Blutsbande - Kim Harrison - E-Book

Blutsbande E-Book

Kim Harrison

4,8
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Beschreibung

Das Warten hat ein Ende – Rachel Morgan ist zurück!

Rachel Morgan ist etwas ganz Besonderes: Nicht nur, dass sie jung und sexy und die vermutlich erfolgreichste Erdhexe Cincinnatis ist, sie ist auch der einzige Dämon weltweit, der das Tageslicht verträgt. Doch als überall in der Stadt grauenhaft verstümmelte Leichen auftauchen und das FBI Rachel um Hilfe bittet, muss sie feststellen, dass es manchmal gar nicht so toll ist, etwas Besonderes zu sein. Denn was sie herausfindet, stellt all ihre bisherigen Abenteuer in den Schatten: Jemand versucht Dämonen zu züchten! Dämonen, die so sind wie Rachel. Und dazu braucht dieser Jemand Rachels Blut ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 870




Das Buch

Rachel Morgan hat kein Problem – nein, sie hat viele: An ihren neuen Status als frischgebackener Dämon und die zahlreichen Nachteile, die dieser in der dämonenfeindlichen Inderlandergesellschaft Cincinnatis mit sich bringt, muss sie sich erst noch gewöhnen. Als ob das nicht schon stressig genug wäre, wird die Stadt auch noch von einer Serie grausamer Morde erschüttert: Seltsame Mischwesen – halb Mensch, halb Tier – werden tot aufgefunden und bereiten Rachel und ihren Freunden Ivy und Jenks Kopfzerbrechen. Sie finden heraus, dass die Leichen das Ergebnis geheimer Experimente sind, hinter denen eine radikale Gruppe menschlicher Wissenschaftler steckt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die magische Bevölkerung aus Cincinnati zu vertreiben. Doch um ihre Mission erfolgreich abschließen zu können, brauchen die Wissenschaftler eine allerletzte Zutat: Rachels Blut …

Die Autorin

Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie spielt schlecht Billard und hat beim Würfeln meist Glück. Kim mag Actionfilme und Popcorn, hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond meist nicht auffindbar.

Mehr Informationen unter: www.kimharrison.net

Ein ausführliches Werkverzeichnis aller von Kim Harrison im Heyne Verlag erschienenen Bücher finden Sie am Ende des Bandes.

KIM HARRISON

BLUTSBANDE

ROMAN

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

A PERFECT BLOOD

Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Deutsche Erstausgabe 10/2012

Redaktion: Charlotte Lungstrass

Copyright © 2012 by Kim Harrison

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-09846-9

www.heyne-magische-bestseller.de

1

Die Frau mir gegenüber rümpfte die Nase, als ich den Stift auf den Tresen knallte. Ihr war egal, dass ich wütend war, weil ich seit über einer Stunde in dieser dämlichen Schlange stand und es weder schaffte, meinen Führerschein zu erneuern, noch mein Auto auf meinen Namen anzumelden. Ich war es leid, alles mithilfe von Jenks oder Ivy zu erledigen, aber es gab kein Spezieskästchen für DÄMON auf dem Formular. Freitagmorgen auf der KFZ-Stelle. Gott! Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

»Schauen Sie«, sagte ich und wedelte mit einem Stapel Fotokopien. »Hier sind meine Geburtsurkunde, mein Highschool-Abschlusszeugnis, mein alter Führerschein und eine Bibliothekskarte. Ich stehe direkt vor Ihnen. Ich bin eine volljährige Bürgerin, und ich brauche einen neuen Führerschein und muss mein Auto anmelden!«

Die Frau winkte den nächsten Kerl aus der Schlange heran. Ihr ungeschminktes, plumpes Gesicht spiegelte reinstes Desinteresse wider. Ich warf dem Werwolf im Geschäftsanzug, der herangetreten war, bis er direkt hinter mir stand, einen so bösen Blick zu, dass er nervös wieder zurückwich.

Die Angestellte musterte mich über ihre Brille hinweg und verzog den Mund. »Es tut mir leid«, sagte sie schließlich, tippte ein bisschen auf ihrer Tastatur herum und rief ein neues Fenster auf. »Sie sind nicht im System, nicht unter ›Hexe‹ und nicht mal unter ›Anderes‹.« Sie blinzelte mich an. »Sie werden als tot gelistet. Sie sind nicht tot, oder?«

Dreck auf Toast, kann das noch schlimmer werden? Frustriert zog ich meine Handtasche zurecht. »Nein, aber können Sie mir einfach einen Toter-Vampir-Sticker geben, damit ich mein Leben weiterführen kann?«, fragte ich, während der Werwolf hinter mir sich ungeduldig räusperte.

Sie schob ihre dicke Brille höher auf die Nase. »Sind Sie ein Vampir?«, fragte sie trocken, und ich sackte in mich zusammen.

Nein, ich war offensichtlich kein Vampir. Von außen betrachtet sah ich aus wie eine Hexe. Lange, krause rote Haare; durchschnittlich gebaut; durchschnittlich groß; mit einer Vorliebe für Leder, wenn die Situation es verlangte, und manchmal auch zu anderen Gelegenheiten. Bis vor ein paar Monaten hatte ich mich auch selbst als Hexe bezeichnet, aber als ich vor der Wahl stand, eine lobotomierte Hexe oder ein freier Dämon zu sein … da hatte ich mich für den Status als Dämon entschieden. Ich hatte ja nicht ahnen können, dass sie mir danach alles wegnehmen würden. Dämonen waren auf dieser Seite der Kraftlinien sogar vor dem Gesetz Monster. Gott helfe mir, falls ich im Gefängnis landen sollte, weil ich bei Rot über eine Ampel gelaufen war – anscheinend hatte ich sogar noch weniger Rechte als ein Pixie. Und ich war es gründlich leid.

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Ms. Morgan«, sagte die Frau und winkte wieder den Mann hinter mir heran. Er schob mich zur Seite und gab ihr sein Formular und seinen alten Führerschein.

»Bitte!«, sagte ich, während sie mich ignorierte und intensiv auf ihren Bildschirm starrte. Der Mann neben mir wurde nervös, und der würzige Geruch von aufgeregtem Werwolf stieg auf.

»Ich habe mir das Auto gerade erst gekauft«, flehte ich, aber es war offensichtlich, dass dieser Termin beendet war. »Ich muss es anmelden. Und meinen Führerschein verlängern. Ich muss doch nach Hause fahren!«

Das musste ich nicht – dafür hatte ich Wayde –, aber die kleine Lüge tat ja niemandem weh.

Die Frau musterte mich mit gelangweilter Miene, während der Mann einen Scheck ausfüllte. »Sie sind als tot gelistet, Ms. Morgan. Sie müssen zum Sozialamt gehen und ihr Problem dort in Ordnung bringen. Hier kann ich Ihnen nicht helfen.«

»Das habe ich schon versucht.« Ich biss die Zähne zusammen. Der Mann am Tresen bewegte sich unruhig, als wir beide um denselben Platz wetteiferten. »Die haben mir erklärt, ich bräuchte einen gültigen Führerschein, eine beglaubigte Lebensbestätigung von meiner Versicherung und ein gerichtlich beglaubigtes Formular des Speziesstatus’, bevor sie sich überhaupt dazu herablassen, auch nur mit mir zu reden. Und die Gerichte geben mir nicht mal einen Termin, weil ich als tot geführt werde!« Ich schrie, also bemühte ich mich, meine Stimme zu senken.

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte sie, während der Mann mich von sich wegschob. »Kommen Sie zurück, wenn Sie die richtigen Formulare haben.«

Einfach so abgeschoben. Ich schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. Mir war deutlich bewusst, dass Wayde auf einem der verblichenen, orangefarbenen Plastikstühle unter dem Fenster saß und darauf wartete, dass ich mich mit dem Unausweichlichen abfand. Der Werwolf gehörte zu Takatas Sicherheitsleuten und verbarg unter seinem schwarzen T-Shirt und seiner Jeans mehr Muskeln als Tätowierungen, und der kleine, untersetzte Mittzwanziger hatte nun wirklich eine Menge Tätowierungen. Er war in der letzten Juliwoche auf meiner Türschwelle aufgetaucht und gegen meinen Widerstand in den Glockenturm eingezogen – ein »Geburtstagsgeschenk« von meiner Mom und meinem leiblichen Vater/Pop-Star-Dad. Anscheinend waren sie nicht mehr überzeugt, dass ich auf mich selbst aufpassen konnte – was mich ziemlich störte. Irgendwie. Wayde arbeitete jetzt schon seit fast vier Monaten für meine Mom, und die Wut war allmählich verraucht.

Ich öffnete die Augen wieder, aber als ich feststellen musste, dass ich immer noch in diesem Albtraum gefangen war, gab ich auf. Mit gesenktem Kopf nahm ich meine Geburtsurkunde und stampfte zu den orangefarbenen Plastikstühlen. Und tatsächlich, Wayde starrte angestrengt an die Decke. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, blies Kaugummiblasen und wartete. Mit seinem gepflegten, rötlichen Kinnbart sah er aus wie ein Biker. Wayde hatte nicht gesagt, dass er den Ausflug für vergebliche Liebesmüh hielt, aber seine Meinung war nur zu offensichtlich. Der Mann wurde bezahlt, egal, ob er nun für mich den Chauffeur spielte oder im Glockenturm der Kirche herumsaß und sich mit den Pixies unterhielt.

