Blutlied - Kim Harrison - E-Book

Blutlied E-Book

Kim Harrison

4,8
11,99 €

oder
Beschreibung

Spannend und sexy – die Erfolgsserie geht weiter!

Ihr Name: Rachel Morgan. Ihr Job: Kopfgeldjägerin. Ihre Aufgabe: auf den Straßen von Cincinnati Vampire, Hexen und andere finstere Kreaturen zu jagen. Ihr Problem: Sie selbst hat eine düstere Vergangenheit …

Mit ihrer Rachel-Morgan-Serie schreibt Kim Harrison Mystery-Thriller der neuen Generation!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 969




Das Buch

Nach einer weltumspannenden Seuche hat sich das Leben auf der Erde grundlegend verändert. Die magischen Wesen sind aus den Schatten getreten: Vampire, Kobolde und andere Untote machen die Straßen unsicher. Dies sind die Abenteuer der Hexe und Kopfgeldjägerin Rachel Morgan, deren Job es ist, die finsteren Kreaturen zur Strecke zu bringen … Rachel ist nach wie vor im Besitz des »Fokus«, des uralten geheimnisvollen Artefakts der Werwölfe und scheint damit Ärger magisch anzuziehen. Doch konkurrierende Werwolfrudel sind nicht ihr einziges Problem: Mithilfe ihres Pixie-Partners Jenks schlägt sich Rachel ebenso mit ihrem Lieblingsfeind Trent Kalamack und Meistervampir Piscary herum, die ebenfalls hinter dem magischen Gegenstand her zu sein scheinen. Zudem zieht ein Serienmörder seine blutige Spur durch Cincinnati, und Rachels guter Freund und Alpha-Werwolf David wird zum Hauptverdächtigen …

DIE RACHEL-MORGAN-SERIE:

Bd. 1: Blutspur Bd. 2: Blutspiel Bd. 3: Blutjagd Bd. 4: Blutpakt Bd. 5: Blutlied Bd. 6: Blutnacht

Die Autorin

Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond nicht auffindbar. Mit ihrer RACHEL-MORGAN-Serie hat sie einen internationalen Bestseller gelandet.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungKapitel 1Copyright

Für den Mann, der weiß, dass die Rose schöner ist, wenn sie ihre Dornen noch hat.

1

Mit der Faust gegen die Rückwand meines Schrankes zu schlagen, war nicht gerade einer meiner schönsten Träume. Tatsächlich tat es weh. Der Schmerz durchdrang die angenehme Schlafschwere, und ich fühlte, wie der primitive, nie schlafende Teil von mir kühl das langsame Auftauchen meines Willens registrierte, als ich versuchte aufzuwachen. Mit einem unheimlichen Gefühl von Unverbundenheit beobachtete ich, wie es geschah, während ich in meinem Traum meine Klamotten von der Kleiderstange riss und aufs Bett schmiss.

Aber irgendetwas war nicht in Ordnung. Ich wachte nicht auf. Der Traum zerstob nicht einfach in seine Einzelteile, an die man sich später nur schwer erinnert. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich bei Bewusstsein war, aber nicht wach.

Was zur Hölle? Irgendetwas lief wirklich, wirklich falsch. Mein Instinkt jagte Adrenalin in meine Blutbahn und forderte von mir aufzuwachen. Aber ich konnte nicht.

Mein Atem kam schnell und stoßweise. Nachdem ich meinen Schrank geleert hatte, ließ ich mich auf den Boden fallen und klopfte mit den Fingerknöcheln die Bodendielen ab, auf der Suche nach einem Geheimversteck, von dem ich genau wusste, dass es nicht da war. Verängstigt konzentrierte ich meinen Willen und zwang mich, wach zu werden.

Schmerz pulsierte hinter meiner Stirn. Ich fiel in mich zusammen, weil plötzlich alle Muskeln in meinem Körper erschlafften. Es gelang mir, den Kopf zu drehen, und so tat mir jetzt statt des Nasenbeins nur das Ohr weh. Hartes Holz presste sich gegen mich, kalt durch meinen Pyjama. Mein Aufschrei war nur ein Gurgeln. Ich konnte nicht atmen! Etwas … Etwas war hier drin. In meinem Kopf. Als wäre es in mich gefahren und ich davon besessen.

Angst nahm mir den Atem. Ich konnte es nicht sehen, konnte es nicht hören, konnte es kaum fühlen. Aber mein Körper war zu einem Schlachtfeld geworden – eines, auf dem ich keine Ahnung hatte, wie ich gewinnen sollte. Besessenheit war eine schwarze Kunst, und ich hatte nicht die richtigen Kurse belegt. Verdammt noch mal, mein Leben soll so nicht sein!

Absolute Panik verlieh mir Stärke. Ich bemühte mich, meine Arme und Beine unter mich zu bringen und mich hochzuschieben. Ich schaffte es, mich auf Hände und Knie zu stemmen, dann fiel ich gegen meinen Nachttisch. Er fiel um, knallte auf den Boden und rollte zu meinem leeren Schrank.

Die Angst zu ersticken überwältigte mich. Mühsam stolperte ich auf der Suche nach Hilfe in den Flur. Mein unbekannter Angreifer und ich fanden ein gemeinsames Ziel, und indem wir zusammenarbeiteten, holten wir in einem fast schreienden Atemzug Luft. Wo zur Hölle war Ivy? War sie taub? Vielleicht war sie noch nicht von dem Auftrag zurück, den sie zusammen mit Jenks erledigen wollte. Sie hatte gesagt, dass es spät werden würde.

Als ob ihn unsere Zusammenarbeit geärgert hätte, umklammerte mein Angreifer mich fester, und ich fiel. Meine Augen waren offen, und der Vorhang meiner roten Haare verbarg das dämmrige Ende des Flurs vor meinem Blick. Es hatte gewonnen. Was auch immer es war, es hatte gewonnen, und ich verfiel in Panik, als ich feststellte, dass ich mich mit unheimlicher Langsamkeit aufrichtete. Der beißende Gestank von verbranntem Bernstein hing in der Luft – und stieg aus meiner Haut auf.

Nein!, schrie ich in Gedanken – aber ich konnte nicht einmal sprechen. Ich wollte schreien, aber das Wesen, von dem ich besessen war, ließ mich stattdessen langsam und ruhig Luft holen. »Malum«, hörte ich mich selbst fluchen, und meine Stimme hatte einen seltsamen Akzent und ein kultiviertes Lispeln – beides hatte ich noch nie gehabt.

Das war der letzte Tropfen. Angst verwandelte sich in Wut. Ich wusste nicht, was hier mit mir drin war, aber was auch immer es war, es würde verschwinden. Sofort. Mich in Zungen sprechen zu lassen, war einfach unhöflich.

Ich ließ mich in meine Gedanken fallen und spürte die leichteste Andeutung von Verwirrung bei dem anderen. Prima. Daraus konnte ich etwas machen. Bevor der Eindringling herausfinden konnte, was ich tat, zapfte ich die Kraftlinie in unserem Garten an. Absolute, mir fremde Überraschung breitete sich in mir aus, und während mein Angreifer sich bemühte, die Kraftlinie loszulassen, errichtete ich in meinen Gedanken einen Schutzkreis.

Übung macht den Meister, dachte ich selbstgefällig und wappnete mich. Das würde höllisch wehtun.

Ich öffnete der Kraftlinie meinen Geist in einem Maße, wie ich es bis jetzt noch nie gewagt hatte. Und sie kam. Magie brandete in mich. Sie brachte mein Chi zum Überlaufen, ergoss sich in meinen Körper und brannte in allen Synapsen und Neuronen. Tulpa, dachte ich gequält, und das Wort öffnete die mentalen Kanäle, um die Energie zu speichern. Der Ansturm hätte mich getötet, wenn ich nicht bereits einen Pfad von meinem Chi zu meinem Geist gebildet hätte. Stöhnend fühlte ich, wie die Macht sich ein weiteres Mal ihren Weg durch meinen Körper brannte zu dem Schutzkreis in meinen Gedanken, der sich dann vergrößerte wie ein Ballon, der aufgeblasen wird. So speicherte ich Kraftlinienenergie in meinem Kopf, um sie später parat zu haben, aber bei dieser Geschwindigkeit war es, als würde ich in eine Wanne mit geschmolzenem Metall springen.

In mir spürte ich einen schmerzhaften Aufschrei, und mit einem mentalen Stoß, den ich mit einer heftigen Handbewegung unterstützte, schob ich es von mir weg.

