wehte.

Titel der amerikanischen Originalausgabe A FISTFUL OF CHARMS Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Deutsche Erstausgabe 01/2009 Redaktion: Charlotte Lungstrass

Copyright © 2006 by Kim Harrison Copyright © 2009 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Satz: Leingärtner, Nabburg

eISBN: 978-3-641-09172-9

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