Als ich näher kam, lächelte Wayde aufreizend und sein Bizeps wölbte sich, als er seine Arme bewegte. »Kein Erfolg?«, fragte er mit seinem breiten Akzent aus dem mittleren Westen, als hätte er nicht das gesamte, peinliche Gespräch mitgehört.

Ich kochte innerlich – dass diese Frau mich behandeln konnte, als wäre ich ein trotteliger Niemand! Ich war ein Dämon, verdammt! Ich konnte diesen Laden mit einem Fluch plattmachen, ihn abfackeln, ihr Warzen anhexen oder bei ihrem Hund das Innerste nach außen kehren. Wenn …

Mein Blick glitt über meine geballten Fäuste zu dem Band aus verzaubertem Silber um mein Handgelenk, das im elektrischen Licht glitzerte wie ein hübsches Schmuckstück. Wenn … Wenn ich nicht jeden Kontakt zu meiner entfernten Sippe hätte abbrechen wollen. Wenn ich nicht in erster Linie ein guter Mensch wäre. Wenn ich mich wirklich wie ein Dämon hätte benehmen wollen. Ich hatte mein Leben der Aufgabe gewidmet, die Ungerechtigkeit in der Welt zu bekämpfen. Es war einfach nicht fair, dass ausgerechnet ich so verarscht wurde! Aber niemand legt sich mit einem Angestellten im öffentlichen Dienst an. Nicht einmal ein Dämon.

»Kein Erfolg«, wiederholte ich seine Worte, während ich vergeblich versuchte, mich zu entspannen. Wayde atmete tief durch und stand auf. Er war klein für einen Mann, aber groß für einen Werwolf, genau wie ich 1,72, mit schmalen Hüften, breiten Schultern und kleinen Füßen. Als Wolf hatte ich ihn bis jetzt nicht gesehen, aber ich hätte darauf gewettet, dass er in seiner pelzigen Gestalt ziemlich groß war.

»Macht es dir was aus, mich nach Hause zu fahren?«, fragte ich und gab ihm meine Schlüssel. Dreck, ich hatte sie gerade mal eine Stunde in der Hand gehalten – bis ich in der Schlange nach vorne gerückt war. Ich würde mein Auto nie legal fahren dürfen.

Wayde spielte nachdenklich an dem Hasenpfotenschlüsselanhänger herum, während das Metall leise klimperte. Momentan hing wirklich nicht viel an dem Bund – nur die Schlüssel zu einem Auto, das ich nicht fahren durfte, und der Schlüssel zu Ivys Safeschatulle. »Es tut mir leid, Rachel«, sagte er, und ich sah unwillkürlich auf, weil seine Stimme so ernst klang. »Vielleicht kann dein Dad ja etwas organisieren.«

Ich wusste, dass er Takata meinte, nicht den Mann, der mich tatsächlich aufgezogen hatte. Ich verzog das Gesicht, weil ich es leid war, andere Leute um Hilfe bitten zu müssen. Angespannt vergrub ich die Hände in den Taschen meiner knappen roten Lederjacke und drehte mich zur Tür. Sofort trat Wayde vor mich, um die Milchglastüren zu öffnen. Morgen würde ich das Auto auf Jenks zulassen. Vielleicht konnte Glenn mir dabei helfen, meinen Führerschein zurückzubekommen – im von Menschen geführten Federal Inderland Bureau mochte man mich.

»Ms. Morgan?«, krächzte es aus der alten Lautsprecheranlage, und ich drehte mich um. In mir stieg Hoffnung auf, während ich mich gleichzeitig fragte, warum die weibliche Stimme so besorgt klang. »Bitte kommen Sie zu Schalter G.«

Ich warf einen kurzen Blick zu Wayde, der mit der Hand an der Tür erstarrt war. Seine braunen Augen scannten den Raum hinter mir und sein sonst so unbekümmertes Gesicht war nun professionell wachsam. Die Veränderung überraschte mich. So hatte ich ihn noch nicht gesehen. Allerdings war es in der Kirche auch ziemlich ruhig gewesen, seitdem ich offiziell zum Dämon geworden war. Nur wenige Leute wussten, dass das silberne Band um mein Handgelenk ungefähr die Hälfte meines magischen Arsenals blockierte. Eigentlich war es ein Möbiusband, dessen Anrufungsphrase niemals endete und niemals begann und damit den Zauber – und mich – in einem Zwischenzustand hielt, der real und doch nicht ganz aktiviert war. Auf diese Weise verhinderte er jeden Kontakt mit dem Dämonenkollektiv. Kurz gesagt, es versteckte mich vor den Dämonen. Der unangenehme Nebeneffekt war, dass ich keinerlei Kraftlinienmagie mehr wirken konnte.

»Ms. Morgan, Schalter G?«, erklang wieder die besorgte Stimme.

Wir wandten dem hellen, windigen Tag hinter dem Milchglas den Rücken zu. »Vielleicht haben sie noch ein Formular gefunden«, sagte ich. Wayde glitt näher, bis er zu nah kam und mir ein Schauder über den Rücken lief.

»Wenn du der I. S. und dem FIB die Listen geben würdest, die sie wollen, würdest du deine Bürgerrechte schneller zurückbekommen«, meinte er, und ich runzelte die Stirn. Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Die nicht länger gelangweilten Angestellten hinter den Schaltern flüsterten zu viel. Die Leute beobachteten uns, und zwar nicht gerade wohlwollend.

»Ich werde nicht jeden einzelnen Dämonenfluch aufschreiben, damit sie entscheiden können, welche legal sind und welche nicht«, sagte ich, als ich das handgeschriebene, schäbige G über einem kleinen Tresen am Ende des Raumes entdeckte. »Das ist nichts als Zeitverschwendung.«

»Und der heutige Morgen ist was?«, fragte er trocken.

Ich ignorierte ihn und trat hoffnungsvoll auf die Frau zu, die offenbar auf mich wartete. Sie war gekleidet wie eine höhere Angestellte, und die leichte Röte auf ihren Wangen verstärkte nur meine Sorge. »Ähm, ich bin Rachel Morgan«, sagte ich, aber sie hob bereits die Abtrennung, um mich hinter die Tresen zu führen.

Sie sah mit leuchtenden Augen zu Wayde. »Wenn Sie so freundlich wären, mit mir zu kommen, Ms. Morgan. Sie beide, wenn Sie möchten. Jemand würde gerne mit Ihnen sprechen.«

»Wenn es um …«, setzte ich an.

»Bitte kommen Sie einfach«, wiederholte sie, trat zur Seite und winkte mich aufgeregt weiter.

Mein Magen verkrampfte sich. Aber ich war selbst mit der verbliebenen Hälfte meiner Magie nicht wehrlos, und Wayde war bei mir. Wieder huschten meine Augen zu dem Armband aus verzaubertem Silber. Mir gefiel es nicht, keine Kraftlinienmagie zur Verfügung zu haben, aber das war immer noch besser als die Dämonen wissen zu lassen, dass ich noch lebte. Ich hatte im letzten Jahr ein paar Fehler gemacht, und der Geringste davon war gewesen, ein Leck ins Jenseits zu reißen. Jetzt schrumpfte die gesamte alternative Realität, und sobald die Dämonen das verstanden, würden sie sich wahrscheinlich bei der Jagd auf mich überschlagen.

Mit einem erleichterten Seufzer ließ die Frau die Abtrennung zurückgleiten, dann führte sie uns mit klappernden Absätzen in die Büros im hinteren Teil des Gebäudes. In einem der Büros saß eine fröhliche lebende Vampirin. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen leuchteten. Sie war jung, professionell und wahrscheinlich von der täglichen Arbeit in diesem Büro zu Tode gelangweilt, zumindest, wenn ich die Bilder von Fallschirm- und Bungee-Sprüngen auf dem Kalender hinter ihr richtig deutete. Ihr Büro war ein organisiertes Chaos aus aufgestapelten Ordnern und Mappen. Wahrscheinlich lud sie sich mehr auf, als sie bewältigen konnte. Versuchte sie, sich im Büro zu beweisen, wie sie es offensichtlich auch an den Wochenenden gerne tat?

Ich ging davon aus, dass ihre menschlichen Vorfahren aus Lateinamerika kamen – sie hatte lange, schwarze Haare, die sie mit einer einfachen Klammer zusammenhielt, braune Haut, dunkle Augen, sehr rote Lippen, weiße Zähne und sehr hübsche Wimpern. Die Finger, die ihre langweilige braune Bluse zurechtrückten, waren lang und schlank und die Nägel in mattem Rot lackiert. Als sie aufsah, konnte ich ihr Selbstbewusstsein förmlich fühlen, so deutlich strahlte sie es aus. Sie war ein lebender Vampir, aber offensichtlich stand sie auf der Favoritenliste ihres Meisters nicht besonders weit oben. Ich fand es seltsam, dass lebende Vampire umso tiefer emotional geschädigt wurden, je beliebter sie bei ihrem Meistervampir waren. Diese Frau gehörte offensichtlich zu den Vergessenen. Die Glückliche. Vergessen zu werden bedeutete, länger zu leben, und als Vergessene fehlten ihr wahrscheinlich einige der beunruhigenden Fähigkeiten, die Ivy, meine Mitbewohnerin, hatte entwickeln müssen, um zu überleben.