Ein Knacken erschütterte mich, und dann war ich frei von der unbekannten Gegenwart. Aus dem Turm der Kirche erklang das Läuten einer Glocke – ein Echo meiner Taten.

Etwas rollte und polterte den Flur entlang, um letztendlich gegen die Wand zu prallen. Ich keuchte und hob mühsam den Kopf, nur um dann schmerzvoll aufzustöhnen. Bewegen tat weh. Ich hatte zu viel Kraftlinienenergie in mir. Es fühlte sich an, als hätte sie sich in meinen Muskeln niedergelassen und als würde jede Bewegung die Energie wieder daraus hervorpressen.

»Au«, keuchte ich und war mir währenddessen nur allzu bewusst, dass das etwas am anderen Ende des Flurs aufstand. Aber zumindest war es nicht mehr in meinem Kopf. Mein Herz raste, und das tat auch weh. Oh Gott. So viel Kraftlinienenergie hatte ich noch nie gehalten. Und ich stank. Ich stank nach verbranntem Bernstein. Was zum Wandel ging hier vor?

Mit schmerzvoller Entschlossenheit presste ich den Schutzkreis in meinem Kopf zusammen, bis die Energie durch mein Chi zurück in die Kraftlinie floss. Es tat fast genauso weh wie der umgekehrte Prozess. Aber nachdem ich die Energie wieder auf das verringert hatte, was mein Chi alleine halten konnte, konnte ich keuchend durch den Vorhang meiner verhedderten Haare aufschauen.

Oh Gott. Es war Newt.

»Was tust du hier?«, fragte ich und fühlte mich, als wäre ich von schleimigem Jenseits überzogen.

Der mächtige Dämon sah verwirrt aus. Aber ich war immer noch zu fertig, um seinen schockierten Ausdruck zu würdigen, der auf einem Gesicht stand, das entweder einem glattgesichtigen Pubertierenden oder einem Mädchen mit klar gezeichneten Gesichtszügen gehören konnte. Seine schlanke Gestalt stand in meinem Flur zwischen der Küche und dem Wohnzimmer. Ich kniff die Augen zusammen und schaute noch einmal hin – yeah, der Dämon stand diesmal und schwebte nicht über dem Boden, seine langen, knochigen Füße berührten definitiv die Dielen –, und ich fragte mich, wie es Newt gelungen war, mich anzugreifen, wenn ich mich doch auf geweihtem Boden befand. Der Anbau an die Kirche, wo er jetzt stand, war allerdings nicht geweiht worden. Er sah verwundert aus, wie er da in seiner roten Robe stand, die an eine Mischung zwischen einem Kimono und etwas, das Lawrence von Arabien an seinem freien Tag tragen würde, erinnerte.

Plötzlich schimmerte die Luft vor schwarzer Jenseitsenergie, und in Newts Griff materialisierte sich ein schmaler Obsidianstab, der ungefähr so groß war wie ich. Jetzt sah er genauso aus wie in meiner Erinnerung, als ich im Jenseits gefangen gewesen war und von Newt einen Trip zurück hatte kaufen müssen. Die Augen des Dämons waren absolut schwarz – selbst dort, wo sie eigentlich hätten weiß sein sollen –, aber sie waren lebendiger als alle, die ich jemals gesehen hatte. Jetzt starrten sie mich ohne zu blinzeln an. Uns trennten nur sechs Meter und ein Streifen geheiligter Boden. Zumindest hoffte ich, dass es immer noch geheiligter Boden war.

»Wo hast du das gelernt?«, fragte der Dämon, und ich versteifte mich bei dem seltsamen Akzent, dessen Vokale direkt in meine Gehirnwindungen einzudringen schienen.

»Al«, flüsterte ich, und der Dämon hob seine fast unsichtbaren Augenbrauen. Ich stemmte meine Schulter gegen die Wand und hielt meinen Blick unverwandt auf den Dämon gerichtet, während ich mich langsam nach oben schob, um aufzustehen. Das war nicht die Art, wie ich meinen Tag beginnen wollte. Gott helfe mir, wenn ich nach dem Licht ging, hatte ich gerade mal eine Stunde geschlafen.

»Was ist los mit dir? Du kannst nicht einfach so auftauchen!« , rief ich und bemühte mich so, ein wenig von dem Adrenalin abzulassen, das immer noch durch meine Adern schoss, während ich im Flur stand, nur mit dem windigen Hemdchen und den Shorts bekleidet, die ich zum Schlafen trug. »Keiner hat dich beschworen! Und wieso konntest du auf geheiligtem Boden stehen? Dämonen können geweihte Erde nicht betreten. Das steht in jedem Buch.«

»Ich tue, was ich will.« Newt linste ins Wohnzimmer und stocherte mit seinem Stab über die Türschwelle, als würde er nach Fallen suchen. »Und Annahmen wie diese können dich umbringen«, fügte der Dämon hinzu und rückte den Strang aus schwarzem Gold zurecht, der dunkel vor dem Blutrot seiner Robe glitzerte. »Ich stand nicht auf geheiligtem Boden … du warst das. Und Minias … Minias sagt, ich hätte die meisten dieser Bücher geschrieben, also wer weiß schon, wie richtig sie sind?«

Seine glatten Gesichtszüge verzogen sich verärgert, aber offensichtlich über sich selbst, nicht über mich. »Manchmal erinnere ich mich nicht richtig an die Vergangenheit«, sagte Newt mit distanzierter Stimme. »Oder sie ändern sie einfach und sagen mir nichts.«

Mein Gesicht wurde kalt, und es lag nicht an der Kühle der Nacht kurz vor der Morgendämmerung. Newt war wahnsinnig. In meinem Flur stand ein wahnsinniger Dämon, und in ungefähr zwanzig Minuten würden meine Mitbewohner nach Hause kommen. Wie konnte etwas so Mächtiges es überleben, so verwirrt zu sein? Aber verwirrt hieß nicht unbedingt dumm, obwohl mächtig und verwirrt oft Hand in Hand gingen. Und clever. Und skrupellos. Dämonisch eben.

»Was willst du?« Ich fragte mich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis die Sonne aufging.

Mit einem besorgten Gesichtsausdruck sagte Newt schließlich: »Ich erinnere mich nicht. Aber du hast etwas von mir, und ich will es zurück.«

Während unlesbare Emotionen über Newts Gesicht huschten und er sich bemühte, seine Gedanken zu ordnen, blinzelte ich den dunklen Flur entlang und versuchte zu entscheiden, ob der Dämon männlich oder weiblich war. Dämonen konnten aussehen, wie immer sie wollten. Im Moment hatte Newt helle Augenbrauen und einen hellen, absolut ebenmäßigen Teint. Ich hätte gesagt, er wäre weiblich, aber das Kinn war zu deutlich ausgeprägt, und die Füße waren einfach zu knochig, um schön zu sein. Nagellack würde darauf einfach falsch aussehen.

Er trug denselben Hut wie schon beim letzten Mal – rund, mit einem glatten Rand und einer flachen Erhebung, die aus einem fabelhaft opulenten dunkelroten Gewebe gefertigt war. Das kurze, nichtssagende Haar, das gerade bis über die Ohren fiel, gab mir auch keinen Hinweis auf ein Geschlecht. Das eine Mal, als ich Newt gefragt hatte, ob er männlich oder weiblich war, hatte er erwidert, ob es einen Unterschied machen würde. Und während ich Newt dabei zuschaute, wie er nach einem Gedankengang suchte, hatte ich so ein Gefühl, dass der Dämon nicht eigentlich dachte, dass es unwichtig war, sondern sich einfach nicht mehr erinnern konnte, mit was für Teilen er geboren worden war. Vielleicht wusste es Minias. Wer auch immer Minias war.

»Newt«, sagte ich und konnte nur hoffen, dass das Zittern in meiner Stimme nicht zu offensichtlich war. »Ich verlange, dass du gehst. Geh von diesem Ort direkt ins Jenseits, und kehre nicht zurück, um mich zu belästigen.«

Es war eine gute Austreibung – wenn man davon absah, dass ich ihn nicht vorher in einem Schutzkreis eingeschlossen hatte. Newt hob eine Augenbraue, und seine Verwirrung war so schnell verschwunden, dass eine gewisse Übung darin zu erkennen war. »Das ist nicht mein Beschwörungsname.«

Der Dämon setzte sich in Bewegung. Ich wich zurück, um einen Schutzkreis zu errichten – egal wie erbärmlich er wäre, wenn ich ihn vorher nicht wirklich gezogen hatte –, aber Newt ging ins Wohnzimmer. Das Letzte, was ich von ihm sah, war der Saum seiner Robe, der durch den Türrahmen verschwand. Außerhalb meines Sichtfeldes erklang das Geräusch von Nägeln, die aus Holz gezogen wurden, dann hörte ich ein scharfes Splittern und Newts klangvolle lateinische Flüche.

