Elisabeth - Brigitte Hamann - E-Book

Elisabeth E-Book

Brigitte Hamann

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Beschreibung

Elisabeth, die "schönste Monarchin der Welt": Naiv in die Ehe gestolpert, machtlos gegen Schwiegermutter und Rivalin, eine Fremde am Wiener Hof. Flucht aus den Zwängen ihrer Rolle, immer wieder Reisen - und am Ende die verzweifelte Suche nach Sinn. Brigitte Hamann gelingt mit ihrem noblen Porträt einer Kaiserin wider Willen eine glänzende biographische Studie. Ihr Buch ist längst zum Standardwerk und Welterfolg geworden, mit Übersetzungen in englisch, französisch, italienisch, spanisch, ungarisch, tschechisch und japanisch sowie Taschenbuchauflagen.

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Brigitte Hamann

ELISABETH

Brigitte Hamann

ELISABETH

Kaiserin wider Willen

Mit 103 Abbildungen,davon 23 in Farbe

1. Auflage Oktober 19972. Auflage November 1997

Überarbeitete Neuausgabe der 1981 bei Amaltheaerschienenen Erstausgabe

© 1997 by Amaltheain der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH,Wien . MünchenAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: Wolfgang HeinzelHerstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger& Karl Schaumann GmbH, HeimstettenGesetzt aus der 11/14 Punkt Stempel-Garamondauf Apple Macintosh in QuarkXPressDruck und Binden: Wiener Verlag, HimbergPrinted in AustriaISBN 3-85002-401-6eISBN 978-3-902862-96-9

Inhalt

Vorwort

Vorwort zur Neuausgabe

1. Kapitel: Verlobung in Ischl

Die kleine Sisi – Österreich um 1853 – Erzherzogin Sophie – Kaiserliche Heiratspläne – Ludovika und Max in Bayern – Liebe auf den ersten Blick – Verspätetes Bildungsprogramm – Orientkrise – Aussteuersorgen

2. Kapitel: Hochzeit in Wien

Hoffnungen und Erwartungen – Abschied von München – Donaufahrt – Empfang in Wien – Hochzeitsfeierlichkeiten – Traurige Flitterwochen – Reise nach Mähren und Böhmen – Erste Konflikte

3. Kapitel: Die junge Ehe

Die Kinder Sophie und Gisela – Das Konkordat – Streit um die kaiserliche Kindskammer – Italienreise – Ungarnreise – Tod der kleinen Sophie – Der Kronprinz – Schwester Marie – Krieg in Oberitalien

4. Kapitel: Die Flucht

Familienzwist – Krankheiten – Madeira – Korfu – Venedig – Kissingen – Geheimnisse der Königin von Neapel – Hilfe für den kranken Kronprinzen

5. Kapitel: Schönheitskult

Wachsendes Selbstbewußtsein – Schönheitenalbum – Pauline Metternich – Legende der »schönen Sisi« – Die Friseurin Fanny Feifalik und der Haarkult – Turnübungen in der Hofburg

6. Kapitel: Ungarn

Der Wiener Hof und Ungarn – Ida Ferenczy – Gyula Andrássy – Königgrätz – Politische Verhandlungen in Budapest – Max Falk – Ringen um den Dualismus – Königskrönung – Das »ungarische Kind«

7. Kapitel: Die Last der Repräsentation

Trauer um Max von Mexiko – Treffen mit Napoleon III. – Besuch von Irrenanstalten – Deutschfranzösischer Krieg – Abneigung gegen Wien – Andrássy wird Außenminister – Giselas Verlobung – Der Tod der Erzherzogin Sophie – Wiener Weltausstellung – 25jähriges Regierungsjubiläum – Kritik an der Kaiserin

8. Kapitel: Die Königin hinter der Meute

Gödöllö – Erste Englandreise 1874 – Plötzlicher Reichtum – Unfall in Sassetôt – Bay Middleton – Konflikt mit dem Kronprinzen – Rustimo – Irlandreisen – Silberhochzeit – Meinung über das Militär – Wanderleidenschaft

9. Kapitel: Die Fee Titania und die Esel

Tratsch und sein Wahrheitsgehalt – Enttäuschte Liebe – Das Abenteuer des gelben Domino – Ausflug in London – Frau Ritter Blaubart – Titania und die Esel – Skandal um die Schwester Sophie – Alfred

10. Kapitel: Adler und Möve

Ludwig II. – Eine unglückliche Verlobung – Romantische Begegnungen – Ähnlichkeiten – Ludwigs Tod – Spiritismus – Phantasien

11. Kapitel: Die Jüngerin Heines

Die Hermesvilla – Dichtungen für die Zukunftsseelen – Nachlaßverfügungen in der Schweiz – Der »Meister« Heinrich Heine – Griechenlandbegeisterung – Carmen Sylva – Kritik an der Habsburger Verwandtschaft – Ansichten über die Monarchie – Das Achilleion – Tumulte um das Heine-Denkmal

12. Kapitel: »Die Freundin« Katharina Schratt

Folgenreiche Audienz – Hilfe der Kaiserin – Graf Wilczek und Anna Nahowski – Der König Wiswamitra – Die Haltung Marie Valeries – Komplikationen

13. Kapitel: Rudolf und Valerie

Ähnlichkeiten zwischen Mutter und Sohn – Andrássy und Taaffe – Treffen von Kremsier – Meinungen über die Dreibundpartner – Mißverständnisse in der deutschen Frage – Kritik Rudolfs – Das »einzige« Kind Valerie – Verlobung der Kaisertochter – Auswanderungspläne – Mayerling – Depressionen

14. Kapitel: Die Odyssee

Reisen ohne Etikette – Religiöses Naturerleben – Flucht vor der Öffentlichkeit – Gerüchte über eine Geisteskrankheit – Hungerkuren – Die letzten Tage in der Schweiz – Das Attentat – Der Nachlaß

Zeittafel

Stammtafeln

Quellenverzeichnis

Abkürzungen

Anmerkungen

Register

Vorwort

Gegenstand dieser Biographie ist eine Frau, die sich weigerte, sich ihrem Stand gemäß zu verhalten. Mit beachtlichem Selbstbewußtsein erstrebte und erreichte sie jenes Ziel, das erst die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts mit ihrem Schlagwort »Selbstverwirklichung« formulierte.

Sie spielte keine der Rollen, die ihr Tradition und Umwelt zuerteilten: nicht die Rolle der liebend-ergebenen Ehefrau, nicht die Rolle der Familienmutter, nicht die Rolle der ersten Repräsentationsfigur eines Riesenreiches. Sie pochte auf ihr Recht als Individuum – und setzte dieses Recht durch. Daß diese ihre »Selbstverwirklichung« nicht zu ihrem Glück führte, macht die Tragik ihrer Lebensgeschichte aus – ganz abgesehen von den Tragödien im engsten Familienkreis, die sie durch ihre Verweigerung auslöste. Elisabeth, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen (um nur die wichtigsten Würden anzuführen) war im Herzen Republikanerin, bezeichnete die altehrwürdige Monarchie als »vergang’ner Pracht Skelett« und als Eichbaum, der fallen müsse, da er sich überlebt habe. Sie geißelte die Auswüchse des aristokratischen Systems, verhöhnte Könige und Fürsten, so wie sie es von ihrem verehrten Vorbild und »Meister« Heinrich Heine gelernt hatte.

Klassenbewußtsein war ihr fremd, und zwar in solchem Ausmaß, daß die Person der Kaiserin-Königin am Wiener Hof schließlich als Fremdkörper und als Provokation für die nach den althergebrachten Regeln lebende Hofgesellschaft wirkte – und diese Wirkung beabsichtigte Elisabeth.

Einerseits stellt Kaiserin Elisabeth als Anhängerin demokratischer Ideen eine Besonderheit (ja ein Kuriosum) dar, andererseits zeigt sich gerade am Beispiel ihrer Person die Macht der antimon archischen Ideen im späten 19. Jahrhundert. Diese Ideen machten keinen Halt vor den Fürsten, die nun an der Rechtmäßigkeit ihrer (ererbten und nicht erworbenen) elitären Stellung zu zweifeln begannen. Die Bemerkung, die Graf Alexander Hübner am 18. 11. 1884 in sein Tagebuch schrieb, hat wohl ihre Berechtigung: »Tatsache ist, dass kein Mensch mehr an Könige glaubt und ich weiss nicht, ob sie an sich selbst glauben.« Und Elisabeths Dichterfreundin Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien) drückte es noch krasser aus: »Die republikanische Staatsform ist die einzig rationelle; ich begreife immer die törichten Völker nicht, daß sie uns noch dulden.«

Diese Ansicht führte zu erheblichen Standeskonflikten. Denn das Bewußtsein ihrer Individualität machte die von den modernen Ideen infizierten Aristokraten zwar willens, sich als einer unter vielen gleichen zu profilieren (vor allem durch die bürgerlichen Tugenden der »Leistung« und »Bildung«). Nur zu oft aber mußten sie erkennen, daß sie in dieser Konkurrenz nicht mithalten konnten (jedenfalls nicht in dem Ausmaß, wie es ihrer elitären Herkunft entsprochen hätte), daß ihr Wert als Individuum also mit der außerordentlichen Stellung in der Gesellschaft nicht übereinstimmte und letzten Endes doch nichts von ihnen bleiben würde als ein Titel, den sie sich nicht erarbeitet hatten, und eine Funktion, deren Wert sie nicht anerkannten. Dies war die Tragödie der Kaiserin Elisabeth ebenso wie die ihres Sohnes Rudolf.

Elisabeths Leben ist voll krampfhafter, ja verbissener Anstrengungen, sich als Individuum zu profilieren. Der erste und zugleich erfolgreichste Versuch war der, schön zu sein. Diese sagenhafte Schönheit der Kaiserin Elisabeth war keineswegs nur eine Gabe der Natur, sondern auch das Ergebnis eiserner Selbstbeherrschung und lebenslanger Disziplin, schließlich sogar körperlicher Quälerei. Ganz ähnlich entstand ihr Ruhm als Spitzensportlerin, als erster Parforce-Reiterin Europas in den siebziger Jahren, ein Ruhm, der mit zunehmendem Alter zwangsläufig verblassen mußte, trotz aller Disziplin – ebenso wie der Ruhm der Schönheit.