»Nina«, sagte die Vorgesetzte, und die junge Frau stand auf. Allem Anschein nach war sie nicht an mir interessiert, denn sie schob erst einmal in dem vergeblichen Versuch, ein wenig Ordnung zu machen, ein paar Papierstapel zusammen. »Das ist Ms. Morgan, und, ähm …«

Wayde füllte die Pause, indem er die Hand ausstreckte und einen Schritt vortrat. Jetzt standen wir beide in dem kleinen, unordentlichen Büro. »Mr. Benson«, sagte der Werwolf. »Ich bin Ms. Morgans Bodyguard. Schön Sie kennenzulernen, Ms. Ninotchka Romana Ledesma.«

Der komplizierte Name rollte über seine Lippen als wäre er im Süden Spaniens aufgewachsen. Ich starrte überrascht auf das Namensschild auf dem Schreibtisch und beschloss, dass ich es bei Nina belassen würde.

Nina blinzelte und ihr Blick glitt von Wayde zu mir, als nähme sie mich jetzt erst wahr. »Ähm, schön, Sie kennenzulernen«, sagte sie und schüttelte gelassen Waydes Hand. Dann drehte sie sich zu mir um und zögerte, als sie bemerkte, dass ich meine Hände immer noch in den Jackentaschen vergraben hatte. »Setzen Sie sich doch, wenn Sie möchten.«

Ich warf einen Blick zu Wayde. Nina war ziemlich aufgeregt, aber nicht unseretwegen. Kommt noch jemand?, dachte ich und musterte den einzigen freien Stuhl in dem engen Raum. »Ähm«, setzte ich an und blinzelte nur, als Nina ihren BH zurechtrückte und dann nach unten spähte, um zu schauen, ob auch wirklich alles an der richtigen Stelle saß. »Brauchen wir nicht noch einen Stuhl?«

»Nein«, sagte sie kurz angebunden, während die Frau, die uns hierhergeführt hatte, uns verließ und die Tür hinter sich schloss. »Es sei denn, Ihr Bodyguard möchte einen. Aber stehen die nicht gewöhnlich?«

»Ist in Ordnung«, meinte Wayde und stellte sich neben die geschlossene Tür. »Ma’am, was genau wollen Sie von Ms. Morgan?«

Angespannt ließ die junge Frau eine Hand über ihre Hüfte gleiten, bevor sie sich hinter ihren Schreibtisch setzte. Als sie bemerkte, dass ihre Finger zitterten, versteckte sie sie unter der Tischplatte. »Ich will gar nichts. Also, nicht ich, sondern er«, sagte sie. Der Duft von aufgeregtem Vampir traf mich unvorbereitet. Gott, sie roch gut. Ich fühlte das Kribbeln der Vampirnarben unter meiner perfekten Haut. »Ich habe so etwas noch nie getan. Ich wusste nicht mal, dass er weiß, dass ich lebe. Und jetzt das!«

»Ähm, ich will nur meinen Führerschein verlängern und mein Auto auf meinen eigenen Namen zulassen«, sagte ich, von den Pheromonen in der Luft aus der Bahn geworfen. Ich hatte recht gehabt. Ihr fehlte die Kontrolle, aber wenn sie zu den Vergessenen gehörte, spielte das keine Rolle. »Wenn Sie mir nicht helfen können, gehe ich wieder.«

Die Vampirin erschrak, und fast wäre sie aufgestanden. »Jemand in der I. S. möchte sich mit Ihnen unterhalten«, erklärte sie mit weit aufgerissenen Augen. »Ich bin die Einzige hier, mit der er arbeiten will. Meine Cousine arbeitet für die I. S., und, na ja …« Sie schenkte uns ein nervöses Lächeln, dann wirkte sie plötzlich verängstigt. »Es ist eine Ehre, einen Meister zu kanalisieren.«

Ich tastete nach dem Stuhl hinter mir und setzte mich. »Ein toter Vamp will mit mir reden?« Behutsam setzte ich mich auf die Stuhlkante. Sicher, es war Tag, aber die Toten waren tief unter der Erde trotzdem wach. Anscheinend wollte einer von ihnen sich mit mir unterhalten. Jemand, der so alt war, dass er in einen fremden, lebenden Vampir gleiten konnte. Nicht gut. Aber vielleicht konnte er dafür sorgen, dass mein Auto auf mich zugelasen wurde …

Unsicher sah ich zu Wayde. Er zuckte nur mit den Achseln und stellte sich bequemer hin. »Schön«, meinte ich schließlich. »Aber machen Sie schnell. Ich muss Jenks fragen, ob er mein Auto anmeldet, nachdem ich hier nicht weitergekommen bin.«

Sie ignorierte meinen Sarkasmus. Stattdessen zitterte sie plötzlich heftig, ihr Blick wurde leer und sie klammerte sich mit solcher Kraft an ihrem Schreibtisch fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Dann holte sie stöhnend Luft und ihr fielen die Haare ins Gesicht, als sie den Kopf beugte. Sie seufzte, ihre roten Lippen schlossen sich und ihr Blick konzentrierte sich auf die eigenen Hände. Langsam ließ sie den Tisch los und legte die Hände in den Schoß. Sie schien zu wachsen, als sie sich aufrichtete und mich wieder ansah – mit einem Lächeln, das ihre kleinen, spitzen Reißzähne zeigte. Bei dem Funkeln in ihren jetzt vollkommen schwarzen Augen lief mir ein Schauder über den Rücken. Ich konnte ihn nicht unterdrücken, und ihr Lächeln wurde noch breiter. Dann musterte sie mein Gesicht auf eine sehr männliche Art. Das war nicht länger Nina.

Ich versteifte mich, als sie tief durchatmete und die Schultern zurücknahm, während sie meine Nervosität in der Luft schmeckte. Dafür wäre Nina wahrscheinlich zu unerfahren gewesen. Sie zog eine leichte Grimasse, als sie ihre Kleidung musterte, und ich fragte mich, ob es ihr unangenehm war, einen Rock zu tragen, oder ob es darum ging, dass die Kleidung eher billig war. Vorher hatte sie ein gesundes Selbstbewusstsein ausgestrahlt. Jetzt hing die Überzeugung in der Luft, dass sie alles tun konnte, was sie wollte, ohne dass jemand deswegen auch nur mit der Wimper zuckte. Wayde, der mit hängenden Armen an der Tür stand, pfiff leise.

»Du hast so was noch nie gesehen?«, fragte ich, und er schüttelte den Kopf. Ich beobachtete, wie »Nina« sich im Raum umsah, alles einordnete, Dinge hörte, die ich nicht wahrnehmen konnte, und Dinge erspürte, die ich auf dem Weg hierher bemerkt hatte. »Ich habe einmal gesehen, wie Piscary Kisten übernommen hat«, sagte ich leise. »Ivy hat es gehasst, wenn Piscary ihren Körper übernahm.«

Nina lächelte. »Sie hat es genossen«, sagte sie, und ihre Stimme klang plötzlich tiefer, voller und kultivierter. »Ohne jeden Zweifel.«

Ich bemerkte, dass ich brav die Beine überschlagen hatte, und korrigierte es sofort, indem ich meine beiden Füße auf den Boden stellte und mich im Stuhl zurücklehnte als wäre ich vollkommen entspannt – was ich nicht war. Es war unheimlich, einen Mann im Körper einer Frau zu sehen, und ich war mir sicher, dass der untote Vampir ein Mann war. Irgendein Telefon vibrierte, wahrscheinlich meines, aber ich ignorierte es.

Nina stand auf, fand elegant ihr Gleichgewicht und warf mit gerunzelter Stirn einen kurzen Blick auf ihre flachen Absätze. Sie streckte mir einladend die Hand entgegen, und ich verfluchte mich selbst, als ich feststellte, dass meine Hand sich gegen meinen Willen hob. Ich zitterte, während sie den Kopf darüber senkte und mit einem tiefen Atemzug alles aufnahm, was er/sie in mir auslöste. »Es ist schön, Sie wiederzusehen, Ms. Morgan«, sagte sie lauernd, und ich zog meine Hand zurück, bevor sie versuchen konnte, sie zu küssen. Gott, ich hasste es, mich mit den ganz Alten herumzuschlagen.

Ich warf einen Blick zu Wayde, der steif neben der Tür stand. »Sie waren der Fahrer in San Francisco«, riet ich. Mir fiel wieder ein, wie der Fahrer einen untoten Vamp von einiger Bedeutung kanalisiert und somit auch die Angelegenheiten des Hexenzirkels belauscht hatte, während er mich an einen Ort fuhr, wo ich mich um jemanden kümmern sollte, dem sonst niemand gewachsen war.

Mit einem verhaltenen Lächeln nickte Nina knapp. Sie wirkte gleichzeitig teuflisch und verführerisch, als sie sich breitbeinig vor mir aufbaute. Es war wirklich seltsam. Das war nicht der nervöse Vampir, der mich in diesem Raum empfangen hatte. Und es war auch nicht das Wesen, zu dem Nina werden würde, wenn sie ihren ersten Tod starb. Das hier war jemand vollkommen anderes: jemand Altes.

»Ich weiß eigentlich gern, mit wem ich mich unterhalte«, sagte ich. Leider klang ich dabei nicht wie gewünscht genervt, sondern eher quengelnd.

»Heute gefällt mir Nina«, sagte sie, setzte sich wieder in ihren Stuhl und verzog das Gesicht, während ihr Blick auf den Dreck in den Ecken des fensterlosen Raums fiel. »So können Sie mich nennen.«

»Wer sind Sie?«, fragte ich bestimmter, doch sie lächelte nur und legte die Finger aneinander.