Jenks’ Katze Rex tapste an mir vorbei, ein klarer Beweis dafür, dass die sprichwörtliche Neugier tatsächlich ihre Aufgabe erfüllen wollte. Ich stürzte mich auf das dämliche Tier, aber sie mochte mich nicht und schoss deswegen davon. Das karamellfarbene Kätzchen stoppte auf der Türschwelle zum Wohnzimmer und spitzte die Ohren. Mit peitschendem Schwanz setzte es sich und beobachtete.

Newt versuchte nicht, mich ins Jenseits zu ziehen, und er versuchte auch nicht, mich zu töten. Er suchte nach etwas, und ich glaubte, dass er wahrscheinlich nur in mich gefahren war, um die geweihte Kirche durchsuchen zu können. Was ein gutes Zeichen dafür war, dass der Boden wohl immer noch geweiht war. Aber das verdammte Dreckswesen war verrückt. Wer wusste schon, wie lange es mich ignorieren würde? Bis es beschloss, dass ich ihm vielleicht sagen konnte, wo es war? Was auch immer es war?

Ein Knall aus dem Wohnzimmer ließ mich zusammenzucken. Mit gekrümmtem Schwanz tapste Rex in den Raum.

Plötzlich klopfte es an der Vordertür, und ich wirbelte zum leeren Altarraum herum. Aber noch bevor ich eine Warnung rufen konnte, öffnete sich die schwere Eichentür. Sie war in Erwartung von Ivys Rückkehr unverschlossen. Super. Was jetzt?

»Rachel?«, rief eine besorgte Stimme, und Ceri schritt in den Raum, voll angezogen in verblichenen Jeans mit erdverschmierten Knien. Es war offensichtlich, dass sie im Garten gearbeitet hatte, obwohl es noch vor Sonnenaufgang war. Ihre Augen waren sorgenvoll geweitet, und ihr langes blondes Haar wehte um sie herum, als sie eilig durch den leeren Altarraum ging und mit ihren völlig gartenungeeigneten Slippern Dreck über den Boden verteilte. Sie war eine Elfe im Untergrund, und ich wusste, dass ihr Lebensrhythmus ungefähr dem eines Pixies entsprach: Tag und Nacht wach, bis auf die vier Stunden um Mittag und Mitternacht herum.

Panisch wedelte ich mit den Händen und versuchte, meine Aufmerksamkeit zwischen dem leeren Flur und ihr aufzuteilen. »Raus!«, jaulte ich fast. »Ceri, verschwinde!«

»Deine Kirchenglocke hat geläutet«, sagte sie mit vor Sorge bleichen Wangen und nahm meine Hände in ihre. Sie roch wundervoll – der elfische Geruch von Wein und Zimt, vermischt mit dem ehrlichen Geruch von Erde –, und das Kruzifix, das Ivy ihr geschenkt hatte, glitzerte im fahlen Licht. »Bist du in Ordnung?«

Oh, yeah, dachte ich, weil ich mich daran erinnerte, dass ich die Glocke im Kirchenturm hatte läuten hören, als ich Newt aus meinen Gedanken gedrängt hatte. Der Ausdruck »die Glocken läuten hören« war nicht nur ein Sprichwort, und ich fragte mich, wie viel Energie ich kanalisiert hatte, um die Glocke im Turm läuten zu lassen.

Aus dem Wohnzimmer erklang das scheußliche Geräusch von Wandverkleidung, die von der Wand gerissen wurde. Ceri hob ihre blonden Augenbrauen. Dreck, sie war ruhig und gefasst, und ich zitterte in meiner Unterwäsche.

»Es ist ein Dämon«, flüsterte ich und fragte mich, ob wir verschwinden oder es mit dem Schutzkreis versuchen sollten, den ich in meinen Küchenboden geritzt hatte. Der Altarraum war immer noch geweihter Boden, aber ich vertraute eigentlich nur einem stabil errichteten Schutzkreis, um mich vor einem Dämon zu schützen. Besonders vor diesem.

Der fragende Ausdruck auf Ceris fein geschnittenem, herzförmigem Gesicht verwandelte sich zu Wut. Sie hatte tausend Jahre als Vertraute eines Dämons verbracht, und sie behandelte sie wie Schlangen. Vorsichtig, ja, aber sie hatte ihre Angst schon lange verloren. »Warum beschwörst du Dämonen?«, beschuldigte sie mich. »Und in deiner Schlafkleidung?« Ihre schmalen Schultern versteiften sich. »Ich habe gesagt, dass ich dir mit deiner Magie helfen würde. Vielen Dank, Miss Rachel Mariana Morgan, dass ich mich jetzt wertlos fühle.«

Ich nahm ihren Ellbogen und fing an, sie nach hinten zu ziehen. »Ceri«, flehte ich, weil ich nicht glauben konnte, dass sie das alles falsch aufgefasst hatte. »Ich habe ihn nicht beschworen. Er ist von alleine aufgetaucht.« Als ob ich jetzt Dämonenmagie auch nur anrühren würde. Meine Seele war bereits mit genug Dämonendreck verschmutzt, um eine ganze Turnhalle damit zu streichen.

Sobald ich das gesagt hatte, zwang Ceri mich stehen zu bleiben, nur wenige Schritte vor der Tür zum Altarraum. »Dämonen können nicht von alleine auftauchen«, sagte sie, und der besorgte Ausdruck kehrte auf ihr Gesicht zurück, während ihre weißen Finger ihr Kruzifix berührten. »Jemand muss ihn beschworen und ihn dann nicht richtig gebannt haben.«

Das sanfte Schlurfen nackter Füße am Ende des Flurs durchfuhr mich wie ein Schuss. Mit rasendem Puls drehte ich mich um. Ceris Aufmerksamkeit folgte meiner einen Moment später.

»Können es nicht, oder tun es nur nicht?«, fragte Newt. Er hatte das schnurrende Kätzchen im Arm.

Ceris Knie gaben nach, und ich streckte den Arm nach ihr aus. »Fass mich nicht an!«, kreischte sie, und plötzlich musste ich gegen sie kämpfen, weil sie blind ausholte, sich aus meinem Griff riss und in den Altarraum verschwand.

Scheiße. Ich glaube, wir stecken in Schwierigkeiten.

Ich schlurfte hinter ihr her. Sie riss mich zurück, als wir in der Mitte des leeren Raumes standen. »Sitz«, befahl sie, und ihre Hände zitterten, als sie versuchte, mich nach unten zu ziehen.

Okay, wir flohen nicht. »Ceri-«, setzte ich an. Dann entgleiste mir das Gesicht, als sie ein schmutzüberzogenes Klappmesser aus ihrer hinteren Hosentasche zog. »Ceri!«, rief ich, als sie sich ihren Daumen aufschlitzte. Blut quoll hervor, und während ich nur starren konnte, zog sie einen großen Schutzkreis und murmelte währenddessen auf Latein. Ihr hüftlanges, fast durchsichtiges Haar verbarg ihr Gesicht, aber sie zitterte. Mein Gott, sie hatte panische Angst.

»Ceri, der Altarraum ist geweiht!«, protestierte ich, aber sie zapfte eine Linie an und schloss ihren Kreis. Eine schwarz verschmierte Wand aus Jenseits erhob sich und umschloss uns. Ich schauderte, als ich den Schmutz ihrer früheren Dämonenmagie über mich streichen fühlte. Der Kreis hatte einen Durchmesser von gut einem Meter fünfzig, ziemlich groß dafür, von einer Person gehalten zu werden, aber Ceri war wahrscheinlich die beste Kraftlinienmagierin in Cincinnati. Sie schnitt sich in den Mittelfinger, und ich packte ihren Arm. »Ceri, hör auf! Wir sind sicher!«

Mit weit aufgerissenen Augen schob sie mich von sich. Ich fiel gegen ihren Kreis wie gegen eine Wand und rutschte zu Boden. »Geh aus dem Weg«, befahl sie und begann damit, innerhalb des ersten einen zweiten Schutzkreis zu ziehen.

Geschockt rutschte ich in die Mitte, und sie verschmierte ihr Blut hinter mir.