Den größten Ruhm erwartete sie sich von der Nachwelt: eine begnadete Dichterin zu sein. Die Zeugnisse ihrer Anstrengungen – bisher unbekannte Gedichte im Umfang von über fünfhundert Seiten aus den achtziger Jahren – bilden die Grundlage dieses Buches. Sie stellen intimste und persönlichste Aussagen Elisabeths über sich selbst, ihre Umwelt und ihre Zeit dar, zeigen aber auch deutlich ihr Scheitern: denn sie begründen keineswegs Elisabeths Nachruhm als große Dichterin, den sie sich ersehnte. Nicht wegen ihres Kunstwertes sind diese Verse für uns interessant, denn der Dilettantismus in der Heine-Nachfolge ist kaum zu übersehen und zu beschönigen. Wir beschäftigen uns mit diesen Gedichten, weil sie von einer Kaiserin-Königin stammen und Quellen darstellen zur Geschichte der Habsburgermonarchie wie zur Geschichte des Denkens einer »aufgeklärten« Aristokratin, einer gebildeten Frau des 19. Jahrhunderts. Schließlich dienen uns die Verse zur Illustration des »nervösen Jahrhunderts«, eines die Grenzen der Realität oft überschreitenden Gefühlslebens.

Ich bin der Schweizer Bundesregierung und der Direktion des Schweizer Bundesarchivs in Bern zu tiefstem Dank verpflichtet, daß sie mir die Erlaubnis zur erstmaligen Einsicht in diese bisher streng geheimgehaltenen Quellen gegeben haben. Für die Erteilung dieser Genehmigung setzte sich in dankenswerter Weise unser väterlicher Freund, Prof. Dr. Jean-Rudolf von Salis ein. Daß die Kaiserin das, was ihr am wertvollsten erschien, eben ihren literarischen Nachlaß, ausgerechnet einer Republik vertrauensvoll in Verwahrung gab (einer Republik freilich, die sie als Muster und Ideal empfand), kennzeichnet am besten ihre Haltung gegenüber der Monarchie Österreich-Ungarn, aber auch gegenüber der Familie der Habsburger.

Neben dem literarischen Nachlaß der Kaiserin habe ich noch weitere neue Quellen verarbeitet, so die auf Elisabeth bezüglichen Schriften aus den Nachlässen des Erzherzogs Albrecht (Ungarisches Staatsarchiv Budapest), des Staatsrats Baron Adolf von Braun (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien), des kaiserlichen Generaladjutanten Graf Carl Grünne (Privatbesitz), dann das Tagebuch der Erzherzogin Sophie (mit freundlicher Genehmigung Dr. Otto von Habsburgs) und des Fürsten Carl Khevenhüller (mit freundlicher Genehmigung des Fürsten Max von Khevenhüller-Metsch).

Überaus viel Neues verdanke ich dem Nachlaß des Münchener Archivars und Historikers Richard Sexau. Sexau machte ausführliche und zuverlässige Abschriften von Quellen, die sich im Privatbesitz befinden und mir leider nicht im Original zugänglich waren: so vor allem vom Tagebuch der jüngsten Kaisertochter, Erzherzogin Marie Valerie, und vom Tagebuch von Elisabeths Nichte, Herzogin Amélie von Urach, sowie von den ausführlichen Korrespondenzen der Mutter, Schwiegermutter und der Tanten der Kaiserin untereinander.

Im Nachlaß des Historikers Heinrich Friedjung (Stadtbibliothek Wien, Handschriftensammlung) fand ich wertvolle Gesprächsaufzeichnungen mit Elisabeths Hofdame Gräfin Festetics.

Auch im Nachlaß Egon Caesar Conte Cortis (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien) fand ich einige, allerdings sehr verstreute Quellenabschriften (so vor allem der Briefe Elisabeths an ihren Mann, ihre Tochter Marie Valerie und ihre Mutter Herzogin Ludovika). In allen jenen Fällen, in denen mir die schon von Corti zitierten Quellen jedoch zugänglich waren, benützte ich sie im Original, wobei mir indes durchwegs anderes zitierfähig erschien als Corti (dessen Verdienste um die Aufarbeitung neuer Quellen ich keineswegs schmälern möchte). Gerade dieser neuerlichen Durchsicht folgender Originalquellen verdanke ich viele neue Ergebnisse:

– Tagebuch der Hofdame Gräfin Marie Festetics (Széchényi-Bibliothek, Budapest)

– und des österreichischen Diplomaten Graf Alexander Hübner (Historisches Institut der Universität Padua),

– Nachlaß des kaiserlichen Generaladjutanten Graf Franz Folliot de Crenneville (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien)

– und der Hofdame Landgräfin Therese Fürstenberg (Fürstenberg-Familienarchiv in Weitra, Waldviertel, mit freundlicher Genehmigung des Prinzen und Landgrafen Johannes von und zu Fürstenberg).

Selbstverständlich benützte ich die Diplomatische Korrespondenz, so weit sie sich auf die Kaiserin bezieht, und zwar im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, im Schweizer Bundesarchiv Bern und im Bundesarchiv Bonn. Auch die zeitgenössischen Tageszeitungen in der Druckschriftensammlung der österreichischen Nationalbibliothek waren ergiebig.

Die hier verarbeiteten neuen Quellen ergeben ein neues Bild der Kaiserin, das dem traditionellen (aus der 1934 erschienenen Biographie Egon Caesar Conte Cortis) in vielem widerspricht.

In der Konfrontation mit der Arbeit Cortis (die späteren Bücher über Elisabeth fußen auf seinem Werk und werden deshalb hier nicht eigens erwähnt) wird das Hauptproblem deutlich, das ich während des Schreibens empfand, als sich allmählich aufgrund der neuen Quellen ein anderes Bild der Kaiserin herausschälte. Meine Bedenken, ob diese oft sehr privaten und persönlichen Dinge in die Öffentlichkeit gehören, gingen gelegentlich bis zum Bedürfnis, die Arbeit abzubrechen. Denn ohne Zweifel werden manche Empfindlichkeiten verletzt, ein schönes Denkmal nicht nur in Frage gestellt, sondern zerstört.

Indes: So sehr auch immer Elisabeth darauf pochte, eine Privatperson zu sein, so wenig war sie es. Denn ihre Funktion als Kaiserin war eine öffentliche und eine historische. Die Verweigerung, eine solche Funktion mit Pflichten auszufüllen, war zwar ein privater Entschluß, brachte aber Konsequenzen von öffentlicher Bedeutung. Denn sie hinterließ ein Vakuum an der Stelle, wo traditionsgemäß eine Kaiserin zu stehen hatte: im gesellschaftlichen, sozialen wie familiären Leben – und dieses familiäre Leben war eben bei einer Kaiserin keine Privatsache.

Besonders folgenreich war Elisabeths Haltung gegenüber ihrem Mann und ihrem Sohn, immerhin Kaiser und Kronprinz des nach Rußland größten europäischen Staates. Diese Überlegung war es dann auch, die mich zum Abschluß dieses Buches bewog. Denn eine gerechte Beurteilung der Person Kaiser Franz Josephs ist nur möglich, wenn auch jene Persönlichkeit wahrheitsgetreu und abseits eines süßlichen Klischees mit einbezogen wird, die für sein Leben von nicht zu unterschätzender Bedeutung war – auch und gerade durch ihre Verweigerung: Elisabeth, seine »geliebte Engels-Sisi«. Ähnliches gilt, wenn auch in anderem Maßstab, vom Kronprinzen Rudolf, Elisabeths einzigem, unglücklichen Sohn.

Die Zeiten der Hofberichterstattung sind ebenso vorbei wie die Zeiten der Verunglimpfung der alten Monarchie. Ich fühle mich dem wissenschaftlichen Anspruch auf Wahrheitsfindung verpflichtet und halte darüber hinaus die Gestalt der Kaiserin Elisabeth – in all ihrer Problematik, aber auch ihren überraschend »modernen«, nie alltäglichen Besonderheiten – für die Endzeit der österreichisch-ungarischen Monarchie für typisch. Der nüchterne, pflichtgetreue »Beamte« Kaiser Franz Joseph und die unorthodoxe, hochintelligente, sich in Phantasien verlierende Kaiserin Elisabeth, diese beiden sind wie Plus und Minus, wie Tag und Nacht: gegensätzlich und doch einander bedingend, der eine des anderen Unglück. Eine private Tragödie an der Spitze eines zerfallenden Reiches im fin de siècle.

Allen Damen und Herren, die mir bei der Arbeit behilflich waren, gilt mein Dank – vor allem den Herren Dr. O. Gauye und Dr. Ch. Graf (Schweizer Bundesarchiv Bern), der Schweizer Botschaft in Wien, Frau Dr. Elisabeth Springer (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien) und Frau Dr. von Moisy (Bayerische Staatsbibliothek München) ebenso wie den Damen Nischer-Falkenhof. Herrn István von Szöts danke ich für seine Vermittlung in ungarischen Archiven und Übersetzungen aus dem Ungarischen, Gräfin und Graf László Szápáry für Informationen aus ihrem Familienarchiv, meinem Mann für das Lesen des Manuskriptes und Hilfe bei den Korrekturen.

Wien, im Sommer 1981

Brigitte Hamann

Vorwort zur Neuausgabe

Auf dem schnellebigen Büchermarkt ist diese Biographie ein Methusalem. Sie ist 16 Jahre alt und in bisher 15 Auflagen und über 100 000 Exemplaren der Originalausgabe präsent. Dazu kommen weit höhere Taschenbuchzahlen.

Folgende Verlage brachten Übersetzungen heraus: Longanesi, Mailand 1983, Fayard, Paris 1985, Alfred Knopf, New York 1986 (heute Paperback bei Ullstein ip), Ed Juventud, Madrid 1989, Europa Könyvkiado, Budapest 1990. In Kürze folgen Odeon in Prag, PIW in Warschau und Asashi Shimbunsha in Tokio.