»Jemand, der Ihnen helfen kann«, sagte sie. Ich warf einen kurzen Blick in Waydes Richtung, als er sich räusperte. Ein leises Piepen aus meiner Handtasche verriet mir, dass jemand auf meine Mailbox gesprochen hatte. »Zumindest, wenn Sie bereit sind, sich ein wenig anzustrengen«, fuhr Nina fort und ignorierte Wayde vollkommen. »Wir haben den Fehler begangen, Sie nicht anzuerkennen. Wir haben zugelassen, dass Sie uns entgleiten. Sie haben sich gut geschlagen, aber mit … ein wenig Struktur … könnte es Ihnen noch besser gehen.«

»Ich komme nicht zurück zur Inderland Security«, unterbrach ich ihn und wurde rot. Dreck, wenn das der Grund für diesen Auftritt war, steckte ich vielleicht in Schwierigkeiten. Ein Nein konnte meine Lebenserwartung empfindlich verkürzen. Aber Nina ließ lediglich ihre schwarzen Augen zu einem Zettel auf dem Tisch gleiten. Es war eine Kopie meines Führerscheins. Darunter lag ein leerer Zulassungsantrag. Ich seufzte und machte mir bewusst, in welcher Welt wir lebten. Verdammt. Mein Telefon klingelte schon wieder. Aber jeder wichtige Anrufer – wie Ivy oder Jenks – wusste, dass er sich auch an Wayde wenden konnte.

»Aber ich könnte einen einzelnen Auftrag übernehmen«, fügte ich widerwillig hinzu. Nina sagte immer noch nichts. Ihre schwarzen Augen machten mich nervös. Wenn der tote Vampir wirklich hier gewesen wäre, hätte er mich zu einfach allem zwingen können, aber Nina war eine junge, vergessene Vampirin und sie produzierte nicht die richtigen Hormone für den untoten Vampir in ihr. Noch nicht.

»Worum geht es?«, drängte ich, weil ich hier rauswollte, bevor ich sie anflehte, mich zu schwängern.

In Ninas Augen trat ein besitzergreifendes Glitzern und sie lächelte. Dabei zeigte sie so viel Zahn, dass ich einen Schauder unterdrücken musste. »Direkt zum Wesentlichen«, sagte sie, als würde sie das freuen. Ich starrte nur, während sie versuchte, einen Fuß aufs Knie zu legen, dann aber im letzten Moment innehielt, weil ihr Rock spannte. Stattdessen lehnte sie sich zurück und wirkte plötzlich noch männlicher, noch kontrollierter. Anscheinend machte es ihr nichts aus, dass sie dabei ziemlich viel Bein zeigte. »Wissen Sie eigentlich, dass ich Sie nur deswegen nicht zur Kenntnis genommen habe, weil Piscary Sie zuerst gesehen hat?«

Piscary war inzwischen tot, aber das hier gefiel mir noch weniger. »Was wollen Sie?«

Nina legte unbeeindruckt den Kopf schief, während sie mich unter dichten Wimpern hervor musterte. Ivy hatte mir diesen Blick schon oft zugeworfen, und ich unterdrückte das aufkommende Begehren, weil ich genau wusste, dass es von den Pheromonen kam, die Nina ausstieß.

»Ich möchte, dass Sie und Ivy Tamwood uns dabei helfen, eine Gruppe von Inderlandern zu finden, die dämonenartige Verbrechen in und um Cincinnati begehen. Es gäbe drei Tatorte zu besichtigen.«

Ich richtete mich entsetzt auf. »Drei! Wie lange geht das schon?« Die Zeitungen hatten nichts davon berichtet, aber wenn die I. S. das nicht wollte, dann lief das eben so.

»Mehrere Wochen«, antwortete Nina bedauernd und wandte zum ersten Mal den Blick von mir ab. »Es wird sich Ihnen erschließen, sobald Sie sich die Informationen anschauen. Also hören Sie mir genau zu, während ich Ihnen sage, was Sie dort nicht finden werden.«

Ich kniff die Augen zusammen. Aber wütend war immer noch besser als angeturnt. »Sie hätten sofort zu mir kommen sollen. Jetzt wird es schwerer.«

»Wir dachten, Sie wären der Täter, Ms. Morgan. Wir mussten sicherstellen, dass Sie es nicht sind. Jetzt, wo wir das sicher wissen, möchten wir Ihre Dienste in Anspruch nehmen.«

Meine Dienste in Anspruch nehmen. Wie alt ist dieser Kerl? »Sie sind mir gefolgt«, sagte ich und erinnerte mich an das kribbelnde Gefühl zwischen meinen Schulterblättern, wann immer ich die Kirche verlassen hatte: im Supermarkt, im Schuhladen, im Kino. Ich hatte gedacht, es läge an Wayde, aber vielleicht ja doch nicht. Dreck, wie lange hatten sie mich schon beschattet?

»Drei Wochen«, sagte Wayde und beantwortete damit meine unausgesprochene Frage. »Ich wusste nicht, dass es die I. S. ist, sonst hätte ich dir etwas gesagt.«

Aufgebracht drehte ich mich zu ihm um. »Du wusstest, dass jemand mich beschattet, und fandest es unnötig, mir davon zu erzählen? Ist das nicht dein Job?«, blaffte ich, und Nina lachte leise.

Mit undurchdringlicher Miene sah Wayde erst zu Nina, dann zu mir. »Es ist mein Job, und damit meine Entscheidung.«

»Wir glauben, dass mehr als eine Person für die Verbrechen verantwortlich ist«, schaltete Nina sich ein, und meine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf seine/ihre seidige, alte Stimme. Sie faszinierte mich, auch oder weil sie so gar nicht klang wie Ninas. »Es scheint zwei Vorgehensweisen zu geben – erst die Ernte, dann die Entsorgung. Hexen. Alle Leichen waren von Hexen.«

Ich zuckte zusammen. Das gefiel mir gar nicht. »Ernte? Das ist übel.«

Nina holte so tief Luft als hätte sie vorher vergessen zu atmen – was durchaus eine Möglichkeit war. »Uns beunruhigt vor allem die Entsorgung. Nina wird sie an den neuesten Tatort führen, und sobald Sie dort fertig sind, wird ein Kurier alle Informationen bezüglich der früheren Verbrechen in Ihrer Kirche abgeben. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, wäre es mir lieber, wenn Sie nicht zum I. S.-Tower kommen.«

»Kein Problem«, sagte ich leise, bereits in Gedanken versunken. Dämonenartige Verbrechen, nicht Dämonenverbrechen. Ich wollte nicht riskieren, dass die Dämonen erfuhren, dass ich noch am Leben war. Aber wenn es tatsächlich die Taten eines Dämons gewesen wären, hätte es sich schon längst herumgesprochen. Dämonen sind nicht subtil. Nein, wahrscheinlich war es eine Gruppe Möchtegernhexen, die sich an schwarzer Magie versuchte und damit den Ruf der Dämonen weiter schädigte. Sie auszuschalten würde nicht nur dafür sorgen, dass ich mich gut fühlte, sondern mir auch dabei helfen, endlich meine Bürgerrechte zurückzugewinnen.

»Okay«, sagte ich, und ihr leises Seufzen glitt über meine Haut wie Seide und verursachte mir Gänsehaut. »Ich muss kurz telefonieren. Und es ist noch nicht gesagt, dass ich den Job übernehme. Was kriege ich dafür?«

Nina lehnte sich in ihrem Stuhl zurück als gehöre ihr das gesamte Gebäude. »Was wollen Sie?«, fragte sie und wedelte elegant mit ihren langen Fingern. »Geld?«

Es schwang offene Verachtung in dem Wort mit, aber nein, ich wollte kein Geld. Meine Geldbörse war gut gefüllt. Wortwörtlich. Meine Kreditkarten, mein Konto und alles andere war gesperrt worden. Ich war gegen meinen Willen vollkommen abgeklemmt worden, doch dank der Summe, die Trent Kalamack mir gegeben hatte, besaß ich Bargeld. Das Geld stammte ursprünglich von den Withons, eine kleine (seine Einschätzung, nicht meine) Summe, die er als Entschuldigung dafür verlangt hatte, dass sie versucht hatten, ihn umzubringen. Gut, dass ich einen Bodyguard hatte.

»Ein gültiger Führerschein wäre schön«, sagte ich, während ich mich angestrengt bemühte, nicht das Formular auf dem Tisch anzustarren. Damit könnte ich vielleicht sogar mein Konto zurückbekommen. »Und mein Auto soll auf meinen Namen zugelassen werden.« Diese Unabhängigkeit würde Wunder wirken für mein Selbstbewusstsein.

Mit einem maskulinen Schnauben lehnte Nina sich vor und ließ ihre langen Finger über die Formulare zwischen uns gleiten. Unwillkürlich fragte ich mich, wie es wohl wäre, diese sensiblen Fingerspitzen auf der Haut zu spüren, und unterdrückte das nächste Zittern. Es war gar nicht er/sie, es waren die Vamppheromone, die sich im Raum ansammelten. Ich lehnte mich nach hinten und öffnete die Tür einen kleinen Spalt. Sofort drang die wirre Geräuschkulisse von draußen in den Raum. Der untote Vampir lächelte, weil er genau wusste, warum ich die Tür geöffnet hatte, während Nina es wahrscheinlich nicht verstanden hätte.