»Ceri …«, versuchte ich es noch einmal, schwieg aber, als ich sah, wie sie die Kraftlinie mit dem ersten Band verwob, um es zu stärken. Das hatte ich noch nie gesehen. Lateinische Worte fielen von ihren Lippen, dunkel und bedrohlich. Meine Haut kribbelte wie von tausend Nadelstichen, ein Zeichen der Macht, die sie benutzte, und ich konnte nur starren, als sie sich in den kleinen Finger schnitt und zu einem dritten Kreis ansetzte.

Stille, verzweifelte Tränen liefen über ihre Wangen, als sie ihn beendete und errichtete. Sie wechselte das Gartenmesser in ihre blutige Hand und bereitete sich zitternd darauf vor, auch ihren linken Daumen anzuritzen.

»Stopp!«, protestierte ich. Verängstigt umklammerte ich ihr Handgelenk, das klebrig war von ihrem eigenen Blut.

Sie riss den Kopf hoch. Aus blauen Augen, die leer waren bis auf einen Ausdruck absoluten Terrors, starrte sie mich an. Ihre Haut war kreidebleich.

»Es ist okay«, sagte ich und fragte mich, was Newt getan hatte, um diese selbstbewusste, unerschütterliche Frau so durchdrehen zu lassen. »Wir sind in der Kirche. Sie ist geweiht. Du errichtest wirklich tolle Schutzkreise.« Ich schaute besorgt auf den Kreis über meinem Kopf. Der dreifache Schutzwall war schwarz von tausend Jahren voller Flüche. Algaliarept, der Dämon, vor dem ich sie gerettet hatte, hatte sie gezwungen, die Kosten zu tragen. Ich hatte noch nie eine so starke Barriere gespürt.

Ceri schüttelte den Kopf. »Du musst Minias rufen. Gott helfe uns. Du musst ihn rufen!«

»Minias?«, fragte ich. »Wer zur Hölle ist Minias?«

»Newts Vertrauter«, stammelte Ceri.

War sie verrückt geworden? Newts Vertrauter war ein anderer Dämon. »Gib mir dieses Messer«, befahl ich und rang es ihr aus der Hand. Ihr Daumen blutete immer noch, und ich suchte nach etwas, um ihn zu verbinden. Wir waren sicher. Soweit es mich anging, konnte Newt mit dem Anbau machen, was er wollte. Der Sonnenaufgang war nah, und ich hatte schon öfter in einem Schutzkreis gesessen und darauf gewartet. Erinnerungen an meinen Exfreund Nick tauchten auf und verschwanden wieder.

»Du musst ihn rufen«, babbelte Ceri, und ich konnte nur starren, als sie auf die Knie fiel und damit begann, mit ihrem eigenen Blut einen tellergroßen Kreis zu ziehen, während ihre Tränen auf den alten Eichenboden fielen.

»Ceri, es ist okay«, sagte ich und stand verwirrt über ihr.

Aber als sie zu mir aufsah, verschwand meine Zuversicht. »Nein, ist es nicht«, sagte sie mit leiser Stimme. Der kultivierte Akzent, der sonst ihre königliche Abstammung verriet, klang nun nach Kapitulation.

Eine Welle von etwas brandete auf und verbog die Blase aus Macht, die uns beschützte. Mein Blick wanderte zu den Halbkugeln um uns herum, als über uns das klare Tönen der Kirchenglocke erklang. Die schwarzen Wände, die uns beschützten, zitterten und blitzten kurz in der reinen Farbe von Ceris blauer Aura auf, bevor sie in ihren dämonenverschmutzten Zustand zurückkehrten.

Aus dem Türrahmen im hinteren Teil der Kirche erklang Newts sanfte Stimme. »Weine nicht, Ceri. Es wird beim zweiten Mal nicht so wehtun.«

Ceri zuckte zusammen, und ich griff ihren Arm, um sie davon abzuhalten, zur offenen Tür zu laufen und damit ihre eigenen Schutzkreise zu brechen. Ihr wild rudernder Arm schlug gegen mein Gesicht. Bei meinem Aufschrei sank sie vor meinen Füßen zusammen. »Newt hat die Weihe gebrochen«, presste sie um ihr Schluchzen herum heraus. »Sie hat sie gebrochen. Ich kann nicht zurück. Al hat eine Wette verloren, und ich habe einmal zehn Jahre Flüche für sie gewunden. Ich kann nicht dahin zurück, Rachel!«

Verängstigt legte ich meine Hand auf ihre Schulter, zögerte dann aber. Newt ist weiblich. Dann wurde mein Gesicht schlaff. Newt war im Flur, dem geweihten Teil.

Meine Gedanken wanderten zu der mächtigen Erschütterung. Ceri hatte einmal gesagt, dass es einem Dämon möglich war, eine Kirche zu entweihen, aber dass es unwahrscheinlich war, weil es zu viel kostete. Und Newt hatte es getan, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Scheiße.

Ich schluckte und schaute mich um, nur um Newt in der Tür stehen zu sehen, eindeutig in dem Bereich, der einmal geweihter Boden gewesen war. Rex lag immer noch in den Armen des Dämons und zeigte ein dämliches Katzengrinsen. Die orangefarbene Katze ließ nicht zu, dass ich sie berührte, aber sie schnurrte, wenn ein verrückter Dämon sie kraulte. Typisch.

Mit ihrem schwarzen Stab in der Armbeuge und gekleidet in ihre elegante Robe sah Newt fast biblisch aus. Ihre Weiblichkeit war offensichtlich, wenn man es wusste. Ihre schwarzen Augen musterten starr Ceris Schutzkreis in dem fast leeren Altarraum.

Ich verschränkte die Arme, um meine quasi Nacktheit zu verstecken. Nicht, dass es da viel zu verstecken gegeben hätte. Mein Herz raste, und ich atmete stoßweise. Das Dämonenmal auf meiner Fußsohle – der Beweis dafür, dass ich Newt einen Gefallen schuldete, weil sie mich bei der letzten Sonnenwende aus dem Jenseits zurückgebracht hatte – pulsierte, als wüsste es, dass sein Schöpfer im Raum war.

Hinter den Buntglasfenstern und durch die offene Vordertür war das sanfte Rauschen eines vorbeifahrenden Autos zu hören und das Zwitschern früher Vögel. Ich betete, dass die Pixies im Garten bleiben würden. Das Messer in meiner Hand war rot und klebrig von Ceris Blut, und mir war schlecht.

»Es ist zu spät für Flucht«, sagte Ceri und holte sich das Messer zurück. »Ruf Minias.«

Newt versteifte sich. Rex sprang aus ihren Armen, um auf meinem Schreibtisch zu landen. Von da aus raste die Katze panisch in den Flur, wobei sie Papiere hinter sich verstreute. Mit wehender roter Robe schritt Newt zu Ceris Schutzkreis und schlug wirbelnd ihren Stab dagegen. »Minias hat hier nichts zu suchen!«, schrie sie. »Gib es mir! Es gehört mir! Ich will es zurück!«

Das Adrenalin in meinem Blut verursachte mir Kopfschmerzen. Ich beobachtete, wie der Schutzkreis erzitterte, aber dann hielt.

»Wir haben nur noch wenige Augenblicke, bevor es ernst wird«, flüsterte Ceri, immer noch bleich, aber mit einem gefassteren Gesichtsausdruck. »Kannst du sie ablenken?«

Ich nickte, und Ceri begann, ihren Zauber vorzubereiten. Anspannung ließ meine Schultern verkrampfen, und ich konnte nur beten, dass mein Gesprächstalent größer war als meine Begabung für Magie. »Was willst du? Sag es mir, und ich gebe es dir«, versprach ich mit bebender Stimme.

Newt begann, den Schutzkreis zu umschreiten. Sie sah aus wie ein gefangener Tiger, und ihre rote Robe rauschte über den Boden. »Ich erinnere mich nicht.« Verwirrung ließ ihre Gesichtszüge hart werden. »Ruf ihn nicht«, warnte der Dämon mit leuchtenden schwarzen Augen. »Jedes Mal lässt er mich wieder vergessen. Ich will es zurück, und du hast es.«

Oh, das wird immer besser und besser. Newts Augen wanderten zu Ceri. Ich trat in ihr Blickfeld.