Die nötige äußere Modernisierung des Buches bot nun die Gelegenheit zu inhaltlichen Ergänzungen. Zwei neue Quellen sind in diese Neuausgabe eingeflossen: Das 1986 edierte Tagebuch der langjährigen kaiserlichen Geliebten Anna Nahowski und die sämtlichen nun im Original zugänglichen Briefe Franz Josephs an Katharina Schratt. Das Schratt-Kapitel weist damit die meisten Änderungen auf.

Neue Akzente brachten wissenschaftliche Spezialabhandlungen wie die von Enepekides über Elisabeths Beziehung zu Griechenland und kleinere Editionen. Jene Archive, die sich in den siebziger Jahren gegenüber der Forschung verschlossen hielten, tun dies leider auch heute noch.

Wien, im September 1997

Brigitte Hamann

Kaiserin Elisabeth (1887)

Liberty

Ja, ein Schiff will ich mir bauen!

Schön’res sollt ihr nimmer schauen

Auf dem hohen weiten Meer;

»Freiheit« wird vom Maste wehen,

»Freiheit« wird am Buge stehen,

Freiheitstrunken fährt’s einher.

»Freiheit«! Wort aus gold’nen Lettern,

Flattert stolz in allen Wettern

Von des Mastes schlankem Baum,

Freiheit atmen meine Nüstern,

Freiheit jauchzt der Wellen Flüstern,

Freiheit! Dann bist du kein Traum.

Sucht es dann ihr Telegraphen,

Für ein Hoffest mich zu schaffen

In die Kerkerburg zurück;

Fischt im Klaren, fischt im Trüben,

Fangt die Möve nach Belieben;

Hurrah! wir sind frei und flügg’!

Von den Spitzen meiner Finger

Send’ ich euch, ihr lieben Dinger,

Die mich einst gequält so sehr,

Einen Kuss und meinen Segen,

Schert euch nimmer meinetwegen;

Ich bin frei auf hohem Meer!

(Winterlieder 152 f.)

1. Kapitel

Verlobung in Ischl

An Kaisers Geburtstag, Sonntag, dem 18. August 1853, trat ein 15jähriges Landmädchen aus Possenhofen in Bayern in die österreichische Geschichte ein: Kaiser Franz Joseph I. hielt um die Hand seiner Cousine, Herzogin Elisabeth in Bayern, an und, wie nicht anders zu erwarten, erhielt er sie auch.

Die Braut war bisher niemandem sonderlich aufgefallen. Sie war ein kaum entwickeltes, noch längst nicht ausgewachsenes schüchternes Kind mit dunkelblonden langen Zöpfen, überschlanker Gestalt und hellbraunen, etwas melancholisch dreinblickenden Augen. Wie ein Naturkind war sie aufgewachsen inmitten von sieben temperamentvollen Geschwistern, abseits jeden höfischen Zwanges. Sie konnte gut reiten, schwimmen, angeln, bergsteigen. Sie liebte ihre Heimat, vor allem die bayrischen Berge und den Starnberger See, an dessen Ufer das Sommerschlößchen der Familie, Possenhofen, lag. Sie sprach bayrischen Dialekt und hatte unter den Bauernkindern der Nachbarschaft gute Freunde. Ihre Bildung und ihre Umgangsformen waren dürftig. Wie ihr Vater und ihre Geschwister hielt sie nichts von Zeremoniell und Protokoll – was am Münchener Königshof aber nicht viel ausmachte. Denn der herzogliche Zweig der Wittelsbacher Familie hatte dort ohnehin keine offizielle Funktion, konnte sich also ein reiches Privatleben leisten.

Die Mutter Herzogin Ludovika war schon geraume Zeit auf der Suche nach einer passenden Partie für ihre zweite Tochter Elisabeth. Sie hatte schon vorsichtig und wenig zuversichtlich in Sachsen angefragt – »Sisi bei Euch zu wissen, würde ich freilich als ein grosses Glück ansehen … aber leider ist es nicht wahrscheinlich – denn der einzige, der zu hoffen wäre [wohl Prinz Georg, der zweite Sohn des sächsischen Königs Johann], wird schwerlich an sie denken; erstens ist sehr die Frage, ob sie ihm gefiele und dann wird er wohl auf Vermögen sehen … hübsch ist sie, weil sie sehr frisch ist, sie hat aber keinen einzigen hübschen Zug.«1 Aus Dresden kam Sisi im Frühjahr 1853 ohne Bräutigam zurück. Sie stand ganz im Schatten ihrer viel schöneren, viel gebildeteren, viel ernsthafteren älteren Schwester Helene, die zu Höherem ausersehen war: einer Ehe mit dem Kaiser von Österreich. Im Vergleich mit Helene war Sisi das häßliche Entlein der Familie.

Der Bräutigam, Kaiser Franz Joseph, war damals 23 Jahre alt. Er war ein hübscher junger Mann mit blonden Haaren, einem weichen Gesicht und einer sehr zarten, schmalen Gestalt, die durch die enge Generalsuniform, die er stets trug, vorteilhaft betont wurde. Kein Wunder, daß er der Schwarm der Wiener Komtessen war, zumal er sich bei den Bällen des Hochadels als leidenschaftlicher und guter Tänzer erwies.

Dieser hübsche junge Mann mit den außergewöhnlich guten Manieren war einer der mächtigsten Männer seiner Zeit. Sein »großer« Titel lautete: Franz Joseph I. von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich; König von Ungarn und Böhmen; König der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien; König von Jerusalem etc.; Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und Bukowina; Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara; gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradiska; Fürst von Trient und Brixen; Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien; Graf von Hohenembs, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc; Herr von Triest, von Cattaro und auf der windischen Mark; Großwoiwod der Wojwodschaft Serbien etc. etc.

Im Revolutionsjahr 1848 war er als Achtzehnjähriger auf den Thron gelangt, nachdem sein geistig wie körperlich kranker Onkel, Kaiser Ferdinand I., abgedankt und sein Vater, der willensschwache Erzherzog Franz Carl, der Thronfolge entsagt hatte. Nach dem jämmerlichen Bild, das sein Vorgänger geboten hatte, gewann der junge Kaiser sehr rasch Sympathien, selbst bei Bismarck, der ihn 1852 kennenlernte und von ihm schrieb: »Der junge Herrscher dieses Landes hat mir einen sehr angenehmen Eindruck gemacht: zwanzigjähriges Feuer gepaart mit der Würde und Bestimmtheit reifen Alters, ein schönes Auge, besonders wenn er lebhaft wird, und ein gewinnender Ausdruck von Offenheit, namentlich beim Lächeln. Wenn er nicht Kaiser wäre, würde ich ihn für seine Jahre etwas zu ernst finden.«2

Franz Joseph herrschte absolut: Er war oberster Kriegsherr, er regierte ohne Parlament und ohne Verfassung, ja selbst ohne Ministerpräsident. Seine Minister waren nicht mehr als Ratgeber ihres hohen Herrn, der die Politik allein verantwortete. Mit starker Militär- und Polizeigewalt hielt er seine Länder zusammen, unterdrückte die demokratischen und nationalen Kräfte. Der alte Witz der Metternichzeit traf auch auf die frühe Franz-Joseph-Zeit zu: die Herrschaft beruhe auf einem stehenden Heer von Soldaten, einem sitzenden Heer von Beamten, einem knienden Heer von Priestern und einem schleichenden Heer von Denunzianten.

Österreich war 1853 der nach Rußland größte europäische Staat mit rund 40 Millionen Einwohnern, nicht mitgerechnet die 600 000 Soldaten. Im Vielvölkerstaat lebten 8,5 Millionen Deutsche, 16 Millionen Slawen, sechs Millionen Italiener, fünf Millionen Magyaren, 2,7 Millionen Rumänen, etwa eine Million Juden und etwa 100 000 Zigeuner. Der nördlichste Punkt des Reiches war Hilgersdorf in Nordböhmen (heute Tschechische Republik), der südlichste der Ostrawizza-Berg in Dalmatien (heute Kroatien), der westlichste bei Rocca d’Angera am Lago Maggiore in der Lombardei (heute Italien), der östlichste bei Chilischeny in der Bukowina (heute Ukraine).3

Die meisten Einwohner des Reiches (29 Millionen) lebten von der Landwirtschaft. Im Anbau von Flachs und Hanf war Österreich auf der ganzen Welt führend, im Weinanbau stand es nach Frankreich an zweiter Stelle. Ackerbau und Viehzucht wurden noch nach jahrhundertealtem Muster betrieben. Die technische Entwicklung stand weit hinter der der westlichen Staaten zurück.

Dank tüchtiger Generäle hatte Österreich die Revolution von 1848 ohne territoriale Einbußen überstanden. Die verfassunggebende Versammlung in Kremsier, eine intellektuelle Elite der »Achtundvierziger«, war mit Waffengewalt auseinandergetrieben worden. Viele Abgeordnete konnten ins Ausland fliehen, viele saßen in den Gefängnissen. Der junge Kaiser brach seine feierlichen Versprechungen, dem Land endlich eine Verfassung zu geben.

Aber trotz des anhaltenden Belagerungszustandes und der starken Militärgewalt zeigten sich auch 1853 noch immer Feuerzeichen am politischen Horizont, vornehmlich in Ungarn und in Oberitalien. Anfang Februar versuchte der italienische Revolutionsführer Giuseppe Mazzini, in Mailand einen Volksaufstand anzuzetteln, der in wenigen Stunden niedergeschlagen wurde. 16 Italiener wurden hingerichtet, weitere 48 zu schweren Kerkerstrafen »in Eisen« verurteilt.