»Ich hingegen wüsste es sehr zu schätzen, wenn ich eine Liste der Flüche und ihrer Herstellung bekommen könnte, damit wir entscheiden können, welche legal sind und welche nicht«, sagte sie. Ich unterdrückte ein bitteres Lachen.

»Sie haben doch einen Bibliotheksausweis, oder?«, entgegnete ich schnippisch. »Da können sie alles finden.«

Nina legte den Kopf schräg und beäugte mich, bis mein Herz raste. »Nicht alles«, erklärte sie dann leise.

Ich leckte mir die Lippen, setzte mich aufrechter hin, drückte die Knie zusammen und verschränkte die Hände im Schoß. »Ich habe nichts mit meiner gesetzlichen Verwandtschaft zu tun … Nina«, sagte ich angespannt. Es gefiel mir nicht, wie der Untote mit meiner Libido spielte, und das auch noch durch eine junge, unschuldige Frau. Ich hob die Hand und ließ das silberne Armband an meinem Handgelenk klimpern, das mich davon abhielt, eine Kraftlinie anzuzapfen. Er wusste, dass ich es trug. Sie wussten es alle. »Ich bin ein Dämon mit eingeschränkter Magie. Geben Sie mir meine Autozulassung und meinen Führerschein, und ich finde die Täter für Sie. Das ist mein Angebot.«

»Abgemacht«, sagte Nina so schnell, dass ich mir sofort wünschte, ich hätte mehr gefordert.

Nina lehnte sich mit ausgestreckter Hand vor. Ich nahm sie, und sobald wir uns die Hände schüttelten, verschwand der untote Vamp und plötzlich saß mir gegenüber wieder Nina, die Angestellte der KFZ-Stelle.

Nina riss die Augen auf, keuchte und zog ihre Hand zurück. Der Geruch von Schweiß stieg auf und sie sank in ihrem Stuhl zusammen. Ihr Kopf rollte zur Seite und ihre Beine schoben sich ungeschickt unter den Schreibtisch. »Wow«, keuchte sie in Richtung Decke, während ihre Lungen darum kämpften, wieder genug Sauerstoff aufzunehmen, den ihr untoter Gast wahrscheinlich einfach vergessen hatte. Ihr Gesicht war blass und ihre Finger zitterten, aber ihre Augen leuchteten so hell als wäre sie an eine Steckdose angeschlossen. »Was für ein Rausch!«

Ich schaute zu Wayde, der einfach nur verwirrt aussah. Dann setzte sich Nina plötzlich aufrecht hin, als wäre ihr gerade erst bewusst geworden, dass wir noch da waren. »Ähm, ich danke Ihnen, Ms. Morgan«, sagte sie und stand energiegeladen auf. »Ich veranlasse sofort die Erneuerung Ihres Führerscheins und gebe Ihnen die Adresse des Friedhofs. Ich würde Sie ja selbst hinbringen, aber ich muss vorher noch etwas für ihn erledigen. Wir treffen uns dann dort. Ich muss weg.« Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Atem kam stoßweise und ich sah, dass sie zitterte.

Begleitet von leisem Papierrascheln eilte sie auf die Tür zu, mit dieser unheimlichen Vampirschnelligkeit, die Ivy so sorgfältig vor mir versteckte. Ich zuckte zusammen und starrte Wayde an, während Ninas überschwängliche Stimme durch die Büros hallte. »Mein Gott! Ich konnte wirklich alles hören!«

Ich atmete tief durch und entspannte meine zu Fäusten geballten Hände. Ein paar böse Hexen aufspüren, das konnte ich. Wie »Nina« schon gesagt hatte, würde es nur ein wenig Ermittlungsarbeit brauchen – in der ich wirklich schrecklich war –, und ein paar Erdzauber, die ich immer noch wirken konnte. »Ich sollte Ivy anrufen«, sagte ich leise.

Wayde sah nicht glücklich aus, als er mir meine Tasche gab. Ich holte mein Handy hervor und runzelte die Stirn, als ich die Nummer des verpassten Anrufs erkannte. Trent? Was will der denn?

»Das ist wahrscheinlich eine gute Idee, Ms. Morgan«, sagte Wayde und lehnte sich vor, um aus der Tür zu spähen, aber ich hatte inzwischen ziemliche Zweifel.

Eine gute Idee? Genau. Alles andere als das.

2

Freitags herrschte zu dieser Tageszeit in der Innenstadt von Cincinnati starker Verkehr. Ich schnaubte verärgert, als ich schon wieder an einer roten Ampel anhalten musste, mein Handy am Ohr. Die Frau hatte mich in die Warteschleife geschoben, um nach einem freien Termin zu suchen, und ich war kurz davor, einfach aufzulegen.

Allein von den Hollows über die Brücke zu kommen war schon nervig gewesen. Auf dem kleinen blauen Klebezettel, den Nina mir vor zwei Stunden gegeben hatte, standen nur ein Straßenname und eine Nummer. Ich konnte mich an keinen Friedhof auf der Washington Street erinnern, und ich fragte mich, ob sie die alten Begräbnisfelder in der Nähe des Theaters meinte. Gott, hoffentlich nicht. Tote machten mich verrückt.

Wayde saß neben mir, die Beine so gespreizt, dass er den gesamten Beifahrersitz einnahm. Er bemühte sich, nicht beunruhigt zu wirken, während ich mein kleines Auto durch den Verkehr lenkte – ich hatte schon mindestens fünf Minuten gutgemacht. Das war meine allererste Chance, den Mini Cooper selbst auszuprobieren. Mein neues Auto besaß wirklich einen fantastischen Wendekreis.

»Miss?«, sagte die junge Stimme am anderen Ende der Leitung, und die Ampel schaltete auf Grün.

»Ja!«, sagte ich und war dankbar, dass ich eine Automatik fuhr, während ich mich über die Kreuzung schob und gleichzeitig versuchte, die Lüftung besser auszurichten. »Ich schaffe es heute nicht. Und am Wochenende wahrscheinlich auch nicht.«

Die Frau seufzte. Im Hintergrund konnte ich Alternative Rock hören. Vielleicht Takatas neuester Song? »Ich kann Sie streichen, aber Emojin wird nicht begeistert sein.«

»Ich habe diese Woche einen Auftrag«, erklärte ich laut, während ich einen schnellen Blick nach hinten warf und dann nach rechts zog, um einen alten Kerl in einem blauen Buick zu umschiffen. Sicher, der Auftrag brachte mir kein Geld, aber Führerschein und Autozulassung machten mich mehr als glücklich. Kleine Schritte. Ich konnte es schaffen.

Wayde umklammerte den Handgriff, um nicht herumgeschleudert zu werden. »Deine Tätowiererin zu nerven ist nicht klug.«

Stirnrunzelnd blaffte ich zurück: »Ist es denn besser, die I. S. zu vergrätzen?«

Er zuckte mit den Achseln, also konzentrierte ich mich wieder auf die Straße und wurde langsamer. Wir waren nahe am Fountain Square und hier stand gewöhnlich irgendwo ein Polizist auf einem Pferd herum. »Wann könnten Sie kommen?«, fragte Emojins Assistentin. »Diese Spezialtinten halten nicht ewig.«

Ich bremste noch mehr und meine Stoßstange stieß fast an die des Autos vor mir. Dreck, ich war so nah dran, dass ich fast die Aufschrift auf dem Lippenstift lesen konnte, den sich die Fahrerin gerade auftrug. »Es tut mir leid«, sagte ich mit einem Anflug von Schuldgefühl. »Ich werde das ganze Wochenende und wahrscheinlich auch die nächste Woche beschäftigt sein. Ich rufe an, wenn ich wieder Zeit habe. Okay?«

Die Ampel wurde grün, aber das Auto vor mir bewegte sich nicht. »Pass auf!«, schrie Wayde, als ich langsam vorwärtsrollte. Ruckartig trampelte ich auf die Bremse. Unsere Köpfe wurden nach vorne gerissen. Ich verzog das Gesicht. »Wenn du nicht vorsichtig bist, nehmen sie dir den Führerschein am selben Tag wieder ab, an dem du ihn bekommen hast«, meinte Wayde, ließ den Handgriff los und setzte sich wieder aufrecht hin.

»Das sind doch noch gute dreißig Zentimeter«, grummelte ich. »Es wirkt nur näher, weil das Auto so klein ist.«

Aus dem Telefon erklang ein leises »Ich gebe Ihnen einen Termin für Montag um Mitternacht.«

Hört sie mir überhaupt nicht zu? »Ich werde nicht kommen!«, rief ich. »Ich müsste nicht ständig absagen, wenn sie mir nicht ständig Termine geben würden, die ich gar nicht einhalten kann!«

»Hey!«, schrie ich dann, als Wayde mir das Telefon aus der Hand riss.

»Gib mir das, bevor du uns noch gegen eine Mauer fährst«, sagte er finster. Er hatte wütend die Augen zusammengekniffen. Mit seinem roten Bart sah er aus wie ein Wikinger.

»Ich kann gleichzeitig fahren und reden«, sagte ich empört, dann trat ich aufs Gas, damit wir es noch über die Ampel schafften und nicht wieder hinter der Möchtegern-Miss-Amerika festhingen. Rückspiegel waren dafür gedacht, dass man sah, wer hinter einem fuhr, nicht zum Schminken.