Ich hatte nur eine Vorwarnung von vielleicht einer halben Sekunde, bevor der Dämon wieder seinen Stab gegen den Schutzkreis schlug. »Corrumpro!«, schrie sie, als er aufschlug. Zu meinen Füßen zitterte Ceri, als der äußerste Kreis plötzlich völlig schwarz aufblitzte und Newt ihn übernahm. Mit einem winzigen Lächeln berührte Newt den Kreis, und er verschwand, um nur noch zwei dünne, durchscheinende Bänder zwischen uns und dem Tod zurückzulassen, der eine dunkelrote Robe trug und einen schwarzen Stab schwang.

»Deine Fähigkeiten haben sich stark verbessert, Ceridwen Merriam Dulciate«, sagte Newt. »Al ist ein herausragender Lehrer. Vielleicht gut genug, dass du meine Küche wert bist.«

Ceri sah nicht auf. Der Vorhang ihrer fahlen Haare, deren Spitzen von ihrem Blut rot gefärbt waren, verbarg, was sie tat. Ich atmete schnell und drehte mich immer weiter, um Newt im Blick zu behalten, bis ich schließlich mit dem Rücken zur offenen Eingangstür stand.

»Ich erinnere mich an dich«, erklärte Newt und klopfte mit dem Ende ihres Stabes gegen den unteren Rand des Schutzkreises, wo er auf den Boden traf. Jede Berührung ließ ein wenig mehr Schwarz über die Oberfläche schimmern. »Ich habe deine Seele wieder zusammengesetzt, nachdem du durch die Linien gereist warst. Du schuldest mir einen Gefallen.« Ich unterdrückte ein Schaudern, als der Blick des Dämons an meinen nackten, bleichen Beinen vorbei auf Ceri fiel. »Gib mir Ceri, und wir sind quitt.«

Ich versteifte mich. In ihrer knieenden Position hinter mir fand Ceri ihre Kraft wieder. »Ich habe meine Seele«, verkündete sie mit zitternder Stimme. »Ich gehöre niemandem.«

Newt schien mit den Schultern zu zucken, und ihre Finger spielten mit ihrer Halskette. »Ceris Handschrift ist überall auf dem Ungleichgewicht auf deiner Seele zu sehen«, sagte der Dämon zu mir, während sie zu Ivys Klavier ging und mir den Rücken zukehrte. »Sie windet Flüche für dich, und du verwendest sie. Wenn sie das nicht zu deiner Vertrauten macht, was dann?«

»Sie hat einen Fluch für mich gewunden«, gab ich zu und beobachtete, wie die langen Finger des Dämons das dunkle Holz streichelten. »Aber ich habe das Ungleichgewicht auf mich genommen, nicht sie. Das macht sie zu meiner Freundin, nicht meiner Vertrauten.«

Aber Newt hatte uns anscheinend vergessen. Die Gestalt in der Robe, die neben Ivys Klavier stand, schien die Macht des Raumes in sich aufzusagen und damit alles, was einst heilig und rein gewesen war, zu ihrem eigenen Nutzen zu korrumpieren. »Hier«, murmelte sie. »Ich bin hierhergekommen, um etwas zu finden, was du mir gestohlen hast … aber das …« Newt schob sich ihren Stab in die Armbeuge, senkte den Kopf und verharrte so. »Das beunruhigt mich. Ich mag es hier nicht. Es tut weh. Warum tut es hier weh?«

Newt abzulenken, während Ceri arbeitete, war ja gut und schön, aber der Dämon war irre. Das letzte Mal, als ich auf Newt getroffen war, war sie wenigstens vernunftbegabt erschienen, aber das hier war unvorstellbare Macht kanalisiert in Wahnsinn.

»Es war hier!«, schrie der Dämon. Ich unterdrückte ein Zucken und keuchte. Ceris Atem stockte hörbar, als Newt herumwirbelte und ihre bösartigen schwarzen Augen auf uns richtete. »Mir gefällt das nicht«, sagte Newt anklagend. »Es tut weh. Es sollte nicht wehtun.«

»Du solltest nicht hier sein«, sagte ich und fühlte mich dabei leicht und unwirklich, als ob ich auf Messers Schneide balancierte. »Du solltest zu Hause sein.«

»Ich erinnere mich nicht, wo zu Hause ist«, antwortete Newt. Inbrünstige Wut lag in ihrer leisen Stimme.

Ceri zupfte an meinem Hemd. »Es ist fertig«, flüsterte sie. »Ruf ihn.«

Ich riss meinen Blick von Newt, als der Dämon wieder anfing, uns zu umkreisen, und richtete meine Aufmerksamkeit stattdessen auf das hässliche, aufwendige, zweifach von Kreisen umgebene Pentagramm, das Ceri mit ihrem eigenen Blut gezeichnet hatte. »Du glaubst, dass es eine gute Idee ist, einen Dämon zu rufen, damit er sich um einen anderen kümmert?«, flüsterte ich. Newt begann, schneller zu gehen.

»Er ist der Einzige, der vernünftig mit ihr reden kann«, erwiderte sie verzweifelt. »Bitte, Rachel. Ich würde es tun, aber ich kann nicht. Es ist Dämonenmagie.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ihr Vertrauter? Hättest du Al geholfen?«

Während Newt über meinen Spitznamen für Al, Ceris dämonischen Kerkermeister, kicherte, fing Ceris Kinn an zu zittern. »Newt ist wahnsinnig«, flüsterte sie.

»Glaubst du?«, schnauzte ich und sprang fast senkrecht in die Luft, als Newt einen seitlichen Schlag gegen die Schutzwand ausführte, während ihre Robe dramatisch um sie herumwehte. Super, sie konnte zu allem anderen auch noch Karate. Warum nicht? Es gab sie ja offensichtlich schon eine Weile.

»Deswegen hat sie einen Dämon als Vertrauten«, erklärte Ceri, und ihre Augen huschten nervös hin und her. »Sie hatten einen Wettbewerb. Der Verlierer wurde zu ihrem Vertrauten. Er ist mehr ein Pfleger, und wahrscheinlich sucht er schon nach ihr. Sie mögen es nicht, wenn sie seiner Aufsicht entkommt.«

Mir gingen ein paar Lichter auf, und fassungslos starrte ich sie an. Als sie sah, dass ich verstanden hatte, zog Ceri mich nach unten zu ihrem Pentagramm. Sie umfasste mein Handgelenk, drehte meine Hand mit der Handfläche nach oben und zielte mit ihrem Messer auf meine Finger. »Hey!«, schrie ich und riss meine Hand zurück.

Ceri schaute mich mit zusammengepressten Lippen an. Sie wurde zickig. Das war gut. Das bedeutete, dass sie dachte, dass sie – wir – das hier vielleicht überleben würden. »Hast du einen Fingerstick?«, meinte sie bissig.

»Nein.«

»Dann lass mich deinen Finger anschneiden.«

»Du blutest schon. Benutz dein Blut.«

»Meines würde nicht funktionieren«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Es ist Dämonenmagie, und –«

»Yeah, schon verstanden«, unterbrach ich sie. Ihr Blut hatte nicht die richtigen Enzyme, und dank ein bisschen illegaler Genmanipulation, die mein Leben retten sollte, hatte ich es überlebt, damit geboren zu werden.

Die summende Gegenwart des Schutzkreises über uns schien zu zögern, und Newt gab ein befriedigtes Geräusch von sich. Ceri erschauderte, als sie die Kontrolle über den mittleren Kreis verlor und Newt ihn fallen ließ. Nur noch ein dünner, zerbrechlicher Schutzkreis übrig. Ich streckte voller Furcht die Hand aus. Ceris Augen suchten meine, und der Stress ließ ihre gleichmäßigen Züge wunderschön wirken. Ich sah einfach nur hässlich aus, wenn ich Angst hatte. Newts Hand schwebte über dem letzten Kreis, und sie lächelte bösartig, als sie anfing, auf Latein zu murmeln. Das Ganze war zu einem Wettrennen geworden.

Ceri zog schnell ihr Messer über meinen Finger, und ich zuckte schmerzerfüllt zusammen, während ich gleichzeitig beobachtete, wie Rot hervorquoll. »Was muss ich tun?«, fragte ich. Mir gefiel das alles überhaupt nicht.