Auch die Ruhe in Wien täuschte: zur Zeit der Mailänder Wirren wurde in Wien ein gefährliches Attentat auf den jungen Kaiser ausgeübt. Der ungarische Schneidergeselle Johann Libenyi stach ihn während eines Spazierganges auf der Bastei mit einem dolchartigen Messer in den Hals und verletzte ihn schwer. Libenyi fühlte sich als politischer Überzeugungstäter und schrie bei seiner Festnahme laut. »Eljen Kossuth« Er ließ also den Habsburgischen Erzfeind hochleben, den ungarischen Revolutionär, der 1849 die ungarische Republik ausgerufen hatte und nun vom Exil aus die Loslösung Ungarns von Österreich propagierte.

Libenyi wurde hingerichtet. Seine Tat aber mußte den jungen Kaiser warnen, daß der Thron nicht so fest gegründet war, wie es schien.

So sehr die kaiserliche Majestät auch über alle anderen Menschen erhaben war, so innig war Franz Josephs Beziehung zu dem einzigen Menschen, der für ihn eine Autorität darstellte: zu seiner Mutter, Erzherzogin Sophie.

Sie war 1824 als 19jährige bayrische Prinzessin an den Wiener Hof gekommen. Metternich regierte damals. Kaiser Franz war alt, sein ältester Sohn und Nachfolger Ferdinand krank und geistesschwach. Die junge, ehrgeizige und politisch interessierte Prinzessin stieß am Wiener Hof in ein Vakuum, das sie bald ganz mit ihrer starken Persönlichkeit ausfüllte. Bald ging ihr der Ruf voraus, an diesem an Schwächlingen reichen Hof »der einzige Mann« zu sein. Sie war es, die 1848 energisch dazu beitrug, Metternich zu stürzen. Sie warf ihm vor, »daß er eine unmögliche Sache wollte: Die Monarchie ohne Kaiser führen und mit einem Trottel als Repräsentanten der Krone«4, womit ihr geistesschwacher Schwager, Kaiser Ferdinand »der Gütige«, gemeint war. Sophie hielt ihren Mann davon ab, die Thronfolge anzunehmen, verzichtete also darauf, Kaiserin zu werden und durch ihren ihr ganz ergebenen Mann zu regieren.

Sie stellte damit die Weichen für die Thronbesteigung ihres »Franzi« im Dezember 1848 in Olmütz. Ihr mütterlicher Stolz war grenzenlos. Immer wieder sagte sie, daß es »eine große Wohltat war, das gute, aber arme kleine Wesen – das wir während beinahe 14 Jahren als unseren Kaiser anerkennen mußten – nicht mehr ungestört herumbandeln zu sehen und statt ihm die einnehmende Erscheinung unseres lieben jungen Kaisers, die jeden beglückte«.5

Franz Joseph war seiner Mutter sein Leben lang dankbar. Von ihrer sicheren Hand ließ er sich führen, wenn Sophie auch eifrig versicherte, daß »ich mir bei der Thronbesteigung meines Sohnes fest vorgenommen [habe], mich in keine Staatsangelegenheiten zu mischen; ich fühle mir kein Recht dazu und weiß sie auch in so guten Händen nach 13jähriger herrenloser Zeit – daß ich innig froh bin, nach dem schwerdurchkämpften Jahre 48 ruhig und mit Vertrauen das jetzige Gebahren mitanzusehen zu können!«6

Sophie hielt ihre guten Vorsätze nicht. Die gnadenlosen Blutgerichte für die Revolutionäre, die widerrechtliche Aufhebung der versprochenen – und kurze Zeit verwirklichten – Verfassung, die enge Verbindung Österreichs an die Kirche – das alles wurde in der Öffentlichkeit nicht als Werk des unsicheren jungen Kaisers angesehen, sondern als das der Erzherzogin Sophie, die in den fünfziger Jahren Österreichs heimliche Kaiserin war.

Die Politik bestimmte auch Sophies sorgfältige Suche nach der künftigen Gattin ihres Sohnes. Österreich machte nach der Revolution von 1848 eine betont deutsche Politik und versuchte, die führende Kraft im Deutschen Bund zu bleiben, beziehungsweise die immer mehr schwindende Macht gegenüber Preußen zurückzugewinnen. Diesem großen Ziel wollte Sophie auch mit Hilfe der Heiratspolitik näher kommen.

Ihre erste Wahl war eine Verbindung mit dem Haus Hohenzollern, wofür sie sogar eine protestantische Schwiegertochter in Kauf genommen hätte, die vor der Heirat hätte konvertieren müssen.

Im Winter 1852 fuhr also der junge Kaiser unter einem politischen und familiären Vorwand nach Berlin und verliebte sich prompt in eine Nichte des preußischen Königs, die gleichaltrige Prinzessin Anna. Da das Mädchen schon verlobt war, fragte Sophie ihre Schwester, Königin Elise von Preußen, »ob es keine Hoffnung gibt, daß diese traurige Heirat, die man dieser reizenden Anna auferlegt und die keinerlei Aussicht auf Glück für sie übrigläßt, vermieden werden könnte«. Sie schrieb offen, wie sehr der junge Kaiser bereits engagiert war und erwähnte das »Glück, das sich ihm wie ein flüchtiger Traum gezeigt hat und sein junges Herz – hélas – viel stärker und viel tiefer beeindruckt hat, als ich es zunächst glaubte … Du kennst ihn genug, daß man seinem Geschmack nicht so leicht entsprechen kann und ihm nicht die nächste beste genügt, daß er das Wesen lieben können muß, die seine Gefährtin werden soll, daß sie ihm gefalle, ihm sympathisch sei. Allen diesen Bedingungen scheint Eure liebe Kleine zu entsprechen, beurteile selbst, wie ich sie also für einen Sohn ersehne, der sosehr des Glückes bedarf, nachdem er so schnell auf die Sorglosigkeit und die Illusionen der Jugend hat verzichten müssen.«7

Königin Elise konnte sich gegenüber den preußischen Politikern nicht durchsetzen. Eine Heiratsverbindung mit Österreich paßte ganz und gar nicht in das preußische Konzept. Der junge Kaiser mußte eine persönliche Niederlage einstecken, außerdem wurde sein Berlinbesuch wenig schmeichelhaft kommentiert, so zum Beispiel von Prinz Wilhelm, dem späteren Wilhelm I.: »Wir in Preußen beglückwünschen uns, daß Österreich seine Unterwerfung in unserer Hauptstadt bezeugt hat, ohne daß wir nur einen Fußbreit politischen Bodens preisgegeben haben.«8

Auch nach Dresden erstreckten sich die Vorarbeiten Sophies für eine kaiserliche Eheschließung und eine gleichzeitige Verstärkung des österreichischen Einflusses in Deutschland. Diesmal ging es um die sächsische Prinzessin Sidonie, die allerdings kränklich war und dem Kaiser nicht gefiel.

Wie hartnäckig Sophie an ihrem Plan festhielt, eine deutsche Prinzessin an den Wiener Hof zu bekommen, zeigt ihr dritter Plan, diesmal mit ihrer Schwester, der Herzogin Ludovika in Bayern: Ludovikas älteste Tochter Helene paßte im Alter zum Kaiser, wenn sie auch eine weit weniger vornehme Partie als die beiden ersten Mädchen war. Sie stammte ja nur aus einer bayrischen Nebenlinie, nicht wie Sophie aus dem bayrischen Königshaus. Aber immerhin war Bayern neben Sachsen der treueste Partner Österreichs im Deutschen Bund, eine neuerliche Verbindung zwischen Österreich und Bayern politisch durchaus nützlich.

Bisher hatte es nicht weniger als 21 Verbindungen zwischen dem bayrischen und dem österreichischen Haus gegeben. Die prominenteste Heirat der letzten Jahre war die des Kaisers Franz mit Karoline Auguste, der ältesten Schwester Sophies. (Durch ihre Heirat mit dem zweiten Sohn des Kaisers Franz aus einer früheren Ehe, Erzherzog Franz Carl, wurde also Sophie die Schwiegertochter ihrer Schwester.)

Herzogin Ludovika war so etwas wie die arme Verwandte ihrer mächtigen Schwestern. Als einzige der neun Töchter des bayrischen Königs Max I. hatte sie nur eine bescheidene Heirat gemacht, mit ihrem Vetter zweiten Grades, Herzog Maximilian in Bayern, der erst 1845 den Titel »Königliche Hoheit« erhielt.

Ludovika liebte ihre um drei Jahre ältere Schwester Sophie in einer demütigen, ja unterwürfigen Weise, pries sie stets als Muster für ihre Kinder, folgte ihren Ratschlägen geradezu ängstlich, um nur ja Sophies Gunst zu behalten. Die Aussicht, ihre älteste Tochter mit dem begehrtesten Junggesellen ihrer Zeit verheiraten zu können, machte sie vollends zur gefügigen Dienerin Sophies.

Die beiden Schwestern hatten wenig gemeinsam. Zur Zeit der Ischler Verlobung sei sie ganz »verbauert« gewesen, erzählte Ludovika später. Sie liebte das Land und die freie Natur, kümmerte sich nicht um standesgemäße Kleidung und standesgemäße Gesellschaft. Mit dem Münchener Hof hatte sie wenig zu tun. Dort herrschte ihr Neffe Max II., und die herzogliche Linie der Wittelsbacher hatte keine offizielle Funktion. Ludovika war also keine höfische Repräsentationsfigur, sondern reine Privatperson. Sie lebte für ihre Kinder, die sie selbst erzog – für aristokratische Verhältnisse außergewöhnlich.

Im Gegensatz zur streng katholischen, ja bigotten Sophie war Ludovika wenig religiös. Mit Stolz betonte sie ihre liberale Erziehung im bayrischen Königshaus: »In unserer Jugend, da waren wir angeprotestantelt!« Zum Zeitvertreib sammelte Ludovika Uhren, beschäftigte sich mit Geographie, bezog ihre Kenntnisse allerdings, wie ihr Mann höhnte, zum Großteil aus Missionskalendern. Von Politik hatte sie keine Ahnung.9

Der künftige Brautvater, Herzog Max in Bayern, war schon gar nicht nach Sophies Geschmack. Er war zwar der populärste Wittelsbacher dieser Zeit. Aber Volkstümlichkeit war nicht gerade ein Mittel, um die Achtung der streng dynastisch denkenden Sophie zu erringen. Max war ein weitgereister und sehr belesener Mann. Seine Bibliothek umfaßte etwa 27000 Bände, vor allem historischen Inhaltes. Er hatte eine völlig un-aristokratische Ausbildung hinter sich: Denn er besuchte sieben Jahre lang ein Erziehungsinstitut in München, lernte also im Kreis Gleichaltriger – und nicht allein mit einem Hofmeister, wie es für Aristokraten üblich war. An der Universität München hörte er dann Vorlesungen, vor allem in Geschichte und Naturgeschichte.