»Nicht besonders gut.« Wayde hielt sich das Telefon ans Ohr. »Mary Jo? Hier ist Wayde. Gib Rachel meinen nächsten Termin. Ich werde sie hinschaffen.«

Ich warf ihm einen Seitenblick zu, während aus dem Telefon ein »Danke, Wayde. Sie ist echt eine Nervensäge.« erklang.

Gereizt umklammerte ich das Lenkrad. »Wirklich?«, fragte Wayde mit Pokerface. »Ich hatte nie irgendwelche Probleme mit ihr.«

Damit legte er auf. Mein pinkes Telefon sah in seiner Hand irgendwie seltsam aus. »Macht es dir etwas aus, wenn ich das in deine Tasche stecke?«, fragte er, und ich wurde immer wütender. Hinschaffen?

»Mach nur«, sagte ich und musterte kurz seine Tätowierungen, während er vorsichtig meine Tasche öffnete und das Telefon hineinfallen ließ. Er trug keinen Mantel, und offenbar war ihm kalt. »Du hast einen Termin bei Emojin? Ich hätte nicht gedacht, dass du noch einen Platz frei hast.«

Lächelnd schob Wayde seinen linken Ärmel hoch, machte eine Faust und zeigte mir seinen muskulösen Bizeps. Verdammt. Um den Muskel wand sich ein asiatischer Drache mit geöffnetem Maul, der seine gespaltene Zunge zeigte. Einige der Schuppen glänzten golden, andere wirkten matt und verschwommen.

»Emojin frischt meinen Drachen auf. Als ich ihn bekommen habe, war ich noch dämlich genug, nicht darauf zu achten, wer ihn sticht. Emojin ist einer der Gründe dafür, dass ich diesen Job angenommen habe.«

Je weiter wir uns von der Innenstadt entfernten, desto besser lief der Verkehr, also riskierte ich einen weiteren Blick zu ihm, weil mich der Eifer in seiner Stimme überraschte. »Wie bitte?«

Wayde schob seinen Ärmel wieder nach unten. »Emojin ist eine der besten Tätowiererinnen auf dieser Seite des Mississippi, wenn nicht in den gesamten Staaten«, erklärte er. »Ich möchte Teil von dem sein, was sie tut, und wenn ich sowieso hier bin …« Er zuckte mit den Achseln und ließ sich in seinen Sitz zurücksinken.

Darüber dachte ich nach, während wir auf die Washington Street einbogen. Mein Herz machte einen kleinen Sprung und ich strich erleichtert über das Lenkrad, als der Innenraum des Autos endlich warm wurde. Der November in Cincinnati war kalt.

»Sie zu versetzen ist respektlos«, erklärte Wayde leise. »Sie ist eine Künstlerin. Wenn du schon die Kunst nicht respektierst, respektiere wenigstens den Künstler.«

Mein Atem beschleunigte sich. »Ich will keine Tätowierung. Ich hatte gedacht, das wäre inzwischen klar.«

Wayde gab ein unhöfliches Geräusch von sich. »Ist es auch«, erwiderte er scharf. »Reiß dich zusammen und mach es trotzdem. Das geht schon ewig so, und du bist auch deinem Rudel gegenüber respektlos. David … verdammt, wenn du meine Alpha wärst, würde ich dich an der Kehle packen und dir Benehmen beibringen.«

»Tja, das ist dann wohl der Grund dafür, dass du kein Alpha bist«, sagte ich, wünschte mir aber sofort, ich hätte den Mund gehalten. Ich entspannte meine Schultern, aber mein Kopf pochte. »Allerdings hast du recht«, gab ich zu, und er hörte auf, mit den Fingern auf den Türgriff zu trommeln. »Ich muss das machen.« Aber es würde wehtun!

Gott, ich bin ja so feige. Zumindest wusste ich sicher, dass Wayde bis Freitag keinen freien Tag hatte. Bis dahin hatte ich Zeit, meinen gesamten Mut zusammenzunehmen.

Langsam mussten wir unserem Ziel näher kommen. Verglichen mit der letzten Straße war diese hier quasi leer. Ich wurde langsamer und hielt nach den Hausnummern Ausschau. Vielleicht war es ja eine Kirche. Viele der kleinen Gotteshäuser hatten noch eigene Friedhöfe.

»Da«, sagte Wayde und zeigte auf einen I. S.-Van, der am Randstein vor einem kleinen Stadtpark stand. Das Theater lag auf der anderen Straßenseite, aber die ganzen Fahrzeuge standen vor dem Park. Ich konnte zwischen den Bäumen und Bänken nichts erkennen, allerdings war die Grünanlage auch mindestens sechs Hektar groß.

»Schau, Ivys Auto«, sagte ich und drehte um, um neben ihr zu parken. Ich hatte gehofft, dass sie vor mir hier ankam, wo auch immer hier war. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich vermutet, dass es deswegen eineinhalb Stunden gedauert hatte, mir Führerschein und Autozulassung zu beschaffen, damit die wirkliche Arbeit getan war, bevor ich ankam.

Tief in Gedanken versunken schaltete ich den Motor aus und zog meine Tasche auf den Schoß. Das verzauberte Silberarmband rutschte auf mein Handgelenk hinunter. Ich vermisste die Sicherheit, die ich durch einen Schutzkreis bekommen konnte, und ich mochte Tatorte sowieso nicht besonders. Ich fühlte mich immer ein wenig dumm, und irgendwie schien ich ständig etwas falsch zu machen. Aber ich würde mich einfach mit den Händen in den Hosentaschen neben Ivy stellen und ihr bei der Arbeit zuschauen. Sie war super in Tatortarbeit. Sie war der Liebling der I. S. gewesen, bevor sie sich aus ihrem Vertrag gekauft hatte, um sich mit mir selbstständig zu machen. Ich glaube, dieser Schritt hatte ihre geistige Gesundheit gerettet. Meine Gedanken wanderten zu Nina, und ich hoffte inständig, dass ihr Ich überlebte, jetzt, wo ein Meister sie zur Kenntnis genommen hatte.

Wayde bewegte sich nicht, als ich meine Tür öffnete. Die kühle Luft, die in den Innenraum drang, roch ein wenig nach Müll. Ich schaute wieder zum Park, sah aber in der Ferne nichts als Bäume und das Dach eines kleinen Pavillons. »Das FIB ist nicht hier«, sagte ich leise. Ungewöhnlich. Nina hatte gesagt, dass sie schon seit ein paar Wochen an der Sache arbeiteten. Vielleicht waren die Taten als reine Inderlander-Verbrechen ohne jegliche menschliche Beteiligung eingeordnet worden.

Wayde streckte sich, so gut es einem Werwolf in einem kleinen Auto eben möglich war. »Wenn du mich brauchst, pfeif einfach«, sagte er, während er seine Baseballkappe über die Augen zog, um sich vor dem Sonnenlicht zu schützen, das durch die kahlen Äste fiel.

Nachdem er mich wochenlang ständig begleitet hatte, zögerte ich, auch wenn ich es gehasst hatte. »Du kommst nicht mit?«

Er hob den Schirm seiner Mütze an und musterte mich. »Soll ich?«, fragte er einfach.

»Eigentlich nicht, nein.«

Er zog die Mütze wieder nach unten und verschränkte die Hände über dem Bauch. »Warum meckerst du dann? Es ist ein Tatort, kein Supermarkt. Niemand wird dich belästigen, und sie lassen mich ja sowieso nicht mitkommen.«

Das war natürlich richtig. Mit einem Nicken zog ich mir den Riemen meiner Tasche über die Schulter, stieg aus, schlug die Tür zu und ging den Gehweg zum Park entlang. Aus Richtung des Pavillons konnte ich das Knistern von Funkgeräten hören. Meine Stiefelabsätze klapperten und ich zögerte, als mir aus einem I. S.-Van jemand hinterherrief, kaum dass ich daran vorbei war. Der Park war nicht abgesperrt, aber bei all den offiziellen Einsatzfahrzeugen war ziemlich klar, dass er wohl geschlossen war.

»Entschuldigung, Ma’am?« Wieder kam der Ruf. Ich drehte mich um, schob mir die Haare aus dem Gesicht und lächelte. Unter meinem Autositz hatte ich ein verbogenes FIB-Schild, das ich ins Fenster legen konnte, wenn ich an Tatorten war, aber das würde mir heute nicht helfen. Zumindest hatte ich meinen Führerschein.

»Hi!«, sagte ich fröhlich. Ich wollte warten, bis er mich dazu aufforderte, bevor ich ihm das Dokument reichte. »Ich bin Rachel Morgan. Von Vampirische Hexenkünste? Nina, ähm, einer Ihrer Chefs hat mich angewiesen, vorbeizukommen und mir die Sache mal anzuschauen.« Ich war mitten in einem Lichtfleck stehen geblieben und blinzelte jetzt die dünne, übermäßig aggressive Hexe in I. S.-Uniform an, die auf mich zukam. »Ich sollte auf der Liste stehen.«

»Ausweis?«, fragte der Mann bissig. Er war sauer, dass man ihn auf den Parkplatz verwiesen hatte, obwohl er doch den Tatort hatte untersuchen wollen. Ich wusste genau, wie er sich fühlte.

»Sicher.« Ich gab ihm mit kalten Fingern meinen Führerschein. »Ich gehöre zu Ivy Tamwood und dem Pixie?« Gott! Warum klang heute alles, was ich sagte, wie eine Frage? Man hatte mich schließlich hergebeten.