Ceri senkte die blauen Augen und führte meine Handfläche in den Kreis. Der alte Eichenboden schien zu vibrieren, als ob seine gespeicherte Lebenskraft durch mich liefe und mich mit der Erddrehung und dem Glühen der Sonne verbände. »Es ist ein öffentlicher Fluch«, sagte sie so schnell, dass ihre Worte fast ineinander verschmolzen. »Die Anrufung heißt mater tintinnabulum. Sag das und Minias’ Namen in deinen Gedanken, und der Fluch wird dich verbinden.«

»Hol nicht Minias«, drohte Newt, und ich fühlte, wie Ceris Kontrolle über den letzten Kreis zunahm, während der Dämon abgelenkt war. »Er wird dich schneller töten als ich.«

»Du beschwörst ihn nicht, du bittest nur um seine Aufmerksamkeit«, erklärte Ceri verzweifelt. »Das Ungleichgewicht würde normalerweise an dich fallen, aber du kannst mit Newts Aufenthaltsort verhandeln, und dann wird er es übernehmen. Wenn er es nicht tut, tue ich es.«

Das war ein riesiges Zugeständnis von der dämonenverschmutzten Elfe. Das wurde immer besser, aber die Sonne war noch nicht aufgegangen, und Newt sah aus, als wäre sie bereit, uns in Stücke zu reißen. Ich glaubte nicht, dass Ceris Konzentration noch lange gegen einen Meisterdämon ankommen konnte. Und ich musste einfach glauben, dass Dämonen einen Weg kannten, einen der ihren zu kontrollieren, anderenfalls wären sie schon alle tot. Wenn sein Name Minias war und er sich als ihr Vertrauter ausgab, dann war es eben so.

»Beeil dich«, flüsterte Ceri, und der Schweiß lief ihr übers Gesicht. »Du wirst vermutlich als unregistrierter Benutzer erscheinen, aber wenn sie ihn nicht wieder verflucht hat, dann sucht er sie und wird wahrscheinlich antworten.«

Unregistriert? Ich leckte mir über die Lippen und schloss die Augen. Ich war bereits mit der Linie verbunden, also musste ich nur noch den Fluch aktivieren und seinen Namen denken. Mater tintinnabulum, Minias, dachte ich und erwartete nicht, dass irgendetwas passieren würde.

Ich holte tief Luft und fühlte Ceris Hand, die mein Gelenk umklammerte, um mich zu zwingen, im Schutzkreis zu bleiben. Ein Stoß Jenseits schoss aus mir, gefärbt wie meine Aura. Ich fühlte, wie er mich gleich einem fliegenden Vogel verließ und kämpfte darum, mich selbst zusammenzuhalten, als ich ihn in meiner Vorstellung fliehen und ein Stück meiner Aura mitnehmen sah.

»Ich werde es mir von ihm nicht stehlen lassen!«, schrie Newt. »Es gehört mir! Ich will es zurück!«

»Konzentrier dich«, flüsterte Ceri. Ich fiel in mich und fühlte, wie der von mir befreite Teil gleich einem Klingeln durch das gesamte Jenseits schoss. Und wie ein Klingeln wurde es beantwortet.

Ich bin ein bisschen beschäftigt, erklang ein irritierter Gedanke. Hinterlassen Sie eine Nachricht auf dieser verdammten Leitung, und ich rufe zurück.

Mich schauderte bei dem Gefühl von Gedanken in meinem Kopf, die nicht mir gehörten, aber Ceri hielt meine Hand unbeweglich. In Minias fühlte ich ein Hintergrundgefühl von Sorge, Schuldgefühlen, Verärgerung. Aber er hatte mich abgewürgt wie einen Werbeanrufer und war kurz davor, die Verbindung zu unterbrechen.

Newt, dachte ich. Nimm das Ungleichgewicht dafür, dass ich dich gerufen habe, und ich werde dir sagen, wo sie ist. Und versprich, dass du uns nicht verletzen wirst. Oder zulassen, dass sie uns verletzt. Und schaff sie zur Hölle aus meiner Kirche!

»Beeil dich!«, rief Ceri, und meine Konzentration geriet ins Wanken.

Abgemacht, dachte die Stimme entschieden. Wo bist du?

Mein kurzes Hochgefühl verschwand. Ähm, dachte ich und fragte mich, wie man einem Dämon eine Wegbeschreibung gab, aber Minias eigene Gedanken versanken ebenfalls in Verwirrung.

Was zum Teufel tut sie jenseits der Linien? Es ist fast Sonnenaufgang.

Sie versucht, mich zu töten!, dachte ich. Schaff deinen Arsch hier rüber und sammle sie ein!

Du bist nicht registriert. Woher soll ich wissen, wo du bist? Ich werde …

Ich versteifte mich und riss meine Hand aus dem Kreis und Ceris Griff, als die Präsenz hinter der Stimme heftiger in meine Gedanken griff. Keuchend fiel ich auf den Hintern, eine körperliche Darstellung meines Versuches, mich von Minias’ Gegenwart loszureißen.

»… durch deine Gedanken kommen müssen«, sagte eine samtige Stimme.

»Heiliger Vater, rette uns«, keuchte Ceri.

Mein Kopf flog herum, und ich sah Ceri, wie sie nach hinten fiel. Sie berührte ihren Schutzkreis, und Panik schoss mir eiskalt durch den Körper, als er in einem Aufblitzen von Schwarz zusammenbrach.

Oh Gott. Wir sind tot.

Sie begegnete meinem Blick, während sie halb aufgerichtet auf dem Boden lag, und ihre Augen sagten mir, dass sie davon ausging, uns getötet zu haben. Newt schrie auf, und ich wirbelte, wo ich saß, herum, nur um sofort zu erstarren.

Nichts stand zwischen Newt und uns außer einem Mann, dessen purpurne Robe ihrer bis auf die Farbe völlig glich. Er war barfuß, und erst jetzt erinnerte ich mich an ein Aufblitzen dieser Robe, das sich zwischen mich und Ceri gedrängt hatte, um die Elfe beiseitezustoßen, den Kreis zu brechen und zu Newt zu gelangen.

»Lass mich los, Minias«, knurrte Newt, und meine Augen weiteten sich, als ich bemerkte, dass seine Hand ihren Oberarm umklammerte. »Sie hat etwas von mir. Ich will es zurück.«

»Was hat sie von dir?«, fragte er ruhig. Newt war einen guten Kopf kleiner als Minias, und das ließ sie trotz der beißenden Schärfe in ihrer Stimme verletzlich aussehen. Seine Stimme trug den entschlossenen Unterton einer mehr als beiläufigen Frage, und mein Blick wanderte wieder zu dem Griff, mit dem er ihren Stab umklammerte, direkt über ihrer Hand. Er ließ niemals nach, nicht einmal als seine honig-bernsteinartige Stimme sich wie ein Balsam in dem missbrauchten Altarraum ausbreitete. Beruhigend, ja, aber auch mit einer gewissen Spannung.

Newt sagte nichts. Ich sah an Minias vorbei und bemerkte, dass der Saum ihrer Robe zitterte.

Ich kämpfte mich auf die Füße, und Ceri folgte meinem Beispiel. Sie hielt es nicht für nötig, den Schutzkreis wieder zu errichten. Was sollte es helfen? Minias bewegte sich, um Newts Blickfeld zu begrenzen. Er war völlig auf sie konzentriert, aber ich war mir sicher, dass er sich unserer Anwesenheit bewusst war. Und er sah aus, als wüsste er, was er tat. Ich musste sein Gesicht erst noch sehen, aber sein braunes Haar war kurz, und die Locken wurden von einem Hut bedeckt, der genauso aussah wie der von Newt.

»Atme«, sagte Minias, wie um etwas auszulösen. »Sag mir, was du willst.«

»Ich will mich erinnern«, flüsterte sie. Es war, als wären wir nicht einmal mehr im Raum, so konzentriert waren die beiden aufeinander, und erst jetzt wurde Minias’ Griff sanfter.

»Aber warum tust du dann –«

»Weil es wehtut«, sagte sie und trat von einem bloßen Fuß auf den anderen.

Er lehnte sich zu ihr – als wäre er besorgt –, und fragte sanft: »Warum bist du hierhergekommen?«

Sie schwieg und sagte dann schließlich: »Ich erinnere mich nicht.« Es klang aufgeregt, gleichzeitig leise und bedrohlich, und der einzige Grund, warum ich ihr glaubte, war, dass sie es offensichtlich schon vergessen hatte, bevor Minias aufgetaucht war.

Minias verlor den letzten Rest von Wut. Ich fühlte mich, als wäre ich Zeuge einer häufigen, aber selten beobachteten Szene. Ich konnte nur hoffen, dass er sein Versprechen halten würde, dass sie uns nicht mitnahmen, wenn sie bereit waren zu verschwinden. »Dann lass uns gehen«, sagte er beruhigend, und ich fragte mich, wie viel davon das Verhalten eines Pflegers war, und wie viel echte Sorge. Konnten sich Dämonen Sorgen um andere Dämonen machen?