Seinen Vorlieben aus der Studentenzeit blieb Max zeitlebens treu: Er hielt gar nichts von Etikette, umgab sich vielmehr mit einem Kreis bürgerlicher Gelehrter und Künstler, seiner berühmten »Artusrunde«. Bei Max wurde viel getrunken, gedichtet, gesungen und komponiert, aber auch auf hohem Niveau diskutiert. Es ging ähnlich zu wie bei den berühmten »Symposien« des bayrischen Königs Max II. Dieser hielt sich freilich vor allem an Gelehrte aus dem Norden, die »Nordlichter«, während Herzog Max eine urbayrische Runde um sich versammelte.10

Das neue Palais Max an der Ludwigstraße, in dem die kleine Elisabeth am 24. Dezember 1837 geboren wurde, hatte als Attraktion ein »Café chantant« nach Pariser Vorbild und einen Tanzsaal mit einem überdimensionalen, 44 Meter langen, sehr freizügigen »Bacchusfries« von Schwanthaler. Im Hof des Palais war ein Zirkus eingerichtet mit Logen und Sperrsitzen, von denen aus die Münchener Gesellschaft den Herzog Max bei seinen Reiterkunststücken bewunderte, die er voll Stolz vorführte, umgeben von Pantomimen, wüsten Clownszenen und Soldatenspektakeln.

Ein weiteres Hobby war das Zitherspiel. Sogar auf seine Reisen nahm Max die Zither mit und ließ es sich auch auf der Cheops-Pyramide nicht nehmen, seine Lieblingsweisen, bayrische Schnadahüpfl, zu spielen – zum Erstaunen seiner ägyptischen Begleiter. 1846 gab Herzog Max seine »Sammlung oberbayerischer Volksweisen und Lieder« heraus.

Wie so viele Wittelsbacher – und später auch seine Kinder, einschließlich Elisabeth – hatte Herzog Max Anflüge von Weltflucht und Menschenverachtung. Zum Beispiel dichtete er über »Meine Zither« ganz ähnlich wie Elisabeth dreißig Jahre später:

Drum ist mir wohl bei ihr allein

weil sie, die einzge, mich versteht.

Ich laß die Menschen Menschen sein

Und spiel auf ihr von früh bis spät.

Die Menschen treiben auch ein Spiel

Doch ists ein ander Instrument

Sie spielen auf dem Menschen viel

Der ihre Falschheit noch nicht kennt.

Herzog Max war in keiner Hinsicht ein Kostverächter und hielt nicht viel von Familienleben. Nur an einer Zeiteinteilung hielt er strikt fest: Mittags war er niemals zu sprechen, schon gar nicht für seine Frau oder seine acht ehelichen Kinder. Denn da speiste er in seinen Gemächern mit seinen beiden unehelichen Töchtern, die er innig liebte.11

Max trug offen demokratische Ansichten zur Schau, schon um seine Umgebung zu reizen. »Aber wenn er gemeint hat, daß ihm jemand auf die Hühneraugen tritt, dann war der Teufel los«, bemerkte dazu einer seiner Verwandten.

Der Geist des Hauses offenbarte sich im Revolutionsjahr 1848: Vor den Unruhen und Straßentumulten in München flüchtete die königliche Familie in das Palais des Herzogs Max, weil hier wegen der Popularität des Hausherrn am wenigstens mit Übergriffen zu rechnen war. Die kleine, damals 14jährige Helene soll während der Wirren einen vielbelachten Versuch gemacht haben, die Aufständischen zu beruhigen, und zwar mit dem Zuruf: »Brüder gegen Brüder!«, ein Satz, der sie als würdige Tochter ihres Vaters Max auswies.12

Auch in seinen zahlreichen historischen Artikeln, die anonym in Zeitschriften erschienen, erwies sich Max als freiheitlich. In seinem Buch »Wanderungen nach dem Orient« (München 1839) zeigte er auch seinen Humor: er ließ zuweilen einige Zeilen frei und deklarierte sie als »Censur-Lücken«. Solche Späße waren nicht dazu angetan, ihn bei seiner Schwägerin Sophie beliebt zu machen. Die Existenz des Herzogs Max wurde in der Anfangsphase des Heiratsplans so gut wie verleugnet. Er hätte zu leicht mit seinen grotesken Einfällen, seiner antihöfischen Einstellung die Familie der Braut kompromittieren und das ganze Projekt zu Fall bringen können.

Das zukünftige Paar – also Franz Joseph und Helene – sollte sich in der kaiserlichen Sommerfrische Ischl kennenlernen und verloben, so wollten es die beiden Mütter. Denn die zwanglose, eher familiäre Atmosphäre Ischls würde das Unternehmen erleichtern. Auf die bedeutsame Reise ins Salzkammergut nahm Ludovika auch ihre zweite Tochter Elisabeth mit, die gerade viel Sorgen machte. Denn sie hatte sich in einen indiskutablen Mann verliebt, einen Grafen Richard S., der in herzoglichen Diensten stand. Der Idylle wurde ein rasches Ende gemacht, der junge Mann mit irgendeinem Auftrag fortgeschickt. Er kehrte zwar noch einmal zurück, war aber krank und starb kurze Zeit später. Sisi war untröstlich und ihr Kummer wuchs sich zur Melancholie aus. Sie schloß sich stundenlang in ihrem Zimmer ein, um zu weinen und zu dichten. (Das kleine Buch mit Liebesgedichten aus dem Winter 1852/53 ist im Familienbesitz erhalten.)

Die Würfel sind gefallen,

Ach, Richard ist nicht mehr!

Die Trauerglocken schallen –

Oh, hab Erbarmen, Herr!

Es steht am kleinen Fenster

Die blondgelockte Maid.

Es rührt selbst die Gespenster

Ihr banges Herzeleid.13

Herzogin Ludovika wollte mit dieser Reise nach Ischl die 15jährige aus ihrer Melancholie reißen. Außerdem hoffte sie, Sisi dem jüngeren Bruder Franz Josephs, Erzherzog Karl Ludwig, nahezubringen. Diese Hoffnung war nicht unbegründet. Denn die beiden jungen Leute wechselten schon seit Jahren Briefe, Geschenke, ja sogar kleine Ringe. Ludovika rechnete sich Chancen aus.

Die politische Lage im August 1853 war allerdings romantischen Verlobungsplänen nicht hold: Der Krimkrieg war ausgebrochen, die internationale Lage verworren. Es ging um handfeste politische und wirtschaftliche Interessen der europäischen Großmächte in der sich der Auflösung nähernden Türkei. Im Juli 1853 besetzten russische Truppen die Donaufürstentümer, das Kerngebiet des späteren Rumänien. Zar Nikolaus rechnete mit österreichischer Unterstützung und bot als Lohn die türkischen Provinzen Bosnien und die Herzegowina an, außerdem seinen Schutz bei einer eventuellen neuerlichen Revolution in Österreich, also eine russische militärische Intervention zugunsten der Monarchie wie 1849 in Ungarn.

Die Ratgeber des jungen Kaisers waren nicht einig: Der alte Radetzky wollte auf russischer Seite kämpfen, hatte aber auch nichts gegen eine strenge österreichische Neutralität. Der Außenminister Buol und manche Wirtschaftskreise wollten sich auf der Seite Englands und Frankreichs gegen Rußland stark machen. Der junge Kaiser war unentschlossen und der schwierigen Situation nicht gewachsen. Er klagte gegenüber Sophie »ob der immer komplizierterwerdenden orientalischen Komplikationen«,14 informierte sich noch während der Fahrt nach Ischl über die Lage, ließ sich dann aber kaum mehr von der hohen Politik stören. Das monatelange Zögern des unerfahrenen und durch seine Verlobung abgelenkten Kaisers wirkte sich für Österreich verhängnisvoll aus.

Herzogin Ludovika hatte andere Sorgen, als sie am 16. August 1853 mit ihren Töchtern in Ischl anreiste. Sie hatte wegen einer Migräne die Reise unterbrechen müssen, kam verspätet in Ischl an und brachte Sophies Pläne für den ersten Tag ziemlich durcheinander. Zudem kam sie zwar mit ihren Töchtern, aber ohne Gepäck und ohne Kammerfrauen an. Alle drei Damen waren in Trauerkleidern, weil eine Tante gestorben war. Da der Wagen mit der hellen Garderobe noch nicht eingetroffen war, konnten sie sich vor der entscheidenden Begegnung nicht umziehen. Erzherzogin Sophie schickte ihnen eine Kammerfrau ins Hotel.

Während sich alle Sorgfalt darauf richtete, die vorgesehene Braut Helene wenigstens erstklassig zu kämmen, wenn sie schon im staubigen schwarzen Reisekleid vor dem Kaiser erscheinen mußte, richtete sich die kleine Sisi selbst die Haare – einfache lange Zöpfe. Sie merkte gar nicht, daß Erzherzogin Sophie ein wachsames Auge nicht nur für Helene, sondern auch für sie hatte. Sophie jedenfalls beschrieb diese Frisierszene später ausführlich ihrer Schwester Marie von Sachsen, betonte, welche »Anmut und Grazie« die Kleine in all ihren Bewegungen hatte, »desto mehr, da sie sich so gar nicht bewußt war, einen so angenehmen Eindruck hervorgebracht zu haben. Trotz der Trauer … war Sissy reizend in ihrem ganz einfachen, hohen, schwarzen Kleid.«15 Neben dieser völlig unbefangenen, kindlichen Schwester wirkte Helene nun auf einmal sehr streng. Das schwarze Kleid war für sie unvorteilhaft – und entschied vielleicht wirklich ihr Leben, wie manche später wissen wollten.