Die Verwirrung des Mannes legte sich, doch er gab mir meinen Führerschein nicht zurück, sondern starrte misstrauisch darauf. »Oh! Sie sind der, ähm, …«

Bei der Verachtung, die sich in seine Stimme einschlich, kniff ich die Augen zusammen. »Dämon«, beendete ich den Satz für ihn und entriss ihm meinen Führerschein. »Ja, das bin ich.« Das Silberarmband fühlte sich kalt an, als ich meinen Führerschein wieder in die Tasche schob. Sicher, seid ruhig gemein zu der Dämonin ohne Magie. »Sie sind da drüben, hm?«

Ich wandte mich ab und biss die Zähne zusammen, als er mir hinterherrief: »Ma’am, wenn Sie einen Moment warten könnten? Sie brauchen eine Begleitung.«

Seit wann?, dachte ich, blieb aber stehen. Im Auto hinter dem I. S.-Beamten warf mir Wayde hasenohrige Küsschen zu, um dann wieder einzuschlafen. Genervt lehnte ich mich gegen einen Baum neben dem Gehweg. Der Stamm war vom Regen der letzten Nacht noch feucht. Ich verschränkte die Arme und signalisierte dem Cop, dass ich nirgendwohin gehen würde.

Er warf mir einen warnenden Blick zu und berührte tatsächlich seinen Zauberstab, aber als ich mich provozierend vom Baum abstieß, drehte er sich um und ging schnell zu dem Van. Befriedigt ließ ich mich zurückfallen. Dämlicher Esel. Jetzt war meine Laune endgültig versaut.

Seufzend versuchte ich, die Übertragungen aus den Funkgeräten zu verstehen, aber sie waren so weit entfernt, dass nur unverständliches Gebrabbel zu hören war. Jenks hätte von hier aus mithören können. Ivy auch. Mein Blick wanderte zu dem Theater, und mir lief ein Schauder über den Rücken. Das Gebäude war eine architektonische Meisterleistung, aber irgendetwas stimmte damit nicht. Sogar die Gargoyles mieden es.

Eine vertraute Stimme lenkte mich ab, und stirnrunzelnd drehte ich mich Richtung Park um. Die männliche Stimme klang geübt und sollte wohl beruhigend und überzeugend wirken. Ihre Wärme ließ meinen Pulsschlag in die Höhe schnellen. Trent? Was machte der denn hier draußen?

Der Gehweg war immer noch leer, und ich stieß mich wieder von dem Baum ab und fing an, mir Sorgen wegen des Anrufs zu machen, den ich vor eineinhalb Stunden verpasst hatte. Hätte er, wenn es wichtig gewesen wäre, nicht auch Ivy und Jenks angerufen? Aber sie waren ja schon hier. Verdammt, ich hatte etwas verpasst. Ich hatte gerade einen Schritt gemacht, als er zusammen mit Nina um die Ecke bog und mit geschäftsmäßig schnellen Schritten auf mich zukam.

Ich zögerte. Nina sah ungefähr so aus wie vorhin. Allem Anschein nach kanalisierte sie diesen untoten Vampir, während sie Trent auf die Schulter schlug und dann stehen blieb, als sie mich bemerkte. Sie waren zu weit entfernt, als dass ich ihre Worte hätte verstehen können, aber es war offensichtlich, dass Trent nicht glücklich war.

Ich hatte ihn seit Monaten kaum gesehen, nur während meiner Besuche bei Ceri, nach der Geburt ihrer kleinen Tochter Ray. Er sah gut aus, wenn auch ein bisschen geistesabwesend, und er verbarg seine Wut hinter einem netten, aufgesetzten Lächeln. Eigentlich sah er sogar mehr als gut aus. Ich wurde unruhig, als ich mich an den leidenschaftlichen Kuss erinnerte, den zu vergessen ich versprochen hatte. Sein helles Haar, das sich im Wind bewegte, fing das Licht ein, und als er die Strähne hinters Ohr schob, bemerkte ich, dass ihn das störte. Er war glatt rasiert und wirkte in seinen Tausend-Dollar-Schuhen und dem halblangen Wollmantel als wäre er bereit fürs Büro. Der Mantel verbarg seinen athletischen Körper, aber ich wusste ziemlich gut, was sich darunter versteckte – hatte ein Bild von jedem wunderbar muskulösen Zentimeter seines Körpers im Kopf –, seit ich ihn einmal in der Dusche erwischt hatte. Oh mein Gott, ihn nur mit einem Handtuch um die feuchten Hüften zu sehen, war jeden einzelnen der dreitausend Kilometer, die ich mit ihm und einem reisekranken Pixie im Buick meiner Mom zurückgelegt hatte, wert gewesen.

Er war ungefähr in meinem Alter, ungefähr so groß wie ich und rangierte in einer vollkommen anderen Steuerklasse, selbst wenn er inzwischen seine Ambitionen bezüglich des Bürgermeisteramtes aufgegeben hatte und nicht einmal mehr Stadtrat war. Der Biodrogenhändler, Mörder und Vollzeitgeschäftsmann behauptete, er wolle mehr Zeit mit seiner neuen Familie verbringen, aber ich wusste, dass es ihm politisch geschadet hatte, sich als Elf zu outen. Mitleid hatte ich nicht.

In mir stieg die Erinnerung an sein seidiges Haar auf, an seine Lippen auf meinen, und ich wandte den Blick ab, als er und Nina sich die Hände schüttelten. Die Frau hatte einen Handschlag wie ein Mann, fest und aggressiv, mit dieser Männerclub-Ausstrahlung, die dazu gehörte. Warum ist Trent hier? Ich hätte die eineinhalb Stunden auf der KFZ-Stelle wahrscheinlich nutzen sollen, um ihn anzurufen, aber ich hatte Angst davor gehabt, was er wollen könnte.

Als ich aufsah, kniff ich wieder die Augen zusammen. Nina beugte sich über Trents Hand und kommentierte wahrscheinlich gerade die fehlenden Finger. Al, der Dämon, vor dem ich mich versteckte, hatte sie abgerissen. Zu diesem Zeitpunkt war er kurz davor gewesen, Trent zu töten, bis Pierce die Verantwortung für meinen Hirntod übernommen hatte … dabei war ich gar nicht hirntot gewesen. Meine Seele war nur in einer Flasche eingeschlossen, bis meine Aura heilen konnte.

Ich zog den Mantel enger um mich, als Trent seine Hand zurückzog und angespannt etwas sagte. Ich wütete unter meinen Bekannten wie ein Hurrikan. Kein Wunder, dass ich nicht besonders viele Freunde hatte. Mit schnellen, wütenden Schritten stiefelte Trent über das Gras, offensichtlich darauf erpicht, mir aus dem Weg zu gehen. Es war ungewöhnlich, dass er seine Wut nicht versteckte, aber der Versuch das zu tun hatte auch wenig Sinn, wenn man mit einem Vampir sprach, der so alt war wie die Unabhängigkeitserklärung und Gefühle aus dem Wind schmecken konnte.

»Trent!«, rief ich. Ich hasste das Gefühl der Zurückweisung, das sich in mir ausbreitete.

Ohne langsamer zu werden, legte er den Kopf schräg und registrierte so meine Anwesenheit. Die nächsten Worte erstarben auf meinen Lippen, als ich erkannte, dass er sich verraten fühlte. »Geh nächstes Mal an dein Telefon«, erklärte er kurz angebunden aus ungefähr zwanzig Metern Entfernung. »Ich rufe nicht an, wenn es nicht wichtig ist.«

»Ich stehe nicht auf deiner Gehaltsliste.« Als mir aufging, wie bissig das klang, zog ich die Hände aus den Taschen. »Ich war in einem Meeting, tut mir leid.«

Stirnrunzelnd wandte er den Blick ab, die Schultern fast bis an die Ohren hochgezogen. Dann ging er zu einem kleinen schwarzen Sportwagen und glitt elegant hinter das Lenkrad. Die Tür fiel mit einem sanften Knall ins Schloss. Wenn Geschmack und Raffinesse ein Geräusch hatten, dann klang es so. Ich wich zu dem Baum zurück und beobachtete, wie er davonfuhr. Der Motor brummte geschmeidig, dann bog er ab und war verschwunden.

Super gemacht, Rachel, dachte ich säuerlich, warf einen Blick zu meinem kleinen Mini Cooper und bemerkte, dass Wayde den gesamten Vorfall beobachtet hatte. Nina kam mit langsamen, provokativen Schritten auf mich zu. Ich konnte genau den Moment erkennen, in dem der tote Vamp sie verließ. Ihre Absätze fingen an zu klappern, ihre Schritte wurden schneller und ihre Arme schwangen auf einmal wieder genauso wie ihre Hüften. In ihren Augen funkelte nicht länger verschlagene Dominanz, sondern sie strahlten vor Freude, weil sie endlich von jemandem entdeckt worden war, den sie respektierte. Ihre gesamte Haltung signalisierte nun nicht mehr löwenähnliche Trägheit, sondern unterdrückte Aufregung.

Mir gefiel es nicht, dass Trent hier gewesen war. Was mir allerdings noch mehr Sorgen machte, war die Tatsache, dass Trent alleine hier gewesen war. Seltsam. Als Nina mein Misstrauen bemerkte, wurde sie langsamer. »Sie waren schnell«, sagte sie zur Begrüßung und ihr Lächeln verblasste, als sie mein Unbehagen registrierte.