»Vielleicht erinnerst du dich, wenn wir zurück sind«, sagte er und drehte Newt, als ob er sie wegführen wollte. »Wenn du etwas vergisst, solltest du dahin gehen, wo du zum ersten Mal daran gedacht hast, und es wird auf dich warten.«

Newt weigerte sich mit ihm zu gehen, und unsere Blicke trafen sich, als Minias zur Seite trat. »Zu Hause ist es nicht«, sagte sie mit zusammengezogenen Brauen, die einen tiefen inneren Schmerz und, noch darunter, eine kochende Macht verrieten, die nur von dem Dämon kontrolliert wurde, dessen Griff von ihrem Stab zu ihrer Hand gerutscht war. »Es ist hier, nicht dort. Was auch immer es ist, es ist hier. Oder es war hier. Ich … ich weiß es.« Frustrierte Wut glitt über ihr Gesicht. »Du willst nicht, dass ich mich erinnere«, beschuldigte sie Minias.

»Ich will nicht, dass du dich erinnerst?«, fragte er rau, und seine Hand fiel von ihr ab und streckte sich fordernd aus. »Gib sie mir. Jetzt.«

Mein Blick huschte zwischen den beiden hin und her. Er war in einem Wimpernschlag vom Liebhaber zum Gefängniswärter geworden. »Ich vermisse meinen Vorrat an Eibenblättern«, sagte er. »Ich habe nicht dafür gesorgt, dass du vergisst. Gib sie mir.«

Newt presste die Lippen aufeinander, und auf ihren Wangen erschienen Flecken. Es fing an, einen Sinn zu ergeben. Eibe war hochgiftig und wurde fast ausschließlich verwendet, um mit den Toten zu kommunizieren und Vergesslichkeitszauber anzufertigen. Illegale Vergesslichkeitszauber. Ich hatte im hinteren Teil des Friedhofes eine Eibe neben einem aufgegebenen Mausoleum gefunden, und obwohl ich nicht mit den Toten kommunizierte, hatte ich sie stehen lassen in der Hoffnung, dass ein glaubwürdiges Dementi meinen Hintern aus dem Gerichtssaal halten würde, falls irgendwer sie dort fand. Eiben anzupflanzen war nicht illegal, aber sie auf einem Friedhof wachsen zu lassen, wo die Wirkstoffe mächtiger wurden, war es durchaus.

»Ich habe sie gemacht«, schoss Newt zurück. »Sie gehören mir! Ich habe sie selbst gemacht!«

Sie drehte sich um, als wollte sie gehen, und er streckte den Arm aus und wirbelte sie wieder herum. Jetzt konnte ich Minias’ Gesicht sehen. Er hatte ein ausdrucksstarkes Kinn. Seine roten Dämonenaugen waren so dunkel, dass sie fast die typischen Ziegenpupillen verbargen, und seine Nase war sehr römisch. In seiner Miene stand deutliche Wut, ein perfektes Spiegelbild von Newts Laune.

Gefühle zeichneten sich in rasantem Wechselspiel auf ihren Gesichtern ab. Es war, als würde eine fünfminütige Diskussion auf drei Sekunden verkürzt. Ihre Miene veränderte sich, seine antwortete, was wiederum einen Wechsel in ihrer Stimmung auslöste, woran er dann seine Körpersprache anpasste. Er manipulierte sie vorsichtig, diesen Dämon, der die Weihe der Kirche ohne einen Gedanken zerstört hatte, der einen dreifachen Blutkreis mit seinem Willen übernommen hatte – etwas, wovon ich gedacht hatte, dass es unmöglich sei, von dem Ceri aber gewusst hatte, dass Newt absolut dazu fähig war. Ich wusste nicht, vor wem ich mehr Angst haben sollte – Newt, die die Welt terrorisieren konnte, oder Minias, der sie kontrollierte.

»Bitte«, flehte er, als ihre Miene zu Verlegenheit wechselte und sie den Blick senkte.

Sie zögerte kurz, griff dann in ihren weiten Ärmel und übergab ihm eine Handvoll Phiolen.

»Wie viele hast du aktiviert, als du dich erinnert hast?«, fragte er zum Klappern der Glasfläschchen.

Newts Blick senkte sich besiegt auf den Boden, aber der verschlagene Ausdruck in ihrem Gesicht sagte mir, dass es ihr nicht leidtat. »Ich erinnere mich nicht.«

Er wog die Flaschen in der Hand, bevor er sie einsteckte, und es war deutlich, dass er den Mangel an Schuldbewusstsein bemerkte. »Es fehlen vier.«

Sie schaute ihn an, und in ihren Augen standen echte Tränen. »Es tut weh«, sagte sie, und das machte mir eine Scheißangst. Newt hatte sich den Gedächtnisverlust selbst zugefügt? Woran hatte sie sich erinnert, woran sie nicht erinnert werden wollte?

Ceri stand fast vergessen neben mir. Als sie leicht in sich zusammensackte, wusste ich, dass es fast vorbei war. Ich fragte mich, wie oft sie dieses Spiel schon beobachtet hatte.

Besänftigt zog Minias Newt an sich, und das Purpur seiner Robe legte sich um sie. Newt umarmte sich selbst und ließ zu, dass er sie hielt, mit geschlossenen Augen und ihrem Kopf unter seinem Kinn. Sie wirkten elegant und selbstbewusst, wie sie da in ihren farbenprächtigen Roben und stolzer Haltung standen. Ich fragte mich, wie ich jemals Zweifel über Newts Geschlecht hatte haben können. Es war jetzt so offensichtlich, bis mir der Gedanke kam, dass sie ihr Aussehen vielleicht subtil angepasst hatte. Sie zusammen zu sehen, ließ einen Schauer über meine Haut laufen. Minias war das Einzige, was Newt an ihrer geistigen Gesundheit festhalten ließ. Ich glaubte nicht, dass er nur ihr Vertrauter war. Ich glaubte nicht, dass er jemals nur irgendwas gewesen war.

»Du solltest sie nicht nehmen«, flüsterte er, und sein Atem strich über ihre Stirn. Seine Stimme war einnehmend und hob und senkte sich wie ein Musikstück.

»Es tut weh«, sagte sie mit gedämpfter Stimme.

»Ich weiß.« Seine Dämonenaugen trafen meine, und ich zitterte kurz. »Deswegen mag ich es nicht, wenn du ohne mich ausgehst«, sagte er. Er redete mit ihr, aber er schaute mich an. »Du brauchst sie nicht.« Minias brach den Blickkontakt mit mir, drehte ihr Gesicht zu seinem und umfasste ihre Wangen mit seinen Händen.

Ich hatte die Arme um mich geschlungen und fragte mich, wie lange sie wohl schon zusammen waren. Lang genug, dass eine aufgezwungene Last zu einer freiwillig übernommenen Bürde wurde?

»Ich will mich nicht erinnern«, sagte Newt. »Die Dinge, die ich getan habe …«

Ein Dämon mit einem Gewissen? Warum nicht? Sie hatten Seelen.

»Nicht«, unterbrach er sie. Er hielt sie noch sanfter. »Versprich mir, dass du mir das nächste Mal sagst, wenn du dich an etwas erinnerst, statt nach Antworten suchen zu gehen?«

Newt nickte, dann versteifte sie sich in seinen Armen. »Das war es, wo ich war«, flüsterte sie, und mein Magen verkrampfte sich bei dem Tonfall von Erkenntnis in ihrer Stimme. Minias erstarrte, und Ceri neben mir wurde bleich.

»Es war in deinen Tagebüchern!«, rief Newt und stieß ihn von sich. Minias wich zurück, wachsam, aber der Dämon bemerkte nichts mehr. »Du hast es aufgeschrieben. Du hast alles aufgeschrieben, woran ich mich erinnere! Wie viel hast du in deinen Büchern, Minias? Wie viel von dem, was ich vergessen will, weißt du?«

»Newt …«, sagte er warnend, und seine Finger wühlten in seinen Taschen herum.

»Ich habe sie gefunden!«, schrie Newt. »Du weißt, warum ich hier bin! Sag mir, warum ich hier drüben bin!«

Ich zuckte zusammen, als Ceri sich an meinen Arm klammerte. Mit einem wütenden Aufschrei schwang Newt ihren Stab nach ihm. Minias’ Finger tanzten in der Luft, als ob er in Zeichensprache sprechen würde, und formten einen Kraftlinienzauber. Ich fühlte einen heftigen Abfall, als jemand die Linie hinter der Kirche anzapfte, und mit einem überraschenden Schrei beendete Minias seinen Zauber, indem er den Pfropfen aus einer der Phiolen zog, die Newt ihm gegeben hatte, und sie ihr entgegenschleuderte.