Beim Nachmittagstee trafen sie den Kaiser. Auch Königin Elise von Preußen war bei diesem ersten Treffen anwesend, zwei jüngere Brüder des Kaisers und andere Verwandte. Niemand der Anwesenden hatte die Gabe zu zwangloser Unterhaltung. Es herrschte steife, verlegene Stimmung, denn jeder wußte, um was es ging.

Es war Liebe auf den ersten Blick, jedenfalls was Franz Joseph betraf. Der jüngere Bruder Erzherzog Karl Ludwig beobachtete scharf und eifersüchtig und sagte seiner Mutter Sophie, »daß in dem Augenblick, als der Kaiser Sisi erblickte, ein Ausdruck so großer Befriedigung in seinem Gesicht erschien, daß man nicht mehr zweifeln konnte, auf wen seine Wahl fallen würde«.

Sophie an Marie von Sachsen: »Er strahlte und Du weißt, wie sein Gesicht strahlt, wenn er sich freut. Die liebe Kleine ahnte nichts von dem tiefen Eindruck, den sie auf Franzi gemacht hatte. Bis zum Augenblick, da ihre Mutter ihr davon sprach, war sie nur von Scheu und Schüchternheit erfüllt, die ihr die vielen sie umringenden Menschen einflößten.« Sisi aß vor Aufregung nichts und erklärte der Kammerfrau. »Die Néné [also Helene] hat es gut, denn sie hat schon so viele Menschen gesehen, aber ich nicht. Mir ist so bang, daß ich gar nicht essen kann.« In ihrer Verwirrung merkte sie noch nicht einmal, wie intensiv sich der Kaiser mit ihr, und nicht mit Helene beschäftigte.

Am nächsten Morgen, dem 17. August, erschien in aller Frühe der Kaiser bei seiner Mutter, die gerade erst aufgestanden war. Sophie an Marie von Sachsen: »Er sagte mir mit strahlender Miene, daß er Sisi reizend fände. Ich bat ihn, die Sache nicht zu überstürzen, es genau zu überlegen, aber er meinte, man dürfe es auch nicht in die Länge ziehen.«

In ihrem Tagebuch schilderte Erzherzogin Sophie diesen Morgen noch ausführlicher. Der Kaiser schwärmte: »Nein, wie süß Sisi ist, sie ist frisch wie eine aufspringende Mandel und welch herrliche Haarkrone umrahmt ihr Gesicht! Was hat sie für liebe, sanfte Augen und Lippen wie Erdbeeren.« Die Mutter versuchte, ihn auf die von ihr gewünschte Braut hinzuweisen: »Findest Du nicht, daß Helene klug ist, daß sie eine schöne, schlanke Gestalt besitzt?« – »Nun ja, etwas ernst und schweigsam, gewiß nett und lieb, ja aber Sisi – Sisi – dieser Liebreiz, diese kleinmädchenhafte und doch so süße Ausgelassenheit!«16 Es war nichts mehr zu ändern. Franz Joseph lehnte es an diesem Tag sogar ab, auf die Jagd zu gehen, ein Vergnügen, das er sich sonst nie entgehen ließ. Elise von Preußen, die das hörte, machte gleich ihrer Schwester Sophie ein Zeichen, das hieß: »der hat Feuer gefangen.«17 Königin Elise war mit der Entwicklung der Dinge durchaus zufrieden. Denn die kleine Elisabeth war ihr Patenkind. Es herrschte allgemeine Verwirrung. Die beiden Mädchen waren verstört. Nur der Kaiser strahlte.

Am Vorabend des kaiserlichen Geburtstages fand ein Ball statt, der alles entscheiden sollte. Helene erschien in einem prachtvollen Kleid aus weißer Seide. Sie trug Efeuranken über der Stirn, was ihrer hohen Erscheinung einen Hauch biedermeierlicher Romantik gab. Die kleine Sisi war in einem einfachen weißrosa Kleidchen und wirkte neben der schönen Gestalt ihrer Schwester sehr kindlich.

Der Kaiser nahm am ersten Tanz nicht teil, ebenso wie die bayrischen Prinzessinnen. Beim zweiten Tanz, einer Polka, bat Erzherzogin Sophie Franz Josephs Flügeladjutanten, Hugo von Weckbecker, er »möge mit Prinzessin Elisabeth tanzen, die bisher nur beim Tanzmeister gelernt hatte und für ihr erstes Debüt eines sicheren Führers bedürfe«. Weckbecker: »Sie stellte mich der in äußerster Verlegenheit befangenen, liebreizenden Prinzessin vor, die mir schüchtern sagte, sie wisse gar nicht, ob und wie es ohne Tanzmeister gehen werde.« Weckbecker beruhigte die Kleine, war aber doch »etwas ängstlich, denn ich wußte, daß im allgemeinen – trotz Tanzmeister – bayrische Prinzessinnen nicht gut tanzten … Zum Glück war Prinzessin Elisabeth musikalisch und hielt daher wenigstens gut Takt.« Erstaunt beobachtete Weckbecker allerdings den Kaiser, der gegen seine sonstige Gewohnheit auch diesmal wieder nicht tanzte und statt dessen nur Sisi beim Tanz beobachtete, die »sylphengleich an meinem Arme vorüberschwebte«. Nach dem Tanz flüsterte Weckbecker einem Freund zu: »Mir scheint, ich habe jetzt mit unserer künftigen Kaiserin getanzt.«18

Den Kotillon tanzte der Kaiser mit seiner Cousine und überreichte ihr nachher sein Bukett – ein traditionelles Zeichen dafür, daß sie seine Auserwählte war. Dieses Zeichen verstanden alle Augenzeugen – nur Sisi nicht. Auf die Frage, ob ihr denn diese Aufmerksamkeit nicht aufgefallen sei, sagte sie: »Nein, es hat mich nur geniert.«

Sophie beschrieb Sisis Aussehen ausführlich ihrer Schwester Marie: »In ihren schönen Haaren hatte sie einen großen Kamm stecken, der die Zöpfe rückwärts zurückhielt, sie trägt die Haare nach der Mode aus dem Gesicht gestrichen. Die Haltung der Kleinen ist so anmutsvoll, so bescheiden, so untadelig, so graziös ja beinahe demutsvoll, wenn sie mit dem Kaiser tanzt. Sie war wie eine Rosenknospe, die sich unter den Strahlen der Sonne entfaltet, als sie neben dem Kaiser beim Kotillon saß. Sie erschien mir so anziehend, so kindlich bescheiden und doch ihm gegenüber ganz unbefangen. Es waren nur die vielen Menschen, die sie einschüchterten.«

Am 18. August wurde Franz Josephs Geburtstag im großen Familienkreis gefeiert. Erzherzogin Sophie schrieb an Marie von Sachsen: »Beim Familiendiner war der Kaiser so stolz, daß Sisi, die neben ihm sitzen durfte, mit sehr gutem Appetit gegessen hatte! Nachmittags machten wir einen Ausflug nach Wolfgang. Wir gingen auch ein Stückerl zu Fuß. Ich war in meiner Kalesche mit den zwei Kleinen und dem Kaiser. Er muß sie wohl sehr gern haben, daß er es so lange in der geschlossenen Kalesche ausgehalten hat! Helene erzählte sehr viel und unterhaltend, das Mädchen hat einen großen Charme für mich …«

Nach der Promenade bat der Kaiser seine Mutter, bei Sisis Mutter vorzufühlen, »ob sie ihn haben wolle«, sagte aber auch, die beiden Mütter sollten keinen Druck ausüben. »Meine Lage ist so schwer, daß es, weiß Gott, keine Freude ist, sie mit mir zu teilen.« Darauf Sophie: »Aber liebes Kind, wie kannst Du glauben, daß eine Frau nicht zu glücklich ist, durch Anmut und Heiterkeit Dir Deine Lage zu erleichtern?«

Sophie setzte ihre Schwester Ludovika daraufhin ganz offiziell von Franz Josephs Wunsch in Kenntnis: Ludovika »drückte mir bewegt die Hand, denn sie hatte in ihrer großen Bescheidenheit immer gezweifelt, daß der Kaiser wirklich an eine ihrer Töchter denken würde«. Sisi habe ihrer Mutter auf die Frage, ob sie den Kaiser lieben könne, geantwortet (laut Aussage der Erzherzogin Sophie): »Wie soll man den Mann nicht lieben können?« Dann sei sie in Tränen ausgebrochen und habe versichert, sie würde alles tun, um den Kaiser glücklich zu machen und für die Tante Sophie »das zärtlichste Kind zu sein«. »Aber«, sagte sie, »wie kann er nur an mich denken? Ich bin ja so unbedeutend!« Und kurze Zeit später: »Ich habe den Kaiser so lieb! Wenn er nur kein Kaiser wäre!«

Sophies Kommentar: »Das ist es, was sie scheu macht, diese künftige Stellung. Der Kaiser war buchstäblich entzückt, als ich ihm diesen rührenden Ausspruch von seiner Braut erzählte, da er so viel tiefes und anspruchsloses Verständnis für ihn enthält.«

Wie die Unterredung zwischen Mutter und Tochter wirklich verlief, ob Ludovikas und Sophies Erzählungen zu glauben ist, bleibe dahingestellt. Wenn man Ludovika später fragte, ob man denn bei dieser Entscheidung nach den Gefühlen des Mädchens gefragt habe, antwortete sie stets nur das eine: »Dem Kaiser von Österreich gibt man keinen Korb.«19

Jede der neun bayrischen Schwestern hatte ihre Herzenstragödie hinter sich. Jede von ihnen wußte, daß sie als heiratsfähige Prinzessin ein Objekt der Politik war und den Mann nehmen mußte, den man ihr gab. Um die jungen Mädchen nicht zu verwirren, sie nicht in Konflikte zu stürzen, war im bayrischen Königshaus das Lesen von Liebesgeschichten streng verboten. Sogar die deutschen Klassiker waren deswegen verpönt.

Sie selber, Ludovika, war in ihrer Jugend eine außergewöhnliche Schönheit. Manche sagten sogar, sie sei schöner gewesen als jede ihrer Töchter, einschließlich Elisabeth. Sie hatte eine Romanze mit Prinz Miguel von Braganza, dem späteren König von Portugal, durchlitten, den sie aus politischen Gründen nicht heiraten durfte. Statt dessen arrangierte die Familie die Ehe mit dem Vetter Max. Dieser erklärte ihr offen, er liebe sie nicht und heirate sie nur aus Angst vor seinem energischen Großvater. Max liebte dagegen eine Bürgerliche, die er aus Standesrücksichten nicht heiraten durfte.

Die Ehe der beiden war vom ersten Tag an unglücklich. Ludovika erzählte ihren Kindern später, daß sie den ersten Jahrestag ihrer Ehe von morgens bis abends in Tränen zugebracht habe. Erst allmählich lernte sie es, die Unruhe und die vielen Affären ihres Mannes zu tolerieren und mit der wachsenden Kinderschar allein zu bleiben. Als Witwe erzählte sie ihren Enkelkindern, von der goldenen Hochzeit an sei Max gut zu ihr gewesen. Fünfzig bittere Jahre lagen dazwischen. Auch die kleine Elisabeth war mit den Klagen ihrer Mutter über die unglückliche Ehe aufgewachsen, und hatte immer wieder Ludovikas bitteren Satz gehört: »Wenn man verheiratet ist, fühlt man sich so verlassen.«

Erzherzogin Sophie hatte kaum mehr Glück. Sie mußte den »an Körper und Geist schwachen« Erzherzog Franz Carl, den Bruder des schwerkranken Kaisers Ferdinand, heiraten. In Bayern erzählte man sich, Sophie habe aus Verzweiflung und Angst vor dieser Heirat Nächte durch geweint. Als ihre Erzieherin dies ihrer Mutter erzählte, sagte diese ungerührt: »Was wollen Sie? Die Sache ist beim Wiener Kongreß entschieden worden!«

Als Sophie sah, daß ihr Schicksal unabänderlich besiegelt war, erklärte sie tapfer, nun wolle und werde sie auch mit dem Erzherzog glücklich werden. Kaiser Franz sagte ihr, »sie müsse bei dem Zustand seines Sohnes alles selbst in die Hand nehmen«. Das tat sie auch und wurde eine selbständige, energische Frau. Sie liebte ihren gutmütigen Mann »wie ein Kind, das man verpflegt« und erzog ihre vier Söhne gut. Als junge Frau erlebte sie die innige Freundschaft mit Napoleons Sohn, dem Herzog von Reichstadt, den sie während seiner Todeskrankheit rührend pflegte. Der Wiener Tratsch machte den Jüngling zum Vater ihres zweiten Sohnes, Erzherzog Ferdinand Max. Dies stimmt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, zeigt aber, daß man dieser hübschen Erzherzogin durchaus eine Romanze zutraute.

Die Mütter des Brautpaares hatten also, wie die meisten Prinzessinnen ihrer Zeit, der Liebe entsagen müssen. Sie waren ihrer Pflicht selbstverständlich gefolgt, wenn auch mit Tränen. Sie mußten die Ischler Verlobung als großes, seltenes Glück ansehen: Franz Joseph liebte seine Braut, wie jeder sehen konnte. Er war jung und gut aussehend, nicht geistesschwach wie sein Vater und Onkel. Er war der Kaiser von Österreich. Die Kleine würde sich schon in ihre Situation finden, die, verglichen mit dem Schicksal beider Mütter, beneidenswert war. Nein wirklich, »einem Kaiser von Österreich gibt man keinen Korb«.

Erzherzogin Sophie war noch ganz im Denken des 18. Jahrhunderts befangen. Von Individualismus, schon gar Gefühlen in der höfischen Politik hielt sie nichts – im Gegensatz zu ihrer neuen Schwiegertochter. Sophie schrieb einmal der Fürstin Metternich, man solle nie glauben, »daß die Individualitäten irgendeine Bedeutung hätten. Sie habe immer gesehen, daß man einen Menschen durch den anderen ersetzte, ohne daß das den geringsten Unterschied in der Welt machte.«20 Ob nun die künftige Kaiserin Helene oder Elisabeth hieß, machte nach dieser Auffassung nicht viel aus. Beide kamen aus derselben Familie, waren ebenbürtig, katholisch und Nichten Sophies – nur darauf kam es letztlich an.

Ludovika gab ihrer Schwester Sophie schriftlich Sisis Zustimmung. Am 19. August morgens um acht Uhr erschien der glückstrahlende Kaiser bei seiner Braut im Ischler Hotel. Ludovika schrieb darüber an eine Verwandte: »Ich ließ ihn mit Sisi allein, denn er wollte selbst mit ihr reden, und als er wieder zu mir hereintrat, sah er recht zufrieden, recht heiter aus, und sie auch – wie es einer glücklichen Braut ziemt.«21

Ludovikas Aufregung war ebenso groß wie ihre Dankbarkeit für Sophie: »Es ist ein so ungeheures Glück und doch eine so wichtige und schwere Stellung, daß ich in jeder Beziehung sehr bewegt bin. Sie ist so jung, so unerfahren, ich hoffe aber, man hat Nachsicht mit dieser großen Jugend! … Tante Sophie ist gar so gut und lieb für sie, und welch ein Trost für mich, sie einer so lieben Schwester als zweyte Mutter übergeben zu können.«

Elisabeth allerdings kam später stets voll Bitterkeit auf diese Situation zurück und sagte: »Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung. Als fünfzehnjähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht mehr lösen kann.«22

Im August 1853 freilich empfanden die Augenzeugen die kaiserliche Verlobung, wie Graf Hübner schrieb, als »eine einfache, liebliche und edle Idylle«.23

Arm in Arm verließ das junge Paar das Hotel, um bei der Erzherzogin zu frühstücken, selbstverständlich im Kreis der ganzen Familie, die das Paar neugierig und wohlgefällig beobachtete. Franz Joseph stellte der 15jährigen nun auch seine Adjutanten vor, vor allem den Grafen Grünne, auf dessen Urteil er sehr viel gab – auch was Frauen betraf.

Um 11 Uhr ging man gemeinsam in die Pfarrkirche. Die Gemeinde beobachtete ehrfürchtig, wie Erzherzogin Sophie vor der Eingangstür zurückblieb und der kleinen Nichte den Vortritt ließ: Sisi war Kaiserbraut und von nun an höher im Rang als die Kaisermutter. Mit dieser noblen Geste erwies Sophie der kaiserlichen Hierarchie ihre Reverenz. Sisi freilich verstand diese Geste kaum. Verlegen und scheu betrat sie die Kirche, unangenehm berührt von der großen Aufmerksamkeit, die sie erregte. Sophie: »Der Pfarrer empfing uns mit dem Weihwasser, die Augen voll Tränen! Im Moment, als wir die Kirche betraten, sang man die Volkshymne.« Nach dem Segen nahm Kaiser Franz Joseph das Mädchen behutsam an der Hand, führte es zum Pfarrer und bat ihn: »Ich bitte, Hochwürden, segnen Sie uns, das ist meine Braut.«

Dem Segen des Geistlichen folgten die Glückwünsche aller jener, die bei diesem historischen Augenblick anwesend waren.24 Graf Grünne hielt dann eine Ansprache an das junge Paar. Weckbecker: »Die Prinzessin war so ergriffen und verlegen, daß sie kaum zu antworten vermochte.«25 Es herrschte allgemeine Rührung. Der Kaiser hatte Mühe, seine Braut dem herzlichen Getümmel zu entziehen.

Herzogin Ludovika allerdings machte sich solche Sorgen um die Zukunft ihrer Tochter, daß sie selbst an diesem Tag einem ihr völlig Fremden, dem Flügeladjutanten Weckbecker, klagte, »wie ängstlich sie die schwere Aufgabe mache, welche ihrer Tochter Elisabeth bevorstehe, da diese den Thron doch förmlich von der Kinderstube weg besteige. Sie hegte auch Besorgnisse wegen des scharfen Urteiles der Damen aus der Wiener Aristokratie.« Daß diese Ängste nur zu berechtigt waren, sollte sich bald zeigen.

Das Diner wurde in Hallstatt eingenommen. Anschließend gab es eine Spazierfahrt. Nach dem Regen der vorigen Tage war die Sicht wunderschön. Berge und Felsen waren von der untergehenden Sonne beleuchtet. Der See schimmerte. Der Kaiser nahm seine Braut an die Hand und erklärte ihr die Umgebung. Königin Elise von Preußen war entzückt: »Es ist so schön, ein so junges Glück in einer so wunderbaren Landschaft.«26 Sophie schrieb ihrer Schwester Marie nach Sachsen, wie fürsorglich der Kaiser seine Braut in seinen Militärmantel hüllte, aus lauter Angst, sie könne sich verkühlen und wie er ihr gestand: »Ich kann dir gar nicht ausdrücken, wie glücklich ich bin!«

Am Abend war Ischl von zehntausenden Kerzen beleuchtet und von Lampen in den österreichischen und bayrischen Farben. Auf dem Siriuskogel war mit vielfarbigen Lampen ein klassischer Tempel in den Himmel gezeichnet mit den Initialen FJ und E, von einem Brautkranz umgeben. Zum erstenmal erlebte die kleine Sisi den Jubel einer wohlwollenden, treuen Bevölkerung, die sich auf den Straßen eingefunden hatte, um ihre zukünftige Kaiserin zu begrüßen. In glückstrahlender, wenn auch noch etwas verwirrter Stimmung ging dieser Tag zu Ende.

Die freudige Reaktion des Kaisers wird in allen Berichten über diese Ischler Tage deutlich. Von den Reaktionen der Braut wissen wir leider sehr wenig, außer daß sie sehr verlegen, sehr still und immer in Tränen war. Sophies Kommentar an ihre Schwester: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie reizend Sisi ist, wenn sie weint!«

Ein Fest folgte dem anderen. Die Kleine erhielt Geschenke von allen Seiten. Der Kaiser gab ihr Geschmeide und Juwelen, darunter eine prachtvolle Blütenranke aus Diamanten und Smaragden, die sie ins Haar flechten konnte. Die zusehends eleganter werdende Sisi war der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Ischl. Man staunte sie an und rühmte ihre Anmut.

Fürsorglich, sehr behutsam und großzügig nahm der junge Kaiser Rücksicht auf seine kindliche Braut. Um ihr eine Freude zu machen, ließ er im Garten der Sommervilla sogar eine Schaukel aufstellen, die das Mädchen voll kindlichem Eifer benützte. Da er sah, wie groß Sisis Angst vor immer neuen fremden Gesichtern war, ließ der Kaiser den prächtigen, von fünf Schecken gezogenen Wagen nicht von einem Kutscher lenken, sondern von seinem Generaladjutanten Carl Graf Grünne.27 Er hatte bemerkt, daß sich das Mädchen an diesen seinen engsten Vertrauten bereits gewöhnt hatte und ihn gern mochte.

Grünne war damals 45 Jahre alt und eine der einflußreichsten Persönlichkeiten der Monarchie, ein wichtiges Mitglied der vielgeschmähten »Kamarilla« am Wiener Hof. Als Vorstand der Militärkanzlei war er der erste Mann der österreichischen Armee nach dem Kaiser. Grünne begleitete seinen jungen Herrn auf allen Reisen, war sein engster politischer Berater, hatte aber auch wie kein anderer Einblick in das kaiserliche Privatleben. In der Wiener Gesellschaft erzählt man sich noch heute, daß Grünne es war, der für den jungen Kaiser Liebesabenteuer arrangierte. (Franz Joseph war ja keineswegs ein unerfahrener Jüngling, als er sich verlobte.) Daß Sisi auf Anhieb Vertrauen zu Grünne faßte, war für den Kaiser eine Freude, und mit Vergnügen machte er seinen Generaladjutanten bei diesen Wagenfahrten zu dritt in die Ischler Umgebung zum Schutzpatron seiner jungen Liebe.

Noch drei Bälle standen auf dem Ischler Programm. Sisi war laut Sophies Tagebuch weiterhin schüchtern und brav. Als Gräfin Sophie Esterházy, die bald ihre Obersthofmeisterin werden sollte, gratulierte und sagte: »Wir sind Eurer königlichen Hoheit so dankbar, daß Sie den Kaiser so glücklich machen«, antwortete Sisi: »Ich bedarf für den Anfang noch so viel Nachsicht!«28

Die anderen jungen Leute der kaiserlichen Verwandtschaft waren im Gegensatz zur Braut in recht ausgelassener Stimmung. Einmal warfen sie beim Kotillon mit Leucht- und Knallkugeln. Die arme Ludovika, deren Nerven in diesen Tagen arg strapaziert waren, flüchtete voll Schrecken in das Schlafzimmer ihrer Schwester. Ludovika wußte immer noch nicht, ob sie erfreut sein sollte wegen der großen Ehre oder besorgt wegen der seelischen Belastungen, die auf die 15jährige zukamen. Auch um Helene mußte sie sich große Sorgen machen. Das Mädchen war verstört und unglücklich. Sie war schon achtzehn, also für die Vorbereitung einer neuen »Partie« relativ alt. Selbst das prächtige Geschenk Sophies, ein Kreuz in Diamanten und Türkisen, und die Gewißheit, daß Sophie sie nach wie vor außerordentlich reizend fand, konnte Helene nicht trösten. Sie sehnte sich zurück nach Bayern, ebenso wie ihre Mutter Ludovika, die besorgt an ihre bayrischen Verwandten schrieb: »Das hiesige Leben ist äußerst belebt. Sisi besonders ist das noch gar nicht gewohnt, besonders das späte Schlafengehen. Ich bin angenehm überrascht, wie sie sich darein findet, mit den vielen fremden Menschen zu reden und daß sie trotz ihrer Verlegenheit eine so ruhige Haltung hat.«29

Der Brautvater Max wurde telegraphisch von der Verlobung informiert, ebenso der König von Bayern, der als Chef der Wittelsbacher seine offizielle Genehmigung zur Verlobung seiner Cousine geben mußte. Franz Joseph dankte ihm »unter den Regungen eines vollkommen befriedigten Herzens. Ich bin doppelt glücklich, daß ich bei der Wahl meiner zukünftigen Lebensgefährtin zugleich mein eigenes innigstes Gefühl zu Rathe ziehen konnte, und gebe mich vollkommen der freudigen Hoffnung hin, in den vortrefflichen Eigenschaften meiner Braut mein Lebensglück zu finden. Ich brauche Dir wohl nicht hinzuzufügen, daß ich mich um so mehr zu Deinem Hause hingezogen fühle, als das Theuerste, was ich bis jetzt besaß – meine Mutter – und das Theuerste, was ich fortan besitzen werde – meine zukünftige Frau – demselben angehören.«30

Auch Franz Josephs Brief an Zar Nikolaus ist bemerkenswert, offenbart er doch eine große Vertrautheit und Zuneigung zwischen den beiden Souveränen: »Im Überschwang meiner Freude, teuerer, lieber Freund, beeile ich mich Dir von meinem Glück zu sprechen. Ich sage von meinem Glück, denn ich bin überzeugt, daß meine Braut alle Tugenden und alle Eigenschaften des Geistes und des Herzens besitzt, um mich glücklich zu machen.«31

Schließlich mußte auch um päpstliche Dispens für die Eheschließung angesucht werden. Denn die Brautleute waren ja Vetter und Cousine ersten Grades. Aber auch die Eltern Elisabeths waren Vetter und Cousine zweiten Grades. Daß die Kinder aus dieser Kaiserehe, vor allem der erhoffte Kronprinz, einmal durch diese Häufung von Verwandtenehen die ganze Last des Wittelsbacher Erbes tragen müßten – darüber war man sich bei dem damaligen Stand der Medizin nicht im klaren.

Die Wittelsbacher waren kein erbgesundes Geschlecht. Es gab mehrere Fälle von Geisteskrankheiten. Auch der Vater von Herzog Max, Herzog Pius (also Sisis Großvater), war geistesschwach und ein Krüppel. Er führte zeitweise ein wildes Leben, landete einmal nach einer Schlägerei in Polizeigewahrsam und beschloß sein trauriges Leben als Eremit in völliger Einsamkeit.32 Daß auch die beiden Söhne des bayrischen Königs, Kronprinz Ludwig und Otto, geistig nicht gesund waren, wußte man 1853 noch nicht, denn die beiden waren noch Kinder.

Am 24. August war offiziell in der »Wiener Zeitung« zu lesen: »Seine k. k. Apostolische Majestät unser allergnädigster Herr und Kaiser, Franz Joseph I., haben während Allerhöchst Ihres Aufenthaltes zu Ischl Ihre Hand der durchlauchtigsten Prinzessin Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern, Tochter Ihrer königlichen Hoheiten des Herzogs Maximilian Josef und der Herzogin Ludovica, geborenen königlichen Prinzessin von Bayern, nach eingeholter Zustimmung Seiner Majestät des Königs Maximilian II. von Bayern, sowie der durchlauchtigsten Eltern der Prinzessin-Braut anverlobt. Der Segen des Allmächtigen möge auf diesem für das Allerhöchste Kaiserhaus und das Kaiserreich beglückenden, freudenvollen Ereignisse ruhen.«

Die Nachricht war eine Sensation. Lange hatte man sich schon, vor allem in der Gesellschaft, den Kopf über die mögliche neue Kaiserin zerbrochen. Viele Prinzessinnen waren im Gespräch gewesen. Elisabeth war niemals in den Heiratsspekulationen vorgekommen. Ungeduldig wartete man auf die ersten Porträts der Kaiserbraut. Bei den langen Sitzungen für Maler und Zeichner leistete der verliebte Bräutigam der kleinen Sisi Gesellschaft. Stundenlang saß er neben ihr und beobachtete sie voller Stolz.

Da in Wien so wenig über die zukünftige Kaiserin bekannt war, blühte der Klatsch. Erste Informationen lieferte ein kritischer Blick in den Gotha. Und hier hielt die Kaiserbraut der Kritik nicht stand: In ihrer Ahnenreihe befand sich nämlich eine Prinzessin Arenberg (die Mutter ihres Vaters Max). Und diese Arenbergs waren zwar ein hochadeliges, aber kein souveränes Haus, also kein Haus, das habsburgische Ehepartner stellen durfte. Diese Großmutter Arenberg war wiederum mit allen möglichen anderen adeligen, aber nicht souveränen Häusern verwandt: den Schwarzenberg, Windischgrätz, Lobkovic, Schönburg, Neipperg, Esterházy. Somit war also die zukünftige Kaiserin nicht über die aristokratische Gesellschaft gestellt, sondern durch ihre Großmutter auch ein Teil von ihr – durch mannigfache verwandtschaftliche Beziehungen mit nicht-souveränen Häusern. Die wichtigste Voraussetzung, um am Wiener Hof unangefochten zu sein, eine lupenreine Ahnenreihe, erfüllte Elisabeth also nicht.

Auch Brautvater Max gab reichlich Anlaß zu Tratschereien. Seine Zirkusreiterei, sein allzu freundschaftlicher Umgang mit Bürgern und Bauern, seine Mißachtung der aristokratischen Welt, seine wenig feinen Herrenfeste in Possenhofen und München wurden reichlich beredet. Man erzählte sich, wie Herzog Max seine Kinder verwildern ließ, daß sie zwar reiten konnten wie kleine Zirkusartisten, aber kaum einen vernünftigen französischen Satz, schon gar keine »Konversation« zustande brachten. Das Parkett des Wiener Hofes war berüchtigt glatt.