Ich versuchte, meine Stimmung nicht ganz so unverblümt zu zeigen. Hatte die KFZ-Stelle sie angerufen, um ihr zu sagen, dass ich unterwegs war? Vielleicht sollte ich ja gar nicht wissen, dass auch Trent hier gewesen war. Verquerer und immer verquerer.

»Grüne Welle«, sagte ich, als sie neben mir stehen blieb und mich mit einer leichten Grimasse von oben bis unten musterte, als sähe sie mich zum ersten Mal durch die eigenen Augen. Lächelnd hielt ich ihr die Hand hin und die junge Frau ergriff sie mit fragender Miene, als ich sagte: »Hi. Ich glaube nicht, dass wir uns schon wirklich begegnet sind.«

»Ähm, so ist es nicht«, sagte sie, ihre Stimme ein wenig höher und um einiges fröhlicher als noch vor ein paar Stunden auf dem Amt. »Das bin immer noch ich. Ich bin immer ich, und dann … auch er.«

»Okay.« Ich stopfte meine Hände wieder in die Taschen. Sie war im Moment zwar hocherfreut, aber ich hatte trotz ihres offensichtlichen Enthusiasmus’ das Gefühl, dass diese Regelung irgendwann schieflaufen würde. Es gab gute Gründe dafür, dass die Untoten das nicht ständig taten, und wahrscheinlich würde Miss KFZ-Stellenangestellte in einer gepolsterten Zelle enden, wenn ihr untoter Meister sie nicht länger brauchte. »Ich soll auf eine Begleitung warten«, sagte ich, und sie bedeutete mir, ihr zu folgen.

»Also arbeiten Sie jetzt für die I. S.?«, fragte ich und bemühte mich, meine Wut zu unterdrücken, als ich mich neben ihr einreihte. Sie schüttelte den Kopf, und ein kleiner Seufzer verriet mir, dass die neunzig Minuten bis ich meinen befristeten Führerschein bekam für sie nicht langweilig gewesen waren.

»Nicht offiziell«, sagte sie und nahm die Schultern zurück. »Ich bin zeitweilig seine Assistentin.«

So nennt man Bluthuren also heute?, dachte ich, dann verdrängte ich den Gedanken. Es war nicht ihr Fehler. Sie war das Opfer, wenn auch ein williges. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu verraten, warum Trent Kalamack hier war?«, fragte ich, und sie lachte.

»Er wollte ihn treffen«, sagte sie, halb verschlagen, halb abwertend.

Sie genoss das Arrangement mit dem Untoten viel zu sehr. Ich passte meine Schritte ihren etwas kürzeren an. Schließlich trug sie Absätze und ich bequeme Stiefel. Ich erinnerte mich an den verletzten Blick, den Trent mir zugeworfen hatte, bevor er davongefahren war, und sagte: »Deshalb war vielleicht Walkie-Talkie-Mann hier, aber sicher nicht Trent.«

Nina schnaubte wütend. Mein Puls raste und ich trat einen Schritt von ihr weg, bevor ich mir dessen auch nur bewusst war. Als sie sich aggressiv zu mir umdrehte, hatte ich mein Gleichgewicht wiedergefunden. Vorsichtshalber hatte ich die Hände aus den Jackentaschen gezogen, aber Nina entspannte sich bereits. Auf ihrem Gesicht lag ein missmutiger Ausdruck, und sie sah mich nicht direkt an. »Walkie-Talkie-Mann?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Sie haben Glück, dass ihm das gefällt, sonst müsste ich Sie eines Besseren belehren.«

Wir gingen weiter, aber diesmal mit einem guten Meter Abstand zwischen uns – und sie musste sich an meine längeren Schritte anpassen. »Das würde ich gerne sehen«, murmelte ich, und Nina zuckte zusammen, als wäre sie zurechtgewiesen worden. Es schien, als höre ihr Meistervampir jedes Wort mit und hätte etwas gegen ihre Einstellung. Das war auf unheimliche, irgendwie unangenehme Weise schön. Trotzdem sorgte die Vernunft dafür, dass ich langsam durchatmete. Ich musste mich entspannen, bevor Nina mir an die Kehle ging. Die Frau hing dank dem Vampir, von dem sie besessen war, in einem überwältigenden Wirbel von sensorischen Erfahrungen fest, und sie hatte noch nicht gelernt, damit umzugehen. Wenn Walkie-Talkie-Mann nicht da war, um sie an die Kandare zu nehmen, könnte es zu Unfällen kommen. Sicher, jetzt war noch alles in Ordnung, aber bald schon würden die Leute schreiend wegrennen und es würde Blut fließen.

»Ich dachte, der Tatort wäre auf einem Friedhof«, meinte ich vorsichtig.

Nina nickte, während sie durch den Park zu den knisternden Funkgeräten schaute. »Das war früher mal ein Friedhof«, sagte sie mit abwesender Stimme, als lauschte sie gerade auf den untoten Vampir in ihrem Kopf, »bis sie die Gräber verlegt haben.«

Das hatte ich nie verstanden, aber wahrscheinlich war es besser als tolle Baugrundstücke durch Friedhöfe zu blockieren, wenn eine Kleinstadt zu einer Großstadt heranwuchs. »Haben sie welche übersehen?«, fragte ich. Nina sah sich immer noch im Park um, als versuchte sie, herauszufinden, wo genau sie sich befand, obwohl es mich überrascht hätte, wenn sie vorher jemals hier gewesen wäre. Ich bekam langsam das Gefühl, als schliche sich etwas an mich heran. Ich hatte ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

Hinter uns schrie der kleine Cop, der mich gebeten hatte zu warten: »Hey! Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen warten!«

Nina wirbelte schnell wie ein Peitschenschlag herum – jeder Zentimeter ihres Körpers gebot Gehorsam. »Erledigen. Sie. Ihren. Papierkram.« Der Mann wich mit kalkweißem Gesicht zurück. Ich zuckte zusammen und unterdrückte ein Zittern. Ihre Zähne waren in einem freundlichen, aber doch zutiefst beängstigenden Lächeln entblößt. Der mächtige tote Vampir war zurück.

»J-Ja, Sir«, stammelte der Officer und fiel fast um, als er bis zum Van zurückwich. Mit dem schleifenden Geräusch von Plastik auf Metall schlug er die Tür zu. Nina drehte sich wieder um und legte eine Hand an meinen Rücken, um mich mit der Eleganz vergangener Zeiten vorwärtszuführen. Anscheinend war es ihr egal, dass der Mann sie Sir genannt hatte.

Ungefähr drei Schritte später erinnerte ich mich daran, wieder zu atmen. »Eines muss ich Ihnen lassen, Nina. Sie sind ein nützlicher Mann.«

»Das hat man mir schon öfter gesagt«, erwiderte sie mit scheinbar aufrichtiger Wärme in der Stimme, die so ziemlich jede Warnsirene in mir anspringen ließ. Trotzdem war die leichte Erheiterung in ihrer Stimme beruhigend, da ich wusste, dass ich mich jetzt – so krank es auch war – sicher fühlen konnte. Er war zurück und hatte alles unter Kontrolle. Ich fand es etwas seltsam, dass ich mich bei einem Monster mit absoluter Selbstkontrolle sicherer fühlte als bei einer Frau, die noch darum kämpfte.

»Sie werden diese Ermittlung persönlich betreuen? Warum?«, fragte ich und zog meine Tasche höher auf die Schulter, um zu überspielen, wie unangenehm sich ihre Hand an meinem Rücken anfühlte.

Nina lächelte, nahm die Hand von meinem Rücken und ergriff so selbstverständlich meinen Arm, als gehöre er ihr. Die Geste war trotzdem weniger besitzergreifend, und ich entspannte mich etwas, auch wenn es mir gar nicht gefiel, dass der untote Vampir meine Gefühle gelesen hatte und versuchte, sich bei mir lieb Kind zu machen. »Ich möchte Sie besser kennenlernen«, sagte Nina. Ihre hohe Stimme klang plötzlich so geschmeidig wie Zigarrenrauch, vielschichtig und voll.

Super. Ninas Schritte waren nun neben dem leisen Stampfen meiner Stiefel nicht mehr zu hören. »Der letzte Vampir, der mich ›besser kennenlernen‹ wollte, hat ein Stuhlbein über den Kopf bekommen«, warnte ich, entzog mich ihr aber nicht. An der Stelle, an der sie mich berührte, kribbelte es angenehm, und ich spielte gern mit dem Feuer.

»Ich werde vorsichtig sein«, sagte sie. Ich sah auf und war fast schockiert, als ich ihre langen schwarzen Haare und ihr fein geschnittenes Gesicht sah und kein ledriges, faltengegerbtes Männergesicht, das von einem langen Leben zeugte. »Sie sind ein Dämon, Ms. Morgan«, sagte sie und lehnte ihren Kopf ein wenig in meine Richtung, wie bei Freundinnen, die sich Geheimnisse anvertrauen. »Ich wollte wissen, wer Sie sind, damit ich Ihre Art erkennen kann, wenn sie zurückkehrt. Wer weiß? Vielleicht ist die I. S. ja voll von Hexen, die kurz davor sind, zu Dämonen zu werden.«

»Das wohl kaum«, sagte ich, da ich wusste, dass ich außer Lee Saladan die einzige Hexe war, die Trents Dad gerettet hatte. Er hatte unsere Mitochondrien so weit verändert, dass wir ein Enzym bilden konnten, das es uns erlaubte, mit den natürlichen Dämonenenzymen in unserem Blut zu leben. Ich konnte die Heilung vererben, aber Lee nicht.