Newt schrie bestürzt auf, als das Funkeln in der Luft hing. Die Wut, die Frustration und der Schmerz in ihrer Stimme waren in ihrer Tiefe erschreckend. Dann traf der Trank sie, und ihr Gesicht wurde leer.

Sie kam schlitternd zum Stehen, blinzelte kurz, dann glitt ihr Blick verständnislos durch den leeren Altarraum und über Ceri und mich. Sie sah Minias, dann warf sie ihren Stab auf den Boden, als wäre er eine Schlange. Er kam klappernd auf und rollte davon. Draußen, vor den Buntglasfenstern, sangen die Rotkehlchen im morgendlichen Zwielicht, aber hier drin war es, als wäre die Luft tot.

»Minias?«, fragte sie verwirrt.

»Es ist geschehen«, sagte er sanft. Er ging auf sie zu, hob ihren Stab auf und gab ihn ihr.

»Habe ich dich verletzt?« Ihre Stimme war besorgt, und als Minias den Kopf schüttelte, breitete sich Erleichterung auf ihrem Gesicht aus, nur um sich schnell in Niedergeschlagenheit zu verwandeln.

Ich fühlte mich krank.

»Bring mich nach Hause«, bat der Dämon mit einem kurzen Blick zu mir. »Mein Kopf tut weh.«

»Warte auf mich.« Minias’ Blick glitt zu mir, dann wieder zu Newt. »Wir gehen zusammen.«

Ceri hielt den Atem an, als der Dämon auf uns zukam, mit gesenktem Blick und gebeugten Schultern. Ich dachte kurz daran, den Schutzkreis wieder zu errichten, ließ es aber dann. Minias blieb vor mir stehen, für meinen Geschmack zu nahe, um angenehm zu sein. Seine Augen registrierten meine Schlafkleidung, Ceris Blut an meinen Händen, und die drei Kreise, denen es fast nicht gelungen wäre, Newt aufzuhalten. Sein Blick hob sich, um auch den Rest des Altarraums aufzunehmen, mit meinem Schreibtisch, Ivys Klavier und der krassen Leere dazwischen. »Du warst diejenige, die Ceri von ihrem Dämon gestohlen hat?«, fragte er völlig überraschend.

Ich wollte erklären, dass es eine Befreiung und kein Diebstahl gewesen war, nickte dann aber einfach nur.

Er musterte mich spöttisch. Ich hielt seinem Blick stand. Das Rot seiner Iris war so dunkel, dass es braun wirkte, und die geschlitzten Pupillen ließen mich zögern.

»Dein Blut hat den Zauber entzündet«, sagte er, und seine ziegenartigen Augen huschten zu den Blutkreisen neben mir. »Sie hat mir erzählt, wie sie dich letzten Winter durch die Linien geschoben hat.« Wieder glitten seine Augen abschätzend über mich. »Kein Wunder, dass Al an dir interessiert ist. Hast du irgendetwas, was sie vielleicht angezogen hat?«

»Außer dem Gefallen, den ich ihr schulde?«, fragte ich mit zitternder Stimme. »Ich glaube nicht.«

Sein Blick wanderte zu dem aufwendigen Kreis, den Ceri gezogen hatte, um den Kontakt mit ihm herzustellen. »Wenn dir irgendetwas einfällt, ruf mich. Ich werde das Ungleichgewicht auf mich nehmen. Ich will nicht, dass sie noch einmal hierherkommt.«

Ceris Griff an meinem Arm verstärkte sich. Yeah, ich auch nicht, dachte ich.

»Bleib hier«, sagte er, als er sich abwandte. »Ich werde zurückkommen, um abzurechnen.«

Alarmiert entzog ich Ceri meinen Arm. »Hey, warte mal, Dämonenjunge. Ich schulde dir überhaupt nichts.«

Er zog spöttisch die Augenbrauen nach oben, während er sich umdrehte. »Ich schulde dir etwas, Idiot. Die Sonne ist fast aufgegangen. Ich muss hier verschwinden. Ich komme zurück, sobald ich kann.«

Ceris Augen waren weit aufgerissen. Irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass es etwas Gutes war, wenn ein Dämon einem einen Gefallen schuldete. »Hey«, sagte ich wieder und trat einen Schritt nach vorne. »Ich will nicht, dass du einfach auftauchst. Das ist unhöflich.« Und wirklich, wirklich unheimlich.

Er sah aus, als wäre er ungeduldig wegzukommen, und rückte seine Kleidung zurecht. »Ja, das weiß ich. Warum, glaubst du, töten Dämonen ihre Beschwörer? Ihr seid plumpe, unintelligente, gierige Trampel ohne irgendein Gefühl für Umgangsformen, und ihr verlangt, dass wir die Kraftlinien durchqueren und die Kosten dafür tragen?«

Mein Gesicht wurde warm, aber bevor ich ihm sagen konnte, wo er es sich hinstecken sollte, sagte er: »Ich kündige mich vorher an. Aber dafür übernimmst du das Ungleichgewicht, da du darum gebeten hast.«

Ich warf einen hilfesuchenden Blick zu Ceri, und sie nickte. Die Garantie, dass er nicht auftauchen würde, während ich duschte, war es wert. »Abgemacht«, sagte ich und versteckte meine Hand, damit er nicht einschlagen konnte.

Hinter seinem Rücken hervor musterte mich Newt mit gerunzelter Stirn. Minias’ Schritte waren lautlos, als er zu ihr ging, um besitzergreifend ihren Ellbogen zu umfassen, während seine besorgten Augen noch einmal zu mir glitten. Sein Kopf hob sich, um an Ceri und mir vorbei zur offenen Tür zu schauen, und ich hörte das Brummen eines Motorrads, das in den Carport einfuhr. In der Zeit zwischen einem Herzschlag und dem nächsten verschwanden sie.

Ich fiel erleichtert in mich zusammen. Ceri lehnte sich gegen das Klavier und verschmierte Blut darauf. Ihre Schultern begannen zu zittern, und ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, während ich mir gleichzeitig nichts mehr wünschte, als dasselbe zu tun. Draußen erstarb das Geräusch von Ivys Motorrad, und dann erklangen ihre vertrauten Schritte auf dem Gehweg.

»Und dann sagt der Pixie zu dem Apotheker«, sagte Jenks, begleitet von dem klar zu erkennenden Geräusch seiner Flügelschläge. »Steuer? Ich dachte, sie lenken sich selbst.« Der Pixie lachte, ein Geräusch wie das Klingeln eines Windspiels. »Kapiert, Ivy? Steuer und Steuer?«

»Ja, ich hab’s kapiert«, murmelte sie, und ihre Schritte zeigten an, dass sie die Stufen hinaufstieg. »Super, Jenks. Hey, die Tür ist offen.«

Das Licht, das in die Kirche fiel, verdunkelte sich, und Ceri richtete sich auf, wischte sich übers Gesicht und verschmierte es damit mit Blut, Tränen und Erde. Ich konnte den Gestank von verbranntem Bernstein an mir und in der Kirche riechen und fragte mich, ob ich mich jemals wieder sauber fühlen würde. Zusammen standen wir wie betäubt, als Ivy an der Schwelle zum Foyer stehen blieb. Jenks schwebte für drei Sekunden auf der Stelle und schoss dann davon, um nach seiner Frau und seinen Kindern zu sehen.

Ivy stemmte eine Hand in die Hüfte und musterte die drei – nein, vier – mit Blut gezogenen Schutzkreise, mich in meiner Schlafkleidung und Ceri, die lautlos weinte, während ihre blutverschmierte Hand ihr Kruzifix umklammerte.

»Was auf Gottes grüner Erde hast du jetzt wieder angestellt?«

Ich fragte mich, ob ich jemals wieder schlafen würde, und warf einen Blick zu Ceri. »Ich habe keinen blassen Schimmer.«

Titel der amerikanischen Originalausgabe FOR A FEW DEMONS MORE Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Deutsche Erstausgabe 07/2009 Redaktion: Charlotte Lungstrass

Copyright © 2007 by Kim Harrison Copyright © 2009 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagillustration: Mauritius (Auge), Shutterstock (Engel) Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Satz: Leingärtner, Nabburg

eISBN: 978-3-641-09171-2

www.heyne-magische-bestseller.de

www.heyne.